Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 6
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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Gleich dar­auf beb­te der Bo­den un­ter ihr sanft, und sie wuss­te, dass dies »Bit­te« hei­ßen soll­te.

Sie woll­te kei­ne Zeit ver­schwen­den und fing so­gleich an, über ihre Wün­sche nach­zu­den­ken. Bei ei­ni­gen Ide­en wur­de ihr Herz­schlag schnel­ler und sie dach­te: »Viel­leicht ist das ein Zei­chen?« Soll­te sie mehr auf Zei­chen ach­ten, an­statt et­was zu su­chen, das sie nicht hö­ren konn­te? Sie war ver­wirrt. Fra­gen über Fra­gen be­gan­nen in ih­rem Kopf zu krei­sen: Wie hört man sei­ne in­ne­re Stim­me? Ist mein gro­ßer Wunsch nicht real?

Da mur­mel­te sie: »Wo­her kommt der Wunsch zu rei­sen? Geht er von mei­ner in­ne­ren Stim­me aus oder will nur eine mei­ner Emo­ti­o­nen das Glei­che wie Cara er­le­ben?«

Sie hat­te kei­ne Ah­nung. Wenn sie nun all die klei­nen und gro­ßen Wün­sche in ih­rem Kopf auf eine Waag­scha­le leg­te, re­a­gier­te die­se un­ter­schied­lich dar­auf. Man­che Wün­sche hat­ten mehr Ge­wicht, weil sie das be­drü­cken­de Ge­fühl der Ver­nunft da­bei spür­te, und an­de­re wie­der­um wa­ren leich­ter. Da­bei fühl­te sie vor al­lem eine auf­re­gen­de Be­geis­te­rung über die Er­fül­lung. Trotz dem in­ten­si­ven Vi­su­a­li­sie­ren hör­te sie je­doch kei­ne Stim­me. Sie kam zu kei­nem Er­geb­nis, und so dach­te sie an das ein­zig­ar­ti­ge Ge­fühl der Leich­tig­keit vom vor­he­ri­gen Tag, aus dem die Stuhlda­me sie un­sanft her­aus­ge­zo­gen hat­te. Was woll­te ihr die­ses Ge­fühl sa­gen? War sie mög­li­cher­wei­se auf dem rich­ti­gen Weg und kurz da­vor, ihre in­ne­re Stim­me zu hö­ren, oder war es nur et­was ganz an­de­res? Et­was, das sie noch nicht kann­te und da­her nicht ver­stand.

Sie seufz­te, denn ihr wur­de im­mer deut­li­cher be­wusst, wie we­nig sie vom Le­ben wuss­te. Die­se Er­kennt­nis be­gann an ihr zu na­gen, wie ein Hund, der sei­nen Kno­chen liebt. Das Ver­lan­gen schaff­te eine Be­reit­schaft, den Mut für das Neue auf­zu­brin­gen. Auch wenn sie die Welt er­obern woll­te, brach­te die da­mit ein­her­ge­hen­de Ver­än­de­rung eine Furcht mit sich.

Nach ei­ner Wei­le be­merk­te sie: »Aaro, ich den­ke und den­ke und fin­de die in­ne­re Stim­me nicht.«

»Ni­mue, nicht den­ken. Schal­te dei­ne Ge­dan­ken aus und gehe in dich. Dei­ne in­ne­re Stim­me kannst du be­stimmt nicht hö­ren, wenn dei­ne Ge­dan­ken lau­ter sind als sie es ist. Ent­spann dich und hör auf zu den­ken!« Er seufz­te. »Im­mer die­ser Kopf, der ist das größ­te Übel.«

»Wie meinst du das?«

Ein un­de­fi­nier­ba­res Ge­räusch ging durch den Raum, das Ni­mue im ers­ten Mo­ment er­schreck­te. Sie hielt den Atem an.

»Es ist so« – er hol­te tief Luft – »dei­ne Ge­dan­ken schwir­ren durch den Kopf und dann, na dann bist du nicht mehr ru­hig und kannst dich nicht mehr auf das kon­zen­trie­ren, was du ei­gent­lich ma­chen willst: dei­ne in­ne­re Stim­me fin­den.«

»Ja, so war es ge­ra­de«, schoss es aus ihr her­aus, denn ihre Ge­dan­ken­gän­ge lie­ßen manch­mal ihr Herz schnel­ler schla­gen. Das be­wirk­te eine in­ne­re Un­ru­he. Gleich­zei­tig fin­gen noch mehr Ge­dan­ken an, sich im Kreis zu dre­hen und lenk­ten sie ab.

»Ver­su­che sie ab­zu­stel­len und über­win­de sie.«

»Über­win­den?«, stell­te Ni­mue in­fra­ge.

»Stell dir die gro­ße Markt­mau­er auf der Zau­be­r­in­sel Süd vor. Wenn du au­ßer­halb stehst, kannst du das Fest nicht se­hen. Trotz­dem ist es da, nicht wahr? So wie die­se Mau­er, ver­sper­ren dir dei­ne Ge­dan­ken die Sicht auf dein in­ne­res Ich, dein See­len­reich, die un­s­terb­li­che Sei­te von dir, dei­ne in­ne­re Stim­me.«

Ni­mue war be­ein­druckt über die Weis­heit ih­res Freun­des und sag­te: »Ich pro­bie­re sie ab­zu­stel­len.«

»Gut, so soll es ge­sche­hen«, er­wi­der­te der Ei­chen­baum.

Ni­mue hat­te je­doch kei­ne Ah­nung, wie man Ge­dan­ken er­folg­reich ab­stellt. Denkt man nicht im­mer, ir­gend­wie, war sie sich si­cher.

Stúh­ly er­kann­te ihre Un­si­cher­heit und schlug vor: »Kon­zen­trie­re dich auf den Fur­chen­stein vor dir. Das wird dir hel­fen.«

Ohne ihre Wor­te in­fra­ge zu stel­len oder ihr zu ant­wor­ten, tat sie dies. Sie fi­xier­te den Kalk­stein, der von schlan­gen­ar­ti­gen Rin­nen durch­zo­gen war. Den­noch ent­stan­den wie­der Ge­dan­ken, denn un­be­wusst fing sie an, den Stein zu be­schrei­ben: sei­ne na­tür­li­che Form, sein Mus­ter, die ver­schie­de­nen Fa­r­ben und sei­ne mi­ne­ra­li­sche Zu­sam­men­set­zung. Es dau­er­te eine Wei­le, bis sie den Stein für sich de­fi­niert hat­te. Sie stopp­te noch im Kern ein paar an­de­re, sich ein­schlei­chen­de Ge­dan­ken, be­vor ihr Kopf all die Schwe­re losließ, die er kürz­lich in­ne­hat­te. Auf die­se Wei­se ver­schwamm der Stein nach und nach vor ih­ren Au­gen. Es war, als ob ihre Seh­kraft sich von au­ßen nach in­nen wand­te und da­bei die äu­ße­re Er­schei­nung im voll­kom­me­nen Dun­keln ste­hen­ließ. Nach­dem sie voll­stän­dig im Meer des Nichts ein­ge­taucht war, schloss sie ihre Au­gen­li­der. Dar­auf­hin fühl­te sie, wie sich ihre Brust all­mäh­lich öff­ne­te und da­bei er­wärm­te und dann, plötz­lich, war sie wie­der in die­sem Zu­stand, der sich so gut an­fühl­te. Kein Ge­dan­ke be­las­te­te sie mehr. Kei­ne Wor­te kreis­ten in ih­rem Kopf. Es be­stand nur noch das Ge­fühl; warm, rund und wohl­wol­lend. Nichts wur­de mehr in­fra­ge ge­stellt, er­klärt oder be­stimmt, son­dern aus­schließ­lich ge­lebt. Sie wuss­te nicht, wie lan­ge die­ser Mo­ment an­hielt, als sich ein Bild vor ihr auf­tat. Gleich­zei­tig nahm der schwe­re­lo­se Zu­stand das nor­ma­le Kör­per­ge­fühl wie­der an. Da­durch fühl­te es sich schwe­rer und an­fangs be­las­tend an.

Ni­mue öff­ne­te ihre Au­gen und sah die Stuhlda­me di­rekt vor ihr ste­hen. Ihre Rü­cken­leh­ne dehn­te sich der­art, dass dar­auf ein la­chen­der Mund sicht­bar wur­de.

»Na, wie war’s?«, woll­te Stúh­ly wis­sen.

»Schön, aber wo war ich?«

Schlag­ar­tig krach­te es um sie bei­de her­um. Der Baum be­weg­te sich wild hin und her: »Du wirst doch nicht, Stuhl?!«

»Nein, nein, ich habe ge­war­tet bis Ni­mue selbst zu­rück­kam.«

»Gut zu hö­ren. Wie war’s, Ni­mue?«, frag­te er dar­auf­hin be­ru­higt.

»Ein­zig­ar­tig toll, Aaro. Ich weiß nur nicht, wo ich war?«

»Du bist auf dem Weg zu dei­nem in­ners­ten Selbst ge­we­sen, also zu dir.«

»Wirk­lich?! Da war aber kei­ne Stim­me«, be­merk­te Ni­mue leicht frus­triert.

»Gib dir Zeit. Es ist noch kein per­fek­ter Sich-Selbst-Fin­den­der vom Him­mel ge­fal­len.«

Ni­mue woll­te ge­ra­de auf­ste­hen und den Ein­gang öff­nen las­sen, als Aa­ros Herz laut und un­ru­hig zu po­chen be­gann. Er flüs­ter­te: »Bleib drin­nen, be­weg dich nicht.«

Er­schro­cken hielt sie sich mäus­chen­still. Da hör­te sie einen sich an­nä­hern­den Tu­mult. Er deu­te­te auf eine wil­de Her­de hin, die laut durch den Wald tram­pel­te. Das dump­fe Ge­räusch ih­rer Schrit­te konn­te man mit kei­nem der zar­ten El­fen­schrit­te ver­glei­chen, also muss­ten es an­de­re We­sen sein. Sie schärf­te ihre Sin­ne und hör­te ei­ni­ge Stim­men durch­ein­an­der­spre­chen. Da­bei ver­such­te Ni­mue, durch den di­cken Baum­stamm hin­durch­zu­se­hen. Es ge­lang ihr je­doch nicht. Gleich­zei­tig wur­de sie auf eine tie­fe Stim­me auf­merk­sam: »Wo ist die Prin­zes­sin? Das Brett hat doch ge­sagt, dass sie im Wald ist.«

»Ich weiß es nicht, Va­ter. Lass uns auf der an­de­ren Sei­te des Wal­des su­chen.«

»Auf kei­nen Fall. Ich rie­che hier El­fen, also muss sie hier sein!«, er­wi­der­te wie­der­um eine an­de­re Stim­me harsch.

Ni­mue konn­te die­se We­sen eben­so rie­chen. Es war ein un­an­ge­neh­mer Ge­ruch, der sie an den Kom­post er­in­ner­te, den die Schwei­ne für ge­wöhn­lich fra­ßen.

Sie ging einen Schritt zu­rück, weg von dem im­mer stär­ker wer­den­den, durch­drin­gen­den Duft und trat da­bei auf das Stuhl­bein.

»Aua«, be­schwer­te sich die Stuhlda­me.

»Da, da war was!«, schrie ei­nes die­ser stin­ken­den We­sen.

Ni­mue strich Stúh­ly sanft über den Arm und ent­schul­dig­te sich da­mit. Da fing das Ei­chen­laub au­ßer­halb der Höh­le an, un­ter der Last von Schrit­ten zu ra­scheln. Ni­mue wur­de klar, dass die We­sen jetzt rund um den Baum­stamm nach ihr such­ten, als es laut klopf­te. Ni­mue zuck­te hef­tig zu­sam­men. Sie kann­te die­se Krea­tu­ren nicht und so über­fiel sie schlag­ar­tig eine Angst. Sie ver­mu­te­te zu­dem, dass die Ei­chen­blät­ter auf dem Höh­len­ein­gang kein Hin­der­nis für sol­che We­sen dar­stell­ten.

»Was wol­len die von mir?«, frag­te sie sich zit­ternd.

Ni­mue hat­te kei­ne Ah­nung, dass Aaro die Blät­ter nur des­halb auf den Ein­gang leg­te, weil sie den In­nen­raum schö­ner aus­se­hen lie­ßen. Das Grün er­hell­te sanft den Raum und kre­i­er­te eine har­mo­ni­sche Stim­mung. Au­ßer­halb je­doch schloss er sich voll­kom­men, so­dass nie­mand auch nur einen klei­nen Spalt se­hen konn­te. Aus die­sem Grund konn­ten die an­kom­men­den We­sen kei­nen Hin­weis auf eine Öff­nung oder Höh­le fin­den. So war Ni­mue voll­kom­men be­schützt in ih­rem Ver­steck, doch war ihr das zu die­ser Zeit nicht be­wusst.

Dann er­tön­te ein wei­te­rer Schlag auf den Baum­stamm. Erst ganz leicht und dann im­mer fes­ter. Dar­auf­hin mehr­ten sich die Schlä­ge und es wur­de im­mer lau­ter im In­nen­raum. Nur einen Mo­ment lang muss­te Ni­mue ihre Oh­ren vor dem Lärm schüt­zen, dann hör­te sie vie­le Stim­men laut durch­ein­an­der­ru­fen. Se­kun­den spä­ter wur­de der Ge­ruch schwä­cher und schwä­cher. Sie hat­te kei­ne Ah­nung, was sich au­ßer­halb ih­res Ver­stecks ab­spiel­te. Es war Aaro, dem die Schlä­ge zu bunt wur­den. Er pack­te mit sei­nen Äs­ten je­des ein­zel­ne die­ser We­sen und schleu­der­te es durch die Luft; mit ei­ner sol­chen Wucht, dass sie erst wie­der vie­le Me­ter wei­ter auf den Bo­den fie­len. An­schlie­ßend war es to­ten­still.

»Ni­mue, sie sind weg«, be­merk­te der Ei­chen­baum.

»Wer war das?«, frag­te sie auf­ge­wühlt. Ihr Herz schlug hef­tig in ih­rer Brust, als ob es her­aus­hüp­fen woll­te.

»Idi­o­ten«, er­wi­der­te Aaro.

»Idi­o­ten?«

»Ja, mach dir kei­ne Sor­gen, die wirst du hier nie wie­der se­hen, zu­min­dest nicht in die­sem Stück Wald.«

»Wer, Aaro?«, wie­der­hol­te sie sich.

»Ich weiß es nicht. Ich glau­be, dass es Prin­gies wa­ren.«

»Was sind Prin­gies?«

»Ich habe ge­hört, dass die furcht­bar stin­ken sol­len und klei­ne, un­an­ge­neh­me Le­be­we­sen sind. Über­all, wo sie auf­tau­chen, ver­trei­ben sie die gu­ten We­sen, und nur die Schat­ten­we­sen kön­nen den üb­len Ge­ruch er­tra­gen. Sie selbst sol­len je­doch harm­los sein.«

Eine kur­ze Stil­le er­füll­te den Höh­len­raum. Kurz dar­auf schüt­tel­te Aaro sich, so­dass sei­ne Äste in der Luft schnell hin- und her­flo­gen. Er be­merk­te da­bei: »Puh, sind die häss­lich!«

Der Baum schüt­tel­te sich nun noch in­ten­si­ver, um das gräss­li­che Bild in sei­nem Kopf los­zu­wer­den. Da­bei schwank­te der In­nen­raum des Baum­stam­mes hef­tig um­her und so rück­te die Stuhlda­me nä­her in die Mit­te, um nicht von der Wucht der Be­we­gun­gen ge­trof­fen zu wer­den.

»Wie ha­ben sie denn aus­ge­se­hen?«, woll­te Ni­mue wis­sen.

»Lan­ge, spit­ze, hun­de­ähn­li­che Na­sen. Kei­ne Haa­re auf dem Kopf. Ihre Haut ist gru­se­lig grau. Sie wa­ren nur mit ei­ner Hose be­deckt. Die­se war so schmut­zig, dass ich kei­ne Fa­r­be er­ken­nen konn­te und auch noch viel zu kurz. Die Oh­ren sind lang und ge­nau­so spitz wie die Nase. Sie ha­ben ganz klei­ne Au­gen, da­für je­doch gro­ße, lan­ge Hän­de und Füße. Ihr Ober­kör­per ist ku­gel­rund, es­sen wohl zu viel Un­kraut.«

Ni­mue stell­te sich die We­sen bild­lich vor. Da­bei ver­zog sie vor Ekel ihr Ge­sicht. »War­um, meinst du, wa­ren die hier?«

»Die ha­ben dich ge­sucht. Wol­len wohl auch auf dei­ne Par­ty«, ver­mu­te­te Aaro.

»Das wäre ja furcht­bar!«, rief sie er­schro­cken.

»Die kom­men nicht wie­der, Ni­mue. De­nen ha­ben wir ge­hö­rig Angst ein­ge­jagt.«

Ni­mue war er­leich­tert, das zu hö­ren. Sie woll­te nur gute We­sen zu ih­rem Fest ein­la­den, und so wie es aus­sah, ge­hör­ten die­se nicht dazu. »Dan­ke, Aaro.«

»Kla­ro«, ant­wor­te­te der Baum schüch­tern.

»Ich gehe heim. Kannst du mir …?«

So­gleich be­weg­ten sich die Ei­chen­blät­ter und öff­ne­ten den Ein­gang.

»Dan­ke.« Sie ging hin­aus und ver­ab­schie­de­te sich bei der Stuhlda­me, bei Aaro und na­tür­lich auch bei Ei­kon­dia. Ihre letz­ten Wor­te wa­ren eine Er­in­ne­rung an ih­ren Wunsch. Ni­mue wuss­te nicht, wie sie ihr den er­fül­len soll­te, und doch war sie fest ent­schlos­sen, es zu tun. Sie woll­te mit ih­rem Groß­va­ter dar­über spre­chen, der be­stimmt eine Lö­sung für ihr Pro­blem hat­te, so war sie sich si­cher.

Ni­mue lief schnell durch das Di­ckicht des Wal­des in Rich­tung Schloss. Der Schock steck­te ihr noch in den Glie­dern, und so wun­der­te sie sich nicht, dass sie das Ge­fühl hat­te, ver­folgt zu wer­den. Mehr­mals dreh­te sie sich um, nur um si­cher zu ge­hen, dass sie es sich nur ein­ge­bil­det hat­te und kein Prin­gies ihr folg­te. An­de­rer­seits roch sie nichts. Also konn­te kein Prin­gies auch nur in der Nähe sein. Er­leich­tert über die­se Tat­sa­che ging sie lang­sa­mer, als sie er­neut ein Ge­räusch hin­ter sich be­merk­te. Ni­mue dreh­te sich um, sah nichts und wie­der nichts, bis sie er­kann­te, dass sich et­was hin­ter ei­nem Baum ver­steck­te.

Dann ging al­les ganz schnell. Sie lief wei­ter, als ob sie nichts be­merkt hät­te, dreh­te sich ge­schwind um und mach­te da­bei einen lan­gen Satz zur Sei­te. Als sie wie­der fest auf ih­ren Bei­nen stand, sah sie ihn vor sich ste­hen. Ein klei­ner Wald­geist, der sich so er­schrak, dass er ängst­lich einen klei­nen Baum um­klam­mer­te. Sei­ne Hän­de und Füße zit­ter­ten und er rief: »Was wollt Ihr?«

»Was wollt ihr? Ihr seid es, der mir folgt.«

Er spür­te, dass in ih­rer Stim­me kein Zorn oder Är­ger lag. Of­fen­sicht­lich er­leich­tert dar­über, ließ er den Baum wie­der los. »Ich woll­te Euch spre­chen, Eure Ho­heit.«

»Gut, dann mal los«, be­merk­te sie un­ge­dul­dig.

»Ich ge­hö­re zu den Baum­geis­tern und oft se­hen wir Euch durch den Wald lau­fen.«

Sie dach­te sich be­reits auf­grund sei­ner Er­schei­nung, dass er zu den Wald­geis­tern ge­hö­ren muss­te. Sein Kopf äh­nel­te durch sei­ne ke­gel­för­mi­ge Kro­ne ei­nem Lär­chen­zap­fen. Der Kör­per glich ei­ner Ho­lun­der­bee­re, aus der lan­ge Bei­ne her­vor­rag­ten. Als er sei­ne Arme auf sei­nen Ober­kör­per leg­te, ver­schmol­zen sie und ver­schwan­den da­bei kom­plett dar­in. Sein brei­tes Ge­sicht hat­te war­me Au­gen und der Mund ließ selbst im ge­schlos­se­nen Zu­stand ein­zel­ne Zäh­ne her­ausste­hen. Er war of­fen­sicht­lich kei­ne Schön­heit, und doch hat­te er für Ni­mue et­was un­be­schreib­lich Schö­nes, was sie be­rühr­te.

»Wir ken­nen Euch schon, seit­dem Ihr ein Baby wart. Der Kö­nig und auch Euer Groß­va­ter Aar ka­men da­mals oft mit Euch in den Wald und zeig­ten Euch all sei­ne Schät­ze. Auch wir wur­den uns schon ein­mal vor­ge­stellt. Dar­an könnt Ihr Euch be­stimmt nicht mehr er­in­nern.«

Ni­mue wuss­te es wirk­lich nicht mehr, woll­te sei­ne Ge­füh­le den­noch nicht ver­let­zen und sag­te: »Ich kann mich an kei­nes mei­ner ers­ten Le­bens­jah­re er­in­nern. Das tut mir leid, klei­ner Geist.«

Die­ser wink­te ab, als Ni­mue für einen kur­z­en Mo­ment einen Arm er­kann­te, der dar­auf­hin wie­der mit sei­nem Kör­per ver­schmolz. »Wie ist dein Name?«, woll­te sie wis­sen.

»Freu­de, da ich mei­nem Volk mit je­dem Lä­cheln Freu­de schen­ke.«

Ni­mue ver­spür­te bei die­sen Wor­ten auch eine Freu­de in ihr auf­stei­gen und frag­te: »Du und dei­ne Fa­mi­lie möch­ten zum Fest kom­men, nicht wahr?«

»Ja, wenn du, ach, Ihr es wollt?«

»Du ist in Ord­nung. Wie vie­le seid ihr?«

»15, Eure Ho­heit.«

»Sonst noch was?«

Er schüt­tel­te den Kopf.

Ni­mue ver­ab­schie­de­te sich mit den Wor­ten: »Bis bald, Freu­de. Ich freue mich, dass ihr zu mei­nem Fest kommt.« Kurz dar­auf ver­schwand sie im Di­ckicht des Wal­des.

Ni­mue er­reich­te das Schloss ohne wei­te­re Vor­komm­nis­se und blieb in der gro­ßen Ein­gangs­hal­le ste­hen, um einen Blick auf die Uhr zu wer­fen. Es war eine be­son­de­re Uhr, näm­lich eine le­ben­de Elfe na­mens Uhri­lia, de­ren Flü­gel­schlag jede Mi­nu­te an­zeig­te. Die­se Elfe war um mehr als einen Me­ter klei­ner als die an­de­ren El­fen. Bei ge­nau­er Be­trach­tung hät­te man mei­nen kön­nen, dass sich schon von Ge­burt an zeig­te, dass sie ein­mal eine Uhr wer­den soll­te.

Uhri­lia öff­ne­te ihre Au­gen nach ei­nem aus­ge­dehn­ten Mit­tags­schlaf und ent­deck­te Ni­mue in der Hal­le. »Bald ist es drei Uhr, Ni­mue, und nur noch zwei Stun­den, bis Ka­tar kommt«, sag­te sie gäh­nend.

Ni­mue be­dank­te sich für die Zeit­an­ga­be und ging in ihr Zim­mer.

»Was soll ich an ei­nem Tag wie die­sem an­zie­hen?«, frag­te sie sich.

Ein Kleid, da war sie sich si­cher, aber wel­ches? Wel­ches ih­rer Klei­der war an­ge­mes­sen für den Bru­der des Kö­nigs? Ni­mue setz­te sich auf ihr Lie­ge­so­fa und stell­te sich ihre Gar­de­ro­be bild­lich vor. Plötz­lich stieg in ihr ein si­che­res Ge­fühl auf, das rich­ti­ge ge­fun­den zu ha­ben. Es soll­te ihr hell­gel­bes Kleid sein. Ihre Emp­fin­dung war un­be­schreib­lich klar, deut­li­cher als je­des aus­ge­spro­che­ne Wort es hät­te sein kön­nen. Sie mach­te sich kei­ne Ge­dan­ken dar­über, wo­her die­ser Im­puls kam, son­dern freu­te sich, eine schnel­le Ent­schei­dung ge­trof­fen zu ha­ben.

Ent­schlos­sen sag­te sie: »Schrank, kann ich bit­te das hell­gel­be Kleid ha­ben?«

Ihre Wor­te wa­ren noch nicht ganz aus­ge­spro­chen und schon öff­ne­ten sich die Tü­ren, be­glei­tet von ei­nem lau­ten, knar­ren­den Holz­ge­räusch. Sie sah das ge­wünsch­te Kleid, das wie von Geis­ter­hand aus der Rei­he her­vor­rag­te, und nahm es an sich.

Der Schrank be­merk­te: »Das Kleid, so edel wie du, mei­ne El­fen­prin­zes­sin. Es soll dich an ei­nem schö­nen Abend schmü­ckend be­glei­ten.« Dar­auf­hin gin­gen die Tü­ren wie­der zu.

»Dan­ke, lie­ber Schrank.«

Se­kun­den spä­ter war Ni­mue hin­ter ei­nem Pa­ra­vent aus Ma­ha­go­ni ver­schwun­den. Dort zog sie sich um. Mit ei­nem woh­li­gen Ge­fühl stell­te sie sich kurz dar­auf vor den Spie­gel. Das blas­se Gelb schim­mer­te im Ker­zen­licht und sie spür­te die edle Baum­wol­le ge­schmei­dig auf ih­rer Haut lie­gen. Das Ober­teil hat­te dün­ne Trä­ger und ver­schmolz bei­na­he mit ih­rem Kör­per. Der Rock war weit und lang. Nur noch ein paar Ze­hen spitz­ten dar­un­ter her­vor. Am Rü­cken wa­ren un­sicht­ba­re El­fen­flü­gel be­fes­tigt, de­ren Er­schei­nung nur im Ker­zen­licht auf­fla­cker­te. Die­ses Kleid hat­te ihre Groß­mut­ter selbst ge­näht. Es stand ihr ein­zig­ar­tig gut und so er­wähn­te die Spie­gelda­me: »Schön siehst du aus, Ni­mue.«

Ni­mue freu­te sich über das Kom­pli­ment und be­dank­te sich bei ihr. Dann ging sie in das Büro ih­res Groß­va­ters. Dort an­ge­kom­men, sah sie ihn an sei­nem Schreib­tisch sit­zen.

»Hal­lo, mei­ne Klei­ne, schon fer­tig, wie ich sehe.«

Sie nick­te. »Ich woll­te mit dir spre­chen, Opa.«

Nach ei­ner leich­ten Kopf­be­we­gung nach un­ten wand­te er sich wie­der dem Buch zu, das di­rekt vor ihm auf dem Schreib­tisch lag. Es war groß und hat­te hell­bei­ge Blät­ter mit schwa­r­zer Tin­te dar­auf.

Ni­mue be­wun­der­te den Rand des Um­schlags, der dick und aus feins­tem brau­nem, sehr al­tem Le­der war. Sie konn­te sich nicht er­in­nern, das Buch schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben, und so wan­der­ten ihre Bli­cke lang­sam über die Sei­ten. Da­bei fin­gen ihre Au­gen an, das Buch zu fi­xie­ren. Ir­gen­d­et­was zog ihre Auf­merk­sam­keit re­gel­recht an. Sie fühl­te, wie sich ihre Bli­cke ver­selbst­stän­dig­ten. Es war ihr ur­plötz­lich nicht mehr mög­lich, ihre Au­gen von dem Werk ab­zu­wen­den.

Aar er­kann­te dies und lä­chel­te. »Um was geht es denn?«

Ni­mue muss­te ih­ren Kopf mit ei­nem hef­ti­gen Ruck weg­zie­hen, um das Buch nicht mehr an­zu­star­ren. Da­nach setz­te sie sich auf einen Stuhl, der ge­gen­über von Aars Oh­ren­ses­sel am Ka­min stand. Von die­sem aus konn­te sie ih­ren Groß­va­ter gut se­hen. Er blick­te im­mer noch auf die ge­öff­ne­ten Sei­ten, und doch wuss­te Ni­mue, dass er ih­ren Wor­ten auf­merk­sam lau­schen wür­de.

»Ich war heu­te im Wald, Opa, bei der Ei­che, und habe me­di­tiert. Aaro mein­te, dass ich auf dem Weg zu mei­nem in­ne­ren Selbst war. Kann das sein?«

»So, so, die Ei­che mein­te das«, be­merk­te er schmun­zelnd. »Was hast du da­bei er­lebt, mei­ne Klei­ne?«

»Ich weiß es nicht, aber schön war es schon. Ich habe ver­sucht, nicht mehr zu den­ken, und ir­gend­wie war das echt schwie­rig, und dann sag­te Stúh­ly, dass ich mich auf einen Stein kon­zen­trie­ren soll­te, der vor mir lag. Da­nach war al­les an­ders. Ich dach­te nichts mehr und fühl­te eine Wär­me, die mei­nen Kör­per ent­spann­te. Es war, als ob ich durch eine traum­haf­te, den­noch mir ver­bor­ge­ne Land­schaft wan­deln wür­de. Dort zeig­te sich mir ein Schwan. Gleich da­nach sah ich auch das Was­ser, in dem er schwamm. Der Schwan war wun­der­schön, Opa.« Sie hielt kurz inne. »Eine Stim­me habe ich aber nicht ge­hört. Wie soll ich nur mei­ne in­ne­re Stim­me fin­den?«

»Wie hast du dich da­bei ge­fühlt?«

»Gut. Es war so ähn­lich wie frü­her, bei Mama und Papa, wenn ich in ih­rem Bett zum Ku­scheln lag oder wenn du oder Oma mich ganz fest drückt. Auf je­den Fall war es schön.«

»Du hast dich be­schützt, ge­liebt und auf­ge­ho­ben ge­fühlt. Du bist dem ur­sprüng­li­chen rei­nen Zu­stand dei­ner See­le nä­her­ge­kom­men. Die­ser be­steht aus wah­rer Lie­be. Seit dei­ner Ge­burt kann ich sie in dei­nen Au­gen strah­len se­hen. Die­se fei­nen Emp­fin­dun­gen wer­den dir ein gu­ter Weg­wei­ser sein.«

»Aber die in­ne­re Stim­me, Opa?«, frag­te sie mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen.

»Die in­ne­re Stim­me ist dein Ge­fühl. Du wirst kei­ne Lau­te in dei­nen Oh­ren hö­ren, wie du mei­ne oder an­de­re Stim­men hörst. Es ist in dir. Manch­mal be­steht aus­schließ­lich das Ge­fühl, und manch­mal fühlst du und ver­wan­delst dei­ne Emp­fin­dun­gen in Wor­te.«

»Das Was­ser, in dem der Schwan schwamm, hat mich an un­ser Brun­nen­was­ser er­in­nert, nur zeig­te es sich viel kla­rer«, spru­del­te es dann aus ihr her­aus.

»Ja, die Quel­le dei­ner See­le.«

»Und der Schwan?«, frag­te Ni­mue.

»Frag ihn doch, viel­leicht ist er dein See­len­tier. Jede Elfe hat ein See­len­tier. Zu un­ter­schied­lichs­ten Zei­ten zei­gen sie sich ih­ren Schütz­lin­gen. Viel­leicht woll­te dir der Schwan mit­tei­len, dass er dein See­len­tier ist. Oder hast du ein an­de­res?«

»Nein, habe ich nicht. Zu­min­dest weiß ich nichts da­von. Ich wuss­te ja bis ge­ra­de eben nicht ein­mal, dass es See­len­tie­re gibt.«

»Du könn­test ihn fra­gen, war­um er sich dir zeigt.«

»Das ma­che ich gleich mor­gen, Opa«, er­klär­te sie ent­schlos­sen.

Ni­mue lehn­te sich zu­rück in den Stuhl und ver­lor sich in ih­ren Ge­dan­ken. »Die in­ne­re Stim­me ist also ein Ge­fühl«, dach­te sie. »Wie kann sie mir dann den rich­ti­gen Wunsch mit­tei­len?« Erst woll­te sie Aar da­nach fra­gen. Dann je­doch sah sie ihn eine auf­ge­schla­ge­ne Sei­te so in­ten­siv stu­die­ren, dass Ni­mue ihn nicht noch ein­mal stö­ren woll­te. Sie ent­schied sich für einen spä­te­ren Zeit­punkt und be­ob­ach­te­te ihn beim Le­sen.

Für sie stell­te er die Voll­kom­men­heit ei­nes El­fen dar. Er war ei­ni­ge Zen­ti­me­ter grö­ßer als sie. Hat­te lan­ges, hell­brau­nes Haar. Sei­ne spit­zen Oh­ren rag­ten über die Haa­re hin­aus und wa­ren an den En­den et­was schrum­pe­lig. Das Haar glänz­te im Ker­zen­licht, wo­bei sie ei­ni­ge Licht­re­fle­xe durch sein Ge­sicht lau­fen sah. Sei­ne Au­gen wa­ren groß und von ei­nem Blau, wel­ches nicht kla­rer und rei­ner hät­te sein kön­nen. Er hat­te eine lan­ge, ge­ra­de Nase und sein Mund war fein, und doch hat­te er kei­ne schma­len Lip­pen, wie es für El­fen üb­lich war. Sei­ne Haut­fa­r­be war bläu­lich, da er nur sel­ten an Land ging, mit ei­nem brau­nen Schim­mer dar­in. Er trug meis­tens einen grü­nen Geh­rock mit Gür­tel, eine brau­ne Hose und al­tes, ge­bun­de­nes Le­der als Schu­he.

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