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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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Gleich darauf bebte der Boden unter ihr sanft, und sie wusste, dass dies »Bitte« heißen sollte.
Sie wollte keine Zeit verschwenden und fing sogleich an, über ihre Wünsche nachzudenken. Bei einigen Ideen wurde ihr Herzschlag schneller und sie dachte: »Vielleicht ist das ein Zeichen?« Sollte sie mehr auf Zeichen achten, anstatt etwas zu suchen, das sie nicht hören konnte? Sie war verwirrt. Fragen über Fragen begannen in ihrem Kopf zu kreisen: Wie hört man seine innere Stimme? Ist mein großer Wunsch nicht real?
Da murmelte sie: »Woher kommt der Wunsch zu reisen? Geht er von meiner inneren Stimme aus oder will nur eine meiner Emotionen das Gleiche wie Cara erleben?«
Sie hatte keine Ahnung. Wenn sie nun all die kleinen und großen Wünsche in ihrem Kopf auf eine Waagschale legte, reagierte diese unterschiedlich darauf. Manche Wünsche hatten mehr Gewicht, weil sie das bedrückende Gefühl der Vernunft dabei spürte, und andere wiederum waren leichter. Dabei fühlte sie vor allem eine aufregende Begeisterung über die Erfüllung. Trotz dem intensiven Visualisieren hörte sie jedoch keine Stimme. Sie kam zu keinem Ergebnis, und so dachte sie an das einzigartige Gefühl der Leichtigkeit vom vorherigen Tag, aus dem die Stuhldame sie unsanft herausgezogen hatte. Was wollte ihr dieses Gefühl sagen? War sie möglicherweise auf dem richtigen Weg und kurz davor, ihre innere Stimme zu hören, oder war es nur etwas ganz anderes? Etwas, das sie noch nicht kannte und daher nicht verstand.
Sie seufzte, denn ihr wurde immer deutlicher bewusst, wie wenig sie vom Leben wusste. Diese Erkenntnis begann an ihr zu nagen, wie ein Hund, der seinen Knochen liebt. Das Verlangen schaffte eine Bereitschaft, den Mut für das Neue aufzubringen. Auch wenn sie die Welt erobern wollte, brachte die damit einhergehende Veränderung eine Furcht mit sich.
Nach einer Weile bemerkte sie: »Aaro, ich denke und denke und finde die innere Stimme nicht.«
»Nimue, nicht denken. Schalte deine Gedanken aus und gehe in dich. Deine innere Stimme kannst du bestimmt nicht hören, wenn deine Gedanken lauter sind als sie es ist. Entspann dich und hör auf zu denken!« Er seufzte. »Immer dieser Kopf, der ist das größte Übel.«
»Wie meinst du das?«
Ein undefinierbares Geräusch ging durch den Raum, das Nimue im ersten Moment erschreckte. Sie hielt den Atem an.
»Es ist so« – er holte tief Luft – »deine Gedanken schwirren durch den Kopf und dann, na dann bist du nicht mehr ruhig und kannst dich nicht mehr auf das konzentrieren, was du eigentlich machen willst: deine innere Stimme finden.«
»Ja, so war es gerade«, schoss es aus ihr heraus, denn ihre Gedankengänge ließen manchmal ihr Herz schneller schlagen. Das bewirkte eine innere Unruhe. Gleichzeitig fingen noch mehr Gedanken an, sich im Kreis zu drehen und lenkten sie ab.
»Versuche sie abzustellen und überwinde sie.«
»Überwinden?«, stellte Nimue infrage.
»Stell dir die große Marktmauer auf der Zauberinsel Süd vor. Wenn du außerhalb stehst, kannst du das Fest nicht sehen. Trotzdem ist es da, nicht wahr? So wie diese Mauer, versperren dir deine Gedanken die Sicht auf dein inneres Ich, dein Seelenreich, die unsterbliche Seite von dir, deine innere Stimme.«
Nimue war beeindruckt über die Weisheit ihres Freundes und sagte: »Ich probiere sie abzustellen.«
»Gut, so soll es geschehen«, erwiderte der Eichenbaum.
Nimue hatte jedoch keine Ahnung, wie man Gedanken erfolgreich abstellt. Denkt man nicht immer, irgendwie, war sie sich sicher.
Stúhly erkannte ihre Unsicherheit und schlug vor: »Konzentriere dich auf den Furchenstein vor dir. Das wird dir helfen.«
Ohne ihre Worte infrage zu stellen oder ihr zu antworten, tat sie dies. Sie fixierte den Kalkstein, der von schlangenartigen Rinnen durchzogen war. Dennoch entstanden wieder Gedanken, denn unbewusst fing sie an, den Stein zu beschreiben: seine natürliche Form, sein Muster, die verschiedenen Farben und seine mineralische Zusammensetzung. Es dauerte eine Weile, bis sie den Stein für sich definiert hatte. Sie stoppte noch im Kern ein paar andere, sich einschleichende Gedanken, bevor ihr Kopf all die Schwere losließ, die er kürzlich innehatte. Auf diese Weise verschwamm der Stein nach und nach vor ihren Augen. Es war, als ob ihre Sehkraft sich von außen nach innen wandte und dabei die äußere Erscheinung im vollkommenen Dunkeln stehenließ. Nachdem sie vollständig im Meer des Nichts eingetaucht war, schloss sie ihre Augenlider. Daraufhin fühlte sie, wie sich ihre Brust allmählich öffnete und dabei erwärmte und dann, plötzlich, war sie wieder in diesem Zustand, der sich so gut anfühlte. Kein Gedanke belastete sie mehr. Keine Worte kreisten in ihrem Kopf. Es bestand nur noch das Gefühl; warm, rund und wohlwollend. Nichts wurde mehr infrage gestellt, erklärt oder bestimmt, sondern ausschließlich gelebt. Sie wusste nicht, wie lange dieser Moment anhielt, als sich ein Bild vor ihr auftat. Gleichzeitig nahm der schwerelose Zustand das normale Körpergefühl wieder an. Dadurch fühlte es sich schwerer und anfangs belastend an.
Nimue öffnete ihre Augen und sah die Stuhldame direkt vor ihr stehen. Ihre Rückenlehne dehnte sich derart, dass darauf ein lachender Mund sichtbar wurde.
»Na, wie war’s?«, wollte Stúhly wissen.
»Schön, aber wo war ich?«
Schlagartig krachte es um sie beide herum. Der Baum bewegte sich wild hin und her: »Du wirst doch nicht, Stuhl?!«
»Nein, nein, ich habe gewartet bis Nimue selbst zurückkam.«
»Gut zu hören. Wie war’s, Nimue?«, fragte er daraufhin beruhigt.
»Einzigartig toll, Aaro. Ich weiß nur nicht, wo ich war?«
»Du bist auf dem Weg zu deinem innersten Selbst gewesen, also zu dir.«
»Wirklich?! Da war aber keine Stimme«, bemerkte Nimue leicht frustriert.
»Gib dir Zeit. Es ist noch kein perfekter Sich-Selbst-Findender vom Himmel gefallen.«
Nimue wollte gerade aufstehen und den Eingang öffnen lassen, als Aaros Herz laut und unruhig zu pochen begann. Er flüsterte: »Bleib drinnen, beweg dich nicht.«
Erschrocken hielt sie sich mäuschenstill. Da hörte sie einen sich annähernden Tumult. Er deutete auf eine wilde Herde hin, die laut durch den Wald trampelte. Das dumpfe Geräusch ihrer Schritte konnte man mit keinem der zarten Elfenschritte vergleichen, also mussten es andere Wesen sein. Sie schärfte ihre Sinne und hörte einige Stimmen durcheinandersprechen. Dabei versuchte Nimue, durch den dicken Baumstamm hindurchzusehen. Es gelang ihr jedoch nicht. Gleichzeitig wurde sie auf eine tiefe Stimme aufmerksam: »Wo ist die Prinzessin? Das Brett hat doch gesagt, dass sie im Wald ist.«
»Ich weiß es nicht, Vater. Lass uns auf der anderen Seite des Waldes suchen.«
»Auf keinen Fall. Ich rieche hier Elfen, also muss sie hier sein!«, erwiderte wiederum eine andere Stimme harsch.
Nimue konnte diese Wesen ebenso riechen. Es war ein unangenehmer Geruch, der sie an den Kompost erinnerte, den die Schweine für gewöhnlich fraßen.
Sie ging einen Schritt zurück, weg von dem immer stärker werdenden, durchdringenden Duft und trat dabei auf das Stuhlbein.
»Aua«, beschwerte sich die Stuhldame.
»Da, da war was!«, schrie eines dieser stinkenden Wesen.
Nimue strich Stúhly sanft über den Arm und entschuldigte sich damit. Da fing das Eichenlaub außerhalb der Höhle an, unter der Last von Schritten zu rascheln. Nimue wurde klar, dass die Wesen jetzt rund um den Baumstamm nach ihr suchten, als es laut klopfte. Nimue zuckte heftig zusammen. Sie kannte diese Kreaturen nicht und so überfiel sie schlagartig eine Angst. Sie vermutete zudem, dass die Eichenblätter auf dem Höhleneingang kein Hindernis für solche Wesen darstellten.
»Was wollen die von mir?«, fragte sie sich zitternd.
Nimue hatte keine Ahnung, dass Aaro die Blätter nur deshalb auf den Eingang legte, weil sie den Innenraum schöner aussehen ließen. Das Grün erhellte sanft den Raum und kreierte eine harmonische Stimmung. Außerhalb jedoch schloss er sich vollkommen, sodass niemand auch nur einen kleinen Spalt sehen konnte. Aus diesem Grund konnten die ankommenden Wesen keinen Hinweis auf eine Öffnung oder Höhle finden. So war Nimue vollkommen beschützt in ihrem Versteck, doch war ihr das zu dieser Zeit nicht bewusst.
Dann ertönte ein weiterer Schlag auf den Baumstamm. Erst ganz leicht und dann immer fester. Daraufhin mehrten sich die Schläge und es wurde immer lauter im Innenraum. Nur einen Moment lang musste Nimue ihre Ohren vor dem Lärm schützen, dann hörte sie viele Stimmen laut durcheinanderrufen. Sekunden später wurde der Geruch schwächer und schwächer. Sie hatte keine Ahnung, was sich außerhalb ihres Verstecks abspielte. Es war Aaro, dem die Schläge zu bunt wurden. Er packte mit seinen Ästen jedes einzelne dieser Wesen und schleuderte es durch die Luft; mit einer solchen Wucht, dass sie erst wieder viele Meter weiter auf den Boden fielen. Anschließend war es totenstill.
»Nimue, sie sind weg«, bemerkte der Eichenbaum.
»Wer war das?«, fragte sie aufgewühlt. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, als ob es heraushüpfen wollte.
»Idioten«, erwiderte Aaro.
»Idioten?«
»Ja, mach dir keine Sorgen, die wirst du hier nie wieder sehen, zumindest nicht in diesem Stück Wald.«
»Wer, Aaro?«, wiederholte sie sich.
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass es Pringies waren.«
»Was sind Pringies?«
»Ich habe gehört, dass die furchtbar stinken sollen und kleine, unangenehme Lebewesen sind. Überall, wo sie auftauchen, vertreiben sie die guten Wesen, und nur die Schattenwesen können den üblen Geruch ertragen. Sie selbst sollen jedoch harmlos sein.«
Eine kurze Stille erfüllte den Höhlenraum. Kurz darauf schüttelte Aaro sich, sodass seine Äste in der Luft schnell hin- und herflogen. Er bemerkte dabei: »Puh, sind die hässlich!«
Der Baum schüttelte sich nun noch intensiver, um das grässliche Bild in seinem Kopf loszuwerden. Dabei schwankte der Innenraum des Baumstammes heftig umher und so rückte die Stuhldame näher in die Mitte, um nicht von der Wucht der Bewegungen getroffen zu werden.
»Wie haben sie denn ausgesehen?«, wollte Nimue wissen.
»Lange, spitze, hundeähnliche Nasen. Keine Haare auf dem Kopf. Ihre Haut ist gruselig grau. Sie waren nur mit einer Hose bedeckt. Diese war so schmutzig, dass ich keine Farbe erkennen konnte und auch noch viel zu kurz. Die Ohren sind lang und genauso spitz wie die Nase. Sie haben ganz kleine Augen, dafür jedoch große, lange Hände und Füße. Ihr Oberkörper ist kugelrund, essen wohl zu viel Unkraut.«
Nimue stellte sich die Wesen bildlich vor. Dabei verzog sie vor Ekel ihr Gesicht. »Warum, meinst du, waren die hier?«
»Die haben dich gesucht. Wollen wohl auch auf deine Party«, vermutete Aaro.
»Das wäre ja furchtbar!«, rief sie erschrocken.
»Die kommen nicht wieder, Nimue. Denen haben wir gehörig Angst eingejagt.«
Nimue war erleichtert, das zu hören. Sie wollte nur gute Wesen zu ihrem Fest einladen, und so wie es aussah, gehörten diese nicht dazu. »Danke, Aaro.«
»Klaro«, antwortete der Baum schüchtern.
»Ich gehe heim. Kannst du mir …?«
Sogleich bewegten sich die Eichenblätter und öffneten den Eingang.
»Danke.« Sie ging hinaus und verabschiedete sich bei der Stuhldame, bei Aaro und natürlich auch bei Eikondia. Ihre letzten Worte waren eine Erinnerung an ihren Wunsch. Nimue wusste nicht, wie sie ihr den erfüllen sollte, und doch war sie fest entschlossen, es zu tun. Sie wollte mit ihrem Großvater darüber sprechen, der bestimmt eine Lösung für ihr Problem hatte, so war sie sich sicher.
Nimue lief schnell durch das Dickicht des Waldes in Richtung Schloss. Der Schock steckte ihr noch in den Gliedern, und so wunderte sie sich nicht, dass sie das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Mehrmals drehte sie sich um, nur um sicher zu gehen, dass sie es sich nur eingebildet hatte und kein Pringies ihr folgte. Andererseits roch sie nichts. Also konnte kein Pringies auch nur in der Nähe sein. Erleichtert über diese Tatsache ging sie langsamer, als sie erneut ein Geräusch hinter sich bemerkte. Nimue drehte sich um, sah nichts und wieder nichts, bis sie erkannte, dass sich etwas hinter einem Baum versteckte.
Dann ging alles ganz schnell. Sie lief weiter, als ob sie nichts bemerkt hätte, drehte sich geschwind um und machte dabei einen langen Satz zur Seite. Als sie wieder fest auf ihren Beinen stand, sah sie ihn vor sich stehen. Ein kleiner Waldgeist, der sich so erschrak, dass er ängstlich einen kleinen Baum umklammerte. Seine Hände und Füße zitterten und er rief: »Was wollt Ihr?«
»Was wollt ihr? Ihr seid es, der mir folgt.«
Er spürte, dass in ihrer Stimme kein Zorn oder Ärger lag. Offensichtlich erleichtert darüber, ließ er den Baum wieder los. »Ich wollte Euch sprechen, Eure Hoheit.«
»Gut, dann mal los«, bemerkte sie ungeduldig.
»Ich gehöre zu den Baumgeistern und oft sehen wir Euch durch den Wald laufen.«
Sie dachte sich bereits aufgrund seiner Erscheinung, dass er zu den Waldgeistern gehören musste. Sein Kopf ähnelte durch seine kegelförmige Krone einem Lärchenzapfen. Der Körper glich einer Holunderbeere, aus der lange Beine hervorragten. Als er seine Arme auf seinen Oberkörper legte, verschmolzen sie und verschwanden dabei komplett darin. Sein breites Gesicht hatte warme Augen und der Mund ließ selbst im geschlossenen Zustand einzelne Zähne herausstehen. Er war offensichtlich keine Schönheit, und doch hatte er für Nimue etwas unbeschreiblich Schönes, was sie berührte.
»Wir kennen Euch schon, seitdem Ihr ein Baby wart. Der König und auch Euer Großvater Aar kamen damals oft mit Euch in den Wald und zeigten Euch all seine Schätze. Auch wir wurden uns schon einmal vorgestellt. Daran könnt Ihr Euch bestimmt nicht mehr erinnern.«
Nimue wusste es wirklich nicht mehr, wollte seine Gefühle dennoch nicht verletzen und sagte: »Ich kann mich an keines meiner ersten Lebensjahre erinnern. Das tut mir leid, kleiner Geist.«
Dieser winkte ab, als Nimue für einen kurzen Moment einen Arm erkannte, der daraufhin wieder mit seinem Körper verschmolz. »Wie ist dein Name?«, wollte sie wissen.
»Freude, da ich meinem Volk mit jedem Lächeln Freude schenke.«
Nimue verspürte bei diesen Worten auch eine Freude in ihr aufsteigen und fragte: »Du und deine Familie möchten zum Fest kommen, nicht wahr?«
»Ja, wenn du, ach, Ihr es wollt?«
»Du ist in Ordnung. Wie viele seid ihr?«
»15, Eure Hoheit.«
»Sonst noch was?«
Er schüttelte den Kopf.
Nimue verabschiedete sich mit den Worten: »Bis bald, Freude. Ich freue mich, dass ihr zu meinem Fest kommt.« Kurz darauf verschwand sie im Dickicht des Waldes.
Nimue erreichte das Schloss ohne weitere Vorkommnisse und blieb in der großen Eingangshalle stehen, um einen Blick auf die Uhr zu werfen. Es war eine besondere Uhr, nämlich eine lebende Elfe namens Uhrilia, deren Flügelschlag jede Minute anzeigte. Diese Elfe war um mehr als einen Meter kleiner als die anderen Elfen. Bei genauer Betrachtung hätte man meinen können, dass sich schon von Geburt an zeigte, dass sie einmal eine Uhr werden sollte.
Uhrilia öffnete ihre Augen nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf und entdeckte Nimue in der Halle. »Bald ist es drei Uhr, Nimue, und nur noch zwei Stunden, bis Katar kommt«, sagte sie gähnend.
Nimue bedankte sich für die Zeitangabe und ging in ihr Zimmer.
»Was soll ich an einem Tag wie diesem anziehen?«, fragte sie sich.
Ein Kleid, da war sie sich sicher, aber welches? Welches ihrer Kleider war angemessen für den Bruder des Königs? Nimue setzte sich auf ihr Liegesofa und stellte sich ihre Garderobe bildlich vor. Plötzlich stieg in ihr ein sicheres Gefühl auf, das richtige gefunden zu haben. Es sollte ihr hellgelbes Kleid sein. Ihre Empfindung war unbeschreiblich klar, deutlicher als jedes ausgesprochene Wort es hätte sein können. Sie machte sich keine Gedanken darüber, woher dieser Impuls kam, sondern freute sich, eine schnelle Entscheidung getroffen zu haben.
Entschlossen sagte sie: »Schrank, kann ich bitte das hellgelbe Kleid haben?«
Ihre Worte waren noch nicht ganz ausgesprochen und schon öffneten sich die Türen, begleitet von einem lauten, knarrenden Holzgeräusch. Sie sah das gewünschte Kleid, das wie von Geisterhand aus der Reihe hervorragte, und nahm es an sich.
Der Schrank bemerkte: »Das Kleid, so edel wie du, meine Elfenprinzessin. Es soll dich an einem schönen Abend schmückend begleiten.« Daraufhin gingen die Türen wieder zu.
»Danke, lieber Schrank.«
Sekunden später war Nimue hinter einem Paravent aus Mahagoni verschwunden. Dort zog sie sich um. Mit einem wohligen Gefühl stellte sie sich kurz darauf vor den Spiegel. Das blasse Gelb schimmerte im Kerzenlicht und sie spürte die edle Baumwolle geschmeidig auf ihrer Haut liegen. Das Oberteil hatte dünne Träger und verschmolz beinahe mit ihrem Körper. Der Rock war weit und lang. Nur noch ein paar Zehen spitzten darunter hervor. Am Rücken waren unsichtbare Elfenflügel befestigt, deren Erscheinung nur im Kerzenlicht aufflackerte. Dieses Kleid hatte ihre Großmutter selbst genäht. Es stand ihr einzigartig gut und so erwähnte die Spiegeldame: »Schön siehst du aus, Nimue.«
Nimue freute sich über das Kompliment und bedankte sich bei ihr. Dann ging sie in das Büro ihres Großvaters. Dort angekommen, sah sie ihn an seinem Schreibtisch sitzen.
»Hallo, meine Kleine, schon fertig, wie ich sehe.«
Sie nickte. »Ich wollte mit dir sprechen, Opa.«
Nach einer leichten Kopfbewegung nach unten wandte er sich wieder dem Buch zu, das direkt vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Es war groß und hatte hellbeige Blätter mit schwarzer Tinte darauf.
Nimue bewunderte den Rand des Umschlags, der dick und aus feinstem braunem, sehr altem Leder war. Sie konnte sich nicht erinnern, das Buch schon einmal gesehen zu haben, und so wanderten ihre Blicke langsam über die Seiten. Dabei fingen ihre Augen an, das Buch zu fixieren. Irgendetwas zog ihre Aufmerksamkeit regelrecht an. Sie fühlte, wie sich ihre Blicke verselbstständigten. Es war ihr urplötzlich nicht mehr möglich, ihre Augen von dem Werk abzuwenden.
Aar erkannte dies und lächelte. »Um was geht es denn?«
Nimue musste ihren Kopf mit einem heftigen Ruck wegziehen, um das Buch nicht mehr anzustarren. Danach setzte sie sich auf einen Stuhl, der gegenüber von Aars Ohrensessel am Kamin stand. Von diesem aus konnte sie ihren Großvater gut sehen. Er blickte immer noch auf die geöffneten Seiten, und doch wusste Nimue, dass er ihren Worten aufmerksam lauschen würde.
»Ich war heute im Wald, Opa, bei der Eiche, und habe meditiert. Aaro meinte, dass ich auf dem Weg zu meinem inneren Selbst war. Kann das sein?«
»So, so, die Eiche meinte das«, bemerkte er schmunzelnd. »Was hast du dabei erlebt, meine Kleine?«
»Ich weiß es nicht, aber schön war es schon. Ich habe versucht, nicht mehr zu denken, und irgendwie war das echt schwierig, und dann sagte Stúhly, dass ich mich auf einen Stein konzentrieren sollte, der vor mir lag. Danach war alles anders. Ich dachte nichts mehr und fühlte eine Wärme, die meinen Körper entspannte. Es war, als ob ich durch eine traumhafte, dennoch mir verborgene Landschaft wandeln würde. Dort zeigte sich mir ein Schwan. Gleich danach sah ich auch das Wasser, in dem er schwamm. Der Schwan war wunderschön, Opa.« Sie hielt kurz inne. »Eine Stimme habe ich aber nicht gehört. Wie soll ich nur meine innere Stimme finden?«
»Wie hast du dich dabei gefühlt?«
»Gut. Es war so ähnlich wie früher, bei Mama und Papa, wenn ich in ihrem Bett zum Kuscheln lag oder wenn du oder Oma mich ganz fest drückt. Auf jeden Fall war es schön.«
»Du hast dich beschützt, geliebt und aufgehoben gefühlt. Du bist dem ursprünglichen reinen Zustand deiner Seele nähergekommen. Dieser besteht aus wahrer Liebe. Seit deiner Geburt kann ich sie in deinen Augen strahlen sehen. Diese feinen Empfindungen werden dir ein guter Wegweiser sein.«
»Aber die innere Stimme, Opa?«, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.
»Die innere Stimme ist dein Gefühl. Du wirst keine Laute in deinen Ohren hören, wie du meine oder andere Stimmen hörst. Es ist in dir. Manchmal besteht ausschließlich das Gefühl, und manchmal fühlst du und verwandelst deine Empfindungen in Worte.«
»Das Wasser, in dem der Schwan schwamm, hat mich an unser Brunnenwasser erinnert, nur zeigte es sich viel klarer«, sprudelte es dann aus ihr heraus.
»Ja, die Quelle deiner Seele.«
»Und der Schwan?«, fragte Nimue.
»Frag ihn doch, vielleicht ist er dein Seelentier. Jede Elfe hat ein Seelentier. Zu unterschiedlichsten Zeiten zeigen sie sich ihren Schützlingen. Vielleicht wollte dir der Schwan mitteilen, dass er dein Seelentier ist. Oder hast du ein anderes?«
»Nein, habe ich nicht. Zumindest weiß ich nichts davon. Ich wusste ja bis gerade eben nicht einmal, dass es Seelentiere gibt.«
»Du könntest ihn fragen, warum er sich dir zeigt.«
»Das mache ich gleich morgen, Opa«, erklärte sie entschlossen.
Nimue lehnte sich zurück in den Stuhl und verlor sich in ihren Gedanken. »Die innere Stimme ist also ein Gefühl«, dachte sie. »Wie kann sie mir dann den richtigen Wunsch mitteilen?« Erst wollte sie Aar danach fragen. Dann jedoch sah sie ihn eine aufgeschlagene Seite so intensiv studieren, dass Nimue ihn nicht noch einmal stören wollte. Sie entschied sich für einen späteren Zeitpunkt und beobachtete ihn beim Lesen.
Für sie stellte er die Vollkommenheit eines Elfen dar. Er war einige Zentimeter größer als sie. Hatte langes, hellbraunes Haar. Seine spitzen Ohren ragten über die Haare hinaus und waren an den Enden etwas schrumpelig. Das Haar glänzte im Kerzenlicht, wobei sie einige Lichtreflexe durch sein Gesicht laufen sah. Seine Augen waren groß und von einem Blau, welches nicht klarer und reiner hätte sein können. Er hatte eine lange, gerade Nase und sein Mund war fein, und doch hatte er keine schmalen Lippen, wie es für Elfen üblich war. Seine Hautfarbe war bläulich, da er nur selten an Land ging, mit einem braunen Schimmer darin. Er trug meistens einen grünen Gehrock mit Gürtel, eine braune Hose und altes, gebundenes Leder als Schuhe.