Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 4
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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Es pas­sier­te er­neut nichts, ein­fach nichts. Dann über­wäl­tig­te sie die Un­ge­duld und sie be­schwer­te sich: »War­um sprichst du nicht mit mir?«

Aaro hol­te tief Luft. Das da­durch ver­ur­sach­te lau­te Ge­räusch durch­flu­te­te die klei­ne Höh­le.

Ni­mue wuss­te, dass er we­gen ihr tief at­men muss­te, denn er mach­te dies im­mer, wenn er ihr si­gna­li­sie­ren woll­te, dass sie et­was schon kön­ne und sich nicht so an­stel­len soll­te.

»Gut«, er­mu­tig­te sie sich, »ich schaf­fe es!«

Da hör­te sie ein lau­tes, schnell auf­ein­an­der­fal­len­des Knacken. Ihr Freund lach­te über sie. Nun pack­te sie der Ehr­geiz und sie woll­te ihm be­wei­sen, dass sie es tat­säch­lich konn­te.

Sie for­der­te Stúh­ly auf: »Lie­ber Stuhl, bit­te öff­ne dei­ne Arme, so­dass ich auf­ste­hen kann.«

Gleich dar­auf dehn­ten sich die Stuhlar­me seit­lich weg. Ni­mue stand auf und streck­te ih­ren Kör­per. Da­nach setz­te sie sich auf den Bo­den und ver­schränk­te ihre Bei­ne. Sie ver­such­te die Ge­bets­stel­lung, dann die Drei­fin­ger-Hand­stel­lung und schließ­lich leg­te sie ihre Hän­de im Schoß auf­ein­an­der. Sie spür­te, dass die letz­te Po­si­ti­on die rich­ti­ge für sie war und blieb da­bei. Dann fing sie an, ih­ren Geist zu stär­ken, in­dem sie den gan­zen Fo­kus auf ihre in­ne­re Stim­me rich­te­te. Dies war an­stren­gend, denn es fiel ihr nicht leicht, sich zu sam­meln. Im­mer wie­der schli­chen sich an­de­re Ge­dan­ken ein, die sie ab­lenk­ten. Die­se zu bän­di­gen und da­bei zu kon­trol­lie­ren, fand Ni­mue sehr schwie­rig.


Sie gab nicht auf und so tauch­te sie nach ei­ner Wei­le in sich ein. Sie fühl­te, dass sich et­was in ihr lös­te und sich wohl­wol­lend in ih­rer Brust aus­brei­te­te. Es war warm, hell und über­wäl­ti­gend. Al­les, was sich bis­her schwer an­fühl­te, war nun leicht. Bei­na­he schwe­re­los saß sie in der Stil­le der Höh­le. Wäh­rend­des­sen wa­ren ihre Ge­dan­ken wie aus­ge­blen­det. Da ver­nahm sie wie aus dem Nichts eine ver­zerr­te Stim­me. Sie war laut, un­an­ge­nehm und durch­bohr­te un­sanft ih­ren Kör­per. Dar­auf­hin ver­här­te­te sich das vor­he­rig schö­ne Ge­fühl in ih­rer Brust und fing an zu schwan­ken, als ob eine mit Was­ser ge­füll­te Waa­ge ver­rückt­spie­len wür­de. Die Stim­me wie­der­hol­te sich, doch jetzt ver­stand Ni­mue die Wor­te klar und deut­lich: »Was machst du da?«

Ni­mue sah sich um und ori­en­tier­te sich schnell: Es war die Stuhlda­me. Stúh­ly hat­te sie grob, aus was und von wo auch im­mer, her­aus­ge­holt.

»Ich me­di­tie­re«, er­wi­der­te sie barsch.

»So, so«, stell­te Stúh­ly fest.

Plötz­lich fühl­te sie den wach­sen­den Drang, die Stuhlda­me fest zu schüt­teln. Sie hat­te sie nicht nur aus die­sem be­zau­bern­den Zu­stand ge­holt, son­dern es auf eine solch raue Art ge­tan, dass ihr Kör­per nun leicht vi­brier­te. Den­noch ent­schied sie sich, ih­ren Är­ger im Zaum zu hal­ten und es, an­ge­spornt von dem ein­zig­ar­ti­gen Ge­fühl der in­ne­ren Ruhe, noch ein­mal zu wa­gen. Sie hat­te je­doch kei­nen Er­folg. Ihre Ge­dan­ken lie­ßen sie nicht mehr los.

Sie stand auf und bat den Ei­chen­baum: »Bit­te öff­ne die Tür. Ich will raus.«

Es ra­schel­te und schon wa­ren die Blät­ter vom Ein­gang ver­schwun­den.

»Und?«, frag­te Aaro.

Sie war der­art ver­är­gert über die Stuhlda­me, dass sie Aaro nicht ant­wor­ten woll­te, und doch wuss­te sie, dass es nicht sei­ne Schuld war. Zu­dem hat­te er es Ni­mue heu­te ge­müt­lich warm ge­macht, was er nur an we­ni­gen Ta­gen schaff­te, weil es ihn sehr viel Ener­gie kos­te­te.

»Ich war schon ir­gend­wo tief in mir und dann«, be­schwer­te sie sich, »dann hat mich Stúh­ly her­aus­ge­holt.«

»Oh, du dum­mer Stuhl!«, ta­del­te Aaro die Stuhlda­me nun auch ver­är­gert. Da­bei schnell­te er einen lan­gen Ast ge­gen den of­fen ste­hen­den Ein­gang. »Wir wer­den dich um­tau­schen, du bist eh schon viel zu klein.«

»Hab Er­bar­men, Mae­stro«, er­wi­der­te Stúh­ly sanft, »ich hal­te still in Zu­kunft, denn ich lebe hier gut mit dir.«

Er groll­te laut und be­merk­te: »Dann dehn dich schon ein­mal aus, so­dass Ni­mue in Zu­kunft bes­ser sit­zen kann!«

»Na­tür­lich«, stimm­te Stúh­ly zu und ver­stumm­te wie­der.

»Geh heim, Ni­mue«, schlug Aaro vor, »und schlaf dich aus. Mor­gen ist ein neu­er Tag. Da klappt es be­stimmt.«

Ni­mue lä­chel­te ihn an, wäh­rend sie sag­te: »Dan­ke, lie­ber Aaro, es war su­per an­ge­nehm warm. Bis mor­gen.«

Sie dreh­te sich in Rich­tung Schloss und ver­schwand kurz dar­auf im dich­ten Holz. Von hoch oben be­ob­ach­te­te Aaro, wie ihre Haar­spit­zen im­mer wie­der für Se­kun­den­bruch­tei­le zwi­schen den Bäu­men in der Luft um­her­wir­bel­ten.

»Hey, Stuhl«, brumm­te er, ohne sie aus den Au­gen zu ver­lie­ren.

»Was gibt’s?«

»Gib un­se­rer Ni­mue mehr Ruhe, sonst kracht’s, ver­stan­den?«

»Das tu ich, Mae­stro. Ich ver­sprech’s!«

»Und wenn du mich noch ein­mal Mae­stro nennst, dann …«, warn­te Aaro sie.

»Ich weiß, ich weiß«, er­wi­der­te Stúh­ly ge­hor­sam.

Ni­mue rann­te ge­ra­de durchs gro­ße Schloss­tor, als eine Stim­me nach ihr rief: »Ni­mue, komm zu mir.«

Sie blieb ste­hen und dreh­te sich um. Doch sie konn­te nie­man­den se­hen. Dar­auf­hin dreh­te sie sich ein­mal um ihre ei­ge­ne Ach­se. Trotz­dem ent­deck­te sie nie­man­den. Kei­ne El­fen­see­le war da.

»War das mei­ne in­ne­re Stim­me?«, wun­der­te sie sich.

Zur Kon­trol­le ließ sie ihre Bli­cke noch ein­mal um­her­wan­dern, doch da war nie­mand. Dann hör­te sie er­neut die Wor­te: »Komm zu mir.« Die­ses Mal war die Ton­la­ge lau­ter und die Stim­me klang jetzt stark ver­raucht, bei­na­he hei­ser.

»Nein« – schüt­tel­te Ni­mue den Kopf – »das kann nicht mei­ne in­ne­re Stim­me sein.«

Sie selbst hat­te noch nie ein Räu­cher­ri­tu­al mit­ge­macht oder an­der­wei­tig et­was mit Räu­che­rei­en zu tun ge­habt. Es gab kei­nen Grund, dass ihre in­ne­re Stim­me der­ar­tig klang. Trotz­dem frag­te sie sich, wo­her sie kam.

Ni­mue ging zu­rück zum Tor. »Wer ruft nach mir?«

»Hier un­ten«, er­wi­der­te die Stim­me so­gleich.

Sie senk­te ih­ren Kopf, und da sah sie ihn: einen klei­nen Wich­tel. So win­zig, dass er mit ih­rer gro­ßen Zehe ver­gleich­bar war.

Sie knie­te sich vor ihm auf den Bo­den und frag­te: »Was willst du?«

»Ich habe ge­hört, dass hier bald ein gro­ßes Fest steigt?«, be­merk­te er mit hoch­er­ho­be­nem Kopf.

»Ja, und?«

»Ich möch­te mit­fei­ern und mei­ne Fa­mi­lie auch.«

»Wie bit­te? Eh, wo kommst du her?«

»Von der Frauen­in­sel. Wir le­ben di­rekt am See­u­fer in ei­ner klei­nen Stein­höh­le.«

»Wie groß ist dei­ne Fa­mi­lie?«

»Vier Gro­ß­el­tern«, fing der Wich­tel an auf­zu­zäh­len, »fünf Kin­der, ich und mei­ne Frau.«

»Gut, ihr seid ein­ge­la­den, so­weit ich ein­la­den darf. Ich muss erst mei­nen Groß­va­ter fra­gen.«

»Nein, nein, es ist ja dein Fest. Dein Groß­va­ter hat si­cher­lich nichts da­ge­gen. Dan­ke für dei­ne Groß­zü­gig­keit. Wir kom­men!«

Sie nick­te zu­stim­mend, wenn auch ir­ri­tiert. Eine Se­kun­de spä­ter ver­schwand er im Nichts, wor­aus er schein­bar zu­vor ge­kom­men war. Ni­mue blin­zel­te. Es fiel ihr schwer zu glau­ben, dass er ge­ra­de wirk­lich da ge­we­sen war. Sie zuck­te mit den Schul­tern, ging auf das Schloss zu und öff­ne­te die gro­ße, höl­zer­ne Ein­gangs­tür. Gleich dar­auf schweb­te sie zum Büro ih­res Groß­va­ters, da sie so schnell wie mög­lich mit ihm über die­se Be­geg­nung spre­chen woll­te. Sie klopf­te an und war er­leich­tert, als sie sei­ne Stim­me sa­gen hör­te: »Her­ein, Ni­mue.«

»Wo­her weiß er im­mer, dass ich es bin?«, wun­der­te sie sich, wäh­rend sie hin­ein­ging. »Opa, ich habe ge­ra­de einen Stein­wich­tel­mann ge­se­hen oder so eine ähn­li­che Art von Wicht. Sie le­ben am Ufer der Frauen­in­sel. Ich habe ihn und sei­ne Fa­mi­lie zum Fest ein­ge­la­den.«

»Du kannst nicht je­den, der dich dar­um bit­tet, ein­la­den, Ni­mue. An­sons­ten geht uns der Platz aus.«

»Wo­her weißt du, dass er mich um eine Ein­la­dung ge­be­ten hat?«

Aar lach­te. »Es wer­den noch mehr We­sen auf dich zu­kom­men. Dein Fest ist das Er­eig­nis des Jah­res.«

Ni­mu­es Au­gen wei­te­ten sich vor Ent­set­zen.

»Die Fa­mi­lie der Wich­tel ist mit ih­ren elf Mit­glie­dern be­reits auf un­se­rer Gäs­te­lis­te. Das geht in Ord­nung, Ni­mue.«

»Aber Opa, ich habe doch ge­ra­de erst mit ihm ge­spro­chen?«

Er strich ihr lie­be­voll übers Haar. »Das lernst du auch noch, mei­ne klei­ne Rao’ra.«

»Wie ich Din­ge se­hen kann, die ich gar nicht wirk­lich mit mei­nen El­fe­n­au­gen wahr­neh­me?«

»So ähn­lich. Wie du dei­ne Ener­gi­en der­art ein­setzt, dass dir wich­ti­ge In­for­ma­ti­o­nen so­zu­sa­gen zu­flie­gen. Dazu spä­ter mehr.« Er hielt kurz inne und be­ton­te: »Viel spä­ter.«

»Spä­ter«, hör­te sich für Ni­mue gut an, denn für den Mo­ment reich­te es ihr voll­kom­men aus, ihre in­ne­re Stim­me zu fin­den.

»In ei­ner Stun­de beim Abend­es­sen?«, woll­te Aar sich be­stä­ti­gen las­sen und Ni­mue nick­te.

Kurz dar­auf saß sie auf der Fens­ter­bank in ih­rem Zim­mer und spiel­te mit ih­ren Ge­dan­ken. Da­bei stell­te sie sich vie­le ver­schie­de­ne Wün­sche vor und wie sie in der Re­a­li­tät aus­se­hen wür­den.

»Hal­lo«, be­grüß­te Ni­mue ein ed­les, grün-brau­nes Pferd mit gro­ßen Au­gen, als es di­rekt vor ihr ste­hen blieb. Sie strei­chel­te es am ele­gant ge­bo­ge­nen Hals. Die fei­ne Mäh­ne folg­te da­bei sanft den Be­we­gun­gen ih­rer Hand. Einen Au­gen­schlag spä­ter saß sie im Sat­tel und ritt mit ho­her Ge­schwin­dig­keit durch den Wald. Ni­mue spür­te den Wind auf ih­rer Haut und ge­noss die schö­ne, grü­ne Land­schaft, die sich vor ihr aus­brei­te­te. Sie grüß­te ih­ren Freund Aaro, blieb kurz bei ihm ste­hen und zeig­te ihm ihr schö­nes neu­es Tara-Pferd. Gleich dar­auf ver­schwamm das Bild vor ih­ren Au­gen und än­der­te sich in ein Brett­spiel, das di­rekt vor ihr lag.

Elf-Tier-Zau­ber-The­a­ter war ein Brett­spiel, von dem Cara oft ge­schwärmt hat­te. Ihre Cou­si­ne er­klär­te ihr, dass es ur­sprüng­lich von ei­ner Wach­tel­fa­mi­lie kon­zi­piert wur­de. Die Wach­tel­kin­der hat­ten heim­lich den Men­schen bei ei­nem Spiel na­mens Mensch-är­ge­re-Dich-nicht zu­ge­se­hen und ih­ren El­tern da­von er­zählt. Die­se wa­ren da­von so in­spi­riert, dass sie es mit ver­än­der­ten Re­geln nach­ge­baut ha­ben. Da die Wach­teln viel klei­ner sind als die El­fen, ha­ben sich die El­fen­fa­mi­li­en der Zau­be­r­in­sel zu­sam­men­ge­tan, um das Brett­spiel für ihre Grö­ße zu ent­wer­fen.

Das Spiel äh­nelt dem der Men­schen, wenn auch le­dig­lich in sei­nen Grund­zü­gen. Die Fi­gu­ren sind ein Esel, ein Igel, ein Pferd und ein Kro­ko­dil. Alle vier Fi­gu­ren wer­den le­ben­dig, so­bald sie mit dem Spiel­feld in Be­rüh­rung kom­men. Zu­dem ha­ben sie de­ren na­tür­li­che tie­ri­sche In­stink­te und Ei­gen­schaf­ten. So­mit ist das Pferd schnel­ler als die an­de­ren, das Kro­ko­dil flin­ker und dazu noch hin­ter­lis­tig. Der Igel ist lang­sam und ge­las­sen, und der Esel ist ver­fres­sen. Er ver­weilt da­her ger­ne am Rand, wo die Fut­ter­näp­fe ste­hen. Wenn man die­se Spiel­fi­gu­ren zur Aus­wahl hat, wür­de jede schlaue Elfe das Pferd wäh­len. Der Wunsch al­lein zählt hier­bei je­doch nicht, denn bei die­sem Spiel wählt das Tier den Elf und nicht um­ge­kehrt. Dann erst kann das Spiel be­gin­nen.

Ni­mue stell­te sich den El­fen­wür­fel vor, von dem Cara ihr er­zählt hat­te. »Er sieht ge­nau­so aus wie der der Men­schen«, mur­mel­te sie, »der Un­ter­schied ist der Zau­ber, der im El­fen­wür­fel steckt.« Die Zah­len ver­än­dern sich je nach Lau­ne des Wür­fels und glei­chen so­mit die po­si­ti­ven und ne­ga­ti­ven Ei­gen­schaf­ten der Tie­re aus. Da­bei wird Gut und Böse in eine Waag­scha­le ge­legt. Nur so kann ein wah­rer Ge­win­ner er­mit­telt wer­den, auch wenn am Ende das Glück ent­schei­det.

Ni­mue lach­te bei dem Ge­dan­ken auf, dass manch ein Wür­fel sei­nen Scha­ber­nack trieb und da­bei Spie­ler und Tier zur Weiß­glut brach­te.

Eine Wach­tel ist ein We­sen, das dem Sing­vo­gel auf dem Land sehr äh­nelt, je­doch kein Vo­gel ist. Man weiß nicht ge­nau, war­um die­se klei­nen We­sen zu den Wach­teln ge­hö­ren. Ein Grund da­für könn­te das ähn­li­che Ver­hal­ten und Aus­se­hen sein. Die Sing­vö­gel sind scheu und flie­gen sel­ten auf; ge­nau­so wie die Wach­teln, die sich im­mer in ih­ren Höh­len ver­ste­cken. Bei­de ha­ben ein brau­nes Fe­der­kleid mit ei­ner wei­ßen Längs­strei­fung, mit dem Un­ter­schied, dass Sing­vö­gel Flü­gel und hüh­ner­fuß­ähn­li­che Bei­ne ha­ben und die klei­nen Zau­ber­we­sen Arme und Bei­ne, wie ein Men­schen­kör­per sie be­sitzt. Die Arme sind je­doch dop­pelt so lang wie der Ober­kör­per, und ihre Bei­ne kön­nen sie weit deh­nen, wenn sie an Wän­den hoch­klet­tern und die Brei­te da­für brau­chen. Das Ge­sicht ist un­ter­schied­li­cher Art, denn es gleicht kei­nem Vo­gel. Es wirkt ein we­nig gru­se­lig, wenn man die We­sen nicht kennt. Die Nase ist spitz und lang, und der Mund gleicht ei­nem Fisch­maul mit schma­len Lip­pen. Die Au­gen sind groß und man könn­te mei­nen, dass sie je­den Mo­ment aus der Au­gen­höh­le her­aus­kul­lern. Die Kopf­haa­re sind in der Re­gel nur spär­lich vor­han­den, wo­bei ei­ni­ge we­ni­ge in das Ge­sicht hän­gen. Im Grun­de sind es lie­be We­sen. Trotz­dem soll­te man stets über­legt mit ih­nen um­ge­hen. Sie kön­nen hin­ter­häl­tig han­deln und Wahr­hei­ten zu ih­rem Nut­zen aus­le­gen.

»Ge­fällt mir die­ses Spiel wirk­lich so gut, dass ich es mir an mei­nem Ge­burts­tag wün­schen möch­te?«, be­zwei­fel­te Ni­mue. Sie schüt­tel­te den Kopf und ent­schied sich, einen wei­te­ren Wunsch vor ih­rem in­ne­ren Auge zu vi­su­a­li­sie­ren. Ni­mue dach­te an ein schö­nes Fest. An ei­nes, das an­ders sein soll­te, wie ihr gro­ßes Ge­burts­tags­fest. Sie stell­te sich einen ge­schmück­ten Ta­fel­saal vor und eine Gäs­te­lis­te, die nur sehr kurz war. Als sie sich ge­ra­de ihre Mut­ter in ih­ren Ge­dan­ken her­hol­te, platsch­te et­was laut an ihr Fens­ter. Ni­mue zuck­te hef­tig zu­sam­men. Sie blin­zel­te und das Bild in ih­ren Ge­dan­ken ver­schwand.

Wie­der im Hier und Jetzt blick­te sie auf die Glas­schei­be und ent­deck­te dar­auf einen ei­gen­ar­ti­gen Fleck. »Platsch«, mach­te es noch ein­mal so laut und hef­tig, dass Ni­mue zu­rück­schnell­te. Da sah sie ein klei­nes We­sen auf der äu­ße­ren Sei­te des Fens­ters kle­ben. Sie be­rühr­te die Stel­le mit ih­ren Fin­gern und er­kann­te, dass das Glas noch ganz war. Dann be­ob­ach­te­te sie das We­sen, wie es die Arme und Bei­ne seit­lich bis zum Fens­ter­rah­men aus­dehn­te. Da­nach klet­ter­te es müh­sam den Fens­ter­rah­men hoch. Der klei­ne Kör­per, der sich nun in der Mit­te des Fens­ters be­fand, wirk­te auf sie ver­letz­lich und be­rühr­te Ni­mu­es Herz. Sie über­leg­te, wer das sein könn­te und rieb sich die Au­gen, um es noch kla­rer se­hen zu kön­nen.

»Ist die­ses klei­ne We­sen nicht eine Wach­tel?«, ver­mu­te­te sie un­si­cher. Ge­ra­de hat­te sie an die Wach­tel­fa­mi­lie ge­dacht, die das tol­le Spiel er­fun­den hat. War das Zu­fall?

Als das We­sen lang­sam hö­her klet­ter­te, be­schwer­te es sich: »Du könn­test mir hel­fen, dann gin­ge das al­les hier ein we­nig schnel­ler.«

So­gleich öff­ne­te Ni­mue das Fens­ter und hol­te das klei­ne We­sen her­ein.

»Hal­lo, Ni­mue.«

»Hal­lo! Wer bist du?«

»Ich bin die Wach­tel Co­tur. Ich möch­te mit dir we­gen des Fes­tes spre­chen.«

»Des Fes­tes?«, er­wi­der­te sie er­staunt.

»Ja. Wir ha­ben ge­hört, dass in zehn Ta­gen dein Ua­ne­a­la-Fest steigt. Auch wenn wir das Was­ser nicht ausste­hen kön­nen, wir möch­ten trotz­dem da­bei sein.« Co­tur at­me­te tief durch, be­vor er in­fra­ge stell­te: »Wie hal­tet ihr das hier un­ten nur aus?« Er schüt­tel­te skep­tisch sei­nen Kopf, wo­bei sich sei­ne dün­nen Haa­re wild hin- und her­be­weg­ten. »Egal, wie sieht’s aus?«

»Ich weiß es nicht. Opa hat ge­sagt, dass ich nicht je­den ein­la­den kann, der mich dar­um bit­tet.«

»Pap­per­la­papp, Ni­mue, ich und mei­ne Fa­mi­lie sind doch nicht ein je­der. Wir sind die hoch­fürst­li­che Wach­tel­fa­mi­lie von der Zau­be­r­in­sel Nord.«

»Wie groß ist dei­ne Fa­mi­lie?«

»Ganz klein nur. Wir sind zwölf Wach­teln und so win­zig, dass wir nicht viel Platz brau­chen.«

Ni­mue hat­te noch nie et­was über eine hoch­fürst­li­che Wach­tel­fa­mi­lie von der Zau­be­r­in­sel ge­hört, und doch moch­te sie die­ses klei­ne, häss­lich aus­se­hen­de We­sen auf An­hieb. Sie über­leg­te kurz, ih­ren Groß­va­ter zu fra­gen. Bei dem Ge­dan­ken fiel ihr je­doch auf, dass sie si­cher­lich schon wie­der zu spät zum Abend­es­sen kom­men wür­de.

»Gut, Co­tur, komm mit dei­ner Fa­mi­lie. Wo und wann …«

»Weiß ich al­les«, un­ter­brach er sie, wäh­rend er sich ver­beug­te. »Dan­ke, Eure Ho­heit. Wir freu­en uns auf dein Fest.« Dann sprang er auf den ge­öff­ne­ten Fens­ter­rah­men, und schwupp­di­wupp war die Wach­tel ver­schwun­den.

Ni­mue schloss schnell das Fens­ter und lief zum Saal. Er­neut hör­te sie die El­fen­stim­men sich zu­pros­ten, be­vor sie noch den Saal er­reicht hat­te. Nach­dem sie ein­ge­tre­ten war, schweb­te sie schnell zu ih­rem Tisch.

Dort an­ge­kom­men, er­mahn­te sie Aar: »Ni­mue, das soll­te aber nicht zur Ge­wohn­heit wer­den.«

Sie wuss­te, dass er von ih­ren vie­len Ver­spä­tun­gen sprach und nick­te ihm zu.

»Opa, die hoch­fürst­li­che Wach­tel­fa­mi­lie kommt auch.«

Er kann­te die Fa­mi­lie und nick­te eben­so. Dar­auf teil­te er Ni­mue mit: »Mor­gen, mei­ne Klei­ne, kommt mein On­kel Ka­tar.«

»Ich weiß, Opa«, spru­del­te es freu­dig aus ihr her­aus.

Gleich­zei­tig wur­de es ganz still am Tisch. Alle An­we­sen­den lausch­ten Aars Wor­ten.

»Er kommt we­gen dir und dei­nes Ge­burts­tags.« Aar füg­te für die neu­gie­ri­gen Oh­ren hin­zu: »Und na­tür­lich auch, weil er uns alle wie­der­se­hen möch­te.« Dies rief eine Freu­de her­vor, die er nun in ei­ni­gen Ge­sich­tern le­sen konn­te. Aus die­sem Grund war er froh, es noch er­wähnt zu ha­ben. Da­nach wand­te er sich wie­der Ni­mue zu: »Ich möch­te, dass du zwei Tage vor dei­nem Ge­burts­tag einen Wal­drund­gang mit ihm machst. Geht das in Ord­nung?«

Ni­mue be­weg­te ih­ren Kopf schnell auf und ab, wäh­rend sie übers gan­ze Ge­sicht strahl­te. »Na­tür­lich, Opa, ich freu mich schon dar­auf.«

Der Kö­nig, der dem Ge­spräch ge­lauscht hat­te, lä­chel­te Ni­mue zu­stim­mend an. »Gut, mei­ne klei­ne Ni­mue, das freut mich sehr«, be­merk­te Seo­ras dar­auf­hin be­däch­tig, »mein Bru­der liebt die Na­tur. Be­stimmt wird er das of­fe­ne Meer ver­mis­sen.«

»Meinst du, Ur­o­pa?«

»Er schreibt Au­ßer­ge­wöhn­li­ches über den Oze­an und die Kraft, die das Was­ser ihm zu­kom­men lässt. Man könn­te mei­nen, der Oze­an wäre sei­ne gro­ße Lie­be.« Seo­ras lacht.

»Ich wer­de ihm die schöns­ten Orte in un­se­rem Wald zei­gen. Da be­kommt er be­stimmt kein Heim­weh.«

Seo­ras lä­chel­te zu­frie­den. »Da bin ich mir si­cher, mei­ne klei­ne Ni­mue.«

Dar­auf­hin ver­san­ken alle An­we­sen­den in ihre Ge­dan­ken, die sich haupt­säch­lich um Ka­tar dreh­ten. Die, die ihn nicht kann­ten, stell­ten sich vor, wie er wohl aus­se­hen könn­te. Die, die ihn kann­ten, freu­ten sich und schwelg­ten in Er­in­ne­run­gen an ihn.

Nach dem Es­sen ging Ni­mue lang­sam den Ar­ka­den­gang ent­lang zu ih­rem Zim­mer. Der Mond stand be­reits hoch oben am Him­mel und warf vor ihr die Schat­ten der Säu­len auf den Bo­den. Da mach­te sich eine Vor­freu­de in ihr breit, Ka­tar bald ken­nen­zu­ler­nen. Es pri­ckel­te förm­lich in ih­rer Brust. Dies teil­te sie mit ei­ner auf­kom­men­den Auf­re­gung, weil al­les mit ihr und ih­rem Ge­burts­tag zu­sam­men­hing. Zu­dem ahn­te sie, dass da noch mehr da­hin­ter­steck­te.

»Bin ich dem Un­be­kann­ten ge­wach­sen?«, frag­te sie sich ein we­nig ängst­lich.

»Ni­mue, mach dir über un­be­kann­te Din­ge kei­ne Sor­gen. Das ist wirk­lich eine Ver­schwen­dung der Zeit«, mein­te Oona, wie aus dem Nichts.

Ni­mue stock­te der Atem.

»Weißt du, mei­ne Klei­ne, al­les wird gut. Ka­tar freut sich sehr auf dich. Das al­lein soll dich be­we­gen.«

Ni­mue nick­te und gab ih­rer Groß­mut­ter einen Kuss auf die Wan­ge. »Gute Nacht, Oma.«

»Gute Nacht und schlaf gut.« So­gleich ver­schwand Oona hin­ter ei­ner mas­si­ven Holz­tür.

Da hör­te Ni­mue das Klap­pern von Ge­schirr aus dem Ta­fel­saal. Au­ßer­dem nahm sie die Stim­me ei­nes Hein­zel­chens deut­lich wahr, das dort auf­räum­te: »Das tue ich doch! Ni­mue wird das schon ma­chen.«

Ni­mue wur­de neu­gie­rig und ging zu­rück in den Saal.

»Was wer­de ich ma­chen?«, frag­te sie laut in den Saal hin­ein.

Die ar­bei­ten­den Hein­zel­chen blie­ben ab­rupt ste­hen.

»Uns be­loh­nen«, hör­te sie ein Männ­lein aus den hin­te­ren Rei­hen ru­fen. Lang­sam trat es her­vor und ver­beug­te sich. Es er­klär­te: »Ni­mue, wir wer­den auf dei­nem Ua­ne­a­la-Fest die Ar­beit er­le­di­gen. Sie wird um­fang­reich sein und an­stren­gend wer­den.«

So­gleich er­tön­te die tie­fe Stim­me von Ni­mu­es Schwes­ter Ma­rie, die spot­te­te: »Sei still, da­für seid ihr doch da, oder etwa nicht?«

Ma­rie stand auf ei­nem klei­nen Bal­kon und be­ob­ach­te­te das Ge­sche­hen im Saal. Ni­mue, der Ma­ri­es har­te Wor­te zu­wi­der wa­ren, lief ein un­an­ge­neh­mer kal­ter Schau­er über den Rü­cken.

Sie blick­te zu­rück zu dem Männ­lein und ver­such­te Ma­ri­es Aus­sa­ge wie­der­gutz­u­ma­chen: »Ich dan­ke euch sehr da­für. Ohne euch wäre mein Fest nicht mög­lich.«

»Dank ist gut und schön, aber Stress, Stress, Stress ist ein­fach nicht gut für un­se­re Ge­sund­heit.«

Ni­mue hat­te kei­ne Ah­nung, auf was die­ses Männ­lein hin­aus­woll­te.

Es wie­der­hol­te sich: »Stress, Stress, Stress macht Kopf und Kör­per ka­putt.«

»Willst du an die­sem Tag nicht ar­bei­ten?«, frag­te sie dar­auf­hin ein we­nig ver­wirrt.

Ein Schim­mer von Angst durch­zog sei­ne Au­gen und er schrie mit schril­ler, lau­ter Stim­me: »Nein, nein, nein, ich will, denn da­für bin ich da!«

»Um was geht es dann?«

Ma­rie schüt­tel­te den Kopf und ver­ließ den Raum. Als sie die Bal­kon­tür be­weg­te, konn­te das Männ­lein Aar da­hin­ter­ste­hen se­hen, der das Ge­spräch ver­folg­te. Das Männ­lein ant­wor­te­te nicht mehr. Es ging zum nächs­ten Tisch und nahm ein paar Tel­ler in sei­ne Hand. Da­mit ging es schnell in Rich­tung Kü­che.

Ni­mue ver­stand die Si­tua­ti­on nicht. »Was nun, was willst du?«

Es dreh­te sich um, stell­te die Tel­ler ab und er­wi­der­te: »Wir alle wür­den ger­ne nach dei­nem Ua­ne­a­la-Tag ein Fest fei­ern, bei dem wir be­dient und be­wir­tet wer­den.«

»Nicht, dass ich euch eu­ren Wunsch nicht ger­ne ge­wäh­ren wür­de. Ich kann solch ein gro­ßes An­lie­gen nicht selbst ent­schei­den. Da musst du schon den Kö­nig fra­gen.«

Es ver­beug­te sich und sag­te: »Dan­ke, Eure Ho­heit, das wer­de ich.«

Da­nach nahm es die Tel­ler wie­der an sich und ver­schwand in die Kü­che.

Ni­mue wuss­te nun gar nicht mehr, was sie von die­sem Ge­spräch hal­ten soll­te. Sie ent­schied sich den­noch da­für, es da­bei zu be­las­sen und in ihr Zim­mer zu ge­hen.

Die Hein­zel­chen stamm­ten vom Volk der Hein­zel­männ­chen ab. Im Ge­gen­satz zu den Hein­zel­männ­chen konn­ten sie je­doch auch un­ter Was­ser le­ben. Nach­dem das Reich Shen­ja fer­tig auf­ge­baut war, bo­ten sie ihre Diens­te am Hofe an und Seo­ras nahm sie ger­ne auf. Ihre Ent­loh­nung be­stand haupt­säch­lich aus ei­ner Blei­be und der Nah­rung, die sie be­nö­tig­ten. Im letz­ten Mo­nat des Jah­res be­ka­men sie dazu ein paar Gold­rin­ge, um sich auf dem all­jähr­li­chen Zau­ber­markt auf der Zau­be­r­in­sel Süd et­was kau­fen zu kön­nen.

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