
Полная версия:
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Es passierte erneut nichts, einfach nichts. Dann überwältigte sie die Ungeduld und sie beschwerte sich: »Warum sprichst du nicht mit mir?«
Aaro holte tief Luft. Das dadurch verursachte laute Geräusch durchflutete die kleine Höhle.
Nimue wusste, dass er wegen ihr tief atmen musste, denn er machte dies immer, wenn er ihr signalisieren wollte, dass sie etwas schon könne und sich nicht so anstellen sollte.
»Gut«, ermutigte sie sich, »ich schaffe es!«
Da hörte sie ein lautes, schnell aufeinanderfallendes Knacken. Ihr Freund lachte über sie. Nun packte sie der Ehrgeiz und sie wollte ihm beweisen, dass sie es tatsächlich konnte.
Sie forderte Stúhly auf: »Lieber Stuhl, bitte öffne deine Arme, sodass ich aufstehen kann.«
Gleich darauf dehnten sich die Stuhlarme seitlich weg. Nimue stand auf und streckte ihren Körper. Danach setzte sie sich auf den Boden und verschränkte ihre Beine. Sie versuchte die Gebetsstellung, dann die Dreifinger-Handstellung und schließlich legte sie ihre Hände im Schoß aufeinander. Sie spürte, dass die letzte Position die richtige für sie war und blieb dabei. Dann fing sie an, ihren Geist zu stärken, indem sie den ganzen Fokus auf ihre innere Stimme richtete. Dies war anstrengend, denn es fiel ihr nicht leicht, sich zu sammeln. Immer wieder schlichen sich andere Gedanken ein, die sie ablenkten. Diese zu bändigen und dabei zu kontrollieren, fand Nimue sehr schwierig.

Sie gab nicht auf und so tauchte sie nach einer Weile in sich ein. Sie fühlte, dass sich etwas in ihr löste und sich wohlwollend in ihrer Brust ausbreitete. Es war warm, hell und überwältigend. Alles, was sich bisher schwer anfühlte, war nun leicht. Beinahe schwerelos saß sie in der Stille der Höhle. Währenddessen waren ihre Gedanken wie ausgeblendet. Da vernahm sie wie aus dem Nichts eine verzerrte Stimme. Sie war laut, unangenehm und durchbohrte unsanft ihren Körper. Daraufhin verhärtete sich das vorherig schöne Gefühl in ihrer Brust und fing an zu schwanken, als ob eine mit Wasser gefüllte Waage verrücktspielen würde. Die Stimme wiederholte sich, doch jetzt verstand Nimue die Worte klar und deutlich: »Was machst du da?«
Nimue sah sich um und orientierte sich schnell: Es war die Stuhldame. Stúhly hatte sie grob, aus was und von wo auch immer, herausgeholt.
»Ich meditiere«, erwiderte sie barsch.
»So, so«, stellte Stúhly fest.
Plötzlich fühlte sie den wachsenden Drang, die Stuhldame fest zu schütteln. Sie hatte sie nicht nur aus diesem bezaubernden Zustand geholt, sondern es auf eine solch raue Art getan, dass ihr Körper nun leicht vibrierte. Dennoch entschied sie sich, ihren Ärger im Zaum zu halten und es, angespornt von dem einzigartigen Gefühl der inneren Ruhe, noch einmal zu wagen. Sie hatte jedoch keinen Erfolg. Ihre Gedanken ließen sie nicht mehr los.
Sie stand auf und bat den Eichenbaum: »Bitte öffne die Tür. Ich will raus.«
Es raschelte und schon waren die Blätter vom Eingang verschwunden.
»Und?«, fragte Aaro.
Sie war derart verärgert über die Stuhldame, dass sie Aaro nicht antworten wollte, und doch wusste sie, dass es nicht seine Schuld war. Zudem hatte er es Nimue heute gemütlich warm gemacht, was er nur an wenigen Tagen schaffte, weil es ihn sehr viel Energie kostete.
»Ich war schon irgendwo tief in mir und dann«, beschwerte sie sich, »dann hat mich Stúhly herausgeholt.«
»Oh, du dummer Stuhl!«, tadelte Aaro die Stuhldame nun auch verärgert. Dabei schnellte er einen langen Ast gegen den offen stehenden Eingang. »Wir werden dich umtauschen, du bist eh schon viel zu klein.«
»Hab Erbarmen, Maestro«, erwiderte Stúhly sanft, »ich halte still in Zukunft, denn ich lebe hier gut mit dir.«
Er grollte laut und bemerkte: »Dann dehn dich schon einmal aus, sodass Nimue in Zukunft besser sitzen kann!«
»Natürlich«, stimmte Stúhly zu und verstummte wieder.
»Geh heim, Nimue«, schlug Aaro vor, »und schlaf dich aus. Morgen ist ein neuer Tag. Da klappt es bestimmt.«
Nimue lächelte ihn an, während sie sagte: »Danke, lieber Aaro, es war super angenehm warm. Bis morgen.«
Sie drehte sich in Richtung Schloss und verschwand kurz darauf im dichten Holz. Von hoch oben beobachtete Aaro, wie ihre Haarspitzen immer wieder für Sekundenbruchteile zwischen den Bäumen in der Luft umherwirbelten.
»Hey, Stuhl«, brummte er, ohne sie aus den Augen zu verlieren.
»Was gibt’s?«
»Gib unserer Nimue mehr Ruhe, sonst kracht’s, verstanden?«
»Das tu ich, Maestro. Ich versprech’s!«
»Und wenn du mich noch einmal Maestro nennst, dann …«, warnte Aaro sie.
»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte Stúhly gehorsam.
Nimue rannte gerade durchs große Schlosstor, als eine Stimme nach ihr rief: »Nimue, komm zu mir.«
Sie blieb stehen und drehte sich um. Doch sie konnte niemanden sehen. Daraufhin drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse. Trotzdem entdeckte sie niemanden. Keine Elfenseele war da.
»War das meine innere Stimme?«, wunderte sie sich.
Zur Kontrolle ließ sie ihre Blicke noch einmal umherwandern, doch da war niemand. Dann hörte sie erneut die Worte: »Komm zu mir.« Dieses Mal war die Tonlage lauter und die Stimme klang jetzt stark verraucht, beinahe heiser.
»Nein« – schüttelte Nimue den Kopf – »das kann nicht meine innere Stimme sein.«
Sie selbst hatte noch nie ein Räucherritual mitgemacht oder anderweitig etwas mit Räuchereien zu tun gehabt. Es gab keinen Grund, dass ihre innere Stimme derartig klang. Trotzdem fragte sie sich, woher sie kam.
Nimue ging zurück zum Tor. »Wer ruft nach mir?«
»Hier unten«, erwiderte die Stimme sogleich.
Sie senkte ihren Kopf, und da sah sie ihn: einen kleinen Wichtel. So winzig, dass er mit ihrer großen Zehe vergleichbar war.
Sie kniete sich vor ihm auf den Boden und fragte: »Was willst du?«
»Ich habe gehört, dass hier bald ein großes Fest steigt?«, bemerkte er mit hocherhobenem Kopf.
»Ja, und?«
»Ich möchte mitfeiern und meine Familie auch.«
»Wie bitte? Eh, wo kommst du her?«
»Von der Fraueninsel. Wir leben direkt am Seeufer in einer kleinen Steinhöhle.«
»Wie groß ist deine Familie?«
»Vier Großeltern«, fing der Wichtel an aufzuzählen, »fünf Kinder, ich und meine Frau.«
»Gut, ihr seid eingeladen, soweit ich einladen darf. Ich muss erst meinen Großvater fragen.«
»Nein, nein, es ist ja dein Fest. Dein Großvater hat sicherlich nichts dagegen. Danke für deine Großzügigkeit. Wir kommen!«
Sie nickte zustimmend, wenn auch irritiert. Eine Sekunde später verschwand er im Nichts, woraus er scheinbar zuvor gekommen war. Nimue blinzelte. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass er gerade wirklich da gewesen war. Sie zuckte mit den Schultern, ging auf das Schloss zu und öffnete die große, hölzerne Eingangstür. Gleich darauf schwebte sie zum Büro ihres Großvaters, da sie so schnell wie möglich mit ihm über diese Begegnung sprechen wollte. Sie klopfte an und war erleichtert, als sie seine Stimme sagen hörte: »Herein, Nimue.«
»Woher weiß er immer, dass ich es bin?«, wunderte sie sich, während sie hineinging. »Opa, ich habe gerade einen Steinwichtelmann gesehen oder so eine ähnliche Art von Wicht. Sie leben am Ufer der Fraueninsel. Ich habe ihn und seine Familie zum Fest eingeladen.«
»Du kannst nicht jeden, der dich darum bittet, einladen, Nimue. Ansonsten geht uns der Platz aus.«
»Woher weißt du, dass er mich um eine Einladung gebeten hat?«
Aar lachte. »Es werden noch mehr Wesen auf dich zukommen. Dein Fest ist das Ereignis des Jahres.«
Nimues Augen weiteten sich vor Entsetzen.
»Die Familie der Wichtel ist mit ihren elf Mitgliedern bereits auf unserer Gästeliste. Das geht in Ordnung, Nimue.«
»Aber Opa, ich habe doch gerade erst mit ihm gesprochen?«
Er strich ihr liebevoll übers Haar. »Das lernst du auch noch, meine kleine Rao’ra.«
»Wie ich Dinge sehen kann, die ich gar nicht wirklich mit meinen Elfenaugen wahrnehme?«
»So ähnlich. Wie du deine Energien derart einsetzt, dass dir wichtige Informationen sozusagen zufliegen. Dazu später mehr.« Er hielt kurz inne und betonte: »Viel später.«
»Später«, hörte sich für Nimue gut an, denn für den Moment reichte es ihr vollkommen aus, ihre innere Stimme zu finden.
»In einer Stunde beim Abendessen?«, wollte Aar sich bestätigen lassen und Nimue nickte.
Kurz darauf saß sie auf der Fensterbank in ihrem Zimmer und spielte mit ihren Gedanken. Dabei stellte sie sich viele verschiedene Wünsche vor und wie sie in der Realität aussehen würden.
»Hallo«, begrüßte Nimue ein edles, grün-braunes Pferd mit großen Augen, als es direkt vor ihr stehen blieb. Sie streichelte es am elegant gebogenen Hals. Die feine Mähne folgte dabei sanft den Bewegungen ihrer Hand. Einen Augenschlag später saß sie im Sattel und ritt mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald. Nimue spürte den Wind auf ihrer Haut und genoss die schöne, grüne Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete. Sie grüßte ihren Freund Aaro, blieb kurz bei ihm stehen und zeigte ihm ihr schönes neues Tara-Pferd. Gleich darauf verschwamm das Bild vor ihren Augen und änderte sich in ein Brettspiel, das direkt vor ihr lag.
Elf-Tier-Zauber-Theater war ein Brettspiel, von dem Cara oft geschwärmt hatte. Ihre Cousine erklärte ihr, dass es ursprünglich von einer Wachtelfamilie konzipiert wurde. Die Wachtelkinder hatten heimlich den Menschen bei einem Spiel namens Mensch-ärgere-Dich-nicht zugesehen und ihren Eltern davon erzählt. Diese waren davon so inspiriert, dass sie es mit veränderten Regeln nachgebaut haben. Da die Wachteln viel kleiner sind als die Elfen, haben sich die Elfenfamilien der Zauberinsel zusammengetan, um das Brettspiel für ihre Größe zu entwerfen.
Das Spiel ähnelt dem der Menschen, wenn auch lediglich in seinen Grundzügen. Die Figuren sind ein Esel, ein Igel, ein Pferd und ein Krokodil. Alle vier Figuren werden lebendig, sobald sie mit dem Spielfeld in Berührung kommen. Zudem haben sie deren natürliche tierische Instinkte und Eigenschaften. Somit ist das Pferd schneller als die anderen, das Krokodil flinker und dazu noch hinterlistig. Der Igel ist langsam und gelassen, und der Esel ist verfressen. Er verweilt daher gerne am Rand, wo die Futternäpfe stehen. Wenn man diese Spielfiguren zur Auswahl hat, würde jede schlaue Elfe das Pferd wählen. Der Wunsch allein zählt hierbei jedoch nicht, denn bei diesem Spiel wählt das Tier den Elf und nicht umgekehrt. Dann erst kann das Spiel beginnen.
Nimue stellte sich den Elfenwürfel vor, von dem Cara ihr erzählt hatte. »Er sieht genauso aus wie der der Menschen«, murmelte sie, »der Unterschied ist der Zauber, der im Elfenwürfel steckt.« Die Zahlen verändern sich je nach Laune des Würfels und gleichen somit die positiven und negativen Eigenschaften der Tiere aus. Dabei wird Gut und Böse in eine Waagschale gelegt. Nur so kann ein wahrer Gewinner ermittelt werden, auch wenn am Ende das Glück entscheidet.
Nimue lachte bei dem Gedanken auf, dass manch ein Würfel seinen Schabernack trieb und dabei Spieler und Tier zur Weißglut brachte.
Eine Wachtel ist ein Wesen, das dem Singvogel auf dem Land sehr ähnelt, jedoch kein Vogel ist. Man weiß nicht genau, warum diese kleinen Wesen zu den Wachteln gehören. Ein Grund dafür könnte das ähnliche Verhalten und Aussehen sein. Die Singvögel sind scheu und fliegen selten auf; genauso wie die Wachteln, die sich immer in ihren Höhlen verstecken. Beide haben ein braunes Federkleid mit einer weißen Längsstreifung, mit dem Unterschied, dass Singvögel Flügel und hühnerfußähnliche Beine haben und die kleinen Zauberwesen Arme und Beine, wie ein Menschenkörper sie besitzt. Die Arme sind jedoch doppelt so lang wie der Oberkörper, und ihre Beine können sie weit dehnen, wenn sie an Wänden hochklettern und die Breite dafür brauchen. Das Gesicht ist unterschiedlicher Art, denn es gleicht keinem Vogel. Es wirkt ein wenig gruselig, wenn man die Wesen nicht kennt. Die Nase ist spitz und lang, und der Mund gleicht einem Fischmaul mit schmalen Lippen. Die Augen sind groß und man könnte meinen, dass sie jeden Moment aus der Augenhöhle herauskullern. Die Kopfhaare sind in der Regel nur spärlich vorhanden, wobei einige wenige in das Gesicht hängen. Im Grunde sind es liebe Wesen. Trotzdem sollte man stets überlegt mit ihnen umgehen. Sie können hinterhältig handeln und Wahrheiten zu ihrem Nutzen auslegen.
»Gefällt mir dieses Spiel wirklich so gut, dass ich es mir an meinem Geburtstag wünschen möchte?«, bezweifelte Nimue. Sie schüttelte den Kopf und entschied sich, einen weiteren Wunsch vor ihrem inneren Auge zu visualisieren. Nimue dachte an ein schönes Fest. An eines, das anders sein sollte, wie ihr großes Geburtstagsfest. Sie stellte sich einen geschmückten Tafelsaal vor und eine Gästeliste, die nur sehr kurz war. Als sie sich gerade ihre Mutter in ihren Gedanken herholte, platschte etwas laut an ihr Fenster. Nimue zuckte heftig zusammen. Sie blinzelte und das Bild in ihren Gedanken verschwand.
Wieder im Hier und Jetzt blickte sie auf die Glasscheibe und entdeckte darauf einen eigenartigen Fleck. »Platsch«, machte es noch einmal so laut und heftig, dass Nimue zurückschnellte. Da sah sie ein kleines Wesen auf der äußeren Seite des Fensters kleben. Sie berührte die Stelle mit ihren Fingern und erkannte, dass das Glas noch ganz war. Dann beobachtete sie das Wesen, wie es die Arme und Beine seitlich bis zum Fensterrahmen ausdehnte. Danach kletterte es mühsam den Fensterrahmen hoch. Der kleine Körper, der sich nun in der Mitte des Fensters befand, wirkte auf sie verletzlich und berührte Nimues Herz. Sie überlegte, wer das sein könnte und rieb sich die Augen, um es noch klarer sehen zu können.
»Ist dieses kleine Wesen nicht eine Wachtel?«, vermutete sie unsicher. Gerade hatte sie an die Wachtelfamilie gedacht, die das tolle Spiel erfunden hat. War das Zufall?
Als das Wesen langsam höher kletterte, beschwerte es sich: »Du könntest mir helfen, dann ginge das alles hier ein wenig schneller.«
Sogleich öffnete Nimue das Fenster und holte das kleine Wesen herein.
»Hallo, Nimue.«
»Hallo! Wer bist du?«
»Ich bin die Wachtel Cotur. Ich möchte mit dir wegen des Festes sprechen.«
»Des Festes?«, erwiderte sie erstaunt.
»Ja. Wir haben gehört, dass in zehn Tagen dein Uaneala-Fest steigt. Auch wenn wir das Wasser nicht ausstehen können, wir möchten trotzdem dabei sein.« Cotur atmete tief durch, bevor er infrage stellte: »Wie haltet ihr das hier unten nur aus?« Er schüttelte skeptisch seinen Kopf, wobei sich seine dünnen Haare wild hin- und herbewegten. »Egal, wie sieht’s aus?«
»Ich weiß es nicht. Opa hat gesagt, dass ich nicht jeden einladen kann, der mich darum bittet.«
»Papperlapapp, Nimue, ich und meine Familie sind doch nicht ein jeder. Wir sind die hochfürstliche Wachtelfamilie von der Zauberinsel Nord.«
»Wie groß ist deine Familie?«
»Ganz klein nur. Wir sind zwölf Wachteln und so winzig, dass wir nicht viel Platz brauchen.«
Nimue hatte noch nie etwas über eine hochfürstliche Wachtelfamilie von der Zauberinsel gehört, und doch mochte sie dieses kleine, hässlich aussehende Wesen auf Anhieb. Sie überlegte kurz, ihren Großvater zu fragen. Bei dem Gedanken fiel ihr jedoch auf, dass sie sicherlich schon wieder zu spät zum Abendessen kommen würde.
»Gut, Cotur, komm mit deiner Familie. Wo und wann …«
»Weiß ich alles«, unterbrach er sie, während er sich verbeugte. »Danke, Eure Hoheit. Wir freuen uns auf dein Fest.« Dann sprang er auf den geöffneten Fensterrahmen, und schwuppdiwupp war die Wachtel verschwunden.
Nimue schloss schnell das Fenster und lief zum Saal. Erneut hörte sie die Elfenstimmen sich zuprosten, bevor sie noch den Saal erreicht hatte. Nachdem sie eingetreten war, schwebte sie schnell zu ihrem Tisch.
Dort angekommen, ermahnte sie Aar: »Nimue, das sollte aber nicht zur Gewohnheit werden.«
Sie wusste, dass er von ihren vielen Verspätungen sprach und nickte ihm zu.
»Opa, die hochfürstliche Wachtelfamilie kommt auch.«
Er kannte die Familie und nickte ebenso. Darauf teilte er Nimue mit: »Morgen, meine Kleine, kommt mein Onkel Katar.«
»Ich weiß, Opa«, sprudelte es freudig aus ihr heraus.
Gleichzeitig wurde es ganz still am Tisch. Alle Anwesenden lauschten Aars Worten.
»Er kommt wegen dir und deines Geburtstags.« Aar fügte für die neugierigen Ohren hinzu: »Und natürlich auch, weil er uns alle wiedersehen möchte.« Dies rief eine Freude hervor, die er nun in einigen Gesichtern lesen konnte. Aus diesem Grund war er froh, es noch erwähnt zu haben. Danach wandte er sich wieder Nimue zu: »Ich möchte, dass du zwei Tage vor deinem Geburtstag einen Waldrundgang mit ihm machst. Geht das in Ordnung?«
Nimue bewegte ihren Kopf schnell auf und ab, während sie übers ganze Gesicht strahlte. »Natürlich, Opa, ich freu mich schon darauf.«
Der König, der dem Gespräch gelauscht hatte, lächelte Nimue zustimmend an. »Gut, meine kleine Nimue, das freut mich sehr«, bemerkte Seoras daraufhin bedächtig, »mein Bruder liebt die Natur. Bestimmt wird er das offene Meer vermissen.«
»Meinst du, Uropa?«
»Er schreibt Außergewöhnliches über den Ozean und die Kraft, die das Wasser ihm zukommen lässt. Man könnte meinen, der Ozean wäre seine große Liebe.« Seoras lacht.
»Ich werde ihm die schönsten Orte in unserem Wald zeigen. Da bekommt er bestimmt kein Heimweh.«
Seoras lächelte zufrieden. »Da bin ich mir sicher, meine kleine Nimue.«
Daraufhin versanken alle Anwesenden in ihre Gedanken, die sich hauptsächlich um Katar drehten. Die, die ihn nicht kannten, stellten sich vor, wie er wohl aussehen könnte. Die, die ihn kannten, freuten sich und schwelgten in Erinnerungen an ihn.
Nach dem Essen ging Nimue langsam den Arkadengang entlang zu ihrem Zimmer. Der Mond stand bereits hoch oben am Himmel und warf vor ihr die Schatten der Säulen auf den Boden. Da machte sich eine Vorfreude in ihr breit, Katar bald kennenzulernen. Es prickelte förmlich in ihrer Brust. Dies teilte sie mit einer aufkommenden Aufregung, weil alles mit ihr und ihrem Geburtstag zusammenhing. Zudem ahnte sie, dass da noch mehr dahintersteckte.
»Bin ich dem Unbekannten gewachsen?«, fragte sie sich ein wenig ängstlich.
»Nimue, mach dir über unbekannte Dinge keine Sorgen. Das ist wirklich eine Verschwendung der Zeit«, meinte Oona, wie aus dem Nichts.
Nimue stockte der Atem.
»Weißt du, meine Kleine, alles wird gut. Katar freut sich sehr auf dich. Das allein soll dich bewegen.«
Nimue nickte und gab ihrer Großmutter einen Kuss auf die Wange. »Gute Nacht, Oma.«
»Gute Nacht und schlaf gut.« Sogleich verschwand Oona hinter einer massiven Holztür.
Da hörte Nimue das Klappern von Geschirr aus dem Tafelsaal. Außerdem nahm sie die Stimme eines Heinzelchens deutlich wahr, das dort aufräumte: »Das tue ich doch! Nimue wird das schon machen.«
Nimue wurde neugierig und ging zurück in den Saal.
»Was werde ich machen?«, fragte sie laut in den Saal hinein.
Die arbeitenden Heinzelchen blieben abrupt stehen.
»Uns belohnen«, hörte sie ein Männlein aus den hinteren Reihen rufen. Langsam trat es hervor und verbeugte sich. Es erklärte: »Nimue, wir werden auf deinem Uaneala-Fest die Arbeit erledigen. Sie wird umfangreich sein und anstrengend werden.«
Sogleich ertönte die tiefe Stimme von Nimues Schwester Marie, die spottete: »Sei still, dafür seid ihr doch da, oder etwa nicht?«
Marie stand auf einem kleinen Balkon und beobachtete das Geschehen im Saal. Nimue, der Maries harte Worte zuwider waren, lief ein unangenehmer kalter Schauer über den Rücken.
Sie blickte zurück zu dem Männlein und versuchte Maries Aussage wiedergutzumachen: »Ich danke euch sehr dafür. Ohne euch wäre mein Fest nicht möglich.«
»Dank ist gut und schön, aber Stress, Stress, Stress ist einfach nicht gut für unsere Gesundheit.«
Nimue hatte keine Ahnung, auf was dieses Männlein hinauswollte.
Es wiederholte sich: »Stress, Stress, Stress macht Kopf und Körper kaputt.«
»Willst du an diesem Tag nicht arbeiten?«, fragte sie daraufhin ein wenig verwirrt.
Ein Schimmer von Angst durchzog seine Augen und er schrie mit schriller, lauter Stimme: »Nein, nein, nein, ich will, denn dafür bin ich da!«
»Um was geht es dann?«
Marie schüttelte den Kopf und verließ den Raum. Als sie die Balkontür bewegte, konnte das Männlein Aar dahinterstehen sehen, der das Gespräch verfolgte. Das Männlein antwortete nicht mehr. Es ging zum nächsten Tisch und nahm ein paar Teller in seine Hand. Damit ging es schnell in Richtung Küche.
Nimue verstand die Situation nicht. »Was nun, was willst du?«
Es drehte sich um, stellte die Teller ab und erwiderte: »Wir alle würden gerne nach deinem Uaneala-Tag ein Fest feiern, bei dem wir bedient und bewirtet werden.«
»Nicht, dass ich euch euren Wunsch nicht gerne gewähren würde. Ich kann solch ein großes Anliegen nicht selbst entscheiden. Da musst du schon den König fragen.«
Es verbeugte sich und sagte: »Danke, Eure Hoheit, das werde ich.«
Danach nahm es die Teller wieder an sich und verschwand in die Küche.
Nimue wusste nun gar nicht mehr, was sie von diesem Gespräch halten sollte. Sie entschied sich dennoch dafür, es dabei zu belassen und in ihr Zimmer zu gehen.
Die Heinzelchen stammten vom Volk der Heinzelmännchen ab. Im Gegensatz zu den Heinzelmännchen konnten sie jedoch auch unter Wasser leben. Nachdem das Reich Shenja fertig aufgebaut war, boten sie ihre Dienste am Hofe an und Seoras nahm sie gerne auf. Ihre Entlohnung bestand hauptsächlich aus einer Bleibe und der Nahrung, die sie benötigten. Im letzten Monat des Jahres bekamen sie dazu ein paar Goldringe, um sich auf dem alljährlichen Zaubermarkt auf der Zauberinsel Süd etwas kaufen zu können.