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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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Der Zaubermarkt fand immer am 13ten Tag des 13ten Monats statt und endete mit einem großen Fest. Für diesen einen Tag verwandelte sich der südliche Teil der Insel vollkommen aus seiner ursprünglichen Art. Alte Häuser standen an vorher leeren Plätzen und Springbrunnen ragten aus dem Boden, die verschiedene Figuren darstellten. An den Ortseingängen waren Türme mit Aussichtspunkten angebracht, sodass der Besucher das ganze Geschehen auch von oben betrachten konnte. Cafés aller Art säumten die wild verzweigten Straßen. Davon verkörperten einige eine Lebensart der Menschen. Die beliebtesten waren ein französisches, ein italienisches, ein bayerisches und ein englisches Kaffeehaus. Diese waren oft so überfüllt, dass man die Türen nicht mehr schließen konnte, während die anderen nur wenige bis keine Besucher hatten. Trotzdem kamen sie jedes Jahr aufs Neue.
Keines der Zauberwesen im Umkreis von hundert Kilometern wollte sich diesen festlichen Markt entgehen lassen, und so trafen sie sich jährlich auf der Zauberinsel. Diese Insel war für das menschliche Auge eine kleine Insel auf dem Chiemsee. Nichtsdestotrotz lebten dort viele Zauberwesen. Zusätzlich fand dort der alljährliche Markt statt. Die Zauberschule war ebenfalls auf dieser Insel integriert. Dies war nur möglich, weil dort Raum und Zeit nicht im üblichen Sinne existierten. Der Raum war immer so groß, wie er benötigt wurde, und die Zeit konnte hie und da verzaubert werden. Für das Fest bedeutete dies, dass alle Gäste ausreichend Platz hatten und manchmal schossen bei großer Nachfrage noch weitere Restaurants oder Cafés aus dem Boden. Zudem verlief die Zeit langsamer, ruhiger und gemütlicher als sonst. Sie dehnte sich derartig aus, dass man gefühlsmäßig drei Tage feierte und nicht einen, wie kalendarisch bestimmt.
Es gab dort viele Verkaufsstände, die sich an den mit Kopfsteinpflastern belegten und manchmal sehr kurvigen Gassen aneinanderreihten. Zudem existierten viele Läden mit allerlei Gebrauchswaren, Textilien und Antiquitäten. Alles, was das Herz begehrte, konnte man an diesem Tag erwerben.
Manches Mal sah man Wesen, die wie wild einkauften. Sie gaben Mengen von Gold-, Silber- oder Bronzeringen aus, was nicht selten auf einen Zauberspruch des Verkäufers zurückzuführen war. Dies war allerdings nur mit Wesen möglich, die sich davor aus Leichtsinn nicht schützten. Dabei konnte der Zauber sie direkt im Herzen treffen und ihre Einkaufslust so steigern, dass sie alles nur Mögliche mitnahmen. So nahm der Kaufrausch kein Ende und der Verkäufer wurde dafür reich belohnt.
Nimue konnte dies nicht passieren, da Aar jedes Jahr erneut eine unsichtbare Schutzhülle über ihren Körper legte. Sie liebte vor allem die Bücherläden. Dort konnte sie die Welt außerhalb ihres Königreichs erkunden. Oft stand sie stundenlang in einem dieser Geschäfte und suchte nach dem richtigen Buch oder las Zeitschriften mit den Ereignissen des letzten Jahres oder sprach mit den Verkäufern über deren Erlebnisse. Ihre Schwestern waren währenddessen in Cafés oder Bekleidungsgeschäften und kümmerten sich nur wenig um die Leidenschaft ihrer kleinen Schwester. Ihre Interessen waren grundverschieden. Deshalb trennten sie sich meist am Eingang und trafen sich wieder am Ende des Tages, wenn der festliche Ort mit all seinen schönen Häusern, Gassen und Springbrunnen wieder ins Nichts verschwand.
In der Regel lief dieser Festtag friedlich ab und doch kamen manchmal böse Wesen, die das ganze Fest durcheinanderbrachten. Sie zerstörten Geschäfte, die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, oder vergifteten die Speisen und Getränke der Cafés, sodass sich die Gäste übergeben mussten. Egal, was an diesem Tag angestellt wurde, es zog besonders harte Strafen nach sich. Der Grund dafür war, dass die Zauberwelt diesen Tag dem Licht widmete und somit allem, was damit verbunden war. Dies war so heilig, dass sich normalerweise auch die dunklen Wesen daran hielten, und doch gab es immer wieder Ausnahmen.
Nimue lag schon seit einiger Zeit im Bett, als der Mond nach und nach mehr in ihr Zimmer schien. Die Fenstersprossen zogen dabei seltsam ausgefranste Streifen an den Wänden entlang, die sie an die Längsstreifung der Wachtel erinnerten.
Durch die magische Wasserenergie erreichten die Lichtstrahlen der Sonne, des Mondes und der Sterne das Reich Shenja intensiver als auf dem Land. In dieser Nacht leuchtete der Mond besonders hell und Nimue beobachtete die Schatten an der Wand, die sich langsam nach unten bewegten. Dabei fiel ihr eine Laterne am Ufer der Fraueninsel ein, die ihr besonders gefiel. Sie konzentrierte sich darauf, schärfte ihre Sinne, um auf die weite Entfernung klar sehen zu können und musterte sie. Dabei sah sie ein Paar am Ufer stehen, das sich unterhielt. Die beiden hatten ihren Hund Bello dabei, der Nimues Blicke spürte und zu bellen anfing.
Das Paar sah sich um und verstand nicht, warum der Hund das Wasser anbellte. Sie versuchten, Bello zu beruhigen, jedoch vergeblich, da dieser in Wahrheit nicht aufgewühlt bellte, sondern mit Nimue sprach. Er erzählte ihr lautstark, dass er ein neues Kunststück gelernt hatte und wie toll es aussehen würde. Er könnte es ihr jedoch nicht sofort zeigen, da seine Besitzer das nicht verstehen würden.
Bello vermutete: »Weißt du, Nimue, für das Kunststück gebe ich verschiedene Laute von mir. Einer hört sich wohl klagend an. Ich glaube, da denken meine neuen Eltern, dass ich winsle und Schmerzen habe. Menschen verstehen meine Darbietung halt nicht.«
Gleichzeitig fingen seine Besitzer an, ihn vom Ufer wegzuziehen. Er wehrte sich noch für ein paar Sekunden, um Nimue zuzurufen: »Gute Nacht, Eure Hoheit. Bis bald, Nimue.«
Dann gab er nach und folgte ihnen.
»Gute Nacht, Bello«, antwortete sie in Gedanken, die für Bello hörbar waren.
Nachdem er weg war, fragte sie sich, warum sie neuerdings so viele »Eure Hoheit« nannten. Sie war es gewöhnt, dass man sie mit ihrem Vornamen ansprach und ausschließlich damit. Doch dies hatte sich seit ein paar Wochen geändert. Das Durcheinander in ihrem Kopf überforderte sie allmählich. Es eröffnete sich eine ungeklärte Frage nach der anderen. Ihr wurde klar, dass sie in diesem Moment keine Antwort auf all ihre Fragen finden würde und so schloss sie ihre Augen und schlief ein.
Bald darauf hörte Nimue eine ihr unbekannte, weiche Stimme rufen: »Nimue, Nimue, komm, sprich mit mir.«
Sie erwiderte: »Ich darf nicht so viele zu meinem Fest einladen.«
»Nimue, Nimue, wo bist du?«
Nimue verstand die Frage nicht und antwortete: »In meinem Zimmer, wo denn sonst?«
»Schau um dich und sieh selbst.«
Sie öffnete ihre Augen und sah, dass sie nicht in ihrem Zimmer war, sondern auf einer Wiese, die voll blühender Blumen war. Kleeblätter reihten sich aneinander, und die Farbenpracht der Gräser und Blumen war unbeschreiblich intensiv und bezaubernd. Erstaunt sah sie um sich und erkannte, dass viele Tannenzapfen am Boden lagen und das, obwohl keine Tannenbäume oder andere Bäume weit und breit zu sehen waren. Eine endlose Weite lag vor ihr, die unbeschreiblich harmonisch wirkte. Da spürte sie ihre nackten Füße im Gras. Immer stärker nahm sie die Berührung wahr, bis sie das Gefühl hatte, sich mit der Erde zu verbinden. Dabei entfachte sich eine Wärme in ihren Füßen, die sich behutsam über den ganzen Körper ausbreitete. Sie vermittelte ihr ein wohliges Gefühl. Zur gleichen Zeit fing es an, Blätter vom Himmel zu regnen. Nimue blickte nach oben und sah viele verschiedene Farben, die den Himmel wie einen bunten Teppich aussehen ließen. Es war, als ob jede Jahreszeit ihre Blätter auf die Erde herabfallen lassen und somit mit ihr kommunizieren würde. Zudem funkelten sie im Sonnenlicht, als ob sie Gold in sich tragen würden. Einige berührten sie weich auf ihrer Haut, während sie den Boden ansteuerten. Nach einer Weile mischten sich Fichten- und Lärchenzapfen darunter, die golden schimmerten. Auch diese berührten sie, allerdings so sanft, als ob es Federn wären. Dann vermehrten sich die Arten, sodass Nimue den Überblick verlor.
Sie öffnete ihre Arme und rief: »Wie schön. Oh, wie schön.«
»Ich bin es, deine gute Fee«, erklang die Stimme erneut, »ich werde dich immer begleiten und dir auf deiner Reise beistehen. Hab keine Angst, Nimue. Du wirst mit Gold überschüttet und der Reichtum des Lebens wird dein sein.«
Daraufhin begrüßte sie der Wind, der sich langsam einschlich und rundherum die Blätter aufwirbelte. Nimue blieb stillstehen, während die Böen immer stärker wurden. Als der Wind so stark um sie herum wehte, dass sie sich fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte, hörte sie ihren Großvater sagen: »So, so, meine Kleine.«
Sie riss ihre Augen auf und bemerkte, dass sie in ihrem Bett lag. Der Mond war verschwunden und so zeigte sich die Nacht von ihrer dunklen Seite. Deshalb konnte Nimue im ersten Moment lediglich die Silhouette ihres Großvaters wahrnehmen, der auf ihrem Bettrand saß.
»Die gute Fee hat dich besucht und dir ihre Hilfe angeboten.«
»War das ein einfacher Traum?«, fragte Nimue erstaunt.
»Ja und nein, Rao’ra. Träume beinhalten deine Emotionen. Manche davon sind wichtig, dass du sie erkennst. Andere wiederum sind dazu da, um Erlebtes zu verarbeiten. Manches Mal jedoch schleichen sich andere Wesen in unsere Träume ein, um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten.«
»Warum tun sie das?«
»Weil sie uns auf diese Weise etwas mitteilen möchten.«
»So wie die Fee gerade eben?«
»Ja, so wie die Fee gerade eben. Maeve ist eine kriegerische Lichtfee und steht deinem Urgroßvater und mir bei, so wie sie auch schon deinen verstorbenen Vorfahren half. Sie unterstützte sie, die beschwerliche Reise zu überstehen und dabei gesund zu bleiben.«
»Aha, Opa«, staunte Nimue, »was wollte sie mir mitteilen? Ich verstehe nicht, warum sie mich in meinem Traum besucht?«
»Weil sie dich auserwählt hat, so wie sie auch deine Vorfahren auserwählte.«
Aar verschwieg ihr dabei, dass Maeve nur den Königen ihrer Familie und deren Kronprinzen mit ihrem besonderen Schutz beistand. Kronprinzessinnen hatte es ja bisher noch nicht gegeben. Für Aar war dies ein weiteres Zeichen, dass die Hohen Meister des Lichts, gemeinsam mit seinen Vorfahren, Nimue als zukünftige Königin auserwählt hatten, und doch war dies keine endgültige Entscheidung. Nun kam es auf Nimue selbst an. War sie wirklich dazu bestimmt, die zukünftige Königin zu werden? Aar durfte sie so lange nicht auf ihre mögliche Bestimmung hinweisen, bis sie selbst den richtigen Pfad finden würde, falls es letztendlich ihre Bestimmung war.
Da blickte Aar in das irritierte Gesicht seiner Enkelin und erklärte: »Maeve hat sich dir sozusagen vorgestellt, meine Kleine. Von nun an steht sie dir zur Seite. Das bedeutet, sie beschützt dich und hilft dir, wann immer du sie brauchst. Sie kann dich heilen, wenn du dich verletzt oder wenn dich dunkle Energien heimsuchen oder du anderweitig krank wirst. Sie ist in der Kräuterkunde einzigartig ausgebildet. Daher kannst du ihre selbst gebrauten Zaubertränke immer zu dir nehmen. Ansonsten trinke niemals etwas, das du nicht kennst oder von jemandem, dem du nicht vertraust. Das kann gefährlich sein, meine Kleine, sehr gefährlich.«
Nimue nickte zustimmend, während sie weiter seinen Worten lauschte.
»Maeve ist eine sehr beschäftigte Fee. Sie ist die Königin der Feen und hat sich zur Aufgabe gemacht, die Umwelt zu schützen. Sie liebt den Wald und vor allem die Blumen. Du kannst überall mit ihr sprechen, aber eine besondere Freude machst du ihr, wenn du sie rufst und dabei Blumen um dich stehen hast.« Aar lächelte Nimue liebevoll an. »Du weißt ja, dass die Menschen die Umwelt immer mehr belasten und dieser immer größer werdenden Aufgabe stellt sich Maeve. Sie flüstert Wissenschaftlern Möglichkeiten ins Ohr, wie sie umweltbewusste Alternativen erfinden können, und klärt die Luft mit selbst gebrauten Wasserstoffen. Manch ein Mensch hat ihre klaren Energien schon spüren dürfen. Man sagt, dass diese daraufhin gesund bis an ihr Lebensende waren.«
»Wow, Opa, ich bin froh, dass sie mich auserwählt hat.«
»Ja, das bin ich auch, meine Kleine.« Er klopfte sanft auf ihre Schulter. »Jetzt schlaf, Nimue. Du brauchst die nächsten Tage viel Kraft und Energie.«
Sie drehte sich auf den Bauch und spürte, wie ihr Großvater ihr einen Kuss auf die Wange gab. Kurz darauf war er verschwunden. Eine Stille kehrte ein, in der Nimue sofort wieder einschlief, als ob alles nur ein Traum gewesen wäre.
»Nur noch neun Tage«, das waren die ersten vier Worte, an die Nimue an diesem Morgen dachte. Neun Tage, und es war so weit: viele Gäste, vorzügliche Speisen, ein wunderschönes Kleid, das bereits im vergangenen Marktfest für sie angefertigt worden war, Tanz und Musik und, ja, der Wunsch. Das Letztere bereitete ihr noch Sorgen. Aus diesem Grund wollte sie gleich nach dem Frühstück zur Eiche gehen.
Sie öffnete ihre Augen und setzte sich auf. Dabei bemerkte sie die Unruhe außerhalb ihres Zimmers. Sie vernahm im Gang viele Schritte auf und ab laufen und Stimmen sich Arbeitsanweisungen zurufen.
Da dämmerte es ihr. »Natürlich, heute kommt Katar!«
Nimue konnte es kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Sie fiel in einen Rausch von Geschichten über Katar, die ihre Gedanken vollkommen einnahmen. Noch während sie vor sich hin träumte, klopfte es an der Tür.
»Herein!«
Aoife beugte sich mit ihrem Oberkörper neugierig ins Zimmer. »Guten Morgen, Nimue«, begrüßte sie ihre kleine Schwester und sprang mit einem Satz ins Zimmer. »Weißt du schon, was du dir wünschst?«
Nimue schüttelte den Kopf.
Aoife wartete nicht lange auf eine Antwort und erklärte: »Ich habe damals auch lange darüber nachgedacht. Dann siegte mein Traum vom Marktfest und du weißt ja, ich durfte durch das Zeitloch hindurch das Fest in einer anderen Dimension erleben. 13 Tage lang habe ich gefeiert. Das war der Hammer, Nimue.«
Nimue ließ sich zurück aufs Kissen fallen, als sie untertrieb: »Ja, ich weiß. Du hast es uns schon ein paar Mal erzählt.«
Aoife setzte sich zu ihr und schlug vor: »Soll ich dir helfen?«
Nimue wollte partout nicht, dass ihre Schwester ihr half. Sie hatten so gut wie keine gemeinsamen Interessen. Trotzdem antwortete sie zu ihrer eigenen Überraschung: »Natürlich.«
»Ein Schwein«, schwärmte Aoife spontan.
»Nein«, rief Nimue entsetzt. Nicht, weil sie Schweine nicht mochte, aber das Gelächter auf dem Fest konnte sie jetzt schon hören, auch wenn Schweine Glück in jeder Hinsicht bringen sollten.
»Ein Pferd«, schlug Aoife daraufhin vor.
»Vielleicht …«, antwortete sie zögernd.
»Aha, du hast also schon darüber nachgedacht. Dann erzähl mal!«
Nimue wusste nicht mehr weiter. »Kann uns nicht jemand stören?«, bat sie in Gedanken den Himmel. Sie wollte nicht über ihre Wünsche sprechen, denn hatte Oona nicht gesagt, dass sie darüber schweigen sollte?
Sekunden später vernahmen sie im Zimmer ein lautes Klopfgeräusch. Beide erschraken heftig und so antwortete erst einmal keiner.
»Sowas, die alte Buche ziert sich ganz, ganz schön heftig«, hörten sie kurz darauf eine helle Stimme empört bemerken. Beide sahen um sich. Dabei entdeckten sie direkt vor ihnen auf dem Holzboden eine Stelle, die sich verschiedenartig hochwölbte, worauf sie sich zu einer undefinierbaren Form entwickelte. Daraufhin platzte das Holz am obersten Ende, als ob ein Vulkan ausbrechen würde. Gleich darauf sprang ein kleiner Geist mit einem »Huih« heraus, und schon fiel das Holz wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück.
Der Geist putzte seinen Mantel und rief mit verärgerter Stimme: »Diese Buche wird immer störrischer. Es wird immer schwerer, sie zu durchdringen!«
Aoife und Nimue sahen sich mit weit aufgerissenen Augen an. Zur gleichen Zeit hörten sie ein lautes Geräusch, das einem monotonen Knurren ähnelte. Die Buche lachte den kleinen Geist aus. Der wiederum stampfte mit dem rechten Fuß fest auf den Boden.
»Da! Lach du nur, du stures Holz«, rief er laut.
Doch der Holzboden konterte mit schaukelnden Auf- und Abwärtsbewegungen, sodass der kleine Geist ein paar Zentimeter hoch in die Luft geschleudert wurde. Dieser war nicht mehr fähig zu reagieren und krachte mit einem lauten »Aua!« hart zurück auf das Holz.
Nimue und Aoife lachten, da der Geist sich nun wie ein Spielball auf und ab bewegte.
Schließlich gab der Holzboden nach.
Der Geist putzte seinen Mantel erneut und erklärte mit fester Stimme: »Der wird noch was erleben!« Dann wandte er seinen Blick den beiden zu, änderte spontan seinen verärgerten Gesichtsausdruck in einen freundlichen und sagte: »Hallo, Eure Hoheiten, wie geht es Euch heute, an diesem so schönen Tag?«
Der Geist hob zu einem Sprung auf Nimues Bett an, jedoch nicht, bevor er dem Holzboden noch einmal einen Tritt verpasst hatte. Dieser war kaum härter als ein Federnschlag hätte sein können, und so reagierte die Buche nicht darauf. Eine Sekunde später stand er auf dem Bett direkt vor den beiden Mädchen und putzte erneut seinen Mantel.
»Der Mantel ist doch total sauber«, schmunzelte Nimue, »muss wohl ein eigenartiger Tick sein.«
Sie mochte den kleinen Kerl auf Anhieb und überlegte, welches Wesen es sein könnte. Der Sprung auf das Bett war so gar nicht der eines Geistes, dem er aber aufgrund seines beinahe kristallklaren Körpers optisch ähnelte. Es war eher noch der Sprung eines Kobolds, aber dann war es eine Koboldart, von der sie noch nie etwas gehört oder gesehen hatte.
Er unterbrach ihren Gedankengang mit den Worten: »Bald steht ein Fest bevor. Meine Familie und ich möchten daran teilhaben. Lädst du uns ein, Nimue?«
Aoife wandte sich ihrer kleinen Schwester zu und deutete mit ihren Augen an, dass sie Nein sagen sollte.
Nimue verstand ihre Andeutung, dennoch fragte sie: »Wer bist du?«
»Ich bin ein Waldgeist und heiße Ukuku. Wir leben mit den Menschen zusammen auf dem Land; genauer gesagt, leben wir auf Herrenchiemsee.«
»Woher weißt du von dem Fest?«
Der Geist fing an laut zu kichern. Er lachte so fest, dass sein Körper vibrierte, während ihn Nimue und Aoife verdutzt anstarrten.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, meinte er: »Jeder weiß von deinem Fest, Nimue.«
Sie nickte, ohne verstanden zu haben. »Wie viele seid ihr?«
Er zählte mit seinen Fingern ab: »Mikuku, Brikuku, Elikuku, Jokuku …«
Dabei folgte Nimue seinen kleinen dicken Fingern und ihrer Bewegungen. Er hatte an jeder Hand nur drei davon. Sie war erstaunt darüber, denn sie hatte eine derartige Hand noch nie zuvor gesehen. Seine Statur war klein, etwa 30 Zentimeter hoch und seine braunen Haare versteckten sich unter einer lila Mütze. Man konnte nur ein paar dunkle Spitzen herausragen sehen. Ukuku hatte winzige Ohren, die man nur bei genauer Betrachtung erkannte. Er trug einen braunen Mantel, der seinen schwer erkennbaren Körper verdeckte. Nur seine Hände und Füße ragten heraus. Er hatte keine Schuhe an, was seine langen Zehen im Vergleich zu den kleinen Füßen überaus stark hervorstechen ließ.
Nimue verglich den kleinen Geist mit ihren guten Freunden, den Seegeistern, doch diese sahen ganz anders aus. Noch dazu sprangen sie niemals herum, so wie es Ukuku tat. Trotzdem deutete sein Körper auf eine Geisterart hin, und somit war sich Nimue sicher, er würde die Wahrheit sprechen. Zudem amüsierte sie sich über seinen Mantel und dessen lustige Eigenheit umherzuflattern, als ob ein starker Wind wehen würde. In einigen Momenten sah es danach aus, als ob unter dem Mantel gar nichts wäre. Zumindest nichts, was mit Elfenaugen zu sehen war.
Da schweiften Nimues Gedanken vollkommen ab, während Ukuku weitere Namen aufzählte, und sie fragte sich: »Schweben nicht alle Geister?«
Sie konnte es sich nicht erklären, als ihr bewusst wurde, dass es von jedem Wesen verschiedene Arten gab und sie natürlich nicht alle Geisterarten kennen konnte. Sie hörte dem kleinen Geist wieder bewusst zu, als er die Zahl »14« erwähnte.
»Es gibt also 14 Waldgeister deines Stammes?«, fragte Nimue nach.
Er verbeugte sich. »Ja, Eure Hoheit.«
»Ich freue mich, euch alle auf meinem Fest begrüßen zu dürfen.«
Sie hörte ein »Huih, hudihui«, und schon war er mit ein paar Sprüngen aus dem offenen Fenster verschwunden.
Aoife sah sie mit einem unmissverständlichen Blick an, sagte jedoch nichts, worauf Nimue entschlossen aufstand.
»Ich muss weg, Aoife.«
Kurz darauf verließ sie ihr Zimmer.
Nimue war auf dem Weg zur Eiche, um endlich mit ihrer inneren Stimme zu sprechen. Während sie durch das Dickicht des Waldes ging, hörte sie Aaro schon von der Ferne mit seiner Nachbarin lautstark diskutieren.
Als er Nimue entdeckte, rief er ihr zu: »Nimue, gut, dass du kommst.«
Sie verließ das Dickicht und schon begrüßte sie Aaros Nachbareiche: »Hallo, Nimue, ich habe gehört, dass du bald Geburtstag hast.«
Nimue nickte.
»Ich bin Eikondia.«
»Das weiß ich doch?!«, wunderte sich Nimue.
»Was glaubst du, könnten wir mitfeiern?«
»Wie soll das gehen, ihr könnt euch doch nicht von hier wegbewegen? Das Fest findet im Schloss statt.«
»Ja«, antwortete Eikondia und sprach langsam und bedacht weiter, »vielleicht hast du noch eine Idee, wie es doch gehen könnte?«
»Ich kann ja einmal darüber nachdenken?«, schlug Nimue vor. Doch Eikondias Blick senkte sich und da meinte Nimue: »Versprochen!«
Aaro nickte zustimmend. Dann forderte er Nimue auf: »Nun schnell rein da«, während er mit einem Zweig auf seinen bereits offen stehenden Baumstamm deutete. »Du hast heute noch einiges vor, nicht wahr? Geplaudert wird ein andermal.«
Sie folgte seiner Anweisung und ging in die Höhle. Dabei begrüßte sie die Stuhldame, die noch ein wenig beleidigt mit einem leisen »Hey« antwortete.
Nimue setzte sich auf den Boden und kreuzte ihre Füße, so wie der Eichenbaum es ihr erklärt hatte. Die Hände legte sie dabei auf ihre Oberschenkel. Währenddessen hörte sie laute Krachgeräusche von Aaro, der nun all seine Energie auf die Höhle konzentrierte. Dann wurde es warm um sie herum. Sie flüsterte: »Danke, Aaro.«