Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 5
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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Der Zau­ber­markt fand im­mer am 13ten Tag des 13ten Mo­nats statt und en­de­te mit ei­nem gro­ßen Fest. Für die­sen einen Tag ver­wan­del­te sich der süd­li­che Teil der In­sel voll­kom­men aus sei­ner ur­sprüng­li­chen Art. Alte Häu­ser stan­den an vor­her lee­ren Plät­zen und Spring­brun­nen rag­ten aus dem Bo­den, die ver­schie­de­ne Fi­gu­ren dar­stell­ten. An den Orts­ein­gän­gen wa­ren Tür­me mit Aus­sichts­punk­ten an­ge­bracht, so­dass der Be­su­cher das gan­ze Ge­sche­hen auch von oben be­trach­ten konn­te. Ca­fés al­ler Art säum­ten die wild ver­zweig­ten Stra­ßen. Da­von ver­kör­per­ten ei­ni­ge eine Le­bens­art der Men­schen. Die be­lieb­tes­ten wa­ren ein fran­zö­si­sches, ein ita­lie­ni­sches, ein baye­ri­sches und ein eng­li­sches Kaf­fee­haus. Die­se wa­ren oft so über­füllt, dass man die Tü­ren nicht mehr schlie­ßen konn­te, wäh­rend die an­de­ren nur we­ni­ge bis kei­ne Be­su­cher hat­ten. Trotz­dem ka­men sie je­des Jahr aufs Neue.

Kei­nes der Zau­ber­we­sen im Um­kreis von hun­dert Ki­lo­me­tern woll­te sich die­sen fest­li­chen Markt ent­ge­hen las­sen, und so tra­fen sie sich jähr­lich auf der Zau­be­r­in­sel. Die­se In­sel war für das mensch­li­che Auge eine klei­ne In­sel auf dem Chiem­see. Nichts­des­to­trotz leb­ten dort vie­le Zau­ber­we­sen. Zu­sätz­lich fand dort der all­jähr­li­che Markt statt. Die Zau­ber­schu­le war eben­falls auf die­ser In­sel in­te­griert. Dies war nur mög­lich, weil dort Raum und Zeit nicht im üb­li­chen Sin­ne exis­tier­ten. Der Raum war im­mer so groß, wie er be­nö­tigt wur­de, und die Zeit konn­te hie und da ver­zau­bert wer­den. Für das Fest be­deu­te­te dies, dass alle Gäs­te aus­rei­chend Platz hat­ten und manch­mal schos­sen bei gro­ßer Nach­fra­ge noch wei­te­re Re­stau­rants oder Ca­fés aus dem Bo­den. Zu­dem ver­lief die Zeit lang­sa­mer, ru­hi­ger und ge­müt­li­cher als sonst. Sie dehn­te sich der­ar­tig aus, dass man ge­fühls­mä­ßig drei Tage fei­er­te und nicht einen, wie ka­len­da­risch be­stimmt.

Es gab dort vie­le Ver­kaufs­s­tän­de, die sich an den mit Kopf­stein­pflas­tern be­leg­ten und manch­mal sehr kur­vi­gen Gas­sen an­ein­an­der­reih­ten. Zu­dem exis­tier­ten vie­le Lä­den mit al­ler­lei Ge­brauchs­wa­ren, Tex­ti­li­en und An­ti­qui­tä­ten. Al­les, was das Herz be­gehr­te, konn­te man an die­sem Tag er­wer­ben.

Man­ches Mal sah man We­sen, die wie wild ein­kauf­ten. Sie ga­ben Men­gen von Gold-, Sil­ber- oder Bron­ze­rin­gen aus, was nicht sel­ten auf einen Zau­ber­spruch des Ver­käu­fers zu­rück­zu­füh­ren war. Dies war al­ler­dings nur mit We­sen mög­lich, die sich da­vor aus Leicht­sinn nicht schütz­ten. Da­bei konn­te der Zau­ber sie di­rekt im Her­zen tref­fen und ihre Ein­kaufs­lust so stei­gern, dass sie al­les nur Mög­li­che mit­nah­men. So nahm der Kauf­rausch kein Ende und der Ver­käu­fer wur­de da­für reich be­lohnt.

Ni­mue konn­te dies nicht pas­sie­ren, da Aar je­des Jahr er­neut eine un­sicht­ba­re Schutz­hül­le über ih­ren Kör­per leg­te. Sie lieb­te vor al­lem die Bü­cher­lä­den. Dort konn­te sie die Welt au­ßer­halb ih­res Kö­nig­reichs er­kun­den. Oft stand sie stun­den­lang in ei­nem die­ser Ge­schäf­te und such­te nach dem rich­ti­gen Buch oder las Zeit­schrif­ten mit den Er­eig­nis­sen des letz­ten Jah­res oder sprach mit den Ver­käu­fern über de­ren Er­leb­nis­se. Ihre Schwes­tern wa­ren wäh­rend­des­sen in Ca­fés oder Be­klei­dungs­ge­schäf­ten und küm­mer­ten sich nur we­nig um die Lei­den­schaft ih­rer klei­nen Schwes­ter. Ihre In­ter­es­sen wa­ren grund­ver­schie­den. Des­halb trenn­ten sie sich meist am Ein­gang und tra­fen sich wie­der am Ende des Ta­ges, wenn der fest­li­che Ort mit all sei­nen schö­nen Häu­sern, Gas­sen und Spring­brun­nen wie­der ins Nichts ver­schwand.

In der Re­gel lief die­ser Fest­tag fried­lich ab und doch ka­men manch­mal böse We­sen, die das gan­ze Fest durch­ein­an­der­brach­ten. Sie zer­stör­ten Ge­schäf­te, die sich nicht schnell ge­nug in Si­cher­heit brin­gen konn­ten, oder ver­gif­te­ten die Spei­sen und Ge­trän­ke der Ca­fés, so­dass sich die Gäs­te über­ge­ben muss­ten. Egal, was an die­sem Tag an­ge­stellt wur­de, es zog be­son­ders har­te Stra­fen nach sich. Der Grund da­für war, dass die Zau­ber­welt die­sen Tag dem Licht wid­me­te und so­mit al­lem, was da­mit ver­bun­den war. Dies war so hei­lig, dass sich nor­ma­le­r­wei­se auch die dunk­len We­sen dar­an hiel­ten, und doch gab es im­mer wie­der Aus­nah­men.

Ni­mue lag schon seit ei­ni­ger Zeit im Bett, als der Mond nach und nach mehr in ihr Zim­mer schien. Die Fens­ter­spros­sen zo­gen da­bei selt­sam aus­ge­frans­te Strei­fen an den Wän­den ent­lang, die sie an die Längs­strei­fung der Wach­tel er­in­ner­ten.

Durch die ma­gi­sche Was­se­r­ener­gie er­reich­ten die Licht­strah­len der Son­ne, des Mon­des und der Ster­ne das Reich Shen­ja in­ten­si­ver als auf dem Land. In die­ser Nacht leuch­te­te der Mond be­son­ders hell und Ni­mue be­ob­ach­te­te die Schat­ten an der Wand, die sich lang­sam nach un­ten be­weg­ten. Da­bei fiel ihr eine La­ter­ne am Ufer der Frauen­in­sel ein, die ihr be­son­ders ge­fiel. Sie kon­zen­trier­te sich dar­auf, schärf­te ihre Sin­ne, um auf die wei­te Ent­fer­nung klar se­hen zu kön­nen und mus­ter­te sie. Da­bei sah sie ein Paar am Ufer ste­hen, das sich un­ter­hielt. Die bei­den hat­ten ih­ren Hund Bel­lo da­bei, der Ni­mu­es Bli­cke spür­te und zu bel­len an­fing.

Das Paar sah sich um und ver­stand nicht, war­um der Hund das Was­ser an­bell­te. Sie ver­such­ten, Bel­lo zu be­ru­hi­gen, je­doch ver­geb­lich, da die­ser in Wahr­heit nicht auf­ge­wühlt bell­te, son­dern mit Ni­mue sprach. Er er­zähl­te ihr laut­stark, dass er ein neu­es Kunst­stück ge­lernt hat­te und wie toll es aus­se­hen wür­de. Er könn­te es ihr je­doch nicht so­fort zei­gen, da sei­ne Be­sit­zer das nicht ver­ste­hen wür­den.

Bel­lo ver­mu­te­te: »Weißt du, Ni­mue, für das Kunst­stück gebe ich ver­schie­de­ne Lau­te von mir. Ei­ner hört sich wohl kla­gend an. Ich glau­be, da den­ken mei­ne neu­en El­tern, dass ich wins­le und Schmer­zen habe. Men­schen ver­ste­hen mei­ne Dar­bie­tung halt nicht.«

Gleich­zei­tig fin­gen sei­ne Be­sit­zer an, ihn vom Ufer weg­zu­zie­hen. Er wehr­te sich noch für ein paar Se­kun­den, um Ni­mue zu­zu­ru­fen: »Gute Nacht, Eure Ho­heit. Bis bald, Ni­mue.«

Dann gab er nach und folg­te ih­nen.

»Gute Nacht, Bel­lo«, ant­wor­te­te sie in Ge­dan­ken, die für Bel­lo hör­bar wa­ren.

Nach­dem er weg war, frag­te sie sich, war­um sie neu­er­dings so vie­le »Eure Ho­heit« nann­ten. Sie war es ge­wöhnt, dass man sie mit ih­rem Vor­na­men an­sprach und aus­schließ­lich da­mit. Doch dies hat­te sich seit ein paar Wo­chen ge­än­dert. Das Durch­ein­an­der in ih­rem Kopf über­for­der­te sie all­mäh­lich. Es er­öff­ne­te sich eine un­ge­klär­te Fra­ge nach der an­de­ren. Ihr wur­de klar, dass sie in die­sem Mo­ment kei­ne Ant­wort auf all ihre Fra­gen fin­den wür­de und so schloss sie ihre Au­gen und schlief ein.

Bald dar­auf hör­te Ni­mue eine ihr un­be­kann­te, wei­che Stim­me ru­fen: »Ni­mue, Ni­mue, komm, sprich mit mir.«

Sie er­wi­der­te: »Ich darf nicht so vie­le zu mei­nem Fest ein­la­den.«

»Ni­mue, Ni­mue, wo bist du?«

Ni­mue ver­stand die Fra­ge nicht und ant­wor­te­te: »In mei­nem Zim­mer, wo denn sonst?«

»Schau um dich und sieh selbst.«

Sie öff­ne­te ihre Au­gen und sah, dass sie nicht in ih­rem Zim­mer war, son­dern auf ei­ner Wie­se, die voll blü­hen­der Blu­men war. Klee­blät­ter reih­ten sich an­ein­an­der, und die Fa­r­ben­pracht der Grä­ser und Blu­men war un­be­schreib­lich in­ten­siv und be­zau­bernd. Er­staunt sah sie um sich und er­kann­te, dass vie­le Tan­nen­zap­fen am Bo­den la­gen und das, ob­wohl kei­ne Tan­nen­bäu­me oder an­de­re Bäu­me weit und breit zu se­hen wa­ren. Eine end­lo­se Wei­te lag vor ihr, die un­be­schreib­lich har­mo­nisch wirk­te. Da spür­te sie ihre nack­ten Füße im Gras. Im­mer stär­ker nahm sie die Be­rüh­rung wahr, bis sie das Ge­fühl hat­te, sich mit der Erde zu ver­bin­den. Da­bei ent­fach­te sich eine Wär­me in ih­ren Fü­ßen, die sich be­hut­sam über den gan­zen Kör­per aus­brei­te­te. Sie ver­mit­tel­te ihr ein woh­li­ges Ge­fühl. Zur glei­chen Zeit fing es an, Blät­ter vom Him­mel zu reg­nen. Ni­mue blick­te nach oben und sah vie­le ver­schie­de­ne Fa­r­ben, die den Him­mel wie einen bun­ten Tep­pich aus­se­hen lie­ßen. Es war, als ob jede Jah­res­zeit ihre Blät­ter auf die Erde her­ab­fal­len las­sen und so­mit mit ihr kom­mu­ni­zie­ren wür­de. Zu­dem fun­kel­ten sie im Son­nen­licht, als ob sie Gold in sich tra­gen wür­den. Ei­ni­ge be­rühr­ten sie weich auf ih­rer Haut, wäh­rend sie den Bo­den an­steu­er­ten. Nach ei­ner Wei­le misch­ten sich Fich­ten- und Lär­chen­zap­fen dar­un­ter, die gol­den schim­mer­ten. Auch die­se be­rühr­ten sie, al­ler­dings so sanft, als ob es Fe­dern wä­ren. Dann ver­mehr­ten sich die Ar­ten, so­dass Ni­mue den Über­blick ver­lor.

Sie öff­ne­te ihre Arme und rief: »Wie schön. Oh, wie schön.«

»Ich bin es, dei­ne gute Fee«, er­klang die Stim­me er­neut, »ich wer­de dich im­mer be­glei­ten und dir auf dei­ner Rei­se bei­ste­hen. Hab kei­ne Angst, Ni­mue. Du wirst mit Gold über­schüt­tet und der Reich­tum des Le­bens wird dein sein.«

Dar­auf­hin be­grüß­te sie der Wind, der sich lang­sam ein­sch­lich und rund­her­um die Blät­ter auf­wir­bel­te. Ni­mue blieb still­ste­hen, wäh­rend die Böen im­mer stär­ker wur­den. Als der Wind so stark um sie her­um weh­te, dass sie sich fast nicht mehr auf den Bei­nen hal­ten konn­te, hör­te sie ih­ren Groß­va­ter sa­gen: »So, so, mei­ne Klei­ne.«

Sie riss ihre Au­gen auf und be­merk­te, dass sie in ih­rem Bett lag. Der Mond war ver­schwun­den und so zeig­te sich die Nacht von ih­rer dunk­len Sei­te. Des­halb konn­te Ni­mue im ers­ten Mo­ment le­dig­lich die Sil­hou­et­te ih­res Groß­va­ters wahr­neh­men, der auf ih­rem Bett­rand saß.

»Die gute Fee hat dich be­sucht und dir ihre Hil­fe an­ge­bo­ten.«

»War das ein ein­fa­cher Traum?«, frag­te Ni­mue er­staunt.

»Ja und nein, Rao’ra. Träu­me be­in­hal­ten dei­ne Emo­ti­o­nen. Man­che da­von sind wich­tig, dass du sie er­kennst. An­de­re wie­der­um sind dazu da, um Er­leb­tes zu ver­a­r­bei­ten. Man­ches Mal je­doch schlei­chen sich an­de­re We­sen in un­se­re Träu­me ein, um un­se­re Auf­merk­sam­keit zu er­hal­ten.«

»War­um tun sie das?«

»Weil sie uns auf die­se Wei­se et­was mit­tei­len möch­ten.«

»So wie die Fee ge­ra­de eben?«

»Ja, so wie die Fee ge­ra­de eben. Mae­ve ist eine krie­ge­ri­sche Licht­fee und steht dei­nem Ur­groß­va­ter und mir bei, so wie sie auch schon dei­nen ver­stor­be­nen Vor­fah­ren half. Sie un­ter­stütz­te sie, die be­schwer­li­che Rei­se zu über­ste­hen und da­bei ge­sund zu blei­ben.«

»Aha, Opa«, staun­te Ni­mue, »was woll­te sie mir mit­tei­len? Ich ver­ste­he nicht, war­um sie mich in mei­nem Traum be­sucht?«

»Weil sie dich aus­er­wählt hat, so wie sie auch dei­ne Vor­fah­ren aus­er­wähl­te.«

Aar ver­schwieg ihr da­bei, dass Mae­ve nur den Kö­ni­gen ih­rer Fa­mi­lie und de­ren Kron­prin­zen mit ih­rem be­son­de­ren Schutz bei­stand. Kron­prin­zes­sin­nen hat­te es ja bis­her noch nicht ge­ge­ben. Für Aar war dies ein wei­te­res Zei­chen, dass die Ho­hen Meis­ter des Lichts, ge­mein­sam mit sei­nen Vor­fah­ren, Ni­mue als zu­künf­ti­ge Kö­ni­gin aus­er­wählt hat­ten, und doch war dies kei­ne end­gül­ti­ge Ent­schei­dung. Nun kam es auf Ni­mue selbst an. War sie wirk­lich dazu be­stimmt, die zu­künf­ti­ge Kö­ni­gin zu wer­den? Aar durf­te sie so lan­ge nicht auf ihre mög­li­che Be­stim­mung hin­wei­sen, bis sie selbst den rich­ti­gen Pfad fin­den wür­de, falls es letzt­end­lich ihre Be­stim­mung war.

Da blick­te Aar in das ir­ri­tier­te Ge­sicht sei­ner En­ke­lin und er­klär­te: »Mae­ve hat sich dir so­zu­sa­gen vor­ge­stellt, mei­ne Klei­ne. Von nun an steht sie dir zur Sei­te. Das be­deu­tet, sie be­schützt dich und hilft dir, wann im­mer du sie brauchst. Sie kann dich hei­len, wenn du dich ver­letzt oder wenn dich dunk­le Ener­gi­en heim­su­chen oder du an­der­wei­tig krank wirst. Sie ist in der Kräu­ter­kun­de ein­zig­ar­tig aus­ge­bil­det. Da­her kannst du ihre selbst ge­brau­ten Zau­ber­trän­ke im­mer zu dir neh­men. An­sons­ten trin­ke nie­mals et­was, das du nicht kennst oder von je­man­dem, dem du nicht ver­traust. Das kann ge­fähr­lich sein, mei­ne Klei­ne, sehr ge­fähr­lich.«

Ni­mue nick­te zu­stim­mend, wäh­rend sie wei­ter sei­nen Wor­ten lausch­te.

»Mae­ve ist eine sehr be­schäf­tig­te Fee. Sie ist die Kö­ni­gin der Feen und hat sich zur Auf­ga­be ge­macht, die Um­welt zu schüt­zen. Sie liebt den Wald und vor al­lem die Blu­men. Du kannst über­all mit ihr spre­chen, aber eine be­son­de­re Freu­de machst du ihr, wenn du sie rufst und da­bei Blu­men um dich ste­hen hast.« Aar lä­chel­te Ni­mue lie­be­voll an. »Du weißt ja, dass die Men­schen die Um­welt im­mer mehr be­las­ten und die­ser im­mer grö­ßer wer­den­den Auf­ga­be stellt sich Mae­ve. Sie flüs­tert Wis­sen­schaft­lern Mög­lich­kei­ten ins Ohr, wie sie um­welt­be­wuss­te Al­ter­na­ti­ven er­fin­den kön­nen, und klärt die Luft mit selbst ge­brau­ten Was­ser­stof­fen. Manch ein Mensch hat ihre kla­ren Ener­gi­en schon spü­ren dür­fen. Man sagt, dass die­se dar­auf­hin ge­sund bis an ihr Le­bens­en­de wa­ren.«

»Wow, Opa, ich bin froh, dass sie mich aus­er­wählt hat.«

»Ja, das bin ich auch, mei­ne Klei­ne.« Er klopf­te sanft auf ihre Schul­ter. »Jetzt schlaf, Ni­mue. Du brauchst die nächs­ten Tage viel Kraft und Ener­gie.«

Sie dreh­te sich auf den Bauch und spür­te, wie ihr Groß­va­ter ihr einen Kuss auf die Wan­ge gab. Kurz dar­auf war er ver­schwun­den. Eine Stil­le kehr­te ein, in der Ni­mue so­fort wie­der ein­sch­lief, als ob al­les nur ein Traum ge­we­sen wäre.

»Nur noch neun Tage«, das wa­ren die ers­ten vier Wor­te, an die Ni­mue an die­sem Mor­gen dach­te. Neun Tage, und es war so weit: vie­le Gäs­te, vor­züg­li­che Spei­sen, ein wun­der­schö­nes Kleid, das be­reits im ver­gan­ge­nen Markt­fest für sie an­ge­fer­tigt wor­den war, Tanz und Mu­sik und, ja, der Wunsch. Das Letz­te­re be­rei­te­te ihr noch Sor­gen. Aus die­sem Grund woll­te sie gleich nach dem Früh­stück zur Ei­che ge­hen.

Sie öff­ne­te ihre Au­gen und setz­te sich auf. Da­bei be­merk­te sie die Un­ru­he au­ßer­halb ih­res Zim­mers. Sie ver­nahm im Gang vie­le Schrit­te auf und ab lau­fen und Stim­men sich Ar­beits­an­wei­sun­gen zu­ru­fen.

Da däm­mer­te es ihr. »Na­tür­lich, heu­te kommt Ka­tar!«

Ni­mue konn­te es kaum er­war­ten, ihn ken­nen­zu­ler­nen. Sie fiel in einen Rausch von Ge­schich­ten über Ka­tar, die ihre Ge­dan­ken voll­kom­men ein­nah­men. Noch wäh­rend sie vor sich hin träum­te, klopf­te es an der Tür.

»Her­ein!«

Aoi­fe beug­te sich mit ih­rem Ober­kör­per neu­gie­rig ins Zim­mer. »Gu­ten Mor­gen, Ni­mue«, be­grüß­te sie ihre klei­ne Schwes­ter und sprang mit ei­nem Satz ins Zim­mer. »Weißt du schon, was du dir wünschst?«

Ni­mue schüt­tel­te den Kopf.

Aoi­fe war­te­te nicht lan­ge auf eine Ant­wort und er­klär­te: »Ich habe da­mals auch lan­ge dar­über nach­ge­dacht. Dann sieg­te mein Traum vom Markt­fest und du weißt ja, ich durf­te durch das Zeit­loch hin­durch das Fest in ei­ner an­de­ren Di­men­si­on er­le­ben. 13 Tage lang habe ich ge­fei­ert. Das war der Ham­mer, Ni­mue.«

Ni­mue ließ sich zu­rück aufs Kis­sen fal­len, als sie un­ter­trieb: »Ja, ich weiß. Du hast es uns schon ein paar Mal er­zählt.«

Aoi­fe setz­te sich zu ihr und schlug vor: »Soll ich dir hel­fen?«

Ni­mue woll­te par­tout nicht, dass ihre Schwes­ter ihr half. Sie hat­ten so gut wie kei­ne ge­mein­sa­men In­ter­es­sen. Trotz­dem ant­wor­te­te sie zu ih­rer ei­ge­nen Über­ra­schung: »Na­tür­lich.«

»Ein Schwein«, schwärm­te Aoi­fe spon­tan.

»Nein«, rief Ni­mue ent­setzt. Nicht, weil sie Schwei­ne nicht moch­te, aber das Ge­läch­ter auf dem Fest konn­te sie jetzt schon hö­ren, auch wenn Schwei­ne Glück in je­der Hin­sicht brin­gen soll­ten.

»Ein Pferd«, schlug Aoi­fe dar­auf­hin vor.

»Viel­leicht …«, ant­wor­te­te sie zö­gernd.

»Aha, du hast also schon dar­über nach­ge­dacht. Dann er­zähl mal!«

Ni­mue wuss­te nicht mehr wei­ter. »Kann uns nicht je­mand stö­ren?«, bat sie in Ge­dan­ken den Him­mel. Sie woll­te nicht über ihre Wün­sche spre­chen, denn hat­te Oona nicht ge­sagt, dass sie dar­über schwei­gen soll­te?

Se­kun­den spä­ter ver­nah­men sie im Zim­mer ein lau­tes Klopf­ge­räusch. Bei­de er­schra­ken hef­tig und so ant­wor­te­te erst ein­mal kei­ner.

»So­was, die alte Bu­che ziert sich ganz, ganz schön hef­tig«, hör­ten sie kurz dar­auf eine hel­le Stim­me em­pört be­mer­ken. Bei­de sa­hen um sich. Da­bei ent­deck­ten sie di­rekt vor ih­nen auf dem Holz­bo­den eine Stel­le, die sich ver­schie­den­ar­tig hoch­wölb­te, wor­auf sie sich zu ei­ner un­de­fi­nier­ba­ren Form ent­wi­ckel­te. Dar­auf­hin platz­te das Holz am obers­ten Ende, als ob ein Vul­kan aus­bre­chen wür­de. Gleich dar­auf sprang ein klei­ner Geist mit ei­nem »Huih« her­aus, und schon fiel das Holz wie­der in sei­nen ur­sprüng­li­chen Zu­stand zu­rück.

Der Geist putz­te sei­nen Man­tel und rief mit ver­är­ger­ter Stim­me: »Die­se Bu­che wird im­mer stör­ri­scher. Es wird im­mer schwe­rer, sie zu durch­drin­gen!«

Aoi­fe und Ni­mue sa­hen sich mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen an. Zur glei­chen Zeit hör­ten sie ein lau­tes Ge­räusch, das ei­nem mo­no­to­nen Knur­ren äh­nel­te. Die Bu­che lach­te den klei­nen Geist aus. Der wie­der­um stampf­te mit dem rech­ten Fuß fest auf den Bo­den.

»Da! Lach du nur, du stu­res Holz«, rief er laut.

Doch der Holz­bo­den kon­ter­te mit schau­keln­den Auf- und Ab­wärts­be­we­gun­gen, so­dass der klei­ne Geist ein paar Zen­ti­me­ter hoch in die Luft ge­schleu­dert wur­de. Die­ser war nicht mehr fä­hig zu re­a­gie­ren und krach­te mit ei­nem lau­ten »Aua!« hart zu­rück auf das Holz.

Ni­mue und Aoi­fe lach­ten, da der Geist sich nun wie ein Spiel­ball auf und ab be­weg­te.

Schließ­lich gab der Holz­bo­den nach.

Der Geist putz­te sei­nen Man­tel er­neut und er­klär­te mit fes­ter Stim­me: »Der wird noch was er­le­ben!« Dann wand­te er sei­nen Blick den bei­den zu, än­der­te spon­tan sei­nen ver­är­ger­ten Ge­sichts­aus­druck in einen freund­li­chen und sag­te: »Hal­lo, Eure Ho­hei­ten, wie geht es Euch heu­te, an die­sem so schö­nen Tag?«

Der Geist hob zu ei­nem Sprung auf Ni­mu­es Bett an, je­doch nicht, be­vor er dem Holz­bo­den noch ein­mal einen Tritt ver­passt hat­te. Die­ser war kaum här­ter als ein Fe­dern­schlag hät­te sein kön­nen, und so re­a­gier­te die Bu­che nicht dar­auf. Eine Se­kun­de spä­ter stand er auf dem Bett di­rekt vor den bei­den Mäd­chen und putz­te er­neut sei­nen Man­tel.

»Der Man­tel ist doch to­tal sau­ber«, schmun­zel­te Ni­mue, »muss wohl ein ei­gen­ar­ti­ger Tick sein.«

Sie moch­te den klei­nen Kerl auf An­hieb und über­leg­te, wel­ches We­sen es sein könn­te. Der Sprung auf das Bett war so gar nicht der ei­nes Geis­tes, dem er aber auf­grund sei­nes bei­na­he kris­tall­kla­ren Kör­pers op­tisch äh­nel­te. Es war eher noch der Sprung ei­nes Ko­bolds, aber dann war es eine Ko­bold­art, von der sie noch nie et­was ge­hört oder ge­se­hen hat­te.

Er un­ter­brach ih­ren Ge­dan­ken­gang mit den Wor­ten: »Bald steht ein Fest be­vor. Mei­ne Fa­mi­lie und ich möch­ten dar­an teil­ha­ben. Lädst du uns ein, Ni­mue?«

Aoi­fe wand­te sich ih­rer klei­nen Schwes­ter zu und deu­te­te mit ih­ren Au­gen an, dass sie Nein sa­gen soll­te.

Ni­mue ver­stand ihre An­deu­tung, den­noch frag­te sie: »Wer bist du?«

»Ich bin ein Wald­geist und hei­ße Uku­ku. Wir le­ben mit den Men­schen zu­sam­men auf dem Land; ge­nau­er ge­sagt, le­ben wir auf Her­ren­chiem­see.«

»Wo­her weißt du von dem Fest?«

Der Geist fing an laut zu ki­chern. Er lach­te so fest, dass sein Kör­per vi­brier­te, wäh­rend ihn Ni­mue und Aoi­fe ver­dutzt an­starr­ten.

Nach­dem er sich wie­der be­ru­higt hat­te, mein­te er: »Je­der weiß von dei­nem Fest, Ni­mue.«

Sie nick­te, ohne ver­stan­den zu ha­ben. »Wie vie­le seid ihr?«

Er zähl­te mit sei­nen Fin­gern ab: »Mi­ku­ku, Bri­ku­ku, Eli­ku­ku, Jo­ku­ku …«

Da­bei folg­te Ni­mue sei­nen klei­nen di­cken Fin­gern und ih­rer Be­we­gun­gen. Er hat­te an je­der Hand nur drei da­von. Sie war er­staunt dar­über, denn sie hat­te eine der­ar­ti­ge Hand noch nie zu­vor ge­se­hen. Sei­ne Sta­tur war klein, etwa 30 Zen­ti­me­ter hoch und sei­ne brau­nen Haa­re ver­steck­ten sich un­ter ei­ner lila Müt­ze. Man konn­te nur ein paar dunk­le Spit­zen her­aus­ra­gen se­hen. Uku­ku hat­te win­zi­ge Oh­ren, die man nur bei ge­nau­er Be­trach­tung er­kann­te. Er trug einen brau­nen Man­tel, der sei­nen schwer er­kenn­ba­ren Kör­per ver­deck­te. Nur sei­ne Hän­de und Füße rag­ten her­aus. Er hat­te kei­ne Schu­he an, was sei­ne lan­gen Ze­hen im Ver­gleich zu den klei­nen Fü­ßen über­aus stark her­vor­ste­chen ließ.

Ni­mue ver­glich den klei­nen Geist mit ih­ren gu­ten Freun­den, den See­geis­tern, doch die­se sa­hen ganz an­ders aus. Noch dazu spran­gen sie nie­mals her­um, so wie es Uku­ku tat. Trotz­dem deu­te­te sein Kör­per auf eine Geis­ter­art hin, und so­mit war sich Ni­mue si­cher, er wür­de die Wahr­heit spre­chen. Zu­dem amü­sier­te sie sich über sei­nen Man­tel und des­sen lus­ti­ge Ei­gen­heit um­her­zu­flat­tern, als ob ein star­ker Wind we­hen wür­de. In ei­ni­gen Mo­men­ten sah es da­nach aus, als ob un­ter dem Man­tel gar nichts wäre. Zu­min­dest nichts, was mit El­fe­n­au­gen zu se­hen war.

Da schweif­ten Ni­mu­es Ge­dan­ken voll­kom­men ab, wäh­rend Uku­ku wei­te­re Na­men auf­zähl­te, und sie frag­te sich: »Schwe­ben nicht alle Geis­ter?«

Sie konn­te es sich nicht er­klä­ren, als ihr be­wusst wur­de, dass es von je­dem We­sen ver­schie­de­ne Ar­ten gab und sie na­tür­lich nicht alle Geis­ter­ar­ten ken­nen konn­te. Sie hör­te dem klei­nen Geist wie­der be­wusst zu, als er die Zahl »14« er­wähn­te.

»Es gibt also 14 Wald­geis­ter dei­nes Stam­mes?«, frag­te Ni­mue nach.

Er ver­beug­te sich. »Ja, Eure Ho­heit.«

»Ich freue mich, euch alle auf mei­nem Fest be­grü­ßen zu dür­fen.«

Sie hör­te ein »Huih, hu­di­hui«, und schon war er mit ein paar Sprün­gen aus dem of­fe­nen Fens­ter ver­schwun­den.

Aoi­fe sah sie mit ei­nem un­miss­ver­ständ­li­chen Blick an, sag­te je­doch nichts, wor­auf Ni­mue ent­schlos­sen auf­stand.

»Ich muss weg, Aoi­fe.«

Kurz dar­auf ver­ließ sie ihr Zim­mer.

Ni­mue war auf dem Weg zur Ei­che, um end­lich mit ih­rer in­ne­ren Stim­me zu spre­chen. Wäh­rend sie durch das Di­ckicht des Wal­des ging, hör­te sie Aaro schon von der Fer­ne mit sei­ner Nach­ba­rin laut­stark dis­ku­tie­ren.

Als er Ni­mue ent­deck­te, rief er ihr zu: »Ni­mue, gut, dass du kommst.«

Sie ver­ließ das Di­ckicht und schon be­grüß­te sie Aa­ros Nach­ba­rei­che: »Hal­lo, Ni­mue, ich habe ge­hört, dass du bald Ge­burts­tag hast.«

Ni­mue nick­te.

»Ich bin Ei­kon­dia.«

»Das weiß ich doch?!«, wun­der­te sich Ni­mue.

»Was glaubst du, könn­ten wir mit­fei­ern?«

»Wie soll das ge­hen, ihr könnt euch doch nicht von hier weg­be­we­gen? Das Fest fin­det im Schloss statt.«

»Ja«, ant­wor­te­te Ei­kon­dia und sprach lang­sam und be­dacht wei­ter, »viel­leicht hast du noch eine Idee, wie es doch ge­hen könn­te?«

»Ich kann ja ein­mal dar­über nach­den­ken?«, schlug Ni­mue vor. Doch Ei­kon­di­as Blick senk­te sich und da mein­te Ni­mue: »Ver­spro­chen!«

Aaro nick­te zu­stim­mend. Dann for­der­te er Ni­mue auf: »Nun schnell rein da«, wäh­rend er mit ei­nem Zweig auf sei­nen be­reits of­fen ste­hen­den Baum­stamm deu­te­te. »Du hast heu­te noch ei­ni­ges vor, nicht wahr? Ge­plau­dert wird ein an­der­mal.«

Sie folg­te sei­ner An­wei­sung und ging in die Höh­le. Da­bei be­grüß­te sie die Stuhlda­me, die noch ein we­nig be­lei­digt mit ei­nem lei­sen »Hey« ant­wor­te­te.

Ni­mue setz­te sich auf den Bo­den und kreuz­te ihre Füße, so wie der Ei­chen­baum es ihr er­klärt hat­te. Die Hän­de leg­te sie da­bei auf ihre Ober­schen­kel. Wäh­rend­des­sen hör­te sie lau­te Krach­ge­räu­sche von Aaro, der nun all sei­ne Ener­gie auf die Höh­le kon­zen­trier­te. Dann wur­de es warm um sie her­um. Sie flüs­ter­te: »Dan­ke, Aaro.«

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