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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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»Willst du wissen, Nimue, was für ein Buch das ist?«
Sie nickte aufgeregt.
»Es ist unser Ahnenbuch, in dem alle deine Vorfahren stehen. Es heißt Shenjam.«
Ihre Augen weiteten sich. »Alle?«
»Ja, alle.«
»Du auch, Opa?«
»Ja, ich auch und du auch, meine Kleine.«
Nimue sprang auf und rannte zu ihrem Großvater, lehnte sich bei ihm an den Stuhl und betrachtete die aufgeschlagene Seite. Dort war sein Vater Seoras, der König, festgehalten. Am oberen Rand konnte sie lesen »Sohn des Tadgh, ehemaliger König des Königsreichs Shenja – SEORAS, König des Königreichs Shenja.« An beiden Seiten befand sich eine Pflanze, die von unten nach oben wuchs.
»Siehst du die Pflanze, Nimue? Sie wächst, solange die Elfe am Leben ist. Der Tod beendet ebenso ihr Wachstum. Dadurch kann man schon beim ersten Blick erkennen, ob die Elfe noch am Leben ist und, falls nicht, wie alt sie geworden ist.«
Er blätterte eine Seite weiter. Auf dieser war die Pflanze nur zur Hälfte hochgewachsen und Nimue stellte fest – im Gegensatz zu der vorherigen – sie bewegte sich nicht leicht hin und her. Sie las den Namen Barabel und wusste sogleich wieso. Es war ihre Urgroßmutter, die auf der langen Reise in England umgebracht worden war.
»Was ist das für eine Blume?«
»Das ist ein Efeu, Mamas Lieblingspflanze.«
Er blätterte eine Seite weiter und da war Katar. Seine Blume war ein gelber Fingerhut, der sich leicht bewegte. »Siehst du, mein Onkel liebt den gelben Fingerhut. Besonders seine reine, gelbe Blütenfarbe hat es ihm angetan.« Er blickte kurz zu ihr auf und bemerkte: »So wie dein Kleid. Gute Wahl!«
Sie lächelte zufrieden. »Und ich, Opa, was habe ich für eine Blume?«
Er blätterte weiter und weiter, bis er auf ihre Seite stieß. Mittig am oberen Rand las sie: »Tochter des Hubert, des Königs Enkel – NIMUE, Urenkelin des Königs.« Dann entdeckte sie ihre Blume am unteren Rand. Sie war noch ganz klein. Sie machte den Anschein, als ob sie gerade erst zu wachsen begonnen hätte.
Erstaunt fragte Nimue: »Wie kann das Buch das wissen? Wie geht das? Diese Blume wächst doch seit meiner Geburt?«
»Ja, das tut sie und ja, es weiß mehr als du ahnst. Wenn du bereit bist, wirst du es auch lesen können.«
»Wie meinst du das?«
»In dieser Schrift liegen dir viele Worte noch verborgen. Sie zeigen sich nur den Auserwählten. Auch ich kann nur bedingt über unsere Vorfahren lesen.«
»Wer kann dann alles darin lesen?«
»Seoras ist ein Auserwählter. Ihm zeigen sich alle Wörter.«
»Was steht in diesem Buch?«
»Alles über den oder die Elfe, deren Name oben am Rand steht. Dabei spielen Herkunft, Charakter, Kämpfe, Verdienste, Ehe, Freunde, Feste, bewusste und unbewusste Taten eine Rolle; einfach alles, das vollkommene Leben dieser Elfe.«
»Wow. Meinst du, dass ich irgendwann mal die Wörter lesen kann?«
»Vielleicht, Nimue, vielleicht.«
»Kann ich die Blumen meiner Eltern sehen«, fragte Nimue ein wenig traurig.
Er holte gerade Luft, um zu antworten, als abrupt die Tür aufgerissen wurde.
Nimue erschrak heftig, dann hörte sie Marie schreien: »Katar, Katar!«
Es lag eine Bedrohung in ihrer Stimme, was Nimue beunruhigte. Im Grunde gab es keine Unruhen oder andere bedrohliche Ereignisse in ihrem Elfenleben, und doch lehrte ihr Großvater sie, immer achtsam zu sein. Leichtsinn konnte schreckliche Folgen haben, wie sich an ihrer Familiengeschichte bereits zeigte.
Aar schloss das Buch und legte es in einen Raum hinter einem Bild, den Nimue bisher nicht kannte. Er rückte das Bild wieder zurecht und rief: »Ich komme!«
»Was ist los, Marie?«, wollte Nimue wissen.
»Geh in dein Zimmer und warte, bis ich komme«, hörte sie daraufhin ihre Großmutter Oona sagen, ohne sie dabei zu sehen.
Marie und Aar verschwanden durch die Tür, worauf Nimue wie versteinert auf dem gleichen Platz stand.
»Was ist passiert?«, fragte sie sich. »Warum muss ich in mein Zimmer gehen?«
Langsam bewegte sie sich fort. Als sie dort ankam, überfiel sie die Neugierde. »Nein«, sagte sie bestimmend, »ich will wissen, was da los ist!«
Nimue schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und sah sich um. Der Gang war elfenleer. Daraufhin begab sie sich in die große Eingangshalle.
»Uhrilia, weißt du, was hier vor sich geht?«
»Ich weiß nur, dass vor genau 14 Minuten und zehn Sekunden Marie schreiend durch die Halle lief. Dann, genau fünf Minuten und drei Sekunden später, rannte die Kammerelfe Ttschi elfenschnell durch den Raum, gefolgt von anderen Elfen und ein paar Heinzelchen. Gerade eben, also vor zwei Minuten und 59 Sekunden, lief dein Großvater mit Marie durch die Halle und verließ sie durch die große Eingangstür wieder.« Uhrilia atmete tief durch. »Also«, beschwerte sie sich beleidigt, »mir sagt ja keiner was. Ich bin ja nur eine kleine Uhrenelfe, die die Zeit für alle im Überblick behält.«
»Danke, Uhrilia, das bist du bestimmt nicht. Wir sind alle sehr froh, dich zu haben.«
Diese ungewöhnlich netten Worte freuten die Uhr, und so lächelte sie vor sich hin.
Nimue ging in den Hof hinaus und sah allerlei Tiere, die fraßen, miteinander kommunizierten oder wild umherliefen. Sie blickte zu den Pferdeställen und entdeckte ihren Großvater, der hinter einer Stalltür verschwand. Diese stand einen Spalt weit offen und so verstand sie die Stimmen der anwesenden Elfen. Abrupt blieb sie vor der Tür stehen, um ihren Worten zu lauschen. Sie war sich nicht über die Identität aller dortigen Elfen sicher, doch ihre Großmutter, Aoife, Marie und auch die leise Stimme ihres Vaters hörte sie mit Gewissheit.
»Was sollen wir machen?«, fragte Oona besorgt.
»Wir brauchen Männer, und zwar viele«, vernahm sie Aars Stimme.
»Ich komme auch mit, Vater«, bestimmte Hubert entschlossen.
»Nein«, erwiderte Aar, »das ist zu gefährlich für dich. Du bist zu klein und daher zu angreifbar. Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert!«
Darauf folgte ein lautes Raunen. Nimue war zu aufgeregt, als dass sie sich auf die einzelnen Worte hätte konzentrieren können. »Was ist da los?«, wunderte sie sich zunehmend. »Aar braucht ein Heer an Männern?«
Da hörte sie Oona mitteilen: »Ich gehe und läute die Glocke.«
»Die Glocke?«, erschrak Nimue. Man läutete die Glocke nur, wenn große Gefahr drohte. Was sollte das heißen? War Katar in Gefahr? Sollte das Krieg bedeuten oder eine Rettungsaktion? Sie wurde immer unruhiger und riss die Tür zum Stall auf.
»Was ist hier los?«, kreischte sie, da ihre Stimme vor Aufregung zitterte.
Marie warf ihre Hände in die Luft, während sie mit tiefer Stimme erwiderte: »Nimue, warum bist du nicht in deinem Zimmer!«
»Was ist hier los?«, wiederholte sich Nimue nun mit festem Unterton.
»Katar wurde überfallen. Wir wissen nicht, wo er steckt«, meinte Oona, die gerade an ihr vorbei in den Hof hinausging.
Die Glocke läutete dreimal. Dies war das Signal, dass alle Krieger ihre Pferde satteln mussten, um sich im Hof, am Eingangstor des Schlosses, zu versammeln.
Aar rannte an Nimue vorbei, während das Getümmel im Hof zunahm.
Nimue folgte ihm und sah einige Elfenmänner hoch oben auf ihren Pferden sitzen. Sie beobachtete ihren Großvater, wie er ein Messer in eine Satteltasche eines Kriegerelfs steckte. Bei diesem Anblick überkam sie der Wunsch, dabei zu sein und sie sagte entschlossen: »Ich komme mit!«
»Nein, Nimue, ganz bestimmt nicht«, erwiderte Aar und verschwand in einen naheliegenden Tara-Pferdestall.
Unbeirrt ging Nimue zu dem Hengst, mit dem sie normalerweise ausritt, und holte ihn aus der Box. Sie sattelte ihn geschwind und stellte sich mitten unter die wartenden Männer. Mit ihrem blass-gelben Kleid fiel sie auf und so riefen ihr einige zu: »Hey, was machst du hier? Bleib im Schloss!«
Auch Aar entdeckte Nimue und nickte Oona zu. Es dauerte nicht lange und Nimue spürte eine sanfte Hand auf ihrem Rücken. Während sie diese leicht vom Pferd hob, gab Aar das Startkommando. Am Boden aufgekommen, wieherte ihr Hengst und rannte den anderen hinterher; ohne Nimue.
»Was denkst du dir eigentlich?!«, sagte Oona verärgert.
»Ich wollte doch nur …«
»Ja, nur! Das nur kann deinen Tod bedeuten. Du bist nicht für einen Kampf ausgebildet.«
Sie wusste, dass ihre Großmutter recht hatte. Trotzdem war sie aufgebracht. Nimue wollte Aar folgen, Katar retten, und Oona hatte es verhindert.
Nimue brauchte eine Weile, um die aus der Enttäuschung resultierende Wut wieder loszuwerden. Missmutig folgte sie ihrer Großmutter in Richtung Eingangshalle. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn, bis die Neugierde den Ärger vertrieb.
»Wer ist es?«
»Wer ist was?«, fragte Oona nach.
»Wer sind die Angreifer?«
»Das wissen wir nicht. Aus diesem Grund wurden die besten Krieger gerufen, sozusagen für alle Fälle. Wir hoffen, dass es übermütige kleine Wesen sind, die lediglich aufgrund ihrer Anzahl Katar und seine Frau Léa überwältigen konnten. Geh jetzt in dein Zimmer!«
Nimue folgte und tappte in aller Ruhe durch die Eingangshalle die Treppe zu den Arkaden hinauf. Da riss sie Uhrilia unsanft aus ihren Gedanken: »Nimue, erzähl schon, was ist los?«
Sie blieb an der obersten Stufe stehen und blickte direkt in Uhrilias Augen. »Katar und Léa wurden entführt.«
»Mamma Mia, von wem?«, fragte Uhrilia, während sie sich heftig schüttelte. Dabei hallten metallische Töne durch den Raum, als ob ein Triebwerk aufeinanderschlagen würde.
»Wir wissen es nicht, Uhrilia.«
»Solche Barbaren!«, rief sie laut.
Diese Antwort trieb Nimues Neugierde auf den Gipfel. Sie sah um sich und entdeckte weit und breit niemanden, auch Oona war bereits hinter Aars Bürotür verschwunden. Dann machte sie kehrt und lief zur Eingangstür zurück. Sie spitzte ihren Kopf hinaus und bemerkte, dass auch im Hof keine Elfenseele mehr zu sehen war. Schwuppdiwupp, und schon war sie in Richtung Eiche unterwegs. Um schneller voranzukommen, schwebte sie durch die Baumwipfel hindurch in Richtung ihres Freundes.
Bevor sie ihn sah, hörte sie seine dunkle Stimme rufen: »Was machst du hier, Nimue?«
Sie erreichte ihn sogleich und antwortete: »Ich möchte wissen, was los ist, und du weißt doch immer alles.«
Auch wenn der Baum sich geehrt über ihre Worte fühlte, wusste er, dass sie bei Gefahr das Schloss nicht verlassen durfte.
»Geh in mein kleines Reich hinein, dann sprechen wir weiter«, flüsterte er.
Sie stand bereits im Bauminneren, als sie ihn ungeduldig aufforderte: »Also?«
»In ganz Europa ist bekannt, dass bald dein Geburtstag stattfindet. Jeder will zu deinem Fest kommen oder es verhindern.«
»Verhindern?«, erwiderte Nimue schockiert.
»Ja, Nimue, verhindern! Du wirst bald eine mächtige kleine Elfe sein. Na ja, klein wohl eher nicht mehr«, meinte er nun mit weicher Stimme, »auf jeden Fall wollen einige dunkle Mächte diesen Geburtstag verhindern, sodass du deine Geschenke nicht bekommst.«
»Meine Geschenke?«, fragte sie irritiert, »was wollen die mit meinen Geschenken?«
Er seufzte derartig tief, dass das Holz laut krachte. Die Bewegung erschütterte den Boden und warf Nimue und Stúhly dabei hin und her.
Die Stuhldame reagierte verärgert: »Verflixt und zugenäht!«
Ohne darauf zu reagieren, erklärte Aaro: »Manche Geschenke werden deine Energien anheben und dir neue Fähigkeiten verleihen. Diese Fähigkeiten werden dich auf deinem weiteren Weg begleiten und könnten für die dunklen Mächte eine Gefahr darstellen, denn dadurch wird die Macht des Lichtes verstärkt.«
»Wie bitte?«, bezweifelte Nimue seine Worte.
Da schüttelte die Stuhldame theatralisch ihre Rückenlehne. »Welch Jammer, dieses Mädchen hat ja gar keine Ahnung.«
»Halt dein freches Mundwerk, Stuhl!«, erwiderte Aaro barsch.
»Ja, ja, Maestro.«
»Wie bitte?!«, konterte er sogleich.
»Nichts und gleich gar nichts, ich habe nichts gehört und du, Nimue?«
Nimue war vollkommen in ihren Gedanken versunken. Sie nahm ihre Worte nur vage wahr und doch antwortete sie: »Gar nichts.« Dann schoss es aus ihr heraus: »Was heißt das alles?! Wie kann das durch meine Geschenke zustande kommen, und warum betrifft das mich?«
»So viele Fragen und ich kann dir keine davon beantworten. Dies alles musst du schon deinen Urgroßvater Seoras fragen. Nur er ist befugt, dir solche Dinge zu beantworten.«
»Dinge?« Nimue schüttelte den Kopf.
Aaro wollte sein Wissen mit ihr teilen. Dennoch war er sich bewusst, dass niemand im Land Seoras Aufgabe übernehmen durfte und so flüsterte er geheimnisvoll: »Wenn dein Wunsch passt, ist es wohl so und nicht anders, Nimue.«
»Mein Wunsch«, rief sie aufgewühlt, »was hat der damit zu tun?«
»Keine Panik, war nur so dahingesprochen.«
»Meinst du, es geht um Mama und Papa?«
Yavira und Hubert – einmal erwähnt und schon wurde der Baum schwermütig. Durch das tiefe Atmen bewegten sich die Holzwände im Takt hin und her.
Die Stuhldame wurde dabei permanent angerempelt und sagte streng: »Mach ihn bloß nicht traurig, Nimue. Oh, Himmel, lass ihn nicht traurig sein! Du weißt, Nimue, er ist nah am Wasser gebaut. Wenn er erst einmal das Weinen anfängt, sind wir hier nicht mehr sicher.«
Nimue verstand. »Ist schon gut, Aaro. Ich weiß ja, dass dies der einzige Wunsch ist, den ich nicht äußern darf.« Danach stellte sie keine Fragen mehr.
Die Stuhldame, nun auch von Emotionen berührt, dehnte sich aus, sodass ihr Sitz breit genug war, um Nimue aufzunehmen.
Nimue setzte sich mit einem leisen »Danke«.
Eine Weile ruhten sie in vollkommener Stille. Diese wurde von Aaro unterbrochen, mit der Auskunft: »Nimue, mir wurde gerade von der Eule mitgeteilt, dass die Fakane Katar und seine Frau entführt haben.«
»Wer sind die Fakane?«
»Sie sind boshafte, kleine Kobolde. Sie können sich in alle Tierarten verwandeln und dabei ihre Kräfte nutzen. Dies macht sie zu starken Kriegern.«
»Was wollen sie von Katar?«
»Nichts, einfach nur Schabernack treiben.«
»Warum treibt jemand einfach nur so Schabernack? Das kann in diesem Fall doch auch gefährlich sein«, fragte Nimue erstaunt.
»Es bringt ihnen ein großes Aufsehen und das wiederum Berühmtheit. Spätestens morgen werden sie im Tagblatt der Zauberwelt stehen; auf der Titelseite. Eine größere Aufmerksamkeit könnten sie nicht bekommen. In ganz Europa wird die Zauberwelt über sie sprechen!«
»Also, sie machen das nur wegen der Aufmerksamkeit?«
»Manche Wesen brauchen das, Nimue, so sind sie halt.« Er räusperte sich verlegen. »Unsereins kennt das natürlich nicht«, erwähnte er mit einem befangenen Unterton. »Geh jetzt heim, sie werden bald da sein.«
»Haben sie Katar und Léa schon befreien können?«
»Ja, sie sind auf dem Weg ins Schloss.«
Er öffnete den Höhleneingang.
Nimue trat heraus, worauf sie geblendet vom hellen Nachmittags-Licht blinzelte. »Danke!«, rief sie und lief schnurstracks nach Hause.
Da hörte Aaro die Stuhldame sagen: »So, so, die Fakane brauchen Aufmerksamkeit?«
»Sei still, Stuhl«, erwiderte er grimmig.
»Ist es nicht so, dass die Fakane sehr bösartige Wesen sind, die sich bereits seit Jahren damit brüsten, die Energieanhebung des Lichts verhindern zu wollen?«
Aaro blieb still.
»Meiner Meinung nach, natürlich, nach der bescheidenen Meinung einer Stuhldame, war das nur ein Vorgeschmack dessen, was die Zauberwelt noch zu erwarten hat. Sie zeigen uns ihre Macht, denn wenn man den Bruder des Königs so mir nichts dir nichts entführen kann, dann …?«
»Warum wären sie so dumm und würden die Elfen vorwarnen? Hast du darauf eine Antwort, Schlaumeierin?«, unterbrach Aaro.
Er war beunruhigt und die Stuhldame konnte dies spüren, denn Nimue schwebte in Gefahr und diese war unberechenbar. Der Eichenbaum liebte seine Freundin und so wollte er sie beschützen. Allerdings wusste er auch, dass dies nur bis zu einem geringen Grad möglich war, was ihn nun noch stärker beunruhigte.
Die Stuhldame räusperte sich. Mit ein wenig Wehmut in der Stimme meinte sie: »Kein Wunder, dass die Schattenwelt kopfsteht. Seit Nimues Geburt erleuchtet sie das Reich durch ihre besonders reine Seele. Mehr und mehr wird sie den Schatten vertreiben. Die Folge ist eine Eskalation, vor allem wenn sie gekrönt wird.«
»Sprich nicht so!«, bat der Baum Stúhly barsch, wenn auch nur aus Angst um Nimue. Er wusste, dass die Stuhldame ausnahmsweise recht hatte. Die Dunkel- und Schattenwelt träumte von einer Welt ohne Licht und Liebe. Hass sollte regieren, der die überlebenden Lichtwesen zu deren Sklaven machen sollte.
Auch Nimue hörte immer wieder von den andauernden Kämpfen, konnte sich aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen, denn bis jetzt lebte sie unbeschwert und sicher im Königreich. Der Rest waren lediglich Geschichten, die keine Wirklichkeit für sie darstellten, auch wenn sie immer wusste, dass diese Machtkämpfe der Wahrheit entsprachen.
Im Schloss war Nimues erster Weg in den Pferdestall, um ihre Mutter zu besuchen. Sie kniete sich vor dem Heu auf den Boden und begrüßte sie.
»Mama, hast du schon gehört, sie haben Katar gefunden und sind auf dem Rückweg.«
»Ja, meine Liebe, das habe ich gehört.«
Nimue legte sich zu ihrer Mutter auf das Heu. Yavira strich ihr sanft über die Wange, was Nimue kitzelte und sie zum Lachen brachte.
»Ich weiß, Nimue, du hast eine große Lebensaufgabe erhalten. Das ist sicherlich nicht leicht. Ich würde so gerne für dich da sein. Es tut mir leid.«
»Das ist schon gut, Mama. Ist ja nicht deine Schuld. Irgendwie weiß ich ja noch gar nicht, um was es hier eigentlich geht. Aaro hat so etwas angedeutet. Auf irgendeine Art und Weise sollte mein Wunsch zu etwas passen und wenn er nicht passt, dann passiert gar nichts. Und was passiert, wenn mein Wunsch doch passt, weiß ich auch nicht wirklich.«
»Gut, meine Liebe, dann werde ich es dir jetzt erklären. Es ist so oder so an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Wir, dein Vater und ich, haben zudem vom König die Erlaubnis erhalten, mit dir darüber zu sprechen«, erklärte Yavira mit ruhiger Stimme.
Beide lagen nun mit dem Rücken auf dem Heu und betrachteten das Holzdach der Stallung. Da bemerkte Nimue eine Unruhe, die im menschlichen Teil des Chiemsee-Wassers vorherrschen musste. Sie schärfte ihre Augen und sah am Flussufer einen Mann stehen, der angelte.
»Die armen Fische«, murmelte Nimue.
»Wie bitte?«, fragte Yavira nach, die gerade einen Anfang suchte.
»Ach, oben auf der Fraueninsel steht ein Fischer.«
»Ach so. Du isst Fisch doch auch sehr gerne.«
»Ja, schon, aber wenn ich von hier unten zusehe, wie sie sterben, verstehe ich Tante Tiara, warum sie Vegetarierin ist.«
Yavira lachte, dennoch zustimmend. Darauf folgte eine fast geisterhafte Stille im Raum. Dann hörten sie ein paar Hunde aus einem Napf fressen.
»Also, Nimue, pass auf. Du, meine Liebe, bist eine Elfenprinzessin, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat. Als direkter Nachfahre der Könige unseres Reiches bist du eine mögliche Thronfolgerin.«
»Aber Mama, ich bin doch die Jüngste von uns vieren und ein Mädchen noch dazu!«, erwiderte Nimue entsetzt.
»Das bist du, dennoch bist du auch voller außergewöhnlicher lichtvoller Energien, die nicht nur das Reich Shenja positiv beeinflussen. Dein Herz strahlt die reine Liebe aus. Damit erhöhst du die Energien des Lichts auf der Erde. Die Menschen und andere Wesen fühlen das. Auch wenn nur wenige wissen, woraus die Veränderung resultiert. In der Geisterwelt wird über dich gesprochen. Man sagt, dass du die dunkle Schattenwelt mehr und mehr aufweckst und dabei ihre Gier nach dem Stein steigerst.«
»Nach welchem Stein?«, fragte Nimue neugierig.
»Eigentlich, meine Liebe, hätte dein Vater dieses Erbe antreten sollen, aber wir waren zu leichtsinnig und haben es vermasselt. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass das magische Datum genau auf deine Geburtskonstellation fällt. Dies ist ein weiterer Beweis für den König, dass du von den Lichtmächten auserwählt worden bist. Du hast sehr viele Eigenschaften, die darauf hinweisen. Endgültig jedoch ist es immer noch nicht entschieden.«
»Was, Mama?«, wollte sie ungeduldig wissen.
»Ob du die erste Königin unseres Reiches Shenja wirst und die Holzkugel für das Licht öffnest.«
Nimue fiel das Kinn nach unten.
»Ich, Königin? Und welche Holzkugel?«
»Es ist eine kleine Holzkugel, die seit Jahrtausenden nicht mehr geöffnet worden ist, beziehungsweise kann sie nicht geöffnet werden, da sie durch einen magischen Zauber verschlossen worden ist.«
»Aha«, staunte Nimue.
»Die Kugel besteht aus feinstem Mahagoni und hat aufgrund des Zaubers keine sichtbare Öffnung mehr. Erkennen kannst du sie nur an der Intarsie, welche eine Rose darstellt. Niemand, so scheint es, ist in der Lage, diese Kugel zu öffnen. Man sagt, dass der Zauber nur von dem Zauberer selbst gelöst werden kann und …« – Yavira hielt kurz inne, um ihre Wortwahl zu überdenken – »dieser ist jedoch schon lange verstorben und hat keine fähigen Nachfahren hinterlassen.«
»Warum hat er das gemacht und was hat er genau verzaubert?«
»Er war ein guter Zauberer, der zu der Zeit lebte, als unser Volk von den Dunkelelfen aus Cridhe vertrieben wurde. Der Königstamm Shenja hatte damals einen Stein, genauer gesagt einen Diamanten, der aufgrund seiner Reinheit hell strahlte.«
»Einen Diamanten?«, staunte Nimue erneut, »Wie hat der ausgesehen?«
»Seine Form glich einem Tropfen. In der Mitte konnte man eine linksdrehende Spirale erkennen, die in einem sanften Goldschimmer glänzte. Die Spirale symbolisiert die Einheit von allem Bestehenden. Von der Stelle der Urschöpfung ausgehend, die direkt in der Mitte liegt, erhellt das Licht mehr und mehr seine Umgebung. Sein Name ist: Stein des Orisolus.«