Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 7
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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»Willst du wis­sen, Ni­mue, was für ein Buch das ist?«

Sie nick­te auf­ge­regt.

»Es ist un­ser Ah­nen­buch, in dem alle dei­ne Vor­fah­ren ste­hen. Es heißt Shen­jam.«

Ihre Au­gen wei­te­ten sich. »Alle?«

»Ja, alle.«

»Du auch, Opa?«

»Ja, ich auch und du auch, mei­ne Klei­ne.«

Ni­mue sprang auf und rann­te zu ih­rem Groß­va­ter, lehn­te sich bei ihm an den Stuhl und be­trach­te­te die auf­ge­schla­ge­ne Sei­te. Dort war sein Va­ter Seo­ras, der Kö­nig, fest­ge­hal­ten. Am obe­ren Rand konn­te sie le­sen »Sohn des Tad­gh, ehe­ma­li­ger Kö­nig des Kö­nigs­reichs Shen­ja – SEO­RAS, Kö­nig des Kö­nig­reichs Shen­ja.« An bei­den Sei­ten be­fand sich eine Pflan­ze, die von un­ten nach oben wuchs.

»Siehst du die Pflan­ze, Ni­mue? Sie wächst, so­lan­ge die Elfe am Le­ben ist. Der Tod be­en­det eben­so ihr Wachs­tum. Da­durch kann man schon beim ers­ten Blick er­ken­nen, ob die Elfe noch am Le­ben ist und, falls nicht, wie alt sie ge­wor­den ist.«

Er blät­ter­te eine Sei­te wei­ter. Auf die­ser war die Pflan­ze nur zur Hälf­te hoch­ge­wach­sen und Ni­mue stell­te fest – im Ge­gen­satz zu der vor­he­ri­gen – sie be­weg­te sich nicht leicht hin und her. Sie las den Na­men Ba­ra­bel und wuss­te so­gleich wie­so. Es war ihre Ur­groß­mut­ter, die auf der lan­gen Rei­se in Eng­land um­ge­bracht wor­den war.

»Was ist das für eine Blu­me?«

»Das ist ein Efeu, Ma­mas Lieb­lings­pflan­ze.«

Er blät­ter­te eine Sei­te wei­ter und da war Ka­tar. Sei­ne Blu­me war ein gel­ber Fin­ger­hut, der sich leicht be­weg­te. »Siehst du, mein On­kel liebt den gel­ben Fin­ger­hut. Be­son­ders sei­ne rei­ne, gel­be Blü­ten­fa­r­be hat es ihm an­ge­tan.« Er blick­te kurz zu ihr auf und be­merk­te: »So wie dein Kleid. Gute Wahl!«

Sie lä­chel­te zu­frie­den. »Und ich, Opa, was habe ich für eine Blu­me?«

Er blät­ter­te wei­ter und wei­ter, bis er auf ihre Sei­te stieß. Mit­tig am obe­ren Rand las sie: »Toch­ter des Hu­bert, des Kö­nigs En­kel – NI­MUE, Ur­en­ke­lin des Kö­nigs.« Dann ent­deck­te sie ihre Blu­me am un­te­ren Rand. Sie war noch ganz klein. Sie mach­te den An­schein, als ob sie ge­ra­de erst zu wach­sen be­gon­nen hät­te.

Er­staunt frag­te Ni­mue: »Wie kann das Buch das wis­sen? Wie geht das? Die­se Blu­me wächst doch seit mei­ner Ge­burt?«

»Ja, das tut sie und ja, es weiß mehr als du ahnst. Wenn du be­reit bist, wirst du es auch le­sen kön­nen.«

»Wie meinst du das?«

»In die­ser Schrift lie­gen dir vie­le Wor­te noch ver­bor­gen. Sie zei­gen sich nur den Aus­er­wähl­ten. Auch ich kann nur be­dingt über un­se­re Vor­fah­ren le­sen.«

»Wer kann dann al­les dar­in le­sen?«

»Seo­ras ist ein Aus­er­wähl­ter. Ihm zei­gen sich alle Wör­ter.«

»Was steht in die­sem Buch?«

»Al­les über den oder die Elfe, de­ren Name oben am Rand steht. Da­bei spie­len Her­kunft, Cha­rak­ter, Kämp­fe, Ver­diens­te, Ehe, Freun­de, Fes­te, be­wuss­te und un­be­wuss­te Ta­ten eine Rol­le; ein­fach al­les, das voll­kom­me­ne Le­ben die­ser Elfe.«

»Wow. Meinst du, dass ich ir­gend­wann mal die Wör­ter le­sen kann?«

»Viel­leicht, Ni­mue, viel­leicht.«

»Kann ich die Blu­men mei­ner El­tern se­hen«, frag­te Ni­mue ein we­nig trau­rig.

Er hol­te ge­ra­de Luft, um zu ant­wor­ten, als ab­rupt die Tür auf­ge­ris­sen wur­de.

Ni­mue er­schrak hef­tig, dann hör­te sie Ma­rie schrei­en: »Ka­tar, Ka­tar!«

Es lag eine Be­dro­hung in ih­rer Stim­me, was Ni­mue be­un­ru­hig­te. Im Grun­de gab es kei­ne Un­ru­hen oder an­de­re be­droh­li­che Er­eig­nis­se in ih­rem El­fen­le­ben, und doch lehr­te ihr Groß­va­ter sie, im­mer acht­sam zu sein. Leicht­sinn konn­te schreck­li­che Fol­gen ha­ben, wie sich an ih­rer Fa­mi­li­en­ge­schich­te be­reits zeig­te.

Aar schloss das Buch und leg­te es in einen Raum hin­ter ei­nem Bild, den Ni­mue bis­her nicht kann­te. Er rück­te das Bild wie­der zu­recht und rief: »Ich kom­me!«

»Was ist los, Ma­rie?«, woll­te Ni­mue wis­sen.

»Geh in dein Zim­mer und war­te, bis ich kom­me«, hör­te sie dar­auf­hin ihre Groß­mut­ter Oona sa­gen, ohne sie da­bei zu se­hen.

Ma­rie und Aar ver­schwan­den durch die Tür, wor­auf Ni­mue wie ver­stei­nert auf dem glei­chen Platz stand.

»Was ist pas­siert?«, frag­te sie sich. »War­um muss ich in mein Zim­mer ge­hen?«

Lang­sam be­weg­te sie sich fort. Als sie dort an­kam, über­fiel sie die Neu­gier­de. »Nein«, sag­te sie be­stim­mend, »ich will wis­sen, was da los ist!«

Ni­mue schlich auf Ze­hen­spit­zen aus dem Zim­mer und sah sich um. Der Gang war el­fen­leer. Dar­auf­hin be­gab sie sich in die gro­ße Ein­gangs­hal­le.

»Uhri­lia, weißt du, was hier vor sich geht?«

»Ich weiß nur, dass vor ge­nau 14 Mi­nu­ten und zehn Se­kun­den Ma­rie schrei­end durch die Hal­le lief. Dann, ge­nau fünf Mi­nu­ten und drei Se­kun­den spä­ter, rann­te die Kam­me­rel­fe Tt­schi el­fen­schnell durch den Raum, ge­folgt von an­de­ren El­fen und ein paar Hein­zel­chen. Ge­ra­de eben, also vor zwei Mi­nu­ten und 59 Se­kun­den, lief dein Groß­va­ter mit Ma­rie durch die Hal­le und ver­ließ sie durch die gro­ße Ein­gangs­tür wie­der.« Uhri­lia at­me­te tief durch. »Also«, be­schwer­te sie sich be­lei­digt, »mir sagt ja kei­ner was. Ich bin ja nur eine klei­ne Uh­re­n­el­fe, die die Zeit für alle im Über­blick be­hält.«

»Dan­ke, Uhri­lia, das bist du be­stimmt nicht. Wir sind alle sehr froh, dich zu ha­ben.«

Die­se un­ge­wöhn­lich net­ten Wor­te freu­ten die Uhr, und so lä­chel­te sie vor sich hin.

Ni­mue ging in den Hof hin­aus und sah al­ler­lei Tie­re, die fra­ßen, mit­ein­an­der kom­mu­ni­zier­ten oder wild um­her­lie­fen. Sie blick­te zu den Pfer­de­stäl­len und ent­deck­te ih­ren Groß­va­ter, der hin­ter ei­ner Stall­tür ver­schwand. Die­se stand einen Spalt weit of­fen und so ver­stand sie die Stim­men der an­we­sen­den El­fen. Ab­rupt blieb sie vor der Tür ste­hen, um ih­ren Wor­ten zu lau­schen. Sie war sich nicht über die Iden­ti­tät al­ler dor­ti­gen El­fen si­cher, doch ihre Groß­mut­ter, Aoi­fe, Ma­rie und auch die lei­se Stim­me ih­res Va­ters hör­te sie mit Ge­wiss­heit.

»Was sol­len wir ma­chen?«, frag­te Oona be­sorgt.

»Wir brau­chen Män­ner, und zwar vie­le«, ver­nahm sie Aars Stim­me.

»Ich kom­me auch mit, Va­ter«, be­stimm­te Hu­bert ent­schlos­sen.

»Nein«, er­wi­der­te Aar, »das ist zu ge­fähr­lich für dich. Du bist zu klein und da­her zu an­greif­bar. Ich möch­te nicht, dass dir et­was pas­siert!«

Dar­auf folg­te ein lau­tes Rau­nen. Ni­mue war zu auf­ge­regt, als dass sie sich auf die ein­zel­nen Wor­te hät­te kon­zen­trie­ren kön­nen. »Was ist da los?«, wun­der­te sie sich zu­neh­mend. »Aar braucht ein Heer an Män­nern?«

Da hör­te sie Oona mit­tei­len: »Ich gehe und läu­te die Glo­cke.«

»Die Glo­cke?«, er­schrak Ni­mue. Man läu­te­te die Glo­cke nur, wenn gro­ße Ge­fahr droh­te. Was soll­te das hei­ßen? War Ka­tar in Ge­fahr? Soll­te das Krieg be­deu­ten oder eine Ret­tungs­ak­ti­on? Sie wur­de im­mer un­ru­hi­ger und riss die Tür zum Stall auf.

»Was ist hier los?«, kreisch­te sie, da ihre Stim­me vor Auf­re­gung zit­ter­te.

Ma­rie warf ihre Hän­de in die Luft, wäh­rend sie mit tie­fer Stim­me er­wi­der­te: »Ni­mue, war­um bist du nicht in dei­nem Zim­mer!«

»Was ist hier los?«, wie­der­hol­te sich Ni­mue nun mit fes­tem Un­ter­ton.

»Ka­tar wur­de über­fal­len. Wir wis­sen nicht, wo er steckt«, mein­te Oona, die ge­ra­de an ihr vor­bei in den Hof hin­aus­ging.

Die Glo­cke läu­te­te drei­mal. Dies war das Si­gnal, dass alle Krie­ger ihre Pfer­de sat­teln muss­ten, um sich im Hof, am Ein­gang­s­tor des Schlos­ses, zu ver­sam­meln.

Aar rann­te an Ni­mue vor­bei, wäh­rend das Ge­tüm­mel im Hof zu­nahm.

Ni­mue folg­te ihm und sah ei­ni­ge El­fen­män­ner hoch oben auf ih­ren Pfer­den sit­zen. Sie be­ob­ach­te­te ih­ren Groß­va­ter, wie er ein Mes­ser in eine Sat­tel­ta­sche ei­nes Krie­ge­relfs steck­te. Bei die­sem An­blick über­kam sie der Wunsch, da­bei zu sein und sie sag­te ent­schlos­sen: »Ich kom­me mit!«

»Nein, Ni­mue, ganz be­stimmt nicht«, er­wi­der­te Aar und ver­schwand in einen na­he­lie­gen­den Tara-Pfer­de­stall.

Un­be­irrt ging Ni­mue zu dem Hengst, mit dem sie nor­ma­le­r­wei­se aus­ritt, und hol­te ihn aus der Box. Sie sat­tel­te ihn ge­schwind und stell­te sich mit­ten un­ter die war­ten­den Män­ner. Mit ih­rem blass-gel­ben Kleid fiel sie auf und so rie­fen ihr ei­ni­ge zu: »Hey, was machst du hier? Bleib im Schloss!«

Auch Aar ent­deck­te Ni­mue und nick­te Oona zu. Es dau­er­te nicht lan­ge und Ni­mue spür­te eine sanf­te Hand auf ih­rem Rü­cken. Wäh­rend sie die­se leicht vom Pferd hob, gab Aar das Start­kom­man­do. Am Bo­den auf­ge­kom­men, wie­her­te ihr Hengst und rann­te den an­de­ren hin­ter­her; ohne Ni­mue.

»Was denkst du dir ei­gent­lich?!«, sag­te Oona ver­är­gert.

»Ich woll­te doch nur …«

»Ja, nur! Das nur kann dei­nen Tod be­deu­ten. Du bist nicht für einen Kampf aus­ge­bil­det.«

Sie wuss­te, dass ihre Groß­mut­ter recht hat­te. Trotz­dem war sie auf­ge­bracht. Ni­mue woll­te Aar fol­gen, Ka­tar ret­ten, und Oona hat­te es ver­hin­dert.

Ni­mue brauch­te eine Wei­le, um die aus der Ent­täu­schung re­sul­tie­ren­de Wut wie­der los­zu­wer­den. Miss­mu­tig folg­te sie ih­rer Groß­mut­ter in Rich­tung Ein­gangs­hal­le. Ihre Ge­dan­ken fuh­ren Ach­ter­bahn, bis die Neu­gier­de den Är­ger ver­trieb.

»Wer ist es?«

»Wer ist was?«, frag­te Oona nach.

»Wer sind die An­grei­fer?«

»Das wis­sen wir nicht. Aus die­sem Grund wur­den die bes­ten Krie­ger ge­ru­fen, so­zu­sa­gen für alle Fäl­le. Wir hof­fen, dass es über­mü­ti­ge klei­ne We­sen sind, die le­dig­lich auf­grund ih­rer An­zahl Ka­tar und sei­ne Frau Léa über­wäl­ti­gen konn­ten. Geh jetzt in dein Zim­mer!«

Ni­mue folg­te und tapp­te in al­ler Ruhe durch die Ein­gangs­hal­le die Trep­pe zu den Ar­ka­den hin­auf. Da riss sie Uhri­lia un­sanft aus ih­ren Ge­dan­ken: »Ni­mue, er­zähl schon, was ist los?«

Sie blieb an der obers­ten Stu­fe ste­hen und blick­te di­rekt in Uhri­li­as Au­gen. »Ka­tar und Léa wur­den ent­führt.«

»Mam­ma Mia, von wem?«, frag­te Uhri­lia, wäh­rend sie sich hef­tig schüt­tel­te. Da­bei hall­ten me­tal­li­sche Töne durch den Raum, als ob ein Trieb­werk auf­ein­an­der­schla­gen wür­de.

»Wir wis­sen es nicht, Uhri­lia.«

»Sol­che Ba­r­ba­ren!«, rief sie laut.

Die­se Ant­wort trieb Ni­mu­es Neu­gier­de auf den Gip­fel. Sie sah um sich und ent­deck­te weit und breit nie­man­den, auch Oona war be­reits hin­ter Aars Bü­ro­tür ver­schwun­den. Dann mach­te sie kehrt und lief zur Ein­gangs­tür zu­rück. Sie spitz­te ih­ren Kopf hin­aus und be­merk­te, dass auch im Hof kei­ne El­fen­see­le mehr zu se­hen war. Schwupp­di­wupp, und schon war sie in Rich­tung Ei­che un­ter­wegs. Um schnel­ler vor­an­zu­kom­men, schweb­te sie durch die Baum­wip­fel hin­durch in Rich­tung ih­res Freun­des.

Be­vor sie ihn sah, hör­te sie sei­ne dunk­le Stim­me ru­fen: »Was machst du hier, Ni­mue?«

Sie er­reich­te ihn so­gleich und ant­wor­te­te: »Ich möch­te wis­sen, was los ist, und du weißt doch im­mer al­les.«

Auch wenn der Baum sich ge­ehrt über ihre Wor­te fühl­te, wuss­te er, dass sie bei Ge­fahr das Schloss nicht ver­las­sen durf­te.

»Geh in mein klei­nes Reich hin­ein, dann spre­chen wir wei­ter«, flüs­ter­te er.

Sie stand be­reits im Bau­min­ne­ren, als sie ihn un­ge­dul­dig auf­for­der­te: »Also?«

»In ganz Eu­r­o­pa ist be­kannt, dass bald dein Ge­burts­tag statt­fin­det. Je­der will zu dei­nem Fest kom­men oder es ver­hin­dern.«

»Ver­hin­dern?«, er­wi­der­te Ni­mue scho­ckiert.

»Ja, Ni­mue, ver­hin­dern! Du wirst bald eine mäch­ti­ge klei­ne Elfe sein. Na ja, klein wohl eher nicht mehr«, mein­te er nun mit wei­cher Stim­me, »auf je­den Fall wol­len ei­ni­ge dunk­le Mäch­te die­sen Ge­burts­tag ver­hin­dern, so­dass du dei­ne Ge­schen­ke nicht be­kommst.«

»Mei­ne Ge­schen­ke?«, frag­te sie ir­ri­tiert, »was wol­len die mit mei­nen Ge­schen­ken?«

Er seufz­te der­ar­tig tief, dass das Holz laut krach­te. Die Be­we­gung er­schüt­ter­te den Bo­den und warf Ni­mue und Stúh­ly da­bei hin und her.

Die Stuhlda­me re­a­gier­te ver­är­gert: »Ver­flixt und zu­ge­näht!«

Ohne dar­auf zu re­a­gie­ren, er­klär­te Aaro: »Man­che Ge­schen­ke wer­den dei­ne Ener­gi­en an­he­ben und dir neue Fä­hig­kei­ten ver­lei­hen. Die­se Fä­hig­kei­ten wer­den dich auf dei­nem wei­te­ren Weg be­glei­ten und könn­ten für die dunk­len Mäch­te eine Ge­fahr dar­stel­len, denn da­durch wird die Macht des Lich­tes ver­stärkt.«

»Wie bit­te?«, be­zwei­fel­te Ni­mue sei­ne Wor­te.

Da schüt­tel­te die Stuhlda­me the­a­tra­lisch ihre Rü­cken­leh­ne. »Welch Jam­mer, die­ses Mäd­chen hat ja gar kei­ne Ah­nung.«

»Halt dein fre­ches Mund­werk, Stuhl!«, er­wi­der­te Aaro barsch.

»Ja, ja, Mae­stro.«

»Wie bit­te?!«, kon­ter­te er so­gleich.

»Nichts und gleich gar nichts, ich habe nichts ge­hört und du, Ni­mue?«

Ni­mue war voll­kom­men in ih­ren Ge­dan­ken ver­sun­ken. Sie nahm ihre Wor­te nur vage wahr und doch ant­wor­te­te sie: »Gar nichts.« Dann schoss es aus ihr her­aus: »Was heißt das al­les?! Wie kann das durch mei­ne Ge­schen­ke zu­stan­de kom­men, und war­um be­trifft das mich?«

»So vie­le Fra­gen und ich kann dir kei­ne da­von be­ant­wor­ten. Dies al­les musst du schon dei­nen Ur­groß­va­ter Seo­ras fra­gen. Nur er ist be­fugt, dir sol­che Din­ge zu be­ant­wor­ten.«

»Din­ge?« Ni­mue schüt­tel­te den Kopf.

Aaro woll­te sein Wis­sen mit ihr tei­len. Den­noch war er sich be­wusst, dass nie­mand im Land Seo­ras Auf­ga­be über­neh­men durf­te und so flüs­ter­te er ge­heim­nis­voll: »Wenn dein Wunsch passt, ist es wohl so und nicht an­ders, Ni­mue.«

»Mein Wunsch«, rief sie auf­ge­wühlt, »was hat der da­mit zu tun?«

»Kei­ne Pa­nik, war nur so da­hin­ge­spro­chen.«

»Meinst du, es geht um Mama und Papa?«

Ya­vi­ra und Hu­bert – ein­mal er­wähnt und schon wur­de der Baum schwer­mü­tig. Durch das tie­fe At­men be­weg­ten sich die Holzwän­de im Takt hin und her.

Die Stuhlda­me wur­de da­bei per­ma­nent an­ge­rem­pelt und sag­te streng: »Mach ihn bloß nicht trau­rig, Ni­mue. Oh, Him­mel, lass ihn nicht trau­rig sein! Du weißt, Ni­mue, er ist nah am Was­ser ge­baut. Wenn er erst ein­mal das Wei­nen an­fängt, sind wir hier nicht mehr si­cher.«

Ni­mue ver­stand. »Ist schon gut, Aaro. Ich weiß ja, dass dies der ein­zi­ge Wunsch ist, den ich nicht äu­ßern darf.« Da­nach stell­te sie kei­ne Fra­gen mehr.

Die Stuhlda­me, nun auch von Emo­ti­o­nen be­rührt, dehn­te sich aus, so­dass ihr Sitz breit ge­nug war, um Ni­mue auf­zu­neh­men.

Ni­mue setz­te sich mit ei­nem lei­sen »Dan­ke«.

Eine Wei­le ruh­ten sie in voll­kom­me­ner Stil­le. Die­se wur­de von Aaro un­ter­bro­chen, mit der Aus­kunft: »Ni­mue, mir wur­de ge­ra­de von der Eule mit­ge­teilt, dass die Fa­ka­ne Ka­tar und sei­ne Frau ent­führt ha­ben.«

»Wer sind die Fa­ka­ne?«

»Sie sind bos­haf­te, klei­ne Ko­bol­de. Sie kön­nen sich in alle Tier­ar­ten ver­wan­deln und da­bei ihre Kräf­te nut­zen. Dies macht sie zu star­ken Krie­gern.«

»Was wol­len sie von Ka­tar?«

»Nichts, ein­fach nur Scha­ber­nack trei­ben.«

»War­um treibt je­mand ein­fach nur so Scha­ber­nack? Das kann in die­sem Fall doch auch ge­fähr­lich sein«, frag­te Ni­mue er­staunt.

»Es bringt ih­nen ein gro­ßes Auf­se­hen und das wie­der­um Be­rühmt­heit. Spä­tes­tens mor­gen wer­den sie im Tag­blatt der Zau­ber­welt ste­hen; auf der Ti­tel­sei­te. Eine grö­ße­re Auf­merk­sam­keit könn­ten sie nicht be­kom­men. In ganz Eu­r­o­pa wird die Zau­ber­welt über sie spre­chen!«

»Also, sie ma­chen das nur we­gen der Auf­merk­sam­keit?«

»Man­che We­sen brau­chen das, Ni­mue, so sind sie halt.« Er räus­per­te sich ver­le­gen. »Un­ser­eins kennt das na­tür­lich nicht«, er­wähn­te er mit ei­nem be­fan­ge­nen Un­ter­ton. »Geh jetzt heim, sie wer­den bald da sein.«

»Ha­ben sie Ka­tar und Léa schon be­frei­en kön­nen?«

»Ja, sie sind auf dem Weg ins Schloss.«

Er öff­ne­te den Höh­len­ein­gang.

Ni­mue trat her­aus, wor­auf sie ge­blen­det vom hel­len Nach­mit­tags-Licht blin­zel­te. »Dan­ke!«, rief sie und lief schnur­stracks nach Hau­se.

Da hör­te Aaro die Stuhlda­me sa­gen: »So, so, die Fa­ka­ne brau­chen Auf­merk­sam­keit?«

»Sei still, Stuhl«, er­wi­der­te er grim­mig.

»Ist es nicht so, dass die Fa­ka­ne sehr bös­ar­ti­ge We­sen sind, die sich be­reits seit Jah­ren da­mit brüs­ten, die Ener­gie­an­he­bung des Lichts ver­hin­dern zu wol­len?«

Aaro blieb still.

»Mei­ner Mei­nung nach, na­tür­lich, nach der be­schei­de­n­en Mei­nung ei­ner Stuhlda­me, war das nur ein Vor­ge­schmack des­sen, was die Zau­ber­welt noch zu er­war­ten hat. Sie zei­gen uns ihre Macht, denn wenn man den Bru­der des Kö­nigs so mir nichts dir nichts ent­füh­ren kann, dann …?«

»War­um wä­ren sie so dumm und wür­den die El­fen vor­war­nen? Hast du dar­auf eine Ant­wort, Schlau­mei­e­rin?«, un­ter­brach Aaro.

Er war be­un­ru­higt und die Stuhlda­me konn­te dies spü­ren, denn Ni­mue schweb­te in Ge­fahr und die­se war un­be­re­chen­bar. Der Ei­chen­baum lieb­te sei­ne Freun­din und so woll­te er sie be­schüt­zen. Al­ler­dings wuss­te er auch, dass dies nur bis zu ei­nem ge­rin­gen Grad mög­lich war, was ihn nun noch stär­ker be­un­ru­hig­te.

Die Stuhlda­me räus­per­te sich. Mit ein we­nig Weh­mut in der Stim­me mein­te sie: »Kein Wun­der, dass die Schat­ten­welt kopf­steht. Seit Ni­mu­es Ge­burt er­leuch­tet sie das Reich durch ihre be­son­ders rei­ne See­le. Mehr und mehr wird sie den Schat­ten ver­trei­ben. Die Fol­ge ist eine Es­ka­la­ti­on, vor al­lem wenn sie ge­krönt wird.«

»Sprich nicht so!«, bat der Baum Stúh­ly barsch, wenn auch nur aus Angst um Ni­mue. Er wuss­te, dass die Stuhlda­me aus­nahms­wei­se recht hat­te. Die Dun­kel- und Schat­ten­welt träum­te von ei­ner Welt ohne Licht und Lie­be. Hass soll­te re­gie­ren, der die über­le­ben­den Licht­we­sen zu de­ren Skla­ven ma­chen soll­te.

Auch Ni­mue hör­te im­mer wie­der von den an­dau­ern­den Kämp­fen, konn­te sich aber nicht wirk­lich et­was dar­un­ter vor­stel­len, denn bis jetzt leb­te sie un­be­schwert und si­cher im Kö­nig­reich. Der Rest wa­ren le­dig­lich Ge­schich­ten, die kei­ne Wirk­lich­keit für sie dar­stell­ten, auch wenn sie im­mer wuss­te, dass die­se Macht­kämp­fe der Wahr­heit ent­spra­chen.

Im Schloss war Ni­mu­es ers­ter Weg in den Pfer­de­stall, um ihre Mut­ter zu be­su­chen. Sie knie­te sich vor dem Heu auf den Bo­den und be­grüß­te sie.

»Mama, hast du schon ge­hört, sie ha­ben Ka­tar ge­fun­den und sind auf dem Rü­ck­weg.«

»Ja, mei­ne Lie­be, das habe ich ge­hört.«

Ni­mue leg­te sich zu ih­rer Mut­ter auf das Heu. Ya­vi­ra strich ihr sanft über die Wan­ge, was Ni­mue kit­zel­te und sie zum La­chen brach­te.

»Ich weiß, Ni­mue, du hast eine gro­ße Le­bens­auf­ga­be er­hal­ten. Das ist si­cher­lich nicht leicht. Ich wür­de so ger­ne für dich da sein. Es tut mir leid.«

»Das ist schon gut, Mama. Ist ja nicht dei­ne Schuld. Ir­gend­wie weiß ich ja noch gar nicht, um was es hier ei­gent­lich geht. Aaro hat so et­was an­ge­deu­tet. Auf ir­gend­ei­ne Art und Wei­se soll­te mein Wunsch zu et­was pas­sen und wenn er nicht passt, dann pas­siert gar nichts. Und was pas­siert, wenn mein Wunsch doch passt, weiß ich auch nicht wirk­lich.«

»Gut, mei­ne Lie­be, dann wer­de ich es dir jetzt er­klä­ren. Es ist so oder so an der Zeit, dass du die Wahr­heit er­fährst. Wir, dein Va­ter und ich, ha­ben zu­dem vom Kö­nig die Er­laub­nis er­hal­ten, mit dir dar­über zu spre­chen«, er­klär­te Ya­vi­ra mit ru­hi­ger Stim­me.

Bei­de la­gen nun mit dem Rü­cken auf dem Heu und be­trach­te­ten das Holz­dach der Stal­lung. Da be­merk­te Ni­mue eine Un­ru­he, die im mensch­li­chen Teil des Chiem­see-Was­sers vor­herr­schen muss­te. Sie schärf­te ihre Au­gen und sah am Flus­s­ufer einen Mann ste­hen, der an­gel­te.

»Die ar­men Fi­sche«, mur­mel­te Ni­mue.

»Wie bit­te?«, frag­te Ya­vi­ra nach, die ge­ra­de einen An­fang such­te.

»Ach, oben auf der Frauen­in­sel steht ein Fi­scher.«

»Ach so. Du isst Fisch doch auch sehr ger­ne.«

»Ja, schon, aber wenn ich von hier un­ten zu­se­he, wie sie ster­ben, ver­ste­he ich Tan­te Ti­a­ra, war­um sie Ve­ge­ta­ri­e­rin ist.«

Ya­vi­ra lach­te, den­noch zu­stim­mend. Dar­auf folg­te eine fast geis­ter­haf­te Stil­le im Raum. Dann hör­ten sie ein paar Hun­de aus ei­nem Napf fres­sen.

»Also, Ni­mue, pass auf. Du, mei­ne Lie­be, bist eine El­fen­prin­zes­sin, wie es sie zu­vor noch nie ge­ge­ben hat. Als di­rek­ter Nach­fah­re der Kö­ni­ge un­se­res Rei­ches bist du eine mög­li­che Thron­fol­ge­rin.«

»Aber Mama, ich bin doch die Jüngs­te von uns vie­ren und ein Mäd­chen noch dazu!«, er­wi­der­te Ni­mue ent­setzt.

»Das bist du, den­noch bist du auch vol­ler au­ßer­ge­wöhn­li­cher licht­vol­ler Ener­gi­en, die nicht nur das Reich Shen­ja po­si­tiv be­ein­flus­sen. Dein Herz strahlt die rei­ne Lie­be aus. Da­mit er­höhst du die Ener­gi­en des Lichts auf der Erde. Die Men­schen und an­de­re We­sen füh­len das. Auch wenn nur we­ni­ge wis­sen, wor­aus die Ver­än­de­rung re­sul­tiert. In der Geis­ter­welt wird über dich ge­spro­chen. Man sagt, dass du die dunk­le Schat­ten­welt mehr und mehr auf­weckst und da­bei ihre Gier nach dem Stein stei­gerst.«

»Nach wel­chem Stein?«, frag­te Ni­mue neu­gie­rig.

»Ei­gent­lich, mei­ne Lie­be, hät­te dein Va­ter die­ses Erbe an­tre­ten sol­len, aber wir wa­ren zu leicht­sin­nig und ha­ben es ver­mas­selt. Ir­gend­wann hat sich her­aus­ge­stellt, dass das ma­gi­sche Da­tum ge­nau auf dei­ne Ge­burts­kon­stel­la­ti­on fällt. Dies ist ein wei­te­rer Be­weis für den Kö­nig, dass du von den Licht­mäch­ten aus­er­wählt wor­den bist. Du hast sehr vie­le Ei­gen­schaf­ten, die dar­auf hin­wei­sen. End­gül­tig je­doch ist es im­mer noch nicht ent­schie­den.«

»Was, Mama?«, woll­te sie un­ge­dul­dig wis­sen.

»Ob du die ers­te Kö­ni­gin un­se­res Rei­ches Shen­ja wirst und die Holz­ku­gel für das Licht öff­nest.«

Ni­mue fiel das Kinn nach un­ten.

»Ich, Kö­ni­gin? Und wel­che Holz­ku­gel?«

»Es ist eine klei­ne Holz­ku­gel, die seit Jahr­tau­sen­den nicht mehr ge­öff­net wor­den ist, be­zie­hungs­wei­se kann sie nicht ge­öff­net wer­den, da sie durch einen ma­gi­schen Zau­ber ver­schlos­sen wor­den ist.«

»Aha«, staun­te Ni­mue.

»Die Ku­gel be­steht aus feins­tem Ma­ha­go­ni und hat auf­grund des Zau­bers kei­ne sicht­ba­re Öff­nung mehr. Er­ken­nen kannst du sie nur an der In­tar­sie, wel­che eine Rose dar­stellt. Nie­mand, so scheint es, ist in der Lage, die­se Ku­gel zu öff­nen. Man sagt, dass der Zau­ber nur von dem Zau­be­rer selbst ge­löst wer­den kann und …« – Ya­vi­ra hielt kurz inne, um ihre Wort­wahl zu über­den­ken – »die­ser ist je­doch schon lan­ge ver­stor­ben und hat kei­ne fä­hi­gen Nach­fah­ren hin­ter­las­sen.«

»War­um hat er das ge­macht und was hat er ge­nau ver­zau­bert?«

»Er war ein gu­ter Zau­be­rer, der zu der Zeit leb­te, als un­ser Volk von den Dun­kelel­fen aus Crid­he ver­trie­ben wur­de. Der Kö­nig­stamm Shen­ja hat­te da­mals einen Stein, ge­nau­er ge­sagt einen Di­a­man­ten, der auf­grund sei­ner Rein­heit hell strahl­te.«

»Einen Di­a­man­ten?«, staun­te Ni­mue er­neut, »Wie hat der aus­ge­se­hen?«

»Sei­ne Form glich ei­nem Trop­fen. In der Mit­te konn­te man eine links­dre­hen­de Spi­ra­le er­ken­nen, die in ei­nem sanf­ten Gold­schim­mer glänz­te. Die Spi­ra­le sym­bo­li­siert die Ein­heit von al­lem Be­ste­hen­den. Von der Stel­le der Ur­schöp­fung aus­ge­hend, die di­rekt in der Mit­te liegt, er­hellt das Licht mehr und mehr sei­ne Um­ge­bung. Sein Name ist: Stein des Ori­so­lus.«

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