
Полная версия:
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
»Hat die Linksdrehung etwas mit den Schneckenköniginnen zu tun?«
Yavira lachte und schüttelte dabei den Kopf. »Nein, ich denke nicht. Natürlich kann man das vermuten, denn die Königinnen, also die Schnecken mit einer Linksdrehung, gibt es unter einer Million nur einmal, und das ist schon eine Besonderheit. Ihr Gehäuse, oder wie es die Schnecken selbst nennen, ihr Schutzmantel, hebt sich von den Millionen rechtsdrehenden ab. Du bist eine schlaue Elfe, Nimue.« Yavira stupste ihre Tochter an der Nase an. »Ich glaube jedoch, dass mehr der Name auf den Ursprung des Steins hindeutet als die Drehung der Spirale. Solus ist das Licht, das im Ursprung, also Ori, durch einen Funken entstanden ist. Dieser Funke hat das Leben entzündet, so steht es geschrieben.«
»Der muss ja wunderschön sein«, vermutete Nimue verblüfft.
»Ja, das ist er, und weißt du, von wem sie diesen Stein geschenkt bekommen haben?«
Nimue schüttelte den Kopf.
»Vom Drachenführer Dracóran. Vor Tausenden von Jahren haben wilde Koaks das Königreich überfallen und eingenommen. In der Nähe des Reiches war eine Höhle, in der eine Drachenfamilie lebte. Diese waren Freunde des Königs. Nach der Besetzung befreiten die Drachen das Königreich von ihren Angreifern. Leider jedoch starb Dracórans Familie dabei. Nur er war noch am Leben, allerdings schwer verletzt. Während er im Sterben lag, ging der Elfenkönig zu ihm und pflegte ihn bis zum letzten Atemzug. Kurz bevor er starb, übergab er dem König diesen Diamanten mit der Botschaft, dass der Stein besondere Kräfte besitzen und das Reich Shenja beschützen würde.«
»Woher stammt der Stein?«
»Das wissen wir nicht. Was wir allerdings wissen ist, wie er zu der Drachenfamilie gelangte. Dracóran erzählte dem König, dass er selbst diesen Stein vor langer Zeit in der Tiefe des Meeres entdeckt hatte. Ein Licht, das aus dem Meer strahlte, hatte ihn angezogen. Als er danach tauchte, fand er diesen Stein. Er nahm ihn an sich, erkannte jedoch nicht auf Anhieb seine Macht. Aus diesem Grund legte er ihn in eine große Piratenkiste, in der bereits eine Menge Schmuck lag, und so vergaß er ihn für einige Jahre. Als die Dunkelwelt mehr und mehr das Land unter einen Schatten legte, verringerte sich die Nahrung erheblich. Menschen, Tiere und andere Wesen verstarben. Eines Abends saß Dracóran verzweifelt bei seinen Schätzen und überlegte, was er tun könnte, um seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Da rüttelte sich etwas in der Piratenkiste, so heftig, dass sie sich hin- und herbewegte. Als er hineinsah, lag der Diamant strahlend obenauf. Er strahlte so hell, dass er den ganzen Raum erleuchtete. Dracóran nahm ihn in seine Kralle und da geschah es: Der Stein verband sich mit seiner positiven Energie. Dabei dehnte sie sich aus und füllte damit seine Umgebung. Gleichzeitig erwachte die Natur mit all ihrer schönen Vielfalt. Er sah niedergeschlagene Menschen aufstehen, genauso wie das Licht die Lebensgeister der Tiere und andere Wesen aufs Neue weckte. So wurde auch sein großer Wunsch erfüllt, denn seine Kinder hatten bald wieder genügend zu essen.«
»Und die Schattenwelt?«
»Diese wusste erst gar nicht, wie es zu dieser schnellen lichtvollen Veränderung kommen konnte. Doch sie hatten vom Mythos des Steins bereits gehört und waren sich einig, dass der Drache diesen gefunden haben musste. Das eröffnete ein neues Problem für Dracóran, denn die Dunkel- und Schattenwelt wollte den Stein für ihre Zwecke nutzen.«
»Wieso? Er ist doch lichtvoller Natur, oder?«
»Nein, meine Liebe, er unterstützt die Energie seines Besitzers. Dabei spielt der körperliche Erstkontakt eine große Rolle.«
»Aha«, staunte Nimue und versank in ihre Gedanken. In diesen ließ Yavira ihre Tochter für einen Moment in Ruhe verweilen.
»Warum hat Dracóran den Stein nicht einfach getragen, als der große Kampf gegen die Koaks stattfand? Das Licht hätte ihn und seine Familie doch gestärkt.«
»Hier bestand ein gravierendes Problem. Dieser Stein ist nicht dazu da, um ihn herumzutragen. Du weißt ja, Nimue, dass zu viel von etwas, auch wenn es gut ist, wieder ins Gegenteil umschlagen kann. Ich meine damit, dass nur der Erstkontakt zwischen dem Stein und seinem neuen Besitzer wichtig ist.«
»Ich weiß nicht, was du damit meinst, Mama.«
»Solus ist das Licht im Ursprung Ori, das die Urschöpfung darstellt.«
Nimue nickte.
»Wir haben zwei Urväter, das weißt du doch, oder?«
»Ja, das Gute und das Böse wurde als Zwillingspaar geboren.«
»Genau, also können beide die Urschöpfung darstellen.«
»Du meinst, Mama, dass beim Erstkontakt sich der Ursprung im Stein auf die Energie einstellt, die ihn besitzt?«, fragte Nimue schockiert.
»Ja, so ist es, meine kluge Tochter. Zudem verstärkt sich diese. Auch wenn sie lichtvoller Natur ist, so wie bei Dracóran, kann sie in ihrer ständigen Zunahme den Körper schwächen. Die Energien werden ihm zu viel. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Stein so aufzubewahren, dass er wirken kann und zur gleichen Zeit den Körper des Tragenden nicht belastet.«
»Und so war der Drache geschwächt und konnte nicht mehr kämpfen und deshalb …« Nimue hielt entsetzt ihren Mund zu.
»Ja, deshalb.«
»Der Arme!«
»Ja, er hatte sich große Vorwürfe gemacht. Um den König davor zu schützen, baute er eine Schutzhülle: die Holzkugel. Diese hat die gleiche Form wie der Stein. Vielleicht sollte man Holztropfen sagen. Obwohl, jeder nennt sie Holzkugel. Sie ist am oberen Ende an einem dunkelbraunen Lederband befestigt und wirkt auf den ersten Blick wie ein Amulett. Im engsten Sinne handelt es sich auch um einen Anhänger, denn so kann man den Stein mit sich herumtragen, ohne dass seine intensiven Energien den Körper schwächen. Ansonsten sollte er so aufbewahrt werden, dass er höchstmöglich wirken kann.«
»Und er nimmt wirklich die Energien seines Besitzers an?«
»Ja, das tut er. Jahre später haben die Dunkelelfen den Stein aus der königlichen Kammer geraubt. Man sagt, dass er in der Hand von Donntuagh, dem König der Dunkelelfen, eine andere Farbe angenommen hat. Das Rad der Schöpfung drehte sich um und schloss das Licht in sich ein. So nahm es auch das Licht der Erde mit sich. Die Zauber- und Menschenwelt litt unter dem Sonnenverlust genauso wie es tausende Jahre zuvor die Drachenfamilie erlebte, nur war dieses Mal der Schatten noch dunkler. Es wurden keine Feste mehr gefeiert, kein Wein mehr getrunken und das Essen war nur noch in geringen Mengen vorhanden. Es war furchtbar kalt und die Körper der Menschen, Tiere und Zauberwesen schmerzten permanent. Zu dieser Zeit war das Leben auf der Erde noch nicht so weit entwickelt, wie es heute ist. Trotzdem, die Menschen und Tiere spürten diesen Wandel ebenso wie die Zauberwesen. Die Natur hatte sich verändert und gab ihnen immer weniger Lebensraum. Viele Menschen mussten sterben, weil Beeren vergiftet waren oder friedliche Tiere plötzlich wild wurden. Es war eine grausame Zeit und dann, dann kam der Menschenjunge.«
»Ein Menschenjunge?«
»Ja, er war noch ganz klein, so etwa drei Menschenjahre alt und hatte besonders lichtvolle Energien. Die gleichen, wie du sie hast, Nimue. Er konnte dunkle Barrieren durchbrechen, und als der König der Dunkelelfen einmal unachtsam war, da lief der kleine Junge genau zu diesem Zeitpunkt in seine Höhle hinein und fand den Stein. Er wollte nur spielen und wusste nicht, was er da in seinen Händen hielt. Er nahm ihn mit zu seiner Familie und verwahrte ihn in seiner Schatzkiste. Die Dunkelelfen hatten keine Ahnung, wer den Stein gestohlen hatte und fingen an, ihn zu suchen. Doch durch den neuen Besitzer drehte sich das Rad der Schöpfung erneut, füllte den Stein mit Licht und erwärmte die Erde. Das Leben wurde wieder angenehmer, für die Menschen wie auch die Zauberwelt. Der Junge hatte keine Ahnung, was er besaß oder damit bewirkte. Als er älter wurde, versteckte er den Stein instinktiv und hütete ihn wie einen großen Schatz. Eines Tages dann, so sagt man, wurde er von einer ihm unbekannten Stimme zu den Lichtelfen des Königreichs Shenja gerufen, um dem König diesen Stein zu übergeben. Er wusste nicht, warum er das tun sollte, hinterfragte die Stimme trotzdem nicht. Er ging auf eine lange Reise. Auf dieser musste er sich einigen Gefahren stellen, doch er siegte in jeder Schlacht. Sein Glaube und der Wunsch, diesen Stein zu übergeben, hatten ihn stark gemacht. Er fand unseren Elfenstamm und überreichte den Diamanten. Er selbst wurde mit den Energien der lichtvollen Zauberwelt beschenkt.« Yavira verstummte für eine Weile aus Erschöpfung. Die vielen Worte strengten sie stark an.
Nimue stellte sich derweilen die Fragen: »Wer könnte das sein? Kenne ich ihn womöglich oder einen seiner Nachfahren vielleicht?« Sie schüttelte den Kopf. Ihr war klar, dass sie ihn nicht kennen konnte. Keiner der Halbelfen im Reich kam für sie dafür infrage, und doch konnte sie sich täuschen.
Nach einer Weile holte Yavira tief Luft. Daraufhin erzählte sie weiter: »Irgendwann erfuhr die Schattenwelt von der Geschichte, die nun von Dhuorc, dem König der Dunkel- und Schattenelfen, aufs Härteste regiert wurde. Ihm wurde mitgeteilt, dass der Stein im Königreich Shenja war und so bildete er ein Kriegsheer aus und überfiel unser Königreich, um den Stein des Orisolus zu erobern. Unsere Vorfahren wurden vorgewarnt. Dennoch stellten sie sich dem Kampf. Das erste Gefecht endete zu ihren Gunsten. Das zweite forderte viele Opfer. Als dann die Dunkel- und Schattenelfen die Koaks, Fakane und weitere böse Wesen aufriefen, ihnen zu helfen, mussten sie fliehen. Unsere Elfenkrieger waren deutlich in der Minderheit. Das Ziel war zu dieser Zeit nur noch, das Leben zu erhalten und den Stein in Sicherheit zu wissen. Während ihrer Flucht trafen sie immer wieder auf Krieger, die den Stein des Orisolus erobern wollten, und eines Tages passierte es, dass Dhuorc die Holzkugel feierlich in seinen Händen hielt. Ein guter Zauberer vor Ort hatte von dem Kampf um den Stein erfahren und rannte zum Schlachtfeld. Er sah den König sachte mit der linken Hand über den damals kleinen sichtbaren Riegel streichen. Dhuorc wollte gerade das Schloss entriegeln, als der Zauberer die Kugel mit einem Schließungszauber belegte. Der Verschluss verschwand vor seinen Augen. Er drehte und wendete die Kugel in alle Richtungen, aber sie blieb verschlossen. Dhuorc schrie laut vor Wut, was den Boden erzittern ließ. Er legte den Zauberer in Ketten und folterte ihn so lange, bis er daran starb. Der Zauberer verlor niemals ein Wort über den Gegenzauber oder die magische Formel, mit der er sie belegte. Auf den ersten Blick sollte niemand mehr in der Lage sein, die Kugel zu öffnen.«
»Wie soll dann irgendjemand auf dieser Welt in der Lage sein diese Kugel zu öffnen?«, fragte Nimue irritiert.
»Nachdem der Zauberer den Zauberspruch ausgesprochen hatte, kam ihm ein Elf unseres Heeres zur Hilfe. Noch bevor Dhuorcs Krieger ihn in seine Hände bekamen, flüsterte er ihm zu, dass nur der den Zauber lösen könne, der nicht nur mit der magischen Formel verbunden ist, sondern sie auch lösen kann.«
»Magische Formel?«, fragte Nimue.
»Ja, eine magische Formel. Dhuorc glaubte, dass der Zauberer unserem König die Lösungsformel bereits vor der Eroberung mitteilte und überfiel unsere Familie noch einmal, dieses Mal in Cornwall.«
»Und dabei starb seine Frau Barabel, nicht wahr, Mama?«
»Ja, meine Liebe, so ist es. Ich habe gehört, dass sie Dhuorc überlistet hat, um ihren Mann zu retten.«
»Das war ganz schön mutig, Mama.«
Yavira nickte. »Dabei nahm sie die Holzkugel an sich. Dhuorc hat sich mit ihrem Tod gerächt.«
»Seoras wird sie nie vergessen, Mama, er ist so traurig ohne sie.«
»Er liebt sie noch genauso wie am ersten Tag, an dem er sie kennenlernte. Man erzählt sich, es war Liebe auf den ersten Blick. Solch eine Liebe kann auch der Tod nicht zerstören.«
Ein lautes Donnern von Hufen unterbrach die beiden.
»Was war das?«, wollte Nimue wissen.
»Die ersten Elfenkrieger sind zurück. Es wird wohl nicht mehr lange dauern und auch dein Großvater und Katar sind da.«
Nimue wollte ihnen gleich entgegenlaufen und doch siegte die Neugierde, da sie noch einige Fragen hatte.
»Wo ist die Kugel jetzt?«
»Ich weiß es nicht. Das weiß nur der König selbst.«
»Was hat das alles mit mir zu tun? Auch wenn ich Königin werden sollte, ich muss die Kugel deshalb noch lange nicht öffnen können.«
»Nachdem sich das Volk hier unten am Chiemsee angesiedelt hatte, bekam der König einen langen Brief von einem kleinen Finken überbracht. Seoras sagte, dass der Brief so schwer war, dass er ihm beinahe aus dem Schnabel gefallen wäre. Dieser Fink war ein Nachkomme des Finks, der bei dem Zauberer lebte. Der Zauberer konnte voraussehen und hatte vor seinem Tod diesen Brief verfasst. Darin steht die magische Formel, jedoch keine Auflösung. Dein Großvater weiß mehr darüber. Ich weiß nur so viel, dass ein Teil dieser Formel eine Zahl ergibt, die mit deinem kosmischen Geburtsdatum übereinstimmt. Zudem muss der Öffner und somit der Besitzer ein auserwählter Elf sein, so wie es nur Könige sind.«
»Und falls ich eine Auserwählte bin, könnte ich die magische Hülle der Kugel vielleicht entzaubern?«
»Man vermutet dies«, erwiderte Yavira.
»Aber warum öffnen? Es gibt doch keinen Grund dafür«, wollte Nimue wissen, die dabei vor allem an die Gefahr aus der Dunkel- und Schattenwelt dachte, die eine Öffnung mit sich bringt.
»Oh, meine Liebe, den gibt es. Die Schattenwelt ist auf dem Vormarsch. Ganz England, Teile Europas und Amerika sind unter einem grauen Nebel verschwunden. Das Land Neuseeland kann nicht einmal mehr geortet werden, und Australien zieht sich allmählich auch zu. Die Zauberwesen leiden dort Hunger und Nöte, und auch den Menschen geht es nicht gut. Viele wandern in die lichtvollen Gegenden aus. Doch dort wird der Raum eng, was Streit und Hass fördert. Dies wiederum macht es den dunklen Mächten leicht, auch diese Gebiete zu erobern. So ist kein Halt und die Ausbreitung des Schattens nimmt seinen Lauf. Zudem wird dies alles von der heutigen, ungesunden Lebensweise der Menschen verstärkt. Schau dir nur ihre zunehmende Umweltverschmutzung an. Das natürliche Lebensumfeld wird durch die Belastung der Natur durch Abfall- und Schadstoffe schwer beeinträchtigt. Das ist es, was die dunklen Mächte anstreben, denn allein die Abgase der Dampflokomotiven oder der neu entwickelten Industrieanlagen vernebeln das Licht und reduzieren dessen Energie. Du weißt doch, wie oft der Abfall von Menschen hier in unser Reich gelangt und wie viel Kraft es kostet, ihn aufzulösen. Maeve unterstützt uns und die Natur ganz und gar. Aber auch ihre Heilkräfte sind begrenzt. Denk nur an die Grünen Kinder. Sie sind besonders gefährdet.«
»Grüne Kinder?«, fragte Nimue und erkannte, dass sie noch so gut wie gar nichts über die Welt wusste.
»Sie leben im Wald oder anderen natürlichen Plätzen. Ihr Lebensraum wird immer kleiner. Die Menschen holzen ab oder zerstören natürliche Lebensräume auf eine andere Art und Weise. Nun siedeln sie sich vermehrt an Gewässern an, die nicht so einfach umgebettet werden können.«
»Wie sehen die Kinder aus, Mama?«
»Sie sehen aus wie Menschenkinder, nur mit grüner Haut und sehr dünner Statur, beinahe ausgemergelt. Sie haben, wie wir Elfen, spitze Ohren, ein paar grüne Haare auf dem Kopf und tragen in der Regel nur eine aus braunem Leder bestehende kurze Hose. Es sind gute Wesen, die an der Erhaltung der Natur teilnehmen, dennoch haben sie keine Zauberkräfte und müssen dem schrecklichen Verlauf mehr oder weniger zusehen.«
Nimue empfand ein Mitgefühl diesen Wesen gegenüber und auch den Wunsch, sie einmal kennenzulernen. Kurz darauf verschwamm alles um sie herum; ihre Welt drehte sich um 180 Grad und sie konnte sich nicht dagegen wehren. Alles war anders, und doch war es wie zuvor. Sie spürte, dass das Wissen einer Sache eine Veränderung nach sich zog, sodass sich eine scheinbar gleiche Welt urplötzlich ganz anders anfühlen konnte. Sie atmete tief durch.
Nach einer Weile musste sie wieder an die Grünen Kinder denken und sie fragte: »Aber wenn sie so anders aussehen, wie können sie mit den Menschen zusammen auf der Erde leben?«
»Sobald Menschen auftauchen, können sie sich mit der Natur verschmelzen. Also, steht ein Baum in der Nähe, gleichen sie sich dem Baum an oder dem Wasser oder der Wiese.«
Nimue verstand: Es waren Naturwesen, die aufgrund ihrer vollkommenen Reinheit mit der Natur eins sein konnten. Da begannen ihre Gedanken erneut wie in einer Achterbahn auf- und abwärtszufahren. Doch dieses Mal kreisten sie nicht nur unkontrollierbar in ihrem Kopf umher, sondern schafften Bilder, die wie ein Film vor ihrem inneren Auge abliefen. Die dadurch entstandenen Eindrücke warfen wiederum neue Fragen auf. Was bedeutet Yaviras Erzählung für sie? War sie eine auserwählte Elfe? War sie die Elfe, die den Stein finden, die Holzkugel öffnen und somit dem Licht Energie geben sollte, um die Menschen- und Zauberwelt zu reinigen und zu beschützen? Sie hatte keine Ahnung und entschloss sich kurzerhand, keine dieser Fragen jetzt in diesem Moment zu stellen. Sie erkannte, dass ihre Mutter stark geschwächt von all dem Sprechen war. Trotzdem wollte sie noch wissen: »Ist das nun gut für mich, Mama?«
»Es gibt darin kein Gut oder Schlecht. Es kommt darauf an, was du daraus machst.«
»Aber was soll ich machen, ich meine, falls ich es bin, die auserwählt ist?«
»Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Falls du es bist, werden sich dir die Lösungen zeigen.«
»Und wenn die dunkle Macht trotzdem siegt?«
»Das wird nicht passieren, mein Schatz.«
»Und falls doch?«
»Dann müssen wir damit leben und uns den Gegebenheiten anpassen.«
»Das wäre deiner und Papas sicherer Tod?«
»Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Es gibt immer eine Lösung, auch wenn es nicht danach aussieht.«
»Natürlich kämpfe ich, Mama. Trotzdem hoffe ich, dass ich es nicht bin«, gestand Nimue eingeschüchtert von der großen Verantwortung. »Was wäre, wenn ich mir etwas wünsche, was auf keinen Fall mit all dem zu tun hat?«
Yavira lachte. »Wünsch dir, was dein Herz begehrt. Es wird dich auf den richtigen Weg leiten. Denk immer daran, falls du die auserwählte Elfe bist: Es ist eine große Ehre. Du wirst nie allein sein, mein Schatz, das verspreche ich dir.«
Sollte sie diese Aussage beruhigen? Dann machte ihre Mutter alles richtig, denn genau das tat sie.
Da übertönten eine Trompete und ein Durcheinander von Stimmen die Laute der Pferdehufe.
»Sie sind da«, schrie Nimue und sprang auf. Blitzschnell entfernte sie ein paar Strohhalme von ihrem Kleid und erklärte: »Ich gehe in den Hof, Mama.«
»Ja, tu das. Ich komme nach.«
Nimue verließ den Stall und sah viele Elfenmänner in den Hof reiten. Ihre Blicke suchten ihren Großvater, doch der war weit und breit nicht zu sehen. Da entschloss sie sich, bei den Tara-Ställen zu suchen. Kurz bevor sie diese erreichte, kamen zwei Elfen heraus; ihr Großvater und ein ihr unbekannter Mann: Katar.
»Opa!«
Ihr Großvater erklärte stolz: »Meine Enkelin Nimue, lieber Onkel.«
Sogleich verbeugte sich Katar vor ihr. »Es ist mir eine große Ehre, Nimue. Ich habe schon viel von dir gehört.«
»Ich von dir auch. Schön, dass du da bist. Kannst du mir von Frankreich erzählen?«
Er bejahte ihre Frage.
Doch Aar meinte: »Na, na, lass ihn erst einmal ankommen, Nimue. Dazu haben wir später auch noch Zeit.«
Nimue nickte zustimmend. Zur gleichen Zeit sah sie eine Frau aus dem Stall herausgehen, gefolgt von ihrer Großmutter. Katar drehte sich nach ihnen um. »Nimue, das ist meine Frau Léa.«
»Wie schön, ein echter Mensch bei uns auf dem Schloss. Wie geht es dir bei uns hier unten?«
Léa bekam keine Zeit für eine Antwort, da Oona sogleich erklärte: »Maeve hat ihr einen Kräuterzaubertrank zubereitet, mit dem sie ohne Weiteres für mehrere Wochen hier unten angenehm leben kann.«
»Und der hat sogar gut geschmeckt«, warf Léa ein, »ich freue mich sehr, bei euch zu sein.«
Danach gingen die Herren in Aars Büro und die Damen in das Gewächshaus, da Oona Léa die Blumen und Kräuter zeigen wollte.
Nimue schlenderte derweilen durch die große Eingangshalle in Richtung ihres Zimmers.
»Nimue, da bist du ja! In der Küche wartet eine Seejungfrau auf dich«, rief ihr Uhrilia entgegen.
»In der Küche?«, fragte Nimue überrascht.
»Ich wusste nicht, wo ich sie sonst hinschicken soll. Vielleicht in dein Zimmer? Die kommt hier einfach herein und will mit dir sprechen!«
»Okay«, beruhigte Nimue die aufgeregte Uhrilia, »ich gehe sie suchen.«
In der Küche angekommen, sah Nimue viele Heinzelchen eilig umherlaufen. Sie steckten mitten in den Vorbereitungen für das Abendessen, und das sollte an diesem Tag besonders glatt verlaufen. Nimue ging langsam an den vielen verschiedenen Holzöfen vorbei. Dort standen große und kleine Töpfe, aus denen Wasser brodelte. Gleichzeitig sprachen einige Stimmen wirr durcheinander und vermittelten ihr ein Gefühl von Hektik. Darunter hörte Nimue einen Heinzelchen-Koch seine Helferinnen anschreien. Sie wandte sich ihm entsetzt zu. Sogleich verstummte er mitten in einem Satz, als ob er ihre Blicke auf seinem Rücken hätte spüren können. Zornig widmete er daraufhin seine ganze Aufmerksamkeit einem übergroßen Kochtopf, aus dem heißer Dampf entwich.
Nimue ging weiter in die Küche hinein und entdeckte viele große Holztische, an denen vereinzelt ein Heinzelchen saß, das Gemüse oder Fleisch zubereitete oder eine Kraftmahlzeit zu sich nahm. Auf einem anderen Tisch standen mehrere Kuchen und Pralinen. Als Nimue gerade eine stibitzen wollte, hörte sie die Seejungfrau mit einem jungen Heinzelchen-Koch am hinteren Ende des Raumes über das Leben und den Tod diskutieren.
»Ihr müsst sie doch fragen?«, bat die Seejungfrau den Koch verzweifelt.
Doch dieser schüttelte seinen Kopf.
Nimue verzichtete auf die Praline und steuerte auf die beiden zu. Sie warf dem Heinzelchen-Koch einen vorwurfsvollen Blick zu, während sie sagte: »Natürlich machen wir das! Meine Großeltern haben es zur höchsten Regel gemacht, dass kein Lebewesen ohne ihre Zustimmung getötet oder verzerrt werden darf. Dafür gibt es ein wichtiges Ritual im Reich Shenja, das zwischen Koch und Tier stattfindet. Ansonsten dürften wir es nicht essen. Er will dich nur ärgern.« Sie wandte sich dem jungen Koch zu. »So frech sind die Heinzelchen nur bei uns hier im Land Shenja!«