Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 8
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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»Hat die Links­dre­hung et­was mit den Schne­cken­kö­ni­gin­nen zu tun?«

Ya­vi­ra lach­te und schüt­tel­te da­bei den Kopf. »Nein, ich den­ke nicht. Na­tür­lich kann man das ver­mu­ten, denn die Kö­ni­gin­nen, also die Schne­cken mit ei­ner Links­dre­hung, gibt es un­ter ei­ner Mil­li­on nur ein­mal, und das ist schon eine Be­son­der­heit. Ihr Ge­häu­se, oder wie es die Schne­cken selbst nen­nen, ihr Schutz­man­tel, hebt sich von den Mil­li­o­nen rechts­dre­hen­den ab. Du bist eine schlaue Elfe, Ni­mue.« Ya­vi­ra stups­te ihre Toch­ter an der Nase an. »Ich glau­be je­doch, dass mehr der Name auf den Ur­sprung des Steins hin­deu­tet als die Dre­hung der Spi­ra­le. So­lus ist das Licht, das im Ur­sprung, also Ori, durch einen Fun­ken ent­stan­den ist. Die­ser Fun­ke hat das Le­ben ent­zün­det, so steht es ge­schrie­ben.«

»Der muss ja wun­der­schön sein«, ver­mu­te­te Ni­mue ver­blüfft.

»Ja, das ist er, und weißt du, von wem sie die­sen Stein ge­schenkt be­kom­men ha­ben?«

Ni­mue schüt­tel­te den Kopf.

»Vom Dra­chen­füh­rer Dracóran. Vor Tau­sen­den von Jah­ren ha­ben wil­de Ko­aks das Kö­nig­reich über­fal­len und ein­ge­nom­men. In der Nähe des Rei­ches war eine Höh­le, in der eine Dra­chen­fa­mi­lie leb­te. Die­se wa­ren Freun­de des Kö­nigs. Nach der Be­set­zung be­frei­ten die Dra­chen das Kö­nig­reich von ih­ren An­grei­fern. Lei­der je­doch sta­rb Dracórans Fa­mi­lie da­bei. Nur er war noch am Le­ben, al­ler­dings schwer ver­letzt. Wäh­rend er im Ster­ben lag, ging der El­fen­kö­nig zu ihm und pfleg­te ihn bis zum letz­ten Atem­zug. Kurz be­vor er sta­rb, überg­ab er dem Kö­nig die­sen Di­a­man­ten mit der Bot­schaft, dass der Stein be­son­de­re Kräf­te be­sit­zen und das Reich Shen­ja be­schüt­zen wür­de.«

»Wo­her stammt der Stein?«

»Das wis­sen wir nicht. Was wir al­ler­dings wis­sen ist, wie er zu der Dra­chen­fa­mi­lie ge­lang­te. Dracóran er­zähl­te dem Kö­nig, dass er selbst die­sen Stein vor lan­ger Zeit in der Tie­fe des Mee­res ent­deckt hat­te. Ein Licht, das aus dem Meer strahl­te, hat­te ihn an­ge­zo­gen. Als er da­nach tauch­te, fand er die­sen Stein. Er nahm ihn an sich, er­kann­te je­doch nicht auf An­hieb sei­ne Macht. Aus die­sem Grund leg­te er ihn in eine gro­ße Pi­ra­ten­kis­te, in der be­reits eine Men­ge Schmuck lag, und so ver­gaß er ihn für ei­ni­ge Jah­re. Als die Dun­kel­welt mehr und mehr das Land un­ter einen Schat­ten leg­te, ver­rin­ger­te sich die Nah­rung er­heb­lich. Men­schen, Tie­re und an­de­re We­sen versta­r­ben. Ei­nes Abends saß Dracóran ver­zwei­felt bei sei­nen Schät­zen und über­leg­te, was er tun könn­te, um sei­ne Fa­mi­lie vor dem Hun­ger­tod zu ret­ten. Da rüt­tel­te sich et­was in der Pi­ra­ten­kis­te, so hef­tig, dass sie sich hin- und her­be­weg­te. Als er hin­ein­sah, lag der Di­a­mant strah­lend oben­auf. Er strahl­te so hell, dass er den gan­zen Raum er­leuch­te­te. Dracóran nahm ihn in sei­ne Kral­le und da ge­sch­ah es: Der Stein ver­band sich mit sei­ner po­si­ti­ven Ener­gie. Da­bei dehn­te sie sich aus und füll­te da­mit sei­ne Um­ge­bung. Gleich­zei­tig er­wach­te die Na­tur mit all ih­rer schö­nen Viel­falt. Er sah nie­der­ge­schla­ge­ne Men­schen auf­ste­hen, ge­nau­so wie das Licht die Le­bens­geis­ter der Tie­re und an­de­re We­sen aufs Neue weck­te. So wur­de auch sein gro­ßer Wunsch er­füllt, denn sei­ne Kin­der hat­ten bald wie­der ge­nü­gend zu es­sen.«

»Und die Schat­ten­welt?«

»Die­se wuss­te erst gar nicht, wie es zu die­ser schnel­len licht­vol­len Ver­än­de­rung kom­men konn­te. Doch sie hat­ten vom My­thos des Steins be­reits ge­hört und wa­ren sich ei­nig, dass der Dra­che die­sen ge­fun­den ha­ben muss­te. Das er­öff­ne­te ein neu­es Pro­blem für Dracóran, denn die Dun­kel- und Schat­ten­welt woll­te den Stein für ihre Zwe­cke nut­zen.«

»Wie­so? Er ist doch licht­vol­ler Na­tur, oder?«

»Nein, mei­ne Lie­be, er un­ter­stützt die Ener­gie sei­nes Be­sit­zers. Da­bei spielt der kör­per­li­che Erst­kon­takt eine gro­ße Rol­le.«

»Aha«, staun­te Ni­mue und ver­sank in ihre Ge­dan­ken. In die­sen ließ Ya­vi­ra ihre Toch­ter für einen Mo­ment in Ruhe ver­wei­len.

»War­um hat Dracóran den Stein nicht ein­fach ge­tra­gen, als der gro­ße Kampf ge­gen die Ko­aks statt­fand? Das Licht hät­te ihn und sei­ne Fa­mi­lie doch ge­stärkt.«

»Hier be­stand ein gra­vie­ren­des Pro­blem. Die­ser Stein ist nicht dazu da, um ihn her­um­zu­tra­gen. Du weißt ja, Ni­mue, dass zu viel von et­was, auch wenn es gut ist, wie­der ins Ge­gen­teil um­schla­gen kann. Ich mei­ne da­mit, dass nur der Erst­kon­takt zwi­schen dem Stein und sei­nem neu­en Be­sit­zer wich­tig ist.«

»Ich weiß nicht, was du da­mit meinst, Mama.«

»So­lus ist das Licht im Ur­sprung Ori, das die Ur­schöp­fung dar­stellt.«

Ni­mue nick­te.

»Wir ha­ben zwei Ur­vä­ter, das weißt du doch, oder?«

»Ja, das Gute und das Böse wur­de als Zwil­lings­paar ge­bo­ren.«

»Ge­nau, also kön­nen bei­de die Ur­schöp­fung dar­stel­len.«

»Du meinst, Mama, dass beim Erst­kon­takt sich der Ur­sprung im Stein auf die Ener­gie ein­stellt, die ihn be­sitzt?«, frag­te Ni­mue scho­ckiert.

»Ja, so ist es, mei­ne klu­ge Toch­ter. Zu­dem ver­stärkt sich die­se. Auch wenn sie licht­vol­ler Na­tur ist, so wie bei Dracóran, kann sie in ih­rer stän­di­gen Zu­nah­me den Kör­per schwä­chen. Die Ener­gi­en wer­den ihm zu viel. Aus die­sem Grund ist es wich­tig, den Stein so auf­zu­be­wah­ren, dass er wir­ken kann und zur glei­chen Zeit den Kör­per des Tra­gen­den nicht be­las­tet.«

»Und so war der Dra­che ge­schwächt und konn­te nicht mehr kämp­fen und des­halb …« Ni­mue hielt ent­setzt ih­ren Mund zu.

»Ja, des­halb.«

»Der Arme!«

»Ja, er hat­te sich gro­ße Vor­wür­fe ge­macht. Um den Kö­nig da­vor zu schüt­zen, bau­te er eine Schutz­hül­le: die Holz­ku­gel. Die­se hat die glei­che Form wie der Stein. Viel­leicht soll­te man Holz­trop­fen sa­gen. Ob­wohl, je­der nennt sie Holz­ku­gel. Sie ist am obe­ren Ende an ei­nem dun­kel­brau­nen Le­der­band be­fes­tigt und wirkt auf den ers­ten Blick wie ein Amu­lett. Im engs­ten Sin­ne han­delt es sich auch um einen An­hän­ger, denn so kann man den Stein mit sich her­um­tra­gen, ohne dass sei­ne in­ten­si­ven Ener­gi­en den Kör­per schwä­chen. An­sons­ten soll­te er so auf­be­wahrt wer­den, dass er höchst­mög­lich wir­ken kann.«

»Und er nimmt wirk­lich die Ener­gi­en sei­nes Be­sit­zers an?«

»Ja, das tut er. Jah­re spä­ter ha­ben die Dun­kelel­fen den Stein aus der kö­nig­li­chen Kam­mer ge­raubt. Man sagt, dass er in der Hand von Donn­tu­a­gh, dem Kö­nig der Dun­kelel­fen, eine an­de­re Fa­r­be an­ge­nom­men hat. Das Rad der Schöp­fung dreh­te sich um und schloss das Licht in sich ein. So nahm es auch das Licht der Erde mit sich. Die Zau­ber- und Men­schen­welt litt un­ter dem Son­nen­ver­lust ge­nau­so wie es tau­sen­de Jah­re zu­vor die Dra­chen­fa­mi­lie er­leb­te, nur war die­ses Mal der Schat­ten noch dunk­ler. Es wur­den kei­ne Fes­te mehr ge­fei­ert, kein Wein mehr ge­trun­ken und das Es­sen war nur noch in ge­rin­gen Men­gen vor­han­den. Es war furcht­bar kalt und die Kör­per der Men­schen, Tie­re und Zau­ber­we­sen schmerz­ten per­ma­nent. Zu die­ser Zeit war das Le­ben auf der Erde noch nicht so weit ent­wi­ckelt, wie es heu­te ist. Trotz­dem, die Men­schen und Tie­re spür­ten die­sen Wan­del eben­so wie die Zau­ber­we­sen. Die Na­tur hat­te sich ver­än­dert und gab ih­nen im­mer we­ni­ger Le­bens­raum. Vie­le Men­schen muss­ten ster­ben, weil Bee­ren ver­gif­tet wa­ren oder fried­li­che Tie­re plötz­lich wild wur­den. Es war eine grau­sa­me Zeit und dann, dann kam der Men­schen­jun­ge.«

»Ein Men­schen­jun­ge?«

»Ja, er war noch ganz klein, so etwa drei Men­schen­jah­re alt und hat­te be­son­ders licht­vol­le Ener­gi­en. Die glei­chen, wie du sie hast, Ni­mue. Er konn­te dunk­le Bar­rie­ren durch­bre­chen, und als der Kö­nig der Dun­kelel­fen ein­mal un­acht­sam war, da lief der klei­ne Jun­ge ge­nau zu die­sem Zeit­punkt in sei­ne Höh­le hin­ein und fand den Stein. Er woll­te nur spie­len und wuss­te nicht, was er da in sei­nen Hän­den hielt. Er nahm ihn mit zu sei­ner Fa­mi­lie und ver­wahr­te ihn in sei­ner Schatz­kis­te. Die Dun­kelel­fen hat­ten kei­ne Ah­nung, wer den Stein ge­stoh­len hat­te und fin­gen an, ihn zu su­chen. Doch durch den neu­en Be­sit­zer dreh­te sich das Rad der Schöp­fung er­neut, füll­te den Stein mit Licht und er­wärm­te die Erde. Das Le­ben wur­de wie­der an­ge­neh­mer, für die Men­schen wie auch die Zau­ber­welt. Der Jun­ge hat­te kei­ne Ah­nung, was er be­saß oder da­mit be­wirk­te. Als er äl­ter wur­de, ver­steck­te er den Stein in­stink­tiv und hü­te­te ihn wie einen gro­ßen Schatz. Ei­nes Ta­ges dann, so sagt man, wur­de er von ei­ner ihm un­be­kann­ten Stim­me zu den Lich­tel­fen des Kö­nig­reichs Shen­ja ge­ru­fen, um dem Kö­nig die­sen Stein zu über­ge­ben. Er wuss­te nicht, war­um er das tun soll­te, hin­ter­frag­te die Stim­me trotz­dem nicht. Er ging auf eine lan­ge Rei­se. Auf die­ser muss­te er sich ei­ni­gen Ge­fah­ren stel­len, doch er sieg­te in je­der Schlacht. Sein Glau­be und der Wunsch, die­sen Stein zu über­ge­ben, hat­ten ihn stark ge­macht. Er fand un­se­ren El­fen­stamm und über­reich­te den Di­a­man­ten. Er selbst wur­de mit den Ener­gi­en der licht­vol­len Zau­ber­welt be­schenkt.« Ya­vi­ra ver­stumm­te für eine Wei­le aus Er­schöp­fung. Die vie­len Wor­te streng­ten sie stark an.

Ni­mue stell­te sich der­wei­len die Fra­gen: »Wer könn­te das sein? Ken­ne ich ihn wo­mög­lich oder einen sei­ner Nach­fah­ren viel­leicht?« Sie schüt­tel­te den Kopf. Ihr war klar, dass sie ihn nicht ken­nen konn­te. Kei­ner der Hal­bel­fen im Reich kam für sie da­für in­fra­ge, und doch konn­te sie sich täu­schen.

Nach ei­ner Wei­le hol­te Ya­vi­ra tief Luft. Dar­auf­hin er­zähl­te sie wei­ter: »Ir­gend­wann er­fuhr die Schat­ten­welt von der Ge­schich­te, die nun von Dhuorc, dem Kö­nig der Dun­kel- und Schat­te­n­el­fen, aufs Här­tes­te re­giert wur­de. Ihm wur­de mit­ge­teilt, dass der Stein im Kö­nig­reich Shen­ja war und so bil­de­te er ein Kriegs­heer aus und über­fiel un­ser Kö­nig­reich, um den Stein des Ori­so­lus zu er­obern. Un­se­re Vor­fah­ren wur­den vor­ge­warnt. Den­noch stell­ten sie sich dem Kampf. Das ers­te Ge­fecht en­de­te zu ih­ren Guns­ten. Das zwei­te for­der­te vie­le Op­fer. Als dann die Dun­kel- und Schat­te­n­el­fen die Ko­aks, Fa­ka­ne und wei­te­re böse We­sen auf­rie­fen, ih­nen zu hel­fen, muss­ten sie flie­hen. Un­se­re El­fen­krie­ger wa­ren deut­lich in der Min­der­heit. Das Ziel war zu die­ser Zeit nur noch, das Le­ben zu er­hal­ten und den Stein in Si­cher­heit zu wis­sen. Wäh­rend ih­rer Flucht tra­fen sie im­mer wie­der auf Krie­ger, die den Stein des Ori­so­lus er­obern woll­ten, und ei­nes Ta­ges pas­sier­te es, dass Dhuorc die Holz­ku­gel fei­er­lich in sei­nen Hän­den hielt. Ein gu­ter Zau­be­rer vor Ort hat­te von dem Kampf um den Stein er­fah­ren und rann­te zum Schlacht­feld. Er sah den Kö­nig sach­te mit der lin­ken Hand über den da­mals klei­nen sicht­ba­ren Rie­gel strei­chen. Dhuorc woll­te ge­ra­de das Schloss ent­rie­geln, als der Zau­be­rer die Ku­gel mit ei­nem Schlie­ßungs­zau­ber be­leg­te. Der Ver­schluss ver­schwand vor sei­nen Au­gen. Er dreh­te und wen­de­te die Ku­gel in alle Rich­tun­gen, aber sie blieb ver­schlos­sen. Dhuorc schrie laut vor Wut, was den Bo­den er­zit­tern ließ. Er leg­te den Zau­be­rer in Ket­ten und fol­ter­te ihn so lan­ge, bis er dar­an sta­rb. Der Zau­be­rer ver­lor nie­mals ein Wort über den Ge­gen­zau­ber oder die ma­gi­sche For­mel, mit der er sie be­leg­te. Auf den ers­ten Blick soll­te nie­mand mehr in der Lage sein, die Ku­gel zu öff­nen.«

»Wie soll dann ir­gend­je­mand auf die­ser Welt in der Lage sein die­se Ku­gel zu öff­nen?«, frag­te Ni­mue ir­ri­tiert.

»Nach­dem der Zau­be­rer den Zau­ber­spruch aus­ge­spro­chen hat­te, kam ihm ein Elf un­se­res Hee­res zur Hil­fe. Noch be­vor Dhuorcs Krie­ger ihn in sei­ne Hän­de be­ka­men, flüs­ter­te er ihm zu, dass nur der den Zau­ber lö­sen kön­ne, der nicht nur mit der ma­gi­schen For­mel ver­bun­den ist, son­dern sie auch lö­sen kann.«

»Ma­gi­sche For­mel?«, frag­te Ni­mue.

»Ja, eine ma­gi­sche For­mel. Dhuorc glaub­te, dass der Zau­be­rer un­se­rem Kö­nig die Lö­sungs­for­mel be­reits vor der Er­obe­rung mit­teil­te und über­fiel un­se­re Fa­mi­lie noch ein­mal, die­ses Mal in Corn­wall.«

»Und da­bei sta­rb sei­ne Frau Ba­ra­bel, nicht wahr, Mama?«

»Ja, mei­ne Lie­be, so ist es. Ich habe ge­hört, dass sie Dhuorc über­lis­tet hat, um ih­ren Mann zu ret­ten.«

»Das war ganz schön mu­tig, Mama.«

Ya­vi­ra nick­te. »Da­bei nahm sie die Holz­ku­gel an sich. Dhuorc hat sich mit ih­rem Tod ge­rächt.«

»Seo­ras wird sie nie ver­ges­sen, Mama, er ist so trau­rig ohne sie.«

»Er liebt sie noch ge­nau­so wie am ers­ten Tag, an dem er sie ken­nen­lern­te. Man er­zählt sich, es war Lie­be auf den ers­ten Blick. Solch eine Lie­be kann auch der Tod nicht zer­stö­ren.«

Ein lau­tes Don­nern von Hu­fen un­ter­brach die bei­den.

»Was war das?«, woll­te Ni­mue wis­sen.

»Die ers­ten El­fen­krie­ger sind zu­rück. Es wird wohl nicht mehr lan­ge dau­ern und auch dein Groß­va­ter und Ka­tar sind da.«

Ni­mue woll­te ih­nen gleich ent­ge­gen­lau­fen und doch sieg­te die Neu­gier­de, da sie noch ei­ni­ge Fra­gen hat­te.

»Wo ist die Ku­gel jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Das weiß nur der Kö­nig selbst.«

»Was hat das al­les mit mir zu tun? Auch wenn ich Kö­ni­gin wer­den soll­te, ich muss die Ku­gel des­halb noch lan­ge nicht öff­nen kön­nen.«

»Nach­dem sich das Volk hier un­ten am Chiem­see an­ge­sie­delt hat­te, be­kam der Kö­nig einen lan­gen Brief von ei­nem klei­nen Fin­ken über­bracht. Seo­ras sag­te, dass der Brief so schwer war, dass er ihm bei­na­he aus dem Schna­bel ge­fal­len wäre. Die­ser Fink war ein Nach­kom­me des Finks, der bei dem Zau­be­rer leb­te. Der Zau­be­rer konn­te vor­aus­se­hen und hat­te vor sei­nem Tod die­sen Brief ver­fasst. Dar­in steht die ma­gi­sche For­mel, je­doch kei­ne Auf­lö­sung. Dein Groß­va­ter weiß mehr dar­über. Ich weiß nur so viel, dass ein Teil die­ser For­mel eine Zahl er­gibt, die mit dei­nem kos­mi­schen Ge­burts­da­tum über­ein­stimmt. Zu­dem muss der Öff­ner und so­mit der Be­sit­zer ein aus­er­wähl­ter Elf sein, so wie es nur Kö­ni­ge sind.«

»Und falls ich eine Aus­er­wähl­te bin, könn­te ich die ma­gi­sche Hül­le der Ku­gel viel­leicht ent­zau­bern?«

»Man ver­mu­tet dies«, er­wi­der­te Ya­vi­ra.

»Aber war­um öff­nen? Es gibt doch kei­nen Grund da­für«, woll­te Ni­mue wis­sen, die da­bei vor al­lem an die Ge­fahr aus der Dun­kel- und Schat­ten­welt dach­te, die eine Öff­nung mit sich bringt.

»Oh, mei­ne Lie­be, den gibt es. Die Schat­ten­welt ist auf dem Vor­marsch. Ganz Eng­land, Tei­le Eu­r­o­pas und Ame­ri­ka sind un­ter ei­nem grau­en Ne­bel ver­schwun­den. Das Land Neu­see­land kann nicht ein­mal mehr ge­or­tet wer­den, und Aus­tra­li­en zieht sich all­mäh­lich auch zu. Die Zau­ber­we­sen lei­den dort Hun­ger und Nöte, und auch den Men­schen geht es nicht gut. Vie­le wan­dern in die licht­vol­len Ge­gen­den aus. Doch dort wird der Raum eng, was Streit und Hass för­dert. Dies wie­der­um macht es den dunk­len Mäch­ten leicht, auch die­se Ge­bie­te zu er­obern. So ist kein Halt und die Aus­brei­tung des Schat­tens nimmt sei­nen Lauf. Zu­dem wird dies al­les von der heu­ti­gen, un­ge­sun­den Le­bens­wei­se der Men­schen ver­stärkt. Schau dir nur ihre zu­neh­men­de Um­welt­ver­schmut­zung an. Das na­tür­li­che Le­ben­s­um­feld wird durch die Be­las­tung der Na­tur durch Ab­fall- und Schad­s­tof­fe schwer be­ein­träch­tigt. Das ist es, was die dunk­len Mäch­te an­stre­ben, denn al­lein die Ab­gase der Dampf­lo­ko­mo­ti­ven oder der neu ent­wi­ckel­ten In­dus­trie­an­la­gen ver­ne­beln das Licht und re­du­zie­ren des­sen Ener­gie. Du weißt doch, wie oft der Ab­fall von Men­schen hier in un­ser Reich ge­langt und wie viel Kraft es kos­tet, ihn auf­zu­lö­sen. Mae­ve un­ter­stützt uns und die Na­tur ganz und gar. Aber auch ihre Heil­kräf­te sind be­grenzt. Denk nur an die Grü­nen Kin­der. Sie sind be­son­ders ge­fähr­det.«

»Grü­ne Kin­der?«, frag­te Ni­mue und er­kann­te, dass sie noch so gut wie gar nichts über die Welt wuss­te.

»Sie le­ben im Wald oder an­de­ren na­tür­li­chen Plät­zen. Ihr Le­bens­raum wird im­mer klei­ner. Die Men­schen hol­zen ab oder zer­stö­ren na­tür­li­che Le­bens­räu­me auf eine an­de­re Art und Wei­se. Nun sie­deln sie sich ver­mehrt an Ge­wäs­sern an, die nicht so ein­fach um­ge­bet­tet wer­den kön­nen.«

»Wie se­hen die Kin­der aus, Mama?«

»Sie se­hen aus wie Men­schen­kin­der, nur mit grü­ner Haut und sehr dün­ner Sta­tur, bei­na­he aus­ge­mer­gelt. Sie ha­ben, wie wir El­fen, spit­ze Oh­ren, ein paar grü­ne Haa­re auf dem Kopf und tra­gen in der Re­gel nur eine aus brau­nem Le­der be­ste­hen­de kur­ze Hose. Es sind gute We­sen, die an der Er­hal­tung der Na­tur teil­neh­men, den­noch ha­ben sie kei­ne Zau­ber­kräf­te und müs­sen dem schreck­li­chen Ver­lauf mehr oder we­ni­ger zu­se­hen.«

Ni­mue emp­fand ein Mit­ge­fühl die­sen We­sen ge­gen­über und auch den Wunsch, sie ein­mal ken­nen­zu­ler­nen. Kurz dar­auf ver­schwamm al­les um sie her­um; ihre Welt dreh­te sich um 180 Grad und sie konn­te sich nicht da­ge­gen weh­ren. Al­les war an­ders, und doch war es wie zu­vor. Sie spür­te, dass das Wis­sen ei­ner Sa­che eine Ver­än­de­rung nach sich zog, so­dass sich eine schein­bar glei­che Welt ur­plötz­lich ganz an­ders an­füh­len konn­te. Sie at­me­te tief durch.

Nach ei­ner Wei­le muss­te sie wie­der an die Grü­nen Kin­der den­ken und sie frag­te: »Aber wenn sie so an­ders aus­se­hen, wie kön­nen sie mit den Men­schen zu­sam­men auf der Erde le­ben?«

»So­bald Men­schen auf­tau­chen, kön­nen sie sich mit der Na­tur ver­schmel­zen. Also, steht ein Baum in der Nähe, glei­chen sie sich dem Baum an oder dem Was­ser oder der Wie­se.«

Ni­mue ver­stand: Es wa­ren Na­tur­we­sen, die auf­grund ih­rer voll­kom­me­nen Rein­heit mit der Na­tur eins sein konn­ten. Da be­gan­nen ihre Ge­dan­ken er­neut wie in ei­ner Ach­ter­bahn auf- und ab­wärts­zu­fah­ren. Doch die­ses Mal kreis­ten sie nicht nur un­kon­trol­lier­bar in ih­rem Kopf um­her, son­dern schaff­ten Bil­der, die wie ein Film vor ih­rem in­ne­ren Auge ab­lie­fen. Die da­durch ent­stan­de­nen Ein­drü­cke wa­r­fen wie­der­um neue Fra­gen auf. Was be­deu­tet Ya­vi­ras Er­zäh­lung für sie? War sie eine aus­er­wähl­te Elfe? War sie die Elfe, die den Stein fin­den, die Holz­ku­gel öff­nen und so­mit dem Licht Ener­gie ge­ben soll­te, um die Men­schen- und Zau­ber­welt zu rei­ni­gen und zu be­schüt­zen? Sie hat­te kei­ne Ah­nung und ent­schloss sich kur­zer­hand, kei­ne die­ser Fra­gen jetzt in die­sem Mo­ment zu stel­len. Sie er­kann­te, dass ihre Mut­ter stark ge­schwächt von all dem Spre­chen war. Trotz­dem woll­te sie noch wis­sen: »Ist das nun gut für mich, Mama?«

»Es gibt dar­in kein Gut oder Schlecht. Es kommt dar­auf an, was du dar­aus machst.«

»Aber was soll ich ma­chen, ich mei­ne, falls ich es bin, die aus­er­wählt ist?«

»Mach dir kei­ne Sor­gen, mei­ne Klei­ne. Falls du es bist, wer­den sich dir die Lö­sun­gen zei­gen.«

»Und wenn die dunk­le Macht trotz­dem siegt?«

»Das wird nicht pas­sie­ren, mein Schatz.«

»Und falls doch?«

»Dann müs­sen wir da­mit le­ben und uns den Ge­ge­ben­hei­ten an­pas­sen.«

»Das wäre dei­ner und Pa­pas si­che­rer Tod?«

»Mach dir kei­ne Sor­gen, mei­ne Lie­be. Es gibt im­mer eine Lö­sung, auch wenn es nicht da­nach aus­sieht.«

»Na­tür­lich kämp­fe ich, Mama. Trotz­dem hof­fe ich, dass ich es nicht bin«, ge­stand Ni­mue ein­ge­schüch­tert von der gro­ßen Ver­ant­wor­tung. »Was wäre, wenn ich mir et­was wün­sche, was auf kei­nen Fall mit all dem zu tun hat?«

Ya­vi­ra lach­te. »Wünsch dir, was dein Herz be­gehrt. Es wird dich auf den rich­ti­gen Weg lei­ten. Denk im­mer dar­an, falls du die aus­er­wähl­te Elfe bist: Es ist eine gro­ße Ehre. Du wirst nie al­lein sein, mein Schatz, das ver­spre­che ich dir.«

Soll­te sie die­se Aus­sa­ge be­ru­hi­gen? Dann mach­te ihre Mut­ter al­les rich­tig, denn ge­nau das tat sie.

Da über­tön­ten eine Trom­pe­te und ein Durch­ein­an­der von Stim­men die Lau­te der Pfer­de­hu­fe.

»Sie sind da«, schrie Ni­mue und sprang auf. Blitz­schnell ent­fern­te sie ein paar Stroh­hal­me von ih­rem Kleid und er­klär­te: »Ich gehe in den Hof, Mama.«

»Ja, tu das. Ich kom­me nach.«

Ni­mue ver­ließ den Stall und sah vie­le El­fen­män­ner in den Hof rei­ten. Ihre Bli­cke such­ten ih­ren Groß­va­ter, doch der war weit und breit nicht zu se­hen. Da ent­schloss sie sich, bei den Tara-Stäl­len zu su­chen. Kurz be­vor sie die­se er­reich­te, ka­men zwei El­fen her­aus; ihr Groß­va­ter und ein ihr un­be­kann­ter Mann: Ka­tar.

»Opa!«

Ihr Groß­va­ter er­klär­te stolz: »Mei­ne En­ke­lin Ni­mue, lie­ber On­kel.«

So­gleich ver­beug­te sich Ka­tar vor ihr. »Es ist mir eine gro­ße Ehre, Ni­mue. Ich habe schon viel von dir ge­hört.«

»Ich von dir auch. Schön, dass du da bist. Kannst du mir von Frank­reich er­zäh­len?«

Er be­jah­te ihre Fra­ge.

Doch Aar mein­te: »Na, na, lass ihn erst ein­mal an­kom­men, Ni­mue. Dazu ha­ben wir spä­ter auch noch Zeit.«

Ni­mue nick­te zu­stim­mend. Zur glei­chen Zeit sah sie eine Frau aus dem Stall her­aus­ge­hen, ge­folgt von ih­rer Groß­mut­ter. Ka­tar dreh­te sich nach ih­nen um. »Ni­mue, das ist mei­ne Frau Léa.«

»Wie schön, ein ech­ter Mensch bei uns auf dem Schloss. Wie geht es dir bei uns hier un­ten?«

Léa be­kam kei­ne Zeit für eine Ant­wort, da Oona so­gleich er­klär­te: »Mae­ve hat ihr einen Kräu­ter­zau­ber­trank zu­be­rei­tet, mit dem sie ohne Wei­te­res für meh­re­re Wo­chen hier un­ten an­ge­nehm le­ben kann.«

»Und der hat so­gar gut ge­schmeckt«, warf Léa ein, »ich freue mich sehr, bei euch zu sein.«

Da­nach gin­gen die Her­ren in Aars Büro und die Da­men in das Ge­wächs­haus, da Oona Léa die Blu­men und Kräu­ter zei­gen woll­te.

Ni­mue schlen­der­te der­wei­len durch die gro­ße Ein­gangs­hal­le in Rich­tung ih­res Zim­mers.

»Ni­mue, da bist du ja! In der Kü­che war­tet eine See­jung­frau auf dich«, rief ihr Uhri­lia ent­ge­gen.

»In der Kü­che?«, frag­te Ni­mue über­rascht.

»Ich wuss­te nicht, wo ich sie sonst hin­schi­cken soll. Viel­leicht in dein Zim­mer? Die kommt hier ein­fach her­ein und will mit dir spre­chen!«

»Okay«, be­ru­hig­te Ni­mue die auf­ge­reg­te Uhri­lia, »ich gehe sie su­chen.«

In der Kü­che an­ge­kom­men, sah Ni­mue vie­le Hein­zel­chen ei­lig um­her­lau­fen. Sie steck­ten mit­ten in den Vor­be­rei­tun­gen für das Abend­es­sen, und das soll­te an die­sem Tag be­son­ders glatt ver­lau­fen. Ni­mue ging lang­sam an den vie­len ver­schie­de­nen Hol­z­ö­fen vor­bei. Dort stan­den gro­ße und klei­ne Töp­fe, aus de­nen Was­ser bro­del­te. Gleich­zei­tig spra­chen ei­ni­ge Stim­men wirr durch­ein­an­der und ver­mit­tel­ten ihr ein Ge­fühl von Hek­tik. Dar­un­ter hör­te Ni­mue einen Hein­zel­chen-Koch sei­ne Hel­fe­rin­nen an­schrei­en. Sie wand­te sich ihm ent­setzt zu. So­gleich ver­stumm­te er mit­ten in ei­nem Satz, als ob er ihre Bli­cke auf sei­nem Rü­cken hät­te spü­ren kön­nen. Zor­nig wid­me­te er dar­auf­hin sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit ei­nem über­gro­ßen Koch­topf, aus dem hei­ßer Dampf ent­wich.

Ni­mue ging wei­ter in die Kü­che hin­ein und ent­deck­te vie­le gro­ße Holz­ti­sche, an de­nen ver­ein­zelt ein Hein­zel­chen saß, das Ge­mü­se oder Fleisch zu­be­rei­te­te oder eine Kraft­mahl­zeit zu sich nahm. Auf ei­nem an­de­ren Tisch stan­den meh­re­re Ku­chen und Pra­li­nen. Als Ni­mue ge­ra­de eine sti­bit­zen woll­te, hör­te sie die See­jung­frau mit ei­nem jun­gen Hein­zel­chen-Koch am hin­te­ren Ende des Rau­mes über das Le­ben und den Tod dis­ku­tie­ren.

»Ihr müsst sie doch fra­gen?«, bat die See­jung­frau den Koch ver­zwei­felt.

Doch die­ser schüt­tel­te sei­nen Kopf.

Ni­mue ver­zich­te­te auf die Pra­li­ne und steu­er­te auf die bei­den zu. Sie warf dem Hein­zel­chen-Koch einen vor­wurfs­vol­len Blick zu, wäh­rend sie sag­te: »Na­tür­lich ma­chen wir das! Mei­ne Gro­ß­el­tern ha­ben es zur höchs­ten Re­gel ge­macht, dass kein Le­be­we­sen ohne ihre Zu­stim­mung ge­tö­tet oder ver­zerrt wer­den darf. Da­für gibt es ein wich­ti­ges Ri­tu­al im Reich Shen­ja, das zwi­schen Koch und Tier statt­fin­det. An­sons­ten dürf­ten wir es nicht es­sen. Er will dich nur är­gern.« Sie wand­te sich dem jun­gen Koch zu. »So frech sind die Hein­zel­chen nur bei uns hier im Land Shen­ja!«

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