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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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Die Wangen des Heinzelchens röteten sich. Er senkte seinen Kopf und ging zu seinem Arbeitsplatz zurück.
»Oh, da bin ich aber froh«, erwiderte die Seejungfrau erleichtert, denn in der Zauberwelt war es von besonderer Bedeutung, dass kein Lebewesen ohne seine Zustimmung rein für den Verzehr getötet wurde.
»Hallo, ich bin Piera«, stellte sie sich sogleich vor und reichte Nimue ihre rechte Hand.
Nimue nahm sie an. »Hallo, ich bin …«
»Das weiß ich doch.« Piera lächelte vor Freude, Nimue endlich kennenzulernen. »Darf ich dich fragen, ob wir zu deiner Geburtstagsfeier kommen dürfen?«
Nimue war erstaunt über die erneute Anfrage eines ihr unbekannten Wesens. »Hmm, ich kenne dich doch gar nicht, wer bist du?«
»Ich bin eine Seejungfrau und lebe hauptsächlich im Starnberger See.«
Nimue spürte die vor Neugier stechenden Blicke der Heinzelchen auf ihrem Körper. Da deutete sie der Seejungfrau mit einer Handbewegung an, ihr zu folgen. Kurz darauf schwebten beide aus der Küche in den Hofgarten hinaus. Sie setzten sich auf eine Bank direkt vor einem Strauch mit roten und gelben Rosen. Diese blühten besonders herrlich und so bemerkte Piera: »Schön habt ihr es hier!«
»Ja, Oma ist eine wahre Gartenkünstlerin.«
Als sie zur Ruhe kamen, erklärte die Seejungfrau: »Unsere Heimat ist im Wasser. Wir können aber auch auf dem Land leben. Dort verwandelt sich unsere Flosse zu zwei menschlichen Beinen. Aus diesem Grund leben einige aus meiner Familie unter Wasser und andere auf dem Land.«
»Ihr lebt inmitten der Menschen?«
»Ja, das tun wir. Unsere Körper gleichen den ihren, was unsere wahre Identität versteckt. Nur sehr feinfühlige Menschen spüren unsere reine Energie. Sie fühlen sich von uns angezogen, verstehen jedoch nicht, woher diese Anziehung kommt.« – Piera lachte kurz auf – »Manche glauben, dass sie sich unsterblich in uns verliebt haben. Doch meistens sind es nur die Energien, auf die sie reagieren.«
»So habt ihr viele Verehrer?«
Piera sah Nimue fragend an.
»So sagt man doch, Verehrer, oder nicht?«, war sich Nimue plötzlich unsicher.
»Wir haben viele Verehrer, ja, das stimmt. Aber wir spüren ganz deutlich, ob es die wahre Liebe oder nur eine Anziehung aus erwähnten Gründen ist. Somit werden es schon bedeutend weniger.«
»Wie viele seid ihr?«
»Wir sind 16 und würden uns alle über eine Einladung sehr freuen.«
Nimue mochte dieses schöne Wesen, das in der magischen Wasserenergie des Reiches Shenja leicht golden schimmerte. Aus diesem Grund fiel es ihr nicht schwer, zuzusagen. »Gut, ich freue mich auf euer Kommen.«
Piera bedankte und verabschiedete sich.
Nimue blieb zurück und beobachtete ihre schönen, weichen Schwünge, während sie in Richtung Wald schwebte. Sie war eine wunderschöne Seejungfrau mit hellblonden, fast weißen Haaren. Ihre Flosse war königsblau und von feiner Statur. Ihre Brust war durch ein gleichfarbiges Oberteil bedeckt, das durch dünne Träger rundum verbunden war. Es sah aus, als ob es ein Spinnennetz wäre, welches sich über ihren Oberkörper webte.
Nach ein paar Minuten verschwand Piera im Wald. Dann ging Nimue auf ihr Zimmer. Dort fing sie an, alle von ihr eingeladenen Gäste aufzuschreiben. Ansonsten würde sie bald den Überblick verlieren, denn aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, dass es noch mehr werden würden.

Nachdem sie ihren Stift zur Seite gelegt hatte, betrachtete sie im Spiegel ihr Kleid mit Entsetzen.
»Ich habe das Kleid viel zu früh angezogen. Nun schau, es ist schmutzig geworden«, beklagte sich Nimue bei der Spiegeldame.
»Ja, du hast recht. Das ist kein Problem, Nimue. Willst du es zum Abendessen anbehalten?«
»Ja, natürlich. Ich habe gehört, dass es Katars Lieblingsfarbe ist.«
»Nun gut. Komm näher zu mir an den Spiegel heran. Ich muss dir jedoch gleich sagen, dass ich das nicht immer machen kann. Es kostest mich viel Energie, und wofür gibt es Wellenschlagmaschinen, die die Wäsche waschen?«
Nimue wusste nicht, was sie vorhatte. Sie vertraute ihr dennoch und stellte sich direkt vor den Spiegel.
»Also«, wies die Spiegeldame sie an, »bleib in diesem Abstand stehen und dreh dich, wenn ich es dir sage.«
»Okay, Spiegel«, antwortete Nimue, neugierig auf das, was nun passieren würde.
Es dauerte Sekunden oder vielleicht sogar Minuten, in denen nichts geschah. Nimue hatte das Gefühl, dass es ewig anhielt, so still auf einem Platz zu stehen und auf etwas zu warten, das sie noch nicht kannte. Dann ging es auf einmal los. Die Spiegeldame füllte sich mit hellem Licht. So hell, dass sich Nimue nicht mehr darin sehen konnte. Daraufhin fing das Licht an, weit in den Raum hineinzuleuchten. Doch nur einen Moment später fokussierte es sich voll auf Nimue, als ob es eine Hülle um ihren Körper bilden wollte. Sie drehte sich auf Befehl und schon war alles wieder vorbei.
Die Spiegeldame erklärte erschöpft: »Ui, jetzt muss ich mich ausruhen.«
Nimue musterte ihr Kleid. Es war sauber, als ob sie es gerade angezogen hätte. »Danke, lieber Spiegel.«
»Ist schon gut, hab‘ ‘nen schönen Abend, Nimue.«
Sofort schnellten an beiden Seiten Türen aus dem Holzrahmen, so schnell, dass Nimue rückwärts springen musste, um ihnen auszuweichen. Sie schlossen sich gleichzeitig mit einem tiefen Atemzug der Spiegeldame. Kurz darauf schlief sie ein.
Nimue war verblüfft über ihre Künste. Noch nie zuvor hatte sie ein Kleid gereinigt.
»Ob sie noch mehr kann, wovon ich nichts weiß?«, wunderte sich Nimue. Da wurde ihr plötzlich klar, dass sie seit fast Jahrzehnten mit der Spiegeldame in diesem Zimmer zusammenlebte und nichts über sie wusste, zumindest nicht, dass sie außer einem Spiegelbild und einem allzu oft frechen Mundwerk auch andere Fähigkeiten besaß. Noch nicht einmal die Türen hatte sie bis zu diesem Tag gesehen, die aus feinstem Mahagoni bestanden. Zudem hatten sie Intarsien über die ganze Länge hinweg. Die Holzverzierungen stellten eine große Blume jeweils in der Mitte der Tür dar. Ringsherum waren kleinere, die sich an den Stängeln miteinander verbanden. Die äußeren Blumen hatten die Farbe Helllila, während die innere unbemalt war.
Nimue musterte den geschlossenen Spiegel noch eine ganze Weile, bis sie bemerkte, dass es Zeit zum Abendmahl war. Gleich darauf machte sie sich auf den Weg zum Tafelsaal, denn an diesem Tag wollte sie auf keinen Fall zu spät kommen.
Auf dem Schlossgang fiel ihr ein Piepsen auf, das mal lauter, mal leiser ertönte. Jeweils dreimal »piep, piep, piep«, bis es vermeintlich die Richtung wechselte. Einmal klang es, als ob es hinter ihrem Rücken wäre, dann vor ihr, dann neben ihr rechts oder mal links. Sie konnte keinen Ort definieren, von dem es mit Bestimmtheit ausging. Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter, doch gleichzeitig schärfte sie ihren Gehörsinn. Als sie das Geräusch intensiver wahrnahm, erkannte sie, dass dies von einem Wesen ausgehen musste und es nicht die Holzbalken oder andere im Gang vorhandenen Gegenstände sein konnten.
»Wer und wo bist du?«, fragte sie daraufhin harsch.
Nichts. Keine Reaktion, außer einem erneuten Piepen.
»Zeig dich«, forderte sie das unbekannte Wesen auf. Da entdeckte sie vor sich einen Lichtkegel, der in der Dunkelheit der Abenddämmerung schwach schimmerte. Die Lichtquelle schwankte derart stark hin und her, dass sie keinen Körper ausfindig machen konnte.
»Wer bist du und warum verfolgst du mich? Sprich endlich!«, rief sie aufgebracht.
Gleich darauf sah sie ein kleines Wesen direkt auf sie zu stolzieren, das je Schritt klarer und sichtbarer wurde, wobei das Licht um es herum zunehmend verblasste.
»Mea culpa, Eure Hoheit, ich wollte Sie nicht verärgern«, antwortete es mit weicher Stimme.
»Mea culpa?«, fragte sie nach.
»Meine Schuld, Eure Hoheit.«
»Ach so, sag das doch gleich.«
»Ich möchte mich vorstellen, Eure Hoheit.«
»Das hört sich doch gut an«, bemerkte Nimue nun mit einem Lächeln.
»Ich bin ein Geist, genauer gesagt ein Plagegeist, und kann es den Menschen und anderen Wesen oft schwer machen. Ich liebe es, sie zu ärgern und ihnen Sachen zu verlegen oder sie zu kitzeln oder Dinge, die sie tragen, anzustupsen, sodass sie ihnen auf den Boden fallen.«
»Das ist aber nicht nett, Geist.«
»Na ja, wir sind Lichtgeister und manchmal, da rütteln wir die Körper der guten Seelen auf, um im Alltag nicht einzuschlafen.«
»Was meinst du damit?«, fragte sie wenig überzeugt von seiner Theorie.
»Wir plagen die Menschen so lange, bis sie anfangen, ihre Wahrnehmungsfähigkeit in ihrer Feinheit wieder zu empfinden, um ihre vermeintliche Ungeschicklichkeit zu beenden. Sie erkennen unerwartet wahre Strukturen in oder um etwas herum.«
»Strukturen, um etwas herum?«
»Manchmal verschließt der sich stetig wiederholende Alltag und dessen geistige Nachlässigkeit die Augen vor der Wirklichkeit. Also, träge Menschen sehen nicht so gut wie schwungvolle Menschen. Oder Zauberwesen, denen geht es da ja nicht anders«, erklärte der Geist.
»Und was sehen sie dann nicht?«, wollte Nimue wissen.
»Die Wahrheit in Dingen, wie zum Beispiel Verträgen, Untaten von vermeintlich lieben Freunden oder Partnern oder, oder, oder, da gibt es so eine lange Liste, dass wir hier noch ewig stehen könnten.«
Das war das Stichwort für Nimue. Ewig hatte sie keine Zeit und wahrscheinlich war sie jetzt eh schon wieder zu spät dran.
»Wie heißt du und was willst du?«, fragte sie dennoch.
»Mein Name ist Plagosius und ich würde gerne mit meiner Familie zu deinem Fest kommen.«
»Wie viele?«
»17, Eure Hoheit.«
»Gut, ich freue mich. Bis bald.«
Sie schwebte zügig los, während er noch sprach: »Wir uns auch. Bis bald.«
Als sie den Saal erreichte, sah sie mit Erleichterung, dass die meisten Elfen ebenfalls gerade erst eintrafen. Deshalb ging sie in aller Ruhe durch die Reihen zu ihrem Tisch, der an diesem Abend besonders festlich gedeckt war. Die Kerzen hatten die Farbe ihres Kleides. Zudem waren Blumen überall auf dem Tisch verstreut und schufen eine warme und angenehme Stimmung.
Nimue freute sich, heute als Erste an ihrem Familien-Tisch zu sein. Dann sah sie Marie und Sophia auf sie zukommen und kurz darauf auch Aoife den Saal betreten. Nacheinander kamen Oona, Aar und Tante Tiara mit ihrem Mann Seog und ihren fünf Kindern: Christian, Michael, Tagh, Claudine und Kristin. Alle setzten sich. Gleich darauf kam Marie, die Schwester des Königs, mit ihrem Mann Camin und Acair, der Bruder des Königs mit seiner Frau Cloet, gefolgt von Maries Kindern, Claudius und Léa. Letztere wurde auf der Flucht in Frankreich geboren, kurz nachdem sich ihr Onkel Katar verlobt hatte; deshalb bekam sie den Namen ihrer zukünftigen Tante.
Es dauerte nicht lange und auch die Kinder von Acair kamen herein und setzten sich an den Tisch; Chridon, Massmo und Spanie. Diese Namen waren die ungewöhnlichsten am Hofe, aber Cloet liebte das Außergewöhnliche. Darauf schwebten eilig Lila und ihr Bruder Chrisan herein, Aars Geschwister, und hinter ihnen her ihre Familien. Jeder sprach mit jedem und Nimue beobachtete, wie gutgelaunt alle waren. Die Tür schnellte erneut auf und Nimue sah überrascht, dass ihr Onkel Seoc von der Zauberinsel mit seiner Frau und Kindern gekommen war. Freudig lächelte sie ihrer Cousine Cara entgegen, die ihr schon von Weitem zuwinkte. Sie setzte sich neben Nimue, während Seoc, seine Frau Hauch und ihre Kinder Leon und Musik auf der anderen Seite des Tisches Platz nahmen.
Nimue bemerkte zu Cara: »Super, dass ihr heute schon da seid.«
»Nur für diesen Abend, Nimue.« Dann nahm Cara ihre Hand und legte etwas Hartes auf die Innenfläche. »Hier, das habe ich für dich mitgebracht.«
Nimue konnte das Objekt nicht einzig und allein mit dem Gefühl bestimmen und erhaschte einen Blick darauf. Es war ein Stein, genauer gesagt ein Frosch aus Stein oder ein Steinfrosch, wie auch immer man es nennen mochte.
»Ich habe ja noch gar nicht Geburtstag?«
»Nein, der Frosch hat mich gebeten, ihn mitzunehmen. Er möchte mit dir sprechen.«
»Ach so«, antwortete Nimue, ein wenig irritiert über einen sprechenden Stein. Sie konnte jedoch keine weiteren Fragen mehr stellen, denn sogleich ging die große Eingangstür auf und alle Elfen verstummten. König Seoras und Katar traten langsam über die Schwelle herein in den Saal. Gleichzeitig hörte Nimue ein »Céad míle fáilte« rufen und mehrere weitere Willkommensrufe darauf. Der König und Katar verbeugten sich und gingen langsam an den Tischen vorbei auf sie zu.
Nimue kannte den Ausspruch »Céad míle fáilte.« Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass es sich hierbei um einen irisch-gälischen Ausspruch handelte, der »tausendfach willkommen« heißt. Das Elfenvolk Shenja hatte diesen Willkommensgruß von ihren guten Elfenfreunden aus Irland bereits Jahrtausende zurück übernommen und pflegten diesen noch heute, wenn sie eine besondere Elfenseele begrüßten.
Nimue mochte diesen Ausspruch sehr, weil er Tradition enthielt, und so lächelte sie vor sich hin. Da bewegte sich wie aus dem Nichts der Frosch in ihrer Hand. Sie erschrak heftig, während sie seine feine Stimme vernahm: »Hey, Nimue.«
Sie beugte sich unter den Tisch und erwiderte leise: »Sei still! Jetzt nicht! Nach dem Essen.«
Daraufhin hörte sie ein gedämpftes »Okidoke« und schon war es wieder still unter dem Tisch.
Als Katar an ihr vorbeiging, klopfte er kurz auf ihre Schulter: »Hallo, meine Kleine.«
Nimue freute sich sehr über diese Geste, denn sie zeigte seine Zuneigung ihr gegenüber.
Léa folgte den beiden und setzte sich neben Katar. Nachdem alle Platz genommen hatten, hallte laut das einstimmende »Sláinte!« durch den Saal. Heute war es jedoch nicht wie im Hofprotokoll vorgeschrieben der König, der es ausrief, sondern Katar. Alle erhoben die Gläser und prosteten sich zu. Langsam ertönten viele Stimmen im Raum und der festliche Abend nahm seinen Lauf.
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