Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 3
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

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»Dar­über wird dir dein Ur­groß­va­ter be­rich­ten, Ni­mue. Hab Ge­duld.«

»Aha«, dach­te sich Ni­mue, »jetzt ist es aus­ge­spro­chen.« Für sie war das eine kla­re Ant­wort, denn wenn sich ihr Ur­groß­va­ter da­mit be­schäf­tig­te, war es et­was Gro­ßes. Was auch im­mer groß be­deu­te­te, war ihr in die­sem Zu­sam­men­hang al­ler­dings nicht be­wusst.

»Lass dei­nen Ge­dan­ken frei­en Lauf, mei­ne Klei­ne. Ein Wunsch soll sich dir zei­gen. Erst, wenn du dir zu hun­dert Pro­zent si­cher bist, mein Kind, lass uns dar­über spre­chen. Ich bin im­mer für dich da.«

»Das ma­che ich, Oma.«

Der Wunsch, zu rei­sen und bei Cara auf der Zau­be­r­in­sel zu le­ben, war na­tür­lich prä­sent. Doch Ni­mue dach­te auf ein­mal, war­um nicht meh­re­re Wün­sche in Be­tracht zie­hen, um die­se dann mit ih­rer Groß­mut­ter zu be­spre­chen.

Als ers­tes kam ihr ein Pferd in den Sinn und zwar ein ganz be­son­de­res We­sen der Zau­ber­welt, das nur we­ni­ge be­sa­ßen. Es war schnel­ler, flin­ker, in­tel­li­gen­ter und grö­ßer als alle an­de­ren Pfer­de. Die El­fen nann­ten die­se Pfer­deras­se Tara, da Tara über­setzt Stern hieß, und ein sol­cher wies die­sen Ge­schöp­fen den Weg, um stets si­cher an ihr Ziel zu kom­men.

Die­se Tie­re wa­ren be­son­de­re Be­schüt­zer ih­rer Be­sit­zer. Durch ihre aus­ge­präg­te Sen­si­bi­li­tät konn­ten sie Emo­ti­o­nen al­ler Art früh­zei­tig auf­spü­ren und bei Ge­fahr han­deln. Sie wa­ren wun­der­schö­ne Pfer­de, die durch ihre leicht grün-bräun­li­che Fa­r­be mit der Na­tur bei­na­he ver­schmol­zen. Ihre Ras­se be­saß die Fä­hig­keit, sich je­der Um­welt an­zu­pas­sen, und wenn sie woll­ten, konn­ten sie sich den Men­schen sicht­bar ma­chen. Das mach­ten sie je­doch nur sehr sel­ten und so wur­de vie­ler­orts auf der Erde von den ge­heim­nis­vol­len Wind­böen ge­spro­chen, die un­sicht­bar an ih­nen vor­bei­rausch­ten.

»Un­er­klär­li­che na­tür­li­che Phä­no­me­ne« nann­te man sie, die die Men­schen mit na­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­meln zu deu­ten ver­such­ten. Doch konn­ten sie die­sen Wind­s­tö­ßen nie auf den Grund ge­hen, und so blie­ben sie ih­nen ein ewi­ges Rät­sel.

Das Bild ei­nes Tara-Pferds ver­schwamm vor Ni­mu­es Au­gen, wor­auf ihre Ge­dan­ken ab­schweif­ten. Sie mur­mel­te: »Be­deu­tet das Wort Gro­ßes im­mer et­was Po­si­ti­ves? Oder hat es wo­mög­lich mit mei­ner feh­len­den Dis­zi­plin zu tun, vor al­lem in Be­zug auf die­se dif­fu­sen Re­geln, die man­che Leh­rer auf­stel­len. Mein neu­er Kunst­leh­rer, viel­leicht hat er …?« – Ni­mue stock­te und schüt­tel­te den Kopf – »nein, das kann es nicht sein.«

Ihr wur­de be­wusst, dass sie im Grun­de im­mer flei­ßig war. Au­ßer­halb ih­rer Un­ru­he und ih­rer manch­mal ab­leh­nen­den Art auf die für sie un­sin­ni­gen Schul­re­geln zu re­a­gie­ren, hat­te sie kei­ne Ab­mah­nun­gen er­hal­ten. Die für sie schlüs­si­gen Re­geln be­folg­te sie in der Tat.

»Was kann es nur sein?«, frag­te sie sich dar­auf­hin wie­der und wie­der, ob­wohl sie sich doch ei­gent­lich mit ih­rem Wunsch be­schäf­ti­gen soll­te. Sie fand kei­ne Ant­wort und so fin­gen ihre Ge­dan­ken an, sich wild im Kreis zu dre­hen. Ein Wirr­warr von Mög­lich­kei­ten brei­te­te sich aus. Da­bei be­merk­te sie, dass sie lei­se vor sich hin­plap­per­te. Sie schreck­te auf und sah um sich. Im Raum herrsch­te eine ge­spens­ti­sche Stil­le. Sie dreh­te sich um und blick­te in die Au­gen ih­rer Ge­schwis­ter, die alle auf sie ge­rich­tet wa­ren. So­gar So­phia kon­zen­trier­te sich nicht mehr auf ihr Buch. In die­sem Mo­ment spür­te Ni­mue, wie sich ihr Nacken lang­sam zu­sam­men­zog.

Oona be­merk­te ihre An­span­nung und ver­such­te, sie zu be­ru­hi­gen: »Kei­ne Angst, es wird dir ge­fal­len.«

Die­se Aus­sa­ge be­ru­hig­te Ni­mue tat­säch­lich, denn es war ein­deu­tig kein Mahn­ruf. Trotz­dem war das Wort es im­mer noch un­de­fi­nier­bar. Hat­te sie viel­leicht über den Wunsch und nicht über das gro­ße, eh­ren­vol­le Et­was ge­spro­chen? Ni­mue fühl­te sich in­ner­lich zer­ris­sen, als ihre Groß­mut­ter auf­stand.

Oona leg­te ihre Hand be­hut­sam auf Ni­mu­es lin­ke Schul­ter. »Komm, lass uns ins Ge­wächs­haus ge­hen.«

Ni­mue folg­te ihr so­gleich, wäh­rend sie zu­stim­mend nick­te, denn das Ge­wächs­haus war der Lieb­lings­platz ih­rer Groß­mut­ter. Dort herrsch­ten zwi­schen all den Pflan­zen Stil­le und Ge­bor­gen­heit und so fan­den an die­sem Ort vie­le wich­ti­ge Ge­sprä­che statt.

Im Gar­ten an­ge­kom­men, ent­deck­te Ni­mue mit Freu­de, dass die ver­schie­dens­ten Blu­men­ar­ten be­reits in vol­ler Pracht er­b­lüh­ten. Sie sah Pas­si­ons­blu­men, Ka­me­li­en, Li­li­en, Son­nen­blu­men, Ei­sen­hü­te, Ar­nika­kräu­ter, Glo­cken­blu­men, Stief­müt­te­r­chen und noch vie­le Pflan­zen mehr. Die Fa­r­ben ver­misch­ten sich vor ih­ren Au­gen, als ob ein bun­ter Blu­men­tep­pich vor ihr lie­gen wür­de.

Nach die­ser Blu­men- und Kräu­ter­viel­falt durch­streif­ten sie einen Be­reich des Gar­tens, der ein­zig und al­lein den Ro­sen ge­wid­met war. Auch sie blüh­ten in ih­ren präch­tigs­ten Fa­r­ben. Ni­mue lä­chel­te bei die­sem schö­nen An­blick. Die Rose war ihre Lieb­lings­blu­me, vor al­lem die, die hell­ro­sa­fa­r­be­ne Blü­ten hat­te. Als sie eine sol­che ent­deck­te, blieb sie ste­hen, um an ihr zu rie­chen.

»Dei­ne Blu­men sind so schön, Oma«, be­merk­te Ni­mue.

»Dan­ke! Ich wür­de mich sehr freu­en, wenn du mir öf­ters bei der Pfle­ge hilfst.«

Ni­mue nick­te zu­stim­mend, wäh­rend sie ihr in ein Ge­wächs­haus folg­te, in dem Ge­mü­se an­ge­baut wur­de. Als sie die­ses durch­quer­ten, sah sie durch ein Ab­trenn­glas eine tief­ro­te Fa­r­be schim­mern. Da­hin­ter wa­ren gro­ße To­ma­ten, die an Sträu­chern hin­gen und sie durch ihre Schwe­re nach un­ten drück­ten.

»Oma, die sind aber groß ge­wor­den«, mein­te Ni­mue und deu­te­te auf einen Strauch mit vie­len un­ter­schied­lich gro­ßen To­ma­ten.

»Das stimmt. Die­se be­son­ders saf­ti­ge Fleisch­to­ma­te ha­ben wir ex­tra für dei­nen Ge­burts­tag an­ge­baut«, er­wi­der­te Oona, »und auch den Rest, den du hier siehst. Das wird ein gro­ßes Fest, Ni­mue.« Sie zeig­te mit ih­rer Hand auf die vie­len un­ter­schied­li­chen Ge­mü­se- und Obst­sor­ten rund­her­um.

Der Raum war groß und lang ge­zo­gen und an bei­den En­den mit Glas­schei­ben von an­de­ren Ge­wächs­häu­sern ab­ge­trennt. Auf ei­ner Sei­te er­blick­te Ni­mue in sorg­fäl­tig an­ge­bau­ten Rei­hen Ka­rot­ten, Lauch, Sel­le­rie, Kar­tof­feln und meh­re­re Sa­lat­sor­ten. Auf der an­de­ren Sei­te war das Obst. Klei­ne Bäu­me voll mit Früch­ten rag­ten aus dem Bo­den.

Sie sah so vie­le ver­schie­de­ne Obst- und Ge­mü­se­sor­ten, dass sie staun­te: »Oh, so viel Obst und Ge­mü­se, und das al­les nur für mei­nen Ge­burts­tag.«

Oona nahm der­wei­len an ei­nem klei­nen Tisch in der Mit­te des Rau­mes Platz. Ni­mue tat das Glei­che und hör­te die Wor­te ih­rer Groß­mut­ter, wäh­rend ihre Au­gen wei­ter auf die Fül­le der au­ßer­ge­wöhn­li­chen Früch­te ge­rich­tet wa­ren.

»Also, mei­ne Klei­ne, du weißt, dass du zum 130s­ten Ge­burts­tag einen Wunsch frei hast.«

Ni­mue nick­te und wand­te sich ih­rer Groß­mut­ter zu.

»Pass gut auf, was du dir wünschst, Ni­mue, denn Seo­ras wird es dir ge­wäh­ren. Die Tra­di­ti­on un­se­res El­fen­stam­mes be­sagt, dass je­der Elfe an ih­rem Ua­ne­a­la-Tag ein Wunsch er­füllt wer­den muss. Da gibt es so gut wie kei­ne Aus­nah­men. Also, was ich da­mit sa­gen will, ist ganz ein­fach: Wünsch dir et­was, das du wirk­lich willst, und sei dir im Kla­ren dar­über, dass es in Er­fül­lung ge­hen wird.«

Ni­mue er­wi­der­te freu­dig: »Ja, Oma. Soll ich dir mei­nen größ­ten von al­len Wün­schen sa­gen?«

»Nein, nicht so vor­schnell. Denk dar­über nach. Du hast noch zehn Tage Zeit. Geh in dich und fin­de dort die Wahr­heit dei­ner Wün­sche, denn je nach­dem könn­te er dein Le­ben stark ver­än­dern. Dies ist der ers­te Schritt zum Er­wach­sen­wer­den, Ni­mue. Hand­le wei­se und wohl­über­legt. Stell dir die Fra­gen: was und war­um du es dir wünschst, und da­nach, wel­che Fol­gen es für dich, dein Le­ben und auch für dei­ne Fa­mi­lie ha­ben wird.«

Auf ein­mal fühl­te Ni­mue eine Schwe­re, die sich lang­sam in ih­rer Brust aus­brei­te­te. War es nun so weit, soll­te sie jetzt für ihre Ent­schei­dun­gen al­lein ver­ant­wort­lich sein? War sie schon be­reit da­für? Konn­te sie die vol­le Trag­wei­te be­grei­fen, die ihre Groß­mut­ter von ihr ver­lang­te? Oder ver­stand sie ihre Wor­te falsch?

»Oma, kann ich nicht mit dir und Opa über mei­nen Wunsch spre­chen?«

Oona schüt­tel­te leicht den Kopf.

»Wir müs­sen ja nicht über den einen gro­ßen re­den. Viel­leicht über die vie­len an­de­ren klei­ne­ren?«, schlug Ni­mue dar­auf­hin vor.

»Nein, dein Wunsch und du, ihr sollt eine Ein­heit dar­stel­len. Ich mei­ne, kei­ne äu­ße­ren Ein­flüs­se sol­len da­bei auf dich ein­wir­ken. Ge­nau­er ge­sagt, dein Wunsch soll frei von an­de­ren ge­hegt, ge­pflegt und ge­stellt wer­den.«

Ni­mue ver­stumm­te, wäh­rend sie über die Wor­te ih­rer Groß­mut­ter nach­dach­te.

»Du brauchst kei­ne Angst zu ha­ben. Wenn du dei­ner in­ne­ren Stim­me folgst und dir Zeit gibst, sie zu ver­ste­hen, kann dir nichts pas­sie­ren. Die nächs­ten Tage wer­den sehr wich­tig für dich sein. Nimm dir Zeit und vor al­lem gib dir Ruhe, denn nur in Ruhe kannst du dich rich­tig ent­schei­den.«

»In­ne­re Stim­me?«, dach­te Ni­mue, »Hat mir Opa nicht auch schon da­von er­zählt?«

Ni­mue konn­te sich nicht mehr er­in­nern, wie ge­nau ihre in­ne­re Stim­me klin­gen soll­te und noch dazu hat­te sie den Wunsch zu rei­sen und die Welt zu ent­de­cken. Soll­te sie trotz­dem mit ih­rer in­ne­ren Stim­me spre­chen? Ihr viel­leicht so­gar den Wunsch sa­gen und ihre Mei­nung dazu hö­ren? Viel­leicht ten­diert ihre in­ne­re Stim­me ja mehr zu ei­nem Tara-Pferd, ist sich Ni­mue nun un­si­cher.

Da woll­te sie wis­sen: »Ist die in­ne­re Stim­me die, die mich mei­nem Traum nä­her­bringt oder die, die mir mei­nen Wunsch be­stä­tigt?«

»Dei­ne in­ne­re Stim­me ist die Stim­me dei­ner See­le und sie ent­spricht der höchs­ten Wahr­heit.«

»Aha«, staun­te Ni­mue.

»Du sollst in dich hin­ein­füh­len und ge­nau hin­hö­ren, denn durch un­ge­sun­de Emo­ti­o­nen kann es pas­sie­ren, dass du kei­nen di­rek­ten, rei­nen Zu­gang zu dei­ner in­ne­ren Stim­me hast.« Oona blick­te in Ni­mu­es ir­ri­tier­tes Ge­sicht und er­kann­te, dass sie ihre Aus­sa­ge nicht im De­tail ver­stand. Des­halb hol­te sie ein Bei­spiel her­vor: »Ich mei­ne, und das ist wirk­lich nur ein Bei­spiel, du wünschst dir eine spre­chen­de Pup­pe, al­ler­dings nur, weil alle in dei­nem Al­ter eine sol­che be­sit­zen. Die­ser Wunsch ist von der Emo­ti­on ge­tra­gen, die ei­nem Mus­ter und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Vor­stel­lung folgt. Alle ha­ben die­se eine Pup­pe, also willst du auch eine. Das gilt auch dann, wenn die Ei­fer­sucht kei­ne oder nur eine ge­rin­ge Rol­le da­bei spielt. Er­kennst du den Ur­sprung nicht, kann dir der wah­re, tief in dir ver­steck­te Wunsch ver­bor­gen blei­ben. Du denkst an die Pup­pe und kon­zen­trierst dich al­lein dar­auf. Lei­der ist es üb­lich, dass die äu­ße­re Scha­le, also das Ober­fläch­li­che und des­sen Ge­ge­ben­hei­ten, uns oft mehr im Griff ha­ben, als un­ser schö­nes in­ne­res Ich.«

»Aha«, äu­ßer­te sich Ni­mue noch ein­mal vol­ler Ehr­furcht über das gro­ße Wis­sen ih­rer Groß­mut­ter. »Wie kann ich mei­ne in­ne­re Stim­me klar hö­ren? Und vor al­lem, wie weiß ich, ob der Wunsch von au­ßen oder in­nen ge­steu­ert wird?«

»Lass dir Zeit und komm zur Ruhe. Hek­tik und Stress hal­ten dich da­von ab, und ver­su­che jeg­li­che Emo­ti­o­nen von dir fern zu hal­ten. Denk nur an dein in­ne­res Ich und ler­ne es ken­nen.«

Ni­mue zwei­fel­te plötz­lich an ih­rem Wunsch. Woll­te sie wirk­lich bei ih­rer Cou­si­ne auf der Zau­be­r­in­sel le­ben? Oder war es nur, weil es Cara tat und ihr die Ge­schich­ten so im­po­nier­ten? Steck­te da­hin­ter wo­mög­lich eine ver­steck­te Ei­fer­sucht ih­rer Cou­si­ne ge­gen­über? Sie wuss­te es nicht und frag­te ver­zwei­felt: »Oma, was soll ich tun?«

»Geh an Plät­ze der Ein­sam­keit, an de­nen du dich wohl­fühlst und den­ke über dei­nen gro­ßen Wunsch nach. Geh in dich und ver­su­che her­aus­zu­fin­den, ob die­ser oder ein an­de­rer Wunsch es sein soll, und wer­de dir über des­sen Trag­wei­te be­wusst.« Die gro­ßen ver­un­si­cher­ten Au­gen von Ni­mue mach­ten Oona Sor­gen und sie füg­te hin­zu: »Kei­ne Angst, mei­ne Klei­ne, du wirst dein wah­res Ich fin­den. Das Er­wach­sen­wer­den kann ei­ner je­den Elfe Angst ma­chen. Das muss es aber nicht, denn meis­tens sieht al­les viel schlim­mer aus, als es in der Wahr­heit ist.«

»Aber was pas­siert, wenn ich mir et­was wün­sche, das für an­de­re Fol­gen hat, die ich nicht auf An­hieb er­ken­nen kann? Fol­gen für mich und an­de­re hat es doch in je­dem Fall, nicht wahr?«

»So­lan­ge kei­ne bö­sen Ab­sich­ten da­hin­ter­ste­cken und du nie­man­den wil­lent­lich ver­letzt, sol­len die Aus­wir­kun­gen kein hin­der­li­cher Grund sein.« Oona blick­te Ni­mue tief in die Au­gen. Da­bei strich sie ihr sanft über die Wan­ge. Gleich dar­auf wech­sel­te Oona das The­ma: »In ein paar Ta­gen ist hier Ern­te­zeit. Dann wer­den wir ein gro­ßes Mahl für dich und dei­ne Gäs­te vor­be­rei­ten. Ei­nes kann ich dir schon ver­ra­ten: Dei­ne Lieb­lings­nach­spei­se, sü­ßer Ge­mü­se­brei, ist auch da­bei.« Sie lä­chel­te ihre En­ke­lin lie­be­voll an.

»Kommt Ka­tar wirk­lich nur we­gen mir?«, frag­te Ni­mue nun freu­de­strah­lend.

»Ja, das tut er.«

»We­gen et­was Gro­ßem, das er oder wer an­de­res mit mir vor­hat oder mir schenkt, nicht wahr?«

Oona nick­te.

»Was ist et­was Gro­ßes, Oma?«

»Du bist des Kö­nigs Lieb­lings­en­ke­lin und al­lein das ist schon et­was Gro­ßes. Zu­dem bist du et­was ganz Be­son­de­res, mei­ne klei­ne Rao’ra. Dei­ne Auf­ge­weckt­heit und Le­bens­freu­de, dein aus­ge­präg­ter Sinn für Wahr­heit, dei­ne Lie­be zur Na­tur und den Tie­ren, dei­ne Of­fen­heit und fröh­li­che Ener­gie, dein Sinn für Gleich­be­rech­ti­gung und Gleich­heit un­ter al­len, dei­ne Treue zu dei­nen Lie­ben, dei­ne In­te­gri­tät und dein gro­ßer Glau­be an all das, was wir be­sit­zen, all dies und noch vie­les mehr ma­chen dich ein­zig­ar­tig.«

Ni­mue war ver­blüfft über das so­eben Ge­sag­te. »Ist nicht je­der so, Oma?«

Oona lach­te. »Nein, mein Kind, nicht je­der kann die­se We­sens­merk­ma­le sein Ei­gen nen­nen. Siehst du die­se To­ma­ten hier?« Oona zeig­te auf einen Strauch vol­ler ro­ter Pa­ra­dei­ser.

Ni­mue nick­te.

»Sie sind alle vom glei­chen Stamm, aber kei­ne gleicht der an­de­ren.«

Ni­mue nick­te er­neut. Sie hat­te ver­stan­den. Auch wenn man von der­sel­ben El­fen­ras­se ab­stammt, je­der ist ein­zig­ar­tig und hat un­ter­schied­li­che We­sens­ei­gen­schaf­ten, und man­che be­sit­zen die glei­chen An­la­gen, nut­zen sie aber un­ter­schied­lich. Da ent­deck­te sie zwei To­ma­ten, die an ei­nem Zweig ne­ben­ein­an­der hin­gen. Sie sa­hen bei­na­he iden­tisch aus, den­noch hat­te die eine einen klei­nen grü­nen Fleck. Ni­mue grins­te.

»Darf ich bei der Ern­te da­bei sein?«

»Wenn du willst«, er­wi­der­te Oona mit Freu­de, »na­tür­lich.«

Stun­den spä­ter saß Ni­mue in ih­rem Zim­mer und grü­bel­te über die Wor­te ih­rer Groß­mut­ter nach. Sie war un­ge­dul­dig und woll­te so­bald wie mög­lich mit ih­rer in­ne­ren Stim­me spre­chen, um ih­ren wah­ren Wunsch zu er­fah­ren. Doch wie soll­te sie das an­stel­len? Da dach­te sie an ih­ren Lieb­lings­platz im Wald. Schlag­ar­tig sprang sie auf und ver­ließ mit schnel­len Schrit­ten das Zim­mer. Über den Ar­ka­den­gang und die dar­auf­fol­gen­de Ein­gangs­hal­le lief sie in den Schloss­hof hin­aus. Kurz dar­auf pas­sier­te sie die Pfer­de­stäl­le und ei­ni­ge Hun­de­häu­ser und ver­ließ den Hof in Rich­tung Wald. In die­sem hat­te sie ein klei­nes Ver­steck, eine klei­ne Höh­le im Baum­stamm ei­ner präch­ti­gen Ei­che. Klein war sie nur der­art, dass im Ver­hält­nis zur Ge­samt­hö­he des Baum­stam­mes von drei Me­tern eine cir­ca zwei Me­ter hohe Aus­höh­lung ge­rin­ger war.

Die­ser Ort war ihr Rü­ck­zugs­punkt, wann im­mer sie Streit mit ih­ren Ge­schwis­tern hat­te oder an­de­re Sor­gen sie plag­ten. Nie­mand kann­te die­ses Ver­steck, au­ßer ei­ni­ge Wald­be­woh­ner und na­tür­lich der Baum selbst. Sie nann­te ihn Aaro, von ih­rem Groß­va­ter Aar ab­ge­lei­tet, denn die­ser Name gab ihr das Ge­fühl von Stär­ke. Bei­de hat­ten für Ni­mue alte Wur­zeln, einen gro­ßen Stamm­baum und stets kraft­vol­le und wei­se Wor­te. Dem Baum war es egal, wie sie ihn nann­te. Für ihn zähl­te aus­schließ­lich ihre gute Freund­schaft. In Wirk­lich­keit je­doch war sein Name Amur und da nahm er ein­mal schmun­zelnd an: »Aaro äh­nelt Amur so­gar ir­gend­wie. Hm, so ein biss­chen.«

Kurz be­vor Ni­mue ih­ren Freund se­hen konn­te, rief sie laut: »Hal­lo, Aaro.«

»Hal­lo, Ni­mue«, hall­te es im Wald wi­der.

Nur noch ein paar Schrit­te und schon stand sie vor ihm. Sie hol­te tief Luft, als er frag­te: »Wie geht es dir?«

»Ei­gent­lich gut.«

»Was heißt ei­gent­lich?«

»In zehn Ta­gen habe ich doch Ge­burts­tag. Bis da­hin soll ich mir über mei­nen Wunsch im Kla­ren sein.« Sie zuck­te mit ih­ren Schul­tern. »Aber wie soll das ge­hen?«

Ni­mue run­zel­te ihre Stirn der­art tief, dass Aaro lach­te.

Dann fiel ihr Ka­tar ein und ihre Ge­sichts­zü­ge er­hell­ten sich. Mit dem Feu­er der Vor­freu­de spru­del­te es aus ihr her­aus: »Hast du ge­wusst, dass Ka­tar bald zu uns kommt?«

»Die Vö­gel ha­ben mir da­von be­rich­tet. Das ist eine gro­ße Ehre, Ni­mue. Ka­tar war noch nie­mals hier bei uns im Reich Shen­ja.«

»Ich weiß, Aaro. Ich freue mich sehr dar­über. Aber war­um ma­chen alle so ein Tamtam dar­aus?«

»Was meinst du mit Tam Tam?«

»Mei­ne Schwes­tern be­haup­ten, dass Ka­tar nur des­halb kommt, weil mein Ur­groß­va­ter et­was Gro­ßes mit mir vor­hat. Noch dazu hat mich Oma auf mei­nen Wunsch an­ge­spro­chen. Jede Elfe darf doch zu ih­rem 130s­ten Ge­burts­tag einen gro­ßen Wunsch aus­spre­chen.« Ni­mue zog ihre lin­ke Au­gen­braue fra­gend hoch.

»Kla­ro, und was wünschst du dir?«

»Ei­gent­lich woll­te ich …«, stot­ter­te Ni­mue, »ei­gent­lich, du weißt doch, Cla­ra und die Zau­be­r­in­sel, hm, aber jetzt …«

Aaro lach­te, so­dass sich sei­ne Äste wild um­her­be­weg­ten. »So, so, was nun?«

»Ich weiß es jetzt auch nicht mehr. Oma sagt, ich muss erst mit mei­ner in­ne­ren Stim­me spre­chen, um dann her­aus­zu­fin­den, was ich wirk­lich will. Kei­ne Ah­nung, was mir mei­ne in­ne­re Stim­me sagt.«

»Ach so, die in­ne­re Stim­me«, er­wi­der­te der Ei­chen­baum mit ru­hi­gen, lang­schwin­gen­den Tö­nen.

»Kennst du die in­ne­re Stim­me?«, platz­te es aus Ni­mue her­aus, denn sie hat­te das Ge­fühl, dass sei­ne letz­ten Wor­te dar­auf deu­te­ten.

»Ja, die ken­ne ich schon. Mit der spre­che ich im­mer, wenn ich mir mit Ent­schei­dun­gen ganz si­cher sein muss.«

»Mit mei­ner in­ne­ren Stim­me?«, staun­te Ni­mue.

»Nein, mit mei­ner na­tür­lich!«

»Aha, und wie machst du das?«

»Ganz ein­fach: ich gehe in mich und las­se mich von nie­man­den rund­her­um stö­ren.« Dann er­hob er sei­ne Stim­me, so­dass ihn auch die um­lie­gen­den Bäu­me hö­ren konn­ten. »Was hier in die­sem Wald wirk­lich schwer ist, mit all den Plap­per­mäu­lern um mich her­um.« Da­nach senk­te sich sei­ne Stim­me wie­der, als er frag­te: »Des­halb kommst du heu­te zu mir, oder?«

Ni­mue nick­te. »Weißt du, wie ich mit mei­ner in­ne­ren Stim­me spre­chen kann? Das habe ich noch nie ge­macht.«

»Das musst du sel­ber her­aus­fin­den. Je­der hat sei­ne ei­ge­ne Art und Wei­se, mit sei­ner in­ne­ren Stim­me zu kom­mu­ni­zie­ren. Ich habe ge­hört, dass man­che Men­schen ex­tra auf Her­ren­chiem­see fah­ren, um dort zu me­di­tie­ren. Weißt du, Ni­mue, dort ist es be­son­ders still.«

»Me­di­tie­ren, was ist denn das?«

»Sie set­zen sich mit ver­schränk­ten Bei­nen auf den Bo­den. Man­che le­gen die Hän­de auf die Knie und hal­ten ihre ers­ten drei Fin­ger vom Dau­men an zu­sam­men. An­de­re hal­ten sie in Ge­bets­stel­lung, das heißt, ihre fla­chen Hän­de auf­ein­an­der­ge­legt in Höhe der Brust. Ich glau­be, dass der Schnei­der­sitz zu ei­ner bes­se­ren Kör­per­hal­tung bei­trägt. An­sons­ten, den­ke ich, dass dei­ne Sitz­hal­tung egal ist, und auch, wie du dei­ne Hän­de da­bei hältst. Ma­che es ein­fach so, dass du dich wohl­fühlst. An­de­ren­falls wird es schwie­rig.«

»Was wird schwie­rig?«, pack­te sie die Neu­gier­de.

»Na ja, wenn die Men­schen in die­ser Po­si­ti­on am Bo­den sit­zen, dann ge­hen sie in sich, den­ke ich. Des­we­gen tun sie es ja! Da­für ist es wich­tig, dass der Kör­per ih­nen Ruhe ver­schafft und nicht an al­len Ecken und En­den schmerzt.«

»In sich ge­hen«, wie­der­hol­te Ni­mue, »das habe ich jetzt schon öf­ter ge­hört. Was ist denn da in mir?«

»Dei­ne See­le, Ni­mue, das weißt du doch.«

Ni­mue nick­te, nur we­nig über­zeugt, ihre See­le zu ken­nen, und er­wi­der­te: »Viel­leicht. Und sie ist mei­ne in­ne­re Stim­me, nicht wahr?«

»Mehr oder we­ni­ger, so ganz ge­nau weiß ich das auch nicht. Das musst du sel­ber her­aus­fin­den.«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Lass den Kopf nicht hän­gen, das ist nicht so schwer, wie du meinst. Pro­bie­re es aus und habe Ge­duld mit dir.«

»Ge­duld?! Ich muss in ge­nau zehn Ta­gen, in der 13ten El­fen­stun­de nach Null, mei­nen Wunsch aus­spre­chen, und was, wenn ich bis da­hin mei­ne in­ne­re Stim­me nicht ge­fun­den habe und sie mir nichts über mei­nen wah­ren Wunsch sa­gen konn­te?«

Aaro lach­te laut auf. Da­bei fin­gen sei­ne Äste an, wie wild um­her­zu­sch­win­gen. Ni­mue muss­te ei­nem aus­wei­chen, in­dem sie einen Schritt zu­rück­sprang.

Ein we­nig ver­är­gert be­ton­te sie dar­auf­hin: »Lus­tig fin­de ich das über­haupt nicht!«

»Geh hin­ein, ich ma­che es dir ge­müt­lich warm.«

»Dan­ke« mur­mel­te sie und ver­schwand in der Höh­le im Bau­min­ne­ren.

Sie be­grüß­te Stúh­ly, die Stuhlda­me, die im In­ne­ren der Baum­höh­le leb­te. Ni­mue deu­te­te an, sich set­zen zu wol­len, doch vor­her muss­te sich Stúh­ly nach rechts und links aus­deh­nen.

Seit Lan­gem war Stúh­ly mehr als ge­nervt, dass sich Ni­mue kei­nen grö­ße­ren Stuhl zu­leg­te. Zum einen mach­te ihr das Deh­nen zu schaf­fen, zum an­de­ren hät­te sie ger­ne einen Spiel­ge­fähr­ten ge­habt. Der Ei­chen­baum je­doch hat­te da et­was Ent­schei­den­des da­ge­gen, und so konn­te auch Ni­mue nicht über sei­nen Kopf hin­weg Ent­schei­dun­gen fäl­len.

Stúh­ly räus­per­te sich und Ni­mue setz­te sich. Da hör­ten sie das Ra­scheln von Blät­tern. Es war Aaro, der sei­nen Stamm von au­ßen schloss, in­dem er Ei­chen­blät­ter auf den Ein­gang leg­te. Dar­auf­hin kehr­te eine Stil­le ein. Nur noch ein paar Wür­mer und Kä­fer un­ter­hiel­ten sich mit­ein­an­der. An­sons­ten war da nichts; nicht ein­mal das Atem­ge­räusch der Ei­che war mehr zu hö­ren.

»Hey«, be­grüß­te Ni­mue un­er­war­tet ein klei­ner ro­ter Kä­fer.

»Hal­lo.«

Aaro hat­te dies ge­hört und so­gleich hall­te sei­ne tie­fe Stim­me im Raum: »Halt dein Maul, Stein­kä­fer Lili! Ni­mue braucht voll­kom­me­ne Ruhe. Sie soll ihre in­ne­re Stim­me fin­den. Da braucht sie dein Ge­schwätz ganz be­stimmt nicht.«

Der Kä­fer ki­cher­te, be­vor er flüs­ternd, den­noch mit ei­nem spöt­ti­schen Un­ter­ton mein­te: »Die in­ne­re Stim­me, haha. Viel Glück, Ni­mue, ich will dich nicht wei­ter stö­ren.«

Ni­mue ant­wor­te­te nicht, denn ei­gent­lich war sie froh, dass Lili da war. Ab­len­kung ist im­mer gut, wenn man nicht wei­ter­weiß.

Als der Kä­fer wie­der ver­schwun­den war, flüs­ter­te sie: »Nun gut, mei­ne in­ne­re Stim­me, ich bin ru­hig und könn­te dir zu­hö­ren.«

Sie war­te­te ein paar Mi­nu­ten, dann eine hal­be Stun­de, und nichts ge­sch­ah. Ein­fach nichts, kei­ne Ant­wort.

»In­ne­re Stim­me«, rief sie in Ge­dan­ken, »wo bist du?«

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