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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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»Darüber wird dir dein Urgroßvater berichten, Nimue. Hab Geduld.«
»Aha«, dachte sich Nimue, »jetzt ist es ausgesprochen.« Für sie war das eine klare Antwort, denn wenn sich ihr Urgroßvater damit beschäftigte, war es etwas Großes. Was auch immer groß bedeutete, war ihr in diesem Zusammenhang allerdings nicht bewusst.
»Lass deinen Gedanken freien Lauf, meine Kleine. Ein Wunsch soll sich dir zeigen. Erst, wenn du dir zu hundert Prozent sicher bist, mein Kind, lass uns darüber sprechen. Ich bin immer für dich da.«
»Das mache ich, Oma.«
Der Wunsch, zu reisen und bei Cara auf der Zauberinsel zu leben, war natürlich präsent. Doch Nimue dachte auf einmal, warum nicht mehrere Wünsche in Betracht ziehen, um diese dann mit ihrer Großmutter zu besprechen.
Als erstes kam ihr ein Pferd in den Sinn und zwar ein ganz besonderes Wesen der Zauberwelt, das nur wenige besaßen. Es war schneller, flinker, intelligenter und größer als alle anderen Pferde. Die Elfen nannten diese Pferderasse Tara, da Tara übersetzt Stern hieß, und ein solcher wies diesen Geschöpfen den Weg, um stets sicher an ihr Ziel zu kommen.
Diese Tiere waren besondere Beschützer ihrer Besitzer. Durch ihre ausgeprägte Sensibilität konnten sie Emotionen aller Art frühzeitig aufspüren und bei Gefahr handeln. Sie waren wunderschöne Pferde, die durch ihre leicht grün-bräunliche Farbe mit der Natur beinahe verschmolzen. Ihre Rasse besaß die Fähigkeit, sich jeder Umwelt anzupassen, und wenn sie wollten, konnten sie sich den Menschen sichtbar machen. Das machten sie jedoch nur sehr selten und so wurde vielerorts auf der Erde von den geheimnisvollen Windböen gesprochen, die unsichtbar an ihnen vorbeirauschten.
»Unerklärliche natürliche Phänomene« nannte man sie, die die Menschen mit naturwissenschaftlichen Formeln zu deuten versuchten. Doch konnten sie diesen Windstößen nie auf den Grund gehen, und so blieben sie ihnen ein ewiges Rätsel.
Das Bild eines Tara-Pferds verschwamm vor Nimues Augen, worauf ihre Gedanken abschweiften. Sie murmelte: »Bedeutet das Wort Großes immer etwas Positives? Oder hat es womöglich mit meiner fehlenden Disziplin zu tun, vor allem in Bezug auf diese diffusen Regeln, die manche Lehrer aufstellen. Mein neuer Kunstlehrer, vielleicht hat er …?« – Nimue stockte und schüttelte den Kopf – »nein, das kann es nicht sein.«
Ihr wurde bewusst, dass sie im Grunde immer fleißig war. Außerhalb ihrer Unruhe und ihrer manchmal ablehnenden Art auf die für sie unsinnigen Schulregeln zu reagieren, hatte sie keine Abmahnungen erhalten. Die für sie schlüssigen Regeln befolgte sie in der Tat.
»Was kann es nur sein?«, fragte sie sich daraufhin wieder und wieder, obwohl sie sich doch eigentlich mit ihrem Wunsch beschäftigen sollte. Sie fand keine Antwort und so fingen ihre Gedanken an, sich wild im Kreis zu drehen. Ein Wirrwarr von Möglichkeiten breitete sich aus. Dabei bemerkte sie, dass sie leise vor sich hinplapperte. Sie schreckte auf und sah um sich. Im Raum herrschte eine gespenstische Stille. Sie drehte sich um und blickte in die Augen ihrer Geschwister, die alle auf sie gerichtet waren. Sogar Sophia konzentrierte sich nicht mehr auf ihr Buch. In diesem Moment spürte Nimue, wie sich ihr Nacken langsam zusammenzog.
Oona bemerkte ihre Anspannung und versuchte, sie zu beruhigen: »Keine Angst, es wird dir gefallen.«
Diese Aussage beruhigte Nimue tatsächlich, denn es war eindeutig kein Mahnruf. Trotzdem war das Wort es immer noch undefinierbar. Hatte sie vielleicht über den Wunsch und nicht über das große, ehrenvolle Etwas gesprochen? Nimue fühlte sich innerlich zerrissen, als ihre Großmutter aufstand.
Oona legte ihre Hand behutsam auf Nimues linke Schulter. »Komm, lass uns ins Gewächshaus gehen.«
Nimue folgte ihr sogleich, während sie zustimmend nickte, denn das Gewächshaus war der Lieblingsplatz ihrer Großmutter. Dort herrschten zwischen all den Pflanzen Stille und Geborgenheit und so fanden an diesem Ort viele wichtige Gespräche statt.
Im Garten angekommen, entdeckte Nimue mit Freude, dass die verschiedensten Blumenarten bereits in voller Pracht erblühten. Sie sah Passionsblumen, Kamelien, Lilien, Sonnenblumen, Eisenhüte, Arnikakräuter, Glockenblumen, Stiefmütterchen und noch viele Pflanzen mehr. Die Farben vermischten sich vor ihren Augen, als ob ein bunter Blumenteppich vor ihr liegen würde.
Nach dieser Blumen- und Kräutervielfalt durchstreiften sie einen Bereich des Gartens, der einzig und allein den Rosen gewidmet war. Auch sie blühten in ihren prächtigsten Farben. Nimue lächelte bei diesem schönen Anblick. Die Rose war ihre Lieblingsblume, vor allem die, die hellrosafarbene Blüten hatte. Als sie eine solche entdeckte, blieb sie stehen, um an ihr zu riechen.
»Deine Blumen sind so schön, Oma«, bemerkte Nimue.
»Danke! Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir öfters bei der Pflege hilfst.«
Nimue nickte zustimmend, während sie ihr in ein Gewächshaus folgte, in dem Gemüse angebaut wurde. Als sie dieses durchquerten, sah sie durch ein Abtrennglas eine tiefrote Farbe schimmern. Dahinter waren große Tomaten, die an Sträuchern hingen und sie durch ihre Schwere nach unten drückten.
»Oma, die sind aber groß geworden«, meinte Nimue und deutete auf einen Strauch mit vielen unterschiedlich großen Tomaten.
»Das stimmt. Diese besonders saftige Fleischtomate haben wir extra für deinen Geburtstag angebaut«, erwiderte Oona, »und auch den Rest, den du hier siehst. Das wird ein großes Fest, Nimue.« Sie zeigte mit ihrer Hand auf die vielen unterschiedlichen Gemüse- und Obstsorten rundherum.
Der Raum war groß und lang gezogen und an beiden Enden mit Glasscheiben von anderen Gewächshäusern abgetrennt. Auf einer Seite erblickte Nimue in sorgfältig angebauten Reihen Karotten, Lauch, Sellerie, Kartoffeln und mehrere Salatsorten. Auf der anderen Seite war das Obst. Kleine Bäume voll mit Früchten ragten aus dem Boden.
Sie sah so viele verschiedene Obst- und Gemüsesorten, dass sie staunte: »Oh, so viel Obst und Gemüse, und das alles nur für meinen Geburtstag.«
Oona nahm derweilen an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes Platz. Nimue tat das Gleiche und hörte die Worte ihrer Großmutter, während ihre Augen weiter auf die Fülle der außergewöhnlichen Früchte gerichtet waren.
»Also, meine Kleine, du weißt, dass du zum 130sten Geburtstag einen Wunsch frei hast.«
Nimue nickte und wandte sich ihrer Großmutter zu.
»Pass gut auf, was du dir wünschst, Nimue, denn Seoras wird es dir gewähren. Die Tradition unseres Elfenstammes besagt, dass jeder Elfe an ihrem Uaneala-Tag ein Wunsch erfüllt werden muss. Da gibt es so gut wie keine Ausnahmen. Also, was ich damit sagen will, ist ganz einfach: Wünsch dir etwas, das du wirklich willst, und sei dir im Klaren darüber, dass es in Erfüllung gehen wird.«
Nimue erwiderte freudig: »Ja, Oma. Soll ich dir meinen größten von allen Wünschen sagen?«
»Nein, nicht so vorschnell. Denk darüber nach. Du hast noch zehn Tage Zeit. Geh in dich und finde dort die Wahrheit deiner Wünsche, denn je nachdem könnte er dein Leben stark verändern. Dies ist der erste Schritt zum Erwachsenwerden, Nimue. Handle weise und wohlüberlegt. Stell dir die Fragen: was und warum du es dir wünschst, und danach, welche Folgen es für dich, dein Leben und auch für deine Familie haben wird.«
Auf einmal fühlte Nimue eine Schwere, die sich langsam in ihrer Brust ausbreitete. War es nun so weit, sollte sie jetzt für ihre Entscheidungen allein verantwortlich sein? War sie schon bereit dafür? Konnte sie die volle Tragweite begreifen, die ihre Großmutter von ihr verlangte? Oder verstand sie ihre Worte falsch?
»Oma, kann ich nicht mit dir und Opa über meinen Wunsch sprechen?«
Oona schüttelte leicht den Kopf.
»Wir müssen ja nicht über den einen großen reden. Vielleicht über die vielen anderen kleineren?«, schlug Nimue daraufhin vor.
»Nein, dein Wunsch und du, ihr sollt eine Einheit darstellen. Ich meine, keine äußeren Einflüsse sollen dabei auf dich einwirken. Genauer gesagt, dein Wunsch soll frei von anderen gehegt, gepflegt und gestellt werden.«
Nimue verstummte, während sie über die Worte ihrer Großmutter nachdachte.
»Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du deiner inneren Stimme folgst und dir Zeit gibst, sie zu verstehen, kann dir nichts passieren. Die nächsten Tage werden sehr wichtig für dich sein. Nimm dir Zeit und vor allem gib dir Ruhe, denn nur in Ruhe kannst du dich richtig entscheiden.«
»Innere Stimme?«, dachte Nimue, »Hat mir Opa nicht auch schon davon erzählt?«
Nimue konnte sich nicht mehr erinnern, wie genau ihre innere Stimme klingen sollte und noch dazu hatte sie den Wunsch zu reisen und die Welt zu entdecken. Sollte sie trotzdem mit ihrer inneren Stimme sprechen? Ihr vielleicht sogar den Wunsch sagen und ihre Meinung dazu hören? Vielleicht tendiert ihre innere Stimme ja mehr zu einem Tara-Pferd, ist sich Nimue nun unsicher.
Da wollte sie wissen: »Ist die innere Stimme die, die mich meinem Traum näherbringt oder die, die mir meinen Wunsch bestätigt?«
»Deine innere Stimme ist die Stimme deiner Seele und sie entspricht der höchsten Wahrheit.«
»Aha«, staunte Nimue.
»Du sollst in dich hineinfühlen und genau hinhören, denn durch ungesunde Emotionen kann es passieren, dass du keinen direkten, reinen Zugang zu deiner inneren Stimme hast.« Oona blickte in Nimues irritiertes Gesicht und erkannte, dass sie ihre Aussage nicht im Detail verstand. Deshalb holte sie ein Beispiel hervor: »Ich meine, und das ist wirklich nur ein Beispiel, du wünschst dir eine sprechende Puppe, allerdings nur, weil alle in deinem Alter eine solche besitzen. Dieser Wunsch ist von der Emotion getragen, die einem Muster und der daraus resultierenden Vorstellung folgt. Alle haben diese eine Puppe, also willst du auch eine. Das gilt auch dann, wenn die Eifersucht keine oder nur eine geringe Rolle dabei spielt. Erkennst du den Ursprung nicht, kann dir der wahre, tief in dir versteckte Wunsch verborgen bleiben. Du denkst an die Puppe und konzentrierst dich allein darauf. Leider ist es üblich, dass die äußere Schale, also das Oberflächliche und dessen Gegebenheiten, uns oft mehr im Griff haben, als unser schönes inneres Ich.«
»Aha«, äußerte sich Nimue noch einmal voller Ehrfurcht über das große Wissen ihrer Großmutter. »Wie kann ich meine innere Stimme klar hören? Und vor allem, wie weiß ich, ob der Wunsch von außen oder innen gesteuert wird?«
»Lass dir Zeit und komm zur Ruhe. Hektik und Stress halten dich davon ab, und versuche jegliche Emotionen von dir fern zu halten. Denk nur an dein inneres Ich und lerne es kennen.«
Nimue zweifelte plötzlich an ihrem Wunsch. Wollte sie wirklich bei ihrer Cousine auf der Zauberinsel leben? Oder war es nur, weil es Cara tat und ihr die Geschichten so imponierten? Steckte dahinter womöglich eine versteckte Eifersucht ihrer Cousine gegenüber? Sie wusste es nicht und fragte verzweifelt: »Oma, was soll ich tun?«
»Geh an Plätze der Einsamkeit, an denen du dich wohlfühlst und denke über deinen großen Wunsch nach. Geh in dich und versuche herauszufinden, ob dieser oder ein anderer Wunsch es sein soll, und werde dir über dessen Tragweite bewusst.« Die großen verunsicherten Augen von Nimue machten Oona Sorgen und sie fügte hinzu: »Keine Angst, meine Kleine, du wirst dein wahres Ich finden. Das Erwachsenwerden kann einer jeden Elfe Angst machen. Das muss es aber nicht, denn meistens sieht alles viel schlimmer aus, als es in der Wahrheit ist.«
»Aber was passiert, wenn ich mir etwas wünsche, das für andere Folgen hat, die ich nicht auf Anhieb erkennen kann? Folgen für mich und andere hat es doch in jedem Fall, nicht wahr?«
»Solange keine bösen Absichten dahinterstecken und du niemanden willentlich verletzt, sollen die Auswirkungen kein hinderlicher Grund sein.« Oona blickte Nimue tief in die Augen. Dabei strich sie ihr sanft über die Wange. Gleich darauf wechselte Oona das Thema: »In ein paar Tagen ist hier Erntezeit. Dann werden wir ein großes Mahl für dich und deine Gäste vorbereiten. Eines kann ich dir schon verraten: Deine Lieblingsnachspeise, süßer Gemüsebrei, ist auch dabei.« Sie lächelte ihre Enkelin liebevoll an.
»Kommt Katar wirklich nur wegen mir?«, fragte Nimue nun freudestrahlend.
»Ja, das tut er.«
»Wegen etwas Großem, das er oder wer anderes mit mir vorhat oder mir schenkt, nicht wahr?«
Oona nickte.
»Was ist etwas Großes, Oma?«
»Du bist des Königs Lieblingsenkelin und allein das ist schon etwas Großes. Zudem bist du etwas ganz Besonderes, meine kleine Rao’ra. Deine Aufgewecktheit und Lebensfreude, dein ausgeprägter Sinn für Wahrheit, deine Liebe zur Natur und den Tieren, deine Offenheit und fröhliche Energie, dein Sinn für Gleichberechtigung und Gleichheit unter allen, deine Treue zu deinen Lieben, deine Integrität und dein großer Glaube an all das, was wir besitzen, all dies und noch vieles mehr machen dich einzigartig.«
Nimue war verblüfft über das soeben Gesagte. »Ist nicht jeder so, Oma?«
Oona lachte. »Nein, mein Kind, nicht jeder kann diese Wesensmerkmale sein Eigen nennen. Siehst du diese Tomaten hier?« Oona zeigte auf einen Strauch voller roter Paradeiser.
Nimue nickte.
»Sie sind alle vom gleichen Stamm, aber keine gleicht der anderen.«
Nimue nickte erneut. Sie hatte verstanden. Auch wenn man von derselben Elfenrasse abstammt, jeder ist einzigartig und hat unterschiedliche Wesenseigenschaften, und manche besitzen die gleichen Anlagen, nutzen sie aber unterschiedlich. Da entdeckte sie zwei Tomaten, die an einem Zweig nebeneinander hingen. Sie sahen beinahe identisch aus, dennoch hatte die eine einen kleinen grünen Fleck. Nimue grinste.
»Darf ich bei der Ernte dabei sein?«
»Wenn du willst«, erwiderte Oona mit Freude, »natürlich.«
Stunden später saß Nimue in ihrem Zimmer und grübelte über die Worte ihrer Großmutter nach. Sie war ungeduldig und wollte sobald wie möglich mit ihrer inneren Stimme sprechen, um ihren wahren Wunsch zu erfahren. Doch wie sollte sie das anstellen? Da dachte sie an ihren Lieblingsplatz im Wald. Schlagartig sprang sie auf und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer. Über den Arkadengang und die darauffolgende Eingangshalle lief sie in den Schlosshof hinaus. Kurz darauf passierte sie die Pferdeställe und einige Hundehäuser und verließ den Hof in Richtung Wald. In diesem hatte sie ein kleines Versteck, eine kleine Höhle im Baumstamm einer prächtigen Eiche. Klein war sie nur derart, dass im Verhältnis zur Gesamthöhe des Baumstammes von drei Metern eine circa zwei Meter hohe Aushöhlung geringer war.
Dieser Ort war ihr Rückzugspunkt, wann immer sie Streit mit ihren Geschwistern hatte oder andere Sorgen sie plagten. Niemand kannte dieses Versteck, außer einige Waldbewohner und natürlich der Baum selbst. Sie nannte ihn Aaro, von ihrem Großvater Aar abgeleitet, denn dieser Name gab ihr das Gefühl von Stärke. Beide hatten für Nimue alte Wurzeln, einen großen Stammbaum und stets kraftvolle und weise Worte. Dem Baum war es egal, wie sie ihn nannte. Für ihn zählte ausschließlich ihre gute Freundschaft. In Wirklichkeit jedoch war sein Name Amur und da nahm er einmal schmunzelnd an: »Aaro ähnelt Amur sogar irgendwie. Hm, so ein bisschen.«
Kurz bevor Nimue ihren Freund sehen konnte, rief sie laut: »Hallo, Aaro.«
»Hallo, Nimue«, hallte es im Wald wider.
Nur noch ein paar Schritte und schon stand sie vor ihm. Sie holte tief Luft, als er fragte: »Wie geht es dir?«
»Eigentlich gut.«
»Was heißt eigentlich?«
»In zehn Tagen habe ich doch Geburtstag. Bis dahin soll ich mir über meinen Wunsch im Klaren sein.« Sie zuckte mit ihren Schultern. »Aber wie soll das gehen?«
Nimue runzelte ihre Stirn derart tief, dass Aaro lachte.
Dann fiel ihr Katar ein und ihre Gesichtszüge erhellten sich. Mit dem Feuer der Vorfreude sprudelte es aus ihr heraus: »Hast du gewusst, dass Katar bald zu uns kommt?«
»Die Vögel haben mir davon berichtet. Das ist eine große Ehre, Nimue. Katar war noch niemals hier bei uns im Reich Shenja.«
»Ich weiß, Aaro. Ich freue mich sehr darüber. Aber warum machen alle so ein Tamtam daraus?«
»Was meinst du mit Tam Tam?«
»Meine Schwestern behaupten, dass Katar nur deshalb kommt, weil mein Urgroßvater etwas Großes mit mir vorhat. Noch dazu hat mich Oma auf meinen Wunsch angesprochen. Jede Elfe darf doch zu ihrem 130sten Geburtstag einen großen Wunsch aussprechen.« Nimue zog ihre linke Augenbraue fragend hoch.
»Klaro, und was wünschst du dir?«
»Eigentlich wollte ich …«, stotterte Nimue, »eigentlich, du weißt doch, Clara und die Zauberinsel, hm, aber jetzt …«
Aaro lachte, sodass sich seine Äste wild umherbewegten. »So, so, was nun?«
»Ich weiß es jetzt auch nicht mehr. Oma sagt, ich muss erst mit meiner inneren Stimme sprechen, um dann herauszufinden, was ich wirklich will. Keine Ahnung, was mir meine innere Stimme sagt.«
»Ach so, die innere Stimme«, erwiderte der Eichenbaum mit ruhigen, langschwingenden Tönen.
»Kennst du die innere Stimme?«, platzte es aus Nimue heraus, denn sie hatte das Gefühl, dass seine letzten Worte darauf deuteten.
»Ja, die kenne ich schon. Mit der spreche ich immer, wenn ich mir mit Entscheidungen ganz sicher sein muss.«
»Mit meiner inneren Stimme?«, staunte Nimue.
»Nein, mit meiner natürlich!«
»Aha, und wie machst du das?«
»Ganz einfach: ich gehe in mich und lasse mich von niemanden rundherum stören.« Dann erhob er seine Stimme, sodass ihn auch die umliegenden Bäume hören konnten. »Was hier in diesem Wald wirklich schwer ist, mit all den Plappermäulern um mich herum.« Danach senkte sich seine Stimme wieder, als er fragte: »Deshalb kommst du heute zu mir, oder?«
Nimue nickte. »Weißt du, wie ich mit meiner inneren Stimme sprechen kann? Das habe ich noch nie gemacht.«
»Das musst du selber herausfinden. Jeder hat seine eigene Art und Weise, mit seiner inneren Stimme zu kommunizieren. Ich habe gehört, dass manche Menschen extra auf Herrenchiemsee fahren, um dort zu meditieren. Weißt du, Nimue, dort ist es besonders still.«
»Meditieren, was ist denn das?«
»Sie setzen sich mit verschränkten Beinen auf den Boden. Manche legen die Hände auf die Knie und halten ihre ersten drei Finger vom Daumen an zusammen. Andere halten sie in Gebetsstellung, das heißt, ihre flachen Hände aufeinandergelegt in Höhe der Brust. Ich glaube, dass der Schneidersitz zu einer besseren Körperhaltung beiträgt. Ansonsten, denke ich, dass deine Sitzhaltung egal ist, und auch, wie du deine Hände dabei hältst. Mache es einfach so, dass du dich wohlfühlst. Anderenfalls wird es schwierig.«
»Was wird schwierig?«, packte sie die Neugierde.
»Na ja, wenn die Menschen in dieser Position am Boden sitzen, dann gehen sie in sich, denke ich. Deswegen tun sie es ja! Dafür ist es wichtig, dass der Körper ihnen Ruhe verschafft und nicht an allen Ecken und Enden schmerzt.«
»In sich gehen«, wiederholte Nimue, »das habe ich jetzt schon öfter gehört. Was ist denn da in mir?«
»Deine Seele, Nimue, das weißt du doch.«
Nimue nickte, nur wenig überzeugt, ihre Seele zu kennen, und erwiderte: »Vielleicht. Und sie ist meine innere Stimme, nicht wahr?«
»Mehr oder weniger, so ganz genau weiß ich das auch nicht. Das musst du selber herausfinden.«
»Ich weiß nicht, ob ich das kann.«
»Lass den Kopf nicht hängen, das ist nicht so schwer, wie du meinst. Probiere es aus und habe Geduld mit dir.«
»Geduld?! Ich muss in genau zehn Tagen, in der 13ten Elfenstunde nach Null, meinen Wunsch aussprechen, und was, wenn ich bis dahin meine innere Stimme nicht gefunden habe und sie mir nichts über meinen wahren Wunsch sagen konnte?«
Aaro lachte laut auf. Dabei fingen seine Äste an, wie wild umherzuschwingen. Nimue musste einem ausweichen, indem sie einen Schritt zurücksprang.
Ein wenig verärgert betonte sie daraufhin: »Lustig finde ich das überhaupt nicht!«
»Geh hinein, ich mache es dir gemütlich warm.«
»Danke« murmelte sie und verschwand in der Höhle im Bauminneren.
Sie begrüßte Stúhly, die Stuhldame, die im Inneren der Baumhöhle lebte. Nimue deutete an, sich setzen zu wollen, doch vorher musste sich Stúhly nach rechts und links ausdehnen.
Seit Langem war Stúhly mehr als genervt, dass sich Nimue keinen größeren Stuhl zulegte. Zum einen machte ihr das Dehnen zu schaffen, zum anderen hätte sie gerne einen Spielgefährten gehabt. Der Eichenbaum jedoch hatte da etwas Entscheidendes dagegen, und so konnte auch Nimue nicht über seinen Kopf hinweg Entscheidungen fällen.
Stúhly räusperte sich und Nimue setzte sich. Da hörten sie das Rascheln von Blättern. Es war Aaro, der seinen Stamm von außen schloss, indem er Eichenblätter auf den Eingang legte. Daraufhin kehrte eine Stille ein. Nur noch ein paar Würmer und Käfer unterhielten sich miteinander. Ansonsten war da nichts; nicht einmal das Atemgeräusch der Eiche war mehr zu hören.
»Hey«, begrüßte Nimue unerwartet ein kleiner roter Käfer.
»Hallo.«
Aaro hatte dies gehört und sogleich hallte seine tiefe Stimme im Raum: »Halt dein Maul, Steinkäfer Lili! Nimue braucht vollkommene Ruhe. Sie soll ihre innere Stimme finden. Da braucht sie dein Geschwätz ganz bestimmt nicht.«
Der Käfer kicherte, bevor er flüsternd, dennoch mit einem spöttischen Unterton meinte: »Die innere Stimme, haha. Viel Glück, Nimue, ich will dich nicht weiter stören.«
Nimue antwortete nicht, denn eigentlich war sie froh, dass Lili da war. Ablenkung ist immer gut, wenn man nicht weiterweiß.
Als der Käfer wieder verschwunden war, flüsterte sie: »Nun gut, meine innere Stimme, ich bin ruhig und könnte dir zuhören.«
Sie wartete ein paar Minuten, dann eine halbe Stunde, und nichts geschah. Einfach nichts, keine Antwort.
»Innere Stimme«, rief sie in Gedanken, »wo bist du?«