Книга Die Chiemsee Elfen читать онлайн бесплатно, автор Yvonne Elisabeth Reiter – Fictionbook, cтраница 2
Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen
Die Chiemsee Elfen

4

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

»Komm ja schon, Oona«, er­wi­der­te Aar, wor­auf Ni­mue zur Sei­te rück­te, um Aar Platz zu ma­chen. Kurz dar­auf ver­schwand er hin­ter der gro­ßen Ein­gangs­tür mit den Wor­ten: »Bis bald, mei­ne Klei­ne.«

Ru­hig und ge­dan­ken­ver­lo­ren saß sie nun al­lein im Ka­min­zim­mer. Sie dach­te an Oona und an die vie­len Er­zäh­lun­gen ih­rer Cou­si­ne Cara, die von ih­rer ge­mein­sa­men Oma spra­chen.

Cara leb­te seit ih­rer Ge­burt auf ei­ner klei­nen Zau­be­r­in­sel, nahe an der Frauen­in­sel ge­le­gen. Ihre El­tern woll­ten nicht im Was­ser le­ben. Des­halb hat­ten sie sich dort in ei­ner Höh­le an ei­nem Hü­gel an­ge­sie­delt. Ihre Nach­barn wa­ren vie­le ver­schie­de­ne We­sen, wie Wich­tel, Ko­bol­de, eine Fa­mi­lie der Wald­schra­te und klei­ne an­de­re We­sen, die sich mit ih­ren Fa­mi­li­en vor Tau­sen­den von Jah­ren dort an­ge­sie­delt hat­ten.

Ni­mue hat Cara oft be­sucht. Da­bei hat­te Cara ihr von Oo­nas Er­schei­nun­gen und ih­ren Aus­wir­kun­gen auf Men­schen er­zählt. Auf dem Land sprach man viel über die­se un­ge­wöhn­li­che Frau, die aus dem Nichts er­schien und wie­der dar­in ver­schwand. Da sie im­mer nur Gu­tes be­wirk­te, hat­te man kei­ne Angst vor ihr und so wur­de sie über die Jah­re hin­weg zu ei­ner Le­gen­de.

Ni­mue lä­chel­te stolz, als sie mur­mel­te: »Das ist mei­ne Oma.«

Da fiel ihr die so­eben er­zähl­te Ge­schich­te wie­der ein und sie staun­te in Ge­dan­ken: »Was ha­ben mei­ne Vor­fah­ren nur al­les er­lebt? Die gan­ze Welt ha­ben sie ge­se­hen. Ich möch­te auch so ger­ne die Welt er­kun­den und all die Aben­teu­er er­le­ben, die dar­in ste­cken.«

Sie dach­te da­bei an das le­cke­re Es­sen in Ita­li­en, die ge­ho­be­ne Le­bens­phi­lo­so­phie der Fran­zo­sen, an die schot­ti­sche Hei­mat ih­rer Vor­fah­ren und wie schön es wäre, die­se ste­tig blü­hen­de Na­tur ein­mal zu se­hen. Doch dann er­in­ner­te sie sich an die Dun­kelel­fen und ihre zer­stö­re­ri­sche Macht. So­gleich über­fiel sie ein kal­ter Schau­er und über­schat­te­te ihre freu­di­ge Auf­re­gung. Sie setz­te sich zum Ka­min und streck­te ihre Hän­de über das Feu­er. Die­ses wärm­te nicht nur ih­ren Kör­per, son­dern ver­trieb auch ihre Ängs­te.

»Sláin­te!«, hör­te Ni­mue ih­ren Ur­groß­va­ter Seo­ras im gro­ßen Ta­fel­saal ru­fen, wäh­rend sie den Ar­ka­den­gang ent­lang dar­auf zu ging. Da­nach klan­gen vie­le Stim­men im Raum durch­ein­an­der. Ni­mue nahm es als einen woh­lein­ge­stimm­ten Ge­sang wahr. Dar­auf­hin pros­te­ten sich die an­we­sen­den El­fen zu und er­öff­ne­ten da­mit das Fes­tes­sen.

Dies war ein abend­li­ches Ri­tu­al, wel­ches stets vom Kö­nig selbst, Ni­mu­es Ur­groß­va­ter, er­öff­net wur­de. Nicht an je­dem Abend pfleg­ten sie die­ses Ri­tu­al, son­dern haupt­säch­lich an den un­ge­ra­den Ta­gen. Der Sinn dar­in lag nicht al­lein im Ver­zehr von Nah­rung, son­dern der Eh­rung des Ge­mein­schafts­geis­tes. Und so soll­ten an die­sen Aben­den so vie­le Wald- und See­el­fen wie mög­lich zu­sam­men­kom­men, um ihre Ge­mein­schaft zu fei­ern.

Ni­mue kam an die­sem Abend zu spät, da sie nicht auf­hö­ren konn­te, ih­rer Fan­ta­sie frei­en Lauf zu las­sen und ge­dank­lich durch auf­re­gen­de Pfa­de in Rich­tung Schott­land zu rei­sen. Lang­sam schlich sie sich in den Saal hin­ein, in dem sich be­reits vie­le Schloss­be­woh­ner tum­mel­ten. Dort hör­te sie Stim­men durch­ein­an­der­spre­chen, hie und da eine Elfe laut la­chen, Be­cher auf­ein­an­der fal­len und Mu­sik, die im Hin­ter­grund eine fest­li­che Stim­mung ver­brei­te­te. Es dau­er­te nicht lan­ge und sie er­reich­te ih­ren Platz am Haupt­tisch, an dem auch der Kö­nig saß. Denn Ni­mue war eine di­rek­te Nach­kom­min des der­zei­ti­gen Kö­nigs Seo­ras. Dar­über hin­aus mun­kel­te man be­reits, dass ihr Groß­va­ter Aar bald den Thron be­stei­gen wür­de. Da­nach – und da be­stand Ei­nig­keit un­ter al­len El­fen – soll­te sie die ers­te Kö­ni­gin des Rei­ches Shen­ja wer­den. Sie war noch sehr jung mit ih­ren 129 Jah­ren und muss­te bis da­hin noch viel ler­nen, und doch schien sich das Reich be­reits dar­auf ein­zu­stel­len. Sie selbst war sich als jüngs­te von vier Töch­tern dar­über nicht im Kla­ren. Es war un­üb­lich, dass die Jüngs­te auf den Thron nach­fol­gen soll­te, und dann wa­ren da ja noch die Söh­ne von Ni­mu­es Tan­ten und On­keln. Da es im Reich Shen­ja noch nie eine Kö­ni­gin ge­ge­ben hat­te, lag es nahe, dass nach Aar ei­ner von ih­nen das Kö­nig­reich über­neh­men soll­te.

Ni­mue mach­te sich über eine Re­gent­schaft kei­ne Ge­dan­ken. Sie lieb­te das Le­ben und hat­te einen auf­ge­weck­ten, eher wil­den Cha­rak­ter. Ihre Gro­ß­el­tern nann­ten sie oft Rao’ra, was für den Ti­ger und des­sen Wild­heit stand. Zu­dem un­ter­schie­den sich Ni­mu­es Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von de­nen ih­rer Ge­schwis­ter, Cou­si­nen und Cous­ins. Sie war aben­teu­er­lus­tig, wiss­be­gie­rig und konn­te nicht lan­ge still­hal­ten. Sie lieb­te die Na­tur und die Tie­re und lern­te schnell, die Fä­hig­kei­ten ih­res El­fen­stam­mes best­mög­lich zu nut­zen. Und das wa­ren so ei­ni­ge, denn die El­fen aus dem Reich Shen­ja wa­ren in der Lage, ih­ren fest­stoff­li­chen Kör­per in einen fein­stoff­li­chen um­zu­wan­deln, so­dass die Men­schen sie nicht se­hen konn­ten. Dazu hat­te die­ser El­fen­stamm be­son­ders ge­schärf­te Sin­ne, wie un­ter an­de­rem Hell­hö­rig­keit. Wenn sie woll­ten, konn­ten sie selbst von der tiefs­ten Stel­le des Sees die Men­schen am See­u­fer spre­chen hö­ren. Au­ßer­dem wa­ren sie in der Lage, Ge­rü­che stark wahr­zu­neh­men. Egal, ob an Land oder in der Tie­fe des Sees, sie konn­ten auf meh­re­re Ki­lo­me­ter Ein­zel­hei­ten ei­nes Ge­ru­ches be­stim­men. Dann wa­ren da noch ihre spe­zi­el­len Au­gen. Ge­schärft wie ein Pfeil konn­ten sie über Mei­len hin­weg se­hen und da­bei Klei­nig­kei­ten ex­akt de­fi­nie­ren; und dies bei Tag und bei Nacht, im Was­ser oder an Land. Sie wa­ren in je­der Hin­sicht an­pas­sungs­fä­hig und doch re­a­gier­ten sie sehr sen­si­bel auf ihre Um­welt. Sie lieb­ten das Fei­ern, doch die­se Fes­te wa­ren nicht laut oder un­sitt­lich. Auch wenn sie ger­ne aßen und tran­ken, schos­sen sie nie­mals über das Ziel hin­aus, denn Völ­le­rei mach­te ihre Kör­per krank.

Das El­fen­volk aus dem Reich Shen­ja gab sich stets ru­hig und fried­voll, was nicht hei­ßen soll, dass sie ohne Mut und Stär­ke ge­we­sen wä­ren. Sie stell­ten sich un­ver­meid­ba­ren Krie­gen und sieg­ten, ge­nau­so wie sie ei­ni­ge Schlach­ten ver­lo­ren. Ihr Fa­mi­li­en­be­wusst­sein schloss alle Schloss­be­woh­ner mit ein und ihr Zu­sam­men­halt war au­ßer­ge­wöhn­lich. Op­tisch ver­än­der­ten sie sich im Ge­gen­satz zu ih­ren Vor­fah­ren be­trächt­lich. Ihre frü­her leicht grü­ne Haut­fa­r­be wech­sel­te über die Jahr­tau­sen­de in eine braun-blaue Mi­schung, so­wie ihre Haa­r­fa­r­be von Blond bis Brü­nett reich­te. Je mehr eine Elfe das Land be­such­te, des­to mehr färb­te sich ihre Haut bräun­lich.

Ihre An­pas­sungs­fä­hig­keit war ein­zig­ar­tig un­ter den El­fen­stäm­men. Böse Zun­gen be­haup­te­ten, dass sie gar kei­ne ech­ten El­fen wa­ren, son­dern ein kun­ter­bun­ter Mix aus an­de­ren, klei­ne­ren We­sen, wie zum Bei­spiel Wich­ten. Tat­säch­lich galt dies in der El­fen­welt als un­mög­lich, da sich El­fen nur mit ih­res­glei­chen oder Men­schen ver­mähl­ten. So­mit war es eine Un­ter­stel­lung, die auf ihre ge­rin­ge und un­üb­li­che Grö­ße be­grün­det wur­de. Zu­dem wa­ren Wich­te für ihre star­ken Sin­nes­wahr­neh­mun­gen be­kannt. Auch hier un­ter­schied sich Ni­mu­es Fa­mi­lie von den an­de­ren El­fen­stäm­men. Ihre aus­ge­präg­ten Sin­ne stell­ten je­doch eine Fol­ge der jahr­zehn­te­lan­gen aben­teu­er­li­chen Rei­se dar und die da­bei le­bens­er­hal­ten­de Not­wen­dig­keit zur An­pas­sung. Der stän­di­ge Ein­satz trai­nier­te ihre Sin­ne nicht nur, son­dern ver­bes­ser­te ihre Gene so­zu­sa­gen und in­ten­si­vier­te ihre Fein­heit und Stär­ke.

Die Kri­tik an ih­ren be­son­de­ren Fä­hig­kei­ten stör­te nie­man­den im Reich Shen­ja, denn »was küm­mert einen schon das dum­me und un­wah­re Ge­schwätz von Nei­dern«, be­merk­te Ni­mu­es Groß­va­ter im­mer mit ei­nem Lä­cheln auf sei­nen Lip­pen. »Neid ist ein bö­ser Feind, doch ge­währt man ihm kei­ne Macht, wen­det er sich wie­der ab und schenkt sei­ne Auf­merk­sam­keit de­nen, die da­ge­gen an­kämp­fen. Mei­ne Klei­ne, wich­tig ist«, be­ton­te er stets, »dass du ehr­lich und gut zu an­de­ren bist. Da­bei musst du dir nicht al­les ge­fal­len las­sen, aber denk im­mer dar­an: So wie du von an­de­ren be­han­delt wer­den möch­test, so ver­fah­re auch du mit ih­nen. Ach­te vor al­lem auf dich selbst«, er­klär­te er da­nach für ge­wöhn­lich. »So oft muss ich se­hen, wie Men­schen sich selbst ver­leug­nen, um Ide­a­le oder all­ge­mei­ne Mei­nun­gen an­de­rer nach­zu­ah­men. Oder sie sind von Selbst­zwei­feln be­fan­gen, so­dass sie sich dar­in ver­lie­ren, dar­un­ter lei­den und da­durch einen falschen Weg ein­schla­gen. Krank­heit, Elend und Trau­er re­sul­tie­ren dar­aus und zer­stö­ren das schö­ne, ur­sprüng­lich strah­len­de Ich des Lei­den­den. Du selbst, mit al­lem was da­zu­ge­hört, bist wich­tig, mei­ne Rao’ra, denn wer dir im­mer er­hal­ten bleibt, bist du dir selbst. So pfle­ge dein Ich, so wie du dei­ne Lieb­lings­blu­me müt­te­r­lich pflegst, und du wirst auf die glei­che, wun­der­schö­ne Wei­se er­b­lü­hen, wie sie es im­mer tut.«

Ni­mue konn­te sich nicht jede Le­bens­weis­heit ih­res Opas auf An­hieb er­klä­ren. Es soll­ten je­doch noch Zei­ten auf sie zu­kom­men, in de­nen sie das eine oder an­de­re ver­ste­hen lern­te, ohne da­nach zu fra­gen.

Ni­mue war mit ei­ner Grö­ße von etwa 1,64 Me­ter für ihr Al­ter sehr statt­lich ge­wach­sen und über­rag­te da­mit die meis­ten gleich­alt­ri­gen El­fen. Ihre Haut­fa­r­be war Hell­braun mit ei­nem leich­ten blau­en Schim­mer. Sie hat­te lan­ges, dun­kel­brau­nes Haar und trug schon als Kind oft jun­gen­haf­te Klei­dung. Die Schloss­be­woh­ner wa­ren sich ei­nig, dass ihre El­tern an der bur­schi­ko­sen Ent­wick­lung schuld sei­en, denn die­se hat­ten sich nach drei Mäd­chen einen Jun­gen ge­wünscht. Trotz­dem, das vier­te Kind wur­de er­neut ein Mäd­chen und so er­klär­te es sich von selbst, dass sie einen klei­nen Jun­gen dar­aus mach­ten. Dies ent­sprach je­doch nicht der Wahr­heit. Wenn ihre El­tern zu die­ser Ent­wick­lung einen Bei­trag leis­te­ten, dann nur der­art, dass sie ihr die Frei­heit ga­ben, so sein zu dür­fen, wie sie es woll­te, und sie lieb­te jede Art von Klei­dung. Sie zog Klei­der an, wenn es die Tra­di­ti­on ver­lang­te, wie zum Bei­spiel zum tra­di­ti­o­nel­len Abend­es­sen. An­sons­ten be­vor­zug­te sie Ho­sen, vor al­lem, wenn sie durch den Wald rann­te oder ritt. Sie ver­fin­gen sich nicht in den Äs­ten und er­leich­ter­ten da­mit jede Be­we­gung. An ih­rem gro­ßen Ge­burts­tag wür­de sie ganz be­stimmt ein Kleid tra­gen.

Ni­mue freu­te sich schon sehr auf das Fest, da der Kö­nig die­sen ma­gi­schen 130s­ten Ge­burts­tag be­son­ders ehr­te. Seit Ta­gen konn­te sie vor Auf­re­gung nicht mehr schla­fen, denn in elf El­fen­ta­gen war es so weit. An die­sem Tag hat­te sie einen gro­ßen Wunsch frei und die­ser war be­reits in ih­ren Ge­dan­ken ma­ni­fes­tiert: die Er­laub­nis ih­res Ur­groß­va­ters, ih­res Groß­va­ters und ih­res Va­ters für eine Zeit bei ih­rer Cou­si­ne auf der Zau­be­r­in­sel zu le­ben und da­bei die Welt der Men­schen zu ent­de­cken. Sie hat­te vie­le tol­le Ge­schich­ten von ih­rer Cou­si­ne ge­hört und woll­te nun ein Teil da­von wer­den.

Ihre El­tern, Ya­vi­ra und Hu­bert, fühl­ten schon lan­ge, dass ihre Toch­ter bald auf Rei­sen ge­hen wür­de. Ei­ner­seits freu­ten sie sich für Ni­mue und an­de­rer­seits stell­ten die Dun­kelel­fen eine Ge­fahr für Ni­mue dar. Au­ßer­halb des Schlos­ses war die­se nicht zu kon­trol­lie­ren, was die Welt ober­halb des Chiem­sees ge­fähr­lich für Ni­mue mach­te.

Ach ja, der Name ih­res Va­ters war für El­fen na­tür­lich sehr un­ge­wöhn­lich. Oona wähl­te ihn we­gen ei­nes Men­schen, der Hu­bert hieß und ur­sprüng­lich auf der Frauen­in­sel leb­te. Als Ni­mu­es Groß­mut­ter mit Hu­bert schwan­ger war, hat­te sie gro­ße Pro­ble­me, das Kind zu ge­bä­ren. Sie schrie laut und dies war un­ge­wöhn­li­cher­wei­se auch für einen Men­schen am Ufer der Frauen­in­sel zu hö­ren. Er mach­te sich gro­ße Sor­gen, dass je­mand ge­ra­de er­trin­ken wür­de, und sprang ins Was­ser, um die­se sich in ver­meint­li­cher Not be­fin­den­de Per­son zu ret­ten. Nach­dem er tie­fer und tie­fer ge­taucht war, ver­lor er das Be­wusst­sein. Doch Schank­ti, die Me­di­zi­nel­fe, ret­te­te ihn. Durch die Hei­lung durch­flu­te­ten sei­nen Men­schen­kör­per et­li­che El­fen­stof­fe und so wur­de er ein Hal­bel­fe. Von die­sem Tag an leb­te er im Reich Shen­ja. Sein Name war Hu­bert. Das Be­son­de­re lag je­doch in dem Er­eig­nis, das wäh­rend sei­ner Hei­lung und so­mit Trans­for­ma­ti­on pas­sier­te. Es schien, als ob sei­ne Ver­wand­lung auch Ni­mu­es Groß­mut­ter heil­te, denn es ging ihr schlag­ar­tig bes­ser. Kurz dar­auf ge­bar sie einen ge­sun­den männ­li­chen El­fen. Alle glaub­ten, dass er Oona durch sei­ne selbst­lo­sen und warm­her­zi­gen Ener­gi­en ge­ret­tet hat­te, und so wur­de Ni­mu­es Va­ter nach ihm be­nannt.

Ni­mue wur­de am sieb­ten Tag des drit­ten Ster­nen­mo­nats ge­bo­ren. Da der zwei­te Ster­nen­mo­nat in vol­lem Gan­ge war, lie­fen die Vor­be­rei­tun­gen für das Fest be­reits auf vol­len Tou­ren. Bei­na­he je­der Schloss­be­woh­ner hat­te eine oder meh­re­re Auf­ga­ben, denn die­se Fei­er soll­te et­was ganz Be­son­de­res wer­den. Zum einen, weil Ni­mue die Ur­en­ke­lin des Kö­nigs war. Zum an­de­ren, weil der Tag der Ua­ne­a­la-Ver­wand­lung einen be­son­de­ren Stel­len­wert im Le­ben ei­ner je­den Elfe hat­te. Er sym­bo­li­sier­te die Ent­wick­lung von ei­nem ver­spiel­ten Lamm in einen auf­ge­hen­den Schwan. Von die­sem Tag an wur­den El­fen nicht mehr als Kin­der an­ge­se­hen, son­dern als an­ge­hen­de Er­wach­se­ne. Da­nach rich­te­te sich ihr Fo­kus noch in­ten­si­ver auf das Ler­nen, je­doch nun nicht mehr aus­schließ­lich auf spie­le­ri­sche Art und Wei­se, son­dern deut­lich mehr zu­kunfts­o­ri­en­tiert. Zur Un­ter­stüt­zung dien­ten eine El­fen­schu­le und die Er­fah­run­gen der Vor­fah­ren, die stets von be­son­de­rer Be­deu­tung wa­ren. Da­bei lern­ten die jun­gen El­fen un­ter an­de­rem die Un­ter­schie­de zwi­schen ih­rem Ster­nen­ka­len­der und dem Men­schen­ka­len­der ken­nen. Auch die El­fen hat­ten Fei­er­ta­ge, an de­nen jede Elfe ihre Ar­beit nie­der­leg­te. Es wa­ren die ma­gi­schen Tage der El­fen, näm­lich je­weils der drit­te, sieb­te und 13te ei­nes Mo­nats. Die Zahl 13 war für die El­fen nicht nur eine ma­gi­sche Zahl, son­dern auch ihre Glücks­zahl.

Trotz der Un­ter­schie­de war der Ster­nen­ka­len­der dem Men­schen­ka­len­der sehr ähn­lich, da auch die El­fen die Zeit über die Mond­pha­sen be­rech­ne­ten. Den­noch hat­ten sie 13 Ster­nen­mo­na­te. Neun Mo­na­te hat­ten 27 Tage, denn es hieß, dass sich je­weils am 27s­ten Tag Son­ne und Mond tref­fen, um ihre Be­stim­mung zu tei­len.


Die El­fen des Rei­ches Shen­ja wur­den viel äl­ter als Men­schen und hat­ten so­mit einen ganz an­de­ren Über­blick über die Tier- und Pflan­zen­welt. Die Na­tur lehr­te sie über die Jahr­tau­sen­de hin­weg viel über das Le­ben selbst und vor al­lem über das Le­ben mit ihr. Das alte Wis­sen ih­rer Vor­fah­ren, die im Wald be­hei­ma­tet wa­ren, ver­bun­den mit ih­rer neu­en Le­bens­wei­se un­ter Was­ser, mach­ten sie zu sehr wei­sen und er­fah­re­nen Ge­schöp­fen. So wur­de die Na­tur, egal wel­cher Art, zum Le­bens­eli­xier ei­ner Elfe, ohne die sie nicht zu über­le­ben fä­hig ge­we­sen wäre.

Ni­mue leb­te bis zu die­sem Tag bei­na­he aus­schließ­lich un­ter Was­ser. Sie war stets nur für kur­ze Zeit auf dem Land ge­we­sen, um die Fa­mi­lie ih­res On­kels auf der Zau­be­r­in­sel zu be­su­chen. Da­nach tauch­te sie im­mer wie­der ab. Die­se an­de­re Welt, die­ses an­de­re Da­sein woll­te sie ken­nen­ler­nen. Sie wuss­te, dass nach dem Ua­ne­a­la-Fest die Auf­ga­be ei­ner je­den Elfe die aus­ge­gli­che­ne Ent­wick­lung von Kör­per, Geist und See­le sein soll­te, wo­bei das Ler­nen von Wis­sen und Kön­nen im Vor­der­grund stand, um sich dann, vie­le El­fen­jah­re spä­ter, eine ei­ge­ne Exis­tenz auf­zu­bau­en oder in die Fuß­stap­fen ih­rer Vor­fah­ren zu tre­ten. Und Ni­mue woll­te gleich da­mit an­fan­gen, das Le­ben in ih­rer Viel­falt zu ent­de­cken.

Am 25s­ten Tag des zwei­ten Ster­nen­mo­nats lag Ni­mue am Mor­gen ge­müt­lich auf ih­rem Lie­ge­so­fa in ih­rem Zim­mer. Sie stu­dier­te ein Buch über Kräu­ter und ihre Heil­kräf­te, als sie plötz­lich El­fen­schrit­te auf dem Ar­ka­den­gang au­ßer­halb ih­res Zim­mers hör­te. Un­ru­hig fie­len sie schnell auf­ein­an­der und ver­mit­tel­ten ihr ein Ge­fühl von Ner­vo­si­tät. Da sprang sie neu­gie­rig auf und öff­ne­te die Tür. Auf dem Gang rann­ten ei­ni­ge El­fen has­tig an ihr vor­bei oder schweb­ten in ra­sen­der Ge­schwin­dig­keit in Rich­tung Ein­gangs­hal­le. Da­bei ent­deck­te sie eine jun­ge Kam­me­rel­fe, die sie mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen an­sah. Ihre Wan­gen wa­ren tief­rot. Se­kun­den spä­ter war sie hin­ter dem Bo­gen in Rich­tung der gro­ßen Schloss­sä­le ver­schwun­den.

»Was geht hier nur vor?«, wun­der­te sich Ni­mue.

Ach ja, die El­fen vom Reich Shen­ja hat­ten einen Kör­per, wie auch der Mensch ihn be­sitzt. Der Un­ter­schied war nur der­art, dass die El­fen auch schwe­ben konn­ten. Das heißt, sie konn­ten in der ma­gi­schen Was­se­r­ener­gie des Rei­ches Shen­ja ihre Füße so mit­ein­an­der ver­schmel­zen, dass sie eins wur­den. Da­mit wa­ren sie schnel­ler als zu Fuß. Die­se Fä­hig­keit hat­ten sie al­ler­dings nur im Was­ser. An Land wa­ren sie ge­nau­so be­weg­lich wie Men­schen, ob­wohl sie flin­ker, wen­di­ger und schnel­ler wa­ren als sie. Den­noch konn­ten sie dort we­der über dem Bo­den schwe­ben, flie­gen oder ir­gen­d­et­was Der­ar­ti­ges tun.

Auf dem Gang nahm das Trei­ben ste­tig zu, so­dass Ni­mue ihr Zim­mer ver­ließ und ei­ner Kam­me­rel­fe hin­ter­her­rann­te. Ni­mue ver­such­te mit ihr zu spre­chen, doch die­se wink­te mit den Wor­ten ab: »Kei­ne Zeit.«

Nun war Ni­mu­es Neu­gier­de voll­kom­men ge­weckt und so schweb­te sie schnell in das Büro ih­res Groß­va­ters. Als sie dort an­kam, fand sie das Zim­mer ohne Aar vor, da­für mit ih­rer gro­ßen Schwes­ter So­phia. Die­se saß auf der Couch ge­gen­über dem Ka­min und las see­len­ru­hig ein Buch.

»So­phia«, platz­te es aus Ni­mue her­aus.

So­phia blick­te sie mit gro­ßen Au­gen an. »War­um er­schreckst du mich so? Du weißt, ich kann das nicht lei­den!«

»Was ist hier los? War­um geht es hier plötz­lich so hek­tisch zu?«, frag­te Ni­mue un­be­ein­druckt von der tie­fen Ton­la­ge ih­rer Schwes­ter.

»Ach so, das meinst du«, er­wi­der­te So­phia nun mit sanf­ter Stim­me, »wir be­kom­men Be­such. Der hat sich sehr kurz­fris­tig an­ge­kün­digt.«

Ni­mue schloss die Tür hin­ter sich und ging schnell auf So­phia zu.

»Wer ist es denn?«

»Rate mal?«

Ni­mue fing an, sich alle El­fen, Men­schen und an­de­re We­sen, die sie kann­te, bild­lich vor­zu­stel­len. Sie frag­te sich, wer einen sol­chen Wir­bel durch sei­nen Be­such ver­ur­sa­chen könn­te. Doch sie hat­te kei­ne Ah­nung und ver­mu­te­te: »Tan­te Hauch und Cara von der Zau­be­r­in­sel?«

»Nein«, er­wi­der­te So­phia gleich dar­auf mit ei­nem Kopf­schüt­teln.

»Ste­fan?«

»Nein. Wie du weißt, ist er ein Mensch und kann nur be­dingt bei uns blei­ben. Also, denk mal nach. Bald ist dein Ge­burts­tag und da be­kommst du …«

»Der Be­such kommt we­gen mir?«, un­ter­brach sie ihre Schwes­ter er­staunt.

»Yep, we­gen dir.«

Ni­mue streng­te sich nun noch mehr an, so­dass ihre Stirn Fal­ten zog. »Wer kann das nur sein?«, frag­te sie sich in Ge­dan­ken. Nach ei­ner Wei­le schoss es aus ihr her­aus: »Ka­tar, der Bru­der un­se­res Ur­groß­va­ters?«

So­phia sah sie zu­frie­den an. »Ge­nau, Ni­mue. Er kommt ex­tra we­gen dir und dei­nem Ua­ne­a­la-Tag. Es sieht so aus, als ob sie Gro­ßes mit dir vor­ha­ben.«

»Wie meinst du das, So­phia?«, woll­te Ni­mue ir­ri­tiert wis­sen.

»Na ja, Ka­tar hat Frank­reich noch nie ver­las­sen, um uns zu be­su­chen. Jetzt kommt er auf Bit­ten un­se­res Kö­nigs und das nur we­gen dei­nes Ge­burts­tags. Das soll doch et­was hei­ßen, oder?«

»Kö­nig!«, är­ger­te sich Ni­mue, ohne So­phia da­mit zu be­ein­dru­cken, denn sie moch­te es ganz und gar nicht, wenn ihre Ge­schwis­ter ih­ren Ur­groß­va­ter stets »Kö­nig« nann­ten. Für Ni­mue klang dies kalt und un­per­sön­lich. Er war ihr Ur­groß­va­ter und da­bei war es ihr egal, wel­chen Rang er in­ne­hat­te.

Ni­mue setz­te sich ne­ben ihre Schwes­ter auf die Couch und dach­te über Ka­tar nach. »Was hat mir Groß­va­ter al­les über ihn er­zählt?«, mur­mel­te sie vor sich hin. Dann ar­bei­te­te sie ge­dank­lich die be­reits er­hal­te­nen In­for­ma­ti­o­nen über Ka­tar ab. Sie wuss­te, dass er auf der gro­ßen Rei­se in Frank­reich ste­cken blieb, weil er eine Frau ken­nen- und lie­ben lern­te. Ka­tar leb­te von dort an mit Men­schen zu­sam­men und das in ei­nem klei­nen Häus­chen di­rekt am Meer. Ni­mue war sich si­cher, dass dies eine wun­der­schö­ne Ge­gend sein muss­te, da ihr Ur­groß­va­ter manch­mal da­von ge­schwärmt hat­te. Dort gab es viel Son­ne, das of­fe­ne Meer vor der Nase und gu­ten Käse. Alle El­fen lieb­ten gu­ten Käse und den fran­zö­si­schen moch­ten sie ganz be­son­ders gern.

»Weißt du et­was über Ka­tar, So­phia?«, frag­te Ni­mue.

So­phia war wie­der in ihr Buch ver­sun­ken und sah nur kurz auf, um zu er­wäh­nen: »Na­tür­lich, je­der weiß et­was über ihn.«

»Er ist Ur­groß­va­ters Lieb­lings­bru­der und muss ganz nett sein, oder?«

»Er ist der Bru­der un­se­res Kö­nigs, und viel­leicht ist er auch ganz nett. Aber jetzt lass mich end­lich le­sen, du Ner­ven­sä­ge«, for­der­te So­phia ihre klei­ne Schwes­ter ge­reizt auf.

»Wann kommt er bei uns an?«, frag­te sie den­noch und be­kam die knap­pe Ant­wort: »Mor­gen, glau­be ich.«

Ni­mue un­ter­drück­te noch wei­te­re Fra­gen, denn der scha­r­fe Blick ih­rer Schwes­ter zeig­te ihr, dass sie ein­deu­tig nicht mehr ge­stört wer­den woll­te. Auf Ze­hen­spit­zen ging sie in Rich­tung Tür, als die­se plötz­lich auf­sprang.

Ni­mue zuck­te zu­sam­men. Zur glei­chen Zeit kam ihre Groß­mut­ter Oona her­ein.

»Hal­lo, ihr bei­den.«

»Hal­lo«, hall­te Ni­mu­es und So­phi­as Stim­me syn­chron im Raum.

»Oma«, frag­te Ni­mue so­gleich, »be­sucht uns Ka­tar wirk­lich we­gen mei­nes Ge­burts­tags?«

»Ja, mei­ne Klei­ne, das tut er. Ist das nicht wun­der­schön?«

»Ja, Oma, das ist es.«

»Ich kom­me, um mit dir zu spre­chen, Ni­mue. Es ist an der Zeit, dass du dir über dei­nen Ge­burts­tags­wunsch ernst­haf­te Ge­dan­ken machst. Du weißt ja, dass du ihn ge­nau um 13 El­fen­stun­den nach Null vor al­len Gäs­ten aus­spre­chen darfst?«

»Ja, Oma, ich weiß«, be­merk­te Ni­mue auf­ge­regt. Ihre Wan­gen rö­te­ten sich leicht.

Da sprang die Tür noch ein­mal auf und Ni­mu­es Ge­schwis­ter Ma­rie und Aoi­fe ka­men her­ein.

»Hey, Ni­mue«, sag­te Aoi­fe, »eh­ren­vol­le Fei­er, huh? Die ha­ben wohl Gro­ßes mit dir vor.«

Nun hör­te Ni­mue die­se Aus­sa­ge das zwei­te Mal in der glei­chen Stun­de, was sie zu­neh­mend ir­ri­tier­te. »Was hat das zu be­deu­ten? Gro­ßes! Was ist eh­ren­voll groß oder mei­nen sie et­was ganz an­de­res?«, grü­bel­te sie nach, wäh­rend Oona mit Aoi­fe sprach.

Dann wand­te sich Oona wie­der Ni­mue zu. Sie setz­ten sich vor das Fens­ter auf zwei Holz­stüh­le und blick­ten hin­aus, wäh­rend sich die drei Schwes­tern im Hin­ter­grund laut­stark un­ter­hiel­ten.

»Oma, was hat man mit mir vor?«, woll­te Ni­mue wis­sen, fast ängst­lich auf die Ant­wort war­tend.

Oona lach­te. »Kei­ne Angst, mei­ne Klei­ne, nichts, was dir Sor­gen be­rei­ten soll­te.«

Dies war für Ni­mue eine äu­ßerst un­be­frie­di­gen­de Ant­wort. Was soll­te das hei­ßen: sich kei­ne Sor­gen ma­chen? Al­lein das Wort Sor­gen in die­sem Zu­sam­men­hang zu be­nut­zen, be­rei­te­te ihr schon ein un­an­ge­neh­mes Ge­fühl. Sie wuss­te, dass es sich nicht ge­hör­te, wei­ter nach­zu­fra­gen, konn­te ihre gro­ße Neu­gier­de aber nicht im Zaum hal­ten und frag­te un­ge­ach­tet des­sen: »Was ge­nau soll mir kei­ne Sor­gen be­rei­ten?«

1234...9
ВходРегистрация
Забыли пароль