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Yvonne Elisabeth Reiter Die Chiemsee Elfen
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»Komm ja schon, Oona«, erwiderte Aar, worauf Nimue zur Seite rückte, um Aar Platz zu machen. Kurz darauf verschwand er hinter der großen Eingangstür mit den Worten: »Bis bald, meine Kleine.«
Ruhig und gedankenverloren saß sie nun allein im Kaminzimmer. Sie dachte an Oona und an die vielen Erzählungen ihrer Cousine Cara, die von ihrer gemeinsamen Oma sprachen.
Cara lebte seit ihrer Geburt auf einer kleinen Zauberinsel, nahe an der Fraueninsel gelegen. Ihre Eltern wollten nicht im Wasser leben. Deshalb hatten sie sich dort in einer Höhle an einem Hügel angesiedelt. Ihre Nachbarn waren viele verschiedene Wesen, wie Wichtel, Kobolde, eine Familie der Waldschrate und kleine andere Wesen, die sich mit ihren Familien vor Tausenden von Jahren dort angesiedelt hatten.
Nimue hat Cara oft besucht. Dabei hatte Cara ihr von Oonas Erscheinungen und ihren Auswirkungen auf Menschen erzählt. Auf dem Land sprach man viel über diese ungewöhnliche Frau, die aus dem Nichts erschien und wieder darin verschwand. Da sie immer nur Gutes bewirkte, hatte man keine Angst vor ihr und so wurde sie über die Jahre hinweg zu einer Legende.
Nimue lächelte stolz, als sie murmelte: »Das ist meine Oma.«
Da fiel ihr die soeben erzählte Geschichte wieder ein und sie staunte in Gedanken: »Was haben meine Vorfahren nur alles erlebt? Die ganze Welt haben sie gesehen. Ich möchte auch so gerne die Welt erkunden und all die Abenteuer erleben, die darin stecken.«
Sie dachte dabei an das leckere Essen in Italien, die gehobene Lebensphilosophie der Franzosen, an die schottische Heimat ihrer Vorfahren und wie schön es wäre, diese stetig blühende Natur einmal zu sehen. Doch dann erinnerte sie sich an die Dunkelelfen und ihre zerstörerische Macht. Sogleich überfiel sie ein kalter Schauer und überschattete ihre freudige Aufregung. Sie setzte sich zum Kamin und streckte ihre Hände über das Feuer. Dieses wärmte nicht nur ihren Körper, sondern vertrieb auch ihre Ängste.
»Sláinte!«, hörte Nimue ihren Urgroßvater Seoras im großen Tafelsaal rufen, während sie den Arkadengang entlang darauf zu ging. Danach klangen viele Stimmen im Raum durcheinander. Nimue nahm es als einen wohleingestimmten Gesang wahr. Daraufhin prosteten sich die anwesenden Elfen zu und eröffneten damit das Festessen.
Dies war ein abendliches Ritual, welches stets vom König selbst, Nimues Urgroßvater, eröffnet wurde. Nicht an jedem Abend pflegten sie dieses Ritual, sondern hauptsächlich an den ungeraden Tagen. Der Sinn darin lag nicht allein im Verzehr von Nahrung, sondern der Ehrung des Gemeinschaftsgeistes. Und so sollten an diesen Abenden so viele Wald- und Seeelfen wie möglich zusammenkommen, um ihre Gemeinschaft zu feiern.
Nimue kam an diesem Abend zu spät, da sie nicht aufhören konnte, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und gedanklich durch aufregende Pfade in Richtung Schottland zu reisen. Langsam schlich sie sich in den Saal hinein, in dem sich bereits viele Schlossbewohner tummelten. Dort hörte sie Stimmen durcheinandersprechen, hie und da eine Elfe laut lachen, Becher aufeinander fallen und Musik, die im Hintergrund eine festliche Stimmung verbreitete. Es dauerte nicht lange und sie erreichte ihren Platz am Haupttisch, an dem auch der König saß. Denn Nimue war eine direkte Nachkommin des derzeitigen Königs Seoras. Darüber hinaus munkelte man bereits, dass ihr Großvater Aar bald den Thron besteigen würde. Danach – und da bestand Einigkeit unter allen Elfen – sollte sie die erste Königin des Reiches Shenja werden. Sie war noch sehr jung mit ihren 129 Jahren und musste bis dahin noch viel lernen, und doch schien sich das Reich bereits darauf einzustellen. Sie selbst war sich als jüngste von vier Töchtern darüber nicht im Klaren. Es war unüblich, dass die Jüngste auf den Thron nachfolgen sollte, und dann waren da ja noch die Söhne von Nimues Tanten und Onkeln. Da es im Reich Shenja noch nie eine Königin gegeben hatte, lag es nahe, dass nach Aar einer von ihnen das Königreich übernehmen sollte.
Nimue machte sich über eine Regentschaft keine Gedanken. Sie liebte das Leben und hatte einen aufgeweckten, eher wilden Charakter. Ihre Großeltern nannten sie oft Rao’ra, was für den Tiger und dessen Wildheit stand. Zudem unterschieden sich Nimues Charaktereigenschaften von denen ihrer Geschwister, Cousinen und Cousins. Sie war abenteuerlustig, wissbegierig und konnte nicht lange stillhalten. Sie liebte die Natur und die Tiere und lernte schnell, die Fähigkeiten ihres Elfenstammes bestmöglich zu nutzen. Und das waren so einige, denn die Elfen aus dem Reich Shenja waren in der Lage, ihren feststofflichen Körper in einen feinstofflichen umzuwandeln, sodass die Menschen sie nicht sehen konnten. Dazu hatte dieser Elfenstamm besonders geschärfte Sinne, wie unter anderem Hellhörigkeit. Wenn sie wollten, konnten sie selbst von der tiefsten Stelle des Sees die Menschen am Seeufer sprechen hören. Außerdem waren sie in der Lage, Gerüche stark wahrzunehmen. Egal, ob an Land oder in der Tiefe des Sees, sie konnten auf mehrere Kilometer Einzelheiten eines Geruches bestimmen. Dann waren da noch ihre speziellen Augen. Geschärft wie ein Pfeil konnten sie über Meilen hinweg sehen und dabei Kleinigkeiten exakt definieren; und dies bei Tag und bei Nacht, im Wasser oder an Land. Sie waren in jeder Hinsicht anpassungsfähig und doch reagierten sie sehr sensibel auf ihre Umwelt. Sie liebten das Feiern, doch diese Feste waren nicht laut oder unsittlich. Auch wenn sie gerne aßen und tranken, schossen sie niemals über das Ziel hinaus, denn Völlerei machte ihre Körper krank.
Das Elfenvolk aus dem Reich Shenja gab sich stets ruhig und friedvoll, was nicht heißen soll, dass sie ohne Mut und Stärke gewesen wären. Sie stellten sich unvermeidbaren Kriegen und siegten, genauso wie sie einige Schlachten verloren. Ihr Familienbewusstsein schloss alle Schlossbewohner mit ein und ihr Zusammenhalt war außergewöhnlich. Optisch veränderten sie sich im Gegensatz zu ihren Vorfahren beträchtlich. Ihre früher leicht grüne Hautfarbe wechselte über die Jahrtausende in eine braun-blaue Mischung, sowie ihre Haarfarbe von Blond bis Brünett reichte. Je mehr eine Elfe das Land besuchte, desto mehr färbte sich ihre Haut bräunlich.
Ihre Anpassungsfähigkeit war einzigartig unter den Elfenstämmen. Böse Zungen behaupteten, dass sie gar keine echten Elfen waren, sondern ein kunterbunter Mix aus anderen, kleineren Wesen, wie zum Beispiel Wichten. Tatsächlich galt dies in der Elfenwelt als unmöglich, da sich Elfen nur mit ihresgleichen oder Menschen vermählten. Somit war es eine Unterstellung, die auf ihre geringe und unübliche Größe begründet wurde. Zudem waren Wichte für ihre starken Sinneswahrnehmungen bekannt. Auch hier unterschied sich Nimues Familie von den anderen Elfenstämmen. Ihre ausgeprägten Sinne stellten jedoch eine Folge der jahrzehntelangen abenteuerlichen Reise dar und die dabei lebenserhaltende Notwendigkeit zur Anpassung. Der ständige Einsatz trainierte ihre Sinne nicht nur, sondern verbesserte ihre Gene sozusagen und intensivierte ihre Feinheit und Stärke.
Die Kritik an ihren besonderen Fähigkeiten störte niemanden im Reich Shenja, denn »was kümmert einen schon das dumme und unwahre Geschwätz von Neidern«, bemerkte Nimues Großvater immer mit einem Lächeln auf seinen Lippen. »Neid ist ein böser Feind, doch gewährt man ihm keine Macht, wendet er sich wieder ab und schenkt seine Aufmerksamkeit denen, die dagegen ankämpfen. Meine Kleine, wichtig ist«, betonte er stets, »dass du ehrlich und gut zu anderen bist. Dabei musst du dir nicht alles gefallen lassen, aber denk immer daran: So wie du von anderen behandelt werden möchtest, so verfahre auch du mit ihnen. Achte vor allem auf dich selbst«, erklärte er danach für gewöhnlich. »So oft muss ich sehen, wie Menschen sich selbst verleugnen, um Ideale oder allgemeine Meinungen anderer nachzuahmen. Oder sie sind von Selbstzweifeln befangen, sodass sie sich darin verlieren, darunter leiden und dadurch einen falschen Weg einschlagen. Krankheit, Elend und Trauer resultieren daraus und zerstören das schöne, ursprünglich strahlende Ich des Leidenden. Du selbst, mit allem was dazugehört, bist wichtig, meine Rao’ra, denn wer dir immer erhalten bleibt, bist du dir selbst. So pflege dein Ich, so wie du deine Lieblingsblume mütterlich pflegst, und du wirst auf die gleiche, wunderschöne Weise erblühen, wie sie es immer tut.«
Nimue konnte sich nicht jede Lebensweisheit ihres Opas auf Anhieb erklären. Es sollten jedoch noch Zeiten auf sie zukommen, in denen sie das eine oder andere verstehen lernte, ohne danach zu fragen.
Nimue war mit einer Größe von etwa 1,64 Meter für ihr Alter sehr stattlich gewachsen und überragte damit die meisten gleichaltrigen Elfen. Ihre Hautfarbe war Hellbraun mit einem leichten blauen Schimmer. Sie hatte langes, dunkelbraunes Haar und trug schon als Kind oft jungenhafte Kleidung. Die Schlossbewohner waren sich einig, dass ihre Eltern an der burschikosen Entwicklung schuld seien, denn diese hatten sich nach drei Mädchen einen Jungen gewünscht. Trotzdem, das vierte Kind wurde erneut ein Mädchen und so erklärte es sich von selbst, dass sie einen kleinen Jungen daraus machten. Dies entsprach jedoch nicht der Wahrheit. Wenn ihre Eltern zu dieser Entwicklung einen Beitrag leisteten, dann nur derart, dass sie ihr die Freiheit gaben, so sein zu dürfen, wie sie es wollte, und sie liebte jede Art von Kleidung. Sie zog Kleider an, wenn es die Tradition verlangte, wie zum Beispiel zum traditionellen Abendessen. Ansonsten bevorzugte sie Hosen, vor allem, wenn sie durch den Wald rannte oder ritt. Sie verfingen sich nicht in den Ästen und erleichterten damit jede Bewegung. An ihrem großen Geburtstag würde sie ganz bestimmt ein Kleid tragen.
Nimue freute sich schon sehr auf das Fest, da der König diesen magischen 130sten Geburtstag besonders ehrte. Seit Tagen konnte sie vor Aufregung nicht mehr schlafen, denn in elf Elfentagen war es so weit. An diesem Tag hatte sie einen großen Wunsch frei und dieser war bereits in ihren Gedanken manifestiert: die Erlaubnis ihres Urgroßvaters, ihres Großvaters und ihres Vaters für eine Zeit bei ihrer Cousine auf der Zauberinsel zu leben und dabei die Welt der Menschen zu entdecken. Sie hatte viele tolle Geschichten von ihrer Cousine gehört und wollte nun ein Teil davon werden.
Ihre Eltern, Yavira und Hubert, fühlten schon lange, dass ihre Tochter bald auf Reisen gehen würde. Einerseits freuten sie sich für Nimue und andererseits stellten die Dunkelelfen eine Gefahr für Nimue dar. Außerhalb des Schlosses war diese nicht zu kontrollieren, was die Welt oberhalb des Chiemsees gefährlich für Nimue machte.
Ach ja, der Name ihres Vaters war für Elfen natürlich sehr ungewöhnlich. Oona wählte ihn wegen eines Menschen, der Hubert hieß und ursprünglich auf der Fraueninsel lebte. Als Nimues Großmutter mit Hubert schwanger war, hatte sie große Probleme, das Kind zu gebären. Sie schrie laut und dies war ungewöhnlicherweise auch für einen Menschen am Ufer der Fraueninsel zu hören. Er machte sich große Sorgen, dass jemand gerade ertrinken würde, und sprang ins Wasser, um diese sich in vermeintlicher Not befindende Person zu retten. Nachdem er tiefer und tiefer getaucht war, verlor er das Bewusstsein. Doch Schankti, die Medizinelfe, rettete ihn. Durch die Heilung durchfluteten seinen Menschenkörper etliche Elfenstoffe und so wurde er ein Halbelfe. Von diesem Tag an lebte er im Reich Shenja. Sein Name war Hubert. Das Besondere lag jedoch in dem Ereignis, das während seiner Heilung und somit Transformation passierte. Es schien, als ob seine Verwandlung auch Nimues Großmutter heilte, denn es ging ihr schlagartig besser. Kurz darauf gebar sie einen gesunden männlichen Elfen. Alle glaubten, dass er Oona durch seine selbstlosen und warmherzigen Energien gerettet hatte, und so wurde Nimues Vater nach ihm benannt.
Nimue wurde am siebten Tag des dritten Sternenmonats geboren. Da der zweite Sternenmonat in vollem Gange war, liefen die Vorbereitungen für das Fest bereits auf vollen Touren. Beinahe jeder Schlossbewohner hatte eine oder mehrere Aufgaben, denn diese Feier sollte etwas ganz Besonderes werden. Zum einen, weil Nimue die Urenkelin des Königs war. Zum anderen, weil der Tag der Uaneala-Verwandlung einen besonderen Stellenwert im Leben einer jeden Elfe hatte. Er symbolisierte die Entwicklung von einem verspielten Lamm in einen aufgehenden Schwan. Von diesem Tag an wurden Elfen nicht mehr als Kinder angesehen, sondern als angehende Erwachsene. Danach richtete sich ihr Fokus noch intensiver auf das Lernen, jedoch nun nicht mehr ausschließlich auf spielerische Art und Weise, sondern deutlich mehr zukunftsorientiert. Zur Unterstützung dienten eine Elfenschule und die Erfahrungen der Vorfahren, die stets von besonderer Bedeutung waren. Dabei lernten die jungen Elfen unter anderem die Unterschiede zwischen ihrem Sternenkalender und dem Menschenkalender kennen. Auch die Elfen hatten Feiertage, an denen jede Elfe ihre Arbeit niederlegte. Es waren die magischen Tage der Elfen, nämlich jeweils der dritte, siebte und 13te eines Monats. Die Zahl 13 war für die Elfen nicht nur eine magische Zahl, sondern auch ihre Glückszahl.
Trotz der Unterschiede war der Sternenkalender dem Menschenkalender sehr ähnlich, da auch die Elfen die Zeit über die Mondphasen berechneten. Dennoch hatten sie 13 Sternenmonate. Neun Monate hatten 27 Tage, denn es hieß, dass sich jeweils am 27sten Tag Sonne und Mond treffen, um ihre Bestimmung zu teilen.

Die Elfen des Reiches Shenja wurden viel älter als Menschen und hatten somit einen ganz anderen Überblick über die Tier- und Pflanzenwelt. Die Natur lehrte sie über die Jahrtausende hinweg viel über das Leben selbst und vor allem über das Leben mit ihr. Das alte Wissen ihrer Vorfahren, die im Wald beheimatet waren, verbunden mit ihrer neuen Lebensweise unter Wasser, machten sie zu sehr weisen und erfahrenen Geschöpfen. So wurde die Natur, egal welcher Art, zum Lebenselixier einer Elfe, ohne die sie nicht zu überleben fähig gewesen wäre.
Nimue lebte bis zu diesem Tag beinahe ausschließlich unter Wasser. Sie war stets nur für kurze Zeit auf dem Land gewesen, um die Familie ihres Onkels auf der Zauberinsel zu besuchen. Danach tauchte sie immer wieder ab. Diese andere Welt, dieses andere Dasein wollte sie kennenlernen. Sie wusste, dass nach dem Uaneala-Fest die Aufgabe einer jeden Elfe die ausgeglichene Entwicklung von Körper, Geist und Seele sein sollte, wobei das Lernen von Wissen und Können im Vordergrund stand, um sich dann, viele Elfenjahre später, eine eigene Existenz aufzubauen oder in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten. Und Nimue wollte gleich damit anfangen, das Leben in ihrer Vielfalt zu entdecken.
Am 25sten Tag des zweiten Sternenmonats lag Nimue am Morgen gemütlich auf ihrem Liegesofa in ihrem Zimmer. Sie studierte ein Buch über Kräuter und ihre Heilkräfte, als sie plötzlich Elfenschritte auf dem Arkadengang außerhalb ihres Zimmers hörte. Unruhig fielen sie schnell aufeinander und vermittelten ihr ein Gefühl von Nervosität. Da sprang sie neugierig auf und öffnete die Tür. Auf dem Gang rannten einige Elfen hastig an ihr vorbei oder schwebten in rasender Geschwindigkeit in Richtung Eingangshalle. Dabei entdeckte sie eine junge Kammerelfe, die sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Ihre Wangen waren tiefrot. Sekunden später war sie hinter dem Bogen in Richtung der großen Schlosssäle verschwunden.
»Was geht hier nur vor?«, wunderte sich Nimue.
Ach ja, die Elfen vom Reich Shenja hatten einen Körper, wie auch der Mensch ihn besitzt. Der Unterschied war nur derart, dass die Elfen auch schweben konnten. Das heißt, sie konnten in der magischen Wasserenergie des Reiches Shenja ihre Füße so miteinander verschmelzen, dass sie eins wurden. Damit waren sie schneller als zu Fuß. Diese Fähigkeit hatten sie allerdings nur im Wasser. An Land waren sie genauso beweglich wie Menschen, obwohl sie flinker, wendiger und schneller waren als sie. Dennoch konnten sie dort weder über dem Boden schweben, fliegen oder irgendetwas Derartiges tun.
Auf dem Gang nahm das Treiben stetig zu, sodass Nimue ihr Zimmer verließ und einer Kammerelfe hinterherrannte. Nimue versuchte mit ihr zu sprechen, doch diese winkte mit den Worten ab: »Keine Zeit.«
Nun war Nimues Neugierde vollkommen geweckt und so schwebte sie schnell in das Büro ihres Großvaters. Als sie dort ankam, fand sie das Zimmer ohne Aar vor, dafür mit ihrer großen Schwester Sophia. Diese saß auf der Couch gegenüber dem Kamin und las seelenruhig ein Buch.
»Sophia«, platzte es aus Nimue heraus.
Sophia blickte sie mit großen Augen an. »Warum erschreckst du mich so? Du weißt, ich kann das nicht leiden!«
»Was ist hier los? Warum geht es hier plötzlich so hektisch zu?«, fragte Nimue unbeeindruckt von der tiefen Tonlage ihrer Schwester.
»Ach so, das meinst du«, erwiderte Sophia nun mit sanfter Stimme, »wir bekommen Besuch. Der hat sich sehr kurzfristig angekündigt.«
Nimue schloss die Tür hinter sich und ging schnell auf Sophia zu.
»Wer ist es denn?«
»Rate mal?«
Nimue fing an, sich alle Elfen, Menschen und andere Wesen, die sie kannte, bildlich vorzustellen. Sie fragte sich, wer einen solchen Wirbel durch seinen Besuch verursachen könnte. Doch sie hatte keine Ahnung und vermutete: »Tante Hauch und Cara von der Zauberinsel?«
»Nein«, erwiderte Sophia gleich darauf mit einem Kopfschütteln.
»Stefan?«
»Nein. Wie du weißt, ist er ein Mensch und kann nur bedingt bei uns bleiben. Also, denk mal nach. Bald ist dein Geburtstag und da bekommst du …«
»Der Besuch kommt wegen mir?«, unterbrach sie ihre Schwester erstaunt.
»Yep, wegen dir.«
Nimue strengte sich nun noch mehr an, sodass ihre Stirn Falten zog. »Wer kann das nur sein?«, fragte sie sich in Gedanken. Nach einer Weile schoss es aus ihr heraus: »Katar, der Bruder unseres Urgroßvaters?«
Sophia sah sie zufrieden an. »Genau, Nimue. Er kommt extra wegen dir und deinem Uaneala-Tag. Es sieht so aus, als ob sie Großes mit dir vorhaben.«
»Wie meinst du das, Sophia?«, wollte Nimue irritiert wissen.
»Na ja, Katar hat Frankreich noch nie verlassen, um uns zu besuchen. Jetzt kommt er auf Bitten unseres Königs und das nur wegen deines Geburtstags. Das soll doch etwas heißen, oder?«
»König!«, ärgerte sich Nimue, ohne Sophia damit zu beeindrucken, denn sie mochte es ganz und gar nicht, wenn ihre Geschwister ihren Urgroßvater stets »König« nannten. Für Nimue klang dies kalt und unpersönlich. Er war ihr Urgroßvater und dabei war es ihr egal, welchen Rang er innehatte.
Nimue setzte sich neben ihre Schwester auf die Couch und dachte über Katar nach. »Was hat mir Großvater alles über ihn erzählt?«, murmelte sie vor sich hin. Dann arbeitete sie gedanklich die bereits erhaltenen Informationen über Katar ab. Sie wusste, dass er auf der großen Reise in Frankreich stecken blieb, weil er eine Frau kennen- und lieben lernte. Katar lebte von dort an mit Menschen zusammen und das in einem kleinen Häuschen direkt am Meer. Nimue war sich sicher, dass dies eine wunderschöne Gegend sein musste, da ihr Urgroßvater manchmal davon geschwärmt hatte. Dort gab es viel Sonne, das offene Meer vor der Nase und guten Käse. Alle Elfen liebten guten Käse und den französischen mochten sie ganz besonders gern.
»Weißt du etwas über Katar, Sophia?«, fragte Nimue.
Sophia war wieder in ihr Buch versunken und sah nur kurz auf, um zu erwähnen: »Natürlich, jeder weiß etwas über ihn.«
»Er ist Urgroßvaters Lieblingsbruder und muss ganz nett sein, oder?«
»Er ist der Bruder unseres Königs, und vielleicht ist er auch ganz nett. Aber jetzt lass mich endlich lesen, du Nervensäge«, forderte Sophia ihre kleine Schwester gereizt auf.
»Wann kommt er bei uns an?«, fragte sie dennoch und bekam die knappe Antwort: »Morgen, glaube ich.«
Nimue unterdrückte noch weitere Fragen, denn der scharfe Blick ihrer Schwester zeigte ihr, dass sie eindeutig nicht mehr gestört werden wollte. Auf Zehenspitzen ging sie in Richtung Tür, als diese plötzlich aufsprang.
Nimue zuckte zusammen. Zur gleichen Zeit kam ihre Großmutter Oona herein.
»Hallo, ihr beiden.«
»Hallo«, hallte Nimues und Sophias Stimme synchron im Raum.
»Oma«, fragte Nimue sogleich, »besucht uns Katar wirklich wegen meines Geburtstags?«
»Ja, meine Kleine, das tut er. Ist das nicht wunderschön?«
»Ja, Oma, das ist es.«
»Ich komme, um mit dir zu sprechen, Nimue. Es ist an der Zeit, dass du dir über deinen Geburtstagswunsch ernsthafte Gedanken machst. Du weißt ja, dass du ihn genau um 13 Elfenstunden nach Null vor allen Gästen aussprechen darfst?«
»Ja, Oma, ich weiß«, bemerkte Nimue aufgeregt. Ihre Wangen röteten sich leicht.
Da sprang die Tür noch einmal auf und Nimues Geschwister Marie und Aoife kamen herein.
»Hey, Nimue«, sagte Aoife, »ehrenvolle Feier, huh? Die haben wohl Großes mit dir vor.«
Nun hörte Nimue diese Aussage das zweite Mal in der gleichen Stunde, was sie zunehmend irritierte. »Was hat das zu bedeuten? Großes! Was ist ehrenvoll groß oder meinen sie etwas ganz anderes?«, grübelte sie nach, während Oona mit Aoife sprach.
Dann wandte sich Oona wieder Nimue zu. Sie setzten sich vor das Fenster auf zwei Holzstühle und blickten hinaus, während sich die drei Schwestern im Hintergrund lautstark unterhielten.
»Oma, was hat man mit mir vor?«, wollte Nimue wissen, fast ängstlich auf die Antwort wartend.
Oona lachte. »Keine Angst, meine Kleine, nichts, was dir Sorgen bereiten sollte.«
Dies war für Nimue eine äußerst unbefriedigende Antwort. Was sollte das heißen: sich keine Sorgen machen? Allein das Wort Sorgen in diesem Zusammenhang zu benutzen, bereitete ihr schon ein unangenehmes Gefühl. Sie wusste, dass es sich nicht gehörte, weiter nachzufragen, konnte ihre große Neugierde aber nicht im Zaum halten und fragte ungeachtet dessen: »Was genau soll mir keine Sorgen bereiten?«