
Полная версия:
Friedrich W. Horn Paulusstudien
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Ohne den Disput zwischen beiden Gelehrten hier im Einzelnen wiederholen zu wollen, möchte ich auf wesentliche Einwände durch Walter Schmithals verweisen. Nach seiner Sicht ist die Voraussetzung, „daß eine Sammlung, einmal herausgegeben bzw. veranstaltet, nur noch als diese Sammlung – und folglich in der Regel mit einheitlichem Textcharakter – weitergegeben worden sein kann“, undenkbar.7 Zutreffend ist sicher auch die Bemerkung, dass die Rekonstruktion der frühen Überlieferungsgeschichte des Corpus Paulinum keinesfalls die Unhaltbarkeit der vielfachen Teilungshypothesen erweisen kann, da ja die Einzelbriefe vor einer Briefkomposition stehen, die nach Aland den Ausgangspunkt der Überlieferungsgeschichte darstellt.8 Walter Schmithals lehnt schließlich die Charakterisierung der Reihenfolge der Handschriften des Corpus Paulinum als „vollständiges Durcheinander“ bzw. „bunte Reihenfolge“9 kategorisch ab, um auf eine Grundordnung zu verweisen, die mit der Ursammlung des Corpus PaulinumCorpus Paulinum identisch ist.
Das Literaturreferat zu „Eschatologie und Apokalyptik“ aus dem Jahr 1988 trägt zwar nicht die Methode der Literarkritik im Titel, ist aber ohne sie nicht zu verstehen, da Walter Schmithals hier die Gelegenheit wahrnimmt, die aus literarischen Gründen bereits an anderer Stelle behauptete nichtpaulinische Verfasserschaft von 1Thess 4,15–18$1Thess 4,15–18 und Röm 13,11–12a$Röm 13,11–12a10 nun auch inhaltlich zu begründen. Nach Walter Schmithals steht der zuerst genannte Text „in schroffem Widerspruch zu der Tatsache […], daß Paulus in 5,1–11$1Thess 5,1–11 alle Elemente linearer Zeitlichkeit aus der eschatologischen Erwartung mit Nachdruck zurückdrängt“11, und stellt „einen Fremdkörper im Rahmen von 4,13–14 und 5,1–11“12 dar. 1Thess 4,17f. sei eine sekundär nach 5,10bf. gebildete Dublette, die Einführung des Herrenworts in 1Thess 4,15a sei singulär, die Begrifflichkeit in 1Thess 4,16f. unpaulinisch. In dem Einschub sei Christus das Subjekt der Endereignisse, im Kontext hingegen Gott selber. Der Sachverhalt sei nicht damit zu erklären, dass Paulus sich hier an apokalyptische Tradition anschließt. Vielmehr handele es sich um einen deuteropaulinischen Einschub, der „seinen Blick […] auf Christen, die beanspruchen oder erwarten, nicht zu sterben, sondern die Parusie zu erleben“13, richtet. „Der Autor von 4,15–18 wendet sich folglich an Vertreter einer Naherwartung der Parusie, und ohne sie prinzipiell zu bekämpfen, relativiert er die Naherwartung unter Einbeziehung apokalyptischen Materials, das sie selbst verwendet.“14 Die literarkritische Entscheidung wird also ausschließlich mit inhaltlichen Erwägungen begründet, die wiederum davon ausgehen, dass Paulus auch in unterschiedlichen Ausgangsthemen und in Verwendung unterschiedlicher Gattungen auf jeden Fall absolut konsistent argumentiert hat und sich auch von der Tradition nicht dahingehend hat leiten lassen, Spannungen in Kauf zu nehmen.
Auch der „Abschnitt Röm 13,11–14$Röm 13,11–14 steht beziehungslos im Kontext“15, und es will nicht gelingen, „diesen Abschnitt überhaupt im Rahmen des paulinischen Denkens zu erklären.“16 Während Paulus das neue Leben den Glaubenden mit dem ‚Schon jetzt‘ des Heils begründe, führe Röm 13,11–12a zurück in das ‚Noch nicht‘ der apokalyptischen Naherwartung. Die literarkritische Lösung, hier nach inhaltlicher Seite ausgeführt, erkennt in Röm 13,11–12a eine redaktionelle Überleitung zu einem paulinischen Fragment in Röm 13,12b–14. Dieses wiederum habe ursprünglich 2Kor 6,1–2 fortgeführt, mehr noch, es stelle die „Schlußparänese eines Schreibens aus der Korrespondenz des Paulus mit Korinth“17 dar.
Die beiden nachpaulinischen Stücke 1Thess 4,15–18$1Thess 4,15–18 und Röm 13,11–12a gehen auf den Redaktor der Sammlung der Paulusbriefe zurück. Sie führen in eine Zeit beginnender Verfolgung und sind durch eine mit ihr einhergehende akute Naherwartung begründet. Der Redaktor relativiert diese Naherwartung, ohne sie allerdings aufzugeben. Grundsätzlich ist für die Zeit und den Anlass der Redaktion der Hauptsammlung, die sich etwa auch in den o.g. theologischen Zusätzen niederschlägt, die Situation des Aposynagogos18 grundlegend.
Der Aufsatz „Literarkritik und Theologie“19 widerspricht zunächst einer mittlerweile verbreiteten Sicht, der zufolge nur derjenige, der die literarische Integrität der Paulusbriefe bestreitet, sein entsprechendes Urteil auch theologisch begründen muss. Der integralen Interpretation ist also kein methodisches Prä einzuräumen!20 Die angesprochene theologische Bedeutung literarkritischer Entscheidungen verdeutlicht Walter Schmithals in diesem Beitrag an zwei Beispielen aus dem RömerbriefRömerbrief. Er greift hierbei durchgehend auf an anderer Stelle Gesagtes und auf seine „eigenen Anläufe, das Rätsel des Römerbriefes zu lösen“21, zurück. Röm 1–11 ist eine lehrhafte Epistel an die in Rom verstreut lebenden Heidenchristen, Röm 12–15 hingegen (im Wesentlichen) ein Brief an die neu entstandene heidenchristliche Gemeinde. Walter Schmithals zieht aus diesem literarkritischen Befund ein doppeltes theologisches Urteil:
1 „Paulus legt also in Röm 12,1–2 einen selbständigen ‚dogmatischen‘ Grund der folgenden Paränese, knüpft aber in keiner erkennbaren Weise an Röm 1–11 an.“22
2 Somit „entfällt die theologische Schwierigkeit, dem Apostel wegen des Römerbriefs entgegen seiner sonstigen Auffassung ein Nebeneinander von Rechtfertigung und Heiligung zuschreiben zu müssen; die beiden Schreiben nach Rom dokumentieren je für sich und je in ihrer Weise die Einheit von neuem Sein und neuem Gehorsam“23.
Walter Schmithals schließt mit dem Hinweis, dass der Heidelberger Katechismus sich in Frage 86 mit der Unterscheidung von Erlösung und Dankbarkeit aufgrund des als Einheit interpretierten Römerbriefs von diesem Grundansatz der paulinischen Theologie entfernt habe.
Die Frage der literarischen Integrität des KolosserbriefKolosserbriefs war bereits in der Untersuchung zu den Briefen des Paulus in ihrer ursprünglichen Form aus dem Jahr 1984 knapp angesprochen worden. Walter Schmithals hatte hier die These einer Nebensammlung als einer literarischen Einheit vertreten, die sich aus dem Philemonbrief, dem deuteropaulinischen sog. Epheserbrief und dem Kolosserbrief, der zu den Gefangenschaftsbriefen gezählt wird, zusammensetzt. Letzterer sei also „ein deuteropaulinisch bearbeitetes paulinisches Schreiben.“24 Der Hauptzweck der Nebensammlung bestehe darin, „den Heidenchristen der paulinischen Gemeinden die Aufnahme der aus dem Synagogenverband kommenden christlichen Glaubensbrüder nahezulegen und ihnen zugleich die diesen vertrauten Regeln der synagogalen Sittlichkeit einzuschärfen.“25 In dem Beitrag „Literarkritische Analyse des Kolosserbriefs“, im Jahr 1998 veröffentlicht in der Festschrift für Günter Klein, wird diese zurückliegende These ausführlich begründet, im literarkritischen Detail allerdings auch nicht unerheblich modifiziert.26 Ein einleitendes ausführliches Eingehen auf die vorwiegend ältere Forschungsgeschichte zeigt, dass im Blick auf das Verhältnis von Rahmen und Corpus des Kolosserbriefes wohl häufig von einem Doppelcharakter des Schreibens gesprochen wurde. Die Befunde wurden aber umfänglich und dezidiert allein von Heinrich Julius Holtzmann in dem Sinne erklärt, dass ein von Paulus verfasster Brief an die Kolosser von späterer Hand ergänzt und veröffentlicht worden sei.27 Die jüngere Einleitungswissenschaft muss sich den Vorwurf „der Bevormundung des Lesers“28 gefallen lassen, wenn sie gegenwärtig die unbestrittene literarische Integrität des Kolosserbriefes behauptet. Walter Schmithals geht von dem Befund aus, dass Kol 4,2–18 „in einem unbestrittenen Paulusbrief anstandslos als authentisch gelten würde“, andere Abschnitte aber deutlich sprachlich und auch sachlich in die nachpaulinische Zeit verweisen.29 Die literarkritische Rekonstruktion des paulinischen Originals sieht sich der Schwierigkeit gegenüber, dass einerseits die Bearbeitung eigene Ergänzungen und Erläuterungen anbringt, andererseits aber auch bei diesen Ergänzungen durch Rückgriff auf das Original Dubletten bildet. Scharf werden jüngere Ansätze zurückgewiesen, die den Kolosserbrief mit Hilfe einer rhetorischen Analyse interpretieren, ohne literarkritische Scheidungen vorzunehmen.30 Der wesentliche Ertrag der Literarkritik liegt in der Neubestimmung der sog. Irrlehre, für die einerseits eine Engelverehrung, andererseits aber Einhaltung von Festzeiten und Speisegeboten konstitutiv zu sein scheint. Die metaphysische Begründung der Askese durch θρησκεία τῶν ἀγγέλων in Kol 2,18 ist ein in das ursprüngliche Bild sekundär hineingemalter Zug. Der Bearbeiter des Kolosserbriefes erweiterte die paulinische Warnung, „wobei er die von Paulus monierten Speisetabus als Anknüpfungspunkt nahm und auf die dualistisch-asketischen Tendenzen der späteren Häretiker zu beziehen versuchte.“31 Für die Analyse des Kolosserbriefs ergibt sich insgesamt: „Man sollte aber jedenfalls den Rahmen des Kolosserbriefes unmittelbar für das Lebensbild des Paulus und seiner Mitarbeiter auswerten und zugleich das Problem der kolossischen Häresie, wie es sich im ungeteilten Brief darstellt, als gegenstandslos ansehen.“ 32
Der 1996 veröffentlichte Aufsatz „Methodische Erwägungen zur Literarkritik der Paulusbriefe“ ist die grundlegende Darstellung der Sache aus der Feder von Walter Schmithals, weshalb eine etwas ausführlichere Berücksichtigung angebracht ist. Hier verbindet sich wiederum eine scharfe Kritik an der gegenwärtigen, auf Annahme einer literarischen Integrität der paulinischen Briefe bedachten, Position mit der Entfaltung der eigenen Sicht der Dinge, in der manches aus früheren Veröffentlichungen wiederholt, aber etliches doch präziser und auch begründeter dargelegt wird.
Walter Schmithals setzt ein mit dem von Johannes Weiß mehrfach betonten Sachverhalt, dass wir nicht mehr die Briefe des Paulus selbst, sondern nur noch eine kirchliche SammlungSammlung paulinischer Briefe haben, bei der die Interessen des Herausgebers bedacht sein wollen. So sei es schon auffällig, dass exakt 21 Briefe in das Neue Testament aufgenommen wurden, 7 katholische Briefe und 2x7 Paulusbriefe. Dass die Pastoralbriefe, „unzweifelhaft eine ursprünglich selbständige Einheit von drei gemeinsam entstandenen Schriften“33, in drei Briefe zerlegt wurden, um (als ursprüngliche Dreiersammlung wie die Johannesbriefe und Kol/Eph/Phlm) jetzt gemeinsam mit den anderen paulinischen Briefen und dem Hebr als 2x7 Paulusbriefe kanonische Bedeutung zu erlangen, weist auf die Bedeutung der Siebenzahl (vgl. aber auch die sieben Sendschreiben der Apk u.a.). Die älteste Sammlung der Paulusbriefe wurde, wie Walter Schmithals mit Blick auf den Kanon Muratori annimmt, durch die Korintherbriefe eingeleitet und fand im Römerbrief ihren Abschluss. Die redaktionelle Erweiterung 1Kor 1,2b$1Kor 1,2b und die sekundäre Schlussdoxologie in Röm 16,25–27$Röm 16,25–27 geben dieser Sammlung einen Anspruch, der über die angeschriebenen Ortsgemeinden hinausgeht.
Weiterhin sucht Walter Schmithals nach einer Erklärung für den Befund, dass sämtliche erhaltenen Briefe des Paulus in den Provinzen um die Ägäis abgefasst wurden und aus dem stark begrenzten Zeitraum der (2. und) 3. Missionsreise stammen.34 Er lehnt die zur Erklärung von Adolf Deissmann vorgetragene These ab, die Hauptsammlung der paulinischen Briefe gehe auf ein Kopialbuch zurück, in das Paulus Abschriften seiner Briefe der Reihe nach habe eintragen lassen. Walter Schmithals erkennt hinter dieser Sammlung nicht einen mechanisch arbeitenden Abschreiber, sondern einen bewussten Redaktor. Er schreibt, „als die Christen gegen Ende des 1. Jahrhunderts die Synagoge verlassen müssen, unter Verfolgungsdruck aus SynagogeSynagoge und Staat geraten und apokalyptische Stimmungen wach werden.“35 Der klarste Hinweis auf die Arbeit eines Redaktors liegt in den Zusammenstellungen und Umstellungen, die exemplarisch bei dem 1Kor erhoben werden. Ein brieflicher Zusammenhang der in sich völlig selbstständigen Passagen wird vermisst. Vielmehr hat ein Redaktor das Material thetisch geordnet und sekundäre Zusätze angebracht, deren Umfang „freilich erheblich größer [ist], als diese ebenso bekannten wie umstrittenen Beispiele zu erkennen geben“.36 Höchst kritisch setzt Walter Schmithals sich mit neueren Lehrbüchern37 auseinander, die methodisch von der Integrität der paulinischen Briefe ausgehen und Teilungshypothesen allenfalls dann ein Recht einräumen wollen, wenn ein Verständnis des Textes ohne sie nicht erreicht werden kann. Als Beispiel zitiere ich Udo Schnelle: „Es setzte sich die Einsicht durch, daß nicht allein die Möglichkeit, sondern die unbedingte Notwendigkeit von Teilungshypothesen als methodisches Prinzip gelten muß.“38 Walter Schmithals hingegen lehnt ein methodisches Primat für die Annahme der Einheitlichkeit kategorisch ab: „Vielmehr muß die Frage nunmehr sein, ob sich der jeweilige Brief am besten als literarische Einheit oder besser als Kompilation aus mehreren Schreiben verstehen läßt.“39 „Die Hypothese der IntegritätIntegrität eines Briefes hat nicht mehr Recht als die Hypothese einer redaktionellenSammlung Komposition.“40
Ein ausgezeichnetes Indiz für literarkritische Operationen bieten Situationsverschiebungen in den Paulusbriefen. Exemplarisch verdeutlicht Walter Schmithals dieses am Römerbrief: „Diese ‚SituationsdifferenzSituationsdifferenz‘ zwischen der Adresse des Röm und der Grußliste in Röm 16,1–20 ist m.E. ein völlig eindeutiger Grund, die Integrität des Röm nicht nur zu bezweifeln, sondern zu bestreiten.“41 Ihr Ausbleiben berechtigt andererseits aber nicht, die Integrität des Schreibens zu behaupten.
Walter Schmithals stellt mit guten Gründen manch psychologisierend vorgetragene Wertung – etwa die berühmt gewordenen schlaflos durchwachten Nächte – zur Erklärung von Brüchen in den paulinischen Briefen in Frage, um seinerseits festzuhalten: „Die literarischen Brüche, künstlichen Nähte und unerwarteten Einschübe sind angesichts der im übrigen unstrittigen schriftstellerischen Potenz des Paulus als solche ein wesentliches Kriterium jeder literarkritischen Analyse, das durch ein methodisches Prinzip wie das der ‚unbedingten Notwendigkeit von Teilungshypothesen‘ nicht entmachtet werden darf, ohne seinen wissenschaftlichen Rang zu verlieren.“42 Methodisch wird die Literarkritik auf „exegetische Überlegungen oder psychologische Einfühlung“43 zurückgreifen. Sie muss sich dennoch nicht den Vorwurf willkürlichen Arbeitens gefallen lassen, da es einen objektiven Nachweis zur Erklärung der literarischen Phänomene nicht gibt.44
Abschließend spricht Walter Schmithals von einem relativ objektiven literarischen Kriterium, das allerdings zu wenig beachtet werde. Es sind die DublettenDubletten und Ausstellungen von Stücken des Briefrahmens, die jetzt nochmals zusammengetragen werden. Sie finden sich im gesamten Corpus Paulinum mit Ausnahme von denjenigen beiden Schreiben, deren literarische Integrität unangefochten ist, dem Galater- und dem Philemonbrief. Antike Originalbriefe, in denen der Autor Stücke des Briefformulars verdoppelt, sind nach Walter Schmithals nicht bekannt. Diese Dubletten verraten also etwas über die Vorgeschichte mancher paulinischer Briefe, insofern sie in Wahrheit aus mehreren Briefen kompiliert worden sind. Man müsste nun in eine Diskussion darüber eintreten, ob es sich bei allen genannten Befunden wirklich um Dubletten handelt oder ob ein gewisser Anteil in den für antike Verhältnisse unüblich langen Briefen nicht erträglich ist. Der doppelte Schlusssegen in Röm 15,33; 16,20 stellt in dieser Hinsicht ein Problem dar, der mehrfache Segenswunsch in 15,5f.13 und 16,20 weniger, da eine inhaltliche Varianz gegeben ist. Diese Diskussion kann hier aber nicht geführt werden. Immerhin enthält der Hinweis auf Dubletten auch eine Begrenzung der redaktionellen Tätigkeit, da der Kompilator diese eben in Kauf genommen und nicht wirklich ‚mit Schere und Klebstift‘ gearbeitet hat. Walter Schmithals schließt mit der Bemerkung: „In jedem Fall sind die literarischen Probleme des Briefformulars für die Frage nach der literarischen Integrität der Paulusbriefe mit von entscheidender Bedeutung. Ohne Berücksichtigung dieses Komplexes kann man nicht zu methodisch gesicherten Erkenntnissen kommen.“45
3. Kritische Würdigung
Ich möchte einsetzen mit einer Würdigung des kanongeschichtlichen Ausgangspunkts. Bis zum heutigen Tag ist der Prozess, der zwischen der Abfassung der paulinischen Briefe und der Zusammenführung von insgesamt 13 Briefen im neutestamentlichen KanonKanon abgelaufen ist, in vielem dunkel. Ob es ein vielgestaltig verlaufener Weg der Sammlung und Zusammenstellung, zunächst zu lokalen Kleinsammlungen bis hin zu einer Größe eines Corpus Paulinum, oder ob es ein von massiven kirchlichen Interessen gezeichneter Selektionsprozess war, die Forschung stellt sich gegenwärtig in Methoden und Ergebnissen gespalten dar. Innerhalb der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft hält Raymond Brown die Vermutung für plausibel, dass nach der Abfassung der Apostelgeschichte eine systematische Sammlung der Paulusbriefe einsetzte.1 Peter Trummer hat mit beachtlichen Argumenten die These vorgetragen, dass die Pastoralbriefe im Zusammenhang einer Revision der Paulusbriefe verfasst und der Sammlung der Paulusbriefe zugefügt wurden.2 Nach Udo Schnelle hingegen war die Sammlung der Paulusbriefe ein bereits „nach dem Tod des Apostels einsetzende[r] natürlicher Prozeß“ und führte zunächst zu lokalen Kleinsammlungen.3 Träfe diese letztgenannte Sicht zu, dann ist das Arbeitsfeld für Literarkritik klein geworden, da bereits die Originalschreiben Gegenstand der frühen Sammlung waren. Innerhalb der textkritischen und kanongeschichtlichen Forschung steht Bruce M. Metzger in großer Nähe zu den Arbeiten von Walter Schmithals, wenn er die Bildung des Kanons als kirchliche Maßnahme versteht, die auf dem Weg der Zahlensymbolik (Bedeutung der Zahl Sieben) und der Überarbeitung einiger Briefe vollzogen wurde.4 David Trobisch hat in jüngster Zeit die These einer Autorenrezension in die Diskussion eingeführt. Ihr zufolge ist nicht ein kirchlicher Redaktor oder ein anonymer Sammlungsprozess für die Zusammenstellung der Paulusbriefe verantwortlich, vielmehr habe Paulus selbst die redaktionelle Endgestalt seiner Briefe veranlasst und habe auf der Kollektenreise nach Jerusalem mit einer Übergabe des Römerbriefes und des 2. Korintherbriefes an die ephesinische Gesandtschaft den Grundstock zum Corpus Paulinum gelegt.5 In der jüngeren Arbeit sieht Trobisch Paulus als denjenigen, der die redigierten Briefe an die Gemeinden in Rom, Galatien und Korinth in Verbindung mit einem Begleitschreiben an die Gemeinde in Ephesus (Röm 16) in der Absicht sendet, den zurückliegenden Konflikt mit dem Judenchristentum zu entschärfen.6 Da die Wissenschaft weit davon entfernt ist, hier einen Konsens auch nur in Umrissen vorlegen zu können, sollte Walter Schmithals’ Mahnung, nicht nur auf die Füße, sondern auch auf die Straße, also nicht nur auf die Briefe selbst, sondern auch auf deren Sammlung zu achten, stets Gehör finden.7
Ein Grundsatzproblem stellt die Beantwortung der Frage dar, ob derjenige, der von der Integrität der paulinischen Einzelbriefe8, oder derjenige, der von einer kirchlichen, d.h. von einem Redaktor verantworteten Sammlung paulinischer Briefe ausgeht, den methodisch korrekten Ausgangspunkt wählt. Walter Schmithals hat stets den letzteren Weg favorisiert und als Neutestamentler seine Aufgabe u.a. darin gesehen, die ursprünglichen Briefe in dieser Sammlung zu rekonstruieren, ihren historischen Ort zu bestimmen und sie zu exegesieren. Er hat sich seit der Dissertation aus dem Jahr 1954 massiv gegen Versuche gewehrt, die literarkritische Methode durch die „Vielfalt der Teilungshypothesen und die Skurrilität mancher derselben […] in Mißkredit“9 bringen zu lassen, hat auch die Diskreditierung unterschiedlicher literarkritischer Zuweisungen, vor allem bei den Korintherbriefen, nicht als grundsätzliche Kritik an der Methode gelten lassen.10
Das Argument der SituationsdifferenzSituationsdifferenz stellt neben demjenigen der DublettenDubletten einen methodisch überprüfbaren Ausgangspunkt dar.11 Freilich macht ein Blick auf die Feststellung der Situationsdifferenz auch deutlich, dass verschiedene Forscher zu recht dicht beieinander liegenden Analysen kommen, jedoch unterschiedliche Konsequenzen aus ihnen ziehen. Während Walter Schmithals und viele andere Forscher eine literarkritische Lösung aus der Situationsdifferenz zwischen 2Kor 10–13 und 2Kor 1–9 (oder auch den Teilen dieser Einheit) begründen, der zufolge 2Kor 10–13 entweder als Tränen- oder als Zwischenbrief (bzw. als Fragment eines Briefes) interpretiert wird, unterscheidet Schnelle eine veränderte Gemeindesituation von einem gleichbleibenden Verhältnis von Apostel und Gemeinde, das 2Kor 1–9 und 2Kor 10–13 übergreift.12 Die Situationsdifferenz liege also nicht auf Seiten des Verfassers, sondern in der Gemeinde. Daher kann Schnelle an der These der literarischen Integrität des 2Kor festhalten, wenn auch zwischen seinen einzelnen Teilen wohl eine kleine zeitliche Spanne liegt.
Das Bild des Schriftstellers Paulus und vice versa das des Redaktors bedarf einer Klärung. In welchem Umfang sind Gedankensprünge, Abweichungen, Themenwechsel, Wiederholungen, Spannungen erträglich? Nicht gegenwärtiges Empfinden darf hierfür der Maßstab sein, sondern der Vergleich mit antiken Briefen. Hat Literarkritik „aus Paulus nicht einen Theologen mit glasklarer Logik und systematisch aufgebauter Argumentation“13 gemacht? Die zurückliegende Forschung zu RhetorikRhetorik und EpistolographieEpistolographie hat deutlich gezeigt, dass scheinbare Abweichungen in der Disposition des ganzen Schreibens eine spezifische Funktion erfüllen können. Versteht man, um ein Beispiel zu nennen, Röm 3,1–8 als eine digressio, in der gegnerische Einwände bereits vorweggenommen, die aber in einer refutatio in Röm 9–11$Röm 9–11 erst wirklich behandelt und selbst in dem Briefkorpusabschluss (Röm 15,7–13) nochmals bedacht werden, dann ist der Erkenntnisgewinn antiker Epistolographie für die Textkohärenz und damit auch für die Auslegung der paulinischen Briefe keinesfalls gering zu werten.14 Bislang wurde der abrupte Wechsel des Tonfalls von Phil 3,1$Phil 3,1 zu Phil 3,2 als sicheres literarkritisches Indiz dafür gewertet, dass im Phil mindestens zwei Briefe vereinigt sind. Gegenwärtig wird argumentiert, dass die sog. probatio des Schreibens von 2,1–3,21 reicht, gleichzeitig plötzliche Invektive nicht notwendig ein literarkritisches Signal darstellen, so dass „die Argumente für die Integrität des Schreibens das größere Gewicht haben.“15 Das Beachten der Bedingungen antiker Epistolographie ist als wirksame Kontrolle gegenwärtiger literarkritischer Entscheidungen unverzichtbar, da sie die in subjektivem Empfinden begründeten Urteile des Exegeten gegenüber dem Text willkommen begrenzt. Auch ist innerhalb der vorliegenden Briefe stärker als bisher in der literarkritisch orientierten Forschung in einer Strukturanalyse zu fragen, welche syntaktischen, semantischen und pragmatischen Dimensionen ein Text hat.16 Die EinordnungSchmithals, Walter der LiterarkritikLiterarkritik in eine textwissenschaftliche Analyse, die diesen unterschiedlichen Dimensionen des Textes gerecht wird, wäre ein hilfreiches Korrektiv.17
Die Kollektenthematik in der Apostelgeschichte*
* Zuerst erschienen: Friedrich Wilhelm Horn, Die Kollektenthematik in der Apostelgeschichte, in: C. Breytenbach und J. Schröter (Hg.), Die Apostelgeschichte und die hellenistische Geschichtsschreibung, Festschrift für Eckhard Plümacher, AGAJ 57, Brill, Leiden/Boston 2004, 135–156, ©, Koninklijke Brill NV/Leiden, reproduced with permission.
Die KollekteKollekte „für die Armen unter den Heiligen Jerusalems“ (Röm 15,26$Röm 15,26) wird von Paulus in seinen authentischen Briefen im Zusammenhang mit dem Rückblick auf die Vorgänge des Apostelkonvents in Gal 2,10$Gal 2,10 erwähnt, allerdings nicht eindeutig mit den Abmachungen des Konvents, hier der Aufteilung der Missionsgebiete, verknüpft. In den paulinischen Briefen verweist 1Kor 16,1–4$1Kor 16,1–4 auf eine wohl mündlich vorgetragene Anordnung zur Kollekte in den galatischen Gemeinden und fordert die dort gemachten Modalitäten der Sammlung auch für Korinth ein. 2Kor 8$2Kor 8, Teil eines weiteren Schreibens an die korinthische Gemeinde, empfiehlt das Vorbild der makedonischen Gemeinden und erwartet in der Sammlung der Kollekte einen ihm entsprechenden Abschluss in Korinth. Zuletzt wendet Paulus sich in 2Kor 9$2Kor 9 erneut an die Gemeinden in der Achaia, um auf die Vollendung der Kollekte einzuwirken.1 Durch eine Voraussendung von Boten soll ihr Abschluss in diesen Gemeinden sichergestellt werden. In Röm 15,26 kann Paulus auf einen erfolgreichen Abschluss der Kollekte in Makedonien und Achaia zurückblicken, um nun die Reise zur Übergabe der Kollekte nach Jerusalem anzutreten, deren Annahme ihm zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits höchst fraglich ist (Röm 15,31). Ob die galatische Kollektenaktion nicht zu einem Abschluss gekommen oder ob sie unabhängig von der Kollektenreise des Paulus durch Delegierte der Gemeinden vollendet worden ist, kann auf der Basis der paulinischen Briefe allein nicht beantwortet werden.2 Demnach hat die Kollektenaktion Paulus mindestens von dem Zeitpunkt des Apostelkonvents bis zu seiner Ankunft in Jerusalem begleitet, nach einer üblichen Berechnung der Chronologie also ungefähr neun Jahre, nämlich von 48/49 bis 57/58 n. Chr.3 Genau genommen aber wird man sagen müssen, dass alle paulinischen Aussagen zur Kollekte in diesem Zeitraum in die letzten Jahre vor ihrer Übergabe fallen4 und hier unter zeitlich höchstem Druck zu stehen scheinen.5