Книга Paulusstudien читать онлайн бесплатно, автор Friedrich W. Horn – Fictionbook, cтраница 8
Friedrich W. Horn Paulusstudien
Paulusstudien
Paulusstudien

5

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Friedrich W. Horn Paulusstudien

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Etwa zehn Jahre später tritt Paulus als Partner des BarnabasBarnabas seine erste Missionsreise an, autorisiert von der antiochenischen Gemeinde.11 Über die Zwischenzeit bis zu diesem Ereignis wissen wir fast nichts. Der Weg führt nach Zypern, Pamphylien und Lykaonien. Im Einzelfall mag es zur Konversion von Heiden gekommen sein, zumal in den Gebieten, wo kaum jüdische Bevölkerung wohnte. Überwiegend aber hielten sich die Missionare an die örtlichen Synagogen. In deren Umkreis trafen sie auf eine stattliche Zahl von sog. Gottesfürchtigen, „phoboumenoi, sebómenoi“, also Heiden, die gewisse Sympathien für den jüdischen Glauben hegten, von einer Konversion aber absahen. Man konnte dem jüdischen Monotheismus, der sozial ausgerichteten Ethik und dem Altersvorsprung der jüdischen Religion viel abgewinnen. Zugleich aber wurde die jüdische Alltagsfrömmigkeit, wie sie etwa in klaren Reinheits- und Speisevorschriften oder im Festkalender sowie im Initiationsritual der Beschneidung Ausdruck fand, abgelehnt.

Die Antiochener treten in ihrer Mission mit einem revolutionären Programm auf: Wenn jemand zu Christus gehört, dann sind die bislang trennenden Unterschiede Jude und Heide, Mann und Frau, Sklave und Freier irrelevant, aufgehoben (Gal 3,28$Gal 3,28; 1 Kor 12,13$1Kor 12,13).12 Man kann in die Christusgemeinschaft eintreten und muss sich als Mann deswegen nicht mehr beschneiden lassen. Wer als Mann Christ wird, braucht nicht mehr die Beschneidung zu übernehmen. Männer und Frauen sind nicht mehr an die jüdischen Reinheits- und Speisevorschriften gebunden, und auch soziale Schichtungen werden relativiert. Es ist dies zweifelsfrei eine Schaltstelle innerhalb der Geschichte des frühen Christentums. Die Urgemeinde in Jerusalem hat diesen Weg mehrheitlich nicht mitgehen können. Eusebius weiß in seiner Kirchengeschichte zu berichten, dass noch im zweiten Jahrhundert die Bischöfe der Jerusalemer Gemeinde beschnitten waren, d.h. sie sind den Gegebenheiten des Judentums treu geblieben.13 Die Grundsätze der antiochenischen Gemeinde haben eine Sprengkraft. Paulus ist nicht der Begründer dieser Prinzipien, wohl aber ihr Tradent und derjenige, der sie unbeirrt und mit Kraft durchsetzt. In der Folgezeit wird er so kämpferisch für diesen Weg eintreten (etwa im sog. antiochenischen Konflikt: Gal 2,11–14), dass er in eine zunehmende Isolation zu allen maßgeblichen Gruppierungen des Urchristentums gerät.

Ich will diese Konflikte nur kurz ansprechen. Im Anschluss an diese erste Missionsreise verteidigen Barnabas und Paulus vor der Jerusalemer Urgemeinde auf dem sog. ApostelkonventApostelkonvent die Grundsätze der antiochenischen Mission (Gal 2,1–10; Apg 15,1–29). Paulus stellt es so dar, als habe man sich per Handschlag (Gal 2,9) auf einen gemeinsamen Weg geeinigt, der ihm und Barnabas das Recht auf Mission unter den Heiden zugesteht, ohne diese zugleich auf die Tora zu verpflichten. Jedoch wird ab jetzt beständig die Mission des Paulus von Nachstellungen und Behinderungen begleitet, die diese Beschlusslage des Apostelkonvents ignorieren. Paulus trennt sich zu Beginn der zweiten Missionsreise, die erstmals bis nach Europa führen wird, endgültig von Barnabas (Apg 15,36–41). Wohl gleichzeitig hat er sich mit Petrus, der den Grundsatz der Freiheit von der jüdischen Speisegesetzgebung nicht konsequent vertrat, überworfen (Gal 2,11–14).14 Auf der zweiten und dritten Missionsreise gewinnt Paulus eigene Mitarbeiter. Der Kontakt zur Heimatgemeinde AntiochiaAntiochia wird peripher (allenfalls ein Kurzbesuch: Apg 18,22), die Namen Barnabas und Petrus begegnen nicht mehr. Für die jüdische Gemeinde in Jerusalem und auch für Diasporajuden ist Paulus zu diesem Zeitpunkt ein ApostatApostat, ein Abgefallener (vgl. die über Paulus kursierenden Nachrichten in Apg 21,21 und die Gegnerschaft der asiatischen Juden in Apg 21,27), aber auch große Teile der judenchristlichen Gemeinde begegnen ihm mit äußerster Reserviertheit (Apg 21,21f.; Röm 15,31). Paulus tritt die Reise zu seinem letzten Jerusalembesuch mit Sorge um sein eigenes Leben an und ist gleichfalls besorgt darum, ob die Kollekte (Röm 15,30–32), die er in einigen der von ihm gegründeten Gemeinden für die Armen in der Urgemeinde gesammelt hat, angenommen werden wird. In Jerusalem überschlagen sich die Ereignisse. Nach der Apostelgeschichte wird Paulus unter der von kleinasiatischen Juden erhobenen Anklage „Dies ist der Mensch, der alle Menschen an allen Enden lehrt gegen unser Volk, gegen das Gesetz und gegen diese Stätte“ (Apg 21,28) beinahe gelyncht. Nur das Eingreifen der römischen Soldaten verhindert den Übergriff der Menge. Nach jahrelangen Verzögerungen des Prozesses appelliert Paulus als römischer Bürger in höchst bedrohlicher Lage an den römischen Kaiser und wird nach Rom überführt. Hier verlieren sich seine Spuren.15

Ich will diesen gedrängten Überblick über entscheidende Daten der VitaVita des Paulus mit einigen grundsätzlichen Bemerkungen abschließen. Es wurde bereits mehrfach erwähnt, dass Paulus in einem historischen Sinn nicht der Begründer des Christentums ist. Wir müssen uns freimachen von der Vorstellung, im ersten Jahrhundert Judentum und Christentum klar voneinander abgrenzen zu können. Jüdische Existenz unter Einbeziehung des Bekenntnisses zu Jesus Christus ist grundsätzlich möglich. Christliche Existenz unter Beibehaltung des jüdischen Rahmens ebenso. Klarere Konturen werden in einigen Regionen zum Ende des ersten Jahrhunderts erreicht, indem etwa durch jüdische Jurisdiktion Christusgläubige aus der SynagogeSynagoge ausgeschlossen werden (Joh 12,42; 16,2) und indem Christen von der Synagoge abwertend als der Synagoge des Satans sprechen (Apk 2,9; 3,9). Selbst der römische Staat scheint sich erst zu Beginn des zweiten Jahrhunderts deutlicher auf eine Unterscheidung zwischen Juden und Christen einzustellen.

Welche Gestalt hat das Selbstverständnis des Apostels? Paulus sagt in Röm 11,1: „Auch ich bin ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.“ Unzweideutig reklamiert er sein Jude-Sein und spricht von den Juden als von seinen Brüdern (Röm 9,3). Und doch erscheint er mir wie ein Mann oder eine Frau in einer Trennungsphase, in der zur Wahrung der eigenen Sicherheit und zum eigenen Schutz der alte Zustand demonstrativ behauptet wird, in Wahrheit aber schon längst andere Wege beschritten werden. In dem Galaterbrief, wohl nur wenige Jahre vor dem Römerbrief verfasst, zählt Paulus die Heidenchristen und sich selbst zu den Söhnen der Freien und eben nicht zu den Söhnen der Sklavin, die für das gegenwärtige Jerusalem steht (Gal 4,21–31). Paulus befindet sich in einer polemischen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit (in dieser Hinsicht auch Phil 3,4–8) und mit dem Judentum seiner Zeit. Schärfste Attacken wechseln mit einem Werben um IsraelIsrael. Einmal steht die Tora ganz auf der Seite der Sünde, des Todes des Fleisches (Röm 5,12f.; 7,7–9.13), dann aber ist die Tora gerecht, heilig und gut (Röm 7,12). Gottes Zorn ist schon über Israel gekommen (1 Thess 2,16), dann aber hofft Paulus auf eine zukünftige Rettung Israels (Röm 11,26). Auch wenn man die Paulusbriefe in der Chronologie ihrer Entstehung liest, bleiben Ungereimtheiten, kann nicht alles mit in sich folgerichtigen WandlungenWandlungen erklärt werden. Freilich ist unverkennbar, dass Paulus in seinem letzten Brief, dem Römerbrief, gerade im Blick auf Israel, die Schrift und die alttestamentlich-jüdische Heilsgeschichte Linien zieht, wo er zu früheren Zeiten Schlussstriche gezogen hätte (Röm 1,2.16; 3,21.31 u.ö.)16, andererseits aber auch zu einer Universalisierung des Christusgeschehens auf Juden und Heiden durchdringt (Röm 1,18–3,20; 3,23; 5,12), die den früheren Schreiben noch abgeht.17 Die Vorstellung, eine neue Religion zu gründen und seinerseits als Religionsstifter aufzutreten, wäre ihm nach meiner Sicht absurd vorgekommen.18 Christus steht als der Gesandte (Gal 4,4) in der Heilsgeschichte, die alttestamentliche Schrift fungiert als Zeuge des Evangeliums. Gleichzeitig muss er erfahren, dass Israel, dem in erster Linie das Kommen des Messias Jesus Christus gilt (vgl. das „zuerst“ in Röm 1,16), in seiner Mehrheit seine Verkündigung und diejenige anderer Missionare ablehnt. Das Verhältnis des Paulus zu seinem Volk Israel ist daher ausgesprochen ambivalent. Für Paulus bleibt grundsätzlich der Rahmen jüdischer Theologie in Bezug auf die Schrift bestimmend, auch wenn er wesentliche Inhalte, wie am Beispiel der Speisegebote und der Beschneidung gezeigt, mit Blick auf die Öffnung des Evangeliums zu den Heiden verlässt. Man kann jedoch nicht sagen, alle Elemente der Theologie des Paulus seien jüdisch und einander nur neu zugeordnet. Nein, diese Elemente haben in dem Zentrum der Christusverkündigung eine neue Mitte gefunden, die sich zu den überkommenen Elementen sowohl affirmativ als auch kritisch, aber auch negierend verhält. An diejenige Stelle im Gesamtsystem, die zuvor die ToraTora einnahm, ist nun Jesus Christus getreten.19 Es lag ja in der Konsequenz der Regelungen der Tora, eine Grenze IsraelsIsrael zur paganen Umwelt zu ziehen. Wenn Paulus den Glauben an Jesus Christus den Werken des Gesetzes20 gegenüberstellt, dann überschreitet er die Grenzen jüdischer Identität.

III. Paulus als Begründer des Christentums

Paulus ist nicht der Begründer des Christentums, wirkungsgeschichtlich jedoch ist das Christentum, jedenfalls in der Gestalt der großen abendländischen Kirchen, ohne Paulus, und hier vor allem ohne seinen Brief an die Römer, nicht zu denken.1 Hans Hübner hat es drastischer formuliert: „Ohne Paulus wäre das Christentum zunächst eine jüdische Minisekte geblieben, bald reif für den Kehrricht der Weltgeschichte“.2 An Paulus haben sich die Geister geschieden. Das JudenchristentumJudenchristentum des zweiten Jahrhunderts erkennt in ihm einen ApostatenApostat, einen Abgefallenen.3 Weil Markion Paulus schätzt, nennt Tertullian Paulus den haereticorum apostolus.4 Doch nicht nur bei Markion, der ausschließlich einen Kanon mit paulinischen Briefen und dem Lukasevangelium gelten ließ5, auch in der christlichen Gnosis der Nag Hammadi Codices aus Oberägypten begegnen Autoren in bewusster Paulustradition und mit bewusster Paulusrezeption.6 Wirkungsgeschichtlich ist nicht zu verkennen, dass die paulinischen Briefe für die sich ausbildende Kirche hinreichend Argumentationshilfen bereithielten, um sich vom Judentum zu distanzieren.

Die überragende Bedeutung, die Paulus für die Begründung der christlichen Religion zukommen sollte, ist engstens verknüpft mit der Ausbildung des neutestamentlichen KanonsKanon und hierbei wiederum mit der dominanten Stellung paulinischer Briefe gegenüber allen anderen apostolischen Dokumenten. Ab der zweiten Missionsreise begegnen uns in den Paulusbriefen eine Vielzahl von Namen, die so etwas wie einen engeren und weiteren MitarbeiterkreisMitarbeiterkreis wiedergeben.7 Gelegentlich zeichnen diese Mitarbeiter, wie etwa Timotheus und Silvanus, bereits im Präskript der Briefe als Mitverfasser. Hans Conzelmann hat von einer Schule des PaulusSchule des Paulus gesprochen, ohne dies näher auszuführen.8 Bereits eine Generation nach Paulus schreiben die Mitarbeiter oder Schüler Briefe an urchristliche Gemeinden oder an Privatpersonen im Namen des Paulus. Es sind dies pseudepigraphe Schreiben; aus ihnen spricht zunächst eine formale Bindung an Paulus, da in ihnen nicht einfach paulinische Theologie wiedergegeben wird. Paulus ist die maßgebliche Gestalt, die Autorität, und wer in seinem Namen schreibt, gewinnt Anteil an seiner Autorität. Zur gleichen Zeit verfasst LukasLukas, der gleichfalls zur weiteren Paulus-Schule gehört (Kol 4,14; 2 Tim 4,11), in weiten Teilen seiner Apostelgeschichte eine erste Paulus-Biographie, wenn auch nicht im streng literaturgeschichtlichen Sinn des Wortes. Die primäre Paulusrezeption scheint zunächst von der Person des Paulus bestimmt zu sein, nicht von seinen Schriften und der in ihnen festgehaltenen Theologie.

Wirkungsgeschichtlich bedeutsam ist der Befund, dass man in den urchristlichen Gemeinden recht früh begonnen hat, die BriefeBriefe des Paulus zu sammeln, auszutauschen und abzuschreiben. Sie ersetzen den Apostel während seiner Abwesenheit und werden in den Gemeindeversammlungen verlesen. Hinzu kommen noch Grußschreiben (Röm 16,1–23), Gemeindebriefe an den Apostel (1 Kor 7,1), Gemeinderundschreiben (Apg 15,23–29), Empfehlungsbriefe (2 Kor 3,1) u.a. Diese SammlungenBriefsammlungen bilden den Grundstock dessen, was einmal die Größe „Neues Testament“ werden soll. In den einzelnen Ortsgemeinden wird das Neue des christlichen Glaubens noch vor jeglicher dogmatischen, organisatorischen und institutionellen Verfestigung gesucht und gefunden im Lesen, im Austausch und in der Sammlung frühchristlicher Briefe. Frühe Sammlungen von Paulusbriefen werden für EphesusEphesus und RomRom vermutet, zunächst wohl als sog. Kleinsammlungen, in denen die großen Gemeindebriefe dominieren. Die Pastoralbriefe setzen bereits eine frühe Zusammenstellung der Paulusbriefe voraus und ergänzen sie in testamentarischer Absicht. Freilich ist der Prozess dieser Sammlung nur hypothetisch zu erschließen und die gegenwärtige Forschung bewegt sich hier in recht gegensätzlichen Positionen.9

Der Protestantismus hat ein besonders positives Verhältnis zu dem RömerbriefRömerbrief des Paulus, auch wenn dieses Schreiben nicht mehr das Paradebeispiel für Lehrstreitigkeiten zwischen protestantischer und römisch-katholischer Exegese darstellt. Philipp Melanchthon hat 1521 das erste große systematische Werk der Reformation verfasst, die „Loci communes“, die aus Vorlesungen über den Römerbrief entstanden sind. Die zentrale Botschaft des Römerbriefs, dass der Mensch allein im Glauben ohne Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird (Röm 3,28; auch Gal 2,16), gab der reformatorischen Bewegung den Impetus und wurde zugleich ein Kanon im Kanon für die protestantische Schriftauslegung. Auch in der Folgezeit schärfte die Auslegung des Römerbriefs das kirchliche Selbstverständnis und setzte deutliche Neuakzentuierungen.10 Dieses Schreiben hat eine von seinem Verfasser nicht zu ahnende Wirkung und prägende Kraft auf christliche Theologie und Kirche gehabt, die noch längst nicht abgeschlossen ist. Sieht man einmal von den Bedingungen der Abfassungssituation dieses Schreibens ab, die man für seine Interpretation nicht überbewerten sollte, dann kommt dieser Brief einer grundsätzlichen Darlegung des christlichen Glaubens sehr nahe.11 Die gegenwärtige exegetische Beschäftigung mit Paulus und seinem Brief an die Römer steht unter den Leitworten „Paul and the new perspectivenew perspective on Paul“ oder „new approach“.12 Angloamerikanische Anfragen begegnen der vorwiegend lutherisch geprägten deutschen Paulus-Exegese und stellen vor allem deren anti-legalistische bzw. hamartiologische Interpretation massiv in Frage. Wenn mit Hermut Löhr abzuwarten bleibt, „wieweit sich in Folge solcher neuen Wahrnehmung eines nur allzu bekannten Textes dieser selbst wieder als ‚ökumenisches‘ Schreiben zu erweisen mag, das die Konfessionen sachlich näher zusammenzuführen vermag“13, dann wird auch die Ausgangsfrage, ob Paulus der Gründer des Christentums ist, zukünftig noch einmal gestellt und möglicherweise auch eindeutiger beantwortet werden können.

Zur Literarkritik der Paulusbriefe*

* Zuerst erschienen: Friedrich Wilhelm Horn, „Zur Literarkritik der Paulusbriefe“, in: C. Breytenbach (Hg.), Paulus, die Evangelien und das Urchristentum. Beiträge von und zu Walter Schmithals, AGJU 54, Brill, Leiden/Bosten 2004, pp. 245–263, ©, Koninklijke Brill NV/Leiden, reproduced with permission.

„Die LiterarkritikLiterarkritik der Paulusbriefe ist nach wie vor umstritten, und wenn nicht alles täuscht, tendiert die entsprechende Forschung, die sich seit jeher in einem wellenförmigen Auf und Ab bewegte, nach einem kräftigen Hoch gegenwärtig wieder eher zu einem Tief.“1 Doch hat der Jubilar sich durch Trends in der Forschung der zurückliegenden Jahrzehnte nicht beirren lassen, sondern hat beharrlich sowohl die methodischen Fragen, die sich unter dem Stichwort Literarkritik verbergen, als auch seine eigenen Antworten und schließlich die sich aus beidem ergebenden theologischen Perspektiven deutlich benannt und zunehmend präzisiert.

1. Der Weg zur Methode literarkritischen Arbeitens

Ich rufe nur in Erinnerung, dass Walter SchmithalsSchmithals, Walter bereits in der im Jahr 1954 vor der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg eingereichten Dissertation „Die Gnosis in Korinth“ die Einleitung der Korintherbriefe mit einer literarkritischen Analyse eröffnete: „Unverständlich ist jedoch, daß die Notwendigkeit einer literarkritischen Analyse der Korr. überhaupt noch immer weiterhin bestritten wird […] Ihr Erfordernis kann aber nur in Abrede gestellt werden, wenn man darauf verzichtet, die Briefe wirklich als Briefe zu werten.“1 In den Nachträgen zu den weiteren Auflagen dieses Werkes hält Walter Schmithals den Kritikern entgegen: „Die beachtlichen Differenzen in den verschiedenen Analysen dürfen nicht zu dem Schluß führen, dadurch widerlegten die Analytiker selbst die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer literarkritischen Analyse der Briefe […]“2 Auch die Habilitationsschrift ist der literarkritischen Methode verpflichtet, verbindet sie aber gleichzeitig und für die Folgezeit durchgehend3 mit der Frage nach der Gestalt der ältesten Sammlung von Paulus-Briefen: „Das Vorhandensein der Briefkompositionen im Korpus Paulinum erklärt sich hinreichend nur, wenn man in dem Redaktor zugleich den Herausgeber der ersten Sammlung sieht, der wesentlich durch die Erfordernisse dieser seiner Sammlung von 7 Briefen zu den Kompositionen insgesamt bestimmt wurde, so daß diese Kompositionen alle von der gleichen Hand stammen.“4 Die Situation der einzelnen Briefe und ihr Ursprungsort, die Zeit und die Situation der Hauptsammlung und ihres Redaktors sind also stets im Blick zu behalten.

In den folgenden Jahren wurden von Walter Schmithals mehrere Monographien und Aufsätze vorgelegt, in denen literarkritische Entscheidungen zur sachgemäßen Beantwortung theologischer Fragen vor allem zu den Korintherbriefen5 und zum Römerbrief6 einen wesentlichen Stellenwert einnahmen, aber auch andere Briefe, wie zuletzt den Kolosserbrief7, einbezogen. Jedoch sind literarkritische Entscheidungen auch für die Rekonstruktion des Verhältnisses von Neuem Testament und Gnosis unerlässlich.8 In dieser Frage scheute sich der Jubilar nicht, an der eigenen zurückliegenden Forschung auch größere Korrekturen anzubringen9, ohne jedoch grundsätzlich die literarkritische Methode in Frage zu stellen.

Auch ist Walter Schmithals sich in einleitungswissenschaftlichen Entscheidungen, die in Verbindung mit literarkritischen Fragen stehen, treu geblieben. Die paulinische Briefkorrespondenz mit der Gemeinde in Thessalonich ist aus beiden Thessalonicherbriefen zu rekonstruieren, da die apostolische Verfasserschaft für beide Briefe reklamiert und ihre Abfassung für den Zeitraum der sog. 3. Missionsreise angenommen wird.10 Diese von der vergangenen und gegenwärtigen Forschung mehrheitlich nicht geteilte These wird in Einzelheiten an späterer Stelle modifiziert, aber gegenüber der einleitungswissenschaftlich dominierenden Annahme einer frühen Abfassung des 1. Thessalonicherbriefs und einer pseudepigraphen Verfasserschaft des 2. Thessalonicherbriefs aufrechterhalten.11 Schließlich bildet die IrrlehrerIrrlehrerfrage von Anfang an einen wesentlichen Maßstab, literarkritische Urteile zu fällen, da eine Darstellung des Ablaufs der Ereignisse in den einzelnen Gemeinden Aktion und Reaktion zwischen dem Apostel und seinen Gegnern nachzeichnet, welche in der Korrespondenz ihren Niederschlag gefunden hat.12

Literarkritik ist also eine in den Jahrzehnten sich durchhaltende und für die exegetische Arbeit Walter Schmithals’ grundlegende Methode gewesen. Der Begriff Literarkritik ist in der alttestamentlichen Wissenschaft präziser eingeführt und auch forschungsgeschichtlich eindeutiger besetzt als in der neutestamentlichen Wissenschaft.13 Walter Schmithals ging, wenn ich sein wissenschaftliches Werk recht überschaue, im Rekurs auf Forschungsergebnisse des ausgehenden 19. Jh. und des beginnenden 20. Jh. von dem Tatbestand aus, dass die paulinischen Briefe vielfach mit der Annahme von TeilungshypotheseTeilungshypothesenn und GlosseGlossen analysiert worden sind. Methodisch argumentierten diese literarkritisch orientierten Forscher mit subjektiven, methodisch gelegentlich kaum nachvollziehbaren oder gar überprüfbaren Argumenten. Da textkritisch keine Originale dieser Briefe mehr vorhanden sind, diese sich vielmehr einer kirchlichen Sammlung verdanken, die jetzt insgesamt sieben Paulusbriefe umfasst, geht Walter Schmithals von dem für ihn sicheren Faktum einer Hauptsammlung aus und fragt von ihr aus zurück nach deren Vorlagen. Auch seine Rückfrage ist keineswegs frei von subjektiven Erwägungen14, sie versucht allerdings in grundsätzlicher Anlehnung an die durch Ferdinand Christian BaurBaur, Ferdinand Christian vermittelten Geschichtsperspektiven15, Literarkritik mit den Ereignissen der urchristlichen Geschichte eng zu verzahnen. In den jüngeren Studien sind die methodischen Fragen der Literarkritik weiter ausgearbeitet worden. Auf diese Beiträge soll im Folgenden ausführlicher eingegangen werden.

Zunächst allerdings sei ein kurzer Blick in die gegenwärtige neutestamentliche Forschung geworfen, um versuchsweise zu klären, wie die Literarkritik der neutestamentlichen Briefe behandelt wird. Die Lektüre neuerer Lehrbücher zeigt deutlich, dass die Literarkritik der paulinischen Briefe sowohl hinsichtlich der Briefteilungshypothesen als auch hinsichtlich der Annahme von Glossen gegenwärtig nicht angezeigt erscheint. Udo Schnelle widmet der Literarkritik der paulinischen Briefe einen kurzen Abschnitt, lehnt aber eine Teilungshypothese für jeden Brief ab.16 Martin Meiser referiert ausführlich Briefteilungshypothesen und bietet eine Kriteriologie ihrer Beurteilung. Mit Helmut Merklein sei zu fragen, ob „der zu teilende Text ohne die Annahme unterschiedlicher Situationen nicht oder nur sehr unzulänglich erklärt werden kann“.17 Zeichen der veränderten Perspektive ist sicher auch, dass Meiser zu jedem angesprochenen Paulusbrief abschließend etliche Vertreter der Einheitlichkeit nennt.18 Das Arbeitsbuch von Hans Conzelmann und Andreas Lindemann spricht TeilungshypothesenTeilungshypothesen mit Ausnahme derjenigen zum 2. Korintherbrief nur noch in Petitdruck und sehr knapp als Gegenstand der Forschungsgeschichte an19, Thomas Söding reduziert den Sachverhalt insgesamt auf eine einzige knappe Anmerkung.20 Die führenden Kommentare zum 1. Korintherbrief21 und zum Römerbrief22 gehen von der Integrität der Schreiben aus. Sogar der 2. Korintherbrief23 gewinnt wieder zunehmend Verfechter seiner Einheitlichkeit. Glossen werden in den paulinischen Briefen in geringem Maße noch anerkannt, wiewohl auch in dieser Hinsicht Meiser den Trend als rückläufig einstuft.24

Walter Schmithals hat seinen „Briefen des Paulus in ihrer ursprünglichen Form“ zwei Zitate von Johannes Weiß vorangestellt, deren erstes mit Nachdruck einen leicht vergessenen kanongeschichtlichen Sachverhalt in Erinnerung ruft. Ich zitiere es hier aus dem Original, einem kurzen Beitrag in den Theologischen Studien und Kritiken aus dem Jahr 1900: „Wir können uns nicht energisch genug mit dem Gedanken durchdringen, daß wir weit davon entfernt sind, irgendwie das Original Paulinischer Briefe zu besitzen. Wir haben nur ein Buch, welches im 2. Jahrhundert, meinetwegen auch schon früher, ‚herausgegeben‘ ist, ein Buch, in welchem sicher echte Paulinische Briefe, aber vielleicht doch auch wohl Pseudepigraphen aufgenommen sind.“25 Michael Theobald hat jüngst dieses Zitat gleichfalls aufgenommen und zugleich darauf hingewiesen, dass innerhalb der gegenwärtigen alttestamentlichen Exegese die Redaktion auf kanonischer Ebene bei der Analyse der einzelnen Teile mitbedacht wird, und Analoges sollte, so Theobald, auch beim Corpus Paulinum gelten.26

2. Aufsätze zur Literarkritik der Paulusbriefe

Im Folgenden sollen zunächst diejenigen Aufsätze, die sich direkt mit der Literarkritik der Paulusbriefe beschäftigen, in der Reihenfolge ihres Erscheinens vorgestellt und kritisch gewürdigt werden. Im Jahr 1982 setzte sich Walter Schmithals in dem Beitrag „Die Sammlung der Paulusbriefe“ scharf mit einem Aufsatz Kurt Alands über „Die Entstehung des Corpus Paulinum“ auseinander. Aland hatte hier die Teilungshypothesen bei Paulusbriefen „ins Reich der, wenn auch geistreichen, Erfindung“1 verwiesen und hinsichtlich der Annahme eines frühen Ur-Corpus von sieben Paulusbriefen „Phantasie oder Wunschvorstellung“2 bescheinigt. Walter Schmithals antwortet nicht weniger eindeutig, indem er mehrfach den Thesen Alands Haltlosigkeit3 vorwirft und „Alands Folgerungen […] nur noch als Nachwirkungen jenes Schocks“4 begreifen kann, den die Kollationierung von 634 Minuskeln ausgelöst hatte. Walter Schmithals bezieht sich in diesem Beitrag abschließend auf seine bereits an früherer Stelle geäußerte Sicht: „Der Befund der Handschriften und der Handschriften-Listen legt also weder eine Ursammlung von 13 Briefen (Frede; Rechtschreibung korrigiert, F.W.H.) noch eine Entstehung der Ursammlung gegen Ende des 2. Jahrhunderts aus lauter Einzelteilen nahe (Aland), sondern die Annahme einer UrsammlungUrsammlung von sieben Briefen (1 und 2Kor – Gal – Phil – 1 und 2Thess – Röm), noch im 1. Jahrhundert durchgeführt, die durch zwei selbständige kleinere SammlungenSammlung (Eph – Kol – Phlm und 1 und 2 Tim – Tit) sowie durch Hebr sekundär zu dem Corpus Paulinum von zweimal sieben Briefen ergänzt wurde.“5 Diese selbstständigen Einzelsammlungen seien geschaffen worden „zum Zwecke der ‚Schulung‘. Sie dienten in den Paulus-Schulen als verbindliche Grundlage bei der Unterweisung der Mitarbeiter aus den Gemeinden […]“6

ВходРегистрация
Забыли пароль