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Friedrich W. Horn Paulusstudien
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3 Folgerungen
Die von Paulus ausgesprochene Angst vor der jüdischen Gemeinde in Judäa ist eine präzise Wahrnehmung der eigenen Situation, für die folgende Faktoren bestimmend sind:
Seit dem antiochenischen Konflikt wird die paulinische Mission in Jerusalem und in den Gemeindegründungen im Westen neben jüdischen Interventionen begleitet von judenchristlichen Missionaren, für die eine stärkere Bindung an die Jerusalemer Gemeinde und an den von Paulus weithin nicht mehr geteilten jüdischen Rahmen christlicher Theologie bestimmend ist (Act 13,50; 14,2.19; 15,2; 17,5.13; 18,12; 20,3; 2 Kor 11,5.22; Gal 6,12f. u.ö.).1 Dieser AntipaulinismusAntipaulinismus hat sich im Lauf der Zeit verstärkt. Er tritt in Philippi präventiv (Phil 3,2) bereits vor Eintreffen des Apostels auf und erwartet ihn ebenso bereits in Jerusalem (Act 21,20).
Oftmals hat Paulus den massiven, gelegentlich sogar für ihn lebensbedrohlichen Gegensatz der jüdischen SynagogalgemeindenSynagogalgemeinden erfahren (2 Kor 11,24–26). Diese Verfolgungen in der Diaspora dürften den jüdischen Gemeinden in Judäa nicht unbekannt geblieben sein, möglicherweise sogar ihre Unterstützung gefunden haben.2
Im weiteren Vorfeld des jüdischen Kriegs ist in Judäa eine zunehmende Distanzierung gegenüber römischem Einfluss zu beobachten. Man kann annehmen, dass innerhalb der Urgemeinde aufgrund ihrer Scharnierstellung zwischen jüdischer Tempelgemeinde und heidenchristlichen Gemeinden in der Diaspora Kontakte zu Letzteren sehr sorgsam geprüft wurden, um die eigene Stellung nicht zu gefährden.3
Die Verpflichtung für das Kollektenwerk liegt mittlerweile sieben Jahre zurück. Zwischenzeitlich hat Paulus allenfalls ein einziges Mal Jerusalem besucht (Act 18,22$Apg 18,22), allerdings dann nicht, um die KollekteKollekte abzuliefern. Über den Verbleib der Sammlung in Galatien erfahren wir nichts.4 Die nach Jerusalem mitgeführte Kollekte stammt, wie oben erwähnt, aus den Gemeinden in Makedonien und der Achaia. Sie scheint nicht das Ergebnis einer langjährigen Sammlung zu sein, sondern wurde wohl kurz vor der Abreise in Eile fertiggestellt.5
Der Stellenwert von Geldgaben innerhalb der antiken Gesellschaft lässt häufig eine soziale und politische Brisanz erkennen. Paulus spielt in Röm 15,26f.$Röm 15,26f. bewusst auf den mit der Geldgabe verbundenen Aspekt der Anerkennung des Gebers durch den Empfangenden an und genauso umgekehrt6. Er stellt aber die Kollekte nicht mehr als Lastenausgleich zwischen Armen und Reichen im Sinne von 2 Kor 8,13f.$2Kor 8,13f. dar. Paulus setzt mithin die Kollektenthematik als Mittel für die Anerkennung seiner Mission ein.7
Die Darlegung dieser Thematik im Römerbrief kann kaum anders verstanden werden, als dass Paulus darauf baut, dass die römische christliche Gemeinde, möglicherweise auch mit Hilfe der Kontakte zu den römischen Synagogen, sich für ihn in Jerusalem bei der Tempelgemeinde und bei der Urgemeinde einsetzt.8
Über den Verbleib der KollekteKollekte kann man nur spekulieren. Die häufig aufgemachte Alternative „Annahme oder Ablehnung“ ist möglicherweise zu einfach.9 Das Schweigen der Apostelgeschichte deutet doch wohl an, dass sich die Übergabe nicht reibungslos, auf jeden Fall aber nicht im Sinne ihrer ursprünglichen Intention vollzog. Ich halte es für möglich, dass die Aktion zur Auslösung der Nasiräer im Kontext der Kollektenabgabe interpretiert werden kann. Es müsste dies zugleich – und so stellt Act 21,24 es ja auch dar – in der Absicht des Paulus ein letzter Versuch gewesen sein, in Jerusalem seinen rechtgläubigen Standort unter Beweis zu stellen.10
Es ist abschließend die Frage zu stellen: Weshalb entschließt sich Paulus in Abänderung seiner früheren Überlegung (1 Kor 16,1–4$1Kor 16,1–4), die Kollekte jetzt persönlich nach Jerusalem zu bringen, obwohl er um die Gefahren dieser Reise weiß und obwohl sein Missionsplan ihn nach Spanien führt? Wäre „Paulus nicht besser bei seinem ursprünglichen Plan geblieben […], die Reise nach Jerusalem nicht selbst zu unternehmen“11? Weshalb kann die Spanienmission nicht angetreten werden, ohne zuvor persönlich nach Jerusalem gegangen zu sein? Es will scheinen, als hinge die Zukunft der paulinischen Mission an dieser Jerusalemreise. Bei der Beantwortung dieser Frage sind vielleicht „mannigfache Auskünfte von gleicher Wahrscheinlichkeit und Unsicherheit“12 möglich. Meine Vermutung geht dahin, dass einerseits der Verweis auf die Notwendigkeit der Beendigung der Kollekte13 und ihrer „versiegelten“ Übergabe14 in Röm 15,28$Röm 15,28 anzeigt, dass für Paulus die Einlösung der Kollektenverpflichtung zu diesem Zeitpunkt unabdingbare Voraussetzung jeglicher weiterer Missionsarbeit war. Andererseits aber sucht derjenige PaulusTod des Paulus, der den Römerbrief immer mit Blick auf Judäa und Jerusalem geschrieben zu haben scheint15, der vor allem in Röm 9–11$Röm 9–11 eine Antwort auf die für ihn sich als Aporie darstellende Rolle Israels angesichts der Verkündigung des Evangeliums gesucht und gefunden hat, nun auch – nach Jahren – die offene Begegnung mit Israel in Judäa und der Urgemeinde in Jerusalem. Er hat die Hoffnung, dass die Gebete der römischen Gemeinde und die Botschaft des Römerbriefs ihm vorausgehen, dennoch wissend, dass diese letzte Reise unter todesbedrohlichen Vorzeichen steht.
Ist Paulus der Begründer des Christentums?*
* Zuerst erschienen: Friedrich Wilhelm Horn, „Ist Paulus der Begründer des Christentums“, in: Hermann Deuser/Gesche Linde/Sigurd Rink (Hg.), Theologie und Kirchenleitung. Festschrift für Peter Steinacker zum 60. Geburtstag, MThSt 75, Marburg: N.G. Elwert, 2003, S. 31–44.
In der frühchristlichen Apostelgeschichte „Die Taten des Paulus und der Thekla“ aus dem Ende, vielleicht sogar der Mitte des 2. Jahrhunderts findet sich das erste Portrait des Paulus: „ein Mann, klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und krummen Beinen, in edler Haltung mit zusammengewachsenen Augenbrauen und ein klein wenig hervortretender Nase, voller Freundlichkeit; denn bald erschien er wie ein Mensch, bald hatte er eines Engels Angesicht“ (Aa III, 3).1 Ist dieser Mann der Begründer des Christentums?
Ich möchte eine grundsätzliche Frage thematisieren, zu der jeder, seien er oder sie nun Studierende oder Lehrende der Theologie, Christin oder Christ in einer Kirche, gleich welcher Konfession, oder einfach jemand, der sich dem christlichen Kulturraum zugehörig weiß, eine Antwort suchen sollte. Das Christentum hat in einem historischen Sinn keinen eigentlichen Geburtsort, keine Geburtsstunde, kein Gebäude und keinen Offenbarungsgegenstand, die unverwechselbar einen Anfang markieren. Ist Paulus sein Religionsstifter? Diese Frage ist nicht neu, und sie begleitet die Wissenschaft spätestens seit der Aufklärungszeit bis in die Gegenwart.2 In einem ersten Teil möchte ich den forschungsgeschichtlichen Hintergrund dieser Frage an drei wesentlichen Positionen der neueren Theologiegeschichte skizzenhaft aufzeigen. Ein zweiter Teil wird den historischen Standort des Paulus umreißen, ein dritter Teil wird meine Antwort auf die Frage „Ist Paulus der Begründer des Christentums?“ geben. Methodisch wird hierbei unterschieden zwischen dem zu rekonstruierenden Selbstverständnis des Apostels Paulus und der Wirkungsgeschichte seiner Briefe.
I. Begründer oder zweiter Begründer des Christentums? Zur Forschungsgeschichte
Ich gehe im Folgenden zunächst auf drei theologiegeschichtlich klassische Positionen ein. Der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel beeinflusste Tübinger Theologe Ferdinand Christian BaurBaur, Ferdinand Christian (1792–1860) thematisierte in seinen 1864 posthum herausgegebenen Vorlesungen über neutestamentliche Theologie1 das Verhältnis von Jesus zu Paulus im Rahmen eines geschichtlichen Entwicklungsprozesses. Jesus verkündete die kommende Herrschaft Gottes und formulierte Forderungen, wie ihr zu begegnen sei. Jesus machte jedoch nie seine Person zum Gegenstand der Lehre. Anders Paulus: Er, der kein Jünger Jesu war, gibt nicht die Botschaft Jesu weiter, sondern macht die Person Jesu zum unmittelbaren Gegenstand seiner Lehre. Nach Baur ist Paulus an der Verkündigung Jesu geradezu uninteressiert. Er blickt ausschließlich auf die Person Jesus, d.h. auf die im Glauben gedeutete Person. Hierbei steht der Tod Jesu und die Deutung dieses Todes beherrschend im Mittelpunkt. Dies stellt eine historische Diskrepanz zwischen der Verkündigung Jesu und der Lehre des Paulus dar. Nur in einer Hinsicht erkennt Baur eine Übereinstimmung zwischen der Lehre des Paulus und der Verkündigung Jesu. Schon Jesus habe, so Baur, in einem Gegensatz zum Judentum gestanden. Paulus aber habe diesen Gegensatz bewusst zur Geltung gebracht und in einer prinzipiellen Differenzierung zwischen Christentum und Judentum das Christentum zu einer selbstständigen absoluten Größe erhoben. „Ist nun das Christentum das, was es seinem wahren Wesen nach ist, erst im Unterschied vom Judentum, in dem bestimmten Bewusstsein seines vom Judentum verschiedenen Prinzips, so ist es erst durch den Apostel Paulus zu dieser selbstständigen absoluten Bedeutung erhoben worden.“2
Zwei Generationen später veröffentlichte der aus der Göttinger Religionsgeschichtlichen Schule stammende William WredeWrede, William3 (1859–1906) im Jahr 1904 in den populärwissenschaftlichen „Religionsgeschichtlichen Volksbüchern für die deutsche christliche Gegenwart“ seinen „Paulus“. Das opusculum umfasst gerade einmal 113 Seiten, kaum Anmerkungen, stellt jedoch die Frucht jahrelanger Beschäftigung mit dem Gegenstand dar.4 Albert Schweitzer, einer der wahrhaft innovativen Paulusforscher zu Beginn dieses Jahrhunderts, hat dieses Buch von Wrede nicht allein der Theologie zugerechnet, sondern sogar der Weltliteratur.5 Auch Wrede betont den großen Abstand des Paulus zu Jesus. „Jesus weiß von dem, was für Paulus das ein und alles ist, – nichts.“6 Für Paulus ist das Zentrum der Verkündigung der Zusammenhang von geschichtlich-übergeschichtlichen Taten Gottes: Menschwerdung Jesu, Tod und Auferstehung des präexistenten Christus. Der historische Jesus, so wie er wirklich war, tritt für Paulus demnach ganz in den Hintergrund. Paulus hat, so Wrede, die Erscheinung Jesu mit Ideen von Christus aufgefasst, die ganz unabhängig vom Menschen Jesus entstanden sind. Wie soll das möglich gewesen sein? Nach Wrede glaubte Paulus bereits an ein göttliches Himmelswesen, an einen Christus, ehe er an Jesus glaubte. Er trug das Bild des Messias bereits mit sich und in seiner Bekehrung, in der Begegnung mit dem Auferstandenen, übertrug er dieses Bild auf den Menschen Jesus. Der Mensch Jesus wird hierbei von dem Bild, das Paulus zuvor bereits hatte, völlig subsumiert. Wrede spricht von einem objektiven Abstand der paulinischen Lehre zur Predigt Jesu. Da aber sowohl Jesus als auch Paulus unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Zielsetzungen wirkten, spricht Wrede von Paulus als dem zweiten Stifter des Christentums. „Dieser zweite Stifter der christlichen Religion hat ohne Zweifel gegenüber dem ersten im ganzen sogar den stärkeren – nicht den besseren – Einfluß geübt“7. Was Paulus lehrte, war, so Wrede, im Übrigen nicht mehr eine Form des jüdischen Glaubens, sondern eine „Religion mit eigenem Prinzip dem Judentum gegenüber“8.
Ein dritter Hinweis, wieder ein Abstand von zwei Generationen. Der Marburger Theologe Rudolf BultmannBultmann, Rudolf (1884–1976) eröffnet seine 1953 erschienene „Theologie des Neuen Testaments“ mit dem Satz: „Die Verkündigung Jesu gehört zu den Voraussetzungen der Theologie des NT und ist nicht ein Teil dieser selbst.“9 „Christlichen Glauben gibt es erst, seit es ein christliches Kerygma gibt, d.h. ein Kerygma, das Jesus Christus als Gottes eschatologische Heilstat verkündigt, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen.“10 War dies der erste Satz, den Bultmann in seinem Werk überhaupt und nun speziell über Jesus sagt, so lautet der erste Satz im Teil über Paulus: „Die geschichtliche Stellung des Paulus ist dadurch bezeichnet, daß er […] die theologischen Motive, die im Kerygma der hellenistischen Gemeinde wirksam waren, zur Klarheit des theologischen Gedankens erhoben, die im hellenistischen Kerygma sich bergenden Fragen bewußt gemacht und zur Entscheidung geführt hat und so zum Begründer einer christlichen Theologie geworden ist“11.
Diese forschungsgeschichtlichen Hinweise können hier genügen. Sie haben im Verweis auf drei bedeutsame Positionen – Baur, Wrede, Bultmann – zunächst auf einen grundsätzlichen Sachverhalt aufmerksam gemacht: Im Zentrum des christlichen Glaubens steht Jesus, aber eben nicht als der Prediger oder Lehrer, sondern sein Geschick in Tod und Auferweckung sowie der Verweis auf die himmlische Herkunft und zukünftige Wiederkunft als Kyrios, und dies wiederum in unterschiedlichen theologischen Deutungen. Dem ist im Kern zuzustimmen. Es hat in der Frühzeit kein Christentum gegeben, das die Schwerpunkte hier deutlich anders gesetzt hätte. Die Rückkehr zu einer einfachen Nachfolge Jesu ohne diesen ganzen „mythologischen“ Überbau ist eine neuzeitliche, moderne, romantisierende Vorstellung. Gemeinsam haben die drei vorgestellten Positionen betont, dass Paulus wohl der erste Theologe im Urchristentum ist, der in großer Konsequenz in seiner Verkündigung und in seinen Briefen versucht hat, die Fragen individueller menschlicher Existenz und überindividueller Heilsgeschichte durchgehend auf das Christusereignis zu beziehen und denkend zu bewältigen.
Freilich ist die strikte Gegenüberstellung von Jesus und PaulusJesus und Paulus in mancherlei Hinsicht revisionsbedürftig. Sie ist historisch simplifizierend, von Wrede und von Bultmann daher als historische Kategorie schon aufgegeben worden. Zwischen Jesus und Paulus steht, so Wilhelm Heitmüller und Wilhelm Bousset in Veröffentlichungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts12, die sog. hellenistische Gemeindehellenistische Gemeinde.13 Sie ist der eigentliche Nährboden auch der paulinischen Theologie. Paulus tritt nach seiner Berufung in christliche Gemeinden ein, eben in die hellenistischen, d.h. bereits heidenchristlich geprägten christlichen Gemeinden in den Städten Damaskus, Tarsus und AntiochiaAntiochia, und empfängt hier die primäre Gestalt christlicher Theologie, die ihn langfristig prägt. Die absolute Gegenüberstellung von Jesus und Paulus lässt sich zudem von einer problematischen, gleichfalls historisch simplifizierenden Gegenüberstellung der Größen Judentum – Christentum leiten. Je orientalisch-synkretistischer man die hellenistische Gemeinde und je hellenistischer man Paulus dachte, umso mehr konnten sie beide vom Judentum distanziert werden und diese Ablösung wurde nicht selten mit entwicklungsgeschichtlichen Kategorien wie denjenigen der Ablösung, Befreiung und Vollendung der wahren Religion verbunden. Zweifelsfrei umgibt Jesus in seiner Zeit ein Judentum, das vielfältig ist und unterschiedlichen Richtungen und Gruppierungen Raum gibt. Jedoch lebt auch Paulus im Judentum seiner Zeit.14 Wir haben die jüdische Matrix seiner Theologie wiederentdeckt, wenn auch noch nicht umfassend bestimmt. Eine definitive Trennung der Kirche von Israel bzw. der Synagoge von der Kirche hat sich in manchen Kirchengebieten erst zum Ende des zweiten Jahrhunderts vollzogen.15 Das schon klassische, allerdings bis in die Gegenwart hinein von Juden und Christen vertretene Leitbild eines Paulus, der sein Judentum hinter sich ließ, um eine neue Religion zu gründen, kann so nicht nachvollzogen werden.16 Jedoch habe ich Zweifel, ob eine Repatriierung des Paulus in die jüdische Glaubensgeschichte, eine Heimholung des Ketzers – so Stefan Meißner in einer gelehrten Doktorarbeit 17 – der anstehenden Problemlage gerecht wird.
Die Beantwortung der Frage „Ist Paulus der Begründer des Christentums?“ kann sich nicht mehr von einer einfachen Entgegensetzung Jesus – Paulus oder Judentum – Paulus leiten lassen. Wir müssen weiter ausholen.
II. Der historische Standort des Paulus
Über Paulus erfahren wir vornehmlich etwas durch seine erhalten gebliebenen sieben Briefe an urchristliche Gemeinden bzw. an eine Privatperson sowie durch die Apostelgeschichte des Lukas, die zwar in einem Abstand von gut zwei Generationen zu Paulus verfasst worden ist, aber doch viele wertvolle Informationen bietet.1 Paulus hat mehr Briefe als die genannten geschrieben (1 Kor 5,9; Kol 4,16; als Problem auch 2 Thess 2,2). Sie sind wohl früh verlorengegangen, erhalten blieben diejenigen, die in den Gemeinden nicht verdrängt, sondern bald mehrfach kopiert wurden. Die Klassifizierung dieser BriefeBriefe als Gelegenheitsschreiben, die auf Anfragen aus den ersten christlichen Gemeinden, auf Nachrichten und Probleme eingehen, ist verkürzend. Diese Briefe sind von Paulus wohl für konkrete Gemeinden geschrieben worden; der theologische Anspruch der Briefe geht jedoch, was bei den Briefen an die Römer, Galater und dem zweiten Brief an die Korinther leicht erwiesen werden kann, erheblich über alle situativen Bedingtheiten hinaus. Mit diesem Medium Brief wird eine Kommunikationsform in Anspruch genommen, welche die bereits im Evangelium und seiner Verkündigung angelegte Kommunikation aufnimmt und fortsetzt.2 Im Vergleich zum antiken Brief sind die Briefe des Paulus in der Regel erheblich länger, sie werden daher in rhetorischer Hinsicht gerne nach Vorgaben antiker Reden analysiert. Wir sind also gezwungen, mit Hilfe dieser sieben Briefe, die etwa in einem Zeitraum von gut sieben Jahren verfasst worden sind und aus dem letzten Lebensabschnitt des Paulus stammen, dessen Theologie zu rekonstruieren. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, wir sollten aus sieben von uns geschriebenen Briefen rekonstruieren, was unser Denken bestimmt hat. Der Vergleich hinkt allerdings: der antike Autor hat für die Abfassung eines Briefes (und der Reden allemal) einen enormen Aufwand an vorhergehender Sammlung der Argumente und ihrer Disposition sowie ihrer sprachlichen Ausformung und rhetorischen Darlegung getrieben, so dass den Briefen des Paulus fraglos die Funktion eines verlässlichen Schlüssels zu seiner Theologie zukommt.3 Dennoch bleiben sie so etwas wie die Spitze eines Eisbergs.
Gewiss kann man mehr über Paulus erfahren, wenn man den prägenden religiösen und kulturellen Hintergrund möglichst präzise erfasst. Nun ließe sich dies darstellen als eine Geschichte eines mehrfachen Paradigmenwechsels. Paulus erscheint wie ein Wanderer zwischen verschiedenen Welten. Gehört er mehr in den palästinisch-jüdischen oder mehr in den griechisch-hellenistischen Kulturraum? Oder ist er vornehmlich ein römischer Bürger, der recht konsequent nur dort Gemeinden gründet, wo sich größere römische Siedlungen befinden? Man hat in Paulus einen Rabbi gesehen, der in Jerusalem eine pharisäische Schulbildung genossen hat. Man hat seine Sakramentstheologie verstehen wollen vor dem prägenden Hintergrund hellenistischer Mysterien und seine Ethik vor demjenigen der Stoa. Steht er selbst im Vorfeld der sich erst im zweiten Jahrhundert deutlich artikulierenden Gnosis? Hat er überhaupt ein geschlossenes Denksystem, oder ist er noch auf dem Weg dorthin?
Paulus stammt von Geburt her aus der Stadt Tarsus, er ist also ein DiasporajudeDiasporajude.4 Nur zu einem geringen Teil lebten Juden in neutestamentlicher Zeit in Palästina, der weitaus überwiegende Teil siedelte seit den Exilierungen in alttestamentlicher Zeit, sodann aber auch durch Migration, Ökonomie und Kriegsfolgen in hellenistisch-römischer Zeit in der Diaspora, im Mittelmeerraum, im Orient und in Oberägypten. Dieses Diasporajudentum hatte sich zusätzlich zur jüdischen Grundhaltung pagane Grundwerte, religiöse Einstellungen, Organisationsstrukturen etc. zu eigen gemacht.
Ich möchte jetzt einen gedrängten Überblick über entscheidende Daten in der Vita des Paulus geben, die uns gleichsam schon erstes Material zur Beantwortung der Frage an die Hand geben, ob „Paulus der Begründer des Christentums“ ist. Zunächst begegnet uns Paulus, so berichtet es Lukas in Apg 8,3; 9,1; 22,4, aber auch Paulus selbst in seinen Briefen (1Kor 15,9; Gal 1,13), als Verfolger von Christen in Judäa und in der Nähe von Damaskus.5 In welchem Auftrag, in welchem Umfang er die Christen verfolgte, das entzieht sich weithin unserer Kenntnis. Wahrscheinlich hat er versucht, Mitglieder der jüdischen Synagogengemeinschaft, die sich zu Jesus als Messias bekannten, zu einem Verhör vor die jüdische Jurisdiktion zu bringen. Es handelte sich also um eine innerjüdische Angelegenheit. Im Zusammenhang dieser Tätigkeit ereignet sich, was wir die Bekehrung des Paulus nennen. Dieser Begriff ist sicher falsch, da Paulus nicht einen Religionswechsel vollzieht. Er deutet dieses Ereignis im Rückblick als eine Prophetenberufung: „Gott offenbarte seinen Sohn in mir, daß ich ihn verkündige unter den Heiden“ (Gal 1,16). Vor Damaskus hat Paulus also Jesus Christus, den die durch ihn Verfolgten als ihren Kyrios bekannten, als Gottes Sohn erkannt, und er weiß sich jetzt beauftragt, diesen Jesus Christus unter den Heiden zu verkündigen. Es handelt sich also nicht um eine Bekehrung, sondern um eine Berufung zu einem bestimmten Auftrag. Vielleicht darf man allenfalls, wie bereits der jüdische Theologe Alan Franklin Segal, von einer Bekehrung innerhalb des Judentums sprechen.6
Drei Jahre nach der Berufung besucht Paulus, nach Apg 9,27 durch Vermittlung des BarnabasBarnabas, für zwei Wochen den Jesusjünger Petrus, der ihm bislang unbekannt war (Apg 9,27f.; Gal 1,18). Er lebt in der Folgezeit in der Provinz Syrien-Kilikien, also in dem Gebiet seiner Heimatstadt TarsusTarsus. Ob Paulus in dieser Zeit missionarisch tätig war, entzieht sich unserer Kenntnis. Da weder Lukas in der Apostelgeschichte noch Paulus darüber berichten, wird der Erfolg hier wie zuvor auch derjenige in Damaskus (Apg 9,23–25) allenfalls mäßig ausgefallen sein. Ins Rampenlicht der Geschichte tritt Paulus erst durch die Protektion des Barnabas, einer der höchst bedeutsamen Gestalten an der Wiege des Christentums. Barnabas lebt in Antiochia in Syrien, ist aber bereits als Mäzen der Jerusalemer Urgemeinde aufgetreten (Apg 4,36f.); er unterhält weiterhin Kontakte zu Jerusalem wie auch zu denjenigen Städten und Landschaften, die Ziel der sog. ersten Missionsreise werden. In Antiochia leben allein ca. 65000 Diasporajuden. In ihrem Schatten hat sich bald eine christliche Gemeinschaft zusammengefunden (Apg 11,19), faktisch zunächst wohl eine Fraktion dieser jüdischen Synagogengemeinschaften vor Ort, bald aber als eigene Gruppierung erkennbar. Durch Barnabas wird Paulus wohl vier Jahre nach seiner Berufung von Tarsus nach Antiochien geholt; und diese Stadt und ihre christliche Gemeinde wird seine geistige Heimat werden, auch wenn er den Kontakt nach der Trennung von Barnabas im Anschluss an den Apostelkonvent nicht mehr aufrechterhält.7
Noch eine kleine, aber für unsere Fragestellung nicht unerhebliche Bemerkung zu Antiochia. Lukas berichtet in Apg 11,26, dass diejenigen, die sich zu Jesus Christus bekannten, hier zum ersten Mal überhaupt „christianoi“ genannt wurden, d.h. frei übersetzt „die zu Christus Gehörigen“. Diese Bezeichnung ist den „christianoi“ von außen gegeben worden, sie haben sich nicht selbst so benannt. Das heidnische und jüdische Umfeld dieser Christusgruppen hat also wahrgenommen, dass diese sich möglicherweise noch im Synagogenverband befanden, aber doch schon etwas Eigenes darstellten.
In einem historischen Sinn ist Paulus damit keinesfalls der Begründer des Christentums. Die Existenz christlicher Gemeinden lässt Saulus zum Verfolger werden.8 Zudem gibt er in seinen Briefen oft genug zu erkennen, dass er weitergibt, was er in ihnen, also doch wohl überwiegend in Antiochia, empfangen hat (z.B. explizit 1 Kor 11,23; 15,3). Paulus ist nicht der Begründer des Christentums, sondern ein Tradent christlicher Überzeugungen, die vornehmlich in AntiochiaAntiochia, aber auch in Jerusalem, Damaskus oder in Tarsus ausgebildet worden sind. Es gibt gleichzeitig ein Christentum neben Paulus, also in Gemeinden, die er nicht gegründet hat und auf die er auch keinen Einfluss hatte (Alexandria, Jerusalem, Bithynien/Pontus, große Teile der kleinasiatischen Westküste, nordöstliches Syrien). Es gibt auch ein Christentum an Paulus vorbei, etwa im strengen Judenchristentum, welches die paulinische Infragestellung der Gültigkeit der jüdischen Tora für die Heiden nicht teilt.9 Es gibt sogar ein Christentum gegen Paulus, welches seine Mission beständig erschwerte und missbilligte und ab der zweiten Missionsreise bis zur Verhaftung in Jerusalem und selbst noch während des Prozesses gegen ihn agiert.10