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Friedrich W. Horn Paulusstudien
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Friedrich W. Horn Paulusstudien

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Nun ist dies eine theologische Deutung, welche die Lebenswirklichkeit aufnimmt und von ihr ausgehend eine theologische Erklärung sucht.14 Der Einsatz der Einheit mit dem Thema des Götzendienstes (Röm 1,23) jedenfalls folgt einer grundlegenden Einsicht jüdischer Theologie, dass GötzendienstGötzendienst sozusagen der Anfang vom Ende ist (SapSal 14,27), alles Weitere folgt dann notwendig. Man wird die Zielrichtung der Auslieferungsformel daher mit Eduard Lohse auch so angemessen wiedergeben können: „Die fortdauernde Wirkung dieses Richterspruchs betrifft die Auslieferung gerade an die Unrechtstaten, deren sich die Menschen schuldig gemacht haben. Nun müssen sie in ihnen verharren und erfahren darin den Zorn Gottes.“15

Die Ansage des ZorngerichtZorngerichts (Röm 1,18) und die dreifache Auslieferungsformel (Röm 1,23–28) sind, wiewohl beide Ausdruck göttlichen Gerichts sind, sachlich und zeitlich zu unterscheiden. Die Auslieferungsformeln stellen eine schonungslose Analyse der eigenen Gegenwart dar und begreifen gewisse Erscheinungen wohl als Gericht, aber eben nicht als den vom Himmel herkommenden Zorn Gottes. Theobald spricht vom „Vorgeschmack des zukünftigen Gotteszorns“16. Man darf auch den Einfluss apokalyptischer Orientierung nicht unterbewerten. Vor dem Tag des Zornesgerichts nehmen Verkehrung der Natur und Anwachsen der Lüge und der Torheit zu und führen somit auf das Gericht hin.

In der Gesamtkomposition wird durch die Auslieferungsformel der Standort der Heiden, jedenfalls nach Maßgabe jüdischer Theologie, in vollkommen heilloser Weise festgehalten. Sie leben in Götzendienst (Röm 1,23), in sexuell abnormem Verhalten (Röm 1,26f.) und jenseits überkommener Sitte (Röm 1,28). Sie sind verblendet, nehmen ihr eigentliches Denken und Handeln nicht wahr, halten allerdings subjektiv ihr Tun für weise (Röm 1,21f.). Überdies wird dieser Standort durch Gottes Urteil festgeschrieben, insofern sie in solches Verhalten ausgeliefert und in ihm festgehalten worden sind und somit ihre Sünde beständig noch anhäufen.17 Daher sind sie, wiederum nach Maßgabe jüdischer Theologie und nach dem Maßstab der Tora (Röm 4,15), des Todes würdig (Röm 1,32). Paulus bedient mit solcher Analyse zweifelsfrei typische Wahrnehmungen der heidnischen Welt aus jüdischer Sicht. Und doch wird er diese Vorurteile sofort relativieren, insofern er in dem beschriebenen Verhalten kein exklusiv heidnisches erkennt (Röm 2,1).18

2. Der schlechte Tausch: Bilder eines vergänglichen Menschen, von Vögeln, Vierfüßlern und Kriechtieren (Röm 1,23)

Es gehört zur Verblendung, dass der Tausch von etwas Unvergänglichem (ἄφθαρτος) in Vergängliches (φθαρτός) hinsichtlich seiner qualitativ unterschiedlichen Wertigkeit nicht erkannt wird.1 Verehrung und Dienst (ἐσεβάσθησαν καὶ ἐλάτρευσαν Röm 1,25) richten sich jetzt auf das ὁμοίωμα εἰκόνος φθαρτοῦ ἀνθρώπου καὶ πετεινῶν καὶ τετραπόδων καὶ ἑρπετῶν.2 Es mag sein, dass die Kombination von ὁμοίωμα und εἰκών, also die Dopplung von Abbild und Bild die frevlerische Orientierung der Bilderverehrung verstärkt.3 Möglicherweise lehnt sich Paulus aber auch an das alttestamentliche Bilderverbot4 nach Dtn 4,16–18$Dtn 4,16–18LXX an5, in dem einerseits sowohl ὁμοίωμα als auch εἰκών zu lesen ist und andererseits Mensch (ὁμοίωμα ἀρσενικοῦ ἢ θηλυκοῦ), Vögel (πέταται ὑπὸ τὸν οὐρανόν), Landtiere (κτήνοι) und Kriechtiere (ὁμοίωμα παντὸς ἑρπετοῦ) genannt sind. Nicht übernommen aus Dtn 4 ist ὁμοίωμα παντὸς ἰχθύος. Auch an andere Zusammenstellungen der TierweltTierwelt mag man denken (in Gen 1,20–25 begegnen alle in Röm 1,23 genannten Tiere). 6 Die in Röm 1,23 angesprochenen Tiere kehren mit gleicher Bezeichnung, aber in anderer Reihenfolge in Act 10,12 wieder, hier allerdings in dem unbedingt mit zu bedenkenden Kontext der Unterscheidung von reinen und unreinen Tierspeisen (Act 10,14; 11,8). Was Tiere als rein oder unrein definiert, ist nur teilweise in der Tora und der Halacha enthalten (vgl. etwa für Qumran die Bestimmungen in 11Q19 XLVIII). Daneben entstehen in jeder Kultur, also auch im Judentum, weitere Speisetabus, also ungeschriebene Gesetze. Die in Röm 1,23 genannten Tiere repräsentieren nicht wirklich die Dreiteilung der Tierwelt in Luft-, Erd- und Wassertiere.7 Allenfalls kann man fragen, ob die ἑρπετά, die oft mit den Schlangen gleichgesetzt wurden (Theokrit 24,57; Josephus, Ant 17, 109), gelegentlich auch zur Gattung der Wassertiere gezählt wurden.

Die polemischePolemik Ausrichtung in Röm 1,23 ist unverkennbar. Sie mag sich durchaus an atl. Vorgaben anschließen (vgl. die weitgehende Parallele in Ps 105,20LXX). Besteht dennoch daneben für Paulus ein konkreter Anknüpfungspunkt, eine spezifische Erfahrung, die ihn von einer Verehrung von Bildern der Vögel, Vierfüßler und Kriechtiere sprechen lässt? Die Annahme eines konkreten Anknüpfungspunktes erscheint mir unwahrscheinlich, wiewohl anzunehmen ist, dass die Wahrnehmung des Bildes eines vergänglichen Menschen und von Vögeln und Vierfüßlern und Kriechtieren in der hellenistischen Welt unumgänglich war. Paulus folgt einer traditionellen Zusammenstellung der Tiere (s.o.), er verbleibt, wie immer bei usueller ParäneseParänese, bewusst im Allgemeinen und umgeht jegliche Präzisierung. Gerade die Nähe der Aussage zur dreigeteilten Tierwelt und zu dem auf sie Bezug nehmenden Bilderverbot intendiert etwas Summarisches.

Man kann eine Gegenprobe durchführen. Die Erinnerung der thessalonischen Gemeinde an ihre zurückliegende Verehrung der εἴδωλα (1Thess 1,9f.) wird in diesem Brief wie auch in 1Kor 12,2 (εἴδωλα τὰ ἄφωνα) im Blick auf die korinthische Gemeinde nicht weiter aufgenommen und ausgeführt.8 Man hat den Eindruck, dass die Präsenz bildhafter und plastischer religiöser Darstellung so selbstverständlich ist, dass die Auseinandersetzung mit ihr nicht en détail geführt wird. Gleichfalls hält Paulus sich im Blick auf bildhafte Darstellung von Menschen im Kontext religiöser Verehrung sehr bedeckt.

3. Die Polemik gegen die Verehrung von Menschen- und Tierbildern im hellenistischen Judentum

Nach einer oft vorgetragenen Sicht bezieht sich die Aufzählung in Röm 1,23b konkret auf ägyptische Religiosität, die, wenn auch nicht ausschließlich, bereits in SapSal angegriffen wurde.1 Paulus würde sich demnach an die jüdische Apologetik und Polemik anschließen, die in der Diaspora ausgearbeitet wurde.2 Es lohnt, einen Blick in diese zum Neuen Testament zeitgleiche Schrift und in wenige weitere Schriften des hellenistischen Judentums zu werfen, um das bereits gewonnene Bild von anderer Seite her zu komplettieren und um es besser einordnen zu können. Die Verehrung von Menschen hat im Osten des Römischen Reiches, vor allem in Ägypten, eine weit zurückreichende Tradition. Sie und die von jüdischer Seite vorgetragene Kritik an Herrscherkult und seiner bildhaften und kultischen Inszenierung soll hier nicht nochmals bedacht werden.3 Vielmehr möchte ich vornehmlich der Kritik der bildhaften Darstellung von Tieren nachgehen. Zunächst sind wesentliche Belege aus SapSal vorzustellen4:

 SapSal 11,15f.$SapSal 11,15f.: Entsprechend ihren Gedanken ohne Verstand und voll Ungerechtigkeit, die sie verwirrten und vernunftlose Schlangen und armselige Biester anbeten ließen, schicktest Du ihnen massenweise vernunftlose Tiere zur Strafe, damit sie erkennten (sic!), daß man mit den Mitteln gestraft wird, mit denen man sündigt.

 SapSal 12,24$SapSal 12,24: Sie wurden nämlich sogar durch mehr als nur durch Verwirrung der (Himmels-) Richtungen in die Irre geführt, sie, die die allerschändlichsten unter den Tieren für Götter hielten, getäuscht gleich törichten Säuglingen.

 SapSal 13,10$SapSal 13,10: Armselig aber sind sie und mitten unter Toten (existieren) ihre Hoffnungen. Sie, die die Werke von Menschenhänden Götter nennen, Gegenstände (ihrer) Kunstfertigkeit aus Gold und Silber, Abbildungen von Tieren oder unnützen Stein, ein Werk von antiker Herkunft.

 SapSal 13,13f.$SapSal 13,13f.: Ein Stück Abfall, das dann zu gar nichts mehr nütze ist, ein knorriges Holz mit Astlöchern durchsetzt, das nimmt er und schnitzt es in der Muße seiner Freizeit, formt daran während des Feierabends und gleicht es dem menschlichen Bilde an, oder er macht es dem armseligen Tiere gleich …

 SapSal 15,18$SapSal 15,18: Sogar die verhasstesten Tiere verehren sie; denn wenn man sie in Bezug auf den Unverstand vergleicht, so sind sie noch schlimmer als die anderen.

 SapSal 16,1$SapSal 16,1: Deshalb wurden sie durch ähnliche (Wesen) in angemessener Weise bestraft, und zwar wurden sie durch eine Menge von wilden Tieren gemartert.

Diese Belege finden sich alle in dem Abschnitt 11,2–19,22, der in Form einer Synkrisis über das Verhalten Gottes zu den Gerechten und zu den Gottlosen handelt. SapSal 11,15f. bedient sich gleichfalls des ius talionis, insofern die ägyptischen Plagen durch Tiere (Ex 7,26–8,28; 10,1–20) als Strafe für den Tierkult der Ägypter aufgefasst werden. Polemisch werden die verehrten Tiere zu vernunftlosen, armseligen, allerschändlichsten, verhassten Wesen degradiert.

Eine nähere Auskunft über die Wahrnehmung des ägyptischen, freilich zum Teil längst vergangenen Tierkults aus jüdischer Perspektive enthalten folgende Texte (hier in deutscher Übersetzung):

 Aristeasbrief 138$Aristeasbrief 1385: Lohnt es sich da, über die anderen, noch viel dümmeren zu reden, die Ägypter und ähnlichen (Völker), die an Tiere glauben, und dabei noch meistens an Kriech- und Raubtiere, und ihnen opfern, lebendigen, wie auch ihren Kadavern.

 Sib III 27–31$Sib III 27–316: Er selbst hat die Gestalt des Bildes der Menschen bestimmt und hat wilde Tiere geschaffen, Kriechtiere und Vögel. Weder verehrt ihr noch scheut ihr Gott, vergeblich irrt ihr umher, indem ihr Schlangen anbetet und Katzen opfert und stummen Götzenbildern, aus Stein gefertigten Menschenbildern.

 Philo, Decal 76–78$Philo, Decal 76–787: „Keiner also, der eine Seele besitzt, möge einem unbeseelten Dinge göttliche Verehrung erweisen, denn es ist geradezu widersinnig, wenn die Geschöpfe der Natur sich göttlicher Verehrung der von Menschenhand verfertigten Gegenstände zuwenden. Die Ägypter aber trifft zu dem allgemeinen Vorwurf gegen jedes Land noch ein ganz besonderer: denn außer Schnitzbildern und Bildsäulen haben sie gar noch vernunftlose Tiere in die Götterverehrung eingeführt, Stiere, Widder und Ziegenböcke, und von jedem eine Wunderfabel hinzugedichtet. Indessen, die Verehrung dieser Tiere hat vielleicht noch einen Sinn, denn sie sind doch die zahmsten und für das Leben der Menschen nützlichsten Tiere. Nun aber gehen sie noch weiter und ehren auch ungezähmte Tiere und unter diesen die wildesten und unbändigsten, wie Löwen und Krokodile und von Kriechtieren die giftige Aspis, mit Tempeln und Hainen, mit Opfern, Festversammlungen, Festaufzügen und ähnlichen Dingen […] Und viele andere Tiere, wie Hunde, Katzen, Wölfe, von Geflügeltieren Ibis und Habicht, endlich Fische, entweder ganz oder Teile von ihnen, haben sie vergöttert. Was aber kann lächerlicher sein als dieses?“

 Josephus, Ap I 254$Josephus, Ap I 2548: „Was für Götter? Sollen es die gewesen sein, die bei den Ägyptern als solche galten, der Stier, der Bock, Krokodile und Hundsaffen […]“

Die vorgestellten Belege werden natürlich der Religion des alten Ägypten und der Vorstellung, dass Götter in KultbilderKultbildern und in Tieren Wohnung nehmen können, nicht gerecht, insofern die Unterscheidung zwischen Gottheit und jeweiliger Wohnstatt der Gottheit nivelliert wird.9 Sie gehen auch nicht detailliert auf spezifische Tiere oder Tiergattungen und ihre Zuordnung zur Gottheit ein, sondern greifen das heraus, was der polemischen Abzweckung dient. Diese bewegt sich im Übrigen in einer von römischer und griechischer Seite geteilten Kritik, wenngleich die jüdische Verweigerung in ihrer Grundsätzlichkeit von dieser Seite gleichfalls getadelt wird (Tacitus, Hist V 5; Juvenal, Sat 15,1–3). Eine Begründung der Ablehnung der Verehrung von Tier- und Menschendarstellung wird in der Linie zu suchen sein, die Josephus vorgibt. Er geht grundsätzlich von der Unmöglichkeit aus, Gott bildlich darzustellen (Ap II 75.167.190f.). Er rezitiert sodann in Ant III 91 den Dekalog nicht wörtlich, sondern paraphrasiert und interpretiert Ex 20,4. Zum zweiten Gebot schreibt er: „das zweite schreibt vor, dass man keines Tieres Bild anbeten darf“ (ὁ δὲ δεύτερος κελεύει μηδενὸς εἰκόνα ζῴου ποιήσαντας προσκυνευεῖν). Allerdings muss man sehr bedacht unterscheiden zwischen restriktiven theologischen Grundsätzen und ihrer Anwendung.10 Die Polemik unterstellt leicht den Heiden in der Diaspora einen undifferenzierten TierkultTierkult. Die ApologetikApologetik der eigenen Religion hat jedoch größte Schwierigkeiten, das durchaus vorhandene Bildmaterial innerhalb der jüdischen Frömmigkeit zu interpretieren.11 Michael Tilly spricht in einem jüngeren Beitrag etliche Beispiele für unterschiedliche Auffassungen gegenüber der bildenden Kunst innerhalb des Judentums an, auch ihrer Verwendung im Synagogenbau12, und er fragt, „ob die angebliche grundsätzliche Bildlosigkeit der jüdischen Religion nicht vielmehr eine vorurteilsbehaftete neuzeitliche Vorstellung ist, beeinflusst durch antijüdische Ideen“.13 Auf jeden Fall wird man also differenzieren müssen und die Funktion der oben besprochenen polemischenPolemik Aussagen zum ägyptischen Tierkult bedenken müssen. Dieser dient als hervorragendes Instrument für eine Abgrenzung, da der Superioritätsanspruch der eigenen Religion als der ‚besseren, der vernünftigeren Religion‘ leicht bewiesen werden kann: Tiere gelten als seelenlos, armselig, vernunftlos und unverständig, sie stehen teilweise in Feindschaft zum Menschen. Abbildungen von Tieren sind von Hand gemacht und also vergänglich. Tiere sind Teil der Schöpfung und daher immer vom Schöpfer zu unterscheiden.

4. Gottesverehrung, Bilder und Ethik

Der Bezug des bisher Vorgetragenen zu dem Gesamtthema ‚Gott im Wort – Gott im Bild. Bilderlosigkeit als Bedingung des Monotheismus?‘ ist abschließend darzustellen. Ich halte zunächst nochmals fest, dass sowohl in Röm 1 als auch in den vorgestellten Texten des hellenistischen Judentums der Gegensatz ‚Verehrung vergänglicher Bilder von Menschen und Tieren – Verehrung des unvergänglichen Gottes‘ eingespannt ist in die aus jüdischer Sicht vorgetragene Polemik gegen die heidnische Religion und verbunden ist mit der Apologetik der eigenen Religion.1 Die grundsätzliche BilderlosigkeitBilderlosigkeit als Bedingung für die Reinheit der eigenen Religion ist hingegen bisher nicht angesprochen worden. Es mag von diesen Texten her so scheinen, als stelle das hellenistische Judentum oder auch das frühe Christentum eine bilderlose Religion dar. Der archäologische Befund und viele Hinweise in den Texten2 sprechen jedoch eindeutig gegen diese Annahme. Auch wird man überlegen müssen, ob es im Kontext des vorhandenen Bilderkultverbotes nicht Kompensationen gegeben hat, die bildhaften Elementen gleichzeitig einen Raum eröffneten.3

Anscheinend kann also auf die bildhaften Elemente in der Gottesverehrung nicht gut verzichtet werden. Das alttestamentliche Bilderverbot ist nicht expressis verbis im Neuen Testament aufgenommen und bekräftigt worden. Liegt es daran, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus per se alle bildlichen Darstellungen Gottes erübrigt hat?4 Ist die Christusikone das einzige legitime Bild innerhalb der christlichen Religion? Ein reduktionistisches Verfahren ist durch die bewusste, apologetische Abgrenzung von der paganen, vor allem von der ägyptischen Umwelt vorangetrieben worden. Es implizierte deutliche Vorbehalte gegen bildliche Darstellungen. Diese standen dem Anspruch, die überlegene und vernünftigere Religion zu sein, im Wege.

Man muss allerdings fragen, ob Paulus und die ihn prägende Tradition in ihrer Wahrnehmung der Fremdreligionen nicht einem groben Missverständnis aufgesessen sind oder ob sie in ihrer Polemik dieser Verzeichnung einfach Raum gegeben bzw. sich an eine diesbezügliche Tradition (siehe SapSal) angeschlossen haben. Innerhalb der ägyptischen Religion wollen Bilder die Gottheit repräsentieren.5 Paulus hingegen spricht von einem absichtlichen, törichten und schlechten Tausch, den die Menschen eingegangen sind, indem sie Bilder von Menschen und Tieren an die Stelle der Gottheit gesetzt haben.

Jedoch beobachtet Röm 1,18–32 wohl zutreffend und Philo, Ebr 109f.6 beschreibt es geradezu diagnostizierend, dass Bilder eine Macht ausüben und Menschen so sehr in ihren Bann ziehen können, dass die angesprochene Differenz – Bilder repräsentieren die Gottheit und wollen sie nicht ersetzen – hinfällig werden mag. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass die religiöse Verehrung auf der Ebene des Geschöpflichen oder des Materiellen verbleibt und somit die höchsten geistigen Güter, Paulus spricht von der Ehre Gottes (Röm 1,23), von der Wahrheit Gottes (Röm 1,25) und von einer der Ordnung (φύσις) entsprechenden Ethik, verfehlt und nicht mehr an ihnen Orientierung sucht. Der Tausch (ἀλλάσσω, μεταλλάσσω) des Objekts der religiösen Verehrung, von dem Röm 1,22.25.26 sprechen, war von Seiten der hellenistischen Herrscher gewollt, denn er wurde ja mit einer Herrschaftsideologie verbunden und er wurde in rituellen Vollzügen geordnet. Mögen die Bilder – Vögel, Vierfüßler und kriechende Tiere – also ursprünglich Gottheiten repräsentiert haben, bei dem Bild eines sterblichen Menschen hingegen, dem Ehre erwiesen wird, ist in hellenistischer Zeit diese Repräsentanz für eine Gottheit allenfalls noch gebrochen gegeben, in späthellenistischer Zeit wird sie hinfällig. Der umgekehrte Tausch nämlich eines Menschen zur Vergöttlichung hin, den diese Herrscher nicht immer betrieben, dem sie aber nicht widerstanden haben, ist in der jüdisch-christlichen Literatur höchst kritisch reflektiert worden. Der grausame Tod göttlich verehrter Herrscher, etwa des Antiochus IV. Epiphanes oder des Herodes Agrippa I. wird in 2Makk 9,1–29 bzw. in Act 12,21–23 und Josephus, Ant 343–352 drastisch als Gottesgericht beschrieben. Insofern benennt Röm 1,23$Röm 1,23 mit ἀλλάσσω, μεταλλάσσω eine kritische Grenze für den Gebrauch der Bilder. Solche Bilder sind abzuweisen, die nicht auf die Ehre, Wahrheit und Ordnung Gottes hingeordnet sind, sondern ihrerseits andere Attribute an sich ziehen, an die dargestellten Geschöpfe binden und somit einen Tausch hinsichtlich der Verehrung einleiten.

JudenJuden und HeidenHeiden – Aspekte der Verhältnisbestimmung in den paulinischen Briefen

Ein Gespräch mit Krister StendahlStendahl, Krister*

* Zuerst erschienen: Friedrich Wilhelm Horn, Juden und Heiden. Aspekte der Verhältnisbestimmung in den paulinischen Briefen. Ein Gespräch mit Krister Stendahl, in: M. Bachmann (Hg.), Lutherische und Neue Paulusperspektive, WUNT 182, Tübingen 2005, 17–39, © Mohr Siebeck Tübingen.

Die unter dem ihr nicht zugetragenen, sondern von ihr selbst gewählten Motto new perspective on Paul vorgetragene Paulusauslegungnew perspective on Paul1 empfing zu Beginn der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihren entscheidenden Anstoß durch den schwedischen Neutestamentler Krister Stendahl2, der von 1954 bis 1984 an der Harvard Divinity School in den USA lehrte und 1984 Bischof der lutherischen Kirche in Stockholm wurde.3 Ein erstmals 1960 in Schweden veröffentlichter Beitrag, der 1961 in einer englischen Fassung erschien, mehrfach wieder abgedruckt und in den folgenden Jahren in verschiedenen Vortragsreihen ausgebaut wurde, trug einen programmatischen Titel, der der new perspective on Paul bis heute eine geradezu polemische Note eingetragen hat: The Apostle Paul and the Introspective Conscience of the West.4 Doch nicht diese anregende und vielfach diskutierte knappe Skizze soll hier der Ausgangspunkt des eigenen Beitrags sein, sondern die als Essay titulierte Studie Paul among Jews and Gentiles, die den größten aller in dem gleichnamigen Buch versammelten Beiträge darstellt. Zeitlich gehen auch diese Darlegungen zurück in die frühen 60er-Jahre. Es handelt sich um Vorlesungen an verschiedenen Universitäten aus den Jahren 1963 und 1964 (vgl. die Angaben im Klappentext).5

Krister Stendahl hält der vorwiegend europäischen bzw. deutschen Exegese vor, dass sie seit Martin Luther, ja letztlich sogar seit Augustin über viele Jahrhunderte hindurch am Hauptthema des paulinischen Denkens vorbeigegangen sei: „It will be my contention in these chapters that the main lines of Pauline interpretation … have for many centuries been out of touch with one of the most basic of the questions and concerns that shaped Paul’s thinking in the first place: the relation between Jews and Gentiles.“6 Die RechtfertigungslehreRechtfertigungslehre, die innerhalb der protestantischen Theologie im Anschluss an den Römerbrief ins Zentrum gerückt worden sei, sei auf ihren Beitrag zur Anthropologie und individuellen Hamartologie reduziert worden. In Wahrheit aber gilt: die Rechtfertigungslehre „was hammered out by Paul for the very specific and limited purpose of defending the rights of Gentile converts to be full and genuine heirs to the promises of God to Israel“ (2; vgl auch 27). Die Rechtfertigungslehre sei folglich dem Thema der universalen Mission, ihren Bedingungen und Möglichkeiten, unterzuordnen, nicht aber umgekehrt. Rechtfertigungsaussagen erscheinen bei Paulus, so Krister Stendahl, daher fast ausschließlich in solchen Kontexten, die vom Verhältnis Juden – Heiden handeln (26). Selbst im Römerbrief stehe die Verhältnisbestimmung von Juden und Heiden beherrschend im Vordergrund, nicht aber Rechtfertigung, Erwählung oder andere abstrakte theologische Themen (4). Es sei ein Grundfehler der Auslegung Rudolf Bultmanns gewesen, die Anthropologie (und mit ihr die Hamartologie) in das Zentrum gerückt zu haben (24f). „My simple answer to this problem is that Paul’s doctrine of justification by faith has its theological context in his reflection on the relation between Jews and Gentiles, and not within the problem of how man is to be saved […]“ (26). Alle anderen Aspekte, die unweigerlich mit diesem Neueinsatz zusammenhängen und etwa die Person des Apostels und sein sog. Sündenbewusstsein ansprechen oder die veränderte Sicht des Judentums thematisieren, werden allenfalls am Rand mitbedacht.

Eine Aufarbeitung der Verhältnisbestimmung von Juden und Heiden in den paulinischen Briefen7 und in der paulinischen Theologie8, und dies wiederum im Gespräch mit Krister Stendahl, wird in einem kurzen Aufsatz nicht mehr als einige wenige Aspekte thematisieren können. Im Sinne des übergeordneten Gesamtthemas einer Auseinandersetzung mit der new perspective ist es angezeigt, ausschließlich die von Krister Stendahl formulierte These im Blick zu behalten und zu überprüfen: „I would guess that the doctrine of justification originates in Paul’s theological mind from grappling with the problem of how to defend the place of the Gentiles in the Kingdom – the task with which he was charged in his call“ (27). Weiterführende Überlegungen, etwa im Blick auf die Verhältnisbestimmung von Juden und Heiden im zeitgenössischen Judentum9, in der Verkündigung Jesu10 oder im weiteren frühen Christentum, müssen zurückgestellt werden.

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