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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
Bob Marley - Catch a Fire
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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire

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Diese Riten wurden unter der Aufsicht älterer koptischer Zauberer durchgeführt, aus dem gleichen Männerorden, den der Pharao einst gebeten hatte, seine Zauberkunst im Wettstreit mit Moses und Aaron zu messen, um zu erfahren, ob sie tatsächlich mit der Autorität von Gottes Wort sprachen, als sie von den Ägyptern verlangten, sie sollten die Israeliten ziehen lassen. Denn die Ägypter glaubten, wenn man im ›Haus des Lebens‹ die korrekte Abfolge der Riten und Zauberformeln einhalte, seien die magischen Möglichkeiten grenzenlos.

Im Kern dieser Zauberei stand das ›Wort‹. Wurde das passende Wort ausgesprochen oder geschrieben, reichte dies aus. Namen hatten im alten Ägypten natürlich die höchste Bedeutung. Jeder Ägypter hatte eine Reihe verschiedener Namen, von denen nur einer echt war. Dieser wurde, falls möglich, niemandem enthüllt. Zaubersprüche, so kunstvoll sie auch gefertigt waren, konnten nur wirksam werden, wenn man sie gegen jemanden richtete, dessen wahren Namen man kannte. Von jemandem, dessen Macht der Macht des Pharaos nahekam, hieß es: »Nicht einmal seine Mutter weiß, wie er wirklich heißt.«

Niemand, erzählte Tafari den Priestern, kenne seinen wahren Namen.

Irgendwann bat angeblich ein alter ›abmnet‹ (Abt), man möge ihn Tafaris Handflächen untersuchen lassen. Er sah, dass die Stigmata da waren und die Lebenslinie in einem Sinnbild der Unendlichkeit zu sich selbst zurückführte. Tafari flüsterte ein Wort in das Ohr des Abtes, woraufhin alle Farbe aus dem Gesicht des alten Mannes wich. Er verließ den Raum wie im Schockzustand und weigerte sich, zurückzukehren oder mit seinen Kollegen zu sprechen.

Tafari beendete die Abschlusssitzung mit den Gelehrten und frommen Männern, indem er – so lebhaft, als habe er den Ereignissen persönlich beigewohnt – die Geschichte erzählte, wie König Salomon von Jerusalem Königin Makeda von Saba kennen- und lieben gelernt hatte. Unzählige Stunden, so wird berichtet, hörten die frommen Männer entzückt und aufmerksam zu, erstaunt über die intime Vertrautheit des Jungen mit den uralten Ereignissen und ohne ihn jemals zu unterbrechen.

Der Junge sprach langsam und sorgfältig und ließ keine Einzelheit aus, ob es nun um den Stand der Sonne an einem bestimmten Tag und das nachfolgende Wetter ging, um die Architektur und Innenausstattung der Paläste, den Schmutz der Sklavenhütten, den stechenden, wundscheuernden Staub der städtischen Straßen, das heraufsteigende spätnachmittägliche Hitzeflirren aus den weiträumigen Wüstenbecken oder die Kleidung, die Reden, das Benehmen und sogar die Kost einer ehrwürdigen Gestalt, die in seiner Erzählung vorkam. Gefühlsbeschreibungen nahm er mit besonderem Respekt vor, die Zusammenhänge verschiedener Schlüsselaspekte entwirrte er ohne Eile, und all dies verwob er gewandt zu einem Geflecht äußerst fesselnder Abhandlungen.

Laut Tafari hatte die hinreißende und reiche Königin Makeda durch den äthiopischen Kaufmannsprinzen Tamrin, den Besitzer von fast vierhundert Schiffen und fünfhundert Kamelen, von dem großen König Salomon erfahren. Nach seiner Rückkehr von einer Handelsreise nach Jerusalem, bei der er dem hebräischen König große Mengen Ebenholz, Rotgold und Saphire geliefert hatte, erzählte Tamrin Makeda von Salomons majestätischen Tempel, seinem Palast, seiner Güte und seiner Rechtschaffenheit als Richter über seine Untertanen.

Makeba beschloss bezaubert, den großen König zu besuchen, und machte sich mit einer Karawane aus achthundert Kamelen und zahllosen Bediensteten in einem gewaltigen Tross, den Tamrin führte, auf den Weg. Bei der Ankunft in Jerusalem wurde sie von Salomon, dessen Gastfreundschaft sie entzückte und dessen Klugheit sie erleuchtete, in seinem Palast willkommen geheißen. Salomon brachte sie davon ab, die Sonne anzubeten, und Makeda wurde Jüngerin des einzig wahren Gottes, des Gottes Israels, dessen Namen niemals ausgesprochen werden durfte.

Die jungfräuliche Königin artikulierte ausführlich ihr Verlangen, alles Gelernte an ihr eigenes Volk weiterzugeben, doch Salomon, der sich in Makeda verliebt hatte, brachte sie dazu, ein weiteres Jahr bei ihm zu verbringen, um ihre ›Einführung in die Weisheit zu vervollkommnen‹. In der letzten Nacht fand in seinem Palast ein Abschiedsbankett von nie dagewesener Pracht statt, dann bat Salomon Makeda, mit ihm das Bett zu teilen. Makeda lehnte ab und bat ihn inständig, sie nicht mit Gewalt zu nehmen. Salomon entsprach dieser Bitte nur unter der Bedingung, dass sie in dieser Nacht nichts mehr von ihm verlangte. Makeda war einverstanden, und so befriedigte Salomon sich an ihrer Sklavin. Doch in der Nacht stand Makeda auf, um sich einen Schluck Wasser aus ihrer Kammerzisterne zu holen, und Salomon, der den Schlaf nur vortäuschte, um sie zu beobachten, beharrte darauf, sie habe ihren Eid gebrochen, indem sie in einem so trockenen Land eine so kostbare Substanz zu sich nahm. Und so hatte sie keine andere Wahl mehr, als sich seiner Lust zu fügen.

Am nächsten Morgen schenkte Salomon ihr einen Ring, in den das Siegel des Löwen von Juda eingraviert war. Er wies sie an, ihn ihrem erstgeborenen Sohn zu schenken, und den Jungen, wenn er reif genug war, zu ihm zu schicken, damit er ihn erziehen könne. Während der langen Heimreise nach Äthiopien schenkte Makeda einem Jungen das Leben, den sie Ebna Hakim nannte, was ›Sohn des Weisen‹ bedeutet.

Als Ebna in Saba aufwuchs, wurde er wegen seiner unehelichen Geburt fortwährend von seinen Gefährten gehänselt. Als Heranwachsender konnte er den Spott und die Kränkungen nicht mehr ertragen. Zornig und verwirrt nahm er allen Mut zusammen, den er zuvor nicht aufgebraucht hatte, und fragte seine Mutter nach dem unbekannten Vater. Erfreut berichtete sie ihm von Salomon und zeigte ihm seinen Ring.

Der in seiner kühnen Einfachheit geschmackvolle Ring war anders als alles, was Ebna je gesehen hatte. Anfangs widersetzte er sich, als Makeda ihm den Ring an den Finger stecken wollte, doch dann nahm er ihn und tat es selbst. Die Wirkung auf Ebna war beunruhigend – ihm war, als ströme plötzlich ein Schwall gezackter, brennender Energie durch seinen Körper. Da es ihm peinlich war, so fassungslos vor seiner Mutter zu stehen, bemühte er sich, seine Angst zu zügeln, doch das Durcheinander in seinem Geist wollte sich nicht legen. Als er einen Versuch machte, sich den Ring vom Finger zu ziehen, begann seine Hand heftig zu zittern. Von Schwindel ergriffen und schweißgebadet hielt er Makeda den Ring hin, doch sie wollte ihn nicht zurücknehmen. »Es ist ein Männerring und das Geschenk eines Königs«, sagte sie zu ihrem Sohn, und dann schickte sie ihn zu seinem Vater, damit er von ihm lerne.

Als Ebna vor dem König stand, erfuhr er zu seinem Ärger und Erstaunen eine schroffe Abweisung, da Salomon ihn für einen Schwindler hielt. »Ich erkenne meinen Sohn«, donnerte er, »an dem Ring, den er trägt!« Beschämt holte Ebna den Ring hervor, und der Zorn seines Vaters verwandelte sich in Trauer. »Du fürchtest dich vor seiner Macht«, sagte Salomon, »doch seine Macht kommt aus dir. Du musst lernen, dich mit deinem Schicksal abzufinden.«

Ebna verbrachte viele glückliche Jahre an Salomons Hof, aber schließlich entschied er, »in die Berge seines Mutterlandes« zurückzukehren. Der König, enttäuscht darüber, dass Ebna nicht sein Nachfolger werden wollte (Salomons ältester Sohn Rehoboam war nämlich ein reichlich frivoler Geist), gestattete ihm nur unter einer Bedingung, abzureisen: Er sollte die belesensten Söhne seines persönlichen Beraters mitnehmen, damit sie in Äthiopien das hebräische Gesetz lehrten. Ebna war einverstanden, doch der Berater und seine Söhne widersetzten sich, da sie glaubten, sich aus der Reichweite der besonderen Gnade und des Schutzes Gottes zu entfernen, wenn sie Israel verließen.

Von ihrer Unverschämtheit erzürnt, stellte Salomon die Söhne des Beraters unter einen heiligen Bann. Daraufhin kapitulierten sie zwar, aber sie sannen auf Rache. Azarius (auch Eleazar genannt), der Sohn des Hohepriesters Zadok, brütete eine Intrige aus, um die Bundeslade zu stehlen und heimlich nach Äthiopien zu schaffen, um sich Jehovas Nähe zu versichern. Der Plan wurde ohne Ebnas Wissen ausgeführt.

Als Salomon erfuhr, was geschehen war, sandte er Reiter aus, um die Karawane zu überwältigen, doch Jehova, über seine Schwelgereien und seine Eitelkeit erzürnt, verwirrte die Reiter des Königs und brachte die Karawane dazu, so schnell zu reisen, dass sie ihr Ziel Monate vor dem festgelegten Termin erreichte.

Und so, erläuterte Tafari den Priestern am Ende seines Monologs, fand die Bundeslade mit Jehovas Segen eine neue ständige Heimat in Äthiopien, und Ebna, der Salomons Ring am Finger trug, wurde Kaiser und nahm den Namen Menelik an.

Nach und nach erwachte der Neid der anfänglich vor der Kraft und Schönheit von Tafaris Vortrag demütigen Priester, und sie argwöhnten über den Detailreichtum, mit dem der Junge die biblische Geschichte ausgeschmückt hatte. Sie wollten wissen, welches seine Informationsquellen seien.

Statt auf dieses Ersuchen zu antworten, wandte Tafari sich an einen Mönch, der in der Kathedrale von Azum gedient hatte, in der man die Bundeslade aufbewahrte. Er beschrieb ihm leise das ›kedusta kedussan‹, das Allerheiligste, in dem die ›tabbot‹ –

Bundeslade – steht, und rezitierte verschiedene sie zierende Inschriften. Der Schock seiner Enthüllung soll den Mönch, der einer Ohnmacht nahe war, dazu gebracht haben, sich die Ohren zuzuhalten, um die blasphemischen Worte nicht zu hören. Er und die restlichen Priester zerstreuten sich in aller Eile.

Später schlossen sie ein feierliches Abkommen, um alles in ihrer Kraft Stehende zu tun, den jungen Tafari daran zu hindern, die Macht über das Land zu erringen. Er war zu gefährlich – unvorstellbar gefährlich.

Die Geschichten über Tafaris frühe Begegnungen mit den Priestern und seine okkulte Weisheit sowie seine unheimlichen Kräfte verbreiteten sich wie Buschfeuer 1930 in Äthiopien, als sich das Land darauf vorbereitete, Ras Tafaris Gelöbnis zu erfüllen, seine Krönung im November werde die großartigste und feierlichste sein, die Afrika je erlebt habe.

Es war Gesetz, dass alle innerhalb der Landesgrenzen erlegten Löwen in den Besitz des Kaisers übergingen, des siegreichen Löwen des Stammes Juda. Monate vor der Krönung schickte man einen Ballen Löwenfelle nach London, um sie von einem Schneider in der Bond Street zu zeremoniellen Gewändern verarbeiten zu lassen. Tafaris Gesandte erwarben in Europa Gold und Edelsteine im Wert von einer Million Dollar; auch sie wurden nach England gebracht, um sie zusammen mit Salomons Siegel und der Mähne des Löwen von Juda in zwei Kaiserkronen einzuarbeiten. (Die Kronen mussten pünktlich fertiggestellt und den koptischen Priestern in Addis Abeba persönlich übergeben werden, damit sie die vorgeschriebenen einundzwanzig Tage vor der Krönung mit ihnen beten konnten.) Zudem erwarb man die Staatskarosse Wilhelms II.,

ein Gespann schneeweißer Habsburger-Hengste und engagierte einen österreichischen Kutscher, der zuvor in den Diensten von Kaiser Franz Joseph gestanden hatte, um den Kaiser und die Kaiserin zu fahren.

In Addis Abeba wurden neue Straßen angelegt, vorhandene erweitert, und eine große Anzahl neuer Gebäude, Monumente, Torbögen und Statuen wurde errichtet, um an das große Ereignis zu erinnern, das für den 2. November festgesetzt worden war. Einladungen an Würdenträger in aller Welt gingen hinaus, und die Gäste begannen Mitte Oktober einzutreffen. Mit dem Schiff landeten sie im Hafen von Dschibuti am Golf von Aden im damaligen Französisch-Somaliland, und ihre Reise in das gebirgige Innere von Äthiopien erfolgte mit einer Eisenbahn, die eigens für den 780 Meilen langen Weg auf den neuesten technischen Stand gebracht worden war.

Zu denen, die am Monatsende eingetroffen waren, gehörten Isaburo Yoshida aus Japan, Marschall Franchet d’Esperey aus Frankreich, Konteradmiral Prinz Udine aus Italien, der griechische Graf Metaxas, Baron H.K.C. Bildt aus Schweden, Muhammad Tawiq Pascha aus Ägypten und der Herzog von Gloucester, der eine tonnenschwere Hochzeitstorte überbrachte. Hindenburg schickte fünfhundert Flaschen erstklassigen Rheinweins, und die französische Regierung stellte ein Privatflugzeug. Sonderbotschafter Herman Murray Jacobs, den Herbert Hoover beauftragt hatte, die Vereinigten Staaten zu vertreten, war jedoch mit den meisten Geschenken beladen: Neben einem signierten und hübsch gerahmten Foto des Präsidenten hatte er eine Bestandsliste nichtamtlicher, privat erworbener Geschenke mitgebracht. Sie umfassten einen stromgespeisten Kühlschrank, eine rote Schreibmaschine mit dem Wappen der kaiserlichen Streitkräfte, einen Radio-Phonographen, einhundert Platten ›echt amerikanischer Musik‹, fünfhundert Rosenstöcke – einschließlich einiger Dutzend der sogenannten Präsident Hoover-Sorte, einer neue Amaryllisart, die das US-Landwirtschaftsministerium entwickelt hatte –, eine gebundene Ausgabe von National Geographic, einen gebundenen Bericht über die Abessinien-Expedition des Chicago Field Museum und Kopien der Filme ›Ben Hur‹, ›King of Kings‹ und ›With Byrd at the South Pole‹.

An den Tagen vor der Krönung wurde eine Statue Meneliks II. vor der Kathedrale von St. Georg enthüllt, und am Vorabend der Feierlichkeiten fand ein Gottesdienst in der Kathedrale statt, der die ganze Nacht andauerte. Der Negus Ras Tafari und seine Gattin Woisero Menen beteten im Chor mit Priestern und Diakonen in kostbaren Gewändern, die tanzten, sangen, auf Trommeln schlugen und ihre Gebetsstöcke im Takt der Musik von Harfen, Leiern, Tambourinen, Becken und der einsaitigen ›masanko‹ bewegten. In bestimmten Zeitabständen hallte das weihrauchgeschwängerte Sanktuarium wider vom inbrünstigen Gesang eines Frauenchors und dem rhythmischen Klatschen, mit dem die Hymnen begleitet wurden. Draußen, auf den Stufen der Kathedrale, standen Adlige und Diplomaten mit brennenden Kerzen.

Sonntag, der 2. November 1930, dämmerte klar und milde, und schon um sieben Uhr in der Frühe hatten die meisten der siebenhundert offiziellen Gäste ihre Plätze in der üppig geschmückten Halle auf der westlichen Seite der Kathedrale eingenommen. Löwenmähnige Feudalhäuptlinge saßen Seite an Seite mit uniformierten ausländischen Würdenträgern. Kurz nach sieben Uhr dreißig öffneten sich die mächtigen Türen des Allerheiligsten, und Hunderte von singenden Priestern traten heraus, gefolgt von dem Negus, bekleidet mit einer weißseidenen Kommunionsrobe. Er trat unter einen Baldachin, der auf goldenen Pfosten ruhte und im Zentrum des Mittelschiffs stand. Dann setzte er sich auf seinen rotgoldenen Thron. Die amharische Liturgie wurde von Abuna Kyril zelebriert, dem Erzbischof der Orthodoxen Kirche von Äthiopien, ihm assistierte ein Repräsentant des koptischen Patriarchen von Alexandria.

Seine Majestät erhob sich, um Kirche und Staat seine Loyalität zu geloben und zu versprechen, das Wohl seiner Untertanen allen persönlichen Belangen voranzustellen. Bei den Erklärungen und Segnungen empfing er nacheinander die Zeichen seines kaiserlichen Amtes: die königlichen Insignien, die mit Gold verzierte scharlachrote Robe, den juwelengeschmückten Säbel, das Zepter und den Apfel, den Ring des Salomon, zwei diamantene Ringe und zwei goldene Lanzen. Der Abuna trat vor und salbte in einem Ritus, der zurückgeht auf die Weihe des David durch Samuel und des Salomon durch Nathan und Zadok, die Stirn des Tafari mit Öl und krönte ihn als Haile Selassie I., Macht der Heiligen Dreieinigkeit, zweihundertfünfundzwanzigster Kaiser der Dynastie Salomons, Auserwählter Gottes, Lord der Lords, König der Könige, siegreicher Löwe vom Stamme Juda. Und dann besiegelte der Abuna den Augenblick mit der Segnung: »Gott möge diese Krone zu einer Krone der Heiligkeit und der Herrlichkeit machen. Und mögest du durch die Gnade und die Segnungen, die wir erteilt haben, einen unerschütterlichen Glauben gewinnen und ein reines Herz, auf dass du die ewige Krone zum Erbe bekommst. Amen.«

Als Selassies ältester Sohn, der Kronprinz Asfa Wossen, vor dem Kaiser in einer Geste höchsten Respekts niederkniete, schossen einhundertundeine Kanone vor der Kathedrale donnernd Salut. Tagelang dauerten die Festlichkeiten in Addis Abeba und im gesamten Kaiserreich, auch bei den Bauern und Kleinstädtern, die von den Krönungsfeiern ausgeschlossen worden waren und sich nicht in den Stadtteilen rings um die Kathedrale hatten aufhalten dürfen. Korrespondenten der internationalen Presse berichteten überschwänglich von den Ereignissen.

In Afrika pries man Selassie als den größten der modernen Monarchen und als Symbol der gigantischen Möglichkeiten des Kontinents. In den USA strömten die Bewohner von Harlem in die Kinos, um die Wochenschauberichterstattung über die Krönung mitzuerleben. In der Karibik war wie an anderen Orten im Westen der Beginn von Selassies Herrschaft für alle unterdrückten farbigen Völker der leuchtende Beweis dafür, dass, wie die Garveyites, die Zurück-nach-Afrika forderten, und die Fanatiker des synkretistischen Rasta-Kults vorhergesagt hatten, der Tag der Erlösung bevorstand.

Für die Garveyites war Haile Selassie ein Held ohnegleichen. Für die Rastas war er der lebendige Gott Abrahams und Isaaks, Er, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf.

Bald nachdem Selassie den Thron bestiegen hatte, begann er, demokratische Institutionen einzuführen und ganz allgemein Äthiopien aus seiner feudalen Vergangenheit zu führen. Die neue Verfassung von 1931 machte die 26 Millionen Einwohner Äthiopiens, die zuvor nur Sklaven des Adels gewesen waren, zu Bürgern des Kaiserreichs.

Um die arme Landbevölkerung, die fast nur aus Analphabeten bestand, langsam in das zwanzigste Jahrhundert zu überführen, wurde ein System von Grund- und weiterführenden Schulen eingerichtet. Das antiquierte System der Landverteilung wurde reformiert, und die Sklaverei wurde abgeschafft. Man brachte den Verwaltungsdienst auf einen neueren Stand, baute mehr Straßen und initiierte andere Projekte der öffentlichen Hand, die Arbeit brachten. Aber der Fortschritt ging nur langsam vonstatten in einem Land von 455.000 Quadratmeilen Größe, dessen Stammesbevölkerung sich in mehr als zweitausend verschiedenen Sprachen und Dialekten verständigte.

Der Schatten des Faschismus, der sich in den dreißiger Jahren über Europa ausbreitete, fiel 1934 plötzlich auch auf Äthiopien, als Benito Mussolini versuchte, Italiens Kolonialinteressen in Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland hinaus auszudehnen. Selassie versuchte beim Völkerbund Unterstützung zu erlangen, aber wurde nicht erhört. Im Oktober 1935 wurde Äthiopien besetzt, kurz darauf fiel Addis Abeba, und 1936 ging Selassie ins Exil, zuerst nach Jerusalem, um zu beten, und dann nach England. Im Juni des Jahres sprach er vor dem Völkerbund in Genf, und in einer außergewöhnlich würdevollen und leidenschaftlichen Rede, in der er die Selbstbestimmung forderte, beschämte er die Delegierten wegen ihrer Feigheit. »Gott und die Geschichte werden sich Ihrer Entscheidung erinnern«, sagte er. »Heute sind wir es. Morgen werden Sie betroffen sein.«

Im Mai 1940 rettete Winston Churchill ihn aus seinen Schwierigkeiten, als Italien als Feind Großbritanniens offiziell in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Von den Briten nach Khartum eingeschmuggelt, organisierte Selassie in den Wüsten des Sudan eine Armee. Am 5. Mai 1941 kehrte der Kaiser auf den Tag genau fünf Jahre nach der italienischen Invasion im Triumph nach Addis Abeba zurück. Sein Werk der Reform und Modernisierung weiter vorantreibend, ließ er zweihundert neue Schulen bauen und machte sich daran, die stagnierende Wirtschaft wiederzubeleben, indem er zum Beispiel einen lebenswichtigen Hafen an der Küste des Roten Meeres ausbauen ließ.

1955 erließ er eine neue Verfassung, die allen seinen Untertanen das allgemeine Wahlrecht und Gleichheit vor dem Gesetz zusprach, aber das Dokument enthielt einen entscheidenden Vorbehalt: »Kraft seines Kaiserlichen Blutes sowie der Salbung, die Er empfangen hat, ist die Person des Kaisers heilig. Seine Würde ist unverletzlich und seine Macht unbestreitbar.«

Fünf Jahre später, als sich Selassie auf einem Staatsbesuch in Brasilien befand, gab es eine Palastrevolution, die von seinem Sohn, Kronprinz Asfa Wossen, unterstützt wurde. Der Kaiser kehrte zurück, um den Umsturzversuch niederzuschlagen, und ließ den Anführer, den Kommandanten der Kaiserlichen Leibwache, hängen. Der Prinz blieb verschont, und das war eine Geste der Milde, die an die gnädige Behandlung der geschlagenen italienischen Truppen durch den Kaiser im Jahre 1942 erinnerte. Aber Selassie spürte, dass ein neuer politischer Wind über seinem Reich aufgekommen war.

Erklärtes Ziel des Umsturzversuches war gewesen, ein neues Regime einzusetzen, das einen rascheren gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritt gewährleisten sollte. Selassie begann, von Zeit zu Zeit in Rundfunkansprachen seine Landsleute über die neuesten Programme und politischen Entscheidungen zu informieren. Aber viele waren der Meinung, er tue zu wenig und es sei überdies zu spät. Eine winzige Fraktion der intellektuellen Elite Äthiopiens machte sich in den frühen siebziger Jahren bemerkbar, als das sogenannte Horn von Afrika zu einer der strategisch wichtigsten und politisch unsichersten Regionen der Welt wurde. Die USA schickten Militärhilfe, um die äthiopische Armee zu stärken, und die Sowjetunion bewaffnete den ewigen Feind Somalia und unterstützte den revolutionären Befreiungskampf in der Region Eritrea.

Unterdessen verbreitete sich in der Bevölkerung Unzufriedenheit, denn man war zornig über den extrem niedrigen Lebensstandard und die in höchste Höhen steigenden Preise. Als 1973 eine Dürre in zwei nördlichen Provinzen zum Hungertod von ungefähr 100.000 Menschen führte, erreichten Unzufriedenheit und Wut über die Unfähigkeit der Regierung ihren Höhepunkt. Die Armee, die zum größten Teil aus Bauern bestand, verlangte eine Erhöhung des Solds und war voller Ingrimm über ihren Kaiser, der inmitten schrecklicher Armut im Überfluss lebte und angeblich Milliarden Dollar auf Schweizer Bankkonten in Sicherheit gebracht hatte (obwohl derartige Behauptungen nie bewiesen worden sind).

Die abtrünnigen Streitkräfte organisierten sich, und am Donnerstag, dem 12. September 1974, erhoben sie sich bei Kälte und Regen gegen ihren Kaiser. Vorangegangen war eine volle Woche schlechten und regnerischen Wetters, für den Kaiser nur unterbrochen durch Fernsehnachrichten über die Verhaftung seiner Minister und Freunde. Einige wenige Verwandte entkamen dem Fangnetz der Revolutionäre, und Kronprinz Asfa Wossen erholte sich in einem Schweizer Krankenhaus von einem Schlaganfall, aber die meisten Angehörigen des Hauses Makkonen und der innere Kreis seiner Familie kamen ins Gefängnis oder wurden exekutiert.

Zum angekündigten Zeitpunkt trat dem Kaiser eine Abordnung seiner Truppen im Vestibül seines Büros im Palast entgegen. Er stand vor einer dekorativen Landkarte Äthiopiens in untadeliger Uniform. Man fuhr ihn in eine Kaserne, und auf dem Weg wurde er von der Menge als Dieb beschimpft. Man warf ihn in eine kleine, schmutzige Zelle und ließ ihn dort zurück, gehüllt in seinen wollenen Umhang, mit einem Blechnapf kalter Verpflegung, und die Kakerlaken machten sich zu seinen Füßen darüber her. Er kniete nieder und betete.

Monate später brachte man den zweiundachtzigjährigen Haile Selassie I. in den Palast zurück, wo er in einer kleinen Wohnung den Tod erwarten durfte.

Am Morgen des 27. August 1975 schlug die Uhr sieben, als ein Diener weinend am Bett des Löwen von Juda stand – so die Meldung der Regierung. In London gab Kronprinz Asfa Wossen eine schriftliche Erklärung ab, in der gefordert wurde, dass »unabhängige Ärzte und das Internationale Rote Kreuz die Erlaubnis erhalten sollten, eine Autopsie durchzuführen, um die Todesursache des Vaters von Äthiopien und Afrika festzustellen«.

In der Kathedrale von St. Georg wurde kein ›tezkar‹, Gedenkgottesdienst, abgehalten, und auch nirgendwo sonst im Lande.

In den darauffolgenden Jahren wurde die Grabstätte von Haile Selassie I. nicht gefunden, obgleich viele danach gesucht haben. Und niemand fand den heiligen Ring des Salomon.

In der Karibik, auf der Insel Jamaika, hatten die Brüder des Rastafari-Kults ein seltsames und freies Lächeln auf den Lippen.

»You nuh cyan bury Jah«, sagten die Rastas. »Jah kann man nicht begraben.»


Die Titelseite des Daily Gleaner vom Dienstag, dem 6. Februar 1945, war beherrscht von Kriegsnachrichten. Die Rote Armee unter Marschall Schukow stand fünfzig Kilometer vor der Reichshauptstadt, und Pattons Panzer hatten den Westwall durchstoßen, während auf der anderen Seite des Planeten Flugzeuge vom britischen Flugzeugträger ›Indefatigable‹ japanische Stellungen auf Sumatra bombardierten und General Douglas McArthurs Truppen nach Manila zurückgekehrt waren.

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