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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
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Wenn man sich vergegenwärtigt, wie groß seine Befähigung gewesen ist, die Menschen mit seinen extrem engagierten Songs über die Erhebung und gesellschaftliche Revolution in der Dritten Welt in seinen Bann zu schlagen, erscheint es wie eine Ironie, dass Marleys politische Bindungen niemals klar zu identifizieren gewesen sind. Das aber war wohl der am wenigsten verblüffende Aspekt an einem Mann, der den Eindruck erweckte, als bemühe er sich absichtlich, seine schon so wenig greifbare Persönlichkeit noch undurchschaubarer zu machen. An Bob Marley bleibt so vieles rätselhaft. In ihm schienen sich die magischen Eigenschaften von ›Anancy‹ zu verkörpern, jener koboldhaften Spinne aus der afrikanischen Folklore, die über die Fähigkeit verfügt, ihre körperliche Erscheinungsform willkürlich zu verändern, und zudem listig genug ist, um manchmal sogar das höchste Wesen zu täuschen. (Die Anancy-Geschichten wurden im 17. Jahrhundert von Sklaven, Angehörigen der Akan von der Goldküste [jetzt Ghana] nach Jamaika gebracht und in den Twi-Dialekten erzählt und überliefert [Ashanti, Fanti und Akwapim], die die wichtigste Grundlage des jamaikanischen Patois bilden.) Marley wurde für sein Volk zu einer symbolischen, überlebensgroßen Figur, so wie Anancy in der Vorstellung der Sklaven zu einem Symbol des Mutes wurde, das von der Idee getragen ist, eine mutmaßlich niedrige Kreatur sei durchaus in der Lage, ihre mächtigen Widersacher zu überlisten.
Wenn man in Anwesenheit seiner Unterdrücker Anancy-Geschichten auf Patois erzählte, konnte man seine Selbstachtung steigern, da man ja die Sklavenhalter, die dieser Sprache nicht mächtig waren, verspottete. Zudem dienten diese Fabeln als ständige Auffrischung des reichen kulturellen Erbes, von dem die Sklaven so brutal abgeschnitten worden waren. In der jamaikanischen Kultur genießt die Kunst des Geschichtenerzählens ein hohes Ansehen, und der geübte Erzähler versteht es, auf geschickte Weise jedwede Unterschiede zwischen überlieferten Geschichten und seinen persönlichen Erlebnissen zu verwischen. Die besten Geschichten sind Arabesken aus übernatürlicher Bedrohung und verdrehtem Humor.
In einem Land, wo so viele Menschen so wenig besitzen, ist die persönliche Mystifikation ein hochgeschätztes gesellschaftliches Kapitel – mit dem man sich den bleibenden Respekt der anderen erkaufen kann. Eine wohlvertraute Figur, über die sich nur höchst wenig in Erfahrung bringen lässt, gewinnt so machtvolle Präsenz.
Bob Marley war so ein Mann. Besessen von seiner Privatsphäre, wendete er beträchtlich Zeit und Mühe auf, um im Laufe seines gesamten Lebens ein ausgeklügeltes Schutzsystem für die so wertvolle Mystifikation seiner eigenen Person aufzubauen. Jahrelang bestand er zum Beispiel darauf, in Afrika geboren worden zu sein wie auch seine Eltern. Niemand, der mit Marley zu tun hatte, war er auch noch so nah, vermochte sich ein vollständiges Bild des Mannes zu machen. Das Netz eingeschränkter vertraulicher Selbstdarstellung, das Marley im Laufe der Jahre knüpfte, war allumfassend und betraf Geschäftsvereinbarungen, außereheliche Affären, seinen Tagesablauf ebenso wie die Zusammenarbeit an Songs. (Um in späteren Jahren seine Verlagsinteressen zu wahren, hat er angeblich listige Vereinbarungen getroffen, durch die viele seiner Songs Freunden aus dem Ghetto oder sonstigen Randfiguren zugeschrieben wurden.)
Seine Landsleute schätzten ihn wegen seines undurchschaubaren Charakters, wegen seines unergründlichen Verhaltens. Sie bewunderten, dass es ihm gelungen war, aus der kläglichen Armut aufzusteigen und einer der berühmtesten Männer zu werden, die je aus der Karibik kamen, und sie waren wie verhext von der intensiven Darstellungskraft seiner Art, Geschichten zu erzählen, wie zum Beispiel in der furchterregenden Vision von ›Burnin’ and Lootin’‹, in der ein Mann beim Erwachen feststellt, dass er sich im Gewahrsam anonymer und bewaffneter Beamten befindet, ein unschuldiges Opfer des Kriegsrechts, während draußen der Aufruhr wütet.
Am erstaunlichsten aber ist an Marleys Aufstieg zum Ruhm, dass seine Fans auf der ganzen Welt nur sehr wenig von den thematischen Grundlagen seiner Musik wussten, von den verschiedenen Ebenen, auf denen seine Botschaft überbracht wurde, und von der Rolle, die der Rastafarianismus und die traditionelle jamaikanische Kultur in alledem spielten. Einer seiner lebendigsten Songs ist ›Small Axe‹, ein fast heiteres Stück Reggae-Scharfsinn. Was wie eine simple Allegorie erscheint, in der ein Holzfäller einen großen Baum darüber informiert, dass er bald gefällt wird, ist tatsächlich eine dreifache Aussage, die von den Jamaikanern sehr schnell verstanden wird, fast allen anderen jedoch absolut unverständlich bleiben muss. Nicht nur ist ›Small Axe‹ als Warnung an die Unterdrücker allerorten gedacht, dass eines Tages die Völker der Dritten Welt sich gegen sie erheben werden, sondern es ist auch eine Herausforderung, die ihren ganz besonderen Stellenwert in der jamaikanischen Plattenindustrie hat. Als der Song von Marley und dem bekannten Produzenten Lee Perry aus Kingston geschrieben wurde, bezog er sich auf ›the Big Tree‹, das diktatorische Triumvirat der Schallplattenfirmen auf der Insel – Dynamic, Federal und Studio One. Und das zentrale Bild des Bäumefällens, begleitet von der Entschuldigung, es geschehe nur auf den Wunsch eines Vorgesetzten hin, ist ein nüchterner Verweis auf die alte Hackordnung zu Zeiten der großen Plantagen, als man Sklaven befahl, die gigantischen Wollbäume zu fällen, die ihnen heilig waren, und sie daher etwas Rum an deren Wurzeln tropfen ließen und ein Klagelied sangen. Das taten sie, um die in dem Baum wohnenden Geister zu besänftigen und ihnen glaubhaft zu machen, dass ihre Vernichtung nicht die Idee der Sklaven war, sondern auf Befehl der Herren geschah.
Dass so viele Menschen auf der Welt Marley Platten schätzten und ihn als revolutionären Rasta-Aufwiegler verehrten, obwohl sie doch nie ganz seine komplexe Botschaft verstanden, machte ihn bei seinen Leuten nur umso beliebter. Sie wussten um das Ausmaß seiner Leistungen und betrachteten sein Werk und seine Erfindungskraft als etwas durchaus Mystisches. Er war ein Schamane, ein rechtmäßiger Apostel Jahs, der die Sündigen schalt, die Verderbenbringenden bedrohte und in einer geheimen Sprache, welche dem ungeübten Ohr niemals ganz verständlich sein konnte, den Rechtschaffenen seine Botschaft vermittelte.
Der Hinweis auf die getrockneten Maiskörner für die Hühner in dem Song ›Who the Cap Fit‹ ist für den durchschnittlichen nicht-jamaikanischen Zuhörer unverständlich, weil er nicht weiß, dass es sich bei den zentralen Zeilen tatsächlich um ein ländliches Sprichwort handelt. Es beschwört das Bild eines Farmers, der schweigend Futter ausstreut und damit sagt: »Bezeichne dich nicht selbst als ein (dummes) Huhn, nur weil du mein Futter frisst; ich habe nie gesagt, dass es meine Absicht ist, Hühner zu füttern.« Das heißt: »Du bist der, als der du dich zeigst, nicht der, der du vielleicht sagst, dass du es bist.«
In der Tradition des jamaikanischen Geschichtenerzählens liegt es, dass derartige Maximen und Sprichwörter nur selten im beiläufigen Gespräch geäußert werden. Gewöhnlich werden sie von den Eltern an ein Kind weitergegeben, von einer älteren Person an eine jüngere, von einem Lehrer an einen Schüler, von einem Geschichtenerzähler an sein Publikum. Und in diesen Äußerungen des Volksmunds ist die Saat gesellschaftlichen Protests enthalten, wie zum Beispiel in dem schlauen Rat, in den ein Sklave seine Einsicht in die ewige Feindschaft zwischen Tyrannen und ihren Sklaven kleidet: »Kick darg, him fren’ you, feed him, him bite you.« (Tritt den Hund, und er fürchtet dich, füttere ihn, und er beißt dich.) Mit anderen Worten: »Behandle einen Untergeordneten schlecht, und er wird dich fürchten, behandle ihn gut, und er wird kommen und deinen Respekt verlangen.«
Die wichtigsten Hüter von Jamaikas Volksweisheit und ihrer Überlieferung sind die Hexenmeister gewesen, bekannt unter den Namen ›obeahmen‹ (von dem Wort ›obayi‹ –
Magie oder Hexerei) und ›myalmen‹ (verwandt mit dem Haussa-Wort ›maye‹ –
Zauberer). Obeah ist die Praxis, sich die Macht der ›duppies‹, Geister der Toten, zunutze zu machen, um Menschen zu helfen oder ihnen zu schaden und um Ereignisse zu beeinflussen. Ein Myalman besitzt jedoch die Fähigkeit, das von den Duppies angezettelte Böse zu vereiteln oder zu neutralisieren. Unter der Kolonialherrschaft pflegten sich jamaikanische Sklaven in großer Zahl mit Obeahmen und Myalmen (sowie Frauen mit diesen Kräften) zu verbünden, um Zauber zu beschwören, durch die sie ihre Sklavenhalter zu besiegen hofften.
Die Zauberer wirkten auch als militärische Strategen, die hinter den Kulissen die Fäden zogen, und sie riefen den Sklaven zu den Waffen bei größeren Revolten wie zum Beispiel denen in der Kirchengemeinde St. Mary in den Jahren 1760, 1765 und 1766, bei denen Tausende von Aufständischen unerbittlich gegen die Briten kämpften. Bezeichnenderweise waren dies die ersten Sklavenaufstände, die eher darauf zielten, eine revolutionäre Zukunft zu gründen, als eine afrikanische Vergangenheit wiederherzustellen.
Überall in der Dritten Welt wurde Bob Marley als ein moderner Myalmen angesehen, der den Willen und die Macht besaß – buchstäblich wie im übertragenen Sinne –, das Böse zu vertreiben. Er war, wie er selbst von sich behauptete, ein ›duppy conqueror‹ (Überwinder der Duppies). Er nahm einen Song mit dem Titel ›Duppy Conqueror‹ in den späten sechziger Jahren auf, kurz nachdem er von der Polizei in Kingston nach einer Verhaftung wegen Besitzes von Ganja wieder freigelassen worden war. In diesem Song umschreibt er den traditionellen jamaikanischen Straßenspruch, der benutzt wird, wenn man einem Schinder (›bully‹) Trotz bietet: ›If yuh bullbucker, me duppy conqueror‹.
Das Volk der Akan, von dem die meisten schwarzen und braunen Jamaikaner abstammen, glaubte, der Mensch habe drei Seelen: die Lebensseele, bei der Geburt direkt von dem Höchsten Wesen verliehen; die Persönlichkeitsseele, die sein Schicksal bestimmt, und die Schutz-/Schattenseele, die sein Gewissen behütet und in Form eines Duppy zurückbleibt, wenn sein Körper unter der Erde gebracht und seine Lebensseele zu Gott zurückgekehrt ist. Es gibt sowohl wohlgesinnte wie böswillige Duppies, aber alle sind gefürchtet wegen ihrer unvorhersagbaren Willkür und deswegen, weil sie durch die Macht des Obeah zu unheilvollen Aufträgen ausgesandt werden können.
Wenn ein Mensch drei Tage tot ist, soll angeblich eine Rauchsäule aus seiner Grabstätte aufsteigen. Dieser Rauch verwandelt sich darauf in seinen Duppy, welcher ähnlich wie die Spinne Anancy in der Lage ist, eine Vielzahl von Gestalten anzunehmen, die von Menschen wie von Tieren. Der Duppy kann fast alle erdenkliche Art von Unheil stiften. Da er viele Fähigkeiten der Lebenden besitzt, kann er sprechen, lachen, pfeifen, singen, rauchen, kochen und sogar ein Pferd oder einen Esel reiten, wobei sein Kopf jedoch nach rückwärts gerichtet ist und er den Schwanz des Tieres als Zügel benutzt. Um einen Duppy sehen zu können, muss man etwas von der Flüssigkeit nehmen, die einem Hund aus den Augen rinnt, sie sich ins eigene Auge tröpfeln und dann über die linke Schulter blicken. Nicht nur ist ein Duppy zu allem ungehörigen Verhalten fähig, sondern er kann auch, wenn er von einem Obeahman auf eine Person ›angesetzt‹ ist, diese schlagen, sie von einer tödlichen Krankheit befallen lassen oder – was am allerschlimmsten ist – sie ihres Schattens berauben.
Es ist die Aufgabe des Rastaman, einen derart ›abscheulichen Aberglauben‹ zu vertreiben und ihn zu ersetzen durch die Offenbarung des Jah Rastafari, Seiner Kaiserlichen Majestät Haile Selassie, und die Menschen zu ermutigen, Ganja-›spliffs‹ (handgerollte Joints von Zigarrenformat) zu rauchen und die von ›herb‹ (Kraut, Marihuana) gefüllten ›chillums‹ (Wasserpfeifen), damit dies ihnen laut Marley ›behilflich sei bei ihrer Meditation über die Wahrheit‹.
Die Musik der Wailers benutzte die Sprache, die Überlieferungen und das Idiom der einfachen Landbevölkerung Jamaikas, um die Ziele von Rastafari auf Erden zu erklären – hauptsächlich das des Aufstiegs zur ›iration‹, der höchsten Form von Creation (Schöpfung), eine Ebene der Existenz, auf der kein falsches Dogma mehr herrschen kann, das Böse nicht mehr wirksam wird und es weder Duppies noch Obeahmen oder gar Screwface gibt, wie die ländliche Bevölkerung Jamaikas gemeinhin den Teufel nennt. Der Rastaman, der absolute schwarze Paria, sagt, dass der bittere Weg des mit Gewalt verpflanzten schwarzen Mannes durch die Zeit – seine Gefangenschaft, sein Erwachen mit Hilfe der angemessenen religiösen Lehren und schließlich sein Kampf um die Rückkehr nach Afrika – ein Spiegel des spirituellen Ablaufs ist, in dem alle Menschen leiden und nach Erlösung streben. Diese Reise ist ein Ebenbild der mystischen Wanderung der Lebensseele auf die Erde und zurück zu Jah.
Das Problem besteht darin, dass der Dialog zwischen dem Rastaman und seinen potentiellen Brüdern ständig durch den Aberglauben beeinflusst ist, da diese meinen, er sei verwandt mit dem ›black heart mon‹ (Mann mit dem schwarzen Herzen), dem ›Bösen Mann‹, vor dem Mütter auf Jamaika noch immer ihre Kinder warnen.
Manche Menschen auf Jamaika sind froh, dass Bob Marley seinen Lohn empfangen hat und seine Schützerseele lebendig ist auf Erden, um als Instrument des Guten zu dienen. Andere meinen, sein Dahinscheiden sei ein Zeichen für das Nahen von Harmageddon, der Zeit, da die besten unter den Menschen fortgeführt werden von der Erde und die Finsternis sich niedersenkt zum Tag des Jüngsten Gerichts, wenn Jah den Teufel und seine Vasallen verdammen wird.
In einer solchen Situation treffen viele schwache Menschen die falsche Entscheidung und folgen dem Weg der Verdammnis. Manche Leute vom Lande sagen, dass die Obeahmen zuhauf zurückgekehrt sind auf die Friedhöfe Jamaikas, wo sie Terpentin und Pfeffer ausschütten vor den Grabsteinen, um die Duppies verstorbener Verwandter herbeizulocken, damit die Geister ihnen zu Hilfe kommen bei ihren geheimen Taten von Unheil und Rache.
Aber der Rastaman lacht und tut solche Reden ab als das Gewinsel des ›bloodclot‹ (Heide, eine Schmähung, die von der Menstruation hergeleitet ist und von dem Tuch [cloth], mit dem sich die Sklaven nach schlimmen Auspeitschungen das Blut abwischen) und verweist auf die Worte von Bob Marleys ›Redemption Song‹:
Old pirates yes them rob I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I from the Bottomless Pit
By the hand of the Almighty
We forward in this generation, triumphantly
All I ever had is songs of freedom …
Won’t you help me sing these songs of freedom
Cause all I ever had redemption songs …
Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Have no fear for atomic energy
Cause none of them can stop the time
How long shall they kill our prophets
While we stand aside and look
Yes some say it’s just a part of it
We’ve got to fulfill the book.
Die Piraten damals ja sie raubten mich
Und verkauften mich auf die Handelsschiffe
Kaum dass sie mich aus der Hölle geholt hatten
An der Hand des Allmächtigen
Schreiten wir fort in dieser Generation im Triumph
Alles was ich je hatte sind Lieder der Freiheit …
Wollt ihr mir nicht beistehen und diese Lieder der Freiheit singen
Denn alles was ich je besaß sind Lieder der Erlösung
Befreit euch aus der geistigen Versklavung
Niemand als wir selbst kann unseren Geist befreien
Habt keine Furcht vor atomarer Energie
Denn nichts kann den Lauf der Zeit aufhalten
Wie lange noch sollen sie unsere Propheten töten dürfen
Während wir dabeistehen und zusehen
Ja manche sagen es gehört dazu
Wir haben nur das zu erfüllen was geschrieben steht im Buch.
Im April 1981 wurde Bob Marley in Anerkennung seiner Verdienste um die Kultur der Nation der Verdienstorden verliehen, eine der höchsten Auszeichnungen. Einen Monat später war er tot, gestorben an Krebs des Gehirns, der Leber und der Lunge, und sein Leichnam war in einem Bronzesarg in der National Heroes Arena von Kingston aufgebahrt. Sein hageres, wächsernes Gesicht ist glattrasiert, seine Dreadlocks, die ihm während der Strahlenbehandlung ausgefallen waren, hat man zu einer Perücke vernäht und ihm wieder aufgesetzt. Eine Hand hält eine Bibel, aufgeschlagen beim 23. Psalm, die andere liegt auf seiner ramponierten hellen Gibson-E-Gitarre.
Als Marley genau ein Jahr zuvor nach Afrika gereist war, um bei jenem Konzert in Simbabwe aufzutreten, hatte er festgestellt, dass mehrere Coverversionen seiner letzten Single ›Survival‹ von Nigeria bis zum Senegal sehr gut verkauft wurden. Die bekanntesten Sänger und Musiker des Kontinents hatten sie aus Respekt, Bewunderung und mit Gespür für das Geschäft aufgenommen. Zu Tausenden überschütteten ihn die Fans mit ihrer Verehrung, und ihr Lächeln schien zu beweisen, dass er jene wahre Gemeinschaft mit Afrika erreicht hatte, nach der sich alle Rastas sehnen.
Ein ähnliches, wenn auch traurigeres Schauspiel bot sich bei der öffentlichen Totenwache in der National Arena. Zehntausende von Trauernden – Afrikaner, Amerikaner, Europäer, Westinder – defilierten an der Bahre vorüber, die von Soldaten in weißen Uniformen mit M16-Gewehren bewacht wurde, während diverse Tribute-Singles, die von den einheimischen Stars herausgebracht worden waren, in den Straßen dröhnten.
Bei einem Staatsbegräbnis unter der Leitung Seiner Eminenz Abouna Yeshaq wurden Passagen aus der Heiligen Schrift von Jamaikas Generalgouverneur Florizel Glasspole und vom Führer der Oppositionspartei, Michael Manley, verlesen. Der Ehrenwerte Edward Seaga hielt die Gedenkrede auf den Ehrenwerten Robert Nesta Marley, O.M.
Die Wailers spielten einige von Marley Kompositionen, begleitet von den I-Threes, dem weiblichen Gesangstrio, zu dem auch seine Frau Rita Marley gehört. Die Melody Makers, eine Gruppe, die aus vier von Bobs und Ritas gemeinsamen Kindern besteht (während Marley legal zehn Kinder von verschiedenen Frauen anerkannt hatte, schätzen einige Verwandte, dass er Vater von zweiundzwanzig gewesen ist), trat zu seinen Ehren auf, und seine Mutter Cedella sang einen der letzten Songs, die er geschrieben hatte: ›Coming In from the Cold‹.
Der Sarg wurde auf einen Lastwagen geladen und langsam die fünfundsiebzig Meilen zu seinem Geburtsort auf einem Berg in der Kirchengemeinde St. Ann (Jamaika ist in vierzehn solcher ›parishes‹, Kirchengemeinden, aufgeteilt) gefahren, wo Rastas aus dem Berggestein am Hang eine Gruft gehauen hatten.
Für einen Mann wie Bob Marley waren das Leben und Jah ein und dasselbe. Marley sah Jah als das Geschenk des Lebens, d.h., er glaubte, dass er, Bob Marley, auf bestimmte Weise unsterblich sei und dass er einzigartig sei. Er glaubte, die Einzigartigkeit jedes Mannes und jeder Frau sei das Geschenk Jahs. Das Bemühen, daraus etwas zu machen, ist unsere Hingabe an Jah, und er glaubte, dass dieses Bemühen eines Tages zur Wahrheit führen werde.
Die Geschichte lehrt, dass manchmal bestimmte Gestalten aus stagnierenden, hoffnungslosen und/oder sich auflösenden Kulturen erwachsen und alte Symbole und Überzeugungen neu interpretieren und mit einer neuen Bedeutung versehen. Die Entscheidung eines Individuums, eine solche Rolle zu spielen, mag völlig unbewusst vonstattengegangen sein, aber sie mag auch mit dem Bewusstsein geschehen, dass man mit der Gabe/Last der Prophezeiung ausgestattet ist. Auf diese Bewusstwerdung kann dann von seitens einer solchen Person die öffentliche Erklärung folgen, sie sei nichts als ein Instrument einer neuen Quelle der Weisheit, einer neuen Richtung und einer neuen Ordnung.
Für die Jamaikaner und schließlich auch für einen großen Teil der Dritten Welt war Bob Marley eine solche Messias-Gestalt. Er behauptete, ihm seien im Schlaf Geister als Botschafter erschienen und hätten ihm aufgetragen, als Seher zu dienen. Er habe Angst verspürt vor der Verantwortung, sagte er, aber er habe sich dennoch entschlossen, sie zu übernehmen. »By and by«, erklärte er, »Jah show every mon him hand, and Jah has shown I mine.« »Im Laufe der Zeit zeigt Jah jedem Menschen, was seine Aufgabe ist, und Jah hat mir die meine gezeigt.«
Ein Mann, der aussah wie ein magerer Löwe, sich bewegte wie eine Spinne und lebte wie ein Geist – Bob Marley starb, als er versuchte, die Duppies in ihm selbst unter Kontrolle zu bringen. Dies ist eine aufregende und beunruhigende Geschichte über das dünne Eis von Informationen und Tatsachen, den schrecklichen Ansturm von Wahrheit und die Ebbe und Flut der Magie.

Am 23. Juli 1892 wurde in Ejarsa Gora ein Kind geboren und gesäugt in der fruchtbaren Gegend der Provinz Harage, ungefähr achtzehn Meilen entfernt von der Stadt Harar. An jenem Tag hielt ein Edelmann mit strenger Miene Wacht vor einem runden Haus aus getrockneter Erde und Asche und einem kegelförmigen Strohdach und horchte auf die ersten krähenden Rufe des Kindes nach Atem und Leben. Er trug eine Toga aus schwarzem Bombasin, und ein schmuckes Schwert in silberner Scheide blitzte an seiner Seite. Um die Taille war ein Patronengurt geschlungen, und eine Pistole mit elfenbeinernem Griff steckte darin. Auf seinem Kopf trug er seinen steifen schwarzen Filzhut aus Italien.
Ein Gewehrträger stand hinter ihm und hielt das kostbare Gewehr in seiner Hülle aus scharlachroter Baumwolle hoch über dem wirbelnden Staub. Entfernt von dem Paar, aufgefächert zu einem weiten Halbkreis auf dem sanft abfallenden Hügel, stand ein großes Kontingent Soldaten in Paradeuniform, und ein jeder hielt einen geladenen Karabiner. Und jenseits dieser Männer waren Gruppen von Bauern, die sich niedergeworfen hatten zum Gebet. Die heißen Böen aus der Wüste trugen ihre inbrünstigen ›semas‹ (Gebete) hinein in die kühlen Winkel des Hauses.
Dort drinnen waren Ärzte und Dienerinnen unter den wachsamen Blicken der Priester, die lange ›malwamiyas‹ (Gebetsstöcke) umklammert hielten, bekümmert um die Mutter. Mit gebeugtem Kopf und abgewandten Blick erfüllten die Dienerinnen schnell und schweigend, was ihnen aufgetragen wurde, aber sie waren außergewöhnlich sorgsam dabei, denn sie wussten, dass ihr eigenes Leben davon abhing, ob sie ihrer Herrin in dieser bedeutsamen Stunde auf beste Weise zu Diensten standen. Die Mutter lag in den letzten Wehen, und in ihrem Bemühen, sich nicht der Panik zu überlassen, hätten die Diener beinahe die ersten Wimmertöne des Babys überhört, als es den Schoß der Mutter verließ und sein winziger Körper leicht dampfte.
Die furchtbare Spannung löste sich im schrillen Kreischen des braungelben männlichen Säuglings, und alle konzentrierten sich darauf, das Kind vorzubereiten für den Vater. Tränen der Erleichterung standen in den Augen der Dienerinnen, als sie den Säugling wuschen, ihn salbten mit feinem Öl und seine dünnen Lippen mit der geweihten geschmolzenen Butter bestrichen, und in ihren Ohren hallte der Lärm von Salutschüssen aus Hunderten von Gewehren, die aus allen Tälern und von allen Höhen die Geburt von Tafari Makkonen, dem Sohn des Gouverneurs Ras Makkonen von Harar unter Kaiser Menelik II. und seiner Ehefrau Woisero Yaschimabet, verkündeten.
Das Kind, so sagte man, stamme in direkter Linie von dem biblischen König Salomon von Jerusalem und Königin Makeda von Saba, dem südlichen Teil von Äthiopien, ab. Ja, seine Blutsverwandtschaft war zurückgeführt worden auf Salomons Großvater, Jesse, den schwärzesten Juden, den die Welt je gesehen hatte.
Seit mehreren Jahren hatten Ras Makkonens Geistliche und Astrologen die Geburt des Kindes angekündigt. Neptun und Pluto, so erklärten sie, hatten im Jahre 1399 begonnen, sich langsam aufeinander zuzubewegen. Beide Planeten bewegten sich auf der heliozentrischen Bahn und brauchten 493 Jahre, um sich zu kreuzen. Dieser Moment werde im Juli 1892 kommen und Strahlungen von anderen Sternkreiszeichen verursachen, die auf mystische Weise die Konstellation Löwe beeinflussen würden, die mit dem biblischen Haus Juda korrespondierte, Jakobs viertem Sohn, der im selben Monat geboren wurde, wie bei Jesaja berichtet wird.
Aber vor dieser Geburt, so sagten Seher, werde es noch eine große Dürre in Äthiopien geben, die 1889 beginnen werde, obwohl sich das Land doch traditionellerweise zweier Regenzeiten im Jahr erfreuen konnte. Die Wiederkehr der Regenfälle werde die Identität und das Schicksal des Kindes bestimmen, wie es geschrieben stehe in Jesaja 9,6: »Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.«