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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
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Mittlerweile hatte Leonard Howell seine Anhängerschar aus der Rasta-Mission in den Bergen von St. Catherine in eine abgelegene Spanish-Town-Siedlung namens Pinnacle geführt, einen verlassenen Landsitz nahe Sligoville, der 1940 erworben wurde. Dort bauten sie Ganja an, während er sich mit seinen dreizehn Ehefrauen beschäftigte. Eines Morgens verkündete er, nicht Selassie, sondern er selbst sei der Lebendige Gott, und er forderte seine Brüder auf, ihn von jetzt an Gangunguru Maragh zu nennen (eine Verbindung von Hindi-Wörtern mit der Bedeutung ›Lehrer der berühmten Weisheit, König der Könige‹). Während seine Anhänger nur etwas verwirrt waren, zeigte sich die Polizei am Ende ihrer Geduld und stürmte 1954 seine Besiedlung. Der örtliche Magistrat erklärte Howell für geistesgestört und ließ ihn in eine Einrichtung für kriminelle Geisteskranke einweisen. Seine obdachlosen Dreads wanderten hinunter nach Kingston, wo sie in größeren Gruppen herumlungerten und ganz allgemein die Bevölkerung mit ihrer ungewöhnlichen Haartracht und dem öffentlichen Rauchen des illegalen Ganja provozierten und gegen sich aufbrachten.
Bis zum Ende der fünfziger Jahre waren andere Rasta-Gemeinden in ihrer ungeduldigen Erwartung sozialer Gerechtigkeit wie auch geistlicher Erlösung immer militanter geworden. Eine Gruppe unternahm den Versuch, den Victoria Park in Kingston in ihre Gewalt zu bekommen, und eine andere besetzte das Old King’s House in Spanish Town im Namen Selassies. Diese uncharakteristisch aggressiven Aktionen wurden von den Behörden als logische Konsequenz der Rasta-Zusammenkunft denunziert, die 1958 von Prince Emanuel organisiert worden war. Hunderte von Brüdern kamen auf einem Gelände im Back-o-Wall-Stadtteil von West Kingston zusammen. Es gab große Lagerfeuer, man trommelte, religiöse Zeremonien wurden abgehalten, und – so behaupteten zumindest höhere Polizeibeamte – man drohte, Mitglieder der Polizeitruppe als Opfer für Jah zu köpfen.
Für die meisten Betrachter war dies das beunruhigendste Ereignis im Großraum Kingston seit dem Port-Royal-Erdbeben auf der anderen Seite der Bucht im Jahre 1962. Aber die Rastas versuchten eigentlich nur, eine United Church of Rastafari zu etablieren. Ihre Bemühungen waren blockiert, weil keiner der weit verstreuten Brüder sich wirklich mit den anderen darüber einigen konnte, welche Stellung Selassie im großen Plan einnahm. War er wirklich Gott? Ein naher Verwandter? Ein Prophet in der Nachfolge von Abraham, Moses und Jesus?
Unter denjenigen, die eine persönliche Einladung von Prince Emanuel zu dem exotischen Zusammentreffen in Kingston erhielten, war Rev. Claudius Henry, der sich selbst zum ›Repairer of the Breach‹ (›Heiler des Bruchs‹) erkoren hatte. Aufgewühlt von den komplexen Ritualen, deren Zeuge er geworden war, gründete Henry eilig die African Reformed Church in West Kingston und verkündete, der 5. Oktober 1959 sei der ›Tag der Befreiung‹. Von ihm herausgegebene Pamphlete wiesen darauf hin, es sei kein Pass erforderlich für diejenigen, die zurückkehren wollen nach Afrika. Eine Fahrkarte für die Überfahrt nach Äthiopien, geschmückt mit einem Bild von Selassie, kostete einen Schilling. Tausende davon wurden erworben, und an dem angekündigten Tag waren die Straßen in der Umgebung von Henrys Kirche verstopft von erwartungsfrohen Rastas und ihren Familien, von denen viele ihren gesamten Besitz verkauft hatten. Als der Tag zu Ende ging, war jedoch am Horizont noch kein Schiff zur Ozeanüberquerung aufgetaucht, und Henry wurde verhaftet.
Der gedemütigte Henry drohte nach seiner Entlassung der Regierung mit Rache. Er landete später im Gefängnis, als ein riesiges Waffenlager – Gewehre, Macheten, Dynamit und Munition – in seiner Kirche entdeckt wurden. Sein Sohn Reynold nahm den Kampf auf. 1960 wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, nachdem es in Kingstons Red-Hills-Distrikt zu einer Schießerei zwischen Rastas, die den Henrys ergeben waren, und dem Royal Hampshire Regiment gekommen war. Drei Guerillas und zwei Soldaten kamen bei dieser Auseinandersetzung ums Leben.
Die Feindseligkeiten nahmen in den folgenden beiden Jahren noch zu, als die Rastas sich als Niyaman zu bezeichnen begannen. Mit diesem Namen bezogen sie sich auf den Niyabingi-Orden, eine äußerst gewalttätige Gruppe, die angeblich von Selassie geduldet wurde und in den dreißiger Jahren in Äthiopien auftauchte. Die Regierung hatte mit Polizeieinsatz zur Auflösung der Niyabingi-Treffen reagiert, und es war zu weiteren Gewalttätigkeiten gekommen. 1963 führte ein Zusammenprall zwischen Rastas und der Polizei an der Nordküste in der Nähe von Montego Bay zu mehreren Toten auf beiden Seiten.
Trotz der ständigen Unterdrückung durch die Behörden blühte der Rastafarianismus aus Jamaika weiter und dehnte sich Ende der sechziger Jahre auch auf die Mittelklasse aus. Zahlreiche Konvertiten (hauptsächlich männlich und im Alter zwischen 13 und 20) schlossen sich dem Glauben an, nachdem Rasta-Malern, -Bildhauern, -Dichtern, -Tänzern und -Musikern immer mehr Anerkennung gezollt wurde. (Der bekannte Rasta-Poet/Politiker Samuel Brown hat kürzlich die Ansicht vertreten, sechs von zehn Jamaikanern seien Rastas.)
Am 21. April 1966 kam Haile Selassie zu einem Staatsbesuch nach Jamaika, und eine Rasta-Menge von angeblich hunderttausend soll sein Flugzeug auf der Landepiste umringt haben. Nach der Landung blieb Selassie eine halbe Stunde im Flugzeug, weil er vermutlich Angst vor diesem unerwartet überschwänglichen Empfang bekommen hatte. Erst als der Rasta-Führer Mortimo Planno (später ein Lehrmeister von Bob Marley) die Versammelten beruhigt hatte, wagte sich der Kaiser heraus.
Während seines Besuchs gab Selassie keinen offiziellen Kommentar zu der Einschätzung seiner spirituellen Stellung durch die Sekte ab, aber schnell verbreitete sich in Rasta-Kreisen ein Gerücht, dass einigen der Rasta-Älteren vom Kaiser ein geheimes Kommuniqué übergeben worden sei, in dem sie instruiert wurden, »vor der Übersiedlung nach Äthiopien Jamaika zu befreien«.
Dieses Gerücht hatte einen beruhigenden Einfluss auf die ungeduldige Rasta-Gemeinde, weil die schreckliche Verantwortung, das Datum für den endgültigen Exodus aus Babylon zu verkünden, dadurch auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Aber es wurde auch als Aufforderung angesehen, die politischen Aktivitäten zu verstärken, und bald konzentrierten sich die Rastas auf die Forderung, den Gebrauch von Ganja zu legalisieren.
In der amharischen Bibel ›kan‹ genannt, wurde das Ganja aus Indien als Canabis indica, der asiatische Hanf, von den Spaniern um 1545 herum in die Neue Welt gebracht. Großbritannien bot den Kolonialpflanzern großzügige Subventionen, um sie zu ermutigen, Hanf anzubauen und dadurch das russische Monopol auf diese Pflanze zu brechen, deren Fasern hauptsächlich für die Herstellung von Seilen verwendet wurden. Heute rauchen schätzungsweise 65 Prozent der Erwachsenen und 80 Prozent der Bevölkerung unter 21 Jahren auf Jamaika Ganja regelmäßig. Die armen und mutigen Rastas auf dem Lande bauen das Marihuana an und verkaufen es, weil es eine hervorragende Einkommensquelle bietet, denn Anbau und Ernte erfordern weit weniger mühseligen Einsatz als die Schwerarbeit in den Bauxitminen der Insel.
Die Polizei macht den Rastas weiterhin Schwierigkeiten, hauptsächlich wegen ihres schamlosen Gebrauchs von Ganja, das weiterhin auf Jamaika illegal ist, aber auch wegen ihres seltsamen Aussehens und ihrer ›subversiven‹ politischen und religiösen Ansichten. Ganz besonders richten sich die Aktionen der Behörden gegen die Reggae-Sänger unter den Rastas, deren Songs von dem Zorn Jahs künden und vom moralischen Verfall der Regierung.
Um ein Rasta zu sein, bedarf es ungeheuren Glaubens, sagen die Brüder, denn die Wahrhaftigkeit der Meditationen und Vision Jahs ist ständigen Anfechtungen ausgesetzt, sogar in Afrika. Aber die Rastas weisen darauf hin, dass die Bibel prophezeit, kurz vor dem Fall Babylons werde viel Verwirrung herrschen, und viele Schakale würden ihre Stimmen ertönen lassen und Falsches künden, um die, die nach Wahrheit suchen, in die geistige Irre zu leiten. Daher, so schließen sie, sind Hohn und Unterdrückung nichts als Bestätigungen des Rasta-Evangeliums.
Im Laufe der Zeit sollte der Rasta-Glaube weit über Jamaika hinaus verbreitet werden, und das hatte er in erster Linie der musikalischen Missionsarbeit von Bob Marley und den Wailers zu verdanken. Aber der Reggae, der diese Botschaft trug, brauchte noch einige Jahre der Entwicklung.
Was die Plattenkäufer aus Jamaika betrifft, wurde das Wort ›Reggae‹ auf einer Pyramid-Tanzsingle von 1968 von Toots and the Maytals mit dem Titel ›Do the Reggay‹ geprägt. Manche glauben, die Bezeichnung stamme her von Regga, dem Namen eines Bantu sprechenden Stammes am Tanganjika-See. Andere halten es für eine Entstellung von ›streggae‹, Straßenslang aus Kingston für eine Prostituierte. Bob Marley behauptete, das Wort stamme aus dem Spanischen und bedeute ›Musik des Königs‹. Altgediente Studiomusiker aus Jamaika haben die einfachste und wohl am meisten einleuchtende Erklärung. »Es ist eine Beschreibung des Beats selbst«, sagt Hux Brown, Leadgitarrist auf Paul Simons reggaegetöntem Hit ›Mother and Child Reunion‹ von 1972 und überdies der Mann, dem man weithin zuschreibt, Erfinder des auf einer Saite gespielten Zitter- und Trillertones zu sein, der Simons Single und viele Top-Hits der Insel in den vorangegangenen Jahren einleitet. »Es ist nur so ein Ulkwort, so zum Spaß, das den ›ragged‹ (holperigen) Rhythmus und das Körpergefühl kennzeichnet. Wenn es darüber hinaus eine Bedeutung hat, ist es auch egal!«
Jahrzehntelang, seit den zwanziger Jahren, war die beherrschende Musik in der Karibik der Calypso aus Trinidad. Musiker von der Insel sangen die fröhlichen, an aktuellen Themen orientierten und häufig anzüglichen Folksongs ursprünglich im afrikanisch-französischen Patois, aber wechselten dann langsam in die englische Sprache, als die Musik das Interesse amerikanischer Plattenlabel wie Decca und Bluebird zu wecken begann. Auf Trinidad waren die größten Calypso-Musiker, die sich jedes Jahr bei den Karnevalsfestlichkeiten in der Vorfastenzeit um den Titel des Calypso-Königs stritten, hauptsächlich Männer; King Radio, Growling Tiger, Lord Beginner, William the Conqueror, Attila the Hun, Lord Executor. Als die Musik von den Amerikanern entdeckt und als Neuhit kommerziell ausgebeutet wurde, fanden sich Caylpso-Musiker wie Attila (Raymond Quevedo) und Lord Executor (Phillip Garcia) plötzlich neben solchen Stars wie Bing Crosby und Rudy Vallee in Live-Radiosendungen aus den Staaten. Auf einer Truppenbetreuungs-Tour durch die Karibik während des Zweiten Weltkriegs hörte der Komiker Morey Amsterdam einen satirischen Song über die Kulturspuren der amerikanischen Soldaten auf Trinidad von Lord Invader (›Rum and Coca-Cola‹) und machte die Andrews Sisters damit bekannt.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden verschieden Musikformen der Karibik, besonders die ›Steel-Pan-Musik‹ von Trinidad und Tobago, die entwickelt wurde von Ellie Mannette (dem ersten Mann, der den Deckel eines Ölfasses ›senkte‹ und ihn dann in bestimmten gewölbten Sektionen stimmte), Winston ›Spree‹ Simon und Neville Jules. Mit Steel-Pan wurden schließlich die hektischeren und kommerziellen Calypso-Stilrichtungen begleitet, die solche Künstler wie Aldwyn ›Lord‹ Kitchener Roberts und Slinger ›the Mighty Sparrow‹ Francisco populär machten. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren begannen jamaikanische Musiker, die Steel-Pan und Calypso-Richtungen mit einem einheimischen Mento-Folk-Beat (Harry Belafontes: ›Jamaica Farewell‹ war ursprünglich ein Mento-Song) zu kombinieren, und legten damit den Grundstock für eine aggressive Verschmelzung, in der auch südamerikanische Elemente und eine perkussive Richtung nicht unähnlich der Tanzmusik Nigerias enthalten waren.
Zu ungefähr derselben Zeit (1950–1959) wandten sich die jamaikanischen Jugendlichen ab von der amerikanischen Popmusik, die ihnen von Radio Jamaica Rediffusion (RJR) und der Jamaica Broadcasting Corporation (JBC) vorgedudelt wurde. Wenn die Wetterbedingungen es zuließen, hörten sie stattdessen die saft- und kraftvollere Musik, die von den Radiostationen in New Orleans oder von WINZ in Miami gespielt wurde, auf deren Programmlisten Platten von Amos Milburn, Roscoe Gordon und Louis Jordan standen. Sie konnten sich viel leichter mit dem Sound von Milburn, der sich über ›Bad, Bad Whiskey‹ beklagte, oder Fats Domino, der den ›Walking Blues‹ sang, identifizieren als mit Mitch Millers ›Tzena, Tzena, Tzena‹. So sehr die Jamaikaner den amerikanischen Blues mochten, brachen sie doch in Begeisterung aus, wenn Fats Domino, Smiley Lewis, Huey Smith and the Clowns, Lloyd Price oder andere Musiker aus New Orleans den Sound einen Schritt weiterbrachten und eine gehörige Portion der einzigartig rockenden Rhythmen der Crescent City beigaben. Es handelte sich um eine Annäherung an den R&B, in der das Tempo die aus New Orleans stammenden Klagelieder und die Freudenmärsche der Jazz-Beerdigungen vereinte, die lateinamerikanisch gefärbten Bass-Muster von Bordellpianisten wie Jelly Roll Morton, Rumba, Samba und Mambo von Perez Prado; den Kneipen-Boogie-Woogie von Kid Stormy Weather, Sullivan Rock, Robert Bertrand, Archibald, Champion Jack Dupree und Professor Longhair, die Freudenausbrüche der traditionellen schwarzen Mardi-Gras-Gesellschaften (bekannt als ›indianische‹ Stämme), die zum Mitsingen verlockten.
Jamaikanische Bands fingen damit an, R&B-Hits aus den USA nachzuspielen, und die wagemutigeren von ihnen nahmen das Grundgerüst des Sounds und verschmolzen es mit energiegeladenen Jazz-Ideen – besonders in der allgegenwärtigen Bläsersektion –
und kamen ungefähr 1956 mit einem Stilgemisch heraus, das ›Ska‹ getauft wurde. Ernest Ranglin, der herausragende, im Jazz verwurzelte jamaikanische Gitarrist, der die Wailers bei solchen Ska-Klassikern wie ›Love and Affection‹ und ›Cry to Me‹ begleitet hatte, sagte, das Wort sei von Musikern geprägt worden, »um jenen skat!skat!skat!-Schrammelton auf der Gitarre zu beschreiben, der im Hintergrund zu hören ist«.
Praktisch über Nacht schuf der Ska eine bedeutende jamaikanische Industrie, die man Sound System nannte. Unternehmensfreudige Besitzer von Plattengeschäften und Diskjockeys mit verlässlichen Verbindungen zu den USA, durch die sie sich 45er Singles beschafften, luden ein Paar schwere PA-Boxen auf einen kleinen Lieferwagen und fuhren über die Insel. Sie spielten die letzten Hits des Fat Man und von Joe Jones oder Songs von einheimischen Lieblingen wie Kentrick ›Lord Creator‹ Patrick und Stranger Cole. Um zusätzlichen Eindruck zu machen, gaben sich die herumreisenden DJs Pseudonyme, die an die frühen Calypso-Musiker erinnerten: King Edwards, V-Rocket, Sir Coxone Downbeat, Prince Buster. Sie pflegten bei Tanzveranstaltungen unter freiem Himmel in Goldlaméwesten aufzutauchen, in Darcual-Umhängen aus schwarzem Leder, in imitierten Hermelinroben, mit Lone-Ranger-Masken und Kronen, die mit künstlichen Steinen besetzt waren. In der einen Hand schwenkten sie einen Stapel der exklusivsten Singles der Insel, in der anderen eine verzierte Pistole oder eine Machete. Der Konkurrenzkampf unter den DJs um die neuesten US- oder Jamaika-Singles wurde so hart geführt, dass sie die Labels der 45er mit schwarzem Papier beklebten oder ganz abkratzten. Natürlich war es viel schwerer, mit den Rivalen Schritt zu halten, wenn man nicht den Namen der Platte oder des Künstlers kannte, die gerade die größte Begeisterung erweckten. Frustrierte Gegner versuchten häufig, ihre Meinungsverschiedenheiten in abgelegenen Gassen oder auf einem einsamen Buschgelände mit Pistolen oder ›ratchets‹ (rasiermesserscharfen deutschen Klappmessern) auszutragen.
In den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren erreichte die Ska-Manie auch England, wo eine sich immer mehr vergrößernde Bevölkerung aus Westindien und neugierige Briten in Massen die ›shebeens‹ (heruntergekommene Kellerclubs ohne Lizenz) und Tanzveranstaltungen der Sound-System-Leute besuchten, um Long Life Lager zu trinken, Ganja zu rauchen und sich in dem Tumult zu vergnügen, den Platten von der Insel und gastierende Musiker hervorriefen. In Großbritannien wurde der Ska nach dem Blue-Beat-Label der Firma Melodisc Records bald ›Bluebeat‹ genannt. Auf diesem Label erschienen Songs von jamaikanischen Gruppen wie Laurel Aitken and the Carib Beats, Basil Gabbidon’s Mellow Larks und Desmond Dekker and the Acs. Vom jamaikanischen Publikum ermutigt, nahm der englische Organist Georgie Fame ausgewählte Titel von den letzten Blue-Beat-Veröffentlichungen in das Repertoire auf, das er in Londons Flamingo Club spielte. Später nahm Fame mehrere auf dem Ska basierende Singles für das R&B-Disc-Label auf; die besten davon waren ›Orange Street‹ und ›JA Blues‹. Und zur gleichen Zeit fanden die jamaikanischen Musiker in London Gefallen an dem Funky-Jazz des Organisten Jimmy Smith und des Saxophonisten Lou Donaldson und nahmen diese Musik mit nach Hause zurück.
Aber all das wäre wohl kaum mehr als eine Kuriosität geblieben, hätte es nicht die Bemühungen eines weißen Anglo-Jamaikaners von aristokratischer Herkunft namens Chris Blackwell gegeben. Als Geschäftsunternehmen, das er beinahe wie ein Freizeitvergnügen betrieb, hatte er ein kleines Vertriebsnetz für ethnische Platten aufgebaut. Aber er hatte eine Zukunftsversion, was die potentielle Wirkung von Jamaikas pulsierender Antwort auf den Blues betraf.
1962 brachte Blackwell sein winziges Blue-Mountain/Island-Label mit nach England, erwarb Master-Tapes, die in Kingston produziert worden waren, und veröffentlichte sie in Großbritannien auf Black Swan, Jump Up, Sue und dem Mutter-Label Island. Unter seinen ersten Künstlern waren Jimmy Cliff, Lord Creator, Wilfred ›Jackie‹ Edwards, die Blue Busters, Derrick Morgan, der Posaunist Don Drummond and the Skatalites und Bob Marley, dessen erste Single auf Island unter dem falsch geschriebenen Namen Bob Morley erschien.
In England traf Blackwell mit seinen zukunftsweisenden jamaikanischen Rock-Platten auf Sympathie bei den modebewussten Mod- und Skinhead-Teenager-Bewegungen. Aber der große Durchbruch kam erst, als Millie Small, eine näselnde kleine Göre, die er managte, 1964 mit ›My Boy Lollipop‹ einen riesigen US-Hit landete, auf dem der Skatalite Ernest Ranglin an der Gitarre und ein unbekannter Harmonikaspieler aus der Band von Jimmy Powell and the Five Dimensions auf der Mundharmonika zu hören sind.
Auf Jamaika war der Schlachtruf des Sound System Ska: ›Stay and Ketch It Again!‹ Der Mann hinter dem Plattenspieler heizte die Menge, die im Schlurfschritt tanzte, aber mächtig mit den Hüften rotierte, mit einem Aufblitzen seiner polierten Machete und einem laut krakeelten ›Please a Lady! Jump it ip now!‹ nochmals an, und dann legte er Don Drummonds ›Jet Stream‹ oder das gewagte ›Jerk in Time‹ von den Wailers auf. Es dauerte nicht lange, da wollte jeder ›rude boy‹ (Halbstarker aus den Ghettos) und Waisenknabe vom Lande seine eigene Stimme aus einer Bassbox dröhnen hören.
Die erste Single der Wailers, ›Simmer Down‹ (Bob hatte mit einer früher aufgenommenen Solofassung einen Talentwettbewerb im Ward Theatre gewonnen), war Ende 1963 bis Anfang 1964 ein Ska-Superhit auf Jamaika; der Text rief die jungen Rowdys dazu auf, ihr Temperament zu zügeln und mitzuhelfen, die Bandenkriege und die wilde Gesetzlosigkeit einzudämmen, die epidemische Ausmaße angenommen hatten. Unglücklicherweise verliehen diese Platte und nachfolgende Veröffentlichungen wie ›Rude Boy‹ und ›Jail House‹ den Straßenlümmeln einen eher perversen Ruhm.
Die Ska-Blue-Beat-Weiterentwicklung, die bekannt werden sollte als ›Rock Steady‹, fand ungefähr 1966 statt, als die allgegenwärtigen Posaunen, Trompeten und Tenorsaxophone in den Hintergrund traten, der elektrische Bass die Vorrangstellung gewann, die Gitarre sich darauf verlegte, die nach Schluckauf klingenden Kadenzen zu akzentuieren, und immer häufiger Sologesang präsentiert wurde. Der archetypische Song dieser Ära war der Tanzhit ›Rock Steady‹ von Alton Ellis. Allgemein war jedoch der wesentliche Aspekt an der Weiterentwicklung des Ska zum Rock Steady das Auftauchen einer neuen Generation talentierter jamaikanischer Musiker.
»Die Typen, die alles unter Kontrolle hatten, raubten die älteren Musiker aus«, sagte Bob Marley in einem Interview 1975. »Die hatten’s satt und hörten zu spielen auf. Und da änderte sich die Musik, von den älteren Musikern zu den jüngeren. Leute wie ich, wir lieben James Brown und eure funky Sachen, also haben wir in die amerikanische Kiste gegriffen. Wir wollten nicht mehr rumstehen und nur den langsamen Ska-Beat spielen. De young musicians, deh had a different beat – dis was rock steady now! Eager to go! Du-du-du-du-du … Rock steady goin’ t’rough!«
Marley traf den Nagel auf den Kopf, als er James Brown mit dem musikalischen Wandel in Verbindung brachte, denn der R&B war für den Ska, was Soul für Steady bedeutete. Und als Jimi Hendrix und Sly Stone auftauchten und dem Soul eine Adrenalinspritze verpassten, waren die Wailers angetreten, dasselbe für den Rock Steady zu leisten, ihn auszustatten mit einer ungezügelten Entschlossenheit und Kraft, die ihn schließlich zum Reggae machte.
In den siebziger Jahren waren in den Top 40 der USA mehrere Rock-Steady- und frühe Reggae-Hits zu Gast – besonders auffallend die anti-kolonialistische Kampfansage ›Israelites‹ von Desmond Dekker and the Aces (1969) und Jimmy Cliffs lebensfrohes ›Wonderful World, Beautiful People‹ (1970) –, ohne dass die Plattenkäufer auch nur ahnten, wofür diese Songs standen. Aber amerikanische und britische Musiker, die sich angefreundet hatten mit dem thematischen und rhythmischen Selbstbewusstsein der Reggae-Musik in den frühen siebziger Jahren, hörten hinter dem unvergesslichen Sound auch die Kassen klingeln und begannen, mit ihren eigenen Reggae-Interpretationen Erfolge einzuheimsen. Paul Simons Ausflug 1971 in die Dynamic Studios von Byron Lee in Kingston, um ›Mother and Child Reunion‹ aufzunehmen, hatte seinen Anteil an einer lebendigen und lukrativen musikalischen Einflussnahme auf andere prominenten Exponenten des Rock, R&B, Punk, der Disco-Musik, des Funk und der New Wave, darunter Stevie Wonder, Paul McCartney, Elvis Costello, Boney M, 10cc, die Rolling Stones, Orleans, Linda Ronstadt, ABBA, die Staple Singers und The Clash, um nur einige zu nennen. 1974 erreichte Eric Clapton in den USA und in vielen Ländern Europas Platz eins mit seiner Version von Marleys Shantytown-Geständnis ›I Shot the Sheriff‹. 1979–1980 dann wurde ein eklektizistischer neuer Sound von rassengemischten englischen Gruppen wie den Specials, Madness und English Beat geschaffen, die ein Ska-Revival mit der possenhaften Energie des Punks verbanden.
Die hypnotisierenden und oft aufwieglerischen Songs von Bob Marley and the Wailers waren gemeinhin voller Metaphern für den Überlebenskampf der Dritten Welt und zudem durchsetzt von den verschwommenen Lehrmeinungen des Rasta-Glaubens sowie von Symbolen und Maximen, die der jamaikanischen und afrikanischen Folklore entstammten. Die Wailers bewiesen bald, dass sie weit mehr als ein Rock-Phänomen waren, und ihre Musik beschäftigte sich zunehmend mit gesellschaftlichen Problemen auf der Insel, sei es nun die ätzende Anklage polizeilicher Übergriffe gegen Rastas in ›Rebel Music (3 O’Clock Road Block)‹ oder ›Them Belly Full (But We Hungry)‹, in dem das demokratisch-sozialistische Regime des Premierministers Michael Manley darauf hingewiesen wurde, dass die Ghettobevölkerung, der die Bürgerrechte entzogen waren, eine unberechenbare und starke politische Kraft sei.
Aber auf Jamaika rechnete niemand mit der Wirkung, die die Musik von Marley und Begleitern einmal auf der ganzen Welt haben sollte. Während der meisten Entwicklungsphasen des Jamaika-Rock waren die Wailers in der Karibik kommerziell recht erfolgreich gewesen. Aber nachdem sie 1972 ihren Vertrag bei Island Records unterschrieben hatten, brachten die Wailers als Gruppe auf dem international vertriebenen Island-Label elf erfolgreiche Alben heraus (sowohl Peter Tosh als auch Bunny Wailer, die die Gruppe 1975 verließen, haben noch zahlreiche Soloalben veröffentlicht). Dargebracht wie inbrünstige Beschwörungsformeln im Patois, wurden die Songs der Wailers zu einer weltweiten Sensation, und Marley wurde als ein Mann von herausragendem musikalischem und gesellschaftspolitischem Einfluss gepriesen. Von 1976 an waren Konzerte der Wailers immer ausverkauft. Und sie traten in allen Teilen der Welt auf: in den USA, Kanada und Frankreich, in Großbritannien, Italien (wo sie 1980 bei einem einzigen Konzert 100.000 Besucher zählen konnten), in Westdeutschland, Spanien, Skandinavien, Irland, Belgien, der Schweiz, Japan, Australien und Neuseeland, an der Elfenbeinküste und in Gabun. Bis heute sind Alben der Wailers für 240 Millionen Dollar verkauft worden, wobei beträchtliche Verkäufe auch in Ländern erzielt wurden, in denen die Gruppe nie aufgetreten ist: Brasilien, Senegal, Ghana, Nigeria, Taiwan und den Philippinen. Marley selbst wurde zu einem Idol geradezu fantastischen Ausmaßes, und auf seinen Reisen durch Südamerika, Afrika, die USA, Europa und natürlich die Karibik wurde er immer wieder von Menschenmassen umdrängt.