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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
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Als alles bereit war, brachte man ein gesatteltes Maultier, das Ras Makkonen die paar Meter zur Eingangstür des Hauses tragen sollte. Er trat ein, erblickte das strahlende Kind und schickte ein feierliches Gebet zum Himmel, auf dass dieser Sohn, anders als die frühen Nachkommen, die er mit Yaschimabet gezeugt hatte, das Säuglingsalter überleben möge. Die Priester taten ähnliche Bittgebete, um dämonische Geister zu vertreiben und die ›buda‹ – menschliche Helfer des bösen Blicks, die sich des Nachts raubgierige Hyänen verwandeln.
Der normalerweise so steife und schweigsame Ras (Prinz) sprach ein paar Worte des Trostes und des Lobes zu Yaschimabet, die ihm dankte, schwach wie sie war. Dann ritt er fort auf seinem Maultier, und seine Gefolgsleute und Soldaten folgten ihm, als er den Weg einschlug zur von Mauern umgebenen Stadt Harar. Irgendwann an der Wegstrecke würde er an einem feierlichen Mahl teilnehmen, bei dem es ›wot‹ gab, ein scharf gewürztes Rindergulasch, das traditionsgemäß gegessen wird mit Fladenbrot namens ›indjera‹, um die Soße aufzusaugen, und hinuntergespült mit süßem Wein und ›talla‹, einem kräftigen Bier.
Als Ras Makkonen die Hauptstraße erreichte, die nach Harar führte, fielen ein paar Regentropfen auf seine Toga. Ein Diener eilte zu seinem Herrn und hüllte ihn flink in ein ›barnos‹, einen schwarzen Umhang aus feiner Wolle mit einer Kapuze. Während der sommerlichen Regenzeit wurde dies Gewand bei schlechtem Wetter von allen Reichen getragen. Tief in Gedanken versunken, bemerkte Makkonen kaum den Regen und auch nicht die unterwürfige Geste seines Dieners.
Er fragte sich, ob sein Kind lange genug leben würde, um ein Mann zu werden. Warum nur waren so viele zuvor schon in der Wiege dahingerafft worden? War sein Same verflucht von einem Teufel, einem ›sar‹, geschickt von den Zauberern, um seinem Ehrgeiz Hohn zu sprechen? Oder hatten gekaufte Diener die Kinder mit schlechtem Kaffee vergiftet? Und wenn der Junge heranwuchs und kräftig wurde, würde ihm Erfolg gegeben sein, wo er seinem Vater verwehrt blieb? Würde er die Krone des Kaisers für das Haus Makkonen erwerben? Oder war es Gottes Wille, dass der Sohn nur so hoch aufsteigen sollte wie sein Vater – und nicht höher –, damit dieser stolzen Familie die Bedeutung wahrer Demut klar werde?
Und doch gab es noch nicht einmal die Garantie, dass der Junge zum Gouverneur wurde. Nicht einmal als direkter Nachfahre von Jesse und Salomon und dem Urenkel von König Sahela Selassie, dem Landesherrn der Provinz Schoa, der die mächtigen Galla-Völker seinem Willen unterworfen hatte, Verträge geschlossen hatte mit ausländischen Monarchen wie der Königin Victoria und die Traditionen, Verantwortlichkeiten und den Ruhm der salomonischen Dynastie fortgeführt hatte, wie es geschrieben stand im heiligsten aller äthiopischen Bücher, dem Kebra Nagast.
Dies hier war das Land des Verrats, der Intrigen und der niedrigen Taten an höchsten Orten, wie Makkonen wusste. Wenn auch Menelik II. sein geliebter Vetter sein mochte, ein Mann, dem er ewige Gefolgstreue schwor, so war doch die Kaiserin Taitu eine übelwollende Schlange, die vor nichts haltmachen würde, um jemanden aus ihrer Familie auf dem Thron zu sehen, wenn der schon alte Kaiser gestorben war. Sollte sein Sohn leben, würde er viel lernen müssen über die Verantwortung, die edle Geburt mit sich brachte, über Gehorsam und die Kunst der Manipulation.
Der Regen wurde stärker, als der Gouverneur und seine Gefolgschaft ein fruchtbares Feld mit ›durra‹ überquerten, und ein plötzlicher Wind fuhr durch die dichte Hirse und scheuchte ein paar Perlhühner auf, die sich zwischen den kürzeren Halmen am Wegesrand versteckt hatten. Die Gruppe suchte in einem Mango-Hain Unterschlupf, bis der Regenguss sich gelegt hatte.
Noch immer vor sich hin brütend, griff der Prinz geistesabwesend nach einer reifen, rosaroten Mangofrucht, die von einem niedrigen Ast herunterhing, als sein Maultier darunter hindurchging, und seine Gefolgsleute erstarrten vor Schreck. Es war höchst unziemlich für äthiopische Edelleute, auch nur die geringsten Verrichtungen selbst zu tun, besonders etwas so Niedriges wie das Pflücken einer Frucht. Ras Makkonen biss tief in das weiche Fruchtfleisch, und der warme Saft rann ihm aus beiden Mundwinkeln. Er wollte schon das große Stück schlucken, als er ein seltsames Zucken an seiner Zunge spürte. Er spuckte aus und untersuchte die Frucht in seiner Hand: die übriggebliebene Hälfte eines großen grauen Wurms schlängelte sich aus der weichen gelben Mitte der Mango.
Voller Ekel warf Makkonen den Rest der Frucht zu Boden und spuckte nochmals aus. Dann rieb er sich das Innere des Mundes mit seinem Umhang. Und in eben diesem Moment bog ein schlimmer Windstoß die Äste des Mangobaums, und Regen fiel, und ein mächtiger Blitzstrahl erleuchtete den tiefschwarzen Himmel, und in dem geisterhaften Licht duckten sich die Bäume vor Furcht, so schien es dem Prinzen, als ihre reifen Früchte abgerissen und von der wilden Kraft des Sturmes weit fortgeschleudert wurden.
Die Dürre war vorüber! Makkonen war voller Freude, aber dann verfinsterte sich die Stimmung des Prinzen. Wahrlich, mächtige Zeichen und Omen machten sich immer häufiger bemerkbar an diesem eigenartigen und schicksalshaften Geburtstag, aber sie standen im Widerspruch zueinander. Der Regen war gekommen, die Dürre hatte ein Ende, aber die verdorbene Frucht des Erdbodens und die grellen Gerippefinger am Himmel waren Omen, die im Gegensatz dazu Böses kündeten. Makkonen sehnte sich nach uneingeschränktem Vertrauen in die Orakel, aber er fand es nicht, und stattdessen war er versucht, laut Gott zu lästern wegen seiner grausamen Ungewissheiten. Doch etwas an ihm ließ ihn seine Zunge hüten.
Der Regen wurde stärker, und der kümmerliche Schutz der Bäume reichte nicht. Also machte sich die Gruppe wieder auf den Weg und strebte eilig Harar zu. Und jedem der Gefolgsleute des Prinzen stand die Ungewissheit ebenso im Gesicht wie ihrem Herrn.
Makkonen beschloss, der junge Tafari solle in den Genuss sowohl einer traditionellen wie auch einer europäischen Erziehung kommen. Das galt bei den isoliert lebenden und ethnozentrischen Bürgern Äthiopiens im späten 19. Jahrhundert als überaus ungewöhnlich. Die Völker dieser Nation, deren meiste Vorfahren aus Arabien ins Land gekommen waren, teilen sich in zwei wesentliche Sprachfamilien, die kuschitische und die semitische. Die Galla (das Volk von Tafaris Mutter) waren die vornehmsten unter den Kuschiten, und die amharischen Völker von Schoa die einflussreichsten unter den Semiten, und Sprache, Politik und Religion (die autonome christlich-orthodoxe äthiopische oder koptische Kirche) der letzteren wurden vorherrschend, als Tafari das Erwachsenenalter erreichte.
Als Mitglied des schoanisch-amharischen Adels wurde Tafari so erzogen, wie es sich für einen jungen Prinzen geziemte, der eines Tages mit einer vornehmen ›woisero‹, einer adligen Dame, verheiratet werden würde. Makkonen, der eine Anzahl von Staatsbesuchen in Europa gemacht hatte (zum Beispiel zur Krönung Edwards VII. von England), teilte Meneliks Ansicht, dass Kenntnisse in Europas Politik, Handel und Kultur absolut notwendig seien, wenn Äthiopien je aus seiner feudalistischen Isoliertheit befreit und zu einem Mitglied der modernen Staatenfamilie werden sollte. Daher stellte Makkonen einen französischen Tutor aus Guadeloupe, Dr. Vitalen, ein und beauftragte später Abba Samuel, einen Äthiopier, der an der französischen Botschaft arbeitete, seinem Sohn eine solide westliche Erziehung zu vermitteln.
Aber Makkonen war auch der Ansicht, dass ein zukünftiger Ras die außergewöhnliche Vorrangstellung über seine Landsleute zu erkennen und würdigen lernen müsse, die seine Herkunft von der Dynastie Salomons mit sich brachte. Die zitternde Unterwürfigkeit der Bauern und Pächter, die sie zeigten, wenn sie sich in Gegenwart von Adeligen befanden, war, wie er meinte, natürlicher Respekt, durchaus angemessen, und darüber hinaus eine Gunstbezeugung von Gott. Ein amharischer Aristokrat, ausgestattet mit riesigem, unbesteuertem Grundbesitz, den er von seinen Vorfahren geerbt hatte, und reicher gemacht durch die Geschenke seines Kaisers, sollte in der Lage sein, im Vertrauen auf göttliche Rechtmäßigkeit eine strenge Verwaltung seiner Güter durchzuführen und seine Soldaten einzusetzen (Makkonen hatte mehr als sechstausend Mann in seiner privaten Armee), um seinen Besitz zu schützen und Pacht und Steuern einzutreiben. Die Privilegierten müssen darüber wachen, dass eine soziale Ordnung eingehalten wird, die auf der Gefolgschaftstreue und der bescheidenen Unterordnung von Seiten der Niedriggestellten basiert, und sie müssen gleichzeitig den kaiserlichen Hof mit demselben Respekt und derselben Lehnstreue begegnen. Makkonen hatte im Laufe seines Lebens auf schmerzhafte Weise eines gelernt: Derjenige, der Macht nicht zu identifizieren und einzuschätzen in der Lage ist, sowohl bei sich selbst wie bei anderen, wird von ihr getäuscht werden, und derjenige, der nicht weiß, wie er die Macht einzusetzen hat, die er besitzt, wird am Ende von ihr zugrunde gerichtet werden.
Von Beginn an war sich Tafari bewusst, dass sein Vater auf seltsame Weise hin und her gerissen war zwischen seinem Enthusiasmus für Europa – besonders einer Bewunderung für die Ordnung und soziale Mobilität der westlichen Gesellschaft – und den schoanisch-amharischen Traditionen, denen er nichtsdestoweniger anhing, indem er ein strenges fürstliches Regiment führte. Das Ziel war, wie seinem Sohn schließlich klar wurde, auf irgendeine Weise die widersprüchlichen Elemente in seiner Welt miteinander zu kombinieren, damit nicht das eine das andere ausschloss.
Es wurde jedoch bald offenkundig, dass er in dieser Angelegenheit auf sich allein gestellt sein würde. Seine Mutter Yaschimabet war zwei Jahre nach seiner Geburt gestorben, und sein Vater, ein liebevoller, wenn auch äußerst zurückhaltender Mann, war meistens in offizieller Mission auf Reisen oder wirkte als Richter in Harar. Verbittert über seine fast vollständige Isolierung, verübelte es Tafari seiner Mutter, dass sie ihn verlassen hatte, aber bewunderte seinen entfernten Vater, weil er so frei war von sentimentalen Bindungen und Verpflichtungen. In mehrerer Hinsicht war Tafari absolut der Sohn seines Vaters: Er betonte sogar noch stärker Makonens romantische Vorstellungen von dem lehrreichen Wert kultureller Verbindungen mit dem Westen; er teilte seine Hochachtung vor Macht und seinen Hunger nach ihr, und er hatte seine kühle Zurückhaltung geerbt. Schon in sehr frühem Alter hatte sich seine Persönlichkeit zu der eines absoluten Autokraten entwickelt.
Makkonen, der dies sehr wohl bemerkte, machte seinen dreizehnjährigen Sohn zum Dedjasmatsch, oder Hüter der Tür, eines Teils der Harage-Provinz. Ein Jahr nachdem der stolze Vater seinem Sohn diese vornehmlich ehrenamtliche Stellung verliehen hatte, starb er im Jahre 1906.
Als der junge Tafari seinen ersten Prüfungen ausgesetzt wurde, stellte er sich ihnen mit der ungebrochenen Überzeugung, dass alles, was sowohl materiell wie politisch von seinem verstorbenen Vater erworben worden war, ihm vererbt sei. Zudem war seine angestaute Verachtung von Frauen hilfreich in der Auseinandersetzung mit seinen beiden Hauptgegnern: der Kaiserin Taitu und ihrer Tochter Zauditu.
Taitu wollte unbedingt Yelma Makkonen, den Sohn des verstorbenen Prinzen aus erster Ehe, als Nachfolger seines Vaters im Amt des Gouverneurs sehen. Tafari (Sohn von Makkonens zweiter Frau) war bestürzt und dann voller Zorn darüber, dass Yelma ihm vorgezogen werden sollte. Er wusste jedoch genug von dem Nepotismus in der äthiopischen Politik, um einzusehen, warum dieser Kurs eingeschlagen wurde: Die erste Frau seines Vaters war eine Cousine von Taitu, und da ihr schon alter Ehemann bei schlechter Gesundheit war und überdies Tafari bevorzugte, wollte Taitu mit aller Macht den Anspruch ihrer Familie auf den Thron behaupten, solange noch Zeit war, einen solchen Präzedenzfall zu schaffen.
Und so wurde Yelma zum Gouverneur von Harar sowie zum Führer der Armee, die zu diesem Amt gehörte, während man Tafari mit einem minderen Amt als Gouverneur von Selale abspeiste, einem kleinen und unbedeutenden Winkel des Reiches, nordwestlich der kaiserlichen Hauptstadt Addis Abeba gelegen. Da man ihn vollständig machtlos halten wollte, wurde Tafari von Taitu gezwungen, das winzige Gebiet von Meneliks Palast aus zu regieren.
Aber die Tatsache, dass er im Palast gleichsam eingesperrt war, sollte sich für ihn als nützlich erweisen, denn weil er gezwungen war, in einer Atmosphäre nicht enden wollender Intrigen zu leben, da die Auseinandersetzungen um die Kontrolle über den Thron immer weiter eskalierten, konnte sich Tafari eine Menge wertvollen Wissens aneignen, weil es ihm möglich war, die Schlangen in ihrer eigenen Grube zu beobachten.
Meneliks angegriffene Gesundheit wurde immer schlechter, und 1908 erlitt er einen Schlaganfall. Fern von seinem letzten Verbündeten, dem inzwischen nicht mehr handlungsfähigen Kaiser, musste Tafari daraufhin an den südlichen Grenzen von Äthiopien als Gouverneur der Provinz Sidamo dienen. Aber hier hatte er den Befehl über dreitausend Soldaten und konnte sich des zynischen Rats seiner Großmutter mütterlicherseits, der Wosiero Wallata Georgis, erfreuen, die man zusammen mit ihm nach dorthin verbannt hatte. Während Tafari sich besonnen damit abfand, über sein abgelegenes Territorium zu herrschen, musste Taitu sich wütend endloser Intrigen in Addis Abeba erwehren.
Im Jahr zuvor hatte Menelik Lidj Jasu, seinen eigensinnigen zwölfjährigen Enkel, zum Nachfolger bestimmt. Taitu jedoch förderte als gefügigere Kandidatin Zauditu, eine von Meneliks Töchtern. Da starb Tafaris Halbbruder Yema, und das Gouverneursamt von Harar war frei. 1910 erreichte dann Tafari mit politischer Unterstützung anderer Prinzen, was ihm von Geburt aus zustand, und zusammen mit seinen neuen Kameraden umstellte er sehr bald darauf den kaiserlichen Palast mit Truppen. Ruhig, aber bestimmt informierte er Taitu, ihre Pflichten am Hofe seien von jetzt an auf die Fürsorge für den schwachen Menelik beschränkt und die Macht werde einstweilen Ras Tasamma übergeben, einem Mann, der Tafari nahestand.
Eine Zeitlang blieben diese kühnen Maßnahmen wirksam, aber 1911 starb Tasamma, und wieder erhob Lidj Jasu Anspruch auf den Thron. 1913 starb dann schließlich Menelik, aber Lidj Jasu wurde nicht gekrönt, denn er war schamlos genug gewesen, zum Islam überzutreten, und hatte damit der beträchtlichen Autorität der Monophysitisch-Orthodoxen Kirche Äthiopiens getrotzt. Die Kirche und die schoanischen Edelleute kämpften lange und hart, um Jasu in Misskredit zu bringen, und 1917 beschlossen sie, Zauditu als Kaiserin zu bestätigen.
Während die Marionetten-Kaiserin machtlos inmitten der Auseinandersetzung stand, versuchten die Moslems unter der Führung des exkommunizierten Lidj Jasu, die dreitausendjährige Erbfolge Salomons zu untergraben. Aber der fünfundzwanzigjährige Tafari, der inzwischen als Lohn für seine Loyalität von der Kirche zum Ras ernannt worden war, ersuchte das Regime unter Zauditu, ihn zum Regenten zu ernennen. Der überaus gutaussehende und außerordentlich zurückhaltende und respektvolle Mann erschien der Kirche und der Schoa-Fraktion als ideales zweites Aushängeschild, und man erfüllte ihm seinen Wunsch. So erreichte er listenreich, was er mit Waffengewalt niemals hätte erreichen können. Er war dem kaiserlichen Zepter so nahe, wie es nur ging.
In den folgenden dreizehn Jahren machte er sich politisch unentbehrlich. Er scharte eine Gruppe von Vertrauten um sich und gab ihnen Regierungsämter in Addis Abeba. Er führte eine Bürokratie nach europäischem Muster ein und importierte Berater und Kenntnisse im politischen Handwerk aus dem Westen. 1923 hatte er schließlich erreicht, dass Äthiopien Mitglied des Völkerbundes wurde. Er machte ausgedehnte Auslandsreisen und war auf ihnen von einem Gefolge begleitet, zu dem auch Zebras und Löwen gehörten. Er wurde zu der Figur, mit der man in der Welt das exotische und rätselhafte Äthiopien identifizierte. Wenn er von solchen Reisen zurückkehrte, ließ er sich in einer europäischen Limousine zum Palast chauffieren – in Äthiopien so außergewöhnlich wie zahme Löwen im Westen.
Lidj Jasu ließ er 1921 gefangen nehmen und in eigens für ihn geschmiedeten goldenen Ketten unter wahrhaft luxuriösen Bedingungen zwölf Jahre lang bis zu seinem Tode festhalten. 1926 starb Habte Georgis, ein Kriegsminister, der sich dem schnellen Aufstieg des Ras Tafari wiedersetzt hatte, eines natürlichen Todes – so wurde zumindest behauptet. Eilends konfiszierte Ras Tafari seinen Besitz und übernahm den Befehl über seine Armee aus sechzehntausend Mann, die er gegen Kaiserin Zauditus letzte kriegerischen Anhänger aufbot: »Er schleicht wie eine Maus, aber hat den Rachen eines Löwen«, bemerkte ein anderer Ras in jenem Jahr.
Ras Tafari war zu dem hervorragendsten Mann in Äthiopien geworden, und er bestand darauf, dass Zauditu ihn zum ›negus‹, zum König, krönte, wobei er damit drohte, er werde sie höchstpersönlich von ihrem Thron vertreiben, wenn sie sich weigern sollte. In einem letzten Versuch, ihn gefügig zu machen, schickte Zauditu die große Armee ihres Mannes gegen die Streitkräfte des Ras Tafari, aber sie unterlagen und ihr Mann wurde getötet. Am 2. April 1930, zwei Tage nach dem Sieg des Ras Tafari, war auch Kaiserin Zauditu tot, und die Umstände, unter denen sie ums Leben kam, sind bis heute nicht geklärt.
Ein schmaler, scheinbar zerbrechlicher Mann, der kaum über einen Meter sechzig groß war und den man nur selten hatte laut sprechen hören, ein Mann, der vor gut zwanzig Jahren ohne Eltern und starke Verbindungen dagestanden hatte, die ihm politisch den Weg hätten ebnen können, hatte es geschafft, gegen alle Erwartung schließlich auch noch den letzten seiner Gegner herauszufordern, zu überlisten und aus der Welt zu schaffen.
In Addis Abeba gingen die Gerüchte um, dass sogar die engsten persönlichen Berater des Ras Tafari voller Furcht vor ihm waren, dass es ihnen widerstrebte, ihm die Hand zu schütteln oder ihm direkt in das ausgeprägte Gesicht mit seiner spitzen Nase, dem spärlichen Bart und den durchdringenden, fast schwarzen Augen zu sehen, all das umrahmt von wilden, buschigen Haaren.
Viele seiner Landsleute fühlten sich erinnert an die biblische Vorhersage, dass nach dem Letzten Krieg ein König der Könige aus Jesses Wurzel im Lande Davids gekrönt werde, ein Mann, dessen Augen wie Flammen des Feuers, dessen Haar wie Wolle und dessen Füße schwarz sein würden wie brennende Bronze, und dass dieser größte aller Könige den Tod besiegen und das Jüngste Gericht abhalten werde, nachdem er den Thron Babylons umgestoßen hatte, und alle, die Anspruch erhoben auf zeitweilige Macht, und ihre fehlgeleiteten Anhänger hinabstoßen werde in das Nichts.
Seltsame Geschichten begann man sich zu erzählen über die Kindheit von Tafari, und darin hieß es, er könne mit den Tieren sprechen. In seiner Jugend, so wurde behauptet, habe man ihn des Öfteren im Busch mit Leoparden und Löwen sich unterhalten sehen, und die wilden Bestien des Dschungels seien zahm gewesen zu seinen Füßen, so wie sie Jahrhunderte zuvor auf den berühmten äthiopischen Eremiten, den Heiligen Abbo, reagiert hätten.
Weiter wurde gesagt, dass Tafari als junger Student sehr klug und fähig gewesen sei, dass er aber die Priester wahrhaft erstaunt habe mit seinem ausgedehnten religiösen und mystischen Wissen. Nicht nur könne er nach Belieben zitieren aus dem Kebra Negast, sondern auch aus dem Buch von Kufale, dem Buch von Enoch, dem Hirten von Hermas, Judith, Ecclesiasticus, Tobit, dem Matschafa Berhan (Buch des Lichts), dem Sechsten und Siebten Buch Mose, den Büchern von Eden (während des Mittelalters heimlich aus der Genesis entfernt), allen einunddreißig Büchern der hebräischen Bibel, den einundzwanzig kanonischen Büchern des Neuen Testaments und zahlreichen anderen apokryphen und pseudo-epigraphischen Werken.
Es ging eine Geschichte, wonach ein einheimischer Priester in Harar den jungen Tafari kurz nach dem Tode seines Vaters besucht habe und wissen wollte, woher sein so weitreichendes Wissen stamme. Tafari erwiderte, ein Großteil sei ihm im Augenblick der Taufe gekommen, die der Tradition gemäß am vierzigsten Tag seines Lebens stattgefunden habe. Der Priester, der die Zeremonie leitete, habe Tafaris Augen mit der ersten Berührung des heiligen Chrisam geöffnet, und alles, was folgte, sei dem Säugling verständlich gewesen, als sei er schon erwachsen. Der Priester sprach seinen Nachnamen aus, daran könne er sich erinnern, und dann seinen Taufnamen, und dann habe er sanft an Tafaris Gesicht geblasen, um die bösen Geister zu vertreiben. In diesem Augenblick, so behauptete Tafari, habe er sich von einem goldenen Glanz umfangen gefühlt, und als der Priester begonnen habe, ihn zu salben, mit Wasser seine Stirn, seine Brust, seine Schultern und alle anderen siebenunddreißig vorgeschriebenen Stellen zu berühren, da habe er gefühlt, wie sein Wissen sich vergrößerte, wie es ihn anfüllte wie ein Gefäß und ihn ausstattete mit der großen klaren Erkenntnis über die Schöpfung und die wahre Aufgabe der Menschheit.
In den Wochen danach seien jedoch das Wissen und jenes besondere Gefühl der Klarsicht scheinbar immer weniger geworden.
Wann es wiedergekommen sei, habe der Priester gefragt.
Als die Vögel und die wilden Tiere und sogar die Insekten begonnen hätten, ihn zu begrüßen und mit ihm zu sprechen, ihn an das zu erinnern, was er schon wusste, habe Tafari geantwort.
Welches sei das erste Geschöpf gewesen, das mit ihm gesprochen habe?
Tafari habe um ein Blatt Papier ersucht und um Kreiden und mit außergewöhnlicher Leichtigkeit das Bild eines Vogels gezeichnet. Es habe einer Taube geglichen, aber ihr Gefieder sei bunt und exotisch gewesen. Der Priester habe Tafari fragen wollen, um was für einen Vogel es sich handele, und in eben dem Moment habe er verblüfft mit ansehen müssen, wie der Vogel von dem Blatt Papier aufgestiegen und aus dem nahen Fenster davongeflogen sei, hinauf in den Himmel, wo er verschwand.
Die Nachricht von dem merkwürdigen Sohn des verstorbenen Gouverneurs verbreitete sich in den Provinzen rasch und diskret durch das Netz der ›liqe kahnat‹ (Oberpriester), und es heißt, sie vereinbarten mehrere geheime Versammlungen mit ihm, um ihn zu befragen und nach Möglichkeit bei etwas zu ertappen, was nach ihrer Meinung blasphemischer Unfug oder heidnische Zauberei war.
Bei einer dieser Versammlungen soll der Junge verdeutlicht haben, er sei gut vertraut mit den seltenen Manuskripten Abba Aragawis und jener koptischen Mönche, die man die »neun Heiligen« nannte. Sie waren im Jahr 480 nach Äthiopien gekommen und hatten in der Provinz Tigre die ersten Klöster gegründet. Außerdem enthüllte er, er kenne die okkulten Anwendungen Urims, Thummims und der Mezuzah ebenso wie die Verwendung der in der ägyptischen Zauberei vorkommenden magischen Worte ›gematria‹ und ›notarikon‹ und die magischen Namen Adonay, El und Elohe. Er zeigte Vertrautheit mit den kabbalistischen Lehren, den Schriften Gilgameschs, den heidnischen Riten des Isis-Kults, wusste von der Schlange Arwe und den abessinischen Göttern von der Erde (Meder), Meer (Beher) und Krieg (Mahem), und kannte die Geheimnisse der Astrologie und Numerologie. Am wichtigsten jedoch war: Tafari offenbarte den Priestern sein Wissen über die wichtigsten Botschaften des Ägyptischen Totenbuches und des ägyptischen Buches der zwei Wege.
In der altägyptischen bzw. koptischen Sprache bedeutet das Wort für Zauberer ›Schreiber im Haus des Lebens‹. Männer, die man so bezeichnete, waren als freundliche, weise Menschen bekannt, nicht als gottlose Schwindler, und das Ersuchen des Volkes um Zaubersprüche, die das Böse fernhalten sollten, stellten für sie eine alltägliche Aufgabe dar. Es gab jedoch verschieden offizielle Riten, die nur Zeremonien von äußerster Ernsthaftigkeit vorbehalten waren, unter anderem dem Heb-Sed-Fest, zu dem der Pharao, wenn er dreißig Jahre geherrscht hatte, ins etwa 30 Meilen von der Großen Pyramide entfernte Sikkah reiste. Dort, an einem heiligen, von gewaltigen Monumenten flankierten Ort, musste der in die Jahre gekommene Pharao laufen, springen, ringen und tanzen und wurde auf geheimnisvolle Weise verjüngt und wieder mit der Vitalität eines Heranwachsenden versehen. Es gab auch ein Ritual namens ›Zerbrechen der Roten Krüge‹, wobei roten Tonschalen aus Theben und menschliche Figürchen aus Sakkarah in peinlich genauer Folge zerschmettert wurden, um die Feinde des Herrschers abzuwehren oder zu vernichten.