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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
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ln den Lokalnachrichten fanden sich erneut Berichte über einen Rückgang der Gewinne aus der jamaikanischen Zitrusernte (zugeschrieben den Gefahren, denen die Frachtschiffe auf dem Weg nach Großbritannien ausgesetzt waren) sowie über den Mangel an Rindfleisch, Benzin und Streichhölzern. Farmarbeiter waren gerade über eine Luftbrücke von Montego Bay nach Florida gebracht worden, um dort bei der Ernte zu helfen. Am Tag zuvor hatte der Bischof von Kingston die jährliche anglikanische Synode mit einem Cricketspiel zwischen der Geistlichkeit und der Polizei eröffnet. Am Spätnachmittag war Lady Huggins im nahegelegenen Jamaica Turf Club geehrt worden, und Mrs. McWhinnie hatte eine Teegesellschaft veranstaltet.
Ein Ereignis jedoch, das in den frühen Morgenstunden im ländlichen Pfarrbezirk von St. Ann stattgefunden hatte, war im Gleaner nicht erwähnt. Die neunzehnjährige Cedella Marley hatte ihr erstes Kind geboren. Die mondgesichtige Cedella – oder Ciddy, wie sie genannt wurde – hatte eine schwierige Schwangerschaft hinter sich gebracht, und ihr war morgens oft übel gewesen. Als sie am Sonntagabend in die Wehen gekommen war, hatte man sie in das Haus ihres Vaters, Omeriah Malcolm, gebracht, eines Schwarzen. Den gesamten Montag hatte sie in den Wehen gelegen, und am Dienstag um zwei Uhr dreißig in der Frühe war sie von Robert Nesta entbunden worden, einem rehfarbenen Jungen mit dünnen Lippen und der schlanken, spitzen Nase seines Vaters, Captain Norval Sinclair Marley, eines Weißen.
Kurz nach Sonnenaufgang war die Nachgeburt sorgfältig in eine Seite des Gleaner eingewickelt worden, auf der die Geschichte von der Verhaftung eines jungen Rowdys zu lesen stand, der am Tag zuvor in Kingston einem Chinesen 35 Pfund gestohlen hatte. Der Beiname des Räubers war ›Pearl Harbor‹.
Die Nachgeburt wurde am Fuße eines jungen Mangoschösslings begraben, der von dem Tag an der ›Freund-Baum‹ von Robert Nesta Marley sein würde. Er würde so groß und so stark werden, wie der Junge es sich wünschte. Seine Gesundheit und seine Größe würden bezeugen, wie er sich um ihn gekümmert hatte, und er würde sich im Laufe der Zeit in dieselbe Richtung beugen wie der, der ihn gepflegt hatte.
Ciddy gab man Minztee zu trinken und Pfeilwurz, während Omeriah das Kind auf eine rostige Gemüsewaage von seinem Verkaufsstand am Straßenrand legte: Robert wog genau sechseinhalb Pfund. Gewickelt in ein blau-weißes Hemd, von Ciddy aus dem Musselinstoff genäht, den Omeriah bei einem Großhändler in Kingston bestellt hatte, wurde er dann in eine Wiege neben dem Bett seiner Mutter gelegt, die ausgepolstert war mit einem Krokusbeutel.
Während Ciddy und das Kind unter Omeriahs Dach fest schliefen, spielte draußen eine Gruppe kleiner ›kidren‹, und sie sangen einen ›ring song‹ (ein traditionelles Lied, das bei Kreisspielen gesungen wurde), der in den Hügeln widerhallte:
Dere’s a black boy in de ring, tra la la la la
Dere’s a black boy in de ring, tra la la la la
Him like sugar, I like plum, tra la la la la
Him cyan’t be my lover nuh, tra la la la la …
Ist ein schwarzer Junge in dem Kreis, tra la …
Er mag Zucker, ich mag Pflaumen, tra la …
Er wird nicht mein Liebster nein, tra la …
»Der Teufel, der will den kleinen Jungen.« Omeriah Malcolm zitterte, als er sich selbst diese gräuliche Vermutung flüstern hörte, und er war nicht überrascht über die Furcht und die Schwäche in seiner Stimme. »Jemand hat ihn verhext«, murmelte er bei sich, »put duppy on ’im bwai.«. (»Hat einen Duppy auf diesen Jungen losgelassen.«)
Sein vier Monate alter Enkel war krank geworden, und Omeriah war überzeugt, dass böse Kräfte dafür verantwortlich waren. Ciddy hatte sich um ihren Sohn gekümmert, wie es normal ist, hatte ihn gestillt und ihn dann auf ein Gummilaken in ihrer Hütte auf dem Hügel gelegt, die nur aus einem Zimmer bestand. Dann hatte sie für die Familie genäht – die Kleidung ihrer fünf Brüder und drei Schwestern geflickt. Im Gefühl, dass alles in Ordnung sei, hatte sie das Kind um die Mittagszeit noch einmal genau betrachtet und war dann den Hügel hinuntergeeilt, um sich unten im Laden etwas Süßes zu kaufen, denn sie war ein wenig hungrig. Als sie knapp zehn Minuten später zurückkam, fand sie ihn wimmernd auf dem Bauch liegend, und aus seiner Nase tropfte es. Er gab kurze Hustentöne von sich.
Sie hob ihn auf und streichelte seine Stirn, vermutete, er habe die Milch nicht verdaut. Sein Magen verkrampfte sich, und er übergab sich. Dann wurde sein Hals schlaff, und seine Augen verdrehten sich.
Ciddy rief um Hilfe, und ihre Schwester Enid, die draußen Wäsche gewaschen hatte, lief, um Omeriah und Yaya, die Großmutter der jungen Mädchen, zu holen, die beide in der Nähe wohnten.
Ernst untersuchte Omeriah das Kind und kam zu der Überzeugung, ein böser Geist habe es während Ciddys Abwesenheit berührt. Yaya schloss sich ihm an, und Vater und Großmutter diskutierten mögliche Gegenmittel. Schließlich wurde entschieden, er werde einen Heiltrunk mischen aus Susumba Bush, Bitterkraut, Baumwollblättern, Black Joint, Babygripe, Hug-me-Close und Sweetcup, während sie ein Amulett holte, um das Kind vor weiteren Angriffen der Dämonen zu schützen. Als das getan war, wurde der Junge der Obhut von Ciddy, Enid und Tante Beatrice Wilby, der älteren Cousine, die als Ciddys Hebamme geholfen hatte, anvertraut, die es rund um die Uhr bewachen sollten. Es blieb kaum etwas zu tun, als zu warten und zu beten, dass der Schatten von ihm weichen möge.
Als sich der Abend senkte, begann der Junge freier zu atmen, und seine Hüterinnen reagierten mit Ausrufen der Erleichterung.
»Yahso! Wie er wieder lebendig wird!«, sagte Enid.
»Der Trank und das Amulett waren gut für meinen Kleinen!«, sagte Cedella, deren Augen feucht und geschwollen waren.
»Die Kraft des Allmächtigen ist nicht zu besiegen«, sagte Beatrice. »Dank und Ehre dem Allerheiligsten, dessen Name Güte ist und Liebe, für das hilflose Kind und die junge Mutter.«
Aber Omeriah, der die Rufe von der Anhöhe hörte, mochte nicht so schnell in Jubel ausbrechen oder die Bedeutsamkeit des Ereignisses abtun. Jede Krankheit, das wusste er, war eine Heimsuchung entweder vom Satan oder von dem Allmächtigen. Aus welchem Grunde, so fragte er sich, konnte ein Säugling zum Ziel eines Duppys werden? »So sicher, wie Gott das Wasser kühl gemacht hat und das Feuer heiß«, dachte er, »ist jener Junge ergriffen worden von Nookoo, Mutter Tod persönlich. Dank sei und man beuge das Haupt, denn es war nur die schnelle Vergeltung, die den Dämon vertrieben hat.«
Omeriah stand allein auf der Veranda des einstöckigen Hauses, das ›Big House‹ hieß und im Dorf Nine Miles lag. Es war ein schönes, wenn auch stetig mehr verfallendes Gebäude, vor fünfzig Jahren von der Matriarchin der Malcolm-Familie, Yaya (Katherine Malcolm), im Stil des Wohnsitzes eines englischen Pflanzers erbaut. Finanziert hatte sie es mit dem Gewinn aus dem Farmland, von dem sie reichlich besaß. Mit zwei großen Schlafzimmern (gewöhnlich für Untermieter reserviert), einem Esszimmer, einem Wohnzimmer, einer großen Küche und einem richtigen Salon sowie mehreren Hütten, die in der Nähe des Haupthauses errichtet worden waren, war es das beeindruckendste Anwesen, so weit man sehen konnte. Ganz allein nahe dem Gipfel über einer abgestuften Schlucht gelegen, die das natürliche Wahrzeichen von Nine Miles bildete, war Big House für alle, die in seiner Sichtweite lebten, immer von neuem Quelle des Stolzes.
Omeriah nahm seine schweißbefleckte Mütze ab und rieb sich die rauen Handflächen auf den Knien der schweren grauen Arbeitshosen, die aus Baumwolle waren und in Großbritannien hergestellt (allgemein als ›ol’ ironcloth‹ bezeichnet). Er nahm einen kleinen Schluck aus einer langhalsigen Flasche Appleton-Rum und sprenkelte dann genauso viel, wie er getrunken hatte, auf den Boden, im Gedenken an die wohlgesinnten und wachsamen Geister seiner Ahnen. In das bernsteinfarbene Glühen, das durch den Palmenwald auf den westlichen Bergen schimmerte, krähte ein Hahn, den Sonnenuntergang ankündigend. Malcolm neigte seinen Kopf in den Nacken, um einen großzügigeren Schluck Rum zu trinken, stellte dann die Flasche auf einer klapprigen Bank ab und setzte sich auf das hölzerne Geländer, das sich schon durchbog. Er sah hinaus über das Familienland und das Dorf Nine Miles.
Vor ihm erstreckte sich eine undurchdringliche und üppige Landschaft aus großen und kleinen Hügeln, spitz zulaufenden Bergen, immer wieder durchschnitten von Senken. Sie waren dicht bewachsen von Palmen, Bambus, Mangobäumen, Wasserbrot und Ackee, dazwischen Zedern, Mahoe und Mahagoni. An den Hängen kauerten sich die Hütten der Bevölkerung, aus Weidenzweigen geflochten und strohgedeckt oder, und das waren die massiveren unter ihnen, mit ›Spanish walling‹ gebaut (Mauerwerk in einem Holzrahmen) und gedeckt mit einem Flickwerk aus gewelltem Zinkblech. Sie waren ohne Fußbodenbelag und hatten nicht mehr als zwei winzige Räume –
eine Kammer, um Gerätschaften und Nahrungsmittel zu verstauen, und den anderen als Schlafraum. Jede Hütte besaß vor der Tür eine niedrige Feuerstelle und ein kleines Gehege für junges Vieh. Vor der Hütte erstreckte sich ein Stück steinharten Bodens, festgetrampelt von den Füßen der Cousins und Cousins von Cousins. Fettbäuchige Ziegen, grau mit schwarzen Bäuchen, kauten auf Unrat und Resten vom Tisch und waren umschwärmt von mückenähnlichem Tropenungeziefer, genannt ›sour flies‹. Sie waren angebunden im Labyrinth der rindenlosen Baumstämme in der Umgebung der Hütte.
Dies war der Lebensraum der Malcolms, Willoughbys, Lemoniouses, Lewises, Davises und eines Dutzends anderer, eng miteinander verwandter Familien, die in dieser Region schon seit zweihundert Jahren vor der Abschaffung der Sklaverei 1838 Ackerbau betrieben. Während der Zeit der großen Plantagen, die im frühen achtzehnten Jahrhundert begann, machte das Zuckerrohr, in einem breiten Gürtel von St. Ann’s Bay über Montego Bay bis Savanna-la-Mar angepflanzt, die im Ausland lebenden Grundbesitzer immens reich. Während das flache Land, das sich bis zum Meer erstreckte, für den Zuckerrohranbau genutzt wurde, durften die Pachtsklaven auf dem Land in den Bergen das anbauen, was sie zum Leben brauchten, und was von den Gutsbesitzern nicht beansprucht wurde, konnten sie in den Städten auf dem Markt tauschen oder verkaufen.
Die Malcolms zählten zu den wohlhabenden unter den Nachfahren jener Sklaven, und Omeriah war zum am meisten respektierten Bürger von Nine Miles geworden, dem Custos. (Custos war ursprünglich ein jamaikanischer Titel für Kolonialbeamte, aber im Laufe der Jahre hatte sich seine Bedeutung verändert und umfasste jetzt auch Landbesitzer und einheimische Persönlichkeiten, die wegen ihres außergewöhnlichen Reichtums, ihrer Klugheit oder ihres diplomatischen Geschicks hoch geschätzt wurden.)
Ein sehr kräftig gebauter Mann Mitte fünfzig mit einem runden Kopf, starkem, kantigem Kinn, einer breiten Nase und karamellfarbenen Augen, hatte Omeriah eine sanfte, ewig junge Art, die ihn besonders bei Kindern und Frauen beliebt machte. Außer den neun Kindern mit seiner Frau Alberta hatte er noch ein weiteres Dutzend mit verschiedenen Damen im Distrikt. Die meisten Verbindungen war er jedoch nach dem Tode seiner rechtmäßigen Frau im Jahre 1935 eingegangen, als auch seine Schwester Rittenella gestorben war. Dennoch, Alberta hatte die frühen Seitensprünge ihres Mannes hingenommen, ohne sich zu beklagen, ja, sie zeigte sogar einen Anflug von Stolz. Schließlich war ihr bewusst, dass er kein reiner Hallodri war, denn er hatte auf anständige und diskrete Weise dafür Sorge getragen, dass für alle seine unehelichen Nachfahren gesorgt war.
Ebenso ehrgeizig und fleißig wie liebesbedürftig, hatte Omeriah klug ein beträchtliches Stück allerbesten Ackerlandes in einem Bezirk namens Smith bestellt, einem fruchtbaren Tal zwischen Eight Miles und dem Dorf Rhoden Hall im Distrikt Stepney. Außerdem betrieb er eine Bäckerei, einen Gemischtwarenladen und ein lose geführtes Unternehmen, das nicht nur englische Stoffe für Kleider, Anzüge und Hosen verkaufte, sondern auch noch Dienstleistungen wie die Reparatur von Schuhen und allen erdenklichen Maschinen anbot. Zudem gehörte ihm eine bescheidene, aber gewinnbringende Kaffeerösterei. Seine Frau, ehemals Alberta Willoughby, war ebenfalls, an ländlichen Maßstäben gemessen, ziemlich wohlhabend, denn ihre Eltern konnten ein ziemlich ausgedehntes Gelände bewirtschaften, das dicht bepflanzt war mit Kaffee, Bananen, Orangen und Tangerinen.
Der Respekt, den Omeriah bei seinen Nachbarn besaß, gründete sich jedoch nicht nur auf seine materiellen Besitztümer (und auch nicht auf seine Vielzahl von Kindern), sondern eher noch auf den Ruf als kenntnisreicher Kräuterfachmann und Myalman –
eine Person, die das Wissen und die Macht besaß, die Machenschaften des Obeah abzuwenden oder einzudämmen und Menschen zu heilen.
Omeriah hatte die althergebrachten Künste des Myalman von seinem Vater, Robert ›Uncle Day‹ Malcolm gelernt, der von den Kromanti-Sklaven abstammte, die auf Schiffen Ende des siebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von der Goldküste nach Jamaika gebracht worden waren. Die Kromanti waren ein besonders wilder Stamm der Akan und hatten weder von den Sklavenbesitzern noch den Kolonialherrschern unterdrückt werden können. Die Kromanti-Führer Tackey und Cudjoe hatten zwei der blutigsten Sklavenaufstände zur Zeit der großen Plantagen angestachelt. Nicht einmal die unbezähmbaren Maroons, die früh in das undurchdringliche Cockpit Country im Inneren Jamaikas entkommen waren und auf Grund eines Abkommens mit den Briten, das sie vor Verfolgung schützte, bei der Unterdrückung anderer Aufständischer helfen mussten, vermochten den Freiheitswillen der Kromanti einzudämmen. Ja, die Maroons bedienten sich schließlich sogar des Kromanti-Dialekts als ihrer Geheimsprache und lernten die Heilkräfte solcher Inselkräuter wie Kema Weed, Lion’s Tail und Hunderter anderer kennen.
Auf Jamaika wachsen mehr Sträucher, Obstbäume, sonderbare Gemüsesorten und eigenartige Kräuter und Gewürze und Wurzelknollen als in den meisten Ländern, die um ein Vielfaches größer sind, und es ist eine treffende Ironie, dass viele verschiedene Arten, die inzwischen zu noch größerer Vielfalt gekreuzt sind, ursprünglich von der Royal Navy für die britische Pflanzeraristokratie an diese Gestade gebracht worden sind, damit man die Sklaven ernähren konnte, ohne auf zusätzliche Importe angewiesen zu sein. Aber die Afrikaner sortierten Schösslinge und Setzlinge aus und entkamen dann mit ihren Brüdern in entfernte Winkel des Urwalds, wo sie unabhängige Siedlungen gründeten.
Die entlaufenen Sklaven wurden immer listiger und rachedurstiger, weit mehr noch als die Maroons, die den Kromanti noch eine Huldigung erwiesen, indem sie mit schauriger Regelmäßigkeit den uralten Kromanti-Fluch, den sie von ihnen gelernt hatten, auch in Anwendung brachten. Durch ihn wendet sich die Hand des Unterdrückers gegen ihren Besitzer. Die Akan waren nicht von der Ansicht abzubringen, dass es Hexerei gewesen war, die sie nach Westindien gebracht hatte, und daher erschien es ihnen nur gerecht, mit denselben Waffen zurückzuschlagen: So mancher grausame Sklavenhalter beging Selbstmord, kaum dass der Fluch über ihn ausgesprochen worden war.
Obwohl er seit seiner Jugend in den myalistischen Kromanti-Künsten unterwiesen worden war, hatte Omeriah weder Gelegenheit gehabt noch die Neigung verspürt, irgendeinen Menschen mit dem Fluch zu belegen. Im Gegenteil, er verabscheute solche Praktiken und tat alles, um zu vereiteln, was er als Missbrauch der spiritistischen Kräfte ansah. Und doch war sich Omeriah auch bewusst, dass der Medizinmann und der Wahrsager wissen müssen, wie man etwas geschehen lassen kann, um es wieder ungeschehen zu machen, und daher hatte sich Omeriah vertraut machen müssen mit Obeah, den Dunklen Wissenschaften, Guzu-Guzu und mit der Hierarchie der Verbündeten des Magiers, die aus einer anderen Welt kamen, und hauptsächlich mit den sogenannten Gefallenen Engeln unter ihnen: Luzifer, dem verruchten Schacherer; Rutibel, sonst bekannt als Gabriel, der Racheengel, der in seiner Rechten ein gezogenes Schwert trägt; den friedfertigeren Zanz und Zangiel, von denen man sagt, dass sie an Jesu Haupt gestanden hätten in seinem Grab, als er von den Toten auferstand; und schließlich den launischen Heiligen Michael, Saschael und Raphael, ebenfalls Angehörige der Ehrengarde aus Engeln, die bei Christi Wiederauferstehung anwesend waren.
Aber sei auf der Hut, so wurde Omeriah von seinem Vater gewarnt, denn die Geister, die von den Obeahmen auf Jamaika beschworen werden, sind keine göttlichen Boten, sondern himmlische Aasfresser. Und in diesen Letzten Tagen bieten sie Wissen an der Schwelle zur Hölle, und man solle eher für sie beten und mit ihnen Mitgefühl haben, als sie zu beschwören.
Uncle Day erklärte Omeriah, dass diejenigen, die der Berufung folgen, ›aufzustehen, um zu heilen‹, nach einem Verständnis streben sollten, das sich gründet auf den Glauben, und dass sie den Herrn ersuchen sollten, ihnen Übereinkunft zu gewähren mit dem Reichtum der Erde und mit den heilbringenden Pflanzen, Kräutern und Gewürzen, so dass sie jene Befähigung erlangen können, die notwendig ist, um das ›positive‹ Werk der Linderung, Heilung, Gesundung und Wiederherstellung des Menschen zu tun, wie es zurückzuführen ist auf die Schriftgelehrten im Haus des Lebens, auf Jakob und Moses, auf Johannes den Täufer und Jesus von Nazareth selbst, den vom Wort erschaffenen Menschen.
In Afrika, so hatte Omeriahs Vater erklärt, war die Benutzung von Magie eine alltägliche Praxis im Dienst von Beistand und Schutz, und die sie ausübten, waren Priester und Philosophen. Auf Jamaika jedoch hatte sie sich schrittweise von einem Prellbock gegen die Ungerechtigkeit der Sklaventage entwickelt zu einer weiteren Waffe in dem nicht enden wollenden modernen Guerillakampf der Nekromantie. In einer solchen Umgebung konnte kein Mensch ahnen, was das Schicksal für ihn bereithielt. Und wenige konnten ein Leben erwarten, das unberührt blieb von den Eskapaden des Voodoo und der Hexenkunst.
»When de Lawd summon me, ago deh yah« (»Wenn der Herr mich ruft, werde ich ihm folgen«), sagte Omeriah leise, als er sich auf dem Geländer der Veranda neu zurechtsetzte, und der Rum verstärkte noch die Ehrfurcht, mit der er bei sich die jamaikanische Variation des afrikanischen Gebets der Anerkennung von Gottes Willen intonierte. Die düsteren Gedanken Omeriahs wurden unterbrochen von einem plötzlichen Wolkenbruch, und der herabstürzende Regen fand seinen Weg in alle Nischen und Winkel der Siedlung Nine Miles.
Für Omeriah und die normale jamaikanische Landbevölkerung brachten die unberechenbaren Wolkenbrüche viele angenehme Begleiterscheinungen mit sich. Ein Platzregen besänftigte die Gereiztheit, die die ansonsten unaufhörliche Hitze erzeugte, senkte vorübergehend die Temperatur und verwandelte den klebrigen, betäubenden Wind in schweißkühlenden Balsam. Darüber hinaus diente der Regen als botanischer Katalysator und setzte die bis dahin untätigen oder sonstwie von der Sonne unterdrückten Wohlgerüche der rundum wuchernden tropischen Pflanzen, Blumen, Früchte und Büsche frei.
Doch die jamaikanischen Regengüsse konnten auch beunruhigend wirken: Der feine Dunst hing wie ein Schleier in der unbewegten Luft und hüllte die Szenerie in eine beiläufige Feierlichkeit, die die Grausamkeit und Launenhaftigkeit der Elemente tarnte. Für einen Jamaikaner wie Omeriah vermochten die Schauer ein leeres Feld in einen Duppy-Tanzboden, einen kahlen Hohlweg in einen von Dämonen wimmelnden Steinbruch und die freundliche ländliche Umgebung in eine unheimliche Wildnis zu verwandeln. Zudem brachte der Regen auch eine Botschaft: Jamaika ist als Land nur schwer erfassbar, mit seinen ewig währenden Rhythmen und verborgenen Tendenzen, die seine menschlichen Gäste ständig und unaufhörlich umgeben und bestimmen.
Doch mehr als alles andere brachten die gespenstischen Nachwirkungen ländlicher Wolkenbrüche Männer wie Omeriah Malcolm dazu, ihre Heimat als ›Land of Look Behind‹ zu sehen: als Sammelsurium von Magie, Zaubersprüchen, Geistern und Geheimnissen, in dem niemand – weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn – aufgrund der zahllosen eigenartigen, unsichtbaren Hindernisse, die zwischen einem Menschen und der Ausführung eines weltlichen Vorhabens standen, sein Grundstück geradeaus durchqueren konnte. Omeriah glaubte, unter bestimmten Umständen sei der beste Weg ein beiläufiger Zickzackkurs, der die Duppies, die einem auflauerten, in die Irre führte. Jenen, die das Pech hatten, von einem Duppy verfolgt zu werden, riet Omeriah, schnell ein X in den Boden zu kratzen. Da Duppies nämlich nur bis neun zählen können, werden sie an dieser Stelle verharren und sich so lange erfolglos bemühen, bis zehn zu zählen, bis Regen oder Wind das X verwehen.
Man stelle sich nur vor! Sogar ein kleines Kind, das hilflos in einer Hütte liegt, kann nicht einem namenlosen Unglück entgehen! Das dachte Omeriah, als er hinaussah auf die regenfeuchte Landschaft, noch immer im Bann des Wolkenbruchs.
Und doch, so frühe Einwirkungen auf die Lebensseele von Ciddys Kind hätten möglicherweise verhindert werden können. Die Mutter des Jungen war nicht einmal getauft gewesen, bevor sie schwanger wurde. Das dumme, jämmerliche Mädchen hatte hinuntergebracht werden müssen in die Shiloh Church ot the Lord Jesus Christ of the Apostolic Faith im Dorf Alva, um, verfolgt von ›susu‹ (Klatsch), im Taufbecken unter der eilig vollzogenen Leitung durch Elder Thomas getauft zu werden.
»Auf was für ein dummes und unschickliches Treiben hat sich meine Tochter da eingelassen, die jetzt ein kleines Balg zur Welt gebracht hat!« Omeriah bellte mit tiefer und rauer Stimme, bevor er sich noch einen Schluck Rum genehmigte. Sie war verfuhrt worden von diesem alten ›bockra busha‹ (weißhäutigen Aufseher) in seiner roten Uniformjacke, den Leinenhosen und Schaftstiefeln, Captain Marley vom British West India Regiment. Marley war ein Pfeife paffender Oberaufseher für die Ländereien der Krone, der vor fast zwei Jahren auf einem schönen Pferd, das die Regierung bezahlt hatte, nach Nine Miles hineingeritten kam und versuchte, die armen Leute zu bewegen, Getreide anzubauen oder gar in den abgelegensten Teilen des ›John Williams‹-Dschungels zu siedeln, den fast unbewohnten ›bridal lands‹ jenseits der Stelle, an der die unwegsamsten Straßen aufhörten.
Mit dergleichen war er tagsüber beschäftigt. Und des Nachts, als Untermieter im Big House, hatte der kleine leise Mann es mit Malcolms siebzehnjähriger Tochter Ciddy getrieben! Das alberne Mädchen, sich ins Bett zu legen mit einem weißen Mann, der zwei oder drei Jahre älter war als ihr Vater! Wenigstens hatte Marley den Anstand besessen, sie Monate später zu heiraten, aber es war von Anfang an Teufelsspiel gewesen. Ein dummes ›bungo-bessy‹ (Adjektiv für unziemliches Verhalten eines Mädchens vom Lande)-Verhältnis in plumper Heimlichkeit, unterhalten bei unerlaubten Verabredungen, angestiftet von einem Britisch-Jamaikaner mit Geld und Stellung, der ein unschuldiges schwarzes Mädchen mit einer Unverfrorenheit in sein Bett gelockt hatte, die an die Ausschweifungen gemahnte, denen die Plantagenbesitzer in der Sklavenzeit frönten.
Und dann kommt so ein Kreolen-›pickney‹ (Kleinkind) auf die Welt, Robert genannt nach Marleys Bruder – nicht nach Omeriahs Vater –, aber nichtsdestoweniger immer noch ein ›Sklavenname‹. (Nach Ansicht der Familie war Robert Malcolm ursprünglich der Name eines Plantagenbesitzers, den er dann Uncle Day gab.) Und wo ist Captain Marley jetzt, da sein Sohn leidet? Nach Kingston hat er sich getrollt, weil seine Familie es für eine Schande hält, so idiotisch zu sein und ein ›foo-foo‹ (foolish, dumm) Mädchen vom Lande rechtmäßig zu heiraten, das naiv genug ist, seine ›fuck-a-bush‹ (hinterwäldlerische Verführung) Liebesworte für bare Münze zu nehmen!
Zumindest hätte der Junge, dies Ergebnis einer bedauernswerten Verbindung, einen Namen aus der Bibel erhalten können, der eine Beziehung zu Afrika und der Kultur seines Volkes hatte, so wie Omeriah und seine Brüder, Joseph, Nemiah, Ramses und Isaac. »Ya mon! Wenigstens ein bisschen Vorsicht bei den Namen«, knurrte Omeriah voller Ingrimm, nahm den letzten Schluck Rum aus der Flasche und warf sie dann in den Ascheneimer neben der Eingangstür. Jetzt war da ein Baby, Opfer seiner Abstammung, ausgesetzt allen kulturellen Widerwärtigkeiten, nirgends hin gehörig, mitten zwischen den Fronten. Auf Jamaika sind die afrikanischen Traditionen der Sklaven und ihrer Nachkommen ständig in Auseinandersetzung mit den europäischen Traditionen der weißen Herrscher. Aber sogar unter den Schwarzen werden die Werte der Weißen und Mulatten ganz offen ihrem eigenen, eigentlich natürlichen Akan-Westindien-Ethos vorgezogen. Omeriah jedoch teilte nicht die weitverbreitete Meinung, dass es besser sei, braun zu sein als schwarz, hell als braun. Und dass die statusbewussten jamaikanischen Schwarzen dahergingen und schwere englische Stiefel und die dunklen Anzüge aus Manchester-Serge in der heißen tropischen Sonne trugen und zudem noch versuchten, so zu sprechen, als hätten sie in Oxford die Universität besucht, das kam ihm vor wie der reine Wahnsinn.