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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
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Der Junge wird viel Zeit haben, die Kümmernisse seines Erbes herauszufinden, dachte Omeriah. Und was machte es schon aus? Je schlimmer die Dinge wurden, je besser die Dinge wurden, desto mehr blieben sie doch gleich. Omeriah erinnerte sich daran, was sein Vater immer zu sagen pflegte: »Changey for changey, black daag fe monkey.« Eine Weisheit, die von Hass auf sich selbst und Resignation getränkt war. Der Affe stand für den farbigen Mann und der Hund für den vollblütigen Schwarzen. Die Aussage: Es war überhaupt nichts zu gewinnen durch den Tausch: Man ist hinterher genauso schlecht dran wie zuvor.
Durch und durch missmutig und besorgt, weil böse Kräfte unter ihnen aufgetaucht waren im Verlaufe des Tages, ging Omeriah hinter den Schweinekoben, um sich in der zunehmenden Dunkelheit zu erleichtern. Die letzten Spuren der Dämmerung hingen über den Baumwipfeln, als er ins Bett ging, und er schlief unruhig. Am Abend zuvor hatte er vom Tod geträumt, ein sicheres Zeichen dafür, dass in der Familie eine Geburt bevorstand. In dieser Nacht träumte er von Kupfer und von tierischen Exkrementen, beides gute Omen. Und dann, tief in der Nacht, träumte er von Feuer, was Verwirrung bedeutet, und von Schlangen, ein Zeichen, dass die Feinde auf die Zerstörung einer geliebten Person sannen.
Er stand um drei Uhr früh auf und machte sich auf den Weg hinüber zu Grandma Yaya. Es war ihre Angewohnheit, sich jeden Abend gegen sechs oder sieben zur Ruhe zu begeben, wenn es kühl war, und dann um Mitternacht aufzustehen, um in der Küche des Big House zu kochen. Wie viele Jamaikaner vom Lande fürchtete auch Omeriah die Nacht und mochte allein nach Sonnenuntergang auch nicht die kürzesten Entfernungen zurücklegen, aber der Ziegenpfad rüber zu Yaya war deutlich auszumachen und oft genug gegangen. Meistens erwartete sie ihn schon und bot ihm stolz ein herzhaftes ›wash-mouth‹ (Frühstück), das aus Ackee-Suppe bestand, frittiertem Kabeljau, genannt ›stamp-and-go‹, gebackener Papaya, Yams und ›bammy‹ (Brötchen aus Maniokmehl).
Und dann saßen sie im Licht der Feuerstelle aus Stein an der Küche bis zum Morgengrauen, und sie aßen und tranken schwarzen Kaffee, den sie anreicherten mit Rum aus ihrer großen Korbflasche, und sie sprachen über das Farmleben, das Wetter, über Begebenheiten am Ort und ihre Bedeutungen, über Familienstreitereien, die Bedeutung von Träumen, die sie gerade gehabt hatten, und darüber, wie man die Kräfte der Düsternis fernhalten könne vom Clan. (Auch Yaya war wohlversiert in den Dingen des Mystischen.)
In dieser Nacht, als krächzende Eidechsen, schrille Zikaden und kreischende ›patu‹ (Eulen) einander in der Stille antworteten, konnten Omeriah und Yaya von kaum etwas anderem sprechen als von Ciddy und den Ereignissen des letzten Jahres. Keiner von ihnen vermochte zu verhehlen, welche Sorgen er sich um das spirituelle und körperliche Wohlbefinden von Kind und Mutter machte. Attackiert von Dämonen und verlassen von Captain Marley, schienen sie bestenfalls ein gefährdetes Schicksal vor sich zu haben.
Zwei Monate später passierte etwas, das Omeriahs und Yayas schlimmste Befürchtungen nur unterstützte. An demselben Morgen, als Ciddy mit ihrem Kind aus Omeriahs Haus ausgezogen war und ihre eigene Hütte bezogen hatte, entkleidete sie das Baby in seinem neuen Heim, nahm ihm sorgsam Yayas Amulett ab und badete es dann in der weißen Emailschüssel, wobei sie ein neues Stück von der braunen Seife benutzte, die sie gerade im Laden gekauft hatte. Frisch gewaschene Kleider zum Wechseln lagen neben dem Kind, und sie hatte begonnen, es zu pudern, als ihr auffiel, dass das Amulett nirgends zu sehen war. Sie begann es zu suchen, auf allen Tischen, zwischen den Kleidern, die sie ihm ausgezogen hatte. Sie rutschte auf den Knien herum und sah in jeden Winkel, jede Ecke, jede Ritze. Wieder und wieder und wieder. Und als ihre Sorge und Nervosität ihren Höhepunkt erreichten, da fuhr ein plötzlicher, eiskalter Windhauch über sie, und ihr ganzer Körper war auf einmal bedeckt von Gänsehaut.
Sie sank auf die Knie, vergrub ihr Gesicht in den zitternden, von Puder weißen Händen und brach in Tränen aus. Sie wusste, dass sie den Talisman nicht wiederfinden würde.
»Nesta! Nesta! Wo bist du heute wieder hingelaufen?«, rief Ciddy und trat aus ihrer Hütte in die Hitze des Spätnachmittags. Geblendet von der Sonne, schützte sie ihre Augen mit einer Hand und blinzelte. Wo war ihr vierjähriger Sohn?
»Roslyn!«, rief sie Nestas Patentante zu, Roslyn Downs, die auf einem niedriger gelegenen Pfad einherschlenderte, der den zu ihrer Hütte kreuzte. Ein großer Korb mit Wurzelknollen des Wasserbrots balancierte auf ihrem von einem Turban umwickelten Kopf.
»Hast du meinen Nesta gesehen? Er ist fort, und ich weiß nicht, wohin!«
»Muss’ sagen, hab’ ich wirklich nicht, Missah Marley«, erwiderte Roslyn mit der freundlichen Zuneigung einer älteren Mutter, die die Sorge einer jüngeren teilen kann. Sie besprachen das Verschwinden, als der Kleine in der Ferne auftauchte. Er hielt sich am kräftigen Hals von David Malcolm fest, Ciddys wohlbeleibtem Bruder, der in die Pedale eines Fahrrads trat und bergauf auf sie zugefahren kam.
»Cho!«, wütete Ciddy, um es Tante Roslyn recht zu machen. »Mercy, my Gawd! Der Junge und seine närrischen Streiche lassen mich noch mal tot von der Welt kommen!«
Ciddy hatte einfach nur vergessen, dass David gekommen war, um Nesta – sie zog es vor, ihn bei seinem mittleren Namen zu rufen – mit auf eine Tour zur Post zu nehmen, die er für Omeriah erledigen sollte. Sie war so mit den Arbeiten im Hause beschäftigt gewesen, die sie jeden Morgen zu erledigen hatte: Kochen, Saubermachen, Holzhacken, die Tiere füttern. Ihr gespielter Ärger würde von Roslyn durchschaut werden, das wusste sie, aber er half, die Traurigkeit zu verscheuchen, die in ihr aufstieg, als sie ihren dünnen kleinen Jungen sah, der vor Freude strahlte, während er den breiten Rücken seines lustigen dreiundzwanzigjährigen Onkels umklammert hielt.
Bei einem der ersten Male, dass sie Captain Marley je gesehen hatte, war David hinter ihm auf dem glänzenden Rücken seines schweißnassen Pferdes mitgeritten, als er es zu Yayas Haus führte, wo er sich nach einem Zimmer erkundigen wollte. Norval hatte seit geraumer Zeit in der Gegend gearbeitet und zuerst bei einer Familie Morris im nahen Distrikt Sterling gewohnt und dann später bei anderen Leuten in dem Dorf Ballantine und im Haus eines Mannes namens Luther Flynn in Stepney. Die Kinder am Ort mochten Norval gern, und er schickte sie immer los, um ihm Pfeifentabak zu kaufen, und belohnte sie dafür mit zwei Shilling, und wenn seine Lieblinge mit ihren Eltern in eine Stadt in der Umgebung fuhren, dann gab er ihnen Taschengeld mit. David zählte zu seinen Lieblingen.
Und David war ganz besonders böse gewesen, als sie angefangen hatte, sich nachts aus Yayas Haus fortzuschleichen, um Norval zu treffen, voller Angst, dass Daddy Omeriah sie dafür prügeln würde und dafür sorgen, dass man den Captain aus dem Distrikt fortschickte. Darüber wären viele Kinder und viele ihrer Eltern unglücklich gewesen. Die meisten Leute mochten den Aufseher, waren eingenommen von seinen höflichen Manieren und der freundlichen Art, wie er an seine Mütze tippte, und sie begrüßte im knappen britischen Akzent eines wohlgeborenen Anglo-Jamaikaners.
Als sie zusah, wie das ramponierte und überlastete Fahrrad sich näherte, umwölkte sich ihr Gesicht, und sie wurde schweigsam. Roslyn spürte, wie sich Ciddys Stimmung änderte, und sie ging weiter, begleitet von einem gedankenlosen »Einen guten Weg dann, Auntie« zum Abschied.
Ciddy erinnerte sich an die erste Nacht, die sie bei Norval in seinem Zimmer in Yayas Haus verbracht hatte – den Geruch von Rum und Tabak in seinem Atem, das Gefühl wie von Sandpapier an ihrem Gesicht, wo die harten weißen Haare seines Backenbarts es berührten, und die grobe Haut seiner Hände, die unter ihr Hemd schlüpften und ihre Hinterbacken liebkosten, während er sie auf die feste Matratze seines Bettes drückte. Es war das schönste Bett, in dem sie je geschlafen hatte.
Als sie zusammen nackt dalagen im vom Mondschein erleuchteten Zimmer, hatte er von Heirat gesprochen und Kindern, davon, die letzten ruhigen Jahre seines Lebens zu teilen und gutzuhaben vom Reichtum seiner feinen Familie. Und sie glaubte ihm, kuschelte sich an seine behaarte Brust und zog seine langen Arme, die so stark waren wie Zaunpfähle, um ihren schmalen Körper.
Er sagte, ihm gefalle ihr Lachen, das wie ein Lied sei, und wenn sie spazierengingen in den Bridal Lands, dann bat er sie, für ihn zu singen. Strahlend sang sie dann voller Inbrunst »I’m Going to Lay My Sins Down by the Riverside« in ihrer vollen Altstimme, wie sie es an jenem Ostermorgen in der Bibelschule von Rhoden Hall getan hatte, als sie vor ihrer Schwester Gloria den Wettbewerb im Hymnen-Singen gewonnen hatte.
»Bist eine gute Sängerin, Kind«, hatte der Lehrer vor der gesamten Klasse zu ihr gesagt.« Es gefällt Gott, wenn Er Verse hört, den goldenen Text, und wenn Er mit Musik gepriesen wird für Sein Werk!«
Gott zu gefallen, ihrer Familie zu gefallen und den Freunden, Captain Marley zu gefallen, sich selbst zu gefallen – das alles schien so leicht. Wenn sie sang, schienen all diese Ansprüche an ihre Seele sich zu fügen in eine freudige Einheit. Aber jenes aufblühende Gefühl von Erfüllung sollte bald platzen wie eine Seifenblase.
Der Captain und sie wurden an einem windstillen Freitag im Juni 1944 getraut, in einer steifen und mechanischen Zeremonie, die eher auf ein Ende hinzudeuten schien als auf einen Anfang. Vor der Feier hatte Norval seiner schwangeren Braut eröffnet, dass er am nächsten Tag Nine Miles verlassen werde, um nach Kingston zu gehen. Und er habe nicht die Absicht, wieder zurückzukehren,
Ciddys Augen brannten, und bittere Tränen standen darin, als er erklärte, er habe seine Familie informiert über sein Verhältnis mit ihr und man habe einhellig reagiert und ihn enterbt. Er fühle sich alt und müde, hatte er gesagt. Er sei nicht länger willens, in der Wildnis herumzugaloppieren, wie er es so viele Jahre getan hatte, er kehre zurück in die Stadt, um von der Regierung eine andere Stellung zu bekommen, die weniger körperliche Anstrengung verlange (auch wenn sie weniger Ansehen biete) als die gegenwärtige. Er sei von seiner Familie verstoßen worden, und deswegen könne er kaum sich selbst ernähren, geschweige denn Frau und Kind. Er werde ihre Verbindung rechtmäßig machen um des Kindes willen und dann fortgehen.
Das Gelöbnis wurde in Yayas Haus ausgesprochen, und Ivy, eine von Ciddys Schwestern, war die Brautjungfer. Hubert Davis, ein enger Freund und Nachbar von Omeriah, war der Trauzeuge. Ciddy trug ein einfaches weißes Kleid mit dreiviertellangen Ärmeln, das Ivy genäht hatte. Der Captain trug einen dunklen Anzug. Nachher saß die Hochzeitsgesellschaft mit ein paar engen Freunden beisammen, man unterhielt sich ruhig, trank ein wenig Punsch und brach sich Stückchen von dem langen und breiten Laib Brot ab. Norval hatte sich gegen einen kunstvoll verzierten Hochzeitskuchen gewehrt. Es war einen Monat vor Ciddys neunzehntem Geburtstag.
Am nächsten Morgen ritt er auf seinem Pferd davon, beklagte sich über Rückenschmerzen und versprach, jedes Wochenende bis zur Geburt des Kindes wiederzukommen. Aber im Verlauf von Ciddys Schwangerschaft machte er nur zwei kurze Besuche. Nach Nestas Geburt schrieb Ciddy an Norval, und er nahm sich eine Woche frei von seiner neuen Arbeit als Vormann bei einem Brückenbauprojekt in Kingston, um seinen Sohn zu sehen. Danach wurden einige wenige Briefe ausgetauscht, und schließlich kam keine Nachricht mehr von Norval. Ciddys Briefe an ihn kamen ungeöffnet zurück. Ihr Mann war fortgezogen, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Ciddy wusste nur, dass er einmal erwähnt hatte, seine Mutter heiße Edith.
Mit gebrochenem Herzen suchte sie Rat bei Omeriah, der ihr sagte, sie möge ihren Kummer vergessen und aus ihrer Unbedachtheit lernen. In erster Linie sei sie ihrem Sohn verantwortlich, verkündete er, nicht ihrem Mann, und er riet ihr, sich daranzumachen, für sie beide ein anständiges Leben im Distrikt aufzubauen. Er half ihr, in Alva einen kleinen Lebensmittelladen einzurichten, in dem sie verkaufte, was auf seinen Feldern und ihrem kleinen Stück Land angebaut wurde. Ihre Schwester Enid kümmerte sich um Nesta. Enids Sohn Slegger und Nesta wuchsen auf wie Brüder. Der Rest des Clans half mit, und alle schienen ihren Jungen zu lieben. Omeriah gab sich nicht die geringste Mühe zu verhehlen, dass Nesta sein Liebling war, und Ciddy bedauerte sehr, dass David, der beste Helfer ihres Vaters auf den Feldern, 1945 nach Maryland gezogen war, um bei der War Food Administration zu arbeiten. Fleißig war er, eine Frohnatur und optimistisch – wenn auch ein wenig ruhelos –, das ideale Vorbild für Nesta, und wenn er zu Besuch war, dann wollte der Junge auch nicht von seiner Seite weichen.
»Cho!«, rief Ciddy nochmals mit gespieltem Zorn, als David mit dem Fahrrad vor ihr anhielt. »Where ya tek me pickney? Nesta! Where ya uncle tek ya seh?« (»Wo hast du meinen Kleinen hingebracht? Nesta! Sag, wo hat dein Onkel dich hingebracht?«) Über Davids breite Schultern linsend, gab er seiner Mutter eingeschüchtert Antwort, aber der Ausdruck in seinen tiefen schwarzbraunen Augen bestürzte sie. Wenn der Junge sie unverwandt ansah, wurde sie immer ein bisschen unruhig und verschreckt. Es war eine Intelligenz in seinen Augen, die sein zartes Alter Lügen strafte. Der Junge hatte sich an seinem vierten Geburtstag als schon so weit entwickelt erwiesen, dass Ciddy ihn fast ein Jahr früher als normal in der Stepney School angemeldet hatte. Miss Isaacs, die Lehrerin, hatte ihr bestätigt, dass es richtig gewesen war, und bemerkt, dass Nesta schon so klug sei wie ein doppelt so altes Kind. Aber als seine Mutter fühlte sie sich am wohlsten in ihrer Rolle, wenn sie es vermied, Nestas kühlen Blick zu erwidern. Darin lag mehr als nur die Frühreife eines Schuljungen.
»Vater, ich glaub’, der Junge hat das Feuer eines Priesters in seinem Blick«, hatte sie vor ein paar Monaten abends aufgeregt zu Omeriah gesagt, weil sie wissen musste, ob es auch schon jemand anderem bei ihrem Sohn aufgefallen war. »Etwas Männliches und Bedrohliches (›bullyrige‹), und das macht mir manchmal ein bisschen Angst.«
Ihr Vater hatte sie streng und forschend angesehen und dann, zu ihrer Überraschung, genickt. »Fe true«, murmelte er, »das stimmt, und vielleicht, Gott sei gepriesen, hält es Bullbucker, Bugaboo und Old Hige von ihm fern«, fügte er hinzu und meinte damit die normalen Schinder und Quälgeister, Kobolde und Hexenweiber. (Old Higes sind alte Weiber, die des Nachts aus ihrer faltigen Haut schlüpfen, sich in Feuerbälle verwandeln und schlafenden Kindern das Blut aussaugen.)
»Ist das Kind gehorsam?», fragte er herrisch, aber auch rhetorisch, denn er wusste sehr wohl, dass Nesta eher zu Augenblicken rätselhaften Schweigens oder unerklärlichen Stimmungen neigte denn zur Unart. Er wollte die Spannung lösen, doch Ciddy merkte es nicht.
»Oh, yes, Sah. Er und Slegger helfen mir sehr und benehmen sich gut. Aber Nesta macht sich oft allein auf den Weg in den Wald. Und wenn ich ihm dann nachgehe und ihn finde, dann sitzt er einfach da, tut nichts, sondern denkt nur nach. Und wenn ich frage, was er gemacht hat, dann lächelt er nur so ›blue-swee‹.«
Omeriah sträubten sich die Haare beim dem Wort. ›Blue-swee‹ bedeutete listig, schwer zu fangen, ausweichend. Mit diesem Wort beschrieb man normalerweise einen Scharlatan, einen Obeahman oder Anancy, die trickreiche Spinne aus der afrikanischen Legende.
»Gib acht, was du sagst, min’ yar tongue, Ciddy«, ermahnte er sie streng. »Kein Mann will eine unverschämte Frau, und kein Kind kann eine törichte Mutter gebrauchen. Ich will nichts hören von ›horse dead an’ cow fat‹ (unwichtige Einzelheiten). Sei du ein gutes Beispiel für den Jungen, an’ get a blessin’ from Gawd. Wie der Ast gebeugt wird, so neigt sich der Baum.«
Fe true, dachte sie jetzt und betrachtete den Jungen, wie er sich friedlich an Davids Rücken lehnte und schläfrig an seinem Daumen nuckelte. Gott wusste sicher, wie sehr sie das Kind liebte. So spindeldünn, so schüchtern und so lieb, niemals ›kass-kass‹ (Widerworte) auf den Lippen und nicht streitsüchtig. Er füttert die Hühner, lernt, wie man das Feld bestellt, achtet das Alter. Und er spielt so schön mit Slegger – die Jungen bauen zusammen Burgen unter den Kokospalmen und den Jackbäumen oder tun so, als seien sie die Männer von Captain Bligh und brächten auf dem großartigen Schiff ›Providence‹ Rum und Schätze und ›otaheiti‹ (malaiischen Apfel) nach Jamaika, oder sie hören Omeriahs Geschichten zu und stellen sich vor, sie seien westafrikanische Könige. Und reitet nicht Nesta manchmal auf Nimble, seinem Lieblingsesel, nach Smith, um den Arbeitern auf dem Feld kleine Erfrischungen von Yaya zu bringen?
Fe true, fe true, seufzte sie bei sich, und ein ›kin teet‹ (Lächeln) war auf ihren Lippen, als sie sich vorbeugte, um den kleinen Kopf des Jungen zu küssen. Dann nahm sie ihn auf den Arm.
»Well, I mus’ say dat yuh are in dem ackee«, schalt sie David kichernd. Sie meinte damit, dass David wohlgenährt und zufrieden wirkte, d. h. ausreichend versorgt mit Ackee, der westafrikanischen Frucht, die Jamaikas Hauptnahrungsmittel ist.
David rieb sich den ausladenden Bauch und lachte schnaufend. Er berichtete seiner Schwester, dass es ihm gutgegangen sei in Maryland und dass er daher auch das reichhaltige amerikanische Essen in Mengen genossen habe, aber es sei so schön, wieder einmal etwas Hausgemachtes frisch von Omeriahs Feldern zu essen. Sein Besuch traf mit dem Ende einer Ernte zusammen, und am Abend sollte ein Fest stattfinden, und man wollte die gute Maisernte feiern.
Es war Brauch, dass alle Mitglieder des Clans auf Omeriahs und Yayas Feldern arbeiteten, und seit sie fünf Jahre alt war, hatte Ciddy ihre Pflicht getan, war manchmal nur drei Tage in der Woche zur Schule gegangen und hatte den Rest der Zeit damit verbracht, gemeinsam mit den anderen zu roden und das alte ›top ’n lop‹ zu verbrennen, zu pflügen, zu eggen, zu düngen, zu pflanzen, Unkraut zu jäten, zu ernten. Es war ein ermüdender, aber doch auch freudebringender Kreislauf, und der Lehmgeruch der weichen Erde und die Begeisterung, die langsam stieg, je mehr die Saat voranschritt, gaben denen, die mitarbeiteten, ein aufregendes Gefühl, eins zu sein mit dem Land, seiner farbenprächtigen Erde und den Bewohnern.
Manchmal war die Arbeit öde und monoton, besonders wenn jeder dabei für sich allein blieb. Aber Ciddys Laune besserte sich, wenn die Männer einen von ihren ›diggin’ songs‹ anstimmten und ihn im Chor sangen wie die Soldaten auf dem Marsch, während ihre Hacken fielen, um den Erdboden zu lockern für Mais, Gungu-Erbsen, Maniok, CalJaloo oder um Hunderte von gut dreißig Zentimeter hohen Erdhaufen aufzuwerfen, die ›yam-hills‹ hießen und in denen die Wurzeln der Knollenfrucht neu eingepflanzt wurden. Die Rumflasche ging herum, und dann stimmte ein Mann das Lied an, rief eine Reihe von Zeilen, und die anderen antworteten mit dem ›bobbin‹, dem kurzen Refrain, der den Rhythmus der Arbeit bestimmte, die zu tun war.
Toa-dy, Toa-dy, min’ yar seif!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Min’ yar sei/ mek I plant me com!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Plant me com fe go plant me yam!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Plant me yam fe go court me gal!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Court me gal fe show me mumma!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Mumma de one a go teil me yes!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Poppa de one a go teil me nuh!
(Toa-dy! Toa-dy!)
Im letzten Jahr hatte Nesta seine Mutter immer häufiger auf die Felder bei Smith begleitet, wo er einen Eimer mit Wasser und allerlei Nachrichten zwischen seinen Verwandten hin- und hergetragen hatte, und man hieß ihn gut zuhören, wenn man sich die Zeit nahm, ihn über mancherlei Techniken beim Ackerbau aufzuklären. Auf diese Weise eingeweiht, wurde er auch dann einbezogen, wenn es galt, die Erfolge dieser althergebrachten Arbeitshandlungen zu feiern. Die Treffen, bei denen der Mais geschält wurde, bildeten die letzte und vergnüglichste Phase des Arbeitszyklus, und Ciddy war ganz besonders angetan davon, wie Nesta es genoss, bei diesem Ereignis, an dem die ganze Gemeinde teilhatte, dabei zu sein.
»Nesta, bist du etwa zu müde, um heute Abend zum Maisschälen bei Großvater Omeriah zu gehen?«, neckte sie ihn, als sie sich von David verabschiedete und in die Hütte gehen wollte.
»Nein, Mumma!«, bettelte er und wedelte mit den Armen. Er schien vor Energie platzen zu wollen. »Ich will mit, Mumma!«
David und Ciddy mussten lauthals lachen über seine Vorstellung, und sie wiegte ihn zustimmend in den Armen, bevor sie ihn absetzte.
»Dann hol schnell die Waschschüssel, damit ich dich fein machen kann!«, befahl sie ihm, und er rannte in den Küchenverschlag, während David hinunterfuhr zu Omeriahs Haus, damit er bei den Vorbereitungen für die Nacht zur Hand gehen konnte.
Den ganzen Tag lang, seit Sonnenaufgang, hatten Männer und Frauen in sonnenverblichenen Röcken und Arbeitskleidern die Maiskolben von Smith herübergebracht, aufgehäuft in großen ›cutacoos‹ (Körbe mit Hanfkordeln, um sie über die Schulter zu hängen), auf Eselskarren, die randvoll waren, und gestapelt in Leinenschürzen, die als Beutel dienten, wenn man sie an den Ecken hochraffte. Nesta hatte vom Fenster der Hütte zugeschaut, wie sie am Morgen ankamen, hatte gesehen, wie die Prozession fast lautlos nach Nine Miles zog und wie die Köpfe in den Nebelschwaden auftauchten und wieder verschwanden. Aufgeweckt von den Schreien eines eigensinnigen Esels, hatte er über die Fensterbank hinweggelinst und dann schnell wieder den Kopf eingezogen. War dies Schauspiel von dieser Welt oder von der nächsten? Großvater hatte viel erzählt, dass in der Bibel stand, wie Jakob auf einem Fels eingeschlafen war und geträumt hatte, wie die Toten steile Berghänge hinaufkletterten und hohe Leitern, damit sie in den Himmel kamen, beladen mit all ihrem weltlichen Hab und Gut und der Sünde Sold, und wie die Habgierigen unter ihnen den Halt verloren unter den Füßen oder müde wurden und zusammenbrachen, weil ihre Last sie drückte, und dann hinunterstürzten in die Feuergrube.
Bedachtsam hatte sich Nesta den ›Sandmon dust‹ aus den Augen gewischt und dann noch einen Blick gewagt. Nein, das waren keine Duppies. Er konnte Auntie Enid erkennen und noch andere Verwandte, und sie waren alle sehr lebendig, wenn auch eingehüllt in geisterhaft grauen Nebel. Und sie sahen aus, wie sie vielleicht aussehen würden am Tag des Jüngsten Gerichts.
Beeindruckt von der Feierlichkeit der Prozession, von der Vielzahl der Teilnehmenden und dem Ausmaß ihrer Tätigkeit, hatte Nesta Wache gehalten und gewissenhaft die blitzenden und wie Stoßzähne geformten Klingen der ›boar machetes‹ gezählt, die an den Gürteln der Männer hingen, bis Mumma ihn fand, hingekauert auf dem ›kick-and-buck‹, dem großen Wasserkrug aus Ton, der seinen Namen von den Holzhammerschlägen hatte, die ihn in seine Form gebracht hatten. Sein Kopf lag auf der Fensterbank, gestützt in den Winkel seines Ellbogens.
»Mercy me! Wha’ dis yere?!«
Er sah auf, irritiert vom grellen Licht des Morgens und dem ›cluk-cluk-cluk‹ der Perlhühner um seine Füße, als Mummas besorgtes Gesicht vor ihm auftauchte und sie sein Kinn in ihrer Hand anhob.
»Meine Güte! Will mein Kleiner etwa vor allen anderen im Distrikt zum Maisschälen gehen?« Mit einem zärtlich gemeinten Lachen sprach Ciddy diese Worte, und sie wischte ihm die letzten Reste Schlaf von seinem Gesicht, das die Form eines Diamanten hatte. »Well now, wenn der kluge Mann den rechten Weg finden will, muss er seine Augen offenhalten! Right seh?«
Und jetzt, als er in die Hütte eilte, um die Waschschüssel zu holen, die am Kick-and-buck lehnte, und auf der Stelle hüpfte, um seine besten Overalls zu erwischen, die am höchsten Nagel über dem Strohbett hingen, ließ er nochmals die Bilder der letzten zwölf Stunden passieren. Versonnen sah er zum Fenster hinaus in die Dämmerung, die sich schnell senkte, und er brütete über die Geheimnisse des Morgens, bevor die Sonne aufgegangen war, und der Nacht, bevor der Mond am Himmel stand.
Überall auf den entfernten Bergen sah man in den palmenbeschirmten Nischen die Feuer glimmen, auf denen das Abendessen zubereitet wurde, und sie flackerten orangerot wie die Glühwürmchen. Nesta wurde von seiner Mumma auf den Tisch gehoben, ausgezogen und abgeschrubbt mit einem weißen Lappen, der rau war und nach Seife schmeckte. Als sie ihm den Kopf in die Schüssel tauchte – fast bevor er noch Mund und Augen schließen konnte – wusste er, dass die Prozedur des ›tidyrnice‹ überstanden war. Jetzt, da der Staub des Tages und der klebrige Schweiß weggewaschen waren, fühlte er sich entspannter, hatte nicht mehr das Flattern im Magen in Erwartung des Festes, das da kommen sollte. Dann sah er durchs Fenster die Fackeln im Tal. Schwebend im tintendunklen Dämmerlicht, vereinzelt oder auch in Vielzahl zusammengeballt in den Winkeln der weit entfernten Senken und sich dann ergießend auf die Hangpfade, die hineinführten nach Nine Miles, kamen sie Nesta vor wie lange und schwankende Flammenbäche. Der Klang kräftiger Stimmen kam näher, und die Luft wurde immer mehr geschwängert vom Geruch brennenden Gummis, als die schmalen Ströme von Licht sich näher schlängelten – die Männer hielten brennende Stücke von Autoreifen, aufgespießt auf Stöcke (wodurch zusätzlich auch Insekten vertrieben wurden), und sie redeten lauthals wie bellende Hunde. Die Frauen zankten mit ihnen oder plapperten untereinander, und die Kinder kreischten und tollten, tauchten auf im Licht der zitternden und übelriechenden Fackeln und verschwanden wieder, hin und her.