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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire
Bob Marley - Catch a Fire
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Timothy White Bob Marley - Catch a Fire

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Nachdem der Arbeitskampf beigelegt war (zugunsten der Unternehmer, da sich die Gewerkschaft aufgelöst hatte, nachdem ihr Schatzmeister sich mit den Rücklagen davongemacht hatte), verließ Garvey Jamaika, um längere Zeit zu reisen. Finanzieren tat er das durch Gelegenheitsarbeiten. Zuerst machte er in Costa Rica Station, wo er gegen die beklagenswerten Arbeitsbedingungen für Schwarze bei dem britischen Konsul protestierte. Auf seinen Protest erfolgte keine Reaktion. Als Nächstes begab er sich nach Bocas del Toro in Panama, wo er seine nur kurzlebige Zeitung mit dem Namen La Prensa gründete. Auf seinen weiteren Reisen durch Ecuador, Nicaragua, Honduras, Kolumbien und Venezuela konnte er immer wieder beobachten und erleben, wie man die billigen Arbeitskräfte in den Minen und auf den Tabakfeldern ausbeutete. Mit ihnen diskutierte er ihr bedauernswertes Los in dem von den Weißen beherrschten Westen.

Als er sich 1912 zu einem Besuch in London aufhielt, machte er die Bekanntschaft des sudanesisch-ägyptischen Gelehrten Duse Mohammed Ali, Autor des hochgeschätzten Buches In The Land of the Pharaohs, und ihre Diskussionen vermittelten Garvey Einsichten in die historische und religiöse Bedeutung der schwarzen Diaspora. Auch beschäftigte er sich sehr intensiv mit den Schriften von Booker T. Washington, insbesondere mit Up from Slavery. Größten Einfluss auf Garvey hatte wahrscheinlich Ethiopia Unbound – Studies in Race Emancipation von Casely Hayford, das 1911 in London erschien und dort bei den Mitgliedern der kleinen schwarzen Intellektuellengemeinde auf der Stelle zu einem Klassiker wurde. Der Roman Ethiopia Unbound erzählt die Geschichte eines jungen Afrikaners, der die Goldküste verlässt, um in England zur Schule zu gehen, und der wieder nach Hause zurückkehrt, um sich dem politischen Protest zu widmen. Die Vorstellungen des Buches über die Errettung der afrikanischen Rasse hatte der Autor Casely Hayford bezogen aus dem Werk des Missionars und Professors Edward Wilmot Blyden aus Sierra Leone, des anerkannten ›modernen Propheten‹ schwarzer Emanzipation.

»Das Werk von Männern wie Booker T. Washington und W.E. Burghart Du Bois ist exklusiv und provinziell«, sagt der Protagonist des Buches in einer Szene im Hörsaal. »Das Werk von Edward Wilmot Blyden ist universell, umfasst die ganze Rasse und das ganze Problem.« Der Dozent geht gar so weit, Blyden zu beschreiben als »den größten lebenden Exponenten des wahren Geistes afrikanischer Nationalität und afrikanischen Menschentums«.

Solche heroische Ideen und die erhabenen Namen derjenigen, die sie verraten, schwirrten ihm im Kopf, als Garvey im Frühsommer 1914 in Southampton an Bord eines Dampfschiffes ging. Am 15. Juli betrat er wieder jamaikanischen Boden. Ungefähr zwei Jahre war er fort gewesen, und es dauerte weniger als einer Woche in Kingston, da gründete er die Universal Negro Improvement and Conservation Association and African Communities League, eine Organisation, deren Hauptziel es war, ein College-System nach dem Prinzip der Rassentrennung, aber Gleichberechtigung für die schwarzen Jamaikaner einzurichten, das sich an dem Tuskegee Institute von Booker T. Washington orientierte. Das Motto der Vereinigung, offensichtlich angeregt durch eine Zeile aus Ethiopia Unbound, lautete: »Ein Gott! Ein Ziel! Ein Schicksal!«

Die altehrwürdige britische Tradition, sich zu identifizieren mit den ›Höherstehenden‹, hatte die vorwiegend kreolische Bevölkerung der Insel zu Menschen gemacht, die auf naive Weise danach strebten, die soziale Stufenleiter zu erklimmen, und sich sehnten, ›als Weiß gelten zu können‹. Garvey schrieb später: »Männer und Frauen, so schwarz wie ich oder gar noch schwärzer, hatten sich unter der westindischen Gesellschaftsordnung für weiß gehalten. Es war einfach unmöglich für jemanden, offen die Bezeichnung ›negro‹ zu gebrauchen; und doch nannte ein jeder im Flüsterton den schwarzen Menschen einen ›nigger‹.«

Die Mehrzahl seines eigenen Volkes blieb Garveys Gedankengängen gegenüber feindlich gesinnt. Es liegt eine besondere Ironie darin, dass seine enthusiastischen Anhänger der Bürgermeister von Kingston und der römisch-katholische Bischof waren, beide Weiße.

1915 korrespondierte ein entmutigter Garvey mit Booker T. Washington, und sie planten eine persönliche Begegnung in Alabama, die jedoch nicht zustande kam, weil Washington vorher starb. Als er den jamaikanischen Widerstand gegen seine Idee von schwarzem Stolz satthatte, ging Garvey 1916 in die Vereinigten Staaten, um dort Anhänger zu finden. Nachdem er in ungefähr fünfunddreißig Staaten ein zugänglicheres Publikum gesucht hatte, fand er schließlich eines in Harlem, und im nächsten Jahr verkündete er die Gründung der Universal Negro Improvement Association (UNIA) als eine Bruderschaftsorganisation für ortsansässige Politiker, führende Leute aus dem Geschäftsleben und ehrgeizige, an Bürgerrechten interessierte Schwarze. Garvey war jedoch nicht zufrieden mit der Politik, und bald schon nutzte er die Vereinigung als Kanzel, von der er das schwarze Repatriierungsprogramm predigte, das er als die einzige Lösung für die Rassenspannungen zwischen Schwarz und Weiß in Amerika, ja in der ganzen Welt ansah.

Garvey war ein genialer Medienmanipulator und zeichnete verantwortlich für eine Zeitung namens The Negro World, eine Monatszeitschrift mit dem Titel The Black Man sowie für ein Schifffahrtsunternehmen, das er Black Star Line getauft hatte. Er behauptete, die UNIA habe eine Mitgliederschaft von über zwei Millionen, und organisierte spektakuläre Paraden und Versammlungen im Madison Square Garden, wo er seine Gefolgsleute mit seiner ›Äthiopien, Land unserer Väter!‹-Rhetorik zu Begeisterungsstürmen brachte. Erfindungsreich in seiner Absicht, allenthalben Respekt für schwarze Menschen zu gewinnen, entsandte er sogar eine Kommission zur Konferenz des Völkerbundes, die nach dem Ersten Weltkrieg in Genf stattfand, und ließ von ihr beantragen, dass bestimmte Territorien, die unter der Herrschaft Deutschlands standen, den amerikanischen Schwarzen als Dank dafür überlassen wurden, dass sie geholfen hatten, den Krieg zu gewinnen.

»Wir Neger glauben an den Gott von Äthiopien, den ewigen Gott – den Gott der Götter, Gott den Heiligen Geist, den einen Gott aller Zeiten!«, tönte er. »Dies ist der Gott, an den wir glauben, aber anbeten werden wir ihn, indem wir von Äthiopien auf ihn schauen« – aus dem gelobten Land, das allgemein von afrikanischen Völkern als die Wiege der Zivilisation angesehen und sowohl in der koptischen wie in der King-James-Bibel in solchen Passagen wie folgender aus dem 68. Psalm gepriesen wird: »Princes shall come out of Egypt; Ethiopia shall soon stretch out her hands unto God.« (»Die Fürsten aus Ägypten werden kommen, Mohrenland wird seine Hände ausstrecken zu Gott.«)

Garveys gewichtigste Voraussage, die er angeblich zuerst in seinen Reden vor Jamaikas Ärmsten der Armen formuliert hat (die Mulattenbevölkerung der Mittel- und Oberklassen hatte ihn schon abgewiesen), war die kühne Behauptung: »Seht nach Afrika, auf die Krönung eines schwarzen Königs; Er wird der Erlöser sein.«

Als 1930 Ras Tafari Makonnen, Urenkel von König Saheka Selassie von Shoa, zum Kaiser von Äthiopien gemacht und zum Negus Negesti (König der Könige) proklamiert wurde, sahen Jamaikas Slumbewohner und die Armen vom Lande, für die Garvey so etwas wie ein heldenhaftes Orakel gewesen war, dieses Ereignis als die Erfüllung einer Prophezeiung, in der die Erlösung versprochen war. Tatsächlich hatte schon seit 1784, als der amerikanische Baptistenprediger George Liele die Ethiopian Baptist Church auf der Insel gründete, Äthiopien für die von Sklaven abstammenden Jamaikaner ganz Afrika symbolisiert. Die ›Garveyites‹ reagierten überwältigt auf Zeitungs- und Wochenschauberichte über den Pomp bei Selassies Krönung in Addis Abeba und registrierten die Symbolik in der Wahl seines formellen Titels, denn ›Haile Selassie‹ hat die ehrende Bedeutung ›Macht der heiligen Dreieinigkeit‹. Selassie, das wussten sie, sagte von sich, er stamme in direkter Linie von König Salomon ab, und deswegen kamen sie zu der Überzeugung, er müsse der langerwartete Erretter der auf dem Planeten verstreuten afrikanischen Völker sein.

Garveys Aufforderung (»Seht nach Afrika …«) wird gewöhnlich als jener Funke zitiert, der die Garveyites dazu brachte, jene Sekte zu gründen, die später als Rastafarianusmus (so genannt, weil Selassie so hieß) bekannt werden sollte. In dem Buch Reggae Bloodlines sagt Stephen Davis kurz und bündig: »Rasta beginnt mit Marcus Garvey.« Nach den Ergebnissen neuer Forschungen von Historikern wie Robert A. Hill von der University of California in Los Angeles gibt es keinen Beweis dafür, dass Garvey je in seinem Leben eine solche Voraussage über einen göttlichen schwarzafrikanischen König gemacht hat. Hätte er es jedoch getan, wäre es eine höchst ungewöhnliche Abwendung von seiner streng politischen Haltung, denn obgleich er sich manchmal in seinen Reden kirchlicher Rhetorik bediente, gab er sich weder als Prediger noch als Prophet.

Überdies nahm er eine höchst kritische Haltung gegenüber Selassie ein und betrachtete die erfolgreiche Eroberung Äthiopiens durch Mussolini Mitte der dreißiger Jahre als den Tiefpunkt der kaiserlichen Unfähigkeit des Königs der Könige. Obwohl es Garveys UNIA-Anhängern gestattet worden war, bei einer inzwischen berühmten Straßenparade am Sonntag, dem 4. Januar 1931, zusammen mit Mitgliedern der Black Jews, Plakate von Garvey und Selassie mitzuführen, sollte Garvey selbst später zu einem offenen Widersacher derjenigen werden, die Selassies Göttlichkeit propagierten. Anfang 1933 weigerte er sich unerbittlich, dem Rasta-Führer Leonard Percival Howell die Erlaubnis zu geben, Bilder des Kaisers in Garveys Hauptquartier in Edelweiss Park in Kingston zu verteilen. Und in seinen Begrüßungsworten bei einer Sitzung während des UNIA-Kongresses 1934 »wies Mr. Garvey auch auf den Ras Tafari-Kult hin« – so die Ausgabe der Jamaica Times vom 25. August – »und sprach von ihm mit Verachtung«.

Es hat den Anschein, als sei die aufrüttelnde Mahnung, »nach Afrika zu blicken«, stattdessen von dem Rev. James Morris Webb ausgesprochen worden, einem Geistlichen/Mystiker aus Chicago, der Mitstreiter Garveys war und Autor eines Buchs, das 1919 im Mittleren Westen der USA erschien und den Titel trug: A Black Man Will Be the Coming Universal King, Proven by Biblical History. Webb sprach die schicksalshaften Worte bei einem UNIA-Kongress im September 1924. Und wenn Garvey, wie unbeabsichtigt auch immer, in der Vorstellung der meisten Gläubigen zum Vater des Rastafarianismus wurde, so war er im Grunde nur der Erbe einer Tradition messianischen schwarzen Mystizismus, der schon seit geraumer Zeit auf Jamaika und anderswo blühte.

Der spirituelle Pionier der Zurück-nach-Afrika-Bewegung war Alexander Bedward, ein jamaikanischer Wunderheiler und Kräutersammler, von dem man sagt, er habe in den ersten Jahren nach 1900 in Voraussicht auf den Tag, an dem der schwarze Mann zum Vorherrscher werde, in Spanish Town Wunder vollbracht. Wie so viele seiner umstrittenen Kollegen endete auch er in einer Heilanstalt für Geisteskranke, wo er 1921 eingeliefert wurde und 1933 starb.

Begründet ist der Rastafarianismus jedoch auf der Holy Piby, der ›Bibel des schwarzen Mannes‹, die von einem gewissen Robert Athlyi Rogers aus Anguilla zwischen 1913 und 1917 zusammengestellt wurde. Es war kein Zufall, dass sie im selben Jahr – 1924 – veröffentlicht wurde, als Rev. Webb seine Erklärung abgab. Ein Geistlicher aus Barbados mit Namen Rev. Charles F. Goodridge war in Colon, Panama, auf die geheime Bibel gestoßen. Zur gleichen Zeit wurden jedoch große Mengen des Buches in Newark, New Jersey, von anderen Gläubigen gedruckt, und von dort aus wurden Exemplare der Piby nach Kimberly in Südafrika verschifft, wo Missionare, die die schwarze Vorherrschaft predigten, für die Arbeiter aus den Diamantenfeldern eine Kirche mit dem Namen Afro-Athlican Constructive Church (AACC) gründeten. Bei seinen Bekehrungsbemühungen tat sich Goodridge mit einer Frau namens Grace Jenkins Garrison zusammen, und gemeinsam brachten sie die Doktrin der Holy Piby 1925 nach Jamaika, wo sie unter dem Namen Hamatic Church einen Ableger der AACC ins Leben riefen.

Da sie augenblicklich auf starken Widerstand der Fundamentalisten, der Revivalisten und konventioneller christlicher Kirchenführer stießen, weil sie Anhänger der okkulten Bibel waren, flohen Goodridge und Garrison vor der Verfolgung in das Buschgebiet der Gemeinde von St. Thomas im östlichen Jamaika, und dort wurde die junge Saat des Rastafarianismus gepflegt. Frühe Rasta-Führer wie Leonard P. Howell fanden ihren Weg in die verbotenen Lager, um die Holy Piby zu lesen – angeblich der ersten Bibel am nächsten kommend, von der man sagte, sie sei auf Amharisch geschrieben (jahrhundertelang die offizielle Sprache von Äthiopien, und, wie behauptet wird, die ursprüngliche Sprache der Menschheit). Goodridge und Garrison behaupteten, dass weiße Kirchengelehrte unter den ersten Päpsten die amharische Bibel durch Übersetzung und Bearbeitung entstellten, um Gott und seine Propheten zu Weißen statt Schwarzen zu machen. In der Piby gab es ein Kapitel unter der Überschrift ›Die Lebenskarte des schwarzen Mannes‹, in dem sein schwieriges, aber schließlich glorreiches Schicksal von der Schöpfung bis zum Harmageddon und darüber hinaus dargestellt wurde.

Die frühen Rasta-Songs und Gesänge einschließlich des traditionellen ›Rasta Man Chant‹, den Bob Marley Mitte der siebziger Jahre aufnehmen sollte, waren der Piby entnommen, wo sie in ›glossolalia‹, einer kaum verständlichen ›Engelssprache‹, aufgezeichnet waren, die sich als dem ritualistischen Jargon sehr ähnlich erwies, der in den dreißiger und vierziger Jahren von dem selbsternannten englischen Magier Aleister Crowley, dem sogenannten ›Great Beast‹, in seinen okkulten Golden Dawn-Zeremonien verwendet wurde.

Unter denjenigen, die in St. Thomas die Piby studierten, befand sich der Rev. Fitz Balintine Pettersburgh, der 1926 ein gleichermaßen geheiligtes Dokument bei der geheimen Bruderschaft der Piby einführte. Es handelte sich um die Royal Parchment Scroll of Black Supremacy, welche Pettersburgh als das ›oberste Buch der königlichen Gesetze für das äthiopische Zentrum im Westen‹ bezeichnete. In dieses Buch nahm Pettersburgh die Prophezeiung des Rev. James Webb auf, in der die Entstehung eines neuen äthiopischen Kaiserreichs unter der Herrschaft eines schwarzen Gottkönigs beschrieben wurde. Besonderen Anklang fand die Royal Parchment Scroll (Königliche Schriftrolle aus Pergament) bei den panafrikanischen ›Ethiopianist‹-Organisationen wie der Ethiopian Guild und der Brotherhood Mission, die auf Jamaika aufblühten. Das letzte Teil in dem theologischen Puzzle-Spiel war der Promised Key, auch die Rasta-Bibel genannt, wobei es sich um ein Plagiat der Royal Parchment Scroll durch Leonard P. Howell handelte. Scharlatan, der er bestimmt auch war, machte Howell neue Anhänger glauben, es handele sich bei dem Buch um ein uraltes Werk, das in Akkra, der Goldküste, entstanden war, aber tatsächlich hatte er selbst es 1935 auf Jamaika herausgebracht.

Während all dies auf Jamaika geschah, hatte Marcus Garvey, der herausragendste Exponent panafrikanischer Hoffnungen und Sehnsüchte, in den Vereinigten Staaten seine Schwierigkeiten mit der Mission von einer Repatriierung der schwarzen Masse. 1922 wurden er und drei Funktionäre der UNIA wegen Betrugs festgenommen. 1923 wurde Garvey wegen Betrugs und Einkommensteuerhinterziehung vor Gericht gestellt und verurteilt (er behauptete, man habe ihm eine Falle gestellt), und nachdem seine Berufungen abgeschmettert worden waren, saß er im Bundesgefängnis in Atlanta ein, bis Präsident Calvin Coolidge 1927 seine Strafe aussetzte. Im Dezember desselben Jahres wurde er über Panama nach Jamaika deportiert, und fast hätte man ihm die Einreise in sein Heimatland verweigert. Im März 1926 hatte der amtierende Gouverneur von Jamaika an den britischen Minister für die Kolonien geschrieben und gewarnt: »Meine Befürchtungen werden bestätigt von zwei gewählten Mitgliedern des Legislativrates, die darauf hinweisen, dass es schon ein geringes Ausmaß antiweißer Propaganda durch eine religiöse Gemeinschaft in zumindest einem Bezirk gibt, die durch Garvey wahrscheinlich aufgeheizt werden wird.«

Der Bezirk, auf den man sich bezog, war St. Thomas, und bei der religiösen Gemeinschaft handelte es sich um die Bruderschaft der Piby. Was die antiweiße Propaganda betraf, so war die Bruderschaft nur der Meinung, die afrikanische Rasse, einstmals die vornehmste auf Erden, jetzt jedoch die missachtetste und gequälteste, werde eines Tages wieder ihre Stellung als die von Jah bevorzugte erleben.

Am 17. Mai 1926 veröffentlichte der Daily Gleaner einen oberflächlichen Bericht über die Piby. Zwei Tage später erschien im Gleaner eine Fortsetzung: »Neue Glaubenslehren in der Holy Piby enthalten, einem bemerkenswerten Buch, das in den Vereinigten Staaten gedruckt und in Umlauf gebracht wird. Glaubhafte Religion, als deren Apostel Marcus Garvey gilt.« Der Gleaner vom 27. Mai: »Gerüchte über eine Massenveranstaltung zur Denunziation der Holy Piby.«

Am 4. Juni werden Sprecher der UNIA zitiert, die sagten, Garveys Organisation habe nicht das Geringste mit der Piby zu tun. Aber da Garveys Rückkehr nach Jamaika in Kürze bevorstand, ließ sich der Gleaner, das Sprachrohr der oberen Mittelklasse, nicht von seinem Ziel abbringen, nämlich Garvey bei dem religiösen Establishment der Schwarzen auf der Insel in Misskredit zu bringen.

Am 6. Juni erschien im Gleaner ein Leitartikel mit der Überschrift »Eine neue Religion«:

»Wir haben zwei Publikationen der neuen äthiopischen Religion erhalten, auf die wir in letzter Zeit des Öfteren angespielt haben. Diese Bücher bzw. Pamphlete ergänzen die Holy Piby, die die Heilige Schrift ersetzende Bibel der Garveyiten, die proklamiert, Elias sei der Erlöser gewesen – eine Behauptung, die den ernsthaften und kompromisslosen Hebräer entsetzt hätte. Es ist nur recht, wenn man sagt, dass diese Religion allerorts nur wenige Bekehrte gefunden hat. Einige törichte und leichtgläubige Menschen haben sich möglicherweise dazu veranlasst gesehen, ihr Geld in eine Black Star Line zu investieren, die kaum je mehr als drei Schiffe besaß und nur durch Spenden von Freunden von Hafen zu Hafen gelangen konnte. Dieselben Leute wehrten sich allerdings, als sie zu diesem Pech verfolgten kommerziellen Unternehmen auch noch eine Religion annehmen sollten. In Jamaika wird man über Dinge dieser Art jedenfalls so lange lachen, bis sie nicht mehr existieren. Dinge dieser Art sind nur unverschämt. Sie weisen eine Art von Vulgarität auf, die sogar die Vulgären ekelt.«

So wurde Garvey, der sich auf dem Heimweg befand, als krimineller Lump dargestellt, als Ketzer und unverantwortlicher, unehrlicher und blasphemischer Anführer, der nichts als heftigste Verachtung verdient habe. Bei Besuchen in den alten UNIA-Hauptquartieren auf den Westindischen Inseln und in Zentralamerika versuchte er, die Bewegung wieder zusammenzubringen, aber überall traf er auf Interesselosigkeit. 1928 sprach er in Londons riesiger Royal Albert Hall vor fast leerem Haus. Da seine Anhängerschaft sich derartig aufgelöst hatte und sein geliebtes Jamaika ihm absolut feindselig gesinnt war, ließ sich Garvey 1935 wieder in England nieder. »Führerschaft bedeutet alles – Schmerz, Blut, Tod«, so lautete sein persönliches Credo. 1940 blieb ihm dann gar nichts mehr, und man begrub ihn in britischer Erde.

Aber der Rastafari-Glaube hatte in seinem Heimatland Wurzeln gefasst und gewann hauptsächlich als eine bäuerliche Landesbesetzungs-Bewegung mit religiösem Anstrich immer mehr Bedeutung. Howell rief seine Gemeinde auf: »Jener Mann in England (zuerst George V., dann Edward VIII.) ist nicht unser König! Behaltet das Land, bezahlt keine Steuern, denn unser König, der König aller Könige, ist jetzt in Äthiopien gekrönt worden, und aller Tribut gebührt nur ihm!«

Howell und eine ganze Schar anderer Rasta- und Pseudo-Rasta-Führer machten sich an die Aufgabe, dieser kühnen neuen Religion Hand und Fuß zu geben. Unter diesen Theoretikern befanden sich H. Archibald Dunkley und Joseph Nathaniel Hibbert, beides Mitglieder des überaus geheimen ägyptischen Freimaurer-Ordens, der bekannt war unter dem Namen ›Great Ancient Brotherhood of Silence‹ (Große, uralte Bruderschaft des Schweigens), Robert Hinds, ein Schüler von Bedward; David und Annie M. Harvey, 1931 Gründer der ›Israelites‹-Sekte, und der selbsternannte Prince Edward Emanuel, der von sich behauptete, 1915 in der Kirchengemeinde von St. Elizabeth leibhaftig vom Himmel herabgestiegen zu sein und daher wie der biblische Melchisedek keine sterblichen Eltern zu besitzen. Andere frühe Rasta-Führer waren Claudius Henry, Altamont Reed, Paul Ervington und Vernal Davis.

Diese selbsternannten ›Propheten‹ formulierten eine Anzahl von Diät- und Hygiene-Gesetzen, die mit der religiösen Lehre einhergingen. Sie verlangten von ihren Anhängern, keinen Alkohol, keinen Tabak und kein Fleisch (besonders kein Schweinefleisch) zu sich zu nehmen und auch keine Schalentiere, keine schuppenlosen Fische, keine Raubfische und keine aasfressenden Meerestiere und auch nicht viele allgemein verbreitete Gewürze wie zum Beispiel Salz. Kurz, alles, was nicht ›ital‹ war, eine Rasta-Bezeichnung für ›rein‹, ›natürlich‹ oder ›sauber‹, war verboten. Außerdem verboten sie das Kämmen oder Schneiden von Haaren und zitierten dazu die heilige Anweisung im 3. Buch Mose, 21,5: »Sie sollen auch keine Glatze scheren auf ihrem Haupt noch ihren Bart stutzen und an ihrem Leibe kein Mal einschneiden.« Ihre Haarsträhnen ließen sie verfilzen und sich verflechten zu Dreadlocks, so genannt, um die Aversion der Nichtgläubigen gegenüber ihrem Aussehen zu verspotten. (Das Substantiv ›dread‹ – Schrecken, Grauen – hat sich seither ebenfalls in ein Wort des Lobs gewandelt.) Das Kraut ›ganja‹ (Marihuana) wurde von ihnen als ›wisdomweed‹ (Weisheitskraut) angesehen, und die Rasta-Führer drängten darauf, es in einem religiösen Ritus zu rauchen, denn sie sagten, es sei auf dem Grab von König Salomon gefunden worden, und sie zitierten Passagen aus der Bibel, so den Psalm 104,14, um seine sakramentalen Eigenschaften zu bestätigen: »He causeth the grass to grow for the cattle, and herb for the service of man, that he may bring forth food out of the earth.« (»Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst.«)

Der Kult verschrie die aus Afrika stammende Pukumina-Religion auf Jamaika sowie alle christlichen Kirchen als dekadent. Überdies verkündete man, die Schwarzen seien die überlegenere Rasse, und nach dem Harmageddon würden sie über alle Schöpfung herrschen, wie sie es zu Anbeginn getan hätten.

Die Rastas wiesen Vorwürfe anderer Religionen von sich, sie seien anti-weiß oder anti-braun (gegen die Mulatten), und forderten alle auf, zu bereuen und Jah (eine Kurzform für Jehova) anzuerkennen. Sie gelobten, dass zu einer geheimen Stunde, die nur einigen wenigen ganz besonders Frommen bekannt sei, die Gläubigen zurückkehren würden nach Äthiopien auf eine Weise, die nicht enthüllt sei, und damit endlich das tropische Dampfbad Jamaika verlassen könnten, das sie buchstäblich als die Hölle auf Erden betrachteten. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch würden sich die Rastas weigern, Anteil zu nehmen an den Machenschaften des täglichen Lebens und Handelns in ›Babylon‹, dem Ort, an dem der Geist sich zeitweilig in Gefangenschaft befinde.

Die Armen folgten massenhaft dem Ruf der Rastas, da der Kult ihrem Status als Ausgestoßene der Gesellschaft ein gewisses Ansehen zusprach. Als Rastas konnten sie jetzt in Würde auf den Tag des Jüngsten Gerichts warten, an dem die Ersten die Letzten sein würden und die Letzten die Ersten. 1934 hatte es der Rastafarianismus zu einer starken Gefolgschaft besonders bei den unteren Klassen und in den Ghettos von Kingston gebracht.

Ein Ableger der Ethiopian World Federation, Inc., einer Interessengemeinschaft, die gegründet worden war, um im Ausland Sympathien und Unterstützung für den äthiopischen Kampf gegen den italienischen Faschismus zu gewinnen, wurde 1938 auf Jamaika ins Leben gerufen. Die Reaktion von Rastas und Nicht-Rastas war gleichermaßen enthusiastisch, und 1955 verkündete Selassie, der während Mussolinis Besetzung seines Kaiserreichs (1936–1941) im Exil gewesen war, fünfhundert fruchtbare Morgen seines persönlichen Landbesitzes stünden schwarzen Siedlern aus dem Westen zur Verfügung, die Äthiopiens Kampf zur Bewahrung seiner Freiheit unterstützt hatten. Jamaikas Rastas waren begeistert über dies Angebot und forderten ihre Landsleute auf, die in großer Anzahl nach England auszuwandern begannen, um dort Arbeit zu finden: »Ethiopia, yes! England, no! Let my people go!«

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