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Klaus Mann Der Kaplan
Der Kaplan
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Klaus Mann Der Kaplan

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LUIGI: »Würdest du denn nicht gern wissen, wo er ist?«

UMBERTO: »Ich glaube, ich weiß, wo er ist: bei den Faschisten.«

LUIGI: »Verrückt, so was zu machen, oder?«

UMBERTO: »Vielleicht gar nicht verrückt – von ihrem Standpunkt aus. Siehst du, wenn die Faschisten gewinnen, dann haben Leute wie die Silottis – Vater und Sohn – hier das Sagen.«

LUIGI: »Der kleine Ernesto hat das Sagen? Was für ein Gedanke! Stell dir das vor!«


Er imitiert ERNESTOS Art zu gehen und zu gestikulieren. Sie lachen.


BLENDE.


12. INNEN, HAUS DES BÜRGERMEISTERS …: Ein großer Raum unten. Steinfußboden; offener Kamin, in dem ein schwaches Feuer brennt. Niedrige Decke. Im Hintergrund führt eine Treppe ins Obergeschoss. Die Küchentür steht halb offen.

Es gibt nur wenige Möbel (ein schwerer Tisch, einige Stühle) –: alles ist an die Wände geschoben worden, um Platz für das Fest zu schaffen. Der Raum sieht allerdings noch nicht sehr weihnachtlich aus – mit Ausnahme eines kleinen dürren Weihnachtsbaums.

Trübes Zwielicht. Bedrückte Stimmung.

Die knochige MATRONE und die ZWEI KLEINEN MÄDCHEN, die wir beim Eintreten gesehen haben, sitzen auf drei Stühlen entlang der Wand. Von ihnen entfernt in einer Ecke die Gruppe der KINDER, die mit ihren älteren Brüdern angekommen waren: schweigend, zusammengedrängt, als würden sie einen aufkommenden Sturm erwarten. ERNESTO steht reglos am Kamin – den anderen den Rücken zugewandt; er wärmt sich die Hände an der Flamme.

Nach langem, versteinertem Schweigen beginnt eins der zwei KLEINEN MÄDCHEN zu sprechen, mit hoher, piepsiger Stimme – sie wendet sich ängstlich an ihre Mutter, die knochige MATRONE.


KLEINES MÄDCHEN: »Wo sind die Amerikaner, Mama?«

MATRONE: »Noch nicht da, Kind.«

KLEINES MÄDCHEN: »Wo sind die Caramelli?«

MATRONE: »Die Amerikaner bringen die Caramelli mit, Kind.«

KLEINES MÄDCHEN: »Wann kommen die Amerikaner denn?«

MATRONE: »Wenn die Feier beginnt.«

KLEINES MÄDCHEN: »Und wann beginnt die Feier?«

MATRONE: »Bald. Wir sind zu früh. Ich fand es klug, früh da zu sein, damit wir nichts verpassen. Jetzt hab Geduld und rede nicht so viel.«

KLEINES MÄDCHEN (weinerlich): »Ich will Caramelli.«

ANDERES KLEINES MÄDCHEN (fällt in das Gejammer ein): »Ich will mit den Amerikanern tanzen. Mama, du hast versprochen, dass die Amerikaner mit mir tanzen.«


ERNESTO, noch immer mit dem Rücken zu den anderen, weicht zurück.


MATRONE: »Geht es dir nicht gut, Ernesto?«

Ohne zu antworten eilt ERNESTO zur Treppe. Als er an der Küchentür vorbeikommt, hört man die Stimme seiner MUTTER.


SIGNORA SILOTTIS STIMME: »Ernesto, mein Sohn! Komm einen Augenblick her – tust du das?«

ERNESTO (zögert, dann, mit heiserer Stimme): »Ja, Mutter.« (Er öffnet die Küchentür.)


SCHNITT AUF:


13. INNEN, KÜCHE …: Ein kleiner Raum, die Hälfte des verfügbaren Platzes wird von einem enormen, rußgeschwärzten Herd eingenommen, die andere Hälfte ist mit altertümlichen Küchengeräten aller Formen und Größen vollgestopft – Pfannen, Töpfe, Geschirr.

Umgeben von so vielen klobigen und glänzend polierten Gegenständen, wirkt SIGNORA SILOTTI erst recht klein und farblos. Sie ist eine abgearbeitete kleine Frau, die viel älter aussieht, als sie tatsächlich ist (nämlich ungefähr 55), mit runzligem, besorgtem, großäugigem Gesicht, das von fast weißem Haar eingerahmt wird.

Sie steht vor einem offenen Schrank voller altmodischem Porzellan und Silbergeschirr mit dem Rücken zu ERNESTO, der langsam und widerstrebend eintritt.

Nahaufnahme von SIGNORA SILOTTI[8] – ihr Gesicht ist angespannt vor Erwartung und Sorge, während ihre Hände mechanisch Tassen und Löffel auf ein großes hölzernes Tablett stapeln. Die Kamera schwenkt auf ERNESTO – sie zeigt seine kantigen, verkrampften Züge, die sich etwas lockern und aufhellen, während er schweigend den gebeugten, müden Rücken seiner Mutter anstarrt. Lange Zeit herrscht Schweigen.


SIG. SILOTTI: »Fröhliche Weihnachten, mein Sohn.«

ERNESTO: »Danke, Mutter.«

SIG. SILOTTI: »Neuigkeiten?«

ERNESTO: »Neuigkeiten – von wem?«

SIG. SILOTTI: »Du verstehst mich sehr gut.«

ERNESTO (mit unterdrückter Irritation): »Wie oft muss ich dir sagen, Mutter, dass ich von Vater seit dem Tag, an dem er gegangen ist, nichts mehr gehört habe. Ich weiß nicht, wo er ist.«

SIG. SILOTTI (dreht sich plötzlich um und sieht ihren Sohn direkt an): »Aber du weißt, dass er noch am Leben ist, oder?«

ERNESTO: »Ich weiß gar nichts, Mutter – wirklich. Wenn ich Informationen hätte – ich würde sie bestimmt nicht vor dir verbergen. Warum sollte ich?«

SIG. SILOTTI (sieht ihn immer noch an): »Ja – warum solltest du?«

ERNESTO (fühlt sich unter ihrem forschenden Blick unbehaglich): »Doch unglücklicherweise gibt es nichts – keine Botschaft, kein Lebenszeichen …«

SIG. SILOTTI (mit einem Seufzer): »Ich verstehe.« (Sie setzt sich auf einen kleinen Hocker neben den Herd – plötzlich todmüde.)


Schweigen. Dann:


SIG. SILOTTI: »Ich habe dich nicht in der Kirche gesehen.«

ERNESTO: »Ich gehe nie zur Kirche, Mutter – das weißt du.«

SIG. SILOTTI: »Auch nicht an Weihnachten?«

ERNESTO: »Die christlichen Feiertage bedeuten mir nichts. Und außerdem, selbst wenn ich das Bedürfnis hätte zu beten – wir haben keinen Ort, um Gott zu verehren. Der Feind hat unsere Kirche zerstört.«

SIG. SILOTTI: »Eine halb zerstörte Kirche ist besser als gar keine.«

ERNESTO: »Wir haben auch keinen Priester.«

SIG. SILOTTI: »Weil unser Padre von schlechten Menschen ermordet wurde.«

ERNESTO: »Er wurde nicht ermordet: Er bekam eine gesetzliche Gerichtsverhandlung, wurde verurteilt und bestraft. Seine Schuld stand außer Zweifel.«

SIG. SILOTTI: »Seine Schuld? Ach, Sohn, Sohn … Er war ein heiliger Mann, ein Heiliger. Wie könnte ein Heiliger schuldig werden?«

ERNESTO (heftig): »Begreifst du denn nicht, Mutter, dass dein Heiliger für den Feind gearbeitet hat? Ein Verräter, das war er, dein heiliger Mann. Ein Schuft, einer von der 5. Kolonne …«

SIG. SILOTTI (unterbricht seinen Ausbruch mit überraschender Autorität): »Hör auf, Sohn, das reicht.«

ERNESTO (brummt): »Na gut, reden wir nicht darüber.«


Wieder Schweigen; dann:


ERNESTO: »Wer hat denn heute Morgen die Messe gelesen?«

SIG. SILOTTI: »Es gab keine Messe. Nur Gebete, Lieder und eine Predigt.«

ERNESTO: »Und die Predigt – wer hat die gehalten?«

SIG. SILOTTI: »Unser amerikanischer Freund.«

ERNESTO (spöttisch): »Der Kaplan? Das ist ja gediegen, ich muss schon sagen! Ein Kerl, der die Uniform des Feindes trägt – predigt in einer Kirche, die dieser Feind zerstört hat! Was für eine Ironie! Was für eine Beleidigung! Und er ist nicht einmal katholisch …«

SIG. SILOTTI: »Katholisch oder nicht – Amerikaner oder nicht: Er ist ein guter Mensch, ein guter Christ, sehr hilfsbereit und freundlich. Ich bin mir sicher, du wirst ihn mögen.«

ERNESTO: »Wovon redest du? Ich werde diesen Herrn nicht kennenlernen.«

SIG. SILOTTI: »Doch, das wirst du. Er wird jeden Moment hier sein. Weißt du, er war es, der das Kinderfest heute Nachmittag vorbereitet hat.«

ERNESTO: »Du hast doch wohl nicht erwartet, dass ich an dieser lächerlichen Wohltätigkeitsveranstaltung teilnehme, Mutter?«

SIG. SILOTTI: »Warum, natürlich, Ernesto! Es wird ein schönes Fest, mit viel amerikanischem Essen, mit heißer Schokolade und anderem mehr. Natürlich musst du kommen. Bei einer Weihnachtsfeier in unserem eigenen Haus fortzubleiben – was für ein Gedanke!«

ERNESTO: »Ich kann das nicht, Mutter. Das kommt nicht in Frage.«

SIG. SILOTTI: »Ernesto, bitte! Komm doch! Lass es dir mit uns zusammen gut gehen! Befreunde dich mit dem Kaplan und den anderen Amerikanern! Sei ein guter Junge! Bitte!«

ERNESTO: »Besteh nicht darauf, Mutter: Ich kann nicht …«

SIG. SILOTTI: »Tu es mir zuliebe, Ernesto! Es ist das einzige Weihnachtsgeschenk, um das ich dich bitte …«

ERNESTO (schreit heraus): »Ich kann nicht!«

SIG. SILOTTI (erschrocken – ihre Stimme zittert vor Angst und Zuneigung): »Was ist denn nur? … Erzähl mir alles … Sag es deiner Mutter, Ernesto … Was ist denn nur, mein armer kleiner Junge?«

ERNESTO (mit einem noch heftigeren Aufschrei): »Nenn mich nicht deinen armen kleinen Jungen! Ich ertrage es nicht. Ich will kein Mitleid – nicht von dir und nicht von den Amerikanern!«

SIG. SILOTTI: »Warum sollte dich denn jemand bemitleiden? Du bist klug, hast einen scharfen Verstand und Mut: Du wirst es weit bringen, eine große Karriere machen …«

ERNESTO: »Ach, hör auf, Mutter, hör auf! Wie soll ich denn Karriere machen, wenn der Feind gewinnt? Das ist das Ende – verstehst du das nicht, Mutter? Es ist das Ende meiner Hoffnungen, meiner Ambitionen – das Ende von Italien: das Ende von Allem …«

SIG. SILOTTI: »Beruhige dich, Ernesto! Sprich nicht so laut. Man könnte dich nebenan hören …«

ERNESTO: »Und wenn sie mich hören – was macht das schon? Ist es eine Schande, Patriot zu sein? Ist es ein Verbrechen, auf den Sieg des eigenen Landes zu hoffen? Wir haben diesen Krieg nämlich noch nicht verloren! Und wir werden ihn nicht verlieren – nein!« (Er ballt die Fäuste.) »Egal, wie finster die Aussichten im Moment sein mögen – der Sieg wird uns gehören! Sie werden sich wundern – die Plutokraten, die Juden, die Bolschewisten, die Lügner, die Heuchler …«

SIG. SILOTTI: »Warum hasst du sie so?«

ERNESTO: »Weil sie uns zerstören wollen – und sich zugleich als Befreier aufspielen. Weil sie unsere Kirchen bombardieren – und dann predigen sie brüderliche Liebe von der zerstörten Kanzel. Weil sie unsere Kinder töten – und dann füttern sie sie mit Caramelli. Weil sie ständig über Toleranz reden – und dann lachen sie … und lachen … über einen Krüppel.« (Seine Stimme ist tränenerstickt.)

SIG. SILOTTI: »Wer lacht …? Was für ein Krüppel …? Ich verstehe nicht …«

ERNESTO: »Erst heute Morgen … Einer ihrer Offiziere – er fuhr im Jeep vorbei … Einer dieser arroganten jungen Kerle: gute Figur, gut genährt, gut gekleidet – ein wahrer Plutokrat … Ich stand zufällig an der Straße – hab nichts gemacht. Und dieser Lieutenant – dieser Gauner in seinem Jeep – er sah mich an und lachte – lachte einfach über mich – haha-ha –: ungefähr so …« (Wütend äfft er das Lachen des Lieutenants nach.)

SIG. SILOTTI: »Wahrscheinlich wollte er dich nicht beleidigen … Ich bin sicher, das wollte er nicht! Er hat nur gelacht, weil er an etwas Komisches gedacht hat …«

ERNESTO: »Aber Mutter, verstehst du denn nicht? I c h war es, den er so komisch fand! Er hat auch nicht nur gelacht – oh nein! Er hat Grimassen geschnitten, so …« (Er imitiert die Grimassen des Lieutenants.) »Und dann nannte er mich bucklig … so laut, dass jeder es hören konnte … er sagte es mir ins Gesicht, bucklig … ich verstehe nicht viel von ihrer Sprache, aber d a s Wort kenne ich: HUNCHBACK, HUNCHBACK, HUNCHBACK …« (Er wiederholt das Wort in Englisch.)

SIG. SILOTTI: »Vielleicht hatte er zu viel Weihnachtspunsch getrunken … Oder er war nur ein dummer, alberner Junge … In jedem Land gibt es schlechte Menschen …«

ERNESTO (ohne zuzuhören): »Bucklig – mir direkt ins Gesicht …: Das ist ihre Toleranz, das ist ihre brüderliche Liebe …«

SIG. SILOTTI: »Du wirst andere Amerikaner kennenlernen – freundliche, großzügige Menschen. Kaplan Martin zum Beispiel …«

ERNESTO: »Ich werde ihn nicht kennenlernen. Du musst mich jetzt entschuldigen, Mutter. Ich muss arbeiten.«

SIG. SILOTTI: »Arbeiten? An Weihnachten?«

ERNESTO: »Es muss heute gemacht werden.«

SIG. SILOTTI: »Komm wenigstens kurz herunter, wenn die Kinder da sind – wirst du das für mich tun, Ernesto? Nur auf eine Tasse heiße Schokolade …«

ERNESTO: »Die würde mir wie Gift schmecken, weil ich weiß, dass sie amerikanisch ist. Auf Wiedersehen, Mutter.« (Schon in der Tür, dreht er sich um und kommt zurück, um seine Mutter auf unbeholfene, verlegene Weise zu umarmen. Dabei sagt er mit sanfter Stimme:) »Sei mir nicht böse, Mutter. Und – fröhliche Weihnachten.« (Er verlässt eilig den Raum – offenbar schämt er sich für seine zärtlichen Gefühle.)


SCHNITT AUF:


14. INNEN, GROSSER RAUM (wie in Szene 12) …: Die Zahl der KINDER hat inzwischen zugenommen. Sie stehen oder sitzen noch immer schüchtern in schweigenden Gruppen zusammen. Einige schwarz gekleidete MÜTTER besetzen die Sessel am Kamin. ERNESTO kommt aus der Küche und geht zur Treppe – er bewegt sich langsam, den Kopf gesenkt, als wäre er in Gedanken versunken. In dem Moment bemerkt ein KLEINES MÄDCHEN – das am Fenster Wache gehalten hat – draußen den Jeep des Kaplans und ruft begeistert:

KLEINES MÄDCHEN: »Er kommt! Er ist da! Mister Padre ist da …«


Als ERNESTO das hört, eilt er nach oben – er nimmt die steilen Stufen überraschend behende. Die Kamera folgt ihm, wie er in der Dunkelheit des Obergeschosses verschwindet.

Dann kehrt die Kamera in den großen Raum zurück, wo sich die Kinder an der offenen Tür versammelt haben. Ein vielstimmiger Chor junger Stimmen heißt den KAPLAN willkommen, der sich noch draußen befindet.


KINDER: »Frohe Weihnachten, Mister Padre … Seht nur, der Jeep: voller Caramelli …«


Von der Gruppe der winkenden, plappernden KINDER in der offenen Tür.


SCHNITT AUF:


15. AUSSEN, STRASSE …: Der Jeep des KAPLANS parkt vor dem Haus. LUIGI und UMBERTO sehen zu, wie der KAPLAN und JACK aus dem Wagen steigen.


KAPLAN (winkt den Kindern zu – er spricht einigermaßen fließend Italienisch mit starkem amerikanischem Akzent): »Hallo Kinder! Fröhliche Weihnachten! Tut mir leid, dass ich zu spät bin, aber es war so viel Verkehr, dass wir kaum vorwärtskamen. Die Engländer tranken Tee mitten auf der Straße …«


Eine Prozession UNIFORMIERTER KINDER – kleine Schüler und Schülerinnen einer katholischen Schule – nähert sich dem Gebäude. Die Kolonne schwarz gekleideter Kinder geht sehr korrekt in Reih und Glied den Bürgersteig entlang, vor und hinter ihnen NONNEN.


KAPLAN (begrüßt sie auf Italienisch): »Seht nur, wer da kommt! Meine speziellen Freunde – schön, euch zu sehen! Fröhliche Weihnachten, Ladies und Gentlemen!«


Einige der uniformierten KINDER lächeln ein wenig; aber sie setzen ihren Marsch mit beachtlicher Disziplin fort, angeführt von den wachsamen NONNEN.


KAPLAN (auf Italienisch): »Nanu, Kinder, seid ihr gar nicht neugierig darauf, was sich in all diesen wundervollen Körben und Paketen befindet? Oder seid ihr zu ernsthaft um euch um so etwas wie Kuchen, Apfelsinen, Caramelli, Schokolade und Kaugummi zu kümmern?«


Als die SCHÜLER der Kirchenschule diese magischen Worte hören, ist es vorbei mit ihrem steifen Gehabe und sie stürmen auf den Jeep zu – mit wilden Ausrufen:


UNIFORMIERTE KINDER: »Apfelsinen … Kuchen … Kaugummi … Ist das alles für uns, Mister Padre?«


Die mutigsten von ihnen versuchen, sich einige der Pakete zu schnappen, aber JACK drängt sie zurück.


JACK (auf Englisch): »Immer mit der Ruhe, Kinder – nur immer mit der Ruhe, ja? Jeder bekommt etwas ab, versteht ihr? Also immer mit der Ruhe!«


Die anderen KINDER, die in der offenen Tür gestanden haben, gesellen sich zu den Schülern der katholischen Schule.

Die ganze Schar der Kinder ist um den Jeep versammelt und ruft: »Bonbons … Kaugummi … Caramelli …«

Sowohl die NONNEN, die den Trupp angeführt haben, als auch die MÜTTER, die in der Tür stehen, sind erschrocken und schockiert von dem Spektakel.


NONNE: »Kinder! Wie könnt ihr …! Hört auf! Kommt sofort zurück!«

MUTTER: »Kommt zurück! Sofort!«

ANDERE NONNE: »Lasst den Jeep in Ruhe! … Benehmt euch! Sonst gibt es keine Weihnachtsfeier!«


Die KINDER ziehen sich schnell eingeschüchtert vom Jeep zurück.


ERSTE NONNE (an den Kaplan gewandt): »Es tut mir s o leid, dass sie Ihnen Unannehmlichkeiten gemacht haben, Mister Padre. Es sind gute Kinder, im Allgemeinen. Aber sobald sie das Wort Caramelli hören, scheinen sie den Verstand zu verlieren.«

KAPLAN (lachend; auf Italienisch): »Das macht doch nichts, Schwester, das macht doch nichts: Es ist ja nichts passiert, alles ist vollkommen in Ordnung. Außerdem bin ich es, der die Schuld an der ganzen Aufregung trägt: Ich hätte nicht so mit den Kindern reden sollen …«

NONNE: »Sie sind eben zu gut zu ihnen, Mister Padre.«

KAPLAN (an die Kinder gewandt; auf Italienisch): »Beeilt euch, Kinder! Zurück ins Haus! Ihr erkältet euch hier draußen, in diesem eisigen Wind. Ich bin in einer Minute bei euch: Lasst nur Jack und mich diese Sachen abladen.«


Die KINDER werden wie eine Herde Schafe von den NONNEN und MÜTTERN ins Haus getrieben. Der KAPLAN und JACK beginnen damit, den Jeep abzuladen. LUIGI und UMBERTO, die die vorige Szene amüsiert beobachtet haben, kommen näher – ängstlich und verlegen.


LUIGI (auf Italienisch): »Mister Padre … bitte …«

KAPLAN (auf Italienisch): »Was ist denn, Junge?«

LUIGI: »Mein Freund Umberto und ich … wir würden gern … wenn wir dürfen … wir würden gern beim Abladen helfen.«

KAPLAN (auf Italienisch): »Aber natürlich, Jungs. Sehr nett von euch.«

JACK (an den Kaplan gewandt; auf Englisch): »Was will er denn?«

KAPLAN (auf Englisch): »Nichts. Sie wollen nur helfen.«

JACK: »Na, ich weiß nicht. Die Sache hat bestimmt einen Haken. Warten Sie’s ab.«

UMBERTO (trägt Pakete; auf Italienisch): »So viele Sachen. Ganz bestimmt wundervolle Sachen.«

KAPLAN (auf Italienisch): »Ich hoffe, dass es gute Sachen sind.«

LUIGI: »Wenn wir nur einen Blick darauf werfen dürften …«

KAPLAN: »Einen Blick drauf werfen? Das dürfte kein Problem sein. In ein paar Minuten werden all diese Pakete aufgemacht.«

UMBERTO: »Ja, aber dann sind wir nicht dabei.«

KAPLAN: »Warum nicht?«

LUIGI: »Weil das drinnen im Haus stattfindet.«

KAPLAN: »Und warum kommt ihr nicht hinein?«

LUIGI: »Weil wir zu alt sind.«

KAPLAN: »Zu alt – wozu?«

UMBERTO: »Zu alt, um zu einem Kinderfest eingeladen zu werden.«

KAPLAN (lachend): »Unsinn. Kommt einfach mit, Jungs. Das heißt, falls ihr nicht zu stolz seid, zusammen mit den Kindern zu feiern«

LUIGI und UMBERTO (gleichzeitig): »Nein, wir sind nicht zu stolz … Dürfen wir wirklich mitkommen? … Danke, Mister Padre, danke …«


Von nun an geht das Abladen des Jeeps sehr schnell vor sich. LUIGI und UMBERTO eilen schwer beladen zum Haus. Der KAPLAN und JACK folgen, die Arme voller Pakete.


KAPLAN (an Jack gewandt; auf Englisch): »Ich glaube, ich habe den Haken entdeckt. Eine förmliche Einladung zu unserer Weihnachtsfeier – darum ging’s den beiden Burschen!«

JACK: »Ich wusste, dass sie uns nicht aus lauter Freude an der Sache helfen.«


Sie haben das Haus erreicht.


SCHNITT AUF:


16. INNEN; HAUS …: Der große Raum wie zuvor – jetzt komplett angefüllt mit KINDERN, MÜTTERN und NONNEN. Das Feuer im Kamin ist ausgegangen. Es wird dunkel.


KAPLAN (kommt mit Paketen beladen herein; fröhlich, auf Italienisch): »Da bin ich endlich! Keine Kerzen, kein Feuer, kein Weihnachtsschmuck? Na, dann an die Arbeit – und zwar alle!« (An JACK gewandt; auf Italienisch): »Pack zuerst die Kerzen aus …«

JACK (sehr verdutzt und beleidigt): »Also, Kaplan, wirklich! Wofür halten Sie mich? Einen Ihrer Spaghettis, oder was?«


Allgemeine Heiterkeit über den Fehler des Kaplans.


KAPLAN (an Jack gewandt; auf Englisch): »Verzeih mir bitte, alter Junge … Was für ein dummer Fehler! Anscheinend bin ich völlig durcheinander … Nun, was ich sagen wollte: Lasst uns zuerst die Kerzen auspacken und den Christbaumschmuck …«

JACK (brummt): »So ist’s besser. Das kann man wenigstens verstehen.«

KAPLAN (öffnet Pakete): »Genau, und Holz, Jackie – Holz ist wichtig! Viel Holz für den Kamin! Ich hoffe nur, dass noch etwas Hitze im Herd ist, um den Kakao aufzuwärmen … Wo ist denn unsere Gastgeberin?« (Wiederholt die Frage auf Italienisch:) »Wo ist Signora Silotti?«


Verlegenes Schweigen. Die FRAUEN aus dem Dorf tauschen heimlich Blicke, zucken mit den Schultern, vermeiden es, den Kaplan anzuschauen. Schließlich hat die knochige MATRONE den Mut zu sprechen.


MATRONE (auf Italienisch): »Wir haben sie bisher noch nicht gesehen. Sie ist wahrscheinlich in der Küche.«

KAPLAN (auf Italienisch): »In der Küche?« (An Jack gewandt; auf Englisch:) »Das ist eigenartig.« (An die andern gewandt; auf Italienisch:) »Wenn ihr mich eine Minute entschuldigen würdet …« (Er geht zur Küchentür, öffnet sie – und ist offenbar verwirrt durch das, was er sieht. Er wendet sich um zu den Anwesenden und sagt auf Italienisch:) »Nur einen Augenblick, bitte …« (Dann an Jack gewandt; auf Englisch:) »Fang einfach schon mal damit an, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich bin gleich zurück.« (Geht in die Küche.)


SCHNITT AUF:


17. INNEN, KÜCHE …: SIGNORA SILOTTI sitzt neben dem Herd, sie hat das Gesicht in den Armen verborgen – sie weint. Der KAPLAN, der gerade den Raum betreten hat, steht neben der Tür – er betrachtet sie mit tiefem Mitleid.


KAPLAN (auf Italienisch): »Aber, meine liebe Signora – kommen Sie, kommen Sie … An Weihnachten weinen – was soll das denn?«

SIG. SILOTTI (steht auf, sobald sie seine Stimme hört; ihr faltiges Gesicht ist tränennass): »Oh, Mister Padre … Kaplan … es tut mir so leid … ich …«

KAPLAN: »Was ist passiert, Signora Silotti? Was stimmt denn nicht?«

SIG. SILOTTI (bricht wieder in Tränen aus): »Ich kann einfach nicht mehr … ich kann nicht …«

KAPLAN (führt sie behutsam zurück zu dem kleinen Hocker, auf dem sie gesessen hat): »Kommen Sie, kommen Sie … Beruhigen Sie sich. So ist’s besser. Und jetzt trocknen wir uns die Tränen und machen uns wieder hübsch. Wo ist das Taschentuch?«

SIG. SILOTTI (zieht ein großes buntes Taschentuch heraus)

KAPLAN (nimmt das Taschentuch, aber es ist schon ganz nass. Lächelnd sagt er, immer auf Italienisch): »Damit kann man nichts mehr anfangen, oder? Na, schauen wir mal, ob mein Taschentuch noch in vorzeigbarem Zustand ist …« (Er mustert sein Militär-Taschentuch.) »Es ist leider nicht sehr sauber; aber in einem Notfall …« (Er wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht.)

SIG. SILOTTI (halb weinend, halb lachend): »Sie sind so gut, Mister Padre …«

KAPLAN: »Jetzt sehen wir wieder besser aus. Keiner wird merken, dass wir geweint haben. Worüber haben wir denn eigentlich geweint?«

SIG. SILOTTI: »Ach, es ist nichts, Mister Padre … wirklich …«

KAPLAN: »Ich weiß, Sie haben es schwer. Ihr Mann ist fort – vielleicht tot oder gefangen …«

SIG. SILOTTI: »Es ist nicht nur das.«

KAPLAN: »Was noch?«

SIG. SILOTTI: »Ernesto …«

KAPLAN: »Stimmt was nicht mit dem Jungen?«

SIG. SILOTTI (klammert sich an den Kaplan, als habe sie es plötzlich mit der Angst bekommen): »Ich habe Angst, Mister Padre …«

KAPLAN: »Angst – wovor, Signora?«

SIG. SILOTTI (klammert sich noch immer an ihn; flüstert eindringlich): »Er ist ein guter Junge: glauben Sie mir!«

KAPLAN: »Ich bin sicher, dass er das ist.«

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