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Klaus Mann Der Kaplan
Der Kaplan
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Klaus Mann Der Kaplan

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KAPLAN: »Verdächtige Gestalten? Bestimmt nicht. Wenn mir jemand aufgefallen wäre, hätte ich das gemeldet.«

COLONEL: »Natürlich. Ich dachte nur … nun, um es kurz zu machen, ich bitte Sie, die Augen offen zu halten. Es g i b t nämlich verdächtige Gestalten ausgerechnet in diesem Dorf – ob Sie sie nun bemerkt haben oder nicht.«

KAPLAN: »Tatsächlich? Na, ich nehme an, ihr Jungs vom G-2 würdet auch im Himmel noch Verbrecher finden.«

COLONEL: »Ich hoffe doch – falls der Hl. Petrus zugelassen hätte, dass sich Leute von der 5. Kolonne einschleichen.«

GENERAL: »Im Ernst, Kaplan: Sie müssen zugeben, dass irgendwas an der Geschichte um den verschwundenen Bürgermeister merkwürdig wirkt. Warum ist der Kerl abgehauen, als wir einrückten? Warum ist es nicht möglich, von den Dorfbewohnern etwas über seine Vergangenheit und seinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren? Ich finde, die Sache stinkt – wenn Sie den Ausdruck verzeihen.«

KAPLAN: »Nach allem, was ich weiß, könnte der Bürgermeister tot sein. Er ist ganz einfach verschwunden: Ich glaube nicht, dass jemand aus dem Dorf uns sagen könnte, was mit ihm passiert ist. Vielleicht wurde er von den Nazis getötet, wie der unglückliche Priester.«

COLONEL: »Vielleicht ist er selbst ein Nazi?«

KAPLAN: »Könnte sein. Aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Seine Frau scheint jedenfalls nichts Derartiges zu vermuten.«

COLONEL: »Was ist sie denn eigentlich für eine Frau?«

KAPLAN: »La Signora Silotti? Die ist in Ordnung. So zurückhaltend und harmlos, wie man nur denken kann. Eine gläubige Katholikin; ich glaube, sie stand dem verstorbenen Padre sehr nah.«

COLONEL: »Dem, den die SS erschossen hat? Dann ist sie wohl kaum eine Nazi-Sympathisantin.«

KAPLAN (lacht auf): »Signora Silotti – eine Nazi-Sympathisantin! … Entschuldigen Sie, Colonel, aber beim bloßen Gedanken muss ich lachen. Ach, das arme Ding – sie hat keinerlei politische Sympathien oder Antipathien. Wenn Sie das elende kleine Haus der Silottis kennen würden, Gentlemen – Sie würden diese armselige Familie niemals mit subversiven Aktivitäten in Verbindung bringen. Sie besteht ja nur aus der alten Frau – dem unschuldigsten, sanftmütigsten Wesen, das man sich denken kann – und einem unglücklichen, verkrüppelten Jungen, ungefähr siebzehn. Glauben Sie mir, Colonel, diese beiden haben mit den Verschwörungen der 5. Kolonne nichts zu tun.«

COLONEL: »Ich hoffe, Sie haben Recht, Kaplan. – Ich muss mich entschuldigen, General, Sie so lange aufgehalten zu haben.«

GENERAL: »Schon in Ordnung. Aber jetzt sollten wir lieber aufbrechen. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten, lieber Martin.«

KAPLAN (öffnet den beiden Offizieren die Tür): »Vielen Dank, Sir. Ich bin sicher, mein Weihnachtstag mit den italienischen Kindern wird fröhlicher als Ihrer mit den italienischen Landkarten.«

GENERAL (mit einem Lächeln): »Mag sein, Kaplan, mag sein.«

COLONEL: »Und nicht vergessen, Kaplan, Augen auf! G-2 zählt auf Sie.«

KAPLAN: »Zu viel der Ehre, Colonel. Aber ich versuche, ein paar Spione für Sie zu fangen – als Weihnachtsgeschenk.«


BLENDE


6. AUSSEN, KAPELLE …: GENERAL und COLONEL gehen von der Kapelle zum Jeep des Generals. (Nahaufnahme der Markierung am Heck des Jeeps – ein goldener Stern auf rotem Grund –, die aussagt, dass der Wagen von einem Brigadegeneral genutzt wird.) Der FAHRER des Generals – ein junger Korporal, sehr sauber und ordentlich, trotz Schlamm, Schnee und Sturm – nimmt Haltung an, als sein Chef den Wagen besteigt. Nahaufnahme des weichen Kissens, das der Fahrer auf den Sitz des Generals legt. Der GENERAL setzt sich neben den FAHRER – der COLONEL setzt sich, eher unbequem, auf den Rücksitz.


Die Kamera folgt dem Jeep, der langsam an den Reihen der Zelte vorbeifährt. Der GENERAL unterhält sich mit dem COLONEL, muss jedoch immer wieder den Gruß von Soldaten und Offizieren erwidern.


GENERAL: »Ich hoffe, Martin macht sich nichts draus, dass ich mich in seine Angelegenheiten eingemischt habe. Es ging nicht anders.«

COLONEL: »Ich bin sehr froh, dass Sie mit ihm darüber gesprochen haben, Sir. Es war erforderlich, sehr sogar. Manche Dinge sollte sich auch ein Kaplan nicht herausnehmen dürfen. In meinen Augen hatte die Predigt heute eine beinahe … jawohl, eine beinahe pazifistische Tendenz!«

GENERAL (ständig Grüße erwidernd, mit einer automatischen, aber würdevollen Geste): »Pazifistisch? Das ist ein starkes Wort, Prickert …«

COLONEL: »Ich will nicht sagen, dass er es so g e m e i n t hat. Aber es ging in diese Richtung … ja, in der Tat, es hatte einen pazifistischen Beigeschmack. Es hat mich ziemlich geärgert, Sir.«

GENERAL: »Er ist trotzdem ein toller Kerl, Prickert. Wirklich, ich halte eine Menge von ihm. Und wissen Sie, die Männer tun das auch. Sie sind ganz vernarrt in ihn.«

COLONEL: »Keine Frage, Martin ist beliebt – vor allem bei den einfachen Leuten. Seine Worte haben einiges Gewicht: deshalb ist es so wichtig, die richtigen Worte zu wählen.«


Langsam durchquert der Jeep die »Zeltstadt«. In einer gewissen Entfernung kommt die Offiziersmesse in Sicht.


7. AUSSEN, OFFIZIERSMESSE …: Eine längliche Kombination aus mehreren gewöhnlichen Zelten, die miteinander verbunden sind. Die Kamera schwenkt vom Jeep des Generals und fährt über Gruppen von OFFIZIEREN unterschiedlichen Alters und Dienstgrads, die dem Eingang der Messe zustreben. Von drinnen sind laute Stimmen und Musik zu hören.


Ein MAJOR (an einen Lieutenant-Colonel gewandt): »Im Westen was Neues, Colonel?«

LT.-COLONEL: »Wenig Erfreuliches. Sieht nach einer regelrechten Offensive der Deutschen aus. Frage mich, was die vorhaben.«

MAJOR: »Den Krieg fortführen – was sonst? Das ist alles, was sie wollen: den Krieg am Laufen halten – um jeden Preis!«

LT.-COLONEL: »Und das gelingt ihnen! Sieht so aus, als würde dieser verdammte Krieg ewig dauern.«

MAJOR: »Diese Krauts! Verrückt – ja, das sind sie! … Nur Verrückte, Fanatiker, Verbrecher – allesamt!«


Sie haben den Eingang der Messe erreicht.


MAJOR: »Nach Ihnen, Colonel.«


Beide müssen sich bücken, als sie das Zelt durch eine niedrige, schmale Öffnung betreten, vor der zwei Zeltbahnen hängen.


SCHNITT AUF:


8. INNEN, OFFIZIERSMESSE …: Ein länglicher, voller Raum – halbdunkel, voller Rauch und Lärm. Ein primitiver Holzfußboden. An den Seiten des Zelts hängen Teppiche und einige gerahmte Varga-Girls aus dem ESQUIRE. Kübel mit verstaubten Palmen. Kerzenlicht. (Auf jedem Tisch steht eine brennende Kerze.) Laute Jazz-Musik aus einem großen Radio.

Die Kamera schwenkt über Gruppen trinkender OFFIZIERE – einige in Begleitung von KRANKENSCHWESTERN –, die an kleinen runden Tischen sitzen. Beim Schwenk der Kamera sind Gesprächsfetzen zu hören.


COLONEL (im Gespräch mit einem Lt.-Colonel): »Sie spielen offensichtlich auf Zeit: es m u s s also eine Geheimwaffe geben. Vielleicht die Atombombe?«

LT.-COLONEL: »Die Atombombe? Das glaube ich nicht. Das ist alles nur Propaganda. Mein Schwager hat Chemie studiert – ein Harvard-Mann: ziemlich schlauer Bursche, wissen Sie … Nun, er sagt, das ist einfach nicht möglich – die Kernspaltung, meine ich –: wissenschaftlich unmöglich – sagt mein Schwager …«

LIEUTENANT (an einem anderen Tisch; im Gespräch mit einer Krankenschwester): »Ich habe nicht gesagt, dass sie schöner ist als du, meine Liebe. Alles, was ich gesagt habe, war: Sie hat eine ziemlich gute Figur.«

KRANKENSCHWESTER (ziemlich beleidigt): »Na, wenn ihre Figur so wunderbar ist, warum hast du dann nicht s i e zum Weihnachtsessen eingeladen? Ich bin sicher, sie wäre l i e b e n d g e r n gekommen! Armes Ding, keiner geht mit ihr aus …«

MAJOR (an einem anderen Tisch, im Gespräch mit zwei Captains): »Und ich bleibe dabei, sie werden die V-2 in Italien einsetzen. Kesselring ist ein Fuchs: er wartet auf den richtigen Moment. Alles eine Frage des Timings …«

LIEUTENANT (an einem anderen Tisch, im Gespräch mit anderen Lieutenants): »Junge, das war ’ne heiße Nummer! Ich hab sie in Rom getroffen, im Excelsior. Es heißt, sie wäre eine polnische Gräfin.«

ANDERER LIEUTENANT: »Polnische Gräfin, von wegen! Das war ’ne abgebrühte alte Professionelle, oder ich will verdammt sein!«

LIEUTENANT: »Vielleicht war sie das – wo ist der Unterschied? Jedenfalls war ordentlich was an ihr dran. Junge, diese Kurven …« (Er pfeift bewundernd).

DRITTER LIEUTENANT: »Das reicht, Bruder! Hier im Schlamm will ich nicht über Sex reden. Lasst uns noch was trinken. Hey, Barkeeper – noch drei von den scheußlichen Cognacs!«

BARKEEPER (ein Sergeant – er trägt eine weiße Schürze über der Uniform und antwortet von der Bar aus): »Ja, Sir, noch drei scheußliche Cognacs. Pronto.«


Die Kamera schwenkt zur Bar im Hintergrund des Raums. An der Bar steht eine Gruppe von Offizieren – darunter der junge LIEUTENANT aus der Eröffnungsszene.


CAPTAIN: »Nein, ich bin ziemlich sicher, dass der alte Mann gegen Martins Weihnachtspredigt nichts einzuwenden hatte. Er hat seine eigene Art sich zu räuspern – ungefähr so …« (Er ahmt den General nach.) … »Mensch! Das heißt ganz klar ›no buono‹. Will sagen, ihm reißt gleich der Geduldsfaden.«

LIEUTENANT: »Was war denn falsch an der Predigt? Was ich gehört habe, klang ganz vernünftig.«

CAPTAIN: »’türlich war alles vernünftig. Kaplane sind immer vernünftig, oder? Martin besonders. Ein korrekter Kerl, könnte gar nichts Unvernünftiges anstellen. Nur was er da über den Hass sagt … Nun, wisst ihr, vielleicht ist er ein bisschen z u christlich – wenn man bedenkt, dass wir Krieg haben.«

ANDERER CAPTAIN: »Einige meinen, er übertreibt es mit der Menschenliebe. Scheint sich mit den Leuten vom Dorf bestens zu verstehen.«

LIEUTENANT: »Ich würde die Leute auch gern persönlich kennen lernen. Vielleicht schaue ich heute Nachmittag bei der Weihnachtsfeier im Haus des Bürgermeisters vorbei. Ich möchte gern wissen, wie die Menschen hier sind.«

CAPTAIN: »Also, Jimmy, weißt du denn nicht, dass die meisten Spaghettifresser zwei Nasen haben und einen Schwanz, und ein Extra-Auge auf der Stirn? Und was die Frauen angeht …« (Er flüstert dem anderen Captain etwas zu, und der erzählt den Witz seinem Nachbarn weiter. Sie lachen.)

LIEUTENANT: »Im Ernst, Jungs, als ich heute Morgen durchs Dorf gekommen bin, habe ich eine Gestalt am Straßenrand gesehen – ehrlich, wie aus einem Horrorfilm. Er hatte einen Buckel, aber das war noch nicht alles. Irgendwas war mit seinen Augen – keine Ahnung. Hab regelrecht ’ne Gänsehaut gekriegt.«

CAPTAIN: »Und was hast du getan? Ihm gesagt, er soll sein hübsches Gesicht jemand anderem zeigen?«

LIEUTENANT: »Sowas in der Art. Aber er fand das nicht lustig. Ich übrigens auch nicht. Ich habe ihn ausgelacht, aber ich gefiel mir selbst nicht dabei. Der Bursche tat mir leid. Albern, oder?«

CAPTAIN (trocken): »Genau. Aber mach dir keine Sorgen, Jimmy. Auch du wirst noch erwachsen – irgendwann einmal. Auf dein Wohl.« (Er hebt sein Glas.)

ANDERER CAPTAIN (hebt ebenfalls sein Glas; er spricht mit lauter, betrunkener Stimme – wendet sich an alle Anwesenden): »Ladies und Gentlemen! Freunde! … Ein kurzer Trinkspruch … mit Ihrer freundlichen Erlaubnis …«

STIMMEN (von verschiedenen Tischen): »Sei still! … Bloß keine Reden! … Lass ihm seinen Spaß! … Was soll’s?«

BETRUNKENER CAPTAIN: »Habt keine Angst, Ladies und Gentlemen … Das wird keine Rede – bestimmt: keine Rede, das verspreche ich. Was ich sagen will, ist … nun, um’s kurz zu machen … Ich hoffe, jeder von uns wird dabei sein, wenn wir nächstes Jahr Weihnachten feiern – in Bologna!« (Allgemeines, donnerndes Gelächter.)

BETRUNKENER CAPTAIN: »Auf Ihr Wohl, Ladies und Gentlemen …«


In dem Moment betritt der GENERAL die Messe – begleitet vom COLONEL. Ein OFFIZIER, der in der Nähe des Eingangs sitzt, ruft: »Ach-tung!« Alle stehen auf.


GENERAL: »Aber, Gentlemen, ich bitte Sie! … Behalten Sie Platz! Bitte rühren! Nur ein inoffizieller Besuch …«

BETRUNKENER CAPTAIN (vom Tresen, immer noch das Glas erhoben; mit irgendwie erstickter, unsicherer Stimme): »Auf Ihr Wohl, General …«


BLENDE


9. AUSSEN, KAPELLE …: KAPLAN und JACK (der Sergeant mit Brille) beladen einen Jeep mit Paketen, Konserven, Körben voller Backwaren, Orangen und Süßigkeiten.


KAPLAN (mit zufriedenem Blick auf die Sachen, die im Wagen aufgestapelt sind): »Es ist wundervoll, stimmt’s? So viele Sachen!«

JACK: »Sieht aus wie Dads Auto, wenn er am Tag vor Weihnachten aus der Stadt zurückkam. Wissen Sie, wir waren acht Kinder zu Hause – und außerdem die Landarbeiter und ihre Familien …«

KAPLAN: »Muss eine tolle Sache gewesen sein, Weihnachten auf dem wunderbaren alten Bauernhof deines Vaters! Aber mach ein fröhliches Gesicht, Jack, alter Knabe! Wir werden hier auch viel Spaß haben!«

JACK: »Und wie! … Ehrlich, Kaplan, ich freue mich auf dieses Kinderfest – als ob ich selbst noch ein Kind wäre.«

KAPLAN: »Das ist die richtige Einstellung! Das wird das Fest unseres Lebens, Jackie – du und ich! Haben wir das etwa nicht verdient? Es war schließlich kein Pappenstiel – im Apennin den Weihnachtsmann zu spielen!«

JACK: »Das stimmt – aber es war die Mühe wert.«

KAPLAN: »Du sagst es. – Alles drin? Dann los. Wir dürfen die Kinder nicht warten lassen.«

JACK: »Soll ich fahren?«

KAPLAN: »Ehrlich gesagt … wenn es dir nichts ausmacht … Du weißt, es ist viel Verkehr …«

JACK: »Wenn Sie mir nicht t r a u e n – bitte!«

KAPLAN (lachend): »Ich traue dir nun mal eher am Harmonium – das ist alles.«


Sie steigen in den Wagen und zwängen sich zwischen die Berge von Myrthe-verzierten Paketen und Körben. Der Wagen setzt sich in Bewegung.


10. STRADA STATALE 65 …: Zwischen dem Hauptquartier und dem Dorf. Verkehr und Matsch wie vorhin. Der Jeep des KAPLANS fährt langsam in einer endlosen Fahrzeugkolonne. Der KAPLAN und JACK sind beide über und über mit Schlamm bespritzt.


JACK (lacht über das schmutzige Gesicht des Kaplans):

»Mensch, Kaplan – seien Sie mir nicht böse, aber Sie sehen s c h o n sehr lustig aus!«

KAPLAN (mit gespieltem Ärger): »Und was meinst du, wie du aussiehst, wenn ich fragen darf, junger Freund? In meinem ganzen Leben habe ich kein schmutzigeres Gesicht gesehen! Und du wagst es … Mann, was für eine Straße! Ich hoffe nur, dass unsere Schätze nicht allzu schmutzig werden …«


Ein TRUPP GIs, die in einem offenen Lastwagen in der Gegenrichtung an ihnen vorbeifahren, bemerken das Zeichen für »KAPLAN« an der Front des Jeeps, sie winken und rufen.


GIs (aus dem Lastwagen): »Hallo, Kaplan! Fröhliche Weihnachten!«

KAPLAN: »Fröhliche Weihnachten, Jungs! Was macht der Krieg?«

GI (aus dem Lastwagen): »Alles unter Kontrolle.«

ANDERER GI: »Wann ist der Krieg vorbei, Kaplan?«

KAPLAN (lacht): »Das ist mein kleines Geheimnis, Jungs.«


Gelächter aus dem Lastwagen.


GI (aus dem Lastwagen): »Unterwegs nach Florenz, Kaplan?«

KAPLAN: »›Niente‹ Florenz. Wir fahren nur in das kleine Dorf dort drüben – ihr seid gerade hindurchgefahren.«

ANDERER GI: »Bestimmt ein toller Ort, um Weihnachten zu feiern.«

ERSTER GI: »Für wen sind die ganzen Pakete? Ich will ja nicht indiskret sein …«

KAPLAN: »Schon in Ordnung. Die Sachen sind für die Kinder aus dem Dorf – arme Kröten! Wir haben im Divisionshauptquartier für sie gesammelt. War ein toller Erfolg. Alle Jungs haben gegeben, was sie konnten.«

GI: »Häh – eine Sammlung? Für die kleinen Spaghettis?«

ANDERER GI: »Glaub auch, dass die das brauchen können. Sehen ziemlich verhungert aus – die meisten jedenfalls.«


Die GIs stecken die Köpfe zusammen – und flüstern. Dann:


ERSTER GI: »Nehmen Sie noch Spenden an, Kaplan?«

KAPLAN (strahlt vor Freude): »Klar, natürlich …«

GI (ein wenig verlegen): »Na ja, zufällig … wissen Sie, mehrere von uns haben Pakete von zu Hause bekommen … wer will schon ’ne Menge Zeugs mit sich rumschleppen? Besonders, wenn’s zur Front geht – da stört es ja nur. Wir haben deshalb gedacht … wenn Sie es brauchen können …«

JACK (begeistert): »Schmeißt es einfach rüber, Jungs! Wir können es brauchen, bestimmt!«


Die GIs werfen Päckchen (mit Süßigkeiten usw.) vom Lastwagen herunter in den Jeep, wo der KAPLAN und JACK aufgestanden sind und die Flut der Geschenke mit großer Geschicklichkeit entgegennehmen.


JACK: »Mensch, Jungs! Das ist super! Jetzt wird es wirklich eine g r o ß e Weihnachtsfeier!«

KAPLAN (die Arme voller Päckchen): »Danke, Jungs, danke! Ich wünsche euch viel Glück! Denkt dran, eine Schar von Kindern wird für euch beten, da drüben …« (Er zeigt in die Richtung, in der die verschwommene Silhouette des Dorfs zu sehen ist.)


Die Fahrzeugkolonnen setzen sich wieder in Bewegung.

Ausgehend vom Bild des KAPLANS, der mit Geschenken beladen im Wagen steht und zum Dorf zeigt, fährt die Kamera an einer langen Reihe von Fahrzeugen entlang, die nach Süden fahren: So gelangen wir in die Hauptstraße des Dorfes (dieselbe Straße, die der junge Lieutenant vor ein paar Stunden passiert hat).


11. DORFSTRASSE …: Wir befinden uns wieder vor dem Gebäude, das ein wenig besser erhalten ist als die anderen. Es ist ein einfaches, zweistöckiges Gebäude mit drei oder vier Fenstern zur Straße hin. Drei durch langen Gebrauch ganz abgewetzte Stufen führen zum Eingang hinauf – einer schönen alten Tür aus schwerem, geschnitztem Holz. Nahaufnahme des Türschilds, das das Gebäude als BÜRGERMEISTER BRUNO SILOTTIS Haus identifiziert.

Der junge BUCKLIGE aus der Eröffnungsszene (ERNESTO) steht neben der Tür, er lehnt an der Wand. Die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht zu einer trotzigen Grimasse eingefroren, scheint er ganz in finstere Gedanken versunken.

Zwei herausgeputzte KLEINE MÄDCHEN überqueren mit vorsichtigen Schritten Hand in Hand die matschige Straße – gefolgt von einer großen, knochigen MATRONE in schwarzer Kleidung. Als die Frau an ERNESTO vorbei geht, blickt sie ihn zunächst nur schüchtern und misstrauisch an, doch dann entschließt sie sich doch, ihn zu grüßen.


MATRONE (auf Italienisch): »Guten Tag, Ernesto. Fröhliche Weihnachten.«


ERNESTO reagiert nicht. Die MATRONE und die KLEINEN MÄDCHEN betreten das Haus. ERNESTO bleibt allein zurück und starrt trübsinnig auf den nicht enden wollenden Verkehr. Dann erscheinen weitere KINDER – etwa sechs oder fünf: kleine Jungen und Mädchen. Sie werden von ihren älteren Brüdern begleitet – ZWEI JUGENDLICHEN von 16 und 17 Jahren. Einer der Jungs ist derjenige, der das »V«-Zeichen machte, als der Lieutenant vorbeifuhr.


ERSTER JUGENDLICHER (auf Italienisch): »Stehst du hier noch immer in der Kälte, Ernesto?«

ERNESTO (brummelt etwas Unverständliches – ohne den Jungen anzuschauen)

ZWEITER JUGENDLICHER (spricht mit den Kindern auf Italienisch): »Dann also auf Wiedersehen, Renato. Auf Wiedersehen, Madgalena, Anna, Adriano. Habt viel Spaß. Benehmt euch. Macht unserer Familie keine Schande. Ich würde ja so gern mitkommen.«

KLEINES MÄDCHEN: »Warum tust du es denn nicht, Luigi?«

LUIGI: »Ich bin nicht eingeladen.«

KLEINES MÄDCHEN: »Warum nicht?«

LUIGI: »Zu alt.«

KLEINES MÄDCHEN: »Mögen die Amerikaner keine alten Menschen?«

LUIGI: »Nein, sie mögen nur Kinder.«

KLEINES MÄDCHEN (kichert): »Wie komisch.«

ERSTER JUGENDLICHER: »Ihr geht jetzt besser rein, Kinder – sonst verpasst ihr noch die leckeren Sachen, die es zu essen gibt.«

KLEINER JUNGE: »Was geben sie uns denn, Umberto? Chewing Gum?«

UMBERTO: »Ich glaube schon.«

ANDERER KLEINER JUNGE: »Und Caramelli?«

KLEINES MÄDCHEN: »Und diese wunderbare Wurst – wie heißt die noch mal?«

LUIGI: »Spam. Ja, Spam schmeckt wunderbar – besser als Salami.«

UMBERTO: »Ich bin sicher, es gibt jede Menge Spam und Chewing Gum und Caramelli. Sie haben a l l e s, die Amerikaner.«

LUIGI: »Zu dumm, dass wir so schrecklich alt sind, Umberto.«

UMBERTO: »Bist du sicher, dass sie uns nicht reinlassen?«

LUIGI: »Was für eine Frage! Das ist doch ein Kinderfest – und wir sind erwachsene Männer!«

UMBERTO (seufzt): »Das stimmt.«

LUIGI (zu den Kindern): »Ihr könnt uns aber etwas zu essen mitbringen. Ihr wisst schon – etwas Spam, ein paar Stücke Kuchen: was ihr eben kriegen könnt.«

UMBERTO: »Das ist eine großartige Idee. Steckt es einfach in eure Taschen: die Amerikaner merken das nicht.«

LUIGI: »Nein, bestimmt nicht – wenn ihr vorsichtig und clever seid! Eine unvorsichtige oder ungeschickte Bewegung kann alles verderben.«

KLEINES MÄDCHEN: »Aber warum sollen die Amerikaner denn nicht wissen, dass ihr ihren Spam und das Chewing Gum probieren wollt?«

LUIGI: »Es wäre wür-de-los.«

KLEINES MÄDCHEN: »Was ist das denn?«

LUIGI: »Ach, egal. Du bist noch nicht alt genug, um solche Sachen zu verstehen.«

KLEINES MÄDCHEN: »Aber Luigi! Wenn ich alt bin, laden mich die Amerikaner nicht mehr zu ihren Feiern ein. Ist das würde-los?«

UMBERTO: »Ach, sei still! Hauptsache, ihr besorgt uns den Spam und etwas Kuchen.«

KLEINES MÄDCHEN: »Wir versuchen es.«

KINDER (ein Chor kleiner piepsiger Stimmen): »Auf Wiedersehen.«


In einer steifen kleinen Prozession verschwinden sie im Haus. ERNESTO, der dem Gespräch mit vor Verachtung verzerrtem Gesicht zugehört hat, spuckt aus und grinst spöttisch.


ERNESTO: »Ihr solltet euch schämen.«

LUIGI: »Warum, Umberto?«

UMBERTO: »Achte nicht auf ihn, Luigi. Er hat mal wieder eine seiner Launen.«

ERNESTO: »Von Würde zu reden! Was für ein Witz!«

LUIGI: »Wirklich, Ernesto – ich verstehe nicht, wovon du sprichst.«

ERNESTO (lacht noch immer aus einer hysterischen Wut heraus): »Würde, also wirklich! Vom Feind milde Gaben annehmen – das ist würdevoll, nehme ich an? Euren kleinen Brüdern und Schwestern zu zeigen, wie man stiehlt und betrügt – das ist würdevoll, oder?«

UMBERTO (nähert sich ihm drohend): »Also, das reicht jetzt, Ernesto! Ich erlaube niemandem zu sagen, ich würde meinen kleinen Brüdern und Schwestern böse Dinge beibringen. Meinst du, du kannst dir alles herausnehmen, nur weil du einen Buckel hast …?«

ERNESTO (mit einem schrillen Schrei): »Buckel! Oh, du … du …« (Er reißt sich mit sichtbarer Anstrengung zusammen und läuft – mit knirschenden Zähnen – auf die Haustür zu. Als er die Tür erreicht hat, dreht er den Kopf zu den beiden Jungen um und sagt mit kalter, heiserer Stimme:) »Danke, dass du mich daran erinnerst, Umberto.«

(Er betritt das Haus.)


Die ZWEI JUNGEN bleiben verdutzt zurück – sie grinsen sich unsicher an.


LUIGI: »Das hättest du nicht sagen sollen, Umberto.«

UMBERTO: »Ich weiß. Aber er k a n n einen auch verrückt machen, oder?«

LUIGI: »Das kann er, bestimmt. Er ist aber ein schlauer Kerl. Vergiss nicht, er hat mehr Grips als irgendwer sonst im Dorf.«

UMBERTO: »Vielleicht hat er das. Trotzdem sollte er nicht so tun, als wäre er unser Duce oder so etwas Ähnliches. Seitdem er aus Bologna zurückgekommen ist, hat er solche Allüren …«

LUIGI: »Sein Vater ist schuld daran: So, wie der ihn erzogen hat …«

UMBERTO: »Lass uns nicht über Vater Silotti reden: das ist ein unerfreuliches Thema.«

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