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Klaus Mann Der Kaplan
Der Kaplan
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Klaus Mann Der Kaplan

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SIG. SILOTTI: »Ein guter Junge – und so klug! Sie nennen ihn den intelligentesten Jungen im Dorf. Wenn Sie mich fragen – es gibt keinen zweiten wie ihn im ganzen Land!«

KAPLAN: »Es ist schade, dass ich nie die Gelegenheit hatte, mit ihm zu reden. Vielleicht ergibt es sich ja heute Nachmittag …«

SIG. SILOTTI (verlegen): »Darauf hatte ich gehofft. Aber …«

KAPLAN: »Aber – was? Ist Ihr Sohn nicht zu Hause? Oder ist er krank? Oder redet er nicht gern mit Fremden?«

SIG. SILOTTI: »Das ist es. Er redet nicht gern mit Fremden. Er ist sehr schüchtern, wissen Sie. Es hat mit seinem … mit …«

KAPLAN: »Mit seiner Körperbehinderung zu tun?« (Als die Signora nickt:) »Ich verstehe. Das ist wirklich schade. Ich habe mich darauf gefreut, ihn heute zu treffen. Sind Sie sicher, dass er nicht an unserer Feier teilnehmen wird?«

SIG. SILOTTI: »Ich habe gebettelt, dass er kommt … Ich habe alles versucht … Er weigert sich.«

KAPLAN: »Haben Sie deshalb geweint?«

SIG. SILOTTI (fast tonlos): »Ja.«

KAPLAN: »Meinen Sie, es würde nützen, wenn ich mit ihm reden würde – von Mann zu Mann?«

SIG. SILOTTI (strahlend vor Hoffnung): »Wenn Sie das tun würden … Ich bin sicher, dass es helfen würde. Wenn irgendjemand, dann sind Sie derjenige, der einen Einfluss auf den armen Jungen haben kann.«

KAPLAN: »Wo ist Ernesto jetzt?«

SIG. SILOTTI: »Oben in seinem Zimmer.«

KAPLAN: »Ist er allein, oder sind Freunde bei ihm?«

SIG. SILOTTI: »Er hat keine Freunde. Er ist allein – und arbeitet.«

KAPLAN: »Was arbeitet er denn?«

SIG. SILOTTI: »Ich weiß nicht, was er tut. Lernen, nehme ich an. Er hat viele Bücher, wissen Sie. Er wirkt jedenfalls immer beschäftigt.«

KAPLAN: »Aber heute ist Feiertag.«

SIG. SILOTTI: »Das habe ich ihm auch gesagt.«

KAPLAN (an der Tür): »Gehen wir.« (Als sie zögert:) »Wollen Sie mir nicht sein Zimmer zeigen?«

SIG. SILOTTI (bekommt es plötzlich mit der Angst): »Ich bin sehr dankbar, dass Sie mit dem Jungen reden wollen … Es ist wunderbar, eine große Chance … Allerdings ist er ein schwieriger Junge: schwieriger, als Sie denken …«

KAPLAN: »Das macht nichts. Ich bin schwierige Menschen gewohnt.«

SIG. SILOTTI: »Trotzdem … Es gibt etwas, das sollten Sie über Ernesto wissen …« (Nach einem Moment des Zögerns – sie überwindet ihre Angst mit nahezu sichtbarer Anstrengung:) »Er mag die Amerikaner nicht.«

KAPLAN (lacht auf): »Das habe ich mir schon gedacht.«

SIG. SILOTTI (sie spricht hastig – bemüht, alles zu erklären): »Aber er ist kein schlechter Junge: Ich möchte nicht, dass Sie glauben, er sei schlecht … Es ist nur so … Nun, sehen Sie, er ist sehr ehrgeizig. Sie wissen, wie Jungs sind: Ruhm, Macht, Glanz – von solchen Dingen träumen sie …«

KAPLAN: »Hat er sich schon für einen bestimmten Beruf entschieden?«

SIG. SILOTTI: »Sein Vater hat die Entscheidung für ihn getroffen. Ich hatte gehofft, Ernesto würde Priester werden. Seit der Geburt des Jungen war das mein größter Wunsch. Aber sein Vater hatte andere Ideen: Eine politische Laufbahn – das wünschte er sich für seinen klugen Sohn.«

KAPLAN: »Eine politische Laufbahn – unter der faschistischen Herrschaft?«

SIG. SILOTTI: »Bruno glaubte, dass unser Sohn dazu bestimmt sei, eine führende Rolle im neuen italienischen Imperium zu spielen. Er war noch ehrgeiziger für seinen Sohn als Ernesto selbst.«

KAPLAN: »Signora Silotti – sagen Sie mir die Wahrheit: Ist Ihr Mann Faschist?«

SIG. SILOTTI: »Nun, allerdings … er war in der Partei: das musste er, in seiner Stellung … wenn Sie das meinen …«

KAPLAN: »Nein, das habe ich nicht gemeint. Was ich wissen möchte, ist vielmehr, ob er Faschist ist – im H e r z e n.«

SIG. SILOTTI: »Das weiß ich nicht – wirklich, ich weiß es nicht. Er hat nie viel mit mir geredet. Er dachte, Frauen verstehen nichts von Politik. Er dachte, ich sei sehr dumm. Vielleicht bin ich das. Ich verstehe nichts vom Faschismus. Ich weiß nur, dass unser Padre nichts davon hielt, und unser Padre war ein heiliger Mann. Ich fürchte … Vielleicht hatte Bruno etwas mit der Verhaftung unseres Padre zu tun. Ich ertrage den Gedanken nicht …«

KAPLAN: »Regen Sie sich nicht wieder auf, Signora. Bleiben Sie ruhig. Sie müssen vor nichts Angst haben.«

SIG. SILOTTI: »Ich hatte immer Angst, seit Bruno unseren Jungen nach Bologna geschickt hat. Ich weiß nicht, was Ernesto studiert hat, dort unten an der Universität – Politik, nehme ich an. Außerdem ist er einer dieser gottlosen Jugendorganisationen beigetreten; aber die haben ihn nicht lange bei sich behalten: sie konnten ihn nicht brauchen, wegen seiner körperlichen Verfassung. Und es ist gut, dass er zurückgekommen ist! Die Nazis hätten ihn töten können. Sie wissen, was sie mit Krüppeln anstellen …«

KAPLAN: »Aber jetzt ist er wieder bei Ihnen. Wovor fürchten Sie sich jetzt?«

SIG. SILOTTI: »Er ist so anders – ja, das ist er. Er hat sich verändert, er ist nicht mehr derselbe. Natürlich ist er immer ein Problemkind gewesen – kein Wunder, bei seinem … seiner Verfassung … Aber in letzter Zeit ist er noch schwieriger geworden. Bologna hat etwas mit ihm gemacht.«

KAPLAN: »Wie meinen Sie das – noch schwieriger? Ist er nervös? Deprimiert?«

SIG. SILOTTI: »Ich weiß es nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Ja, ich nehme an, er ist deprimiert. Und er ist auch verbittert. Er macht sich große Sorgen um die militärische Lage. Und um seinen Vater. Es ist schlimmer mit ihm geworden, seitdem sein Vater fort ist.«

KAPLAN: »Stand er ihm sehr nahe?«

SIG. SILOTTI: »Ja, die beiden hatten immer viel miteinander zu bereden – Politik und Strategie und andere Sachen, von denen Frauen nichts verstehen. Natürlich durfte ich nie an ihren Gesprächen teilnehmen: Ich bin zu unwissend. Aber es ging mir besser, wenn ich den Jungen so lebhaft gesehen habe, so voller Hoffnung … Dann verließ uns sein Vater – eines Nachts, ohne mir Auf Wiedersehen zu sagen. Und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich mit dem Jungen anstellen soll. Ich habe gedacht, die Weihnachtsfeier würde ihn aufheitern; das gute Essen, die Kinder …«


Es klopft an der Tür.


KAPLAN (auf Englisch): »Wer ist da? Kommen Sie herein.«


In der offenen Tür – JACK. Hinter ihm der junge LIEUTENANT, ein ROTKREUZ-MÄDCHEN und der ERSTE GI (TOM) aus Szene 4.


JACK (auf Englisch): »Störe Sie ungern, Kaplan: aber wir sind mit allem fertig – Weihnachtsbaum und überhaupt. Denke, wir sollten jetzt mit der Feier anfangen.«

KAPLAN (auf Englisch): »Ja, natürlich! Ich wollte nicht, dass ihr auf mich wartet, Jackie. Die armen Kinder – die müssen schon ganz ungeduldig sein …«

LIEUTENANT (steht hinter Jack, lacht): »Und was ist mit uns, Kaplan? Wir sind auch ziemlich ungeduldig! Wir sind schließlich ebenfalls eingeladen!«

KAPLAN (begeistert): »Ja, natürlich! Und wie! Gut, Sie zu sehen, Lieutenant.« (An das Rotkreuz-Mädchen gewandt:) »Du auch, Betty – schön, dass du gekommen bist!« (An den GI gewandt:) »Und du … Liebe Güte, mein Gedächtnis! Wie heißt du noch einmal?«

TOM: »T-5[9] Tom McCowley, Sir.«

KAPLAN: »Tom – natürlich. Dumm von mir, dass ich das vergessen hatte. Und hör zu, Tom: Sag nicht ›Sir‹ zu mir, oder …!«

TOM: »Oder Sie nennen mich Corporal, Sir?«

KAPLAN: »Oder ich nenne dich T-5, das ist schlimmer – außerdem werde ich meiner Freundin Betty sagen, dass du keinen einzigen Donut bekommst.«

ROTKREUZ-MÄDCHEN: »Keinen einzigen! Sei also vorsichtig, Tom.«

JACK: »Also, wie ist der Schlachtplan, Kaplan? Sollen wir mit den Spielen anfangen? Oder zuerst die Geschenke? Oder die Schoko? Oder was?«

KAPLAN: »Schlage vor, zuerst die Schokolade …« (Er verlässt den Raum.)

ROTKREUZ-MÄDCHEN (im anderen Raum): »Wenn ich mich nützlich machen kann …«

KAPLAN: »Kannst du, Betty, kannst du … Also schauen wir mal: gibt es genügend Becher und Löffel?«

SIG. SILOTTI (noch in der Küche, ängstlich): »Mister Padre …«

KAPLAN (kommt zurück): »Wirklich, ich bin ja unmöglich!« (Auf Italienisch:) »Vergeben Sie mir, Signora, dass ich Ihnen meine Freunde nicht sofort vorgestellt habe …«

SIG. SILOTTI (auf Italienisch): »Nein, darum ging es mir nicht …«

KAPLAN (auf Italienisch): »Mit Ihrer Erlaubnis, Signora: Diese hübsche junge Dame ist Betty, eine wichtige Stütze des Rotkreuz-Feldlazaretts. Und dieser verwegene junge Mann ist Lieutenant … Lieutenant …«

LIEUTENANT: »Jimmy.«

KAPLAN (auf Italienisch): »Tenente Jimmy, genau. Und das ist mein Freund Tom.« (An Tom gewandt, auf Englisch:) »Muss ich ihr sagen, dass du T-5 bist?«[10]

TOM: »Sie können ihr auch erzählen, ich wäre General: Ich würde den Unterschied nicht merken. Dieses Kauderwelsch! Ich begreife nicht, wie irgendjemand das verstehen kann.«

KAPLAN (auf Englisch): »Tut ja keiner – wenn ich versuche, Italienisch zu sprechen. Meine Aussprache ist erbärmlich.«

LIEUTENANT: »Meine ist wunderbar.« (An Sig. Silotti gewandt:) »Come sta, Signorina?«

KAPLAN: »›Signora‹, Jim – bitte!«

LIEUTENANT: »Tut mir leid.«

SIG. SILOTTI (an den Lieutenant gewandt, in gebrochenem Englisch): »Danke, Mister Tenente … mir …geht … es … gut.«


Die Amerikaner brechen in Gelächter aus. SIG. SILOTTI – zuerst verwirrt über die unerwartete Reaktion – stimmt in die allgemeine Heiterkeit ein.


KAPLAN (an Sig. Silotti gewandt; auf Italienisch): »Es ist schön, Sie wieder lachen zu sehen, Signora! Und jetzt lassen Sie uns hineingehen und mit den Kindern feiern.« (Er bietet ihr den Arm, um sie ins Wohnzimmer zu führen.)

SIG. SILOTTI (hält ihn mit einer furchtsamen Bewegung zurück): »Aber, Mister Padre … Sie haben versprochen … vorgeschlagen … Wissen Sie nicht mehr? Ernesto – Sie wollten mit ihm reden …«

KAPLAN (in der Tür): »Ernesto – natürlich. Er sollte bei uns sein. Ich tue mein Bestes, ihn zu überreden … Warten Sie, ich hole nur ein kleines Weihnachtsgeschenk für ihn …« (Geht in den anderen Raum.)

SIG. SILOTTI (folgt ihm): »Sie sind so gut – fast so gut wie der r i c h t i g e Padre. Ich bin sicher, Ernesto wird ihre Freundlichkeit zu schätzen wissen …«


SCHNITT AUF:


18. INNEN, WOHNZIMMER …: Jetzt festlich geschmückt, auf dem Weihnachtsbaum leuchten Kerzen, Kuchen und Süßigkeiten sind auf großen Tabletts schön ausgebreitet, Geschenke sind auf einem Tisch gestapelt. Das ROTKREUZ-MÄDCHEN und der junge LIEUTENANT bringen Becher und Silberbesteck aus der Küche, und JACK hat damit begonnen, die heiße Schokolade einzuschenken. Die KINDER warten – und beobachten alles genau.


KAPLAN (hält die Nase über den Schokoladentopf): »Riecht gut, oder?«

SIG. SILOTTI (an die Mütter und Nonnen gerichtet, die noch immer steif und aufrecht am neu entzündeten Kamin sitzen; auf Italienisch:) »Es tut mir leid, liebe Freundinnen, dass ich Sie habe warten lassen …«


Während SIG. SILOTTI sich zu der Gruppe der Frauen am Kamin setzt, schwenkt die Kamera auf den KAPLAN, der am Tisch mit den Weihnachtsgeschenken steht. Nachdem er verschiedene Dinge in die Hand genommen hat, entscheidet er sich für einen dicken Wollschal.


KAPLAN (an Sig. Silotti; auf Italienisch): »Signora, ich glaube, ich habe das Richtige gefunden. Wären Sie so freundlich, mich nach oben zum Versteck Ihres Sohnes zu begleiten?«

SIG. SILOTTI (nervös): »Ja, Mister Padre, ja …« (An die anderen Frauen gewandt:) »Wenn Ihr mich bitte entschuldigt … Ich komme sofort zurück …«

DIE FRAUEN (nicht ohne eine gewisse Distanz und Ironie; auf Italienisch): »Natürlich, Cara … Warum nicht … Lass dir Zeit …«

SIG. SILOTTI (an den Kaplan gewandt; auf Italienisch): »Hier entlang, bitte, Mister Padre.«


Als der KAPLAN und SIGNORA SILOTTI nach oben gehen, folgen ihnen die FRAUEN am Kamin mit verstohlenen Blicken und saurem Lächeln. Die knochige MATRONE flüstert ihrer Nachbarin zu:


MATRONE: »Armer Mann: man sollte ihn warnen …«

NONNE (mit dem Finger auf den Lippen): »Pst, pst, Cara …«


Die Kamera schwenkt zurück zu SIG. SILOTTI und dem KAPLAN, die im Obergeschoss angekommen sind.


SCHNITT AUF:


19. INNEN, OBERGESCHOSS …: Ein schmaler Korridor vor Ernestos Zimmer. Vollkommene Dunkelheit – bis der KAPLAN und SIG. SILOTTI sich von der Treppe im Hintergrund nähern: die SIGNORA trägt eine kleine Lampe. Im trüben Licht werden eine niedrige, gewölbte Decke, anscheinend feuchte Wände und ein Steinfußboden sichtbar. – SIG. SILOTTI bleibt vor einer Tür stehen.


SIG. SILOTTI (flüstert aufgeregt; auf Italienisch): »Wir sind da, Mister Padre. Dies ist sein Zimmer.«

KAPLAN (auf Italienisch): »Nun, dann wollen wir hineingehen.«

SIG. SILOTTI (flüstert): »Ja.« (Sie klopft an der Tür; dann, mit ängstlich leiser Stimme:) »Ernesto …«


Keine Antwort.

SIG. SILOTTI: »Ich verstehe das nicht … Er ist bestimmt in seinem Zimmer …« (Sie klopft erneut.) »Ernesto …«


Wieder Stille. Dann ERNESTOS Stimme hinter der Tür.


ERNESTOS STIMME (auf Italienisch): »Wer ist da?«

KAPLAN (lachend): »Freunde.«

SIG. SILOTTI (schnell; auf Italienisch): »Ich bin’s, Ernesto – Mutter.«

ERNESTOS STIMME (auf Italienisch): »Wer ist der Mann bei dir?«

SIG. SILOTTI: »Das ist Mister Padre – der Kaplan … Er kommt, um dir frohe Weihnachten zu wünschen, Sohn.«


Nach einem weiteren Moment erwartungsvoller Stille öffnet ERNESTO die Tür. Er ignoriert den Kaplan und wendet sich direkt an seine Mutter.


ERNESTO (auf Italienisch): »Hab ich dir nicht gesagt, Mutter, dass ich nicht gestört werden möchte …«

SIG. SILOTTI (auf Italienisch): »Dies ist unser amerikanischer Padre, Sohn …«

KAPLAN (auf Englisch): »Ich heiße Martin. Frank Martin.«

ERNESTO (auf Italienisch): »Ich verstehe deine Sprache nicht.«

KAPLAN (auf Italienisch): »Natürlich … ich bitte vielmals um Entschuldigung … Nun, wie dem auch sei, ich freue mich, dich endlich kennenzulernen.«

SIG. SILOTTI: »Nun, Ernesto – willst du den Gentleman nicht hineinbitten?«

ERNESTO (sieht sie an; öffnet den Mund, um etwas zu sagen, entscheidet sich dann anders und schweigt weiter – beißt sich auf die Lippe.)

KAPLAN (schon halb im Zimmer): »Ich werde dich nicht lange stören, Ernesto.«

SIG. SILOTTI (geht hastig zur Treppe): »Ich muss mich jetzt um die Kinder kümmern, entschuldigen Sie mich, Mister Padre. Ernesto zeigt Ihnen den Weg nach unten – tust du das, Ernesto?«

ERNESTO (plötzlich mit einem hilflosen, furchtsamen Ausdruck in den Augen): »Aber, Mutter … bitte … Lass mich nicht mit ihm allein …«

Aber seine Mutter ist bereits fort.


KAPLAN (im Zimmer; auf Italienisch): »Kommst du nicht, Ernesto?«


Widerstrebend kehrt ERNESTO in das Zimmer zurück und schließt hinter sich die Tür.


SCHNITT AUF:


20. INNEN, ERNESTOS ZIMMER …: Das winzige Zimmer – kalt und erbärmlich im Dämmerlicht einer heruntergebrannten Kerze – enthält nichts als ein schmales Bett, einen wackligen Stuhl und einen kleinen Tisch, der mit Büchern und Papier bedeckt ist. ERNESTO steht mitten im Raum und sagt kein Wort – sein Gesicht ist vor Misstrauen und Hass ganz angespannt.


KAPLAN (nachdem er sich ein wenig umgeschaut hat; so fröhlich und beiläufig wie möglich; auf Italienisch): »Ein hübscher kleiner Raum. – Darf ich mich setzen?«


ERNESTO antwortet nicht. Der KAPLAN setzt sich auf den einzigen verfügbaren Stuhl.


KAPLAN: »Ich habe viel von dir gehört, Ernesto.«

ERNESTO (mit möglichst rauer Stimme): »Was wollen Sie?«

KAPLAN (unvermindert freundlich): »Hast du nicht gehört, was deine Mutter gesagt hat? Ich komme nur vorbei, um dir frohe Weihnachten zu wünschen.«

ERNESTO: »Falls Sie hoffen, irgendwelche Informationen aus mir herauszulocken, können Sie genauso gut gleich wieder gehen. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

KAPLAN: »Du irrst dich …«

ERNESTO: »Sie wären nicht der erste: Es sind schon andere Besucher hier gewesen, die das versucht haben. Ich wurde befragt, verhört, von Ihren Geheimdienstleuten ins Kreuzverhör genommen. Zwecklos. Ich weiß nichts, was von Bedeutung wäre. Ich habe nichts zu sagen.«

KAPLAN: »Die Männer, die dich befragt haben, haben nur ihre Pflicht getan. Und was mich angeht, ich tue auch meine Pflicht. Ich möchte dir etwas geben, Ernesto – ein kleines Weihnachtsgeschenk von den Jungs im Hauptquartier. Nichts Besonderes – nur ein nützlicher Gegenstand. Hier ist er.« (Er reicht ihm den wollenen Schal.)

ERNESTO: »Ich möchte keine Geschenke.«

KAPLAN: »Sei nicht kindisch. Es ist ganz schön kalt hier: Ein guter Schal ist da genau richtig.« (Er legt den Schal Ernesto um den Hals.)

ERNESTO (brummt etwas, das sowohl Dank wie Protest bedeuten kann.)

KAPLAN: »Und jetzt, mein Junge, gehen wir nach unten.«

ERNESTO: »Sie finden den Weg auch ohne mich.«

KAPLAN: »Deine Mutter möchte, dass du an der Feier teilnimmst.«

ERNESTO: »Ich kann nicht.«

KAPLAN: »Warum nicht?«

ERNESTO: »Zu tun.«

KAPLAN: »Deine Mutter wird enttäuscht sein.«

ERNESTO: »Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht kommen kann.«

KAPLAN: »Deine Mutter ist eine wundervolle Frau.«

ERNESTO: »Ich weiß.«

KAPLAN: »Sie himmelt dich an.«

ERNESTO (beinahe tonlos): »Ich weiß.«

KAPLAN: »Du kannst ihr eine Freude machen – indem du einfach nach unten kommst und ein wenig mit uns feierst. Ist das ein zu großes Opfer?«

ERNESTO (schreit ihn plötzlich in einem Anfall heftiger Wut an): »Lassen Sie mich in Ruhe! Raus hier!«

KAPLAN (steht vom Stuhl auf und zieht sich in Richtung Tür zurück. Schüttelt den Kopf – voller Mitleid): »Du brauchst mich nicht anzuschreien, Ernesto. Ich wollte nur deiner Mutter helfen – und dir auch.«

ERNESTO (überwindet seinen Stolz; reuig): »Es tut mir leid, Kaplan … Ich wollte nicht grob zu Ihnen sein.«

KAPLAN: »Schon in Ordnung.«

ERNESTO: »Aber, verstehen Sie … Ich kann wirklich nicht an Ihrer Feier teilnehmen. Es wäre eine Folter für mich, und ich würde den anderen Gästen den Spaß verderben. Ich bin nicht dafür gemacht, mich zu amüsieren. Ich habe … andere Dinge zu erledigen.«

KAPLAN: »Was denn für Dinge, Ernesto?«

ERNESTO (mit einer gewissen jungenhaften Lebhaftigkeit und Naivität, da er offenbar beginnt, dem Kaplan zu vertrauen): »Ich bin mir sicher, Kaplan, dass ich berufen bin und eine Mission zu erfüllen habe. Ich bin dazu bestimmt, ein großer Mann zu werden …« (Mit einem gewissen trotzigen Nachdruck, als hätte ihm jemand widersprochen:) »Ja, ein großer Mann – trotz … trotz dem hier …« (Er zeigt auf seinen Buckel.) »Deshalb muss ich arbeiten – hart arbeiten, so hart ich nur kann. Und ich muss jede Chance nutzen. Wer Größe erlangen will, muss gefährlich leben.«

KAPLAN (hat die Aufregung des Jungen mit väterlicher Neugier verfolgt. Plötzlich wird er ernst): »Gefährlich leben …: Ich glaube, dieses Motto gefällt mir nicht besonders, Ernesto. Es klingt wie eines der Schlagworte der faschistischen Philosophie.«

ERNESTO (begreift, dass er zu weit gegangen ist – jetzt wieder zurückhaltend und misstrauisch): »Ich hab das … ohne nachzudenken … nur so gesagt.«

KAPLAN: »Da bin ich mir sicher.« (An der Tür:) »Nun, ich gehe besser nach unten, sonst verpasse ich die ganze Feier. Willst du wirklich nicht mitkommen, Ernesto?«

ERNESTO: »Ich kann nicht.«

KAPLAN: »Ich würde gern mehr über deine Arbeit, deine Pläne, deine Ziele erfahren. Darf ich noch einmal vorbeischauen?«

ERNESTO: »Wenn Sie wollen.«

KAPLAN: »Nur, wenn ich sicher sein kann, dass du meine Absichten nicht falsch verstehst. Glaubst du mir jetzt, dass ich als Freund komme und nicht als Spion oder Agent?«

ERNESTO (widerstrebend): »Ja … ja, ich glaube Ihnen, Kaplan.« KAPLAN: »Danke, Ernesto.« (Er geht hinaus. Ruft vom Korridor:) »Hey, Junge, hier draußen ist es ganz schön dunkel …«

ERNESTO: »Warten Sie, ich zeige Ihnen den Weg …« (Er folgt ihm mit dem Licht.)


SCHNITT AUF:


21. INNEN, KORRIDOR … wie in Szene 19: ERNESTO hält seine kleine Kerze empor und geht voran zur Treppe. Der KAPLAN folgt ihm. An der Treppe bleibt ERNESTO stehen. Man hört, dass die KINDER unten ein Weihnachtslied singen.


KAPLAN: »Hörst du … Ist das nicht schön? … Reizt dich das nicht, Ernesto?«

ERNESTO (schüttelt den Kopf)

KAPLAN (auf Englisch): »Wie schade.«


Er streckt die Hand aus: ERNESTO ergreift sie. Sie schütteln sich die Hände. ERNESTO dreht sich um, um zurück in seinen Raum zu gehen; nach ein paar Schritten bleibt er stehen und sagt mit gesenkter Stimme über die Schulter:


ERNESTO (auf Englisch): »Kommen … Sie … wieder.«

KAPLAN (schon auf dem Weg die Treppe hinab): »Das tue ich bestimmt, mein Junge. Ganz bestimmt.«


SCHNITT AUF:


22. INNEN, WOHNZIMMER …: Die Feier ist in vollem Gange. Die KINDER – jedes mit seinem Weihnachtsgeschenk im Schoß – singen voller Begeisterung, und die anwesenden Amerikaner (das ROTKREUZ-MÄDCHEN, der LIEUTENANT, JACK und TOM) hören mit offensichtlichem Vergnügen zu; die älteren Frauen (MÜTTER und NONNEN) sitzen zusammen am Kamin, trinken Schokolade und tratschen. Als der KAPLAN von der dunklen Treppe hereinkommt, verlässt SIGNORA SILOTTI sofort den Kreis ihrer Freundinnen und eilt zu ihm.


SIG. SILOTTI (lebhaft; auf Italienisch): »Wird er kommen?«

KAPLAN (schüttelt den Kopf. Als er ihre Enttäuschung bemerkt, legt er ihr den Arm um die Schulter und redet besänftigend auf sie ein; auf Italienisch): »Machen Sie sich keine Sorgen, Signora. Alles ist gut. Wir sind jetzt Freunde, Ernesto und ich.«

SIG. SILOTTI (strahlend): »Oh, das ist wunderbar … er ist ein guter Junge, nicht wahr?«

KAPLAN (lächelt ihr zu): »Ja, er ist ein guter Junge. – Und nun wollen wir mal schauen, wie es mit der Feier aussieht …« (Auf Englisch:) »Sind alle glücklich?«

TOM: »Klar, Sir …«

ROTKREUZ-MÄDCHEN (gleichzeitig): »Wir haben viel Spaß …«

LIEUTENANT (gleichzeitig): »Es ist eine großartige Feier, wirklich, Kaplan!«

JACK: »Die Donuts gehen uns aus. Ansonsten – alles buono.«

KAPLAN (an die Kinder gewandt; auf Italienisch): »Geht es euch gut, Kinder?«

KINDER (antworten unisono): »Ja, Mister Padre, ja.«

EIN KLEINES MÄDCHEN: »Sehen Sie, was ich bekommen habe …« (Sie zeigt ihm ihr Geschenk.)

ANDERE KINDER: »Und ich … Und ich …« (Alle zeigen ihm ihre Geschenke.)

LUIGI (zeigt sein Geschenk – ein stattliches Taschenmesser): »Das hat er mir gegeben …« (Zeigt auf Tom.) »Ist es nicht wundervoll?«

UMBERTO (zeigt sein Geschenk – eine stattliche Taschenlampe; stolz): »Vom Tenente. Haben Sie je im Leben eine so starke Taschenlampe gesehen, Mister Padre?«

(Er leuchtet mit der Lampe dem KAPLAN direkt ins Gesicht.)

KAPLAN (geblendet, hebt die Hände schützend vor die Augen, verzieht das Gesicht): »Ganz schön stark, kann man wohl sagen …«

KINDER (brechen in Gelächter aus)

NONNE (steht auf und klatscht in die Hände): »Kinder! Nicht so wild! Lacht nicht über Mister Padre!«

KAPLAN (an Jack gewandt; auf Englisch): »Haben sie schon Spiele gespielt?«

JACK: »Noch nicht. Hatten genug damit zu tun, sich den Bauch vollzuschlagen.«

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