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Klaus Mann Der Kaplan
Der Kaplan
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Klaus Mann Der Kaplan

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KAPLAN (auf Englisch): »Na, dann los!« (An die Nonne gewandt; auf Italienisch:) »Was für ein Spiel würden die Kinder jetzt wohl gern spielen, Schwester?«

NONNE (schlägt ein Spiel vor)


Jetzt sollte ein beliebtes italienisches Spiel folgen, bei dem im Kreis getanzt und gesungen wird. Alle nehmen daran teil – KINDER, MÜTTER, AMERIKANER –, und die NONNEN leiten die Aktivitäten sehr effizient. Es gibt viel Lärm, Gelächter und Fröhlichkeit. Die Amerikaner – vor allem TOM und der junge LIEUTENANT – sorgen für einiges Durcheinander, weil sie die italienischen Befehle nicht verstehen.

Die Szene gelangt zu einem fröhlichen Höhepunkt – die singenden KINDER tanzen um den KAPLAN, die NONNEN rufen »Nicht so wild, Kinder!«, die MÜTTER lassen sich erschöpft wieder auf ihre Stühle fallen; das ROTKREUZ-MÄDCHEN jubelt: »Hier ist es lustiger!«


BLENDE


23: AUSSEN, STRADA STATALE 65 …: Nicht weit vom Dorf entfernt. Es ist dunkel. Der militärische Verkehr ist so dicht wie zuvor. Die abgedunkelten Fahrzeuge bewegen sich langsam durch Nebel und Sturm.

Die Kamera fährt auf einen Wagen zu, der mit technischen Geräten ausgerüstet ist, um geheime Radiosender zu lokalisieren. Eines der Geräte, die dafür benutzt werden, gibt ein »Tick Tack«-Geräusch von sich, das, wenn möglich, im gleichen Rhythmus tickt wie das Lied am Ende der vorigen Szene – wie ein Echo.

Im Wagen ZWEI AMERIKANISCHE SOLDATEN (Funk-Experten der Signal Corps Intelligence Section).


ERSTER SOLDAT: »Es muss hier irgendwo sein …«

ZWEITER SOLDAT: »Im Dorf? Schon möglich …«


Der Wagen biegt in die Dorfstraße ein.


BLENDE


24. INNEN, WOHNZIMMER …: Das Fest geht weiter – jetzt auf geregeltere, feierliche Art. Die KINDER, die in der Mitte des Raums stehen, singen ein italienisches Weihnachtslied; die ERSTE NONNE dirigiert. Die anderen NONNEN und die MÜTTER stehen dabei und hören zu. Das ROTKREUZ-MÄDCHEN, der junge LIEUTENANT, JACK und TOM ruhen bequem auf Kissen auf dem Fußboden. Der KAPLAN betrachtet die idyllische Szene aus einer Ecke des Raums.

Plötzlich wird die Tür zur Straße von außen geöffnet. Der Sturm bläst Schnee und Regen in den Raum. In der offenen Tür – die beiden SOLDATEN des Signal Corps: nass, verfroren, schlammbespritzt – zwei grimmig blickende, feindselige Eindringlinge.

Aufregung. Alle im Raum stehen auf. Rufe der AMERIKANER: »Was ist los? – Was zum Teufel wollen die? – Macht die Tür zu!« usw. – Rufe der ITALIENER: »Mamma mia … Madonna …« usw. SIGNORA SILOTTI starrt die beiden Männer an – blass, unbeweglich, mit schreckgeweiteten Augen.


ERSTER SOLDAT: »Hier drin muss es sein …«

ZWEITER SOLDAT: »Lass uns die verdammte Bude durchsuchen.«


Sie kommen in den Raum herein. Der KAPLAN, der wie die anderen aufgestanden ist, tritt ihnen mit einer gewissen Autorität entgegen.


KAPLAN: »Was kann ich für euch tun, Jungs?«

ERSTER SOLDAT: »Nanu, Kaplan Martin! Guten Abend, Kaplan.«

ZWEITER SOLDAT: »Zu dumm, dass wir Ihre Feier stören müssen. Die Pflicht, Sie verstehen.«

KAPLAN: »Worum geht es? Wonach sucht ihr?«

ZWEITER SOLDAT: »Nun, sehen Sie, es gibt einen Geheimsender …«

ERSTER SOLDAT (mit strafendem Blick auf seinen Kumpel): »Sei still! Vor all diesen Spaghettifressern!« (Er flüstert dem Kaplan etwas zu.)

KAPLAN: »Ich glaube nicht … Ich hoffe nicht, dass ihr hier etwas finden werdet.«

ERSTER SOLDAT (grinsend): »Sie werden sich wundern, Kaplan.«

ZWEITER SOLDAT: »Unser Apparat da draußen im Wagen macht normalerweise keine Fehler.«

KAPLAN: »Nun, dann an die Arbeit.«

ERSTER SOLDAT (zu seinem Kumpel): »Wo schauen wir zuerst nach?«

ZWEITER SOLDAT: »Ich denke, wir können ruhig gleich hier anfangen.«

KAPLAN (nach einem kurzen Zögern): »Wenn ich einen Vorschlag machen darf, Jungs: Ich glaube, die Chance ist größer, dass ihr im zweiten Stock etwas findet – wenn überhaupt …«

ERSTER SOLDAT (ein wenig überrascht): »Okay – wenn Sie das sagen. Uns ist es egal.«

ZWEITER SOLDAT: »Da oben?«


Sie gehen nach oben. SIGNORA SILOTTI macht eine hilflose kleine Bewegung, als ob sie sie zurückhalten wollte; aber es ist zu spät. Ohne sichtbare Gefühlsregung steht sie da – lauschend, abwartend, zitternd –, als die ZWEI SOLDATEN das obere Stockwerk erreichen.


KAPLAN (zu den Kindern und Frauen, so fröhlich und beruhigend wie möglich; auf Italienisch): »Keine Sorge, Freunde. Lasst uns noch ein Lied hören, Kinder.«


Die KINDER fangen wieder an zu singen. Ihre Stimmen klingen etwas zittrig. Alle starren nach oben – wo die beiden Soldaten gerade verschwunden sind. Die Kamera folgt der Richtung, in die alle blicken.


SCHNITT AUF:


25: INNEN, ERNESTOS ZIMMER …: Das Zimmer ist dunkel, die Tür zum Korridor offen. Die SOLDATEN vom Signal Corps leuchten den Raum mit einer Taschenlampe aus.


ERSTER SOLDAT (durchsucht den Raum): »Ich wäre nicht überrascht, wenn das verdammte Ding hier irgendwo wäre …«

ZWEITER SOLDAT (singt ein bekanntes amerikanisches Lied): »Come out – come out wherever you are …«

ERSTER SOLDAT (setzt denselben Musical-Hit fort): »I know – I know you are not very far …«

ZWEITER SOLDAT (singt weiter): »So – come out …« (Das Licht der Taschenlampe fällt auf ERNESTO, der in einer Ecke hinter der Tür steht, flach an die Wand gedrückt.) »Also, komm raus! Und besser etwas flott, kleiner Mann!«


Die ZWEI SOLDATEN prusten vor Lachen. ERNESTO kommt widerstrebend aus seinem Versteck – das Gesicht verzerrt vor Angst und Wut.


ERNESTO (auf Italienisch): »Sucht ruhig weiter. Hier werdet ihr nichts finden.«

ERSTER SOLDAT: »Sag das noch mal – auf Englisch.«

ERNESTO (auf Englisch): »Nichts hier. Nicht möglich etwas finden.«

ERSTER SOLDAT: »Ach so? Reg dich nur nicht auf, Bürschchen, immer mit der Ruhe. Wir finden das schon, deshalb sind wir hier.«


Sie suchen weiter – klopfen die Wände ab usw. An einer Stelle hört der ERSTE SOLDAT einen hohlen Ton.


ERSTER SOLDAT (an seinen Kumpel gewandt): »Hör mal, Mac –: klingt komisch, oder?«

ZWEITER SOLDAT: »Sehr komisch … Mal sehen …«


Sie ziehen einen losen Ziegel aus der Mauer. Hinter dem Ziegel: der Geheimsender!


ERSTER SOLDAT (triumphierend): »Schau dir das an!«

ZWEITER SOLDAT: »Hab ich’s nicht gesagt?«

ERSTER SOLDAT: »Von wegen, du Sohn einer … Wer hat hier denn die ganze Zeit gesagt …«


In ihrer freudigen Erregung haben sie die Gegenwart ERNESTOS vorübergehend vergessen. Der Bucklige hat inzwischen eine große, altmodische Pistole hervorgezogen. Die Pistole auf die beiden Amerikaner gerichtet, springt er auf sie zu, reißt dem ERSTEN SOLDATEN die Taschenlampe aus der Hand und wirft sie aus dem Fenster. Vollkommene Dunkelheit.

ERNESTO (schon an der Tür; mit schriller, hysterischer Stimme; auf Italienisch): »Mich kriegt ihr nicht … Ihr seid Narren … Narren, Narren, Narren …«


Er verlässt den Raum – zurück bleiben die ZWEI SOLDATEN.


ERSTER SOLDAT (in völliger Dunkelheit): »Was zum Teufel …«

ZWEITER SOLDAT (gleichzeitig): »Verdammt …«

ERSTER SOLDAT: »Hast du Streichhölzer?«


Die Kamera folgt ERNESTO, der den dunklen Korridor entlangläuft, hin zur Treppe.


SCHNITT AUF:


26. INNEN, WOHNZIMMER …: Die KINDER singen – mit ziemlich dünnen, zittrigen Stimmen. Als ERNESTO an der Treppe erscheint, hören sie sofort auf. Die folgende Szene spielt sich in atemberaubendem Tempo ab. Mit erstaunlicher Gewandtheit rennt ERNESTO die Treppe hinab, während die ZWEI SOLDATEN durch die Dunkelheit des oberen Korridors stolpern.


ERSTER & ZWEITER SOLDAT (gleichzeitig): »Stoppt den Schweinehund … Haltet ihn fest … Lasst ihn nicht entkommen …«


Panik erfasst die FRAUEN und KINDER. ERNESTO hat die Tür zur Straße schon erreicht. Er steht mit dem Rücken zur Tür – schwer atmend richtet er die Pistole auf die verschreckte Versammlung.


LIEUTENANT (starrt ihn an, als wäre er eine Teufelserscheinung): »Ja, das ist er … dasselbe Monster, genau …«

ERNESTO (bedroht die Menge mit der Pistole; auf Italienisch): »Ich töte jeden, der sich bewegt.« (Er wiederholt die Drohung auf Englisch:) »Jeder … der … bewegt … tot –: sofort!«

SIG. SILOTTI (flüstert mit beinahe gelähmten Lippen; auf Italienisch): »Ernesto … das ist nicht wahr … mein Sohn …«

ERNESTO (auf Italienisch): »Hast du nicht gehört, Mutter? Ich töte jeden, der sich bewegt. J e d e n!«

SIG. SILOTTI: »Ernesto … Was hast du getan?«

ERNESTO (hysterisch kreischend): »Ja, ich hab’s getan, Mutter! Ich habe über Funk Nachrichten übermittelt, ich habe unseren Leuten militärische Informationen gegeben …«

SIG. SILOTTI: »An u n s e r e Leute, Sohn? Das sind nicht unsere Leute, das sind Feinde. Sie haben unseren Padre getötet …«

ERNESTO: »Nicht unsere Leute, Mutter? Weißt du denn nicht, wer meine Nachrichten empfangen hat?«

SIG. SILOTTI (fast tonlos): »Dein Vater …«

ERNESTO (in einer Art wahnsinnigem Triumph): »Natürlich war es Vater – wer sonst? Er ist bei den Faschisten! Ich bin bei den Faschisten – und ich bin stolz darauf!«

KAPLAN: »Ernesto! Hör mir zu! Du bist ja verrückt! Gib mir den Revolver!«

ERNESTO: »Hier sind Sie also, Priester? Ich wusste, Sie würden mich verraten – ich wusste, das alles war eine Falle: Das habe ich die ganze Zeit gewusst! Sie schleimiger Heuchler! Sie Spitzel! Sie … Sie Christ! …« (Die Pistole auf den Kaplan gerichtet, versucht er, die Tür mit dem Ellbogen des linken Arms zu öffnen. Mit zischender Stimme:) »Ich töte dich, Verräter – und wenn es das letzte ist, was ich auf dieser verkommenen Welt tue!«


Er hat es geschafft, die Tür zu öffnen, und macht einen Schritt rückwärts, sodass er jetzt draußen steht – noch immer hat er die Versammlung im Blick und noch immer bedroht er sie mit dem Revolver. Doch nun konzentriert er sich ganz auf den Priester. Er starrt ihn mit unbeschreiblichem Hass an und wiederholt seine Drohung – jetzt in gebrochenem Englisch.


ERNESTO (zischt; auf Englisch): »Töte dich, Priester … Töte dich … Töte … töte … töte …«

Der junge LIEUTENANT nutzt den Wechsel in ERNESTOS Aufmerksamkeit aus: Er zieht seine eigene Pistole und zielt auf den hysterischen Krüppel.


LIEUTENANT: »Das reicht jetzt, Buckliger.«

ERNESTO (zuckt zusammen; kreischt): »Buckliger …«


Der LIEUTENANT schießt. ERNESTO, ins Herz getroffen, fällt und rollt die Stufen hinunter.


SCHNITT AUF:


27. AUSSEN, STRASSE …: Vor dem Haus. ERNESTO rollt die Stufen hinunter und liegt mit dem Gesicht im Schlamm. Der KAPLAN stürzt aus dem Haus, die Stufen hinunter; beugt sich über den sterbenden Jungen.


KAPLAN (auf Italienisch): »Ernesto … Ernesto … Kannst du mich hören?«

ERNESTO (sein Körper zuckt in letzten Konvulsionen; er starrt den Kaplan an; murmelt): »Geh weg … hau ab … Verräter …«

KAPLAN: »Ernesto … willst du nicht beten?«

ERNESTO (starrt ihn unentwegt an): »Zur Hölle mit dir … du Schwindler … zur Hölle mit euch allen … zur Hölle … zur Hölle …« (Er stirbt.)


Inzwischen hat sich eine Menschenmenge angesammelt – bestehend aus GIs, DORFBEWOHNERN und allen TEILNEHMERN DER FEIER. SIGNORA SILOTTI ist in den Armen einer der NONNEN ohnmächtig geworden. Einige der KINDER, die einen Halbkreis um diese Ansammlung bilden, fangen an zu weinen: das tote Gesicht – verzerrt und über und über mit Schlamm verschmiert – sieht beängstigend aus.


EIN KLEINES MÄDCHEN (weinend; auf Italienisch): »Mutter … er ist so hässlich … Warum ist er so hässlich, Mutter?«

KAPLAN: »Möge der Herr seiner armen Seele gnädig sein. Sein Gesicht sieht so aus, als hätte er die Hölle schon hier erlebt, auf Erden.«

Mitleidig bedeckt er das schreckliche Gesicht mit einem Schal – demselben Schal, den er Ernesto als Weihnachtsgeschenk gegeben hatte.


*

Anmerkungen

1 Das Alter ist handschriftlich eingefügt, später heißt es, der Junge sei 17.

2 Im Original Limies, gängiges Spottwort der Amerikaner für britische Seeleute, die zum Schutz gegen Skorbut Zitronensaft trinken.

3 EM = Enlisted Men, PX = Post Exchange.

4 WAC = Women Army Corps, d. h. weibliche Militärpersonen.

5 Im Typoskript trägt diese Szene, wie schon die vorige, die lfd. Nr. 2; die lfd. Nummern sind im Folgenden deshalb korrigiert.

6 Im Typoskript mordial statt cordial.

7 Im Original deutsch / italienisch.

8 Im Folgenden von Klaus Mann abgekürzt als »Sig. Silotti«. Korrekt eigentlich als »Sig.ra« abgekürzt.

9 Beim amerikanischen Militär werden Offiziers- und Mannschaftsdienstgrade nach der Soldstufe durchnummeriert und mit einem »O« für Offizier bzw. »E« für Enlisted Men, also Mannschaften, versehen.

10 Im II. Weltkrieg wurde zusätzlich das Präfix »T« für Techniker verwendet, Tom ist also »Technician 5th Grade« und wird als Corporal oder Tech-Corporal angeredet.


Abb. 2 und 3: Original Typoskript Klaus Mann: The Chaplain,© Münchner Stadtbibliothek / Monacensia.


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