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Klaus Mann Der Kaplan
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SERGEANT (brummt): »Wir stecken bestimmt den ganzen Tag hier fest.«
DER ZWEITE SERGEANT: »Diese Zitronenfresser. Tee!«
(Er schüttelt sich.)
LIEUTENANT: »Na, ihr beiden übersteht das schon. Ich will Martins Weihnachtsansprache nicht verpassen.« (Er macht sich auf den Weg, watet entschlossen durch den knöcheltiefen Schlamm.)
SERGEANT (brummt ihm nach): »Will die Weihnachtsansprache nicht verpassen – hä?«
DER ZWEITE SERGEANT: »Was für ein Weihnachten!« SERGEANT: »Tee!« (Er drückt wütend die Hupe des Jeeps und schließt sich dem Hupkonzert der vielen anderen Wagen der Fahrzeugkolonne an.)
2. DIVISIONSHAUPTQUARTIER …: Der LIEUTENANT kommt an einen Militärwegweiser mit dem Hinweis »HQ … Div.« (Die Nummer der Division ist mit Schlamm bedeckt und unleserlich.) Er wendet sich nach links und folgt einem kleineren, ebenfalls schlammigen Weg durch die Felder.
Die Kamera macht einen Schwenk über das HAUPTQUARTIER – eine Zeltstadt, die sich über dem schlamm- und schneebedeckten Feld erstreckt wie die Siedlung eines Nomadenstammes. Am Eingang des Lagers halten zwei MPs Wache – sauber gekleidet, mit weißen Helmen, Gürteln und Handschuhen.
MP (salutiert vor dem Lieutenant): »Die Parole, Sir?«
LIEUTENANT (grinst): »Fröhliche Weihnachten.«
MP (grinst ebenfalls): »Ihnen auch, Sir.«
LIEUTENANT: »Reicht das heute?«
MP (widerstrebend): »Hm, ich weiß nicht, Sir …«
DER ZWEITE MP: »Heute heißt die Parole ›Tea Party‹, Sir.« LIEUTENANT (lacht): »Na, das passt ja …!« (Er geht weiter.)
Die Kamera folgt ihm, wie er weiter durch den Schlamm watet – an einer langen Reihe Zelte entlang. Es gibt Zelte von verschiedener Form und Größe – kleine Dachzelte und gewöhnliche Zweimannzelte für die Mannschaften, aufwändigere Zelte für die Offiziere und noch kompliziertere Konstruktionen für die Divisionshauptquartiere der verschiedenen Waffengattungen wie »G-1«, »G-2«, »G-3«, »C. I. C.«, »Artillery« usw. (alle durch ihre jeweiligen Symbole gekennzeichnet). Weitere Zelte tragen gut sichtbare Kennzeichen wie »EM PX« (Kaufladen der Mannschaften[3]), »OF PX« (Kaufladen der Offiziere), »EM Duschen«, »OF Duschen«, »EM Latrine«, »OF Latrine«, »WAC[4] Latrine« »APO« (Feldpost), »EM Messe«, »OF Messe«, »Messe der Colonels und Generals«, »Duschen der Colonels und Generals«, »Latrine der Colonels und Generals«. – Der LIEUTENANT schaut in einige der Zelte hinein, doch alle sind leer. Es ist Weihnachten. Das ganze Lager – mit Ausnahme einiger Wachsoldaten – scheint im Sanitätszentrum versammelt zu sein, das auch als Kapelle dient. Die Kapelle, der aufwändigste Raum des ganzen Lagers, ist kein Zelt, sondern ein imposantes, wenn auch einfaches Holzhaus mit Dach, Fenstern und Türen.
Der LIEUTENANT tritt ein.
3. INNEN, KAPELLE …:[5] Ein großer Raum – die Wände aus rohem, ungehobeltem Holz, der Boden mit Strohmatten bedeckt. Die Wände und Fenster sind mit Myrtenzweigen und -girlanden geschmückt – der traditionellen Weihnachtsdekoration.
Die Kamera zeigt zuerst den Hintergrund des Raums, wo ein imposanter Weihnachtsbaum steht – sorgfältig geschmückt mit Kerzen, goldenen Sternen, farbigen Papierstreifen usw. Dieser Teil des Raums wirkt wie ein Wohnzimmer oder sozialer Treffpunkt: Ein großes Radio befindet sich dort, ein Plattenspieler, eine Tischtennisplatte und Tische, auf denen Zeitschriften ausliegen (LIFE, TIME, THE STARS & STRIPES, YANK usw.).
Die Kamera schwenkt dann zum anderen Teil des Blockhauses – zum Vordergrund neben dem Haupteingang –, der als Kapelle genutzt wird. Im Zentrum befindet sich ein improvisierter Altar: nur ein Tisch mit weißer Decke und einem großen silbernen Kruzifix. Der Tisch steht auf einer leicht erhöhten Plattform.
DER KAPLAN (CAPT. FRANK MARTIN) steht mit dem Rücken zum »Altar« und schaut in sein Publikum, das im Halbkreis vor ihm sitzt. Die Kamera schwenkt über die Versammlung – alle lauschen der Ansprache des KAPLANS. In einem großen Lehnstuhl in der Mitte der ersten Reihe sitzt der GENERAL (ein Stern) – ein eher unwirsch wirkender Herr in den Fünfzigern: grauer Schnurrbart, buschige Augenbrauen, kalte, lauernde Augen. Zu seinen Seiten sitzen zwei COLONELS. Die restlichen Sitze in der ersten Reihe sind für weitere COLONELS und LIEUTENANT COLONELS reserviert, und in den nächsten drei Reihen sitzen MAJORS, CAPTAINS und LIEUTENANTS. (Die Kamera fährt auf ein gut sichtbares Schild zu, das die Aufschrift trägt: NUR FÜR OFFIZIERE.) – Die MANNSCHAFTSGRADE, vom Master-Sergeant bis zum Rekruten, sitzen weiter hinten, manche von ihnen müssen stehen, da alle Plätze besetzt sind (obwohl im reservierten Bereich einige Stühle frei sind). – Bei den Offizieren sitzen vereinzelte KRANKENSCHWESTERN und ROTKREUZ-MÄDCHEN, und bei den Mannschaften einige WACs (einige mit den Rangabzeichen von Sergeants; viele tragen Brillen).
Als die Kamera die stehenden GIs im Hintergrund des Publikums zeigt, wird die Tür von außen vorsichtig geöffnet und der junge LIEUTENANT schlüpft mit entschuldigendem Lächeln herein.
LIEUTENANT (an einen Soldaten in der Nähe gewandt): »Worüber redet er?«
GI: »Über den Krieg. Und Weihnachten.«
LIEUTENANT (kichernd): »Tolle Kombination.«
Schnitt auf den KAPLAN – dessen Gesicht bisher noch nicht gezeigt wurde. Er ist ein kräftiger, gut erhaltener Mann Ende vierzig mit klaren, sympathischen Konturen – völlig frei von den Manieriertheiten, die man für gewöhnlich mit Geistlichen in Verbindung bringt. Er spricht geradeheraus, einfach, ohne salbungsvolle Betonungen. Er trägt Uniform (ohne die Rangabzeichen eines Offiziers) – die Kalkleiste ist der einzige Hinweis auf seinen Status als Geistlicher.
KAPLAN: »Meine Freunde, lasst mich noch eins sagen, bevor ich schließe – ich weiß ja, dass ihr Leute schon ungeduldig darauf wartet, euch zum Essenfassen anzustellen und den Truthahn nicht zu verpassen …«
Respektvolles Lachen im Publikum. Auch der KAPLAN lächelt leicht; dann wird er ernst und fährt fort.
KAPLAN: »Weihnachten ist hier anders als zu Hause – ich weiß, meine Freunde, es ist kein richtiges Weihnachten hier draußen im Matsch und in der Kälte. Viele von uns fühlen sich heute bestimmt traurig und haben Heimweh. Weihnachten – das war für uns immer ein Symbol für Frieden und fröhliches Beisammensein mit der Familie. Noch eine Kriegs-Weihnacht – noch eine Weihnacht in einem fremden Land: Ich weiß, meine Freunde – es fällt uns allen nicht leicht …«
Die Kamera macht einen Schwenk über das Publikum und fängt einige nachdenkliche Gesichter ein. Ein bulliger First Sergeant beißt sich auf die Lippe, um sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen; ein älterer weiblicher Korporal muss die Brille abnehmen, um sich die Augen zu wischen; ein junger Rekrut, der kaum älter als siebzehn zu sein scheint, hat einen sehnsüchtigen Ausdruck in seinen blauen Kinderaugen. Die Kamera kehrt zum KAPLAN zurück, der in seiner Ansprache fortfährt.
KAPLAN: »Dies ist ein langer, furchtbarer Krieg. Viele von euch haben gehofft, dass diese große Tragödie früher beendet würde. Im vorigen Sommer sah es wirklich so aus, als stünde der Sieg vor der Tür. Aber unsere Hoffnungen haben sich nicht erfüllt: unser Optimismus war nicht gerechtfertigt. Die militärische Entscheidung zieht sich hin – dort, am Rhein, wo die Deutschen eine regelrechte Winteroffensive gestartet haben – und hier oben, in dieser Gebirgswildnis. Wieder einmal haben wir den Fehler gemacht, die Entschlossenheit und die Ausdauer unseres Feindes zu unterschätzen.« (Er macht eine kurze Pause und fährt dann in zuversichtlicherem Tonfall fort:) »Dabei steht eins natürlich außer Frage und ist über jeden Zweifel erhaben – einer Sache können wir trotz zeitlicher Verzögerungen und gelegentlicher Rückschläge sicher sein: Der Sieg wird uns gehören! Wir werden diesen Krieg gewinnen, mit der Hilfe Gottes und im Vertrauen auf Seinen ewigen Ratschluss. Wir werden gewinnen durch unsere Stärke, durch den Patriotismus unserer Bürger und den Mut unserer Soldaten. Wir werden gewinnen, weil wir für die richtige Sache kämpfen – gegen die Mächte des Bösen und der Zerstörung.«
DER GENERAL in der ersten Reihe nickt zustimmend und schlägt leise die Hände zusammen, ein diskreter, aber deutlich sichtbarer Applaus. Die beiden COLONELS zu seinen Seiten ahmen seine Geste nach, aber der Rest des Publikums folgt dem Beispiel nicht. Der KAPLAN fährt fort.
KAPLAN: »Nein, wir brauchen uns vor einer Niederlage nicht zu fürchten. Aber, meine Freunde, lasst uns vor einer anderen Gefahr auf der Hut sein – sie ist nicht weniger tödlich als die Niederlage es wäre! In unserem Kampf könnten wir die Werte und Ideale, für die wir kämpfen, vergessen und verraten: das ist die große – die erschreckende Gefahr, vor der ich euch warnen will, Freunde. Amerikanische Soldaten, denkt immer daran, was in diesem Krieg auf dem Spiel steht: es ist unsere christliche Zivilisation – sie wird bedroht und verletzt durch barbarische Angreifer. Diese Feinde des Friedens und der Menschlichkeit – sie sind dem Untergang geweiht: Sie verdienen es, zugrunde zu gehen, und sie werden zugrunde gehen. Aber reicht die Zerstörung des Bösen aus, um das Überleben der Tugend zu sichern? Was wäre, wenn wir uns im Verlauf dieses grausamen Kampfes selbst mit dem Bazillus infiziert hätten, den zu vernichten wir ausgezogen waren?«
Er hat mit großem Nachdruck und Ernst gesprochen – und scheinbar zeitweise die Anwesenheit der Soldaten vergessen. Nun erinnert ihn ein leises Gemurmel im Publikum daran, wo er ist. Das Gemurmel deutet – wenn auch sehr zurückhaltend – darauf hin, dass seine Zuhörer überrascht sind und seinem Vortrag nicht folgen können. Als der KAPLAN diese Reaktion bemerkt, wird er ein wenig verlegen. Er lächelt ins Publikum, als wolle er sich entschuldigen; dann fährt er fort – und nun wendet er sich direkter, quasi »von Mann zu Mann«, an die Soldaten vor ihm.
KAPLAN: »Nun, Jungs, vielleicht ist nicht ganz klar geworden, was ich meine. Wenn ich dunkel und konfus klinge, dann ist das nur meine Schuld: Es liegt daran, dass ich nicht weiß, wie ich mich am besten ausdrücken soll. Dabei ist das, was ich sagen will, ganz einfach. Ich will euch Männer davor warnen, bittere, unchristliche Gefühle in euch aufkommen zu lassen. Versteht ihr mich jetzt?
Es ist ganz natürlich, je länger der Krieg dauert, desto bitterer und gewalttätiger wächst der allgemeine Hass: Je mehr Tod und Zerstörung – desto mehr Lust auf Vergeltung! Das ist logisch, nicht wahr?
Es mag zwar logisch sein, aber das bedeutet nicht, dass es gut und notwendig ist. Am Hass ist nichts Gutes – nichts Edles und Konstruktives. Glaubt mir, Freunde! Ich bitte euch, mir zu glauben, dass Hass böse ist: er erzeugt Tod – nicht Leben.
Sind Hass, Intoleranz, Selbstgefälligkeit, engstirniger Nationalismus, der Kult roher Gewalt nicht die bösen Wurzeln von Faschismus und Nationalsozialismus? Aber wenn Nationalsozialismus und Faschismus unsere Feinde sind, was ist dann mit jenen bösen Impulsen und Prinzipien, ohne die diese feindseligen Bewegungen niemals entstanden wären? Was ist mit Hass, Grausamkeit, Intoleranz? Auch sie sind unsere Feinde! Auch sie müssen besiegt werden!
Soldaten, ich weiß, es ist schwer, einen boshaften und rücksichtslosen Feind zu bekämpfen – ohne ihn zu hassen. Aber es ist möglich. Versucht es. Versucht, das Hassenswerte an eurem Gegner zu hassen – seine gottlosen Ideen, seine Vorurteile, seine sadistischen Instinkte. Aber hasst nicht den Menschen. Kein Mensch ist ganz und gar hassenswert oder vollkommen böse: genau, wie auch kein Mensch vollkommen gut ist. Sind wir nicht alle nur schwache, fehlbare Geschöpfe? Lasst uns das nicht vergessen – selbst wenn wir gegen diejenigen kämpfen, die wir für schlechter halten als uns selbst.«
An dieser Stelle räuspert sich der GENERAL auf unheilverkündende Weise und tauscht Blicke mit den COLONELS. Der KAPLAN ignoriert diese Bekundung von Überraschung und Missvergnügen und beendet seine Rede:
KAPLAN: »Nun, meine Freunde, das ist es, was ich euch heute sagen wollte. Es sind die vierten Kriegs-Weihnachten: für viele von euch Männern bereits die dritte Weihnacht, die ihr im Ausland feiert. Deshalb glaube ich, dass einige von uns eine kleine Erinnerung daran gebrauchen können, was dieses Fest bedeutet, damit wir es nicht vergessen. Denkt daran, meine Freunde, wir sind hier versammelt, um der Geburt des göttlichen Märtyrers und Kämpfers zu gedenken, dessen Vermächtnis das Evangelium der brüderlichen Liebe ist: Gottes Sohn, der zur Erde gesandt wurde und der Sohn der Menschen wurde, ›damit er Erkenntnis des Heils gebe seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.‹ – Amen. – Lasset uns beten.«
Er betet – den Kopf schweigend gesenkt. Die Versammlung tut es ihm nach. Nach einem Moment ehrfürchtiger Stille nimmt der KAPLAN wieder seine normale Haltung ein und lächelt herzlich in die Versammlung.
KAPLAN: »Euch allen frohe Weihnachten.«
STIMMEN AUS DER VERSAMMLUNG: »Ihnen auch, Kaplan!«
KAPLAN: »Mach uns mal ein bisschen Musik, Jack!«
Ein SERGEANT mit Brille (JACK), der im Hintergrund des Raums am Harmonium sitzt, spielt ein Weihnachtslied. Die meisten SOLDATEN stehen auf und bewegen sich zum Ausgang.
KAPLAN (ruft sie mit einem kleinen Schrei und einer schnellen Bewegung zurück): »Halt – wartet noch ein wenig, Jungs! Fast hätte ich etwas ziemlich Wichtiges vergessen: Und zwar möchte ich allen ganz herzlich[6] danken, die an meiner kleinen Weihnachtssammlung für die italienischen Kinder teilgenommen haben. Eine Menge wunderbarer Sachen sind zusammengekommen: wollene Schals, Handschuhe und Unterwäsche, Konserven, Süßigkeiten – sogar ein paar schöne Spielsachen. Dadurch werden die Kinder ein richtiges Weihnachten haben! Ich weiß, dass sie alle sehr glücklich sein werden. Und ehrlich gesagt, auch ich bin sehr glücklich. Nochmal vielen Dank, Jungs. Ich weiß zu würdigen, was ihr getan habt. – Übrigens findet die Weihnachtsfeier für die Kinder aus dem Dorf heute Nachmittag im Haus des Bürgermeisters statt. Von drei bis fünf Uhr nachmittags gibt es heiße Schokolade – das ist den lieben Damen des amerikanischen Roten Kreuzes zu verdanken.« (Er macht eine Handbewegung in Richtung zweier ROTKREUZ-MÄDCHEN – die sein Kompliment mit Kichern und Erröten quittieren.) »Alle sind eingeladen. Macht’s gut, Jungs. Und esst nicht zu viel Truthahn.«
Alles bewegt sich in Richtung Tür. Auch der KAPLAN nimmt seinen Hut von einem Stuhl und scheint bereit zu gehen: Da kommt der GENERAL in Begleitung eines der COLONELS auf ihn zu.
GENERAL: »Guten Morgen, Kaplan.«
KAPLAN: »Fröhliche Weihnachten, Sir. Hallo, Colonel. Auch Ihnen frohe Weihnachten.«
GENERAL: »Ich würde gern kurz mit Ihnen reden.«
KAPLAN: »Aber natürlich, General. Ganz zu Ihrer Verfügung …«
(Er geht lebhaft und höflich voran zu ein paar Stühlen im Hintergrund des Raums in der Nähe des Weihnachtsbaums.)
SCHNITT AUF:
4. AUSSEN, KAPELLE …: Neben dem Eingang. Die Kamera schwenkt über die MENGE, die aus der offenen Tür heraus kommt: Dann fährt sie auf eine GRUPPE von GIs zu, die ein wenig abgesondert dastehen.
1. GI: »Ich finde, der Alte ist kein schlechter Kerl.«
2. GI: »Kaplan ist Kaplan. Die reden einfach zu viel.«
1. GI: »Nee, der Martin is’ anders. Muss man einfach mögen.«
3. GI: »Nach Feierabend ist der bestimmt kein schnöseliger Moralapostel.«
4. GI: »Nee, dem macht’s nich’ mal was aus, wenn geflucht wird.«
2. GI: »Vielleicht habt ihr recht. Der ist okay.«
1. GI: »Jungs, den Leuten im Dorf wird er fehlen, wenn wir abziehen. Er kümmert sich wirklich um alles.«
4. GI: »Jau, und habt ihr gesehn, wie die Kleinen an ihm dranhängen?«
1. GI: »Er tut ja auch viel für sie. Junge, der Alte hat sich bestimmt ne Menge Arbeit gemacht, um die Sachen für seine Weihnachtssammlung zusammenzubekommen.«
4. GI: »Gehste zur Feier, Tom?«
1. GI: »Kann sein. Hab sonst nix vor.«
2. GI: »Die kleinen Spaghettifresser riechen ganz schön übel, wenn viele davon im selben Raum sind. Waschen sich wohl nie.«
3. GI: »Komischer Kerl, erzählt uns, wir sollen den Feind nicht hassen und so. Wir sind schließlich im Krieg. Was stellt der sich denn vor? Sollen wir uns in die Krauts verlieben?«
3. GI: »Junge, vor ein paar Tagen habe ich Bilder gesehen, von ein paar WACs der Krauts in Frankreich – in die könnt ich mich schon verlieben. D i e würd ich nicht hassen!«
1. GI: »Euer Problem ist, dass ihr beim Denken den Kopf in die Gosse steckt. Warum könnt ihr nicht ein paar höhere Ziele haben, so wie ich?«
Man hört wilde Rufe anderer GIs – sie rennen durch den Matsch und schwenken ihr Essgeschirr: »Los! Essen fassen!«
4. GI: »Hört ihr das, Jungs? Essen! Das ist mein höchstes Ziel seit dem Frühstück!«
2. GI: »Wir müssen zum Zelt, unser Geschirr holen.«
1. GI: »Im Laufschritt marsch!«
Sie rennen davon, dass der Matsch nur so spritzt. Dabei stimmen sie in den allgemeinen Schlachtruf ein: »E s s e n f a s s e n!«
5. INNEN, KAPELLE …: Der Vordergrund ist leer, die Tür geschlossen. Im hinteren Teil des Raums – der GENERAL, der COLONEL, der KAPLAN sitzen in Sesseln in der Nähe des Weihnachtsbaums. Der SERGEANT mit der Brille spielt auf dem Harmonium leise Musik.
GENERAL: »Ich will Sie nicht kritisieren, Kaplan, ist das klar?«
KAPLAN: »Mir wäre lieber, Sie täten es, General.«
GENERAL: »Nun, frei heraus – ich könnte es gar nicht, selbst wenn ich wollte. Für religiöse Fragen bin ich nicht zuständig: Ich habe nicht das Recht, Ihnen in die Quere zu kommen. Ich will Ihnen auch gar nicht in die Quere kommen, ganz ehrlich, Kaplan. Wenn es einen gibt in dieser ganzen Truppe, dem ich vollkommen vertraue, ohne Einschränkung, dann sind Sie das, Martin. Das wissen Sie.«
KAPLAN: »Danke, Sir.«
GENERAL: »Nur diese eine Sache in Ihrer Predigt heute hat mich verwirrt. Ich sage nicht, dass ich anderer Meinung bin. Sie verwirrt mich – das ist alles. Sie wissen, was ich meine.«
KAPLAN: »Mein Satz über die Feinde – und dass wir sie nicht hassen sollten?«
GENERAL: »Genau. Damit komm ich nicht klar. Nicht, dass ich glaubte, der Hass wäre etwas Edles oder Besonderes – natürlich nicht. Ich weiß, dass Hass etwas Scheußliches ist, er ist unchristlich. Aber trotzdem, ich frage mich …«
KAPLAN: »Was fragen Sie sich, General?«
GENERAL: »Nun, sehen Sie … Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll … Ich finde nun einmal, die Krauts sind auch nicht gerade besonders christlich.«
KAPLAN: »Nein, das sind sie nicht. Deshalb bekämpfen wir sie; deshalb müssen wir sie besiegen.«
GENERAL: »Aber wird es uns gelingen, sie zu besiegen – ohne Hass? Das ist die Frage, Martin. Das verwirrt mich.«
KAPLAN: »Wir müssen, General – wir m ü s s e n ! Welchen Sinn hätte es, den Antichrist zu besiegen, wenn es in einem unchristlichen Geist geschieht?«
GENERAL: »Ist es denn unchristlich, den Antichrist zu hassen?«
KAPLAN: »Es ist unchristlich zu hassen.«
GENERAL: »Ich weiß, aber …«
KAPLAN: »Ich gebe zu, es ist ein Dilemma.«
GENERAL: »Meinen Sie nicht, dieses ›Dilemma‹, wie Sie es nennen, könnte sich ziemlich … nun ja, ziemlich nachteilig auf den Kampfgeist unserer Soldaten auswirken?«
COLONEL: »Es ist nicht so sehr das Dilemma selbst, was zu Beeinträchtigungen führen könnte – wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, General –; es hängt eher davon ab, wie man es anspricht und interpretiert. Meiner Meinung nach ist es nicht notwendig und vielleicht sogar gefährlich, gewisse heikle Themen in einer Predigt vor der kämpfenden Truppe zu sehr hervorzuheben.«
GENERAL: »Ich vermute, der Colonel hat nicht so ganz unrecht. Sehen Sie, Kaplan – ein Soldat der kämpfenden Truppe ist ein rauer, einfacher Kerl, der ein raues, einfaches Leben führt. Über subtile moralische Fragen, wie Sie sie in Ihrer heutigen Rede aufgeworfen haben, macht er sich nicht viele Gedanken, ich denke da besonders an die Unterscheidung zwischen dem Feind als menschlichem Wesen und als Repräsentant gewisser böser Ideen. Für den schlichten kämpfenden Soldaten ist der Feind nichts als der Feind – mehr hat es damit nicht auf sich.«
KAPLAN: »Ich werde gründlich darüber nachdenken, was Sie gesagt haben, Sir. Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht war meine kleine Ansprache heute nicht … nicht psychologisch durchdacht. Mir scheinen diese Dinge vollkommen einfach. Ich befasse mich ständig mit Problemen dieser Art, deshalb rede ich darüber, als ob alle anderen das ebenfalls täten. Das ist vielleicht ein Fehler. Wenn ich in meiner Rede etwas gesagt habe, das einen schlechten Einfluss auf die Moral Ihrer Männer haben könnte, tut mir das leid, glauben Sie mir, General.«
GENERAL (sehr jovial): »Machen Sie sich keine Gedanken, Martin, alter Junge – wirklich, kein Grund zur Sorge! Es war eine schöne Rede – voller Denkanstöße, sehr inspirierend und erbaulich. Und was diese eine Sache angeht – über brüderliche Liebe und die Gefährlichkeit des Hasses – nun, vielleicht gehen Sie in Ihren zukünftigen Predigten etwas weniger ausführlich darauf ein.« (Er blickt auf die Uhr und springt auf.) »Herrje, schon zwölf Uhr! Höchste Zeit, dass ich zu meinen Landkarten und Berichten zurückkehre.«
KAPLAN (der ebenfalls aufgestanden ist, zugleich mit dem GENERAL und dem COLONEL): »Kein Feiertag für Sie, General?«
GENERAL: »Nein, Kaplan, auf mich wartet leider eine Menge Arbeit. Aber vielleicht mache ich auf dem Rückweg einen Abstecher in die Offiziersmesse und genehmige mir einen Drink mit den Jungs. Kommen Sie mit, Kaplan?«
KAPLAN: »Vielen Dank, Sir, aber ich trinke nicht. Außerdem muss ich zur Weihnachtsfeier im Dorf – Sie erinnern sich, für die hiesigen Kinder: Die Gattin des Majors rechnet mit mir als Weihnachtsmann, Zeremonienmeister, Hilfskellner und wer weiß was noch alles.«
GENERAL (lächelnd): »Aber haben Sie nicht gesagt, die Feier beginnt um drei Uhr?«
KAPLAN: »Das stimmt. Aber die Vorbereitungen! Nun, mein Freund Jack hier und ich –« (er zeigt auf den SERGEANT am Harmonium) – »wir müssen den Raum noch dekorieren, damit er ein wenig nach Weihnachten aussieht. Keine leichte Sache, Sir – das können Sie mir glauben!«
Sie gehen zur Tür.
COLONEL: »Wo wir vom Dorf reden, Kaplan – da fällt mir etwas ein, das ich mit Ihnen besprechen wollte. Sie verstehen sich mit den Spaghettis ganz gut, oder?«
KAPLAN: »Ja, ich glaube, das kann man sagen – zumindest mit einigen. Sehen Sie, die Leute haben ihren Priester verloren. Armer Kerl: versuchte, ein paar von unseren Jungs zu verstecken; wurde von der SS geschnappt. Sie haben ihn aufgehängt – mitten auf dem Marktplatz. Als abschreckendes Beispiel.«
GENERAL: »Schweinehunde.«
KAPLAN: »Dadurch hat die Gemeinde jetzt keinen Priester: deshalb versuche ich hin und wieder zu helfen. Nicht, dass ich für solch einen Job besonders qualifiziert wäre – im Gegenteil, mein Italienisch ist nämlich recht dürftig. Aber als befristeter ›Ersatz-Padre‹[7] komme ich wohl ganz gelegen.«
COLONEL: »Aber Sie sind doch kein Katholik.«
KAPLAN: »Das macht ihnen anscheinend nichts aus. Mir übrigens auch nicht. Schließlich sind wir alle Christen.«
COLONEL: »Genau. Ich dachte nur an die Unterschiede im Ritus der beiden Konfessionen … Aber zurück zur Sache. Was ich Sie fragen wollte, Kaplan, war ganz einfach, ob Ihnen unter den Dorfbewohnern einige … nun, einige verdächtige Gestalten aufgefallen sind.«