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Franz Jung Der Weg nach unten
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Mir war sehr weh ums Herz. Ich war nicht eigentlich einsam, aber ich war allein.
Ich fing an, diese Novelle herunterzuschreiben, als säße mir jemand im Nacken, gehetzt und gestoßen und unter einem schmerzlichen Druck. Ich sah keinen Ausweg und auch kein Ziel. Eine Überfülle von Fragen, auf die ich mir selbst hätte antworten sollen. Ich habe die Antwort nicht gefunden. Wäre ich damals schon so empfindsam und angeschlagen gewesen wie heute, hätte ich die Stimmen gehört, die mich zu einer Entscheidung drängten. Ich schrieb stattdessen diese Novelle aus der Gewissheit, mehr vielleicht aus der Erwartung heraus, dass ich alle die unbeantworteten Fragen damit zudecken könnte, wegschieben zum Mindesten …
Ein Krähenschwarm löst sich von der Pappel und zieht über die Wiese dahin. Die Lerche wird aufsteigen, der Triller, in der Vorahnung, ist bereits in der Luft, schon beginnt sich der Ton zu sammeln und zu verdichten … eine Amsel trippelt über den Damm.
Ich muss das hier vorwegnehmen: Niemals ist jemand gekommen und hat zu mir gesprochen.
Niemals!
Da das „Trottelbuch“ später bei Erscheinen, ich glaube 1912, ziemliches Aufsehen unter den Literaturbeflissenen hervorgerufen hat, Kurt Hiller schrieb darüber in den „Weißen Blättern“ einen Aufsatz: Barbaren über uns! – sollten noch einige Bemerkungen dazu gestattet sein. Ich habe die Zwischentöne gut behalten, die zwielichtige innere Meinung, die ungelösten Fragen, die ich sowieso auch heute nicht beantworten könnte, das Aufstöhnen und den Ruf nach … Hilfe; ich geniere mich nicht, das hinzuschreiben.
Soviel ich weiß, verlangt man von einem Schriftsteller, dass er das, was er schreibt, durcharbeitet und feilt, auswägt und den Leser oder Hörer hineinzuziehen bestrebt ist. Ich habe das nicht getan. Ich stoße eher den Leser ab. Mir fehlt von vornherein die Distanz.
Zur Beantwortung von allem, was ich an Fragen und Aussagen aufgeworfen habe, hat sich niemand bereit gefunden. Man mag die Kriegsjahre und die zwangsläufig damit verbundene Teilnahmslosigkeit mit dafür verantwortlich machen und als Entschuldigung gelten lassen. Zu mir persönlich ist überhaupt niemand gekommen … ähnlich dem Hund, der in den kalten Nächten ausgesperrt ist und vor der Stalltür jault.
Grabisch hatte angefangen, sich für das Manuskript zu interessieren. Das wird ihn veranlasst haben, sich hinter meinem Rücken als Vermittler zu betätigen. Er hatte sich mit meinem Vater in Verbindung gesetzt, der ihm mitteilte, ich solle nach Hause kommen; dort wolle man mit mir reden. Grabisch hatte bereits auch einen Ausweg vorgeschlagen: Er würde mich veranlassen, das Studium in München wieder aufzunehmen. Auch er selbst sei gerade dabei, nach München zu übersiedeln. Ich könnte dort wenigstens eine Abschlussprüfung in Nationalökonomie erreichen. Mein Vater scheint großes Vertrauen in Grabisch gesetzt zu haben.
Grabisch hielt mich noch für einige Tage in Pleß und gab mir das Reisegeld nach Neiße.
Ich hatte an diesen Verhandlungen nur ein sehr geringes Interesse. Im Grunde war mir alles gleichgültig. Auch als ich über Grabisch hörte, dass Margot in Berlin die Wohnung aufgegeben, genauer: auch ihrerseits Hals über Kopf im Stich gelassen hatte und mit dem Kind zu ihrer Mutter nach Breslau gefahren war. Wir verloren die Möbel und die gesamte sonstige Einrichtung, einschließlich Kleider, Wäsche und Bücher, die für die ausstehende Miete von dem Hauswirt beschlagnahmt und später versteigert wurden. Ich hörte das, als ob es sich bei einem anderen zugetragen hätte. Möglicherweise würde es sich wirklich einrichten lassen, dass ich das Studium wieder aufnahm.
In Neiße traf ich den Freund Max Herrmann, der mir zuredete, das Manuskript zu einem Buch zu erweitern. Ich schrieb nach Leipzig an Gerstenberg, der sogleich bereit war, es herauszubringen.
Ich blieb einige Wochen in Neiße. Nichts ereignete sich. Ich wurde behandelt wie ein fremder Gast, mit dem man nur gelegentlich, und dann aus reiner Höflichkeit, spricht. Im Übrigen war mir dies durchaus recht. Trotzdem – möchte ich sagen, ging es gesittet zu und geradezu feierlich; keine besonderen Provokationen. Die Mutter war sichtlich bemüht, nicht mit mir zusammen auf die Straße zu gehen … die Mutter am Arm des Sohnes Ausschau haltend nach der künftigen Schwiegertochter … dieser Traum war ausgeträumt.
Es kam eine Vereinbarung zustande – zum großen Teil durch Briefwechsel hinter meinem Rücken und ohne dass ich direkt gefragt worden wäre –, dass Margot mich nach München begleiten würde. Es wurde ein monatlicher Betrag festgelegt als Pensionsbeihilfe für das Kind, das bei Margots Mutter bleiben sollte, und ein Betrag für den Haushalt in München, der allerdings so gering war, dass wir später gerade die Zimmermiete davon bezahlen konnten. Dieses Geld würde monatlich an Grabisch überwiesen. Das hört sich jetzt etwas eigentümlich und bitter an. Mir indessen war es wirklich gleichgültig. Margot hat darunter sehr gelitten.
Die Aufzählung von Vorgängen in den Entwicklungsjahren, bei denen meine Person leider so stark im Mittelpunkt steht, ohne Reflex auf den gesellschaftlichen Hintergrund, nähert sich jetzt dem Ende.
In München hätte ich gern bei Brentano studiert, aber meine Doktorarbeit bei Sinzheimer, der finanzwissenschaftliche Untersuchungen aus der Praxis der Industrieproduktion anzubieten hatte, unterstellte mich dem Professor Lotze, einem besonders unsympathisch auftretenden Lehrer, der aus seinen Doktoranden die künftigen Finanzminister zu bilden sich vorgenommen hatte. Nachdem ich eine auf Originaldokumente gestützte Untersuchung über die Auswirkung der Getreidewechsel während der Kreuzzüge, ein bevorzugtes Themengebiet bei Lotze, was mich für ein Semester nach Mailand verschlagen hätte, abgelehnt hatte, erreichte Sinzheimer die Zulassung für eine Arbeit über die Auswirkung der Produktionssteuer in der Zündholzindustrie, verbunden mit einer Untersuchung über die Standortindustrie von Alfred Weber.
Ich verbrachte einige Wochen in der Zündholzfabrik in Rosenheim und fuhr nur über das Wochenende heim nach München. Dort wechselte inzwischen Margot von einem möblierten Zimmer zum andern, meist irgendetwas als Pfand für die Miete zurücklassend; Zentrum war das Café Stefanie in der Türkenstraße.
Die Boheme löst sich auf
Für die Schwabinger Boheme, die fast einem Jahrzehnt deutscher Kunst und Literatur ihren Stempel aufgedrückt hat, kam ich 1911 bereits zu spät. Es mag früher ein gemeinsames Bindeglied vorhanden gewesen sein, das die Schwabinger zusammenhielt und zu der Charakteristik als Schwabinger Boheme geführt hatte – die Herausforderung gegen das Althergebrachte, gegen die bürgerliche Tradition, der Elan des „épatez le bourgeois“, der von Paris übernommen worden war. In dieser Bürgerschreck-Atmosphäre muss eine tiefere Sinngebung vorgewaltet haben, als ich sie damals noch in Schwabing angetroffen habe. Eine gewisse Nachwirkung war zurückgeblieben, vereinzelt und beinahe schon wieder außerhalb der Zeit … die Arrivierten, deren Bilder schon wieder gekauft wurden, anzupumpen und darauf zu achten, dem Hauswirt die fällige Monatsmiete schuldig zu bleiben; mehr nicht.
Die neue Sezession, die sich aus einzelnen Gruppen zusammengefunden hatte, war bereits im Verfall. Ihre Parallele der Literatur hatte es noch nicht zu Profil und Eigenart gebracht. Was von den Malern übrig geblieben war, schon völlig außerhalb der ursprünglichen Boheme, leitete bereits den Expressionismus ein, die provozierend unabhängige Kunstform, unbeeinflusst von Paris und Mailand.
In der Literatur habe ich dagegen eigentlich nur noch den üblichen Geschäftsbetrieb angetroffen. Die älteren Semester, die sich früher zur Boheme gerechnet haben mögen, trafen sich außerhalb Schwabings in der Torggelstube, die Wedekind, Halbe, Bierbaum, Bleibtreu und so weiter, die Redakteure und Mitarbeiter der Zeitschriften „Simplizissimus“ und „Jugend“ und was sonst als Literaturbeflissene dort Eingang gefunden hatte, Herr Piper und Herr Langen und die Kunst-Mäzene, die sich damals schon Essayisten nannten; der Kreis hielt sehr auf Exklusivität, genauer genommen ein Kegelclub.
Im Café Stefanie residierte der Dr. Franz Blei, ein ausgezeichneter Mann, mit einem umfassenden kritischen Wissen – ich sage das mit besonderer Genugtuung, weil Blei mich mit einer offen zur Schau getragenen Verachtung behandelt hat und – das „Trottelbuch“ war gerade erschienen – mich nicht als Schriftsteller gelten lassen wollte. Er hatte einen Kreis junger Leute um sich, Sprösslinge wohlhabender Eltern, ästhetisch abgestimmte, gesittete Manieren. Sie waren nach München gekommen, Schriftstellerei zu lernen, das heißt Romane zu schreiben und Gedichte zusammenzustellen … zum Zeitvertreib. Blei hat diese Leute in die Literatur gebracht, den Zeitschriften zugeführt, zu denen er Beziehungen hatte, und sie bei den Münchner Verlegern einkaufen lassen. Auch dieser Kreis gab sich äußerst exklusiv und Margot hat sich dort sehr wohlgefühlt.
Und im Café Stefanie selbst saßen noch Erich Mühsam und Roda Roda, beide eigentlich der Torggelstube zugehörig, und spielten jeden Tag zur bestimmten Stunde Schach. Anziehungspunkt für Durchreisende. Der Ober Julius pflegte die beiden den Fremden zu zeigen als Schaustücke – bei Mühsam war es der Revoluzzerbart, bei Roda Roda die rote Weste.
Unter den Bohemiens, die vom Pariser Café Dome nach dem Stefanie in München herübergewechselt waren, machte Henry Bing, der Simplizissimus-Zeichner, am meisten von sich her. Auch Bing hatte stets einen Kreis Gleichgesinnter um sich – gleichgesinnt meine ich in der Aufgeblasenheit, dem lauten Auftreten und ihrer Maniriertheit, mit Geld um sich zu werfen, auch wenn sie in Wirklichkeit keins hatten; Julius hatte das Geld vorzuschießen und sammelte es dann auch wieder ein. Ich nehme an, dass die Mehrzahl der Bing-Jünger später Handelsreisende geworden sind. In diesem Kreis war Margot gleichfalls ein viel gesuchter Gast.
Die Künstler-Boheme war bereits in den Sog der allgemeinen Gesellschaftskrise geraten, die das laufende Jahrhundert auszeichnen wird. Die bedeutsamste Rolle für die sozialkritische Aufspaltung der „guten alten Zeit“ hat die Psychoanalyse von Sigmund Freud gespielt. Der Höhepunkt im Streit um die richtungsweisende Interpretation der Freudschen Grundregeln zwischen den von Freud abgefallenen Schülern war vorüber. Otto Groß, in München Assistent in der psychiatrischen Universitätsklinik unter Kräpelin, war bereits von München nach Ascona in der Schweiz abgewandert und bereitete sich dort auf eine Privatdozentur vor.
Otto Groß hatte in seinen Münchener Jahren einen Kreis von Anhängern um sich versammelt, die zum größten Teil mit ihm nach Ascona gegangen sind; bekannt geworden sind mir Leonhard Frank, Karl Otten, Frick und Schiemann, den ich schließlich in Moskau zehn Jahre später wiedertreffen sollte. Die Asconaer kamen noch oft nach München, auch Otto Groß, mit dem ich dann bei einem dieser Besuche näher bekannt geworden bin.
Die zersetzende Wirkung dieser Gruppe auf die bisherige Kultur- und Gesellschaftsanalyse habe ich selbst in München nicht mehr beobachten können. Je mehr ich später mit Groß befreundet wurde, um so mehr habe ich die verlorenen Jahre als Handelsjournalist in Berlin bedauert. Dieses Versäumnis habe ich auch in all den nachfolgenden Jahrzehnten nicht mehr aufholen können.
Groß hatte den Plan, in Ascona eine freie Hochschule zu gründen, von der aus er die westliche Zivilisation anzugreifen gedachte, die Zwangsvorstellungen der inneren wie äußeren Autorität, die von dieser getragenen sozialen Bindungen, das Zerrbild einer parasitären Gesellschaftsform, in der zwangsläufig jeder von jedem zu leben genötigt ist, um weiter existieren zu können.
Nach München waren über Ascona im Grunde nur Gerüchte gelangt über die Aufhebung der Sexualmoral, in bürgerlichem Sinne interpretiert als „freie Liebe“, im Gegensatz zu den Dunkelkammerassoziationen unserer Zeit. Auch der Prozess über den Sacharinschmuggel aus der Schweiz nach Österreich-Ungarn und Böhmen, in den der Kreis um Otto Groß mit verwickelt gewesen ist, war längst über die Bühne gerollt, die Erinnerung war noch sehr lebendig geblieben.
Aus der heilsamen Explosion, die selbst von der medizinischtherapeutischen Anwendung der Psychoanalyse in ihren ersten Anfängen ausgelöst worden ist, hätte sich eine revolutionäre Bewegung entwickeln können weit über die engere politische und soziale Zielsetzung hinaus, hätte nicht Freud den opponierenden, weil ungeduldigen Schülern selbst die Tür zugeschlagen mit dem unheilvollen Ausspruch: Wir sind Ärzte und wollen Ärzte bleiben. Er hat damit zugleich den noch unheilvolleren Konkurrenzkampf unter den abgefallenen Schülern ausgelöst. Freud selbst hat sich zwar an diesen seinen Grundsatz selbst nicht gehalten, als er später die Untersuchung über das „Unbehagen in der Kultur“ schrieb. Damals hatte er dann allerdings auch nicht mehr den Begeisterungseinsatz von Schülern hinter sich, die bereit gewesen waren, für ihn in die Arena zu steigen.
Aus den mit allen Mitteln der Intrige, oft unter Anrufung der staatlichen Autorität, geführten Streit der Schüler unter sich, der sich zunächst darauf zu konzentrieren schien, Otto Groß auszuschalten und zur Strecke zu bringen, ist der Kreis um Otto Groß allmählich auseinandergefallen. Als ich Otto Groß in München kennengelernt habe, war er für das tragische Ende eines Einzelschicksals bereits gezeichnet.
Etwas Ähnliches wie dieser Kampf innerhalb der Boheme spielte sich auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft ab.
Der Durchbruch zur Biologie war erfolgt im Rahmen der Gesellschaftswissenschaft, der von der orthodoxen Wissenschaft an den Universitäten nicht nur nicht erkannt, sondern fanatisch verfolgt wurde – gleichfalls abgedrängt als Boheme. Ich hatte nur sehr lose Beziehungen zu diesen Leuten, ich kannte eigentlich nur Raoul Francé persönlich, aber ich weiß, dass eine sehr weitverzweigte und aktive Anhängerschaft, besonders unter den Studenten und jüngeren Dozenten, dahinterstand. Francé, Haeckel-Schüler, hatten eine eigene Bewegung ins Leben gerufen, deren Angehörige sich Vitalisten nannten. Ihr Ziel war, mit den rationalistischen Lehrsätzen des Konfutse den emotionellen und mystischen Dunst aus den westlichen Religionssystemen zu beseitigen, mit einer materialistischen Moral ein neues Gesellschaftssystem aufzubauen. Ich kann nicht sagen, ob diese Vitalisten einen großen Erfolg, zum Mindesten einen nach außen sichtbaren, aufzuweisen hatten. Aber, wenn ich hier aus der Hitler-Zeit vorgreifen darf, die Groteske, dass Hitler gleich zu Beginn seiner Regierung eine Kommission bestellt hatte aus Fachwissenschaftlern, die mit der Aufgabe betraut war, für Deutschland und die übrige Welt eine Einheitsreligion zusammenzustellen. Raoul Francé war in diese Kommission neben fünf anderen berufen worden. Er hat abgelehnt und ist sogleich aus Deutschland emigriert.
Francé ist in Budapest 1943 gestorben. Mir war die Ehre zuteil geworden, am Grabe vor einem kleinen Kreis ungarischer Wissenschaftler und einem halben Dutzend seiner deutschen Freunde einige Worte als Nachruf für den Toten zu sprechen.
Ich bin trotzdem noch einigen Nachfahren der echten Schwabinger Boheme begegnet. Da war vor allem Fritz Klein, der wandernde Scholar, aus dem Jahrhundert der Romantik überkommen, der zu Fuß Griechenland, Italien und Frankreich durchwandert hatte; ein Genie in der Beschaffung von Existenzmitteln. Durch ihn habe ich Karl Otten kennengelernt, der damals nur noch sporadisch in München aufgekreuzt ist. Otten hatte aber auch noch weitere Anhänger, die in einer scheuen und schwärmerischen Verehrung zu ihm standen, die Holzer Buben zum Beispiel, Konstantin, der Bildhauer, Carlo, der Maler und Poet, Emilio, der Kunstgewerbler, der seiner Mutter zu helfen hatte, die mit kunstgewerblichen Arbeiten für eine streng ausgewählte Kundschaft die Jungen über Wasser hielt; Eugenio, der vierte der Buben, war damals ausgewandert.
Die Atmosphäre im Hause der Holzer war die einer Fürstenwitwe im Exil in der Zeit der italienischen Frührenaissance. Sie waren sehr arm, die Holzers; das war ihr Stolz. Mir ist nicht bekannt geworden, dass von den Holzer Buben bemerkenswerte künstlerische Leistungen in die Öffentlichkeit gekommen sind. Trotzdem war ihr Ruf in den Kreisen der Kunstakademie fest begründet: verkannte Genies.
Fritz Kleins kostbarster Besitz war hingegen ein langatmiges Gedicht an die Menschheit, das er Leuten verlieh, die zu ihm kamen und denen er helfen wollte. Man musste es neu in Handschrift abschreiben und sich damit zur Schillerstiftung oder zum Schillerbund begeben, dessen Geschäftsführer ein pensionierter Gymnasialprofessor war. Die Stiftung zahlte einen einmaligen Unterstützungsbeitrag von zehn bis zwanzig Mark an angehende Dichter, vorausgesetzt, dass der Unterstützungssuchende eine Probe seiner dichterischen Versuche vorzulegen imstande war; dazu diente das Gedicht, dessen Verfasser nicht etwa Fritz Klein selbst gewesen ist, darüber hat niemals ein Zweifel bestanden. Es ist im Laufe der Jahre unbeschadet einige Dutzend Male vorgelegt worden. Ich selbst habe mit diesem Gedicht zu gelegener Zeit zwanzig Mark einkassiert, von denen ich die Hälfte an Klein abzugeben hatte.
Fritz Klein ist wie noch viele andere aus den Resten der Künstler-Boheme in Schwabing in den ersten Monaten des Krieges gefallen, Kriegsfreiwilliger im Leibregiment. Vor Ypern. Jemand war auf die Idee verfallen, die jungen Kriegsfreiwilligen in englische Uniformen zu stecken und sie in einem Überraschungsangriff auf die englischen Stellungen auf den Ypernhöhen einzusetzen. Dabei sind die Pseudo-Engländer im Vorgelände liegen geblieben und dort von der eigenen Artillerie niederkartätscht worden. Von einem sächsischen Artillerie-Regiment. Seit der Zeit, heißt es, besteht in der Kunst zwischen München und Sachsen ein tiefer Trennungsstrich.
Obwohl ich im zweiten Münchner Jahr – das „Trottelbuch“ war noch nicht erschienen – bereits angefangen hatte, in der Berliner Zeitschrift „Sturm“ regelmäßig kleine Skizzen und Dialoge zu veröffentlichen, handwerkliche Übungsstücke – soweit im Textteil noch Platz übrig geblieben war, Döblin veröffentlichte dort einen Roman in endlosen Fortsetzungen –, was mir zu einiger Beachtung in den Münchener Caféhäusern hätte verhelfen sollen, hatte ich keinen Zugang zur kleineren oder größeren literarischen Prominenz. Ich habe das auch nicht gerade gesucht. Ich habe wahrscheinlich eher noch durch Provokationen eine beiderseitige Annäherung von vornherein unmöglich gemacht.
Das so vielgerühmte Simplizissimus-Kabarett der Kathi Kobus war bereits in diesen Jahren mehr oder weniger eine geschlossene Gesellschaft; die Leute drinnen gehörten zusammen, mit einigen wohlsortierten Bohemiens aus verflossener Zeit als Schaustücke dazwischen. Ich habe zwar auch Emmi Hennings kennengelernt, mit der sich Margot angefreundet hatte, aber keinen Eindruck von ihr zurückbehalten, als die spätere Bewunderung, wie dieses so zerbrechliche Menschenkind die Kraft aufgebracht hatte, sich an der Seite Hugo Balls und nachher im Leben mit einer von tiefem moralischen Ernst erfüllten Aufgabe zu behaupten.
Als Kabarett hätte ich dem Kathi-Kobus-Laden das Benz-Varieté in der Ludwigstraße vorgezogen. Es war freier und ungezwungener, und die Tränen der vergessenen Genies tropften nicht von der Decke.
Aber wie dem auch sei: Die Boheme existierte nicht mehr. Am Kreuzwege angelangt, wies die weitere Richtung sie bereits in sozial kritischer betonte Aufgaben, so verschwommen und so illusionistisch diese auch noch erschienen sein mögen.
Ich habe zwar gleichfalls zeitweise in der Künstlerpension des Fürmann gewohnt. An den dort fast Woche für Woche veranstalteten Künstlerfesten, zu denen auch die Arrivierteren aus Kunst und Literatur erschienen, habe ich nicht teilgenommen. Ich wurde auch sehr bald aus der Pension hinausgeworfen, weil wir die Miete nicht bezahlen konnten. Fürmann, der Kavalier, hatte Margot gestattet, wohnen zu bleiben, die auch bis zum Ende meines Aufenthalts in München dort gewohnt hat.
Ich glitt in eine Doppelexistenz, nicht zuletzt getrieben von dem Wunsch und auch der Notwendigkeit, mich von Margot und ihrem Umgang noch mehr abzusetzen. Es kam zu Konflikten, manchmal zu stürmischen Auftritten von Seiten Margots. Ich habe darüber die wenigen Freunde, denen ich glaubte näher zu stehen, verloren. Auch später noch im Laufe der Jahre, wenn ich gezwungen gewesen bin, einem Idol, das andere aufgebaut haben, entgegenzutreten. Ich bin weder ein Minnesänger gewesen noch ein Verteidiger und Befreier der Frauen. Ihre Vergewaltigung durch die bürgerliche Gesellschaftsform und den daraus gebildeten Moraltabus hat tiefere Wurzeln. Es muss aus der Gesellschaft heraus bekämpft werden.
Bezeichnenderweise bin ich lange Zeit, zum Teil auch heute noch, literarisch abgestempelt nach meinem äußeren Auftreten mit Margot in den Münchener und Berliner Cafés und Künstlerpensionen. Es hat sich kaum jemand die Mühe genommen, sich zu fragen, was es damit auf sich gehabt habe; wahrscheinlich hat Margot etwas erwartet, das nicht von mir erfüllt werden konnte. Wir waren beide nahe daran, zugrunde zu gehen. Es ist vorläufig wenig Anlass, eingehender darüber zu schreiben.
Ich habe das Wesen der Frau nicht verstanden, und ich verstehe die Frauen nicht. Das ist auch heute noch so. Wer aufnahmefähig und gewillt ist, das Erlebnis der Frau in sich wirken zu lassen, wer bereit ist … dem wird es ähnlich ergehen. Die gegenwärtige Form der gesellschaftlichen Tabus lässt ein gegenseitiges Verständnis nicht zu, noch nicht … wir glauben daran, wir hoffen, aber wir können es nicht erreichen, noch nicht.
Das erklärt vielleicht, warum es mir immer gleichgültig gewesen ist, wie die Leute mich aus dieser Zeit eingeschätzt haben, auch diejenigen, die es hätten besser wissen können.
Ich hatte mich dem Kreis um Erich Mühsam angeschlossen. Gustav Landauer war unser Prophet. Wir gerieten in die Bewegung der Syndikalisten, mit denen der Kreis um Mühsam, der sich Gruppe Tat nannte, in Verbindung stand.
Es gibt eine Fiktion von der anarchistischen Bewegung, die als Bürgerschreck aufgezogen wird. Der Italiener Luccheni, der die Kaiserin Elisabeth erstochen hat, der Pariser Autobandit Garnier, die Bomben und die russischen Emigranten aus der Revolution 1905, Winitschenkos Roman „Ehrlich zu sich selbst“, der von Männerbordellen spricht, die von den Frauen als zahlende Gäste besucht werden – Winitschenko ist übrigens später erstaunlicherweise Präsident der Ukraine unter der ersten deutschen Okkupation gewesen –, das waren so einige Helden und Grundsätze, die in der Gruppe Tat diskutiert worden sind.
Um es hier vorwegzunehmen, die verschiedenen anarchistischen Gruppen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe und mit denen ich lange Zeit im Briefwechsel gestanden bin, in den europäischen Ländern und in Amerika, singen alle an einem Choral, das Lied von der Freiheit, das wie ein Gebet gesprochen wird und nichts und alles enthält. Ich habe nur einfältige, bescheidene Leute getroffen, abgestuft im Grade ihrer Einfalt nach ihrem Beruf und den Notwendigkeiten der nackten Existenz, von ausgesprochen kleinbürgerlichem Zuschnitt mit der Sehnsucht nach einer Moral, die den Einzelnen und die Menschheit leiten wird: die imaginäre Ordnung, die von selbst einmal kommen wird. Sie glauben daran, die meisten wenigstens.
Der Choral muss früher oder später nach innen schlagen, in die Seele sozusagen, sobald einige äußere Ziele schwinden oder schärfer sich abzeichnen in dem Sinne, dass eine persönliche Entscheidung getroffen werden muss … wer sich dann umbringen will, wird ins Irrenhaus gesteckt.
Andere pflegen dann ihren Körper und nähren den Geist in übersinnlichen Gefilden, den Kühen vergleichbar auf der grünen Weide, über die der Himmel sich weitet, die Sonne scheint und der Regen herniederträufelt; Vorübergehende, die ob dieser Naturverbundenheit in Erstaunen geraten, hören dann nur das Muhmuh.
Die Mehrzahl der amerikanischen anarchistischen Gruppen sind bei den Rosenkreuzern gelandet, Jack London bei den Spiritisten.
Ich sage das alles nicht im Bösen, es sind trotzdem prächtige Menschen, und ich wünschte, ich hätte mich in eine solche Gruppe wenigstens einleben können, ob im südamerikanischen Urwald oder im Dschungel der Großstadt oder in den Niederlanden, wo die Schelde die gut meinenden Leute in den Schlaf wiegt, während draußen in der Welt so böse Unruhe herrscht. –