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Franz Jung Der Weg nach unten
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Als auch die Kampagne in der österreichischen Öffentlichkeit aufgegriffen wurde, die Wiener Neue Freie Presse veröffentlichte einen Leitartikel gegen den Professor Groß, gab der Alte klein bei. Es hätte sich um ein Missverständnis gehandelt, ließ er erklären, Otto Groß habe sich freiwillig in die Landesirrenanstalt begeben, um sich einer Entziehungskur zu unterwerfen; er könne jederzeit entlassen werden. Ich wurde telegrafisch von der Anstalt nach Troppau eingeladen. Ich fuhr hin und habe Groß dort abgeholt. Ich bin empfangen worden wie ein inspizierender Minister aus der Wiener Regierung. Otto Groß war inzwischen bereits aus der Kategorie der Unheilbaren zum behandelnden Assistenzarzt in derselben Anstalt aufgerückt.
Ich möchte die Affaire Groß sogleich hiermit abschließen. Unsere Freundschaft ist in den folgenden Kriegsjahren, in denen Groß als Militärarzt eingezogen wurde, an einer Reihe äußerer Umstände verblasst und schließlich ganz zerbrochen.
Für mich bedeutete Otto Groß das Erlebnis einer ersten und tiefen, großen Freundschaft, ich hätte mich ohne zu zögern für ihn aufgeopfert. Dabei stand ich ihm wahrscheinlich äußerlich, genau gesagt, nicht einmal besonders nahe. Es war eine Mischung von Respekt und Glaube, das Bedürfnis zu glauben und zu verehren, aufzunehmen und zu verarbeiten, was er uns ständig einhämmerte. Für Groß selbst war ich vielleicht nicht viel mehr als eine Figur auf dem Schachbrett seiner Gedankenkombinationen, die hin- und hergeschoben werden konnte. Zudem war es an sich schon schwierig, den Gedankengängen zu folgen, besonders in der Form persönlichen Zusammenseins; sie waren überschattet von den äußeren Unzuträglichkeiten, die mit der Abhängigkeit von Opium und Kokain verbunden sind. Es gehörte Phantasie dazu, zu Groß zu stehen. Später ist nicht ohne Bitterkeit ein Schuldgefühl zurückgeblieben, die Erkenntnis, dass es unmöglich geworden war, ihm zu helfen.
Otto Groß ist in den ersten Monaten der Unruhen nach dem ersten Weltkrieg auf der Straße buchstäblich verhungert. Die Freunde können einmal und vielleicht noch ein andermal mit dem Revolver in der Hand Apotheken in der Nacht überfallen und Opium herausholen, aber das kann nicht zur Regel werden. Groß fühlte sich im Stich gelassen, hatte auch keine Kraft mehr, jemanden aufzusuchen und dort wieder für eine Zeit unterzukriechen. Er hatte sich eines Nachts in einen sonst unbenutzten Durchgang zu einem Lagerhaus geschleppt und ist dort liegen geblieben. Er wurde zwei Tage später aufgefunden. Eine Lungenentzündung, verschärft durch völlige Unterernährung, konnte nicht mehr behandelt werden. Er ist den Tag darauf gestorben. Der Stern eines großen Kämpfers gegen die Gesellschaftsordnung – der Stern ist explodiert, erloschen und untergegangen; die Zeit war nicht reif, das Gesindel der Satten noch zu zahlreich. Vorläufig ist der Einzelne noch machtlos gegen sein Verhängnis.
Die Rückkehr zum Handelsjournalismus ist mir nicht so richtig gelungen. Ich konnte mich nicht mehr einfügen. Ich hielt zwar die Verbindungen aufrecht, übernahm gelegentlich Vertretungen, mit denen ich etwas Geld verdiente, aber ich hatte keine festen Bindungen. In Erinnerung ist mir geblieben eine auf sechs Wochen begrenzte Börsenvertretung für die „BZ am Mittag“. Das Blatt erschien an der Börse um 12 Uhr 30 und gab praktisch für den Mann auf der Straße die Börsentendenz an. Um 12 Uhr 30 aber gingen auch die amtlichen Makler in ihre Kojen und stellten die ersten Kurse fest. Ich hatte dagegen einen Setzer im Ullstein-Haus, um schon um 12 Uhr die Kurse von einem Dutzend Papieren in die Maschine zu diktieren sowie die allgemeine Tendenz mit einigen Begründungen – eine gute Schule, Prognosen zu lernen.
Ich schrieb auch einige Monate ein wöchentliches Bulletin für einen sogenannten Bucketshop, das ist ein von England her übernommener Typ von Schwindelfirmen, die an Kunden gegen Depotzahlung Aktien verkaufen, die sie weder besitzen noch überhaupt zu kaufen beabsichtigen. Der Kunde wird durch Telefongespräche und Telegramme meist in der Provinz angelockt zu ständig neuen Spekulationen, mit Versprechungen hingehalten, bis die Depotzahlung nach dem Kurszettel als Verlust aufgerechnet werden kann.
Margot ging ihre eigenen Wege. Wir lebten zusammen, waren auch gelegentlich zusammen zu sehen. Ein völlig Fremder hätte uns aber für Gelegenheitsbekanntschaften gehalten.
Die Prominenz der Branche pumpten wir über das Telefon an: Alfred Kerr, Maximilian Harden, Theodor Wolff, Sammy Fischer und andere. Ich ließ durch einen Partner das Geld abholen. Das spielte sich meist in der Frühe ab, von einer Kneipe aus, wo wir die Nacht durchgesoffen hatten. Ich befand mich nach dem Telefon in einer besonders schwierigen Lage, aus der ich nur durch sofortige Zahlung ausgelöst werden konnte.
Mit diesem Partner verdiente ich Geld im Billard-Spiel. Wir spielten im Café Kerkau an der Friedrichstraße eine Schaupartie für die durchreisenden Provinzler. Der Partner, für den Serien von 80 und 100 nichts Besonderes waren, verlor, ich zog die Gäste aus der Provinz, die uns der Kellner zugetrieben hatte, ins Gespräch und nötigte sie, es mit dem Partner zu versuchen. Zuerst um das Billard-Geld, dann um 5 Mark die Partie und mehr, wenn die Leute erst richtig warm geworden waren. Sie hatten keine Chance zu gewinnen.
Wir spielten in der gleichen Weise Schach in Caféhäusern in Neukölln, allerdings mit einem Verdienst eher nach Pfennigen. Dort lernten wir aber einen Bademeister Bernhard Bode kennen, mit dem wir glaubten, einen neuen Geschäftszweig eröffnen zu können. Bode, bei dem man einen Ring gefunden hatte, der zuvor einer Dame ins Wasser gefallen war, – darauf wurde die Sache gedreht – war als Bademeister entlassen worden und suchte nach einer neuen Beschäftigung. Er hatte angeblich ein Verfahren, durch besondere Kombination von Brustgürteln und in sich gekuppelten Schnallen eine Anzahl vollbesetzter Boote, wie sie in den Ausflüglerlokalen an der Spree vermietet werden, hinter sich herzuziehen – Typ: der lebende Frachtdampfer. Mit dem Mann wäre ein großes Sommergeschäft zu machen gewesen. Wir ließen Plakate drucken: Bernhardi Boddi – der lebende Frachtdampfer, und machten einen Startversuch in einem kleinen Gartenlokal in Weißensee, als zusätzliche Attraktion zu dem sonntäglichen Gartenkonzert, vermieteten sechs Boote zu je acht zahlenden Passagieren und verkauften etwa 100 Eintrittskarten. Die Sache fiel ins Wasser. Bode kam vom Laufsteg nicht los. Ich hörte ihn prusten und gurgeln und stöhnen – es nutzte nichts, er kam nicht los, und die Boote bewegten sich nicht.
Als die Leute anfingen unruhig zu werden und Witze zu reißen, habe ich mich entfernt, der Partner, der am Eingang an der Kasse saß, war schon vorher abgehauen. Der Frachtdampfer wird von den Gästen, deren Enttäuschung und Wut sich gewiss gesteigert hat, später mächtig verprügelt worden sein … wir haben die Neuköllner Caféstuben bisher gemieden, Bode wird eine andere Beschäftigung gefunden haben.
Mein Partner bei diesen Abenteuern war einer der wenigen aus dem Aktionskreis, mit dem ich mich verstanden habe: der Lyriker Richard Öhring. Im Krieg ist auch diese Freundschaft zerbrochen – nicht deswegen, weil zu dieser Zeit Cläre Öhring mich bei sich aufgenommen hatte. Öhring, der wie so viele von uns Schwierigkeiten mit den Einziehungsbehörden hatte, war nach Wien zu Otto Groß gefahren. Von dort ist er nach wenigen Monaten völlig verwandelt zurückgekommen, aggressiv, von einer ihm bisher völlig fremden schneidenden Ironie … es ist nie zu einer Aussprache gekommen, die Frau hat er einfach stehen lassen. Ich war gezwungen, ich musste mich gegen ihn wenden. Was ist das für eine Barriere, die sich plötzlich zwischen zwei Menschen aufrichten kann? Vielleicht haben wir Fehler gemacht, vielleicht ist ein Mensch an irgendeinem Punkte plötzlich zutiefst getroffen. Ich habe solche Situationen selbst erlebt, Teil der Verschmähung … es ist dann unmöglich umzukehren, zurückzuschauen … so ist Richard Öhring aus meinem Leben geschieden. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Als wir uns später in Russland wiederbegegnet sind, kannten wir uns nicht mehr.
Ich musste mich der üblichen Musterung für den Militärdienst unterziehen und wurde für tauglich befunden in der Reserve, die am Tage der Mobilmachung einberufen wird. Offen gestanden, ich habe mir nicht viel dabei gedacht. In einer Isolierzelle hätte ich nicht mehr von den Vorgängen der Politik abgeschlossen sein können. Es gibt Spannungen und Proklamationen und patriotische Aufmärsche – aber was ging das mich an? Wir hatten in München in der Gruppe Tat Leute, die an uns verwiesen wurden und die einem Einberufungsbefehl zum Militärdienst nicht folgen wollten, nach der Schweiz verfrachtet, für gewöhnlich zu den Brüdern Gräser in Ascona, die dann die Leute unterbrachten – aber ein tieferer politischer Sinn steckte nicht dahinter; außerdem wurden diese Leute bei den Gräsers, hieß es, schlecht behandelt, wie Sklaven; sie arbeiteten in den Obstgärten für das tägliche Brot, das heißt unentgeltlich. Es gehörte einfach mit zu unserer Routine. Als ich gemustert wurde, hatte ich die Gräsers schon vergessen.
Mein Bewusstsein war schon stark getrübt – wie man heute sagen würde. Ich fand aber bei allen, mit denen ich in Berührung gekommen bin in diesen Wochen, die gleiche Teilnahmslosigkeit. Mein Interesse war konzentriert auf einen Tipp, den ich dem Börsenvertreter eines Berliner Bankhauses gegeben hatte. Die Berliner Firma Eckert Maschinen hatte einen großen Auftrag in Russland untergebracht, der Kapitalerhöhung und Erweiterung der Produktionsanlagen, voraussichtlich auch die Verschmelzung mit einer anderen Firma der Branche notwendig machen würde. Es war ein goldsicherer Tipp, den ich von dem Aufsichtsratsvorsitzenden der für die Verschmelzung vorgesehenen Firma erhalten hatte, den auch das bereits erwähnte Bankhaus mit zu beteiligen hatte. Man konnte mit einer Marge von etwa 100 Punkten schon im Verlauf weniger Wochen rechnen. Der Vertreter, der in Wirklichkeit das Bankhaus leitete, war auf Ferien in die bayerischen Berge gereist und dirigierte täglich von dort aus die Operationen.
Wir blieben mit der Operation stecken. Trotz ständig steigender Käufe von unserer Seite bewegte sich der Kurs nicht. Dabei war der Tipp absolut sicher. Der Kurs ging sogar herunter. Der Mann in den bayerischen Bergen tobte allnächtlich bei mir am Telefon. Schließlich wurde der Kurs überhaupt gestrichen. Das geschah am Tag der Kriegserklärung. Der Krieg Nr. 1, der erste in der Serie der Weltkriege, hatte begonnen.
Auf! – Sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Jäger blasen?
Die Straße Unter den Linden zu beiden Seiten entlang zum Schloss zog eine nach Tausenden zählende Menge hin und her, unter infernalischem Gebrüll, woraus ein Reporter die Wacht am Rhein herausgehört haben wird. Auch noch in der Erinnerung heute fast unvorstellbar. War das Ende der Welt gekommen?
Zum Mindesten stürzte eine Welt zusammen über die paar Dutzend Friedensdemonstranten, in die ich hineingeraten war. Soviel ich mich erinnere, war diese Demonstration von den Syndikalisten um Kater und Rocker aufgezogen worden. Ein Transparent, über zwei Stangen gespannt, wurde hochgehoben, eine rote Fahne entfaltet, und die Demonstration: Nieder mit dem Krieg! begann sich in Reihen zu ordnen. Wir sind nicht weit gekommen.
Ich glaube nicht, dass besondere Gewalt angewendet worden ist; die Flut ging über uns weg, wir trieben vereinzelt und auseinandergerissen in dieser Flut, jeder wahrscheinlich unfähig, sich zu wehren, sich überhaupt zu rühren. Polizei hatte nicht nötig, einzugreifen. Militärposten und Polizei, die ich vorher um die französische Botschaft herum gesehen hatte, schienen nicht mehr vorhanden.
Sie werden erst später in Erscheinung getreten sein. Ich fand mich wieder in einer Art Turnhalle am Hausvogtei-Platz, die von der Polizei requiriert worden war. Dort wurden die verdächtigen Ausländer eingeliefert, die auf der Straße als Spione aufgegriffen worden waren. In einem Kreuzverhör von erstaunlicher Kürze und Präzision wurden die Eingelieferten – von Stunde zu Stunde strömten neue Hunderte hinzu – sortiert in Gruppen und irgendwohin abtransportiert. Mir wurde bedeutet, ich hätte mich in Spandau beim 5. Garde-Grenadier-Regiment zu melden und würde dorthin überstellt werden. Ich wartete nicht ab, sondern entfernte mich – die Wachen am Tor kümmerten sich nicht darum, wer da ein- und ausging.
Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. Margot und die Mutter schrien sich gegenseitig an: um Geld und um die Zukunft des Kindes. Die beiden stritten sich um den Sinn der Welt, die Unterhaltspflicht und den Respekt der Kinder gegenüber den Eltern. Mein Erscheinen vereinigte die Wut, für die es sonst keine Auslösung gegeben haben wird, gegen mich. Ich war der Schuldige. Vieles, was so auf mich eingeschrien wurde, war mir durchaus nicht fremd, ich habe selbst manchmal darüber nachgedacht: die Verantwortungslosigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, die zweifelhafte Rolle des Mannes in der Bindung zur Frau, die Stellung in der Familie.
Ich wurde mehr oder weniger aus der Wohnung herausgeschmissen; so eines der ersten Opfer dieses Krieges.
Margot kam mir auf die Straße nachgelaufen und versuchte, mich wieder zurückzuholen. Ich wollte nicht mehr. Für mich war an diesem Tage einiges eingestürzt; vielleicht mehr als nur eine Welt.
Wir stritten uns auf der Straße. Leute kamen hinzu. Wir fingen an, aufeinander einzuschlagen. Alles wurde jetzt weggewischt – die Zärtlichkeit, die Verschmähung, der Schmerz des Unverstandenseins und die Hoffnung – nicht nur die Hoffnung, die Gewissheit, die Zuversicht.
Die Umstehenden mischten sich ein. Ein Herr im steifen Hut schlug mir mit einem Stock über den Kopf. Ich brach durch die Menge hindurch, die sich um mich und Margot angesammelt hatte, und begann zu laufen … hörst du schon die Jäger blasen? … viele Jahre später pflegte das Harriet dann zu zitieren.
Ich fuhr den nächsten Morgen – wie ich die Nacht verbracht habe, weiß ich nicht mehr, sicherlich allein, ich ließ mich treiben –, den nächsten Morgen meldete ich mich in Spandau in der Kaserne. Ich hatte nicht die notwendigen Papiere bei mir. Das machte damals wenig aus. Auf dem Kasernenhof waren Strohsäcke ausgelegt. Dort kampierten wir, es gab Essen, und von Zeit zu Zeit wurden Leute aufgerufen. Für mich kam das am dritten Tage, und ich wurde zu einer Kompanie eingeteilt. Wir wurden aufgeschrieben. Ich befand mich in der Gruppe der Kriegsfreiwilligen. Nach einigen Wochen wurde ich aus dieser Gruppe wieder ausgesondert und in eine andere Kompanie gesteckt. Das ist der Grund, warum ich schon nach sechs Wochen, kaum in dem Grundverhalten ausgebildet, ich konnte zur Not grüßen, aber nicht schießen, ins Feld geschickt wurde – dieser Vorgang hat mir wahrscheinlich später das Leben gerettet. Mit dem ersten Ersatz zum aktiven Regiment, mitten hinein in die Schlacht bei Tannenberg. Der Ersatz kam zwar nicht mehr zur Zeit, die Schlacht war schon geschlagen, aber wir fuhren dann noch mit der Bahn ein paar Wochen hin und her und marschierten Tage um Tage nach Polen hinein, bis wir zum Schluss an der Weichsel zum Einsatz kamen, ich glaube bei Iwangorod.
Den größten Teil des darauf folgenden Rückzuges der 3. Garde-Reserve-Division nach der heimatlichen Grenze habe ich allein gemacht, als Mitglied der Grünen Armee, einer Gruppe von Deserteuren, die sich auf eigene Faust in die Heimat absetzte, nachts auf Seitenstraßen durch die Wälder. Am Tage schliefen wir in verlassenen Scheunen und in Bauernhöfen, die von den Bewohnern verlassen waren. Es gab eine Anzahl kritischer Situationen, besonders an den zentralen Kontrollpunkten der Feldlazarette, die wir passieren mussten, um den Krankenschein zu bekommen.
Für mich war dies die geringere Schwierigkeit. Auf diesem Marsch zur Heimat bin ich körperlich derart heruntergekommen, Mantel und Uniform zerrissen, die Hose klebte in einer festen Kruste von Dreck und Blut, dass man mir den Oberschenkelschuss ohne weiteres geglaubt hat; zum Glück waren zu gleicher Zeit ringsum Schlachten im Gange, Versprengte und von der Einheit Abgekommene keine Seltenheit. Unser Feind war die berittene Feldgendarmerie.
Ich bin durchgekommen. Ich kam nach Berlin. Im Café des Westens wurde ich von einem Dr. Serner in Empfang genommen, der von Margot gebeten war, sich meiner anzunehmen. Dr. Serner empfing mich im Café in einem pompösen Pelzmantel – das war aber auch alles; darunter war nur spärliche Unterwäsche, den Anzug hatte er versetzen müssen. Dieser Serner war auch kein Doktor und hieß nicht Serner, sondern Seligmann. Sohn eines Zuckerbäckers aus Karlsbad. Serner schrieb unter seinen vollen Titeln einen ärztlichen Rapport an das Ersatz-Regiment, wonach er auf der Straße einen Soldaten mit dieser und dieser Nummer aufgefunden habe, in einem desolaten Zustand, so dass er sofort die Überweisung in ein Spital veranlasst habe – er vergaß, den Namen des Spitals anzugeben. Ich hatte damit einen Vorsprung von gut einer Woche für meine Flucht nach Österreich gewonnen.
Walter Serner schrieb später eine Reihe Kurzgeschichten, darunter den Sammelband „Der Pfiff um die Ecke“, aus dem man ganze Serien von amerikanischen Kriminalromanen herausstehlen könnte. Es ist mir eine große Freude gewesen, später zu hören, dass Dr. Serner sich nach der Schweiz absetzen konnte, und zwar am gleichen Tage, als die Polizei im Café des Westens bereits mit dem Verhaftungsbefehl auf ihn wartete.
In Wien wurde ich bald festgesetzt in eine Art Ehrenhaft in der Elisabeth-Promenade, um meine Auslieferung abzuwarten. Zusammen mit einem der größten Schweine-Exporteure Serbiens, der dort als Spion festgehalten wurde. Der Herr wurde besonders bevorzugt behandelt, ein Wärter stand ausschließlich zu seiner Verfügung, nachmittags wurde er in einem Fiaker durch Wien spazieren gefahren. Den Tag über legte er Patience und zündete Kerzen vor dem Bild seiner Frau an, das er vor sich auf dem Tisch stehen hatte. Wenn noch Zeit blieb, erzählte er dazwischen balkanesische Witze und Zoten. Er hatte mir das Angebot gemacht, in seine Firma einzutreten. Ich habe vergessen, darauf später zurückzukommen.
Ich wurde per Schub aus Österreich herausgebracht. In Mährisch-Ostrau, so nahe meiner Heimat, wäre ich im Keller des Arrestlokals beinahe erfroren; auf den Straßen draußen lag meterhoch Schnee. Ich hockte oder lag auf dem Steinboden, der Gefängniswärter war betrunken und hatte mich im Keller völlig vergessen. Gerettet wurde ich durch den preußischen Unteroffizier, der von Ratibor gekommen war, mich abzuholen. In Ratibor, beim Abtransport vom Bahnhof nach dem Militärarrest, bewarfen mich die Kinder mit Steinen. Es war sehr feierlich: Zwischen zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr, der Unteroffizier an der Seite des Zuges, ohne Marschmusik – offen gestanden, unter anderen Umständen, bei veränderter Gelegenheit hatte ich mir einen Einzug in die Heimat in tief gegliederter Marschkolonne mit Musik vorgestellt.
Ich wurde in das Festungsgefängnis Spandau eingeliefert. Ich blieb dort eine ganze Weile, täglich mit dem Kompanie-Essen verpflegt. Ich hörte nichts von einem Prozessverfahren. Mir wurde auch keine Anklage verlesen. Ich saß in der Zelle und schrieb den ersten Teil der Bücher, die im Aktionsverlag später erschienen sind. Niemand hat mich dort besucht.
Es ist natürlich leicht, nach den Jahrzehnten die Erinnerung abzustoßen in hell und dunkel, trotzdem ist es ohne Übertreibung die Wahrheit: Ich habe mich niemals mehr in meinem Leben so wohlgefühlt. Ich habe mich mit den Fliegen unterhalten, denen ich Zucker gestreut habe und Brotkrümel in Zuckerwasser getaucht. Ich habe dann beobachtet, wie die Fliegen betrunken wurden, im Zickzack um den Zucker gezirkelt und oft auch umgefallen sind; alle haben sich nach einer Weile wieder erholt – die Fliegen hatten keine Erinnerungen mit sich herumzuschleppen, sie fliegen beschwingt davon …
In der Zwischenzeit kam ich in die Landesirrenanstalt Wittenau einige Wochen zur Beobachtung. Die übliche Routine vom Kastenbett auf Holzwolle zur Bettruhe, später im Kittel auf dem Stuhl neben dem Bett, dann ein paar Schritte im Saal hin und her und schließlich der Rundgang im Anstaltsgarten – die Routine ist mir schnell eingegangen. Ich hatte mir nichts Besonderes vorgenommen, keine Stimmen, keine Anfälle – der Maler George Grosz ist in ähnlicher Situation damit schwer reingefallen; er hatte es in langer Praxis und mit großer Kunst fertiggebracht, Schaum vor den Mund zu produzieren, ein besonderer Trick in der Atemtechnik, den Tiefatem ständig zu unterbrechen und abzudrosseln – eine Prozedur, die einem epileptischen Anfall täuschend ähnlich ist. Das Pech für Grosz ist gewesen, dass die andern im Saal ihre Ruhe haben wollten, vor allem aber musste vermieden werden, die Wärter in den Saal zu ziehen. Sobald Grosz seine Technik durch tieferes Stöhnen vorbereitete – lautlos geht so etwas nicht –, fielen die Kameraden über ihn her und prügelten ihn windelweich. Grosz musste die Sache schließlich einstellen – was ich dagegen zu tun hatte, bedurfte keinerlei Anstrengung, es kam sozusagen ganz natürlich und von selbst. Ich zeigte nicht das geringste Interesse, ich las nicht die Zeitung, ich hörte den verschiedenen Gesprächen ringsum nicht zu, ich ignorierte den Wärter und den besuchenden Arzt, der täglich mich ansprach, das heißt, ich gab exakt die Antwort auf das, was gefragt wurde, aber auch nicht ein einziges Wort mehr.
Schließlich konnte ich ein etwas eingehenderes Verhör nicht vermeiden. Es fand im Zimmer des Arztes statt. Ich habe bereitwilligst alles beantwortet, meine Interesselosigkeit, mein Unvermögen, mich anzupassen, überhaupt zu verstehen, was um mich herum vorging und was von mir verlangt wird. Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch, dass meine Mutter an die Anstalt geschrieben hatte, mich möglichst für die Dauer dort zu lassen, weil ich, einmal entlassen, ihr Leben bedrohen würde. Auch Margot war vorgeladen worden. Ich entnahm aus Bemerkungen des Arztes, dass Margot einen wenig günstigen Eindruck hinterlassen hatte – was mir wahrscheinlich sehr genützt hat.
Das war alles, was ich von dieser Untersuchung weiß. Den schriftlichen Befund habe ich nicht gesehen. Ich wurde wieder in das Festungsgefängnis zurückgebracht und wartete dort wieder einige Monate auf die Eröffnung des Verfahrens. Ich schrieb ein weiteres Buch für den Aktionsverlag.
Ich wurde eines Tages sang- und klanglos entlassen und in eine Rekonvaleszentensammelstelle gesteckt. Man wusste mit mir dort nichts anzufangen, meine Papiere waren nicht mitgeschickt worden und sind dort, glaube ich, auch niemals angekommen.
Alles, was ich über meinen eigenen Fall weiß, habe ich von dem zu dieser Zeit gerade gegründeten Schutzverband Deutscher Schriftsteller gehört, von Robert Breuer, dem Generalsekretär. Breuer hat alle die Verhandlungen geführt mit den Militärbehörden, die Zeugen gestellt, meinen Status als Militärperson angezweifelt … meine Verschickung an die Front ohne militärische Ausbildung mag den Behörden unangenehm genug gewesen sein … von Breuer hörte ich auch, dass mein ärztlicher Befund als manische Depression, untauglich für den Militärdienst, umschrieben worden ist. Ich verdanke diesem Breuer nicht nur in diesem einen Falle mein Leben.
Wenn ich hier bereits wieder etwas vorgreifen darf: Später, als Breuer in den ersten Revolutionsjahren Pressechef der Reichsregierung geworden war, habe ich ihn einmal nachts zufällig auf der Straße getroffen. Verschiedentlich war ich in Vorgänge verwickelt, die der Verfolgung durch das Presseamt unterstanden, zum Beispiel, als wir an die Auslandskorrespondenten in Berlin eine besondere Korrespondenz „Berlin Expreß“ täglich durch Boten austragen ließen, in der wir über versteckte Waffenlager und die Wiederbewaffnung Deutschlands berichteten – Breuer hat mir darüber keine Vorwürfe gemacht. Er war traurig und sprach sehr besorgt und sagte mir dabei, dass er schon einige dringende Anfragen erhalten habe, warum das Amt mich noch nicht den Gerichtsbehörden übergeben habe; man werde sonst zur Selbsthilfe greifen müssen. Bisher habe er solche Fälle immer noch abbiegen können, aber wie lange noch? – die Warnung kam sehr zur Zeit. Wir schieden damals mit einem festen Händedruck. Ich bin ihm viel schuldig geblieben.
Bis man sich über meinen Status entschieden haben würde, blieb ich in der Revierstube. Der Oberleutnant, dem der Rekonvaleszenten-Haufen unterstellt war, weigerte sich, mich zu sehen, genauer: Er bekam einen Wutanfall, wenn nur mein Name genannt wurde. Der Sanitätsfeldwebel dagegen hatte seine eigenen Pläne mit mir. Die zur ebenen Erde gelegene Revierstube eignete sich sehr gut dazu, das bei der Kompanie übrig bleibende Kommissbrot zu verkaufen. Zu einer bestimmten Stunde versammelten sich vor meinem Fenster die Interessenten, es wurde bald eine lange Kette von Käufern, die anstanden, – ich reichte die Brote heraus, kassierte das Geld, fünfzig Pfennig das Stück – der diensthabende Sanitäter stand schon hinter mir, das Geld sogleich in Empfang zu nehmen. Wahrscheinlich wird der Verkauf mit der Zeit aufgefallen sein. Eines Tages sagte mir der Sergeant vom Dienst, ich hätte sofort zu verschwinden. Er drückte mir eine Mark in die Hand mit dem Befehl, den Bahnhof Spandau zu meiden, mit der Straßenbahn zu fahren und am Spandauer Block umzusteigen. Auf diese Weise würde ich nicht in die Hände einer Militärkontrolle geraten. So wurde ich entlassen – wie schon früher gesagt, sang- und klanglos und ohne das geringste Papier.