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Franz Jung Der Weg nach unten
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Von unseren Diskussionen in der Gruppe Tat gingen wir indessen auch zur Praxis über. Wir warben mit Handzetteln von Wohnung zu Wohnung für den Kirchenaustritt. Die Syndikalisten, vielleicht 200 Mitglieder stark, hatten für München den Generalstreik ausgerufen, beginnend mit dem Streik der Plattenleger, bei denen sie am stärksten vertreten waren. Es kam in einer von den sozialdemokratischen Bauarbeitern nach einem der großen Bierkeller einberufenen Massenversammlung zu einem großen Skandal. Die Handvoll Syndikalisten hatten die Versammlung reichlich in Harnisch gebracht, mit Sontheimer als dem Redner für den Generalstreik – Sontheimer ist nach dem Kriege in die Regierung der Münchner Räterepublik geraten, ich glaube als Kriegsminister. Er wurde beim Einmarsch der Reichswehr in seiner Wohnung aufgespürt und erschlagen, in der Badewanne.
Dann hatte sich Mühsam zu Wort gemeldet. Es war ihm auch gelungen, das Podium zu betreten, flankiert und abgedeckt von den Mitgliedern der Gruppe Tat, alles recht schmächtige und windige Gestalten im Vergleich zu den Urbayern im Saal, die bereits angefangen hatten, ihren Protesten und dem sonstigen wilden Geschrei mit einer Kanonade von Bierkrügen und Stuhlbeinen auf das Podium mehr Nachdruck zu verleihen. Für mich hätte das eigentlich der Vorgeschmack sein sollen, für das, was alles in den späteren Jahren noch zu erwarten sein würde.
Glücklicherweise ist niemand ernstlicher verletzt worden. Unserer Kameradin Ida, die mit ihrem Freund Morax auf den Abendveranstaltungen der Gruppe Tat französische Revolutionslieder zur Guitarre zu singen pflegte, wurden die Kleider vom Leibe gerissen.
Zu diesen Abendveranstaltungen luden wir aus der Gastwirtschaft „Zum Soller“ die Mädchen ein. Sie brachten ihre Zuhälter mit, die kleinen Taschendiebe und sonstige Elemente in der Gesetzlosigkeit von geringerem Format, die Nelke hinterm linken Ohr. Wir wollten ihnen einen freien Abend unter sich veranstalten, losgelöst von ihren sonstigen Verpflichtungen. Wir lieferten die Unterhaltung. Mühsam las einige Gedichte vor und hielt eine kurze Ansprache; dann wurde gesungen und getanzt, wir hatten Guitarre und Harmonika, und wir bezahlten das Bier, das heißt, Mühsam bezahlte das. Wenn ich das heute noch so sagen darf, es herrschte eine wundervolle Stimmung.
Später hat Gustav Landauer, der uns von Frankfurt her regelmäßig besuchte und unter Kontrolle hielt, diese Abende verboten. Aber auch sonst hätten wir das Interesse der Soller Kameraden nicht halten können. Sie sind zu sehr vom Saisongeschäft abhängig. Es gibt Wochen, in denen die Bauern schon am frühen Morgen in die Stadt hineinkommen und sehr früh in den Soller einfallen, wo man ihnen das Geld dann abnehmen kann. Es gibt aber auch Wochen, in denen nur Abendgäste zur Behandlung eintreffen.
In den Universitätsferien hatte ich mich einer Gruppe von Tat-Besuchern angeschlossen zum Hopfenzupfen in die Holletau. Ich entsinne mich an den Marktplatz in Wolnzach. Wir wurden von dem Stadtgendarmen in einer Reihe aufgestellt, alte und junge, Frauen und Kinder dazwischen. Der Bauer mit einem übermannshohen Stab, wie St. Peter an der Himmelstür, schritt die Reihe ab und stieß mit dem Stock den einen oder anderen auf die Brust – das hieß, der war angenommen. Ein Schreiber, der hinter dem Bauern herging, teilte die Nummern aus. Später wurden die Nummern aufgerufen, die Kolonnen zusammengestellt, und wir marschierten ab, der Bauer an der Spitze, in den Hopfengarten, oft ein weiter Weg von der Stadt und auch von dem Anwesen des Bauern. Wir bekamen Quartier im Stroh in der Scheune, alle miteinander und durcheinander.
Die Arbeit ist nicht sehr schwer gewesen, natürlich ungewohnt, wenn am frühen Morgen die Dolden noch von dem starken Tau bedeckt sind und an den Fingern kleben bleiben. Wir bekamen dreimal am Tage zu essen, jedes Mal ein Berg Kartoffeln für alle, zweimal eine dünne Zwiebelsuppe und drei große Scheiben Brot für den Tag. Die Gesellschaft, der ich mich angeschlossen hatte, war ebenso unerfahren wie ich. Wir waren zu Fuß von München aufgebrochen und hatten uns bei den Bauern durchgebettelt. Wir hatten natürlich nicht einen Pfennig Geld. Von diesem Essen aber kann man nicht existieren, den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein hopfenzupfend, Reihe für Reihe. Am dritten Tag brannten mir die Eingeweide wie Feuer, ich hatte große Mühe, Wasser zu lassen. Den anderen war auch das Singen vergangen, der Aufruf zur Revolution, die Verteilung von Flugblättern. Wir hielten schließlich die erste Woche durch, bevor wir vom Bauern einen Vorschuss erhalten konnten. Davon kauften wir uns im Dorf Wurst und Bier; die anderen vier Wochen ging es dann schon besser. Aber den Choral haben wir trotzdem nicht zelebriert.
Nach Wolnzach strömten um die Zeit der Hopfenernte damals dreißig- bis vierzigtausend Leute aus ganz Deutschland zusammen, in der Mehrzahl die Vagabunden der Landstraße, für die es eine Art Jahrestreffen gewesen sein muss. Diese Leute werden sonst von der Feldpolizei scharf angefasst und nach Laune eingesteckt, je nachdem wie viel Mangel an Arbeitskräften in einem Ort war. In diesem Monat aber drückt die Polizei ein Auge zu, und zwar sowohl für den Anmarsch wie für den Abtransport. Für revolutionäre Lieder und Aufrufe, gleichviel für was, sind diese Tippelbrüder nicht zu gewinnen – ich würde sagen, sie werden auf uns mit ironischer Verachtung herabgesehen haben.
Nach dieser ersten schweren Enttäuschung ging die Begeisterung mit gedämpftem Trommelschlag. Das Studium störte mich wenig. Ich hatte auf den Prüfungstermin zu warten und die Bekanntgabe der mündlichen Prüfungsfächer. Da Sinzheimer auf ein Jahr nach Amerika gegangen war als Austauschprofessor, würde sich die Sache hinziehen.
Der Rest meines Aufenthaltes in München, während dem ich angefangen hatte, ein zweites Buch zu schreiben, verbrachte ich mit einem Tippelbruder namens Kindler, den ich bei Mühsam kennengelernt hatte. Kindler kannte Dutzende von Arbeitshäusern und fast alle Polizeigewahrsame in Bayern. Seine Gesellschaft war mir lieber als diejenige der prominenten Schriftsteller und Philosophen, bei denen Grabisch mich gern eingeführt hätte.
Wir, das heißt Kindler und ich, verkauften die Berliner Illustrierte in den großen Bierkellern. Zehn Nummern bekamen wir vom Verteiler auf Kredit; bei fünf Abonnements, für die wir je eine Mark erhielten, konnte gelegentlich ein Schwund mit unterlaufen, das ist der Mann mit der falschen Adresse, in diesem Falle bekamen wir das Geld trotzdem. Kam es zu oft vor, mussten wir zu einem andern Verteiler wechseln… es kam vor, dass wir zu viele dieser fiktiven Adressen selbst ausgeschrieben haben.
Wir arbeiteten auch mit der Kleider-Masche. Kindler stieg in einem jämmerlichen Zustand, was Rock und Hose anlangte, die Hintertreppe in den herrschaftlichen Häusern in die Küche und in die Kammern der Dienstmädchen hinauf und fragte nach abgelegten Kleidern der Herrschaft. Das Mitleid ist immer stärker als der Verdacht. Ich stand unten auf der Straße und nahm die Kleider in Empfang, brachte sie ins nächste Versatzamt oder versuchte, sie schon an der Straßenecke zu verkaufen.
Wir schliefen in der Gastwirtschaft „Zur Ewigen Lampe“ in Schwabing, der Inhaber war ein Straßenbahnschaffner, die Frau betrieb neben der Gastwirtschaft eine Unterkunft, dreißig Pfennig für das Bett. Oft konnten wir nachts durch ein offenes Fenster ohne Bezahlung einsteigen, durch die Vordertür indessen hatten wir, wenn schon kein Geld, zum Mindesten Ware zu liefern. Ich lieferte die Enten aus den Wassergräben des Englischen Gartens, die ich mit der Angel herauszog, mit einem Stück eingeweichtem Brot am Haken, so dass sie nicht laut werden konnten.
Wir schliefen aber auch manchmal in den Kiesgruben außerhalb der Stadt in der Schwabinger Ausfallstraße. Die eindringende Wärme der frühen Morgensonne, die dem Schläfer dann ins Gesicht scheint, ist mir in Erinnerung geblieben.
Es wird auch schon damals kaum jemandem der Gedanke gekommen sein, dass wir mit unserem Protest gegen gesellschaftliche Formen die Welt ändern und verbessern würden. Ein solcher Protest hat kein erkennbares Ziel, er ist mitgewachsen automatisch mit dem Druck, den die Gesellschaft auf den Einzelnen ausübt. Die große Mehrzahl findet sich mit diesem Druck ab, einige wenige rennen sich dabei die Schädel ein, die Intelligenten wie die weniger Intelligenten.
Der Dichter greift in die Politik
Mein weiteres Verbleiben in München war sinnlos geworden. Das Abenteuer einer asozialen Existenz stumpft sich ab. Es begann das, was für meine Stellung in der Literatur sich so verhängnisvoll auswirken sollte: Ich verlor jegliches Interesse, die Schwierigkeiten zu beseitigen, die der Anerkennung eines jungen Schriftstellers entgegenstehen, das heißt, aus diesen Schwierigkeiten für meine künftigen Arbeiten zu lernen, ja sogar eine begrenzte Anerkennung, begrenzt durch die bestimmte Geisteshaltung einer Schicht, für mich auszunutzen.
Aus Abwehr und Provokation, aber beinahe, wie ich das heute sehe, mehr aus dem Eigensinn der Verschmähung, habe ich mich wieder dem Handelsjournalismus zugewandt. Dieser Wechsel hat sich in den verschiedenen Phasen meines Lebens wiederholt, aus der gleichen Ursache, mit dem gleichen Zweck und dem gleichen negativen Erfolg: Ich glaubte, eine Erleichterung der materiellen Existenz, eine größere Unabhängigkeit zu erkaufen, um in eine desto größere Unruhe und Unausgeglichenheit zu geraten, die sich als Schuldgefühl ins Bewusstsein eingebrannt hat. Ich bin das Kainszeichen des Literaten seit damals nicht mehr losgeworden, immer wieder zur Literatur zurückgekehrt, unter immer erschwerteren Bedingungen und mit Arbeiten, die immer weniger diszipliniert und durchgefeilt waren.
Das sollte sich sogleich in voller Schärfe zeigen in Berlin, wohin ich wieder zurückgekehrt war. Ich hatte die Initiative zu einigen Vorverhandlungen aufgebracht: Ich konnte mit einer etwas losen Bindung bei meiner alten Firma wieder eintreten, ich würde für einige Provinzblätter die Berliner Börsenvertretung übernehmen, die über Ahrends & Mossner abgewickelt wurde. Margot war nun bereit gewesen, sogleich mitzugehen. Ihre Mutter würde kommen und uns die Wirtschaft führen. Das Kind hatte die Mutter inzwischen bei meinen Eltern in Neiße untergebracht.
Wir sind ohne Bedauern von München geschieden. Aber auch die allgemeine Abwanderung von Kunst und Literatur aus München hatte 1913 bereits eingesetzt. Margot konnte den größten Teil der Leute, mit denen sie im Stefanie zusammengesessen hatte, bereits wenige Monate später im Café des Westens am Kurfürstendamm wiedertreffen.
Ich hatte inzwischen ein zweites Buch, „Kameraden“, bei Weißbach in Heidelberg veröffentlicht, um dessen Aufnahme bei der Kritik ich mich wenig gekümmert habe. Immerhin – ich geriet damit in den Kreis um die Zeitschrift „Die Aktion“ und wurde bald deren regelmäßiger Mitarbeiter mit Aufsätzen, meist sozialkritischen Inhalts. Ich erinnere mich eines Appells in Form einer Kurzgeschichte, „Morenga“, zur Rettung der Hereros in Deutsch-Südwestafrika, denen die deutsche Kolonialverwaltung ihre Rinderherden weggenommen hatte, um für ein Dutzend weißer Siedler genügend eigenes Weideland zu sichern. Es war zu einer Revolte gekommen, die von der deutschen Regierung zu einem Kolonialkrieg ausgeweitet wurde, mit einem Expeditionskorps und täglichen Erfolgsbulletins in der Presse. Die Hereros, in der überwiegenden Mehrzahl mit Stöcken bewaffnet, vereinzelt mit einigen englischen Jagdgewehren, hatten keine Chance gegen die deutschen Schnellfeuergeschütze und Maschinengewehre. Die militärischen Operationen beschränkten sich daher auch darauf, die einzelnen Stämme voneinander zu trennen und einzeln in die Wüste abzudrängen, wo sie dann verhungert und verdurstet sind, 40 000 Männer, Frauen und Kinder.
Um Franz Pfemfert, den Herausgeber der „Aktion“, hatte sich ein Kreis von jungen Dichtern gesammelt, der mit Recht als die junge literarische Generation gewertet werden konnte. Wer überhaupt etwas auszusagen hatte, in welcher Form immer, in glatten oder holprigen Versen, es kam auf den Willen zur Aussage an, den inneren Zwang, den dynamischen Druck zur Aussage, hatte Zugang zu der Zeitschrift; er war willkommen.
Dieser zunächst auf die Jugend beschränkte Kreis schien durch nichts aneinander gebunden. Es war auch kein eigentliches Profil vorhanden, das man dieser literarischen Bewegung, sofern eine solche überhaupt vorhanden gewesen ist, hätte zuweisen können. All dies ist später und rückwirkend erfolgt.
Franz Pfemfert brachte diese jungen Dichter, die Neopathetiker, wie Alfred Lichtenstein, Ernst Blaß, van Hoddis und andere, wie Gottfried Benn und Oscar Kanehl, Richard Öhring, in einen Rahmen politischer und sozialkritischer Essays, den Leitartikeln zur sozialen Tagesgeschichte und der Interpretation von Bakunin, Kropotkin und Proudhon. Der Dichter wurde, ob er wollte oder nicht, zur sozialkritischen Analyse erzogen – ganz gleich, dass diese Dichter später im Kriege und nachher wieder ihre verschiedenen Wege gegangen sind.
Erleichtert wurde dieser Erziehungsprozess, wenn man die Entwicklung so nennen darf, durch die Mitarbeit der bereits Arrivierten in der Literatur. Ich glaube, dass es in diesen Jahren kaum einen Schriftsteller von Format und Bedeutung gegeben hat, der nicht stolz darauf gewesen war, in der „Aktion“ zu erscheinen; er war dies schon seinem Prestige schuldig. Dieser Grad von Verschmelzung in einem betont sozialkritischen Rahmen hat die „Aktion“ besonders ausgezeichnet.
Wenn heute die Literaturhistorie diese Jahre und diesen Mitarbeiterkreis als den deutschen Expressionismus in der Literatur bezeichnet, so muss ich sogleich hinzufügen, dass dieser Expressionismus der Protest gewesen ist gegen die Enge der Beobachtung im Naturalismus, eine Art Barriere gegen die Gefahr einer aufkommenden Neo-Romantik, gegen das Epigonenhafte der Neo-Klassik. Das Ursprüngliche und Eigenartige in dieser Zusammensetzung voneinander so verschiedener Faktoren war der Trieb, das Ich in den Mittelpunkt zu stellen gegen die Einwirkungen der Umwelt, die Verteidigung und der Angriff gegen die bestehende Gesellschaftsform. Erst viel später hat die Literaturhistorie die gemeinsame Linie entdeckt in der Sprache, der Ausdrucksform und der Diktion. Auch die Sprache war bereits zu eng geworden, zu sehr erstarrt und eingefroren und nicht mehr dehnbar genug. Den Dichtern selbst ist dies zur Zeit nicht bewusst gewesen. Seltsam, wie unberührt frisch sich die Sprache des Expressionismus erhalten hat. Sie ist zugeschüttet worden durch die beiden Kriege und die jeweiligen Nachwirkungen. Aber sie ist so lebendig geblieben, die Sprache wie die Diktion, dass man jederzeit wieder beginnen könnte, darauf neu aufzubauen. Man sollte diese Entwicklung nicht aus der Fliegenperspektive betrachten, in der sich heute einige ihrer Mitläufer gefallen. Die Perspektive ist weiter: Der Expressionismus war bereits Teil einer revolutionären Bewegung mit sehr starken politischen Akzenten der Sozialkritik.
In dem engeren Kreis um Franz Pfemfert und die Geschwister Ramm war Ludwig Rubiner die überragende Persönlichkeit. Sein Essay „Der Dichter greift in die Politik“ hat genau das getroffen, was wir alle damals gefühlt haben. Zu diesem Kreis gehörte Karl Otten, zeitweise Kurt Hiller, Carl Einstein, Sternheim und Landauer, und als gute Freunde, so zu sprechen, die großen Verleger Fischer, Kurt Wolff und Rowohlt, so seltsam das heute erscheinen mag, weiterhin Alfred Kerr und Maximilian Harden.
Das ist das Phänomen Pfemfert: Wie hat er diese enorme Aufgabe bewältigen können? – und den ganzen Weltkrieg hindurch … Wie sind die Gelder zusammengekommen, die Zeitschrift durchzuhalten? – zu denen dann noch die Kosten des Buchverlags hinzugekommen sind? Zwar zahlte die Aktion keine Honorare, aber das ist nicht das Entscheidende; vielleicht überhaupt nicht das Geld, sondern die Arbeit, der Briefwechsel mit den Autoren und den Hunderten von Leuten aus aller Welt, die technische Redaktionsarbeit der Herausgabe, der Drucklegung und des Versands … für jeden Fachmann gesehen, ein Phänomen.
Pfemfert hat nie irgendwelche Helfer gehabt, abgesehen von Alexandra Ramm, seiner Frau. Er wohnte in der Nassauischen Straße im Wilmersdorfviertel in Berlin in einem Hinterhaus im vierten Stock. Dort war eine Art Arbeitszimmer, und Pfemfert saß hinter einem Tisch vor einem Berg von Briefen und Manuskripten, die Zigarrenkiste mit dem Tabak vor sich, aus der er sich ständig die Zigaretten stopfte. Er war immer zu sprechen und für jeden, von frühmorgens bis spät in die Nacht. Die Tür war für jeden Besucher offen.
Ich will hier nicht verschweigen, dass ich mich in dem Aktionskreis nicht wohl gefühlt habe. Man behandelte mich mit einer an sich freundlichen Distanz. Und obwohl Pfemfert später im Kriege in rascher Folge meine Arbeiten herausgebracht hat, es sind diejenigen Bücher, die vielleicht Anspruch auf bleibenden Wert haben, wenn auch nur charakteristisch für eine eng begrenzte Epoche, so bestand in Wirklichkeit nur eine sehr lose Verbindung zwischen uns. Zu Ludwig Rubiner konnte ich bedauerlicherweise überhaupt keinen Kontakt gewinnen, und mit Carl Einstein werde ich kaum mehr als ein paar Worte gesprochen haben. Ich vermute heute, dass Franz Pfemfert diese meine Arbeiten, die zum größten Teil im Festungsgefängnis Spandau entstanden waren oder kurz nachher, wie die Romane „Sophie“, „Opferung“ und „Der Sprung aus der Welt“, geeignet gefunden haben muss, der Verflachung der Literatur im Kriege entgegenzuwirken – das Einzelschicksal des Menschen, besonders in der Beziehung zur Frau und der Umwelt, lässt den Krieg völlig ignorieren, der Krieg ist nicht viel mehr als ein lästiges und aufdringliches Gerücht –, aber gesprochen hat Pfemfert mit mir darüber nicht. Diese Arbeiten sind sogleich in dem allgemeinen Kriegsrummel mit untergepflügt worden. Sie haben heute einen gewissen Seltenheitswert im Buchhandel für ein paar Dutzend von Literaturbeflissenen, die sich über die Wurzeln des Expressionismus orientieren wollen.
Wenn Pfemfert sich bei der Herausgabe eine breitere Wirkung versprochen hat, so wird die Enttäuschung, die ja auch immer erst einige Jahre nachher ins Bewusstsein rückt, recht bitter gewesen sein.
Meine zwielichtige Stellung als Börsenkorrespondent, meine eigene Unsicherheit, mich entweder von der Börse oder der Literatur zu befreien, und die zur Schau gestellten Provokationen haben meine Eingliederung in den Aktionskreis nicht gerade erleichtert.
In dieses letzte Berliner Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fiel meine Befreiungskampagne für Otto Groß.
Der Vater, ein Universitätsprofessor in Graz, Verfasser des „Handbuches für den Untersuchungsrichter“, ein internationales Standardwerk, hatte es sich in den Kopf gesetzt, den Sohn wieder auf die bürgerliche Existenz einer Privatdozentur an einer von ihm ausgewählten Universität zurückzuführen; wenn notwendig, mit Gewalt. Über die Vorgeschichte weiß ich wenig. Otto Groß selbst pflegte darüber nur in dem allgemeinen und erweiterten Rahmen des Vater-Sohn-Komplexes zu sprechen. Den letzten Anstoß soll ein Aufsatz gegeben haben, den Groß in einer psychoanalytischen Fachzeitung über den Vater zu veröffentlichen gedachte, ausgehend von einer Analyse des Sadismus in der gesellschaftlichen Funktion eines Untersuchungsrichters mit den Assoziationen zum Vater, der dieses Handbuch verfasst hatte, sowie die entsprechenden sadistischen Reflexe in seiner Stellung zur Familie und dem Sohn Otto. Irgendwie ist dieses Manuskript schon vor der Drucklegung in die Hände des Vaters gefallen oder diesem in die Hand gespielt worden – das war die Version von Otto Groß, der auch einen bestimmten Verdacht auf Personen aus seiner nächsten Umgebung hatte.
Aus dem latenten Unterton von gegenseitiger Abneigung entstand so der völlige Bruch. Der Vater Groß hatte vielleicht nur auf einen Anlass dieser Art gewartet. Er schlug zu mit der Autorität, die einem berühmten Professor der Rechtswissenschaften zur Verfügung steht, mit der Absicht, den Sohn dieses Mal endgültig zu vernichten. Vorher hatte sich der Vater von einem andern abgefallenen Freud-Schüler, dem Züricher C. G. Jung, ein Gutachten bestellt, worin dieser Jung seinen Kollegen Otto Groß als einen gefährlichen Psychopathen charakterisiert haben soll.
Gestützt auf dieses Gutachten hatte der Grazer Professor die Berliner Polizeibehörden ersucht, Otto Groß festzunehmen und an die österreichische Grenze zu bringen, wo er von den vom Vater mobilisierten Schergen in Empfang genommen werden sollte.
Otto Groß war kurz vorher nach Berlin gekommen, um sich eine neue Existenz aufzubauen, nachdem er auf eine geldliche Unterstützung durch die Familie nicht mehr rechnen konnte. Er hat bei uns gewohnt, und Margot und deren Mutter, die den Haushalt führte, haben ihn betreut.
Er wurde auch in meiner Wohnung verhaftet.
Ich hatte bisher den Auseinandersetzungen mit dem Vater und der Familie nicht allzu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Mir hatte vorgeschwebt, Otto Groß selbst zunächst auf die Beine zu stellen, ihm eine Praxis aufbauen zu helfen und ihn zu wissenschaftlichen Arbeiten anzuregen, wofür sich ein Verleger bereits gefunden hatte. Auch die „Aktion“ brachte mehrere Aufsätze, die Groß in der Wohnung Pfemferts geschrieben hatte. Es schien auch langsam wieder bergauf zu gehen, es kamen neue Freunde. Überwunden werden mussten die tiefen Depressionen, in die Groß von Zeit zu Zeit noch verfiel. Dazu war mitfühlendes Verständnis notwendig, Hilfsbereitschaft und eine große Geduld – überraschend viele aus dem Aktions-Kreis, auch bisher sonst Fernstehende, waren dazu bereit.
Der Vorstoß des Vaters hat mich allerdings noch in ganz anderer Weise alarmiert. Um dem Ersuchen um Ausweisung bei der Berliner Polizei noch größeren Nachdruck zu geben, hatte der Grazer Professor angegeben, dass sein Sohn in die Hände von gefährlichen anarchistischen Elementen gefallen sei, vermutlich eine Erpresserbande, die frühere Untersuchungen des Otto Groß über Homosexualität ausnützen werden, ihn – den Vater – zu erpressen.
Ich erwähne das alles etwas ausführlicher in diesen Aufzeichnungen, weil ich damals noch fähig gewesen bin, zu einem Gegenschlag auszuholen; auch unter Anwendung jedes möglichen und geeignet erscheinenden Mittels. Allein diese Tatsache hat mir eine größere Selbstsicherheit gegeben, die noch lange Zeit nachher vorgehalten hat – insofern kann man diese Kampagne als einen Wendepunkt bezeichnen, der die nachfolgenden Jahre entscheidend mitbeeinflusst hat.
Das von dem Vater eingeschlagene Verfahren bot eine gute Angriffsfläche – das Ansuchen um Ausweisung stellte eine ungehörige Beeinflussung der Polizeibehörde eines anderen Landes dar, die ihrerseits an eine bestimmte Prozedur, die einer solchen Ausweisung vorangehen muss, gesetzlich gebunden ist. Der Professor glaubte dies, auf seine Autorität gestützt, ignorieren zu dürfen. Die preußischen Polizeibehörden haben ihm in seiner Annahme recht gegeben. Damit rückte der Fall bereits auf zu einer Kernfrage der Innenpolitik: Welches Recht haben die Ausländer in Preußen-Deutschland überhaupt? Hinzu kam noch, dass die Verdächtigungen, die der Professor benutzt hatte, nur sehr vage waren. Er hatte sich auch nicht einmal die Mühe genommen, zum Mindesten durch eine Geste, sie beweisen zu wollen.
Mit der Diversion auf das innenpolitische Gebiet und die Rechtsbeziehungen zwischen Österreich und Preußen hatte ich die Leitartikler der großen bürgerlichen Blätter gewonnen, die sich sogleich des Falles annahmen. Wie ein Schneeball rollte die Kampagne weiter auf die Zeitschriften, für die zusätzlich das Vater-Sohn-Verhältnis in den Vordergrund gestellt wurde, den privaten Konflikt innerhalb einer Familienbindung unter Anrufung der staatlichen Polizeiapparate lösen zu wollen; der Hinweis auf die Psychoanalyse, die soeben erst gesellschaftsfähig geworden war, goss Öl ins Feuer.
Allenthalben wurde der Professor Groß als ein Typ hingestellt, dessen Behandlung durch einen Psychiater im Interesse der allgemeinen Sicherheit als notwendiger erachtet wurde, als für den Sohn; Otto Groß war inzwischen in die Landesirrenanstalt Troppau eingeliefert worden mit dem Aktenzeichen: unheilbar geisteskrank.
Ich selbst hatte mir von Johannes R. Becher die Zeitschrift „Revolution“ ausgeborgt, die dieser in München zusammen mit Bachmair herausgab. Ich füllte die Zeitschrift mit Zuschriften und Beiträgen von Dichtern und Schriftstellern aus aller Welt für das Recht des individuellen Erlebens gegen den gefährlichen Starrsinn väterlicher Autorität. Dem Professor wurde die Fähigkeit abgesprochen zu lehren, ein Amt zu bekleiden – eine internationale Schande für die Rechtswissenschaft. Zu Studentendemonstrationen an den österreichischen Universitäten wurde aufgerufen. Nicht genug damit: Ich hatte aus dem Grazer Adressbuch Hunderte von Adressen herausgeschrieben, die Caféhäuser in Graz und Wien, die Universitäten, die Büchereien, die Buchhandlungen … ich habe über 1000 Exemplare der „Revolution“ auf diese Weise versandt. Ich war darauf aus, den Professor an seiner eigenen Basis anzugreifen und zu vernichten.