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Franz Jung Der Weg nach unten
Der Weg nach unten
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Franz Jung Der Weg nach unten

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Das ging so eine Weile, bis mich die Pensionswirtin, der die nächtlichen Besuche nicht verborgen bleiben konnten, eines Tages hinauswarf. Margot brachte mich in einem Hotel unter, wo sie gut genug aus früheren Besuchen bekannt war. Mich rettete vor dem neuen Bruch mit den Eltern, dass der Repetitor meine Zulassung zum Referendarexamen fertiggebracht hatte. Ich stieg bei all dem Trubel in die schriftlichen Vorprüfungen, von der brieflich mir übermittelten tiefsten Verachtung der Mutter begleitet.

Ich habe den vielen Erzählungen der Margot mit halbem Ohr nur zugehört. Da war eine Mutter, die sie, wenn die Not sehr dringend war, mit Geld unterstützte und sie auch manchmal in der Wohnung heimlich schlafen ließ. Da war der Stiefvater, der seinerseits sie aus dem Haus gewiesen hatte. Da war die Reihe der Freunde und Künstler und Liebhaber, die sie alle abgeschüttelt hatte und die sie beschimpfte, sobald sie ihrer ansichtig wurde. Da war der Kanonenkönig, der auf der Bühne eine Kanone über seine Brust rollen ließ und dem anscheinend ihre erste große Begeisterung gehört hatte, und der sie dann sitzen ließ. Da waren die verschiedenen Engagementsverhandlungen mit den oft recht undurchsichtigen Agenten, und da war schließlich der Vertrag mit einer Schau- und Tanzgruppe für eine Tournée durch Finnland, Russland und die Türkei … der Manager der aus vier Personen bestehenden Truppe saß vor einem Zelt in der Wüste und spielte als Haremsscheich die Flöte. Der Mond ging über der Szene auf, die drei Mädchen bewegten sich im Kreise und gingen jeweils einige Schritte vor und zurück – getanzt wurde da nicht viel.

Ich habe es kaum bemerkt, eines Tages war Margot auf Tournée verschwunden, abgereist, und wird mir Nachricht senden, dass ich ihr nachkommen soll.

Ich lernte inzwischen auf die mündliche Schlussprüfung im Referendarexamen und fing wieder an, Geld zu pumpen. Ich tat das, was die Agenten von mir verlangten: Ich kaufte Lexika und wissenschaftliche Bücher auf Kredit, auf Grund der Studentenkarte, bekam von den Agenten nur den Pfandschein zu Gesicht, den ich ihnen verkaufte, das heißt, ich erhielt etwa zehn Prozent des Wertes in bar, für den ich den Abzahlungsvertrag zu unterschreiben hatte. Ich unterschrieb auch allerhand Versicherungen, die dann der Agent belieh oder zurückkaufte, bis ich schließlich so viel Geld zusammen hatte, dass ich eine Fahrkarte nach St. Petersburg kaufen konnte. Von dort erhielt ich von Margot ein Telegramm, ich solle nachkommen, und zwar sofort.

Warum ich wirklich abgefahren bin, das weiß ich heute ebenso wenig wie in früheren Jahren, wenn ich gelegentlich darüber nachgedacht habe. Es lohnt sich nicht, darüber analytische Spekulationen anzukurbeln, denn sie stimmen ja doch niemals ganz. Man wird es mir nicht glauben, aber es war weder der brennende Wunsch, Margot wiederzusehen, noch die Flucht vor den Schulden oder das masochistisch-sadistische Vergnügen, im letzten Augenblick noch das Examen zu schmeißen, ebenso wenig reine Abenteuerlust … vielleicht, um es dem Leser leichter zu machen, war von jedem ein wenig dabei.

Ich kam nach einigen Tagen Bahnfahrt ziemlich durcheinander in St. Petersburg an. Margot, in Begleitung einer Kollegin, nahm mich am Bahnhof in Empfang. Ich hatte unterwegs überall und in jedem Reisenden im Zugabteil einen Spion der zaristischen Staatspolizei gesehen, der mich festnehmen wollte. Ich war noch so aufgeregt und durcheinander, dass ich im Fontanka-Kanal beim Aussteigen aus dem Verkehrsboot vom Laufsteg ins Wasser fiel, mit dem Koffer fest in der Hand.

In dem Artisten-Hotel, wo die Truppe logierte, wurde ich die Nacht über einquartiert. Am nächsten Morgen ließ mich der Dwornik nicht mehr in das Hotel hinein. Ich ging in das Etablissement Flora-Varieté, wo die Truppe im Programm war, und sprach dort mit einem der Direktoren, mit dem ich mich deutsch verständigen konnte. Eine Beschäftigung als Bühnenarbeiter, Kulissenschieber, irgendeine Tätigkeit im Betrieb, Restaurant, oder Logendiener, Tellerwäscher, Auskehrer oder was immer – wäre mir recht gewesen. Als der Mann aber hörte, dass ich der Freund oder Liebhaber eines der Mitglieder des Ensembles sei, der ihr von Breslau aus nachgereist und hier ohne Mittel gestrandet war, schmiss er mich sofort hinaus – das Flora-Varieté lebt von den Separee-Logen, in denen für die Kavaliere Sekt serviert wird, die dafür das Recht hatten, die auftretenden Tänzerinnen in die Logen zu beordern.

Einige Tage später setzte die Geschäftsleitung auch Margot vor die Tür. Die ganze Truppe wäre entlassen worden, wenn diese nicht Margot einfach geopfert hätte. Dafür sorgten die Kollegen für Margot, solange sie noch in St. Petersburg ohne Engagement war. Sie konnte im Hotel wohnen bleiben, die Kollegen brachten durch Umlage das notwendige Geld auf. Ich durfte mich dort allerdings nicht sehen lassen.

Ich schlief auf einer Bank im Park – ich schlief dort etwa drei bis vier Wochen, Nacht für Nacht. Der Park war nach Zarin Elisabeth benannt, und an einigen Nächten, an die ich mich besonders erinnere, war er von Tausenden von Lampions beleuchtet. Nie hat mich ein Wärter oder die Polizei weggejagt, wenngleich manchmal angestoßen, ob ich noch am Leben sei.

Es waren die Wochen der weißen Nächte. Der silberne Dämmer in diesen Nächten tat mir wohl. Margot sah ich in dieser Zeit jeweils nur für ein paar Stunden im Café Reiter, einem Artistentreffpunkt am Newski, wo mir die Kollegen Margots einen Kaffee bezahlten, oft auch etwas zu essen bestellten. Margot selbst steckte mir gelegentlich einen Rubel zu. Ich kaufte mir dafür große Klumpen von schwarzem Brot.

Trotzdem musste schließlich etwas geschehen. Die Freunde gaben mir eine Liste wohlhabender Deutscher in Petersburg, die ich der Reihe nach aufsuchte, um Geld für die Rückreise zu erbetteln. Ich hatte mir einen ziemlichen Spruch zurechtgemacht, bei dem das bevorstehende Examen die entscheidende Rolle spielte. Ich bekam nichts, nicht eine Kopeke. Ich wurde an das Deutsche Konsulat verwiesen, und dort schrieb mir ein Beamter, dem ich meinen Spruch hergesagt hatte, einen russisch geschriebenen Zettel aus mit einer Adresse – ich sollte diese Adresse unverzüglich aufsuchen. Glücklicherweise ging ich vorher ins Reiter, wo mir jemand den Zettel übersetzte – es war die Einweisung ins Arbeitshaus.

Dies brachte mich etwas ins Leben zurück. Ohne besonderen Rat und ohne weitere Hinweise ging ich zum Hafen in das Kontor der Stettiner Dampferkompanie, die wöchentlich einen Passagier- und Frachtdienst zwischen St. Petersburg und Stettin betrieb. Dieser Mann hatte sofort Verständnis. Er sagte, ich würde an Deck unter der Persenning schlafen und für die Küche arbeiten. Als er hörte, dass ich eine Frau mitbringen wollte, war der Mann sogar noch mehr geneigt. Auf diesen Schiffen, die vierzig bis fünfzig Passagiere mitnehmen können, ist für Frauen noch leichter Arbeit zu finden.

Ich hatte zwar den Mund zu voll genommen, denn ich brauchte eine ganze Zeit, Margot, die vielleicht lieber in St. Petersburg geblieben wäre, zu überreden mitzukommen. Schließlich fuhren wir los, und nach einer Fahrt von fünf Tagen, während der Margot meist krank war und nicht arbeiten konnte, landeten wir in Stettin.

Selbstverständlich ohne Geld, ohne irgendein Ziel und völlig verlaust; die Persenning muss eine Brutstätte für unförmig große Läuse gewesen sein. Stiegen in einem kleinen Hotel am Hafen ab und bestellten Schnitzel und Bier, ich glaube zwei oder drei Portionen. Auf dem Schiff hatten wir nur von den Abfällen der Mahlzeiten gelebt, die von den Passagieren nicht aufgegessen waren.

Am nächsten Morgen werden wir weitersehen …

Am nächsten Morgen lauerte ich in aller Frühe dem Hausdiener auf, der das Trottoir vor dem Eingang sauber fegte. Ich erzählte ihm meine Geschichte und borgte von ihm eine Mark, womit ich die Kühnheit hatte, an meinen Vater um Reisegeld zu telegrafieren. Die Antwort kam prompt: Wende dich an den Onkel in Bautzen.

Ich musste mich jetzt dem Hotelwirt offenbaren. Dieser nahm seinerseits Verbindung mit Bautzen auf. Ich erhielt auf den Pfennig genau das Fahrgeld für zwei Personen nach Berlin, und der Wirt bekam die bis dahin aufgelaufene Rechnung bezahlt.

Am nächsten Morgen kamen wir in Berlin an. Die Sache sah jetzt sehr ernst aus. Die Lage war kritisch geworden. Margot blieb im Wartesaal des Stettiner Bahnhofs sitzen, und ich machte mich auf den Weg, einen Bekannten aus Breslau aufzusuchen, von dem ich wusste, dass er in einem Atelier in Charlottenburg wohnte. Ich hatte nur den Namen der Straße und daher wenig Hoffnung, den Mann zu finden oder ihn in der Wohnung anzutreffen. Ich sah ihn auf der Straße.

Ich verdanke Josef Grabisch sehr viel. Gute zehn Jahre älter als ich, ist er mir all die Zeit über ein geradezu väterlicher Freund gewesen, der gute Mentor. Nicht weitab von meiner Heimatstadt geboren, hatte er Theologie studiert, war aus dem Priesterseminar nach den ersten Weihen ausgetreten und hat sich als freier Schriftsteller durchgeschlagen. In den Kreisen der verbummelten Studenten in Breslau, und später in der Boheme in München war er der respektierte Gentleman. Er hat ein Buch über Jakob Böhme veröffentlicht, eine Serie mittelalterlicher Mystiker herausgegeben und ist bekannt geworden als Übersetzer von Chesterton. Grabisch hatte zwar in diesem Jahre kaum jemals Geld, das er hätte verborgen können, aber er konnte im Notfall immer aushelfen.

Ich traf diesen Grabisch in Berlin-Charlottenburg, nicht weit von seiner Atelierwohnung, auf der Straße. Er muss sich damals in einer persönlichen Krise befunden haben, denn er reagierte sehr nervös, und offensichtlich kam ich ihm sehr ungelegen. Unter anderen Umständen wäre ich von selbst sogleich wieder verschwunden. So aber … ich blieb ihm auf den Fersen, und man wird mir die Scham angemerkt haben.

Grabisch besorgte für Margot und mich ein kleines Zimmer, in das wir sogleich einziehen konnten, und regelte auch die Frage der Anmeldung; wir zogen dort als Verlobte ein. Ich holte Margot erst spätnachmittags aus dem Wartesaal ab. Ich war durchaus nicht so sicher, dass ich sie dort noch antreffen würde. Außerdem erhielt ich von Grabisch die Adresse einer Firma, bei der ich am nächsten Tage vorsprechen sollte. Grabisch hatte irgendeine lose Verbindung zu der Firma, er würde mit den Leuten vorher telefonieren, wahrscheinlich konnte ich dort unterkommen.

Und damit fing das Leben von Neuem an. Die Firma war der Börsenverlag Ahrends & Mossner, der eine tägliche Korrespondenz Gelb für die Börse herausgab, sowie mehrere wirtschaftliche Fachzeitungen, mehr oder weniger Kopfblätter für Inserate, darunter aber auch die täglich erscheinende Kuxen-Zeitung, ein an und für sich sehr angesehenes Fachblatt für die Kaliindustrie.

Ich wurde bei Ahrends & Mossner sofort engagiert mit einem Monatsgehalt von fünfzig Mark als Volontär und einem ersten Vorschuss von zehn Mark zur Bestreitung einiger notwendiger Einkäufe. Ich kam zur Kuxen-Zeitung, arbeitete aber schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit bereits völlig allein, nachdem der bisherige Redakteur auf einen Redakteursposten wegengagiert worden war. Volontäre und Redakteure wechselten bei Ahrends & Mossner sehr schnell. Zum überwiegenden Teil waren es halb gescheiterte Existenzen, die sich in der Firma wieder aufgefangen hatten. Das machte es mir in späteren Zeiten so verhältnismäßig leicht, immer wieder nach Zeiten des Zusammenbruchs mit einer Handelskorrespondenz auf die Beine zu kommen, denn die meisten der zuständigen Handelsredakteure der großen Blätter waren durch die Schule von Ahrends & Mossner gegangen.

Ich möchte noch hinzufügen, dass ich ohne Hilfe von Ahrends & Mossner in diesem Jahr zugrunde gegangen wäre. Ich hätte nicht die Kraft gehabt, aus Eigenem wieder hochzukommen. Zu viele Aufgaben um mich herum drängten nach einer Lösung; der Boden war sehr dünn.

Margot hatte angefangen, wieder etwas Geld hinzuzuverdienen als Malermodell, allerhand Zeichner kamen ins Haus für Verabredungen, ein früherer Freund tauchte auf, der sich als Schriftsteller etabliert hatte und für Zeitschriften Artikel anfertigte; ein außerordentlich hochtrabend auftretender Mensch. Margot hatte überallhin wieder Fäden aufgenommen und einen Kreis um sich gesponnen, zu dem ich nicht nur nicht gehörte, sondern auch keinen Zutritt gehabt hätte.

Ich selbst kam beim Verlag gut voran. Ich verdiente nach wenigen Monaten mehr als das Doppelte als am Anfang. Ich hatte mit den anderen Volontären in der Firma guten Kontakt, ich brachte gelegentlich Kollegen mit ins Haus. Wir fuhren sonntags zusammen ins Grüne, die anderen mit ihren Frauen oder Freundinnen.

Genau genommen, ich fühlte mich eigentlich wohl. Ich versuchte, mich der Gesellschaft anzupassen. Ich traf mich mit den gleichen Leuten in der Mittagspause, an der Börse und nach Büroschluss noch zu einem Glas Bier. Ich weiß nicht, wie weit mir die Anpassung gelang. Eins ist sicher: Margot passte da nicht hinein. Sie hat es auch nach anfänglichen Versuchen bald aufgegeben. Sie wurde immer abweisender und blieb abseits. Ich hatte damals manchmal das Gefühl, sie steht wie ein Stock – nur nicht anfassen, dann spritzt sie Gift.

Das war bald soweit. Man kann ständig oder auch nur regelmäßig zu bestimmter Zeit mit einem anderen Menschen zusammensein, ohne dass dabei irgendetwas Besonderes geschieht. Es fällt meist nicht einmal auf im täglichen Ablauf unseres Daseins. Im Allgemeinen wird die Regel stärker als das Bewusstsein. Unmerklich kommt eine gewisse Ordnung hinein, mit dem Blick auf Zweckmäßigkeit, Verpflichtung und der inneren Begrenzung bei sich und dem anderen. Es hält eine gute Weile vor, wenn die Partner sich gegenseitig darauf einstellen, bei vielen sogar für ein ganzes Leben voller Licht und voller Schatten, es geht eben; nicht, dass man nur sagen würde, es muss eben gehen.

Zwischendurch entstehen die Spannungen, Stockungen im Kreislauf der beiderseitigen Beziehungen zueinander, wenn nicht rechtzeitig vorausgefühlt und unvorbereitet oft – Explosionen bis zur Kettenwirkung dieser Explosionen, zu wilder Abneigung und tierischem Hass. Das ist eben so. Die Schriftsteller machen viel zu viel Wesens davon und vor allem viel zu viel Worte.

Jeder Einzelne hat es in der Hand, eine solche Entwicklung abzufangen, zu mildern und es nicht erst zu einer Explosion kommen zu lassen. Das Verständnis hierfür, das gegenseitige Verständnis, die Brücke, die sich so allmählich bildet … das ist, was die Literatur und die geistigen Disziplinen unter Liebe verstehen oder, genauer gesagt, mit Liebe zudecken.

Mit Margot war es anders. Ich sah es sich entwickeln, ich sah das Gewitter heraufziehen, ich verfolgte es mit wachsender Spannung und wusste, die Entladung wird folgen … ich habe sie nicht gerade provoziert, aber auch nicht verhindert. Ich kann nur von mir aus sprechen; wie es auf der anderen Seite ausgesehen hat, weiß ich nicht. Die Entladung kam mit Naturgewalt, der Wille zur Zerstörung, die Lust, auch noch das Letzte in der Bindung auszulöschen, zu zertreten … bei mir war der Höhepunkt der Spannung dann schon vorbei, ich war längst wieder passiv. Und – niemand braucht mir das zu glauben, ich habe darunter entsetzlich gelitten. Dieser wühlende Schmerz ging so tief, dass er mir manchmal den Atem verschlagen hat. An solchen Sonntagen und freien Tagen von der Redaktion, wenn jeder von uns verschiedene Wege ging, ungewiss, ob der eine überhaupt zurückkehren würde, in solchen Stunden und auch Tagen hat sich vieles an Verkrampfung gelöst.

Ich habe erst viel später manchmal geweint, in persönlicher Auswegslosigkeit befangen und unfähig, Unrecht zu ertragen – weit entfernt davon, dass ich mich geniert hätte. Ich habe in diesem Jahr an solchen Tagen nicht gerade geweint, die Tränen mögen nach innen gesickert sein und haben dort Narben hinterlassen, die – würde ich sie heute bloßlegen – noch immer schmerzen. Ich weiß seit dieser Zeit, was es heißt, allein zu sein.

Die Bindung der Geschlechter scheint beim Menschenwesen biologisch darauf gegründet, dass die Partner jeweils von der Lebensenergie des anderen zehren, Stück für Stück aufsaugen und auffressen. Zuletzt – der Dauerhaftere, angefüllt mit der Erinnerungskraft an den anderen, frisst sich selber auf. Dies eben tut – allen Berufswissenschaftlern zum Trotz – weh; es tut sehr weh, wenn der Einzelne einsam wird. Die Panik, allein zu sein – niemand kann dem entgehen, und im Grunde hat auch niemand die Absicht, dem zu entgehen und den zyklischen Ablauf dieses Parasitären ändern oder verbessern zu wollen. Es wird später notwendig sein, diese Beobachtung auf das gesellschaftliche Zusammenleben allgemein zu erweitern.

Grabisch hatte sich die Idee in den Kopf gesetzt, Margot und ich sollten heiraten. Wir heirateten. Grabisch brachte noch einen zweiten Zeugen. An dem Termin, an dem wir vor dem Standesamt erscheinen sollten, war ich so stark betrunken, dass sich die Zeugen weigerten, mit mir aufzutreten. Die Zeremonie musste einige Wochen auf einen neuen Termin verschoben werden. An diesem Tage hatten wir alle zusammen so wenig Geld, dass wir nicht, wie vorgesehen, in eine Kneipe für den feierlichen Umtrunk gehen konnten.

Ich war bereits wieder arg in Schulden, wenngleich diesmal vorsorglich geordneten. Wir hatten eine Neubauwohnung im Hansa-Viertel, Hinterhaus, gemietet. Ich bezog die Einrichtung mit allem Drum und Dran auf Kredit mit Hilfe der Garantie der Firma. Die Firma schrieb sogar an meinen Vater, um ihn zu veranlassen, die Verbindung zu mir wieder herzustellen.

Ich hatte zu dieser Zeit schon meinen eigenen Tisch im Pressezimmer der Börse. Ich war nicht nur ein Informationszentrum für die Handelsredakteure und Korrespondenten, sondern auch für Makler, die mich mit einem sicheren Tipp mit einsteigen ließen. Das hätte sich groß entwickeln können …

Ich hatte bereits Angebote von großen Tageszeitungen, nach Hamburg, nach Essen …

Ahrends & Mossner wollten mich gegen eine geringe Beteiligung in das Verlagsgeschäft ihrer Börsenhandbücher bringen, um mich irgendwie enger an die Firma zu binden. Der Vater sollte die Beteiligung vorschießen …

Ich führte bereits das Leben eines avancierten Verlagsangestellten, eines Redakteurs, eines zukünftigen Börsenmannes; noch ein paar Jahre und …

Ein Sohn wurde in die Ehe geboren.

Manchmal kam ich abends nicht zur Zeit nach Hause, das Abendessen wurde kalt. Ich war in einer Wettgemeinschaft mit den Setzern der Verlagsdruckerei, wir wetteten in französischen Rennen auf Pferde, die wir meist dem Namen nach nicht einmal kannten. Ein Experte, der Faktor in der Druckerei, besorgte das für uns. Wir gewannen und verloren. Manchmal gewannen wir etwas mehr, und das wurde in einer Kneipe am Bahnhof Börse gefeiert; dort trafen wir uns auch sonst abends auf ein Glas. Es kam nicht oft vor, aber es kam vor, dass ich dann abends spät zu Hause erschien.

An einem solchen Abend, wir saßen im Nebenzimmer der Kneipe um einen runden Tisch, gesprächig, laut und lärmend und auch sonst guter Dinge, da stand plötzlich Margot in der Tür, hochrotes Gesicht, wie eine Furie anzusehen.

Sie kam durch die lähmend gewordene Stille auf mich zu und schlug mir die Hand ins Gesicht, rechts und links.

Mit Ohrfeigen in die Literatur

Ich hatte bisher kaum Anstrengungen gemacht, mein ursprüngliches Interesse für die schöngeistige Literatur in eigene schriftstellerische Versuche umzusetzen. Zudem war seit meinem Weggang aus Leipzig dieses Interesse für Gedrucktes im Allgemeinen stark geschwunden. Ich las nur noch die Geschäftsberichte von Gesellschaften, deren Aktien an der Börse gehandelt wurden.

Es steht mir allerdings heute klarer in der Erinnerung, dass ich noch auf der Schule nach der Lektüre von Dostojewskis „Idiot“ sogleich begonnen hatte mit den Aufzeichnungen eines Idioten, im Thema zwar wesentlich verändert – ich selbst war, versteht sich, der Idiot, der im Garten eines Spitals herumwandelt und sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen hat … zuvor hatte ich meine Mutter umgebracht. Eine ganze Weile sind diese Blätter von mir aufbewahrt worden. Ich glaube aber nicht, dass ich sie jemandem gezeigt habe; später sind sie verlorengegangen.

Ich schrieb damals in großer Erregung und innerer Anteilnahme und habe eine große Menge Schokolade dabei gegessen.

In gleicher Weise, wenn ich das hier bereits sagen darf, habe ich später auch geschrieben, explosiv und explodierend, eingeengt und zerdrückt von einer dynamischen Vorstellungswelt, gegen die ich mich wehre, ohne sie aufgeben zu können und vielleicht auch, ohne dies zu wollen.

Nach dieser kleinen Abschweifung: Ich bin an diesem Abend aus der Kneipe nicht nach Hause gegangen. Margot ist wieder aus der Kneipe hinaus und auf die Straße, nachdem sie mich geohrfeigt hatte – ob sie draußen auf mich gewartet hat, ob sie davongelaufen ist aus Angst, ich könnte ihr folgen, oder ob sie mich überhaupt nicht mehr sehen wollte, das weiß ich nicht.

Ich selbst bin bei dem überstürzten Aufbruch der anderen zunächst sitzen geblieben – und werde daran gedacht haben, ins Wasser zu gehen. Warum? – das wird seltsam genug sein zu beantworten; ich selbst könnte es nicht. Ob mir die Welt fremd geworden, die Leute, die Kollegen, die Setzer und was sonst noch zugelaufen war – so etwas wird diesen ganz alltäglich erschienen sein … die Männer, die sich vertraulich am Biertisch unterhalten, erzählen sich in den Untertönen gegenseitig immer dasselbe: wie oft sie von ihren Frauen buchstäblich oder symbolisch geohrfeigt werden.

Es wird nur dieses kleinen Anstoßes bedurft haben: Ich fühlte mich außerordentlich überflüssig, stehe mir – erschreckend zu wissen – im Wege, unerträglich … besser zu verschwinden und ins Wasser zu gehen … wohin hätte ich sonst gehen sollen?

Irgendjemand aus der Druckerei hat sich mir angeschlossen, draußen auf mich gewartet und ist neben mir hergegangen. Viel wird nicht gesprochen worden sein, wir sind noch in eine Reihe anderer Kneipen gegangen, bis in die Frühe hinein. Und ich bin dann tatsächlich in eine Badeanstalt gegangen, die gerade geöffnet wurde, und habe mich ins Wasser gelegt; aber ertrunken bin ich nicht.

Stattdessen habe ich einen Bekannten aufgesucht, der inzwischen bei einer der großen Berliner Tageszeitungen untergekommen war. Ich borgte mir von ihm das Reisegeld, obwohl der Mann für meine Geschichte nicht das geringste Verständnis hatte und mir geraten hat, mich erst gründlich auszuschlafen … ich bin nicht mehr ins Büro gegangen, ich habe auch niemanden angerufen oder sonstwie jemandem Bescheid hinterlassen. Ich bin am gleichen Tage noch abgefahren.

Margot, das Kind, die Wohnung und die sonstigen Verpflichtungen habe ich hinter mir gelassen. Ich muss gedacht haben, so wird es sein, wenn ich verschwinde, völlig verschwinde. Es mag ähnlich sein, aber es ist eben anders, als ins Wasser zu gehen.

Ich bin damals zu dem Grabisch gefahren. Der war in diesen Wochen in Pleß beschäftigt, studierte in der Bibliothek des Fürsten Pleß irgendwelche Geschichtsdaten aus der frühen oberschlesischen Entwicklung, in Verbindung zu Schleiermacher und den Siedlungsversuchen der Pietisten-Bewegung. Ich fand den Grabisch, dem man im Schloss ein Studierzimmer eingerichtet hatte. Er brachte mich unter bei einer ihm bekannten Familie in der Stadt.

Ich hatte schon in der ersten Stunde den Eindruck, dass Grabisch nahe daran war, mit mir jede Beziehung abzubrechen. Er hätte mich am liebsten geschlagen und konnte sich gerade noch zurückhalten.

Ich blieb über eine Woche in Pleß; so weit reichte mein Geld, als ich schon am nächsten Morgen in ein Hotel außerhalb der Grabisch-Sphäre übersiedelt war.

In diesen Tagen habe ich die Emma-Schnalke-Novelle, das Kernstück im „Trottelbuch“, geschrieben.

Der Park um das Schloss des Fürsten Pleß ging ohne Gitter und Warnungstafeln in das freie Land über. Ich folgte einem hohen, breiten, aufgeschütteten Damm in die Weite. Zu beiden Seiten waren Wiesen, hier und da verstreut kleine Anhöhen, mit Buchen und Eichen bestanden. Längs des Dammes stand eine Reihe von Pappeln, wie Pfeiler eines Domes, gewaltig in das Blau des Himmels hineinragend. Wind spielte in den Blättern, und die Luft war von dem Duft der Wiesen erfüllt. In der Ferne, weit draußen, werden die bebauten Ackerfelder begonnen haben. Ich bin in diesen Tagen niemals auf diesen Wanderungen einem Menschen begegnet. Es muss in den Wochen vor der Ernte gewesen sein.

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