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Franz Jung Der Weg nach unten
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Ich war schon wieder auf dem Wege zum Virtuosen, zu Sarasate und Tartini und den Teufelstrillern. Wie es mit diesen Quartetten weitergegangen wäre, weiß ich heute nicht. Sicherlich wäre es zu einer Explosion gekommen, denn diese abendlichen Quartette, obwohl ich dabei behandelt wurde wie ein rohes Ei, nahmen einfach zu viel von meiner Zeit weg. Ich hätte zwar nicht direkt gewusst, was sonst zu tun – sie standen mir aber im Wege. In dem Jahr, als der Tod die große Unruhe in unser Haus brachte, hörten die Quartette von selbst auf; zugleich auch meine Violinstunden.
Seltsamerweise habe ich von diesen Quartetten, die sozusagen die ganze Skala klassischer Musikliteratur umfassten, und von den Violinkonzerten der Mozart, Beethoven, Bruch und Genossen nichts behalten. Ich strich sie mit einer zunehmenden Fertigkeit hin und her, von der Pizzicato-Kadenz bis zur Viola-Stimme auf der G-Saite; aber das war auch alles.
Heute sehe ich: Ich hasse diese klassische Musik, ich hasse Musik überhaupt. In dieser Gesellschaftsform ist so vieles ausschließlich auf Musik gestellt, der Tod und die Geburt, die Moral und der Versuch, dieser Moral Widerstand zu leisten – alles ist eingewickelt in Musik; die Prügel, die Wehlaute, alles, was schreit und nicht mehr aufstehen wird und selbst bis zuletzt die Hinrichtung, sei es im Marschtempo, in der Ballade oder den langgezogenen Wellentönen bei Wagner. Ein einfaches Geräusch ist mir lieber – solange nicht jemand kommt und es in Musik setzt; leider ist das zu oft der Fall.
Ich bin gezwungen, zuzuhören und stille zu sein. Ich bin schwach, zu schwach, gegen diesen von der Gesellschaft ausgehenden Druck etwas auszurichten. Für mich liegt der Betrug in der biologischen Fehlleistung, die als Musik bezeichnet wird, darin, dass sie als notwendig erkannt wird, die Leere, die Langeweile, den Überdruss auszufüllen und, wenn notwendig, innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, weil ohne dieses die Gesellschaft explodieren würde … Würde sie? Warum nicht?
Verwechseln Sie nicht Musik mit Rhythmus. Der Rhythmus steckt in den Knochen, im Blut, im Organismus, in der Lebenserwartung und in dem Zusammenbruch dieser Erwartung. Im Beinahe – möchte man sagen. Der Rhythmus ist das Leben selbst, sicherlich mehr als das physische Leben … wächst und weitet sich und zieht sich zusammen, konzentriert sich auf den Atem … ein und aus, tiefer ein und schneller aus.
Und weiter: Ja, ich habe mich auf die Aufnahmeprüfung in der Musikhochschule vorbereitet. Den Eltern hätte ich keine größere Freude bereiten können, als auf das Musikstudium umzuschwenken. Der Gerstenberg besorgte mir aus einer Leihbücherei Klavierauszüge. Ich hatte mit drei Spielopern zur Auswahl anzutreten, geeigneter Konzertmusik und einigen Schaustücken. Ich paukte auf dem Klavier in diesen April-Wochen 1907 in Leipzig von morgens bis abends – ich hatte in den letzten drei, vier Jahren keine Taste mehr angerührt, manchmal brachte mir der Freund etwas zu essen, manchmal aber hatte er auch selber nichts.
So ging ich schließlich in die Prüfung, spielte Teile von „Maurer und Schlosser“, ferner mächtig rauschenden Klingklang von Schumann und irgendeine Ecke von Brahms, die Umsetzung eines Themas in verschiedenen Schlüsseln und hatte noch ein Thema in die Form einer Fuge zu bringen – die beiden Prüfungen im Transponieren gingen so gerade schlecht und recht, in den ersten Übungen kam ich glatt durch. Immerhin wurde mir sogleich für das erste Semester ein Pflichtkurs bei Max Reger in Kontrapunkt auferlegt. Als Blasinstrument wählte ich die B-Klarinette, obwohl ich kaum eine Aussicht sah, mir das Instrument anzuschaffen, das jeder selbst mitzubringen hatte.
Den Eltern waren die veränderten Umstände noch nicht bekannt. Ich benutzte den Wechsel nur insoweit, als ich über den Bautzener Onkel Geld für einige zusätzliche Ausgaben anforderte, etwaige Kurse in der Musik-Hochschule betreffend, wovon ich die Immatrikulation an der Universität schließlich bezahlen konnte.
Inzwischen verkaufte ich meine sämtlichen wohlsortierten Kleidungsstücke, Wäsche, Schuhe und den Zylinderhut, den damals die Abiturienten am Tage des bestandenen Examens als eine Art Uniform zu tragen pflegten. Ich besaß gerade nur noch das Allernotwendigste, um auf die Straße gehen zu können.
Ich zog in eine Vorstadt um, hatte einen Fußweg von etwa einer Stunde zum Thomasring oder Augustusplatz im Zentrum der Stadt. Ich war völlig ohne Mittel und im Grunde auch ohne ernstliche Aussichten für das eine oder andere Studium. An der Universität konnte ich nur einige Freikurse belegen, Literatur bei Witkowski, Musikgeschichte bei Riemann.
Ich erwähne diese Einzelheiten, weil ich in Wirklichkeit sehr zufrieden und ausgeglichen in dieser Zeit gewesen bin. Ich habe diese innere Ausgeglichenheit trotz aller der damit verbundenen Mängel nie mehr wieder gefunden. Ich hatte kaum Freunde und nur einige Zufallsbekanntschaften. Es schien, dass ich imstande sein würde, alles, was ich in den Schuljahren an aufbauender Lebensenergie versäumt hatte, jetzt nachzuholen. Wenn es erlaubt ist, von einem jungen Menschen zu sagen: ich richtete mich wieder hoch, ich blühte auf.
Mit der Musikhochschule hatte es ein schnelles Ende. Es machte mir nichts, inzwischen innerlich viel sicherer geworden. Ich war nur einmal mit zirka vierzehn anderen Schülern im Reger-Kurs. Der Meister behandelte uns nicht nur wie Idioten, hergelaufene Strolche und noch nicht entwöhnte Müttersöhnchen, für die der Staat Geld zahlt, dass sie ihm, dem Meister, die Zeit stehlen – offensichtlich war Reger, was auch viele andere bestätigen werden, bei solchen Gelegenheiten stark unter Alkohol –, sondern er erklärte auch frei weg, dass er keinen von uns den Kurs passieren lassen werde – dies sähe er schon an unserem ganzen Auftreten. Er nahm die ersten drei vor mit einer Themenführung und sagte jedem Einzelnen schon nach wenigen Minuten, dass er sich nicht mehr mit ihm beschäftigen würde. Er habe zwar nicht das Recht, ihm zu verbieten, das Studio zu betreten, aber für ihn sei er künftighin Luft und von der Liste gestrichen. Ich wäre an einer der nächsten Stunden drangekommen und gab schon vorher auf. Im Augenblick erschien es mir sinnlos, dagegen anzukämpfen.
Auf diese Weise verkürzte Reger die Zahl seiner Pflichtstunden im Semester um mehr als die Hälfte. Ich war nicht einmal besonders enttäuscht. Die beiden Klavierkurse waren überflüssig geworden – ohne den Reger-Kurs wäre ich das Semester nicht weitergekommen.
Wenn folgenschwere Entscheidungen zu treffen sind, wählt derjenige, der völlig auf sich allein gestellt ist und niemanden hat, mit dem er darüber sprechen oder streiten kann, mit Sicherheit das Falsche. Er weiß es meist schon vorher, aber bestimmt gleich nachher, was er vielleicht noch hätte ändern können.
So war es auch bei mir, als ich mich entschlossen hatte, das juristische Studium wieder aufzunehmen, obwohl mir die Vorlesungen, die ich besuchte, nicht angerechnet wurden. Das wird später noch nachzuholen sein … ich saß mit ein paar Gleichaltrigen, die ebenso unentschieden waren wie ich, im Café Minerva am Thomasring. Wir diskutierten ohne Thema und ohne Ziel darauf los und in die Luft; nach all den Aufregungen der letzten Jahre ein wohltuendes Nichts. Und offensichtlich – ich war ruhiger, und ich schien reifer geworden zu sein. Geld hatten wir alle nicht und auch keine Lust zu besonderen Ausgaben. Einmal in der Woche ging ich in das Speiselokal „Zum weißen Hirsch“ zum Mittagessen. Ich habe lange Zeit die Löffel von dort aufbewahrt als Andenken, auf denen eingraviert war „Gestohlen im Weißen Hirsch“.
Was fehlte, waren die Menschen, die Freunde, die Kameraden, die wirklich Gleichgesinnten, vielleicht auch die Mädchen, obwohl ich kein Interesse hatte, denen hinterherzusehen oder sie gar anzusprechen. Die Leute um den Caféhaustisch waren mir im Grunde fremd; sie blieben schemenhaft, Figuren, mit denen man über den Kooperationsstaat diskutieren konnte – das gab es damals schon, Lenkung der Wirtschaft nach Säulen der Berufe durch eine obere Spitze als die politische Regierungsform, für uns damals noch ein Affront gegen Schmoller, dessen Vorlesungen wir alle besuchten –, aber eben nicht mehr, und dann der abendliche Fußmarsch nach Leutzsch … warte deine Zeit ab und alles wird werden. Zu der Tasse Kaffee wurde sehr viel Wasser getrunken, und es reichte sehr selten zu einem Stück Kuchen, das heißt, das knappe Geld war genau auf den Pfennig eingeteilt.
Hätte es so bleiben sollen? – ich machte einige schüchterne Versuche, den Leuten etwas näher zu kommen, der eine von dieser Tischrunde ist Rechtsanwalt in Apenrode geworden und hat in der dänischen Politik lange eine Rolle gespielt. Ich habe ihm eines Tages in einer unverständlichen und völlig überflüssigen Laune Gottfried Kellers Gesammelte Werke geschenkt, von dem Gerstenberg mir besorgt, auf Abzahlung bei seiner Firma; nichts ist weiter daraus entstanden; ich habe allerdings auch später die Bücher nicht bezahlt. Der andere ist Pastor geworden an der Kirche in Naumburg, wo sein Vater als Küster angestellt gewesen ist. Ich habe den Vater auch kennengelernt, damals, als plötzlich dieses Idyll in Leipzig durch eine kleine Bombe zerstört worden war, damals, als ich es dann in Leipzig nicht mehr aushalten konnte und wer weiß wohin ausgerissen wäre, hätte mich nicht dieser Bekannte an die Hand genommen und nach Naumburg zu Besuch über das Wochenende zu seinem Vater gebracht, der an einer der Kirchen dort Küster war, Chordiener und die Orgel spielte.
Der Blitz kam aus heiterem Himmel. In einer der von der Freien Studentenschaft veranstalteten Massenversammlungen hielt der Graf v. Hoensbroech, ehemaliger Jesuitenzögling, die übliche Brandrede gegen das Papsttum. Schließlich ging mich das alles nichts an. Ich besuchte solche Veranstaltungen der Freien Studentenschaft genau gesagt aus Langeweile und aus dem Bedürfnis nach Abwechslung. Ich hörte den Grafen vor dieser Massenversammlung von vielleicht zwei- bis dreitausend Studenten gegen den Papst losdonnern. Weder die Lautstärke noch die Argumente zündeten, obwohl sicherlich alle die Anwesenden dem Grafen zugestimmt haben. Es sprachen in der folgenden Diskussion noch ein paar ältere Studenten und hieben in die gleiche Kerbe, nur noch dümmer und, wenn möglich, noch aufgeblasener.
Auch ich hatte mich zu Wort gemeldet. Die Stimmung war noch flauer geworden, lustlos zum Gähnen. Ich wusste im Grunde nicht, was ich sagen wollte – wahrscheinlich stimmte ich mit dem Grafen überein, aber das spielte jetzt keine Rolle. Technisch – schien es – hatte ich den Grafen anzugreifen. Ich musste ein grobes Geschütz auffahren, und ich legte los.
Aus dem katholischen Religionsunterricht und der allgemeinen Atmosphäre des heimatlichen Katholizismus war bei mir nicht mehr viel übrig geblieben; umso gröber konnte ich loslegen … wozu erst Argumente, lass das Herz sprechen.
Ich hatte großen Erfolg. Die Versammlung wurde aufgeregt. Neue Wortmeldungen, alle zwar gegen mich, aber mit Ehrenbezeugungsfloskeln. Die ehrbaren Gegner kreuzen die Degen in ritterlicher Tradition und so. Am begeistertsten war der Graf von Hoensbroech selbst, der eine direktere Zielscheibe gefunden hatte, als den immerhin recht weit entfernten Papst. Ich wurde am Saalausgang von allen Seiten aus beglückwünscht. Ich wusste selbst nicht, was eigentlich los war. In dem Mitteilungsblatt der Freien Studentenschaft war die erste Seite dem tapferen jungen Studenten gewidmet, der gegen eine überwältigende Übermacht seine religiöse Weltanschauung verteidigt hatte.
Das wurde mir zu viel. Ich ließ an dem erwähnten Caféhaustisch an einem der nächsten Tage die Bemerkung fallen: es habe sich da überhaupt um keine Weltanschauung gehandelt, ich hätte in der Diskussion lediglich aufgrund einer Wette gesprochen, und sie alle würden bezeugen können, ich hätte diese Wette gewonnen. Mehr sei nicht dahinter. Dies sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Schon am folgenden Tag wurde ich im Minerva von allen gemieden. Ich war aus, fertig. Die Studentenzeitung bereitete einen neuen Artikel, diesmal gegen mich, vor, und selbstverständlich meinen Ausschluss aus der Freien Studentenschaft.
Da nahm mich der Theologiestudent an die Hand und lud mich ein über das Wochenende nach Naumburg in die Küsterwohnung. Vater und Sohn waren einander sehr zugetan, die Mutter war schon längere Zeit vorher gestorben, ältere Geschwister waren außer dem Haus. Der Sohn lebte für den Vater und der Vater wahrscheinlich für den Sohn. Beide hatten das Herz auf der Zunge, besonders dem Gast gegenüber. Eine Insel des Friedens und der Zuversicht. Uns wird heute eine solche Zeit, vielleicht sind in Wirklichkeit schon Jahrhunderte darüber vergangen, als geschichtliches Märchen aufgetischt. Literaten haben sich der Sache bemächtigt … es sollte jedenfalls darüber nicht so viel geschrieben werden.
Ich spielte in Naumburg zur großen Freude des Küsters mit dem Sohn abwechselnd die Orgel; – ich glaube, ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich auch in Neiße in der Kreuzkirche die Orgel oft vertretungsweise gespielt habe. Meist in den wöchentlichen Schulmessen am Morgen, zum Beispiel im Dezember. Ich habe dann, erinnere ich mich, die Register gezogen in die Überleitung zum Choral: Rorate coeli de super … Tauet, Himmel, den Gerechten …
Vater und Sohn sind beide aus meinem Leben verschwunden. Beide habe ich nicht mehr wiedergesehen, auch keine Verbindung mehr gehalten.
Ich habe es indessen noch einmal versucht, mich in Linie zu bringen. Vorbereitet in den Ferien durch zwei meiner Mitschüler, wurde ich im folgenden Semester Mitglied der Leipziger Burschenschaft Arminia. Von dieser Zeit ist nichts im Gedächtnis geblieben, nicht einmal die Gesichter der Kommilitonen, mit denen ich zweimal die Woche im Haus der Burschenschaft an einer langen Tafel saß, den Sonntagvormittag den Farbenbummel auf dem Thomasring bestritt, den Fechtboden regelmäßig besuchte und am Anfang und Schluss des Semesters an einem Ausflug mit Damen teilzunehmen hatte. Ich besuchte in dieser Zeit die juristischen Kollegs, soweit ich sie nachholen konnte. Ich muss mich schrecklich gelangweilt haben, aber es geschah sonst weiter nichts. Ich wurde ein leidlicher Fechter, besser geeignet für die Bestimmungsmensuren als für die Kontrahagen auf schwere Säbel – dafür war mein Arm im Verhältnis zur sonstigen Körpermasse zu kurz; ich bezog regelmäßig Prügel.
Ich wechselte im nächsten Semester über nach Jena in die Burschenschaft Germania, zum Teil, weil ich mich dort besser auf meine Säbel-Kontrahagen vorbereiten konnte, mehr aber, weil ich eine breitere Gesellschaft, offenere Kameradschaft und Zusprache dort zu finden hoffte. Darin wurde ich sehr enttäuscht. Unter den dreißig bis vierzig Aktiven war auch nicht ein einziger, mit dem ich irgendwelche Ansichten oder Erlebnisse auszutauschen gehabt hätte. So würde ich mir das Leben in einer Kaserne vorgestellt haben. Es war alles genau geregelt. Es wurde kommandiert und zur Ordnung gerufen. Möglicherweise ist eine solche Erziehung für eine spätere Eignung im Beruf ganz angebracht. Ich konnte mir indessen keinen Beruf ausdenken, wo ich der stützenden Hilfe dieser Kommilitonen bedürfen würde. Es wurde ein großes Missverständnis, auch dann noch, als ich mich Hals über Kopf in den Betrieb stürzte, also Sänger unter den Singenden, Schläger unter den Schlagenden und Säufer unter den Pflichtsaufenden geworden war. Es war eben ein Missverständnis.
Das merkte nicht nur ich. Das merkten noch mehr die anderen. Zwei Semester gingen darüber hin. Die Universität sah ich nur von außen. Ich hatte enorme Schulden aufgehäuft. Wir fuhren in der Kalesche um den Hahnfried und schmissen das Geld aus eigens dafür zurechtgemachten Säcken auf die Straße; eine gewaltige Horde Kinder, wahrscheinlich aus der Arbeitervorstadt Wenigen-Jena, hinterher.
Auch das ging zu Ende. Ich war die Ferien über wieder in Jena geblieben und hatte mich mit einigen älteren Semestern, sogenannten verbummelten Studenten, angefreundet, in der Mehrzahl bereits ältere Herren. Sie waren auf dem besten Wege, sich zu Tode zu saufen und hielten sich mit Injektionen von Strophantus aufrecht. In dieser Gesellschaft fühlte ich mich wohl, obwohl ich nicht genau weiß, warum – ernstere Fragen dürften wir kaum erörtert haben.
Eines Nachts, in der Weinstube Göhre, unserm Stammquartier, wo ich überdies den Couleurkredit genoss, muss ich das Bedürfnis gefühlt haben, mich vor meinen Kumpanen zu beweisen, die alle aus dem einen oder anderen Bund längst herausgeschmissen worden waren. Ein stadtbekannter alter Herr der Germania, irgendein hohes Tier in der Universität, hatte mich in dieser Gesellschaft aufgefunden und angefangen, mir die Leviten zu lesen. Ich ließ ihn nicht nur grob abfahren, sondern – als er zu drohen anfing, ging ich auch tätlich gegen ihn vor – er flog, glaube ich, in der Göhre die Treppe hinunter. Durch einen in aller Eile am nächsten Tage aus dem Kreise der in Jena ansässigen Alten Herren zusammengetrommelten Konvent wurde ich mit dem Rat zum Austritt bestraft.
Ich verließ Jena ein paar Tage später. Mit meinen Eltern kam es zu einem großen Skandal, als dann die Rechnungen in der Heimat einzulaufen begannen. Ich weiß nicht, wie viele davon bezahlt worden sind; alle bestimmt nicht.
Als ich Jena verlassen musste, dachte ich an so vieles, was die Stadt zu bieten gehabt hätte, mit einer gewissen Wehmut. An den Philosophenberg mit den schönen Villenhäusern, in denen sicherlich so viele berühmte Leute gewohnt haben. Wahrscheinlich auch Johannes Schlaf, für den ich eine tiefverschwiegene Begeisterung bewahrt hatte – ich habe den Philosophenberg nie betreten, ich bin nicht einmal in die Nähe gekommen. Ich dachte an den Eucken-Kreis, zu dem ich mich sowieso nicht hingetraut hätte. An die Lesesäle der Zeiß-Stiftung, die ich allerdings einmal von weitem gesehen habe, ohne jedoch den Mut aufzubringen, hineinzugehen, abgestempelt mit dem Kainszeichen der Couleur. Ich dachte an die Wanderungen im Frankenwald und die Tanzveranstaltungen mit den Dorfschönen von Ammerbach, die nach der Tradition alle das Band der Burschenschaft Germania über der Brust tragen und sich unter den jeweiligen Aktiven, den Burschen und Füchsen der Germania, besser auskannten als ich selbst. Aus all dem habe ich mir selbst nichts aufbauen und nichts erhalten können. Es ist verlorengegangen.
Es ist schon im folgenden Jahr weggespült worden in Breslau. Die Eltern hatten in langen Beratungen mit Freunden des Hauses beschlossen – ich war nicht hinzugezogen, wurde auch nicht aufgefordert, irgendetwas zu erklären, zu beschönigen oder Besserung zu versprechen – trotz all der bisherigen Misserfolge das Risiko einzugehen, mich in Breslau das Rechtsstudium zum ersten Abschluss bringen zu lassen. Ich wurde in eine Pension eingemietet mit einem auf fünfzig Pfennig berechneten Taschengeld, das mir täglich mit dem Frühstück ausgezahlt wurde, und gleichzeitig bei einem Repetitor eingekauft, der mich für das Referendar-Examen vorzubereiten hatte und erst alle die versäumten Vorlesungen in abgekürztem Schnellverfahren nachholen musste. Beide Kontrollstellen hatten monatlich an die Eltern zu berichten, bevor weitere Zahlungen erfolgen würden. Merkwürdigerweise verlief das die längste Zeit ganz gut.
Ich besuchte den Repetitor täglich für mehrere Stunden und besuchte nebenbei die noch ausstehenden Pflichtkollegs an der Universität. Aber darüber hinaus geriet ich in eine Art von Trance, vielleicht eher mit völliger Apathie zu beschreiben. Ich fing an, stark zu trinken, den billigen Henning-Korn – in einer Gesellschaft von Zufallskumpanen in den für Breslau typischen Kneipen, im Dunkel der Hinterhöfe gelegen. Ich traf dort die gleichfalls für Breslau typischen Studenten der katholischen Theologie, die ihren Ausgang vom Priesterseminar in diesen Kneipen verbrachten oder überhaupt bereits aus dem Seminar weggelaufen waren. Diese hatten den nahen Untergang vor Augen. Keiner hätte gewusst, was tun – keiner eignete sich im Augenblick wenigstens für einen Beruf, wenn das Stipendium des Pfarrers aus dem oberschlesischen Heimatdorf ausbleiben wird. Mir sind nur ganz wenige Fälle bekannt, in denen es solchen Seminaristen gelungen ist, sich über Wasser zu halten.
Ich fing auch wieder an, Karten zu spielen mit der inzwischen leicht betonten Tendenz, mein tägliches Taschengeld aufzubessern. Mit der Zeit wurde das eine regelmäßige Einnahme. Etwas von der inneren Verkrampfung löste sich. Jemand verschaffte mir Aushilfen als Klavierspieler, sonntags am frühen Morgen in einer der Breslauer Ausflugsorte, oder als Stimmungsklavierspieler in einem der kleinen Kinotheater – war die Katastrophe bereits in Sicht oder wurde die Tote ins Bild hereingetragen: Chopin; stieg jemand feierlich die breite, vielstufige Treppe herab, der Treulose, die betrogene Braut, oder der Hochstapler zum entscheidenden Coup, stand eine schwerwiegende Entscheidung bevor: Rubinstein oder Mendelssohn.
Ich verkehrte schließlich in einer Halbwelt von Studenten, Zirkusartisten und Künstlern, Serviermädchen und allerhand zweifelhaften Gestalten aus der Provinz, die mit Geld um sich schmissen. Solche Abende endeten für gewöhnlich im Café Royal, Reudel genannt, das die ganze Nacht geöffnet war und hauptsächlich von Strichmädchen besucht wurde. Ich lernte dort eines dieser Mädchen kennen und freundete mich mit ihr an. Wir warteten, bis ein Besucher und Kunde an den Tisch kam, dann entfernte ich mich. Ich glaube, ich hatte damals die ernste Absicht, den Beruf eines Zuhälters zu wählen – ich würde darunter verstanden haben, dass es meine Aufgabe sei, das Mädchen zu schützen, ihr Kunden zuzuführen und im Notfall für Kleidung und Nahrung zu sorgen.
Meine Freundschaft endete mit einer großen Verwirrung. Ich hörte eines Nachts von dem Ober im Royal, dass das Mädchen in ein Krankenhaus eingeliefert worden ist. Ich wollte sie aufsuchen, wurde aber nicht vorgelassen. Es war auch kein eigentliches Krankenhaus, sondern das Gefängnisspital. Sie war von einer Sittenstreife hochgenommen worden, als sie auf ihrem Zimmer am Neumarkt, wo ich sie oft besucht hatte, sich zum Fenster hinausgelehnt haben soll, wahrscheinlich um jemandem etwas nachzurufen, vielleicht auch nur, um etwas frische Luft zu schnappen. Nach der Polizeiverordnung war dies für eingetragene Strichmädchen verboten.
Im Augenblick schien die Welt einzustürzen. Ich hätte jeden einzelnen Polizisten, der mir gerade in den Weg gekommen wäre, angefallen und niedergeschlagen. Merkwürdigerweise konzentrierte sich dann sehr bald die Wut weniger auf die beteiligten oder zuständigen Personen, sondern sinterte durch auf Staat und Gesellschaft, die Stadt Breslau, das Haus am Neumarkt – ich hätte es einzeln Stück für Stück niederreißen mögen.
Das Mädchen blieb im Spital. Es war lungenkrank und würde vermutlich irgendwohin verschickt. Ich habe es nicht wiedergesehen. Es ließ mir durch ein anderes Mädchen bestellen, ich solle mich nicht weiter mehr um sie kümmern.
Ich muss noch erwähnen, dass ich in diesem Jahr selbst mit den Behörden in Konflikt gekommen bin. Ich hatte in einer betrunkenen Nacht an die große Portaltür der katholischen Garnisonkirche gepisst und war dabei festgenommen worden. Damals hat mir noch die frühere Verbindung zur Burschenschaft geholfen. Bekannte, die mit mir zusammen ihren Spaß gehabt hatten, mobilisierten am nächsten Morgen einen Burschenschaftler-Anwalt, der mich aus dem Polizeigewahrsam und der Kette von Paragraphen loseiste und mich dem Disziplinargericht der Universität überstellte. Dort kam ich mit einem strengen Verweis davon und drei Tagen Karzer, die ich mit Ausnahme der täglichen Mahlzeiten, für die ich freien Ausgang hatte, in der Wohnung eines der Pedelle in der alten Universitäts-Sternwarte verbringen musste. Ich hatte die Tage über eine recht lustige und lärmende Gesellschaft um mich versammelt. Mein Großvater wird von diesem Raum aus auf die Sterne gesehen haben.
In diesen Wochen lernte ich in meinem Umgang mit arbeitslosen Artisten eine Tänzerin kennen, die sich als Modell in der Kunstakademie einiges Geld verdiente und mit den jüngeren Kunstprofessoren auf vertrautem Fuße stand. Sie war in unserer Gesellschaft durch ihren rüden Umgangston mehr gefürchtet als gelitten. Ich hatte Margot zunächst kaum beachtet. Merkte aber dann, dass sie sich in besonderer Weise für mich zu interessieren begann, indem sie mich manchmal auf der Tanzfläche herumschubste, als wollte sie mich in die Ecke feuern. Warum gerade ich, der mit solcher Anteilnahme beehrt wurde … zudem war ich um die Zeit, wenn Margot in unserem Kreis auftauchte, schon meist stark angetrunken. Ich hatte ihr nichts zu bieten, und sie interessierte mich nicht im Geringsten, auch nicht, als sie mich eines Tages zwang, sie mit auf mein Zimmer zu nehmen.