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Franz Jung Der Weg nach unten
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Es war noch eine andere Gruppe von Geldverleihern vorhanden, aus dem Handwerkerstand selbst hervorgegangen, aus demjenigen Teil, der noch den „goldenen Boden“ hatte, Fleischer und Bäcker, die sich nach wenigen Geschäftsjahren zur Ruhe setzen konnten, zum überwiegenden Teil vom Lande nach der Stadt eingewandert. Sie verborgten Geld aufs Land, an die Bauern. Das Ende war, dass der Bauer alles verlor, Haus und Hof. Solche Leute wurden „Güterschlächter“ genannt. Sie schlachteten aber nicht die Güter, sondern die kleinen Bauernanwesen, die dann zu Gütern zusammengefasst und an Grundstücksmakler im Industrieviertel verkauft wurden, vorerst für landwirtschaftliche Nutzung, in Wirklichkeit aber als stille Reserve für eine spätere Ausdehnung der Zubehörindustrie. Der erste Weltkrieg hat diese Entwicklung unterbrochen.
Mein Großvater väterlicherseits war einem solchen Güterschlächter in die Hände gefallen. Bauer in Seiffersdorf, vielleicht fünfzig Kilometer von Neiße, aber zur nächsten Kreisstadt Grottkau gehörig, mit etwa sechzig Morgen Acker. Als Schulze im Dorf hatte er seinem Nachbar einen Gefälligkeitswechsel unterschrieben. Später zur Schuldenzahlung mit herangezogen, ließ er sich auf Hypothekeneintragung und ähnliches nicht ein, was ihn bis ans Ende des Lebens in Schulden gehalten hätte. Lieber ließ er Hof und Haus versteigern, verlor sein Schulzenamt und ging als Arbeiter in die im Dorf ansässige Zuckerfabrik. Ich bin als Kind mehrmals dort gewesen zu Besuch. Er war mit der Großmutter eingemietet bei einem Häusler und betreute die Bewässerungsrinnen für die Wiesen der Fabrik. Von seinen beiden Söhnen hätte er keine Unterstützung angenommen. Eine Tochter war an den Schlächter im Dorf verheiratet, ein halbes Dutzend Enkelkinder; ich wurde bei der Tante untergebracht und mitbetreut. Mit dem Onkel fuhr ich dann über Land Kälber einkaufen.
Ich erinnere mich an den Großvater, der im Dorf der „polnische Josef“ genannt wurde und damals schon über siebzig Jahre alt war, besonders deswegen, weil er einmal im Jahr zu Ostern nach Neiße kam. Wahrscheinlich einem Gelübde folgend, kam er den langen Weg, nachdem er am Abend des Karfreitags in Seiffersdorf aufgebrochen war, oft noch bei Schnee und Eis barfuß nach Neiße, die Stiefel über den Rücken gehängt. Ich war mit meiner Schwester am Eingang der Bechauer Chaussee nach der Stadt aufgestellt, wo wir ihn erwarteten. Er traf in den frühen Nachmittagsstunden des Samstags ein und wurde von uns nach Hause gebracht, wo sich dann die Familie feierlich zum Essen versammelte.
Er beachtete meine Mutter überhaupt nicht, die Mutter kam auch niemals nach Seiffersdorf. Mit dem Vater sprach er gerade das Notwendigste, sonst blieb er einsilbig und abweisend. Warum er nach Neiße kam und den Vater besuchte, weiß ich nicht – wahrscheinlich ist er mit der Uhrmacherei nicht einverstanden gewesen. Wie ich so hörte, sollten die Söhne Lehrer werden; wenigstens einer, aber dazu reichte das Geld nicht mehr. Der Großvater blieb die Tage über im Haus. Er ging nicht auf die Straße und auch nicht in die Kirche.
Er blieb in einem Winkel sitzen und sah meist starr vor sich hin, ein großer starkknochiger Mann, die schwere Joppe bis zum Hals zugeknöpft. So wird er auf der Wiese gestanden sein, das Wasser fließt über die Rinne. Wie das Wasser, so verrinnt die Zeit, die Hoffnungen und Erwartungen eines Lebens. Das Wasser tropft auch auf die gelben Sumpfdotterblumen und vereinzelte Vergissmeinnicht. Gedanken wird er sich darüber nicht gemacht haben.
Trotz alledem – ich bin in der Welt herumgekommen und könnte eine Reihe von Städten aufzählen, für die es sich verlohnen würde, Erinnerungen zu bewahren an Landschaft und Leute und einige Besonderheiten; im Grunde … Neiße gehört nicht zu diesen Städten. Enge Straßen, die konzentrisch zu einem Marktplatz laufen, dem Ring, Promenaden schon mehr an der Außenseite, ein Damm längs des Neiße-Flusses zwischen den beiden Brücken, die Kette der Sudetenberge bei klarer Sicht und nach Osten und Westen hin Flachland, Wiesen und Äcker. Vorgeschoben der Soldatenstadt nach dem Flachland hin ein Netz von Festungswällen, Wallgräben und Redouten, für Spaziergänger freigegeben, aber nicht zum Spielen für die Kinder – dort blühen im März in großen Büschen die weißen und blauen Veilchen und vorher noch die Schneeglöckchen. Dammwege, die in der Richtung zum Flusswehr, Übungsplatz für das Pionier-Bataillon, in eine Art Stadtwald gelangen. Die Biele, die hier in die Neiße mündet, fließt in mehreren Armen durch das Stadtwäldchen und kanalisiert eine Wiese, auf der im Winter Schlittschuh gelaufen wird.
Es gibt in dieser Landschaft nichts besonders Erinnernswertes … außer einer der mit Kiefern bewachsenen Anhöhen im äußeren Festungsgürtel. Der Kieferduft an heißen Sonnentagen, das Gras und die Feldblumen, kleine blaue Falter und Grashüpfer und die Ameisen im Teppich der Kiefernadeln vom Sommer vorher. Ich brachte dorthin das weiße Kaninchen, das ich die Schulferien über behalten durfte. Sobald die Ferien zu Ende waren, wurde das Kaninchen wieder weggegeben.
In Neiße hat es angefangen
Die Erinnerung ist das, was sich abgesetzt und bereits eingefressen hat, die ganzen Jahre über mitgewachsen und eingekerbt, Jahresringe. Vergangenheit allein verliert an Interesse, zumal es sich nicht vermeiden lässt, dass sie zumeist irreführend akzentuiert wird. Das zeigt sich in besonders eindringlicher Form in der Geschichte der Menschen als einer der bekannteren Lebensstufen unter tausend ähnlichen Entwicklungsphasen. Jeder weiß, wie verwirrend das sein kann, denn der Mensch steht nicht an der Spitze der Lebewesen.
Was zählt, ist das, was – wenngleich noch so entfernt – Gegenwart geblieben ist. Was sich in eine neue Gegenwart zurückrufen lässt, bunter und ständigem Wechsel unterworfen. Das was missverstanden worden ist oder überhaupt nicht verstanden. Das was so wehgetan hat und jetzt plötzlich explodiert in einer Hochspannung von Glück. Eine neue Gegenwart, tiefer verwurzelt in der Vorstellungswelt alles Lebenden, die in unser Dasein hinein die Zukunft spiegelt.
Ich meine diese Gegenwart, die ich vielleicht zurückzurufen in der Lage bin.
Es wird noch im ersten Lebensjahr gewesen sein, in dem schmalen Frontzimmer mit dem einen Fenster, allgemein Berliner Zimmer genannt. Längs der rechten Wand war die Krippe aufgestellt, das schmale Bett, das vielleicht schon etwas größer gewesen sein mag als die Krippe, und an der gegenüberliegenden Wand über dem Sofa mit dem Tisch davor, an dem in den späteren Jahren die Mahlzeiten eingenommen wurden … an dieser Wand hing das Bild, das eine Landschaft darstellen sollte, sicherlich ein billiger Kunstdruck. Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt. Die Farben, die Umrisse, die Figuren … sind schärfer geworden, von Jahr zu Jahr, leuchtender und zwingender. Es wäre vergeblich, dem entfliehen zu wollen oder zu vergessen; die neue Gegenwart holt den Zögernden ein.
Ich weiß heute, wenn ich noch einmal das Bild im Glanz der Breite und Tiefenperspektive ganz in mich aufnehmen werde, so wird dies bei vollem Bewusstsein der letzte Anblick meines Lebens sein. Ich gestehe, dass ich einer solchen Möglichkeit oft genug ausgewichen bin. Ich hätte diese Landschaft sehen können in den Fjorden im nördlichen Norwegen, an der italienischen und französischen Riviera, auch bei Loctudy in der Bretagne, besonders aber an den oberitalienischen Seen und im Tessin … eine Landzunge, die sich in eine Bucht vorschiebt, der breite Horizont als Hintergrund, See im Rückspiegel des Lichts, die Sonne wird hinter den Bergen stehen. Schon mehr nach dem Vordergrund zu Tupfen von weißen Wolken im Blau.
Von der Landzunge steigt nach rechts ein Weg auf zu einer Anhöhe, anschließend eine Welle von Hügeln, die Bucht abzuschließen. Oben wird der Weg weitergehen, an einer Reihe von kleinen Häusern entlang, ausgerichtet in Linie, die Fronten weiß, die Dächer flach mit rotem und blauem Rand.
Es wird an einem Feiertag gewesen sein, an einem Sonntagvormittag, frischer Glanz ist noch ringsum. Aus einem Einschnitt hinter der Landzunge ist ein langes Boot in die Bucht hinausgefahren. Man sieht, wie es eben die Spitze der Landzunge umfahren hat und jetzt in der freien See aufzukreuzen beginnt. Geputzte Menschen sitzen in dem Boot, stehen und schwenken die Hüte und Tücher. Es ist Musik im Boot, Geigen – Guitarren – Blasinstrumente, man sieht das nicht, ich erinnere mich nicht … aber sie singen, die Gäste, die Ausflügler; das weiß ich.
Es wäre gar nicht nötig gewesen, dass ich die längste Zeit Umwege gemacht habe, diese Landschaft zu meiden, oder wenn ich schon davor gestanden bin, die Augen fest zu schließen. Das sind die Missverständnisse. Das Bild ist längst nach innen geschlagen, Teil einer Lebensfunktion, die nicht einmal mehr besonders interessiert. Ich muss sowieso damit fertig werden, wenn es so weit sein wird. Es liegt mir außerdem nicht. Ich liebe die Leere und die Weite, wo man nicht mehr über die Menschen, sondern über Dämonen stolpern wird. Ich liebe die Wüste, die Dürre, das Aufbäumen vor dem letzten Atemzug, die Revolte in der Wurzel, deren Stauden und Blätter oben bereits abgestorben sind. Und ich liebe die großen tiefen Wälder, in deren Dunkel ich mich verlieren will.
Mit dem Bild eng verbunden ist der große Mann, der sich über das Bett beugt und zu mir gesprochen hat. Ich sehe noch den Helm und den Flitter des Waffenrocks. Das ist der Mann, der bei den Eltern gewohnt hat und den ich Onkel genannt habe. Er ist damals zu einer der gelegentlichen Reserveübungen eingezogen gewesen; später habe ich ihn niemals mehr in Uniform gesehen. Damals muss eine Katastrophe eingetreten sein, so gingen jedenfalls später vage Gerüchte innerhalb der Verwandtschaft; die Eltern hätten sowieso nicht zu mir darüber gesprochen. Der Onkel hatte seine Berufsaussichten verloren und blieb in einer untergeordneten Stellung beim Landratsamt – so habe ich ihn kennengelernt. In dieser ersten Erinnerung hat mich die Uniform keineswegs erschreckt, und der Helm … der hatte etwas Leuchtendes um sich.
In welcher Verbindung der Onkel zu den Eltern stand, habe ich nicht erfahren und auch niemals danach gefragt. Es herrschte da eine Atmosphäre, die dergleichen einfach von selbst verbot. Es müssen gemeinsame Interessen gewesen sein, die den Onkel mit den Eltern, vor allem mit dem Vater verbanden; er schien studiert zu haben, war sehr musikalisch, mit einer ausgebildeten Tenorstimme und hatte sehr weitgehende allgemeine philosophische und selbst politische Ansichten, die den Vater interessiert hatten. Zu meiner Zeit bestand zwischen ihm und dem Vater keine Verbindung mehr. Ich könnte beinahe sagen, dass die beiden überhaupt nicht miteinander gesprochen haben. Mit der Mutter nur insoweit, dass beide sich über die wöchentlichen Abrechnungen für den Haushalt zu unterhalten pflegten und dabei auch zumeist über irgendwelche Sonderzuschüsse, die immer scheint’s gebilligt worden sind; Streit darüber gab es nie.
Der Onkel wohnte im Oberstock des Hauses. Später hatten meine Schwester und ich dort auch ein Zimmer. In dem Berliner Zimmer, an das ich mich so deutlich erinnere, saß ich mit dem Onkel zum Mittagessen allein, meist eine Stunde später als die Übrigen; ich kam zur gleichen Zeit aus der Schule wie der Onkel aus dem Büro.
Abends wurde es nicht mehr so genau genommen. Der Onkel kam sowieso später zu Tisch, weil er meist über die Zeit mit Freunden Billard spielte. Der Vater war schon wieder unten in der Werkstatt. Der Onkel half mir dann später bei den Schularbeiten und hörte ab, was ich etwa auswendig zu lernen hatte. Zu dieser Zeit war er nicht viel mehr, als was man einen möblierten Herrn zu nennen pflegte, mit Familienanschluss. Ich bin nicht neugierig gewesen, aber ich muss die ganzen Jahre eine Unterströmung gefühlt haben, die dem widersprochen hat. Es gehört zu den entscheidenden Phasen dieser Kindheitsjahre, dass ich in ständiger Angst war, der Onkel könnte sich mit den Eltern entzweien; es wäre eine unausdenkbare Katastrophe gewesen. –
Ich möchte das noch klarer ausdrücken: Ich bin völlig von dem Onkel abhängig gewesen, in allen meinen tastenden Bemühungen, in die Umwelt hineinzuwachsen, in den ersten Regungen, mich auf eigene Füße zu stellen. Übertreibung zu sagen, ich hätte ihn geliebt als Fünfjähriger, als Zehnjähriger, wie einen Vater, einen Bruder oder einen Onkel. Es war trotzdem mehr – er war meine Zuflucht, mein Schutz, mein Halt … so zu sprechen, obwohl ich nie gezwungen gewesen bin, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen. Ich wuchs auf mit dem Onkel, bei dem Onkel und durch den Onkel, keineswegs etwa im Gegensatz zu den Eltern, obwohl mir das niemand glauben wird; aber es war eben so. Ich hätte nicht dies oder jenes tun können, was die Eltern verboten hatten und was der Onkel sicherlich geduldet hätte – er griff niemals in solche Entwicklungsschwankungen eines Kindes ein. Ich konnte zu ihm laufen, ich konnte ihn um etwas bitten – was ich selten genug getan habe –, Geld für Kuchenabfälle, Bruchschokolade, selbst für eine Schachtel Bleisoldaten oder gar ein Buch konnte ich mir anderweitig beschaffen, im schlimmsten Falle bei dringendem Notstand habe ich es aus der Ladenkasse genommen.
Ich zitterte für den Onkel, wenn er, was später öfter vorkam, abends überhaupt nicht zum Essen erschien, weil dann die Mutter ihm Vorwürfe machte.
Und bei alledem haben wir eigentlich wenig gesprochen, der Onkel und ich, keine Belehrungen, keine Erzählungen von seinen vielen Reisen, nichts, was eine direkte persönliche Verbindung geschaffen hätte, an die man sich klammem kann, wenn sie für die Dauer gegenwärtig bleibt, wie etwa die Beziehung zum Vater.
Ich bin sehr oft mit dem Onkel sonntags ins Gebirge gefahren. Wir sind gelaufen und gestiegen und gewandert; gesprochen wurde nicht viel, aber es ist großartig gewesen. Später nahm er meist auf seinen Fahrten die Freunde, mit denen er im Stadtcafé Billard zu spielen pflegte, mit. Ich war nur noch selten dabei; ich kannte die Leute nicht; ich mochte sie auch nicht Auf einer dieser Fahrten ist der Onkel dann verunglückt. In eine Lawine geraten, Rippen gebrochen und innere Verletzungen; die Begleiter wurden als Tote geborgen. Für einige Tage war das sehr aufregend. Schließlich verlor ich aber jedes Interesse, scheint’s – die Zeit geht weiter, immer geht die Zeit weiter.
Einige Monate später ist der Onkel gestorben, in einem Sanatorium in Zuckmantel, im Österreichischen, mit dem Fahrrad eine gute Stunde von Neiße. Ich habe ihn dort einmal besucht, Routine – ich denke, meine Eltern werden mich geschickt haben. Vom Krankenzimmer sah man durch ein breites Fenster auf die Berge – die Koppen des Altvater-Gebirges zum Greifen nahe. Der Onkel konnte das vom Bett aus sehen. Ich stand die ganze Zeit am Fenster … dorthin werde ich gehen, immerzu und ein ganzes Leben lang wandern, die Bergwege hinauf und hinunter. An den bevorstehenden Tod des Kranken, den zu besuchen ich gekommen war, habe ich dabei weniger gedacht. Es ist der Onkel, der mich auf den Weg bringen wird. Wir gehen zusammen, ich werde folgen mit kürzeren und schnellen Schritten, dem weitausholend Voranschreitenden, wie es eben immer so gewesen ist. Ich bin in diesem Krankenzimmer sehr traurig gewesen, aber nicht eigentlich unglücklich.
Später, solange ich noch in Neiße die Schule besuchte, fuhr ich die Ferien über in die Berge, allein und ohne bestimmtes Ziel, die große Kammwanderung bis ins Riesengebirge und in die Lausitzer Berge. Entfernungen haben mir nichts ausgemacht. Ich habe die Herbergen gemieden und den verlassenen Unterstand eines Grenzwächters vorgezogen, um die Nacht dort zu verbringen. Oft habe ich einfach vergessen, in die Gebirgsbauden einzukehren, Milch und Brot zu kaufen. Ich habe von Beeren gelebt und Tannennadeln gekaut und bin einige Male erschöpft am Wegrande liegen geblieben, dann aufgegriffen worden und zur nächsten Hütte geschleppt. Ich hätte das alles nicht erklären können, denn ich hatte Geld genug, wie es sich gehört, in den Herbergen zu übernachten und mich satt zu essen. Ich habe kaum darüber nachgedacht, keine Probleme gewälzt, keine Phantasieschlösser gebaut. Um die Heinzelmännchen habe ich mich nicht gekümmert und bin sicherlich an den Feen des Waldes achtlos vorübergegangen. Ich bin allein mit mir gewesen, ich hätte nichts zu sagen gehabt, und niemand hat mit mir gesprochen. Es war herrlich. Es war eine gute Zeit, war es die beste meines Lebens? … besonders, wenn oben auf dem Kamm die Nebelschwaden mich eingeholt hatten. So wird es noch einmal sein. So wird es dann sein … der Onkel ist vergessen, und ich weiß noch kaum etwas von ihm. Aber damals ist er mit mir gewandert, ich weiß das jetzt, und ich weiß auch, dass er wieder bei mir sein wird, in der Nähe, wenn die Zeit reif ist.
Ich habe keine derart gleichbleibende Erinnerungen an die Eltern zurückbehalten, zwar eine Fülle von Einzelheiten, manche davon schwerwiegend genug, dass es mir manchmal den Atem verschlägt, aber in Wirklichkeit lösen sie sich wieder auf. Ich habe die Eltern nicht verstanden.
Im Verhältnis zu heranwachsenden Kindern wirkt sich das verschieden aus. Meine um zehn Jahre ältere Schwester, die im gleichen Jahr wie der Onkel einige Monate später gestorben ist, hat es erfahren müssen. Ich war damals schon erwachsen genug für eine allerdings noch reichlich unbeteiligte Beobachtung.
Für die Eltern ist das Kind Teil der Familie, es gehört zum lebensumspannenden Haushalt, ein Stück, das man hier und da hinstellen kann und entsprechend dirigieren, worunter man zum größten Teil die Erziehung versteht; selbstverständlich nur zum Besten, zum Schutz des Kindes, zur besseren Vorbereitung für das spätere Leben. Ich sage das hier durchaus ohne jede Spitze und ohne jede Spur von Ironie. Dass ein Kind darunter leidet, dass es ständig gefoltert und bis in die Wurzeln der Lebensentfaltung getroffen und gestört wird, und dass schließlich das Kind in der Schwäche, die dem Unverstandensein folgt, in der Kälte und Verlogenheit der gesellschaftlichen Bindungen ringsum und in der Not der Verzweiflung, nicht länger selbst zu sein, in den Schoß der Familie flieht, den Kopf wieder an die Brust der Mutter legt … dass es sich ein Leben lang dann für die Schwäche rächen wird und an allem, was die Familie später ersetzen soll … das ist so. Ich habe es noch verhältnismäßig unberührt und nur wenig beteiligt miterlebt. Die Katastrophe rollte für mich ab wie ein gestelltes Schauspiel.
Die Schwester, bevor sie starb, hat unter diesem Einfluss der Eltern sehr gelitten. Es wäre zu einer Explosion gekommen, eine Erwartung, die mich überhaupt erst darauf aufmerksam machte, wäre die Schwester nicht plötzlich erkrankt. Ich weiß heute noch nicht, worin ihre Krankheit bestanden hat, die Symptome wechselten mit den Ärzten, die der Reihe nach hinzugezogen wurden. Sie starb im Alter von dreiundzwanzig Jahren, bis dahin blühend wie das Leben. Wenn damals noch irgendwelche Konfliktstoffe vorhanden gewesen sind, so hatten die Eltern schon vorher nachgegeben. Die verschiedenen Freier, die jeweils abgewiesen worden waren, standen jetzt bereit zur Auswahl. Die Schwester hätte sich einen aussuchen können, und die Verlobung wäre bekanntgegeben worden. Aber die Schwester hatte bereits vorgezogen zu sterben.
Ich konnte das alles beobachten: Die letzten Wochen vor dem Tode wichen die Eltern nicht mehr aus dem Krankenzimmer. Die Schwester hielt sie dort fest. Der Vater, mit dem sonst kaum eine tiefere Bindung bestanden zu haben schien, war der Bevorzugtere. Aber auch die Mutter, die von einem Tage zu dem anderen weniger sprach und mit zusammengebissenen Zähnen am Fußrande des Bettes saß, wurde mit zärtlichen Gesten bedacht, gestreichelt und zu vertraulicher Zwiesprache ermuntert – ich konnte das alles etwas verwundert von einer Ecke des Zimmers aus beobachten, in das ich von Zeit zu Zeit gerufen wurde; das Idealbild einer Familie, die Gott zusammengeführt hat und die er schließlich auch weiterhin zusammenhalten will.
Es ist notwendig, hier zu sagen: es war ein aufregendes Erlebnis für mich, dass die Schwester aus dem Hause kommen würde, so oder so, verheiratet oder tot. Als die Schwester dann starb – starb die Mutter mit, wenn ich das so ausdrücken darf. Die Mutter, die ich so oft erlebt hatte – kritisierend, mäkelnd, verbietend und im Schutz des Vaters intrigierend … die es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, wenn sie die Schwester ins Unrecht setzen konnte. Noch heute steht mir diese Tragödie vor Augen.
Der Schmerz der Mutter hatte kaum mehr die sonst bekannten Züge menschlichen Leids, es lag darin etwas so Gewaltsames, etwas nach außen so Zwingendes, dass darunter alles weitere Leben in diesem Hause erstickte. War das nur eine Art von Schuldgefühl? Ich glaube nicht; aber mehr und etwas anderes weiß ich auch nicht.
Und doch ging der Alltag weiter. Die Mutter hatte sich aus den Trümmern ein Kartenhaus zusammengerichtet, in dem sie sich nach einer bestimmten und sehr begrenzten Ordnung bewegte, ein Tag genau wie der andere; wenig Leute, mit denen sie sprach und mit denen sie über die Straße ging.
Der Vater stand behutsam und helfend zur Seite. Ich gehörte zwar noch hinzu, aber ich zählte in Wirklichkeit schon nicht mehr. Ich stand im Wege. Mit mir konnte man sich nicht beschäftigen, dazu hätte die seelische Kraft nicht ausgereicht. Mir war auch plötzlich die Möglichkeit entzogen, Widerstand zu leisten, zu widersprechen, mich vor mir selbst zu beweisen, aufzuwachsen – wenn es das ist, das den Jungen ins Leben eingleiten lässt. Genau genommen hatte ich auch schon früher nichts getan, was meine Ausschließung gerechtfertigt hätte – jetzt aber wurde ich der Schuldige.
Die Tragödie dieses Jahres traf mich mitten im Entwicklungsprozess des Bewusstwerdens von Charakter und Persönlichkeit; ich war damals vierzehn Jahre alt.
Bin ich auch schon früher im Wege gestanden?
Freunde der Eltern und gleichaltrige Verwandte, die mir die Ehre gegeben haben, auch später noch gelegentlich Verbindungen zu halten, haben mich überzeugt, dass dem nicht so gewesen sein kann. Schon von den frühesten Jahren an soll ich abweisend gewesen sein, scheu gegen Zärtlichkeiten und, wie die Mutter sich zu beklagen pflegte, mit einem bösen Gesicht. Ich weiß nur so viel, dass ich ständig abgeschoben wurde, beiseite gestellt. Dabei empfand ich die Vorwürfe, die Ermahnungen und gelegentlichen Bestrafungen nicht einmal besonders schwer, mehr allerdings, wenn ich das Gefühl hatte, dass dies zu Unrecht geschah, und das schien recht oft der Fall.
Die Schwerpunkte sind nur angedeutet. Was noch im Laufe der Jahrzehnte sich davon niederschlägt, das ist nicht mehr lebendig genug, um die Gegenwart zu erklären. Als in den persönlichen Wirren des ersten Krieges mein eigener Sohn von seiner Mutter bei den Eltern abgesetzt wurde, haben die Eltern alle bisher unfruchtbar gebliebene und unterdrückte Liebe auf dieses Kind übertragen. Die Mutter ist dabei gewillt gewesen, mich ohne Weiteres aufzuopfern – vielleicht war das die einzig mögliche und gerechte Lösung, das Kind zu halten. Fast ein Jahrzehnt ist über diesem Kampf, bei dem keine Mittel gescheut wurden, vorübergegangen. Ich habe gegen besseres Wissen für das Recht einer Mutter auf das eigene Kind gekämpft, obwohl mir bewusst war, dass es bei der Unausgeglichenheit der Mutter, die selbst mit ihrem eigenen Leben nicht fertig werden konnte, zugrunde gehen würde; seine besseren Chancen lagen, die äußeren Verhältnisse nüchtern gesehen, bei den Eltern. Ich wurde, was nicht zu verwundern ist, von der Frau, für die ich mich eingesetzt hatte, im Stich gelassen. Der Junge blieb schließlich bei meinen Eltern und hat mir für diesen Kompromiss keineswegs gedankt – er hasst seine Mutter, ist auch von mir abgerückt und sieht in mir den Fremden, der lästig werden kann, was verständlich ist.
Die Erinnerung an diesen Kampf mit meiner Mutter, der zum Teil über die Gerichte ausgetragen werden musste, lässt eine Zeit wiedererstehen voller Scham und Schrecken. Ich glaube, ich hätte selbst einen Teil dieser fanatischen Liebe für das Kind, auf mich bezogen und verstanden, selbst sehr nötig gehabt. Ich will mich nicht beklagen, aber vieles hätte damals noch geändert werden, das ist: mir erspart bleiben können.
Immerhin ist dies in den Kinderjahren nicht das Entscheidende, was in die Gegenwart gehoben wird. Aus all dem Unrecht, dem Fremdsein und dem Sich-Selbst-Überlassen-Bleiben schält sich trotzdem ein Lebensgefühl heraus, bleibt für sich alleinstehend erhalten, für das wir in unserer armseligen Sprache das Wort Glück zu gebrauchen gewohnt sind. In Kummer, Herzeleid und Unverstandensein schwingt oft die Schaukel nach oben zu jubelnder Freude, die sich einmal entladen wird, wenn die Zeit dazu da ist.