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Franz Jung Der Weg nach unten
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Die Zeit sollte stille stehen.
Die Jahre gehen vorüber und sollten Gegenwart bleiben, mit allem, was drin lebt, zusammen mit den Eltern und selbst der feindlichen Umwelt. Ich sehe es heute, die Jahre sind zu kurz und, genau betrachtet, wachsen wir nur sehr ungern, nein – überhaupt nicht darüber hinaus. Es mag notwendig sein zu betonen, dass ich darin keine Ausnahme bin und kein Sonderfall; es wird bei allen das gleiche sein.
Und: sobald ich im Wege gestanden bin, aufgefallen, dass ich nicht genügend beschäftigt war, mich nicht einfügte – wer weiß, was man erwartet haben mag … ich sollte dann einfach auf die Straße gehen, auf den Marktplatz hinaus. Ich bin um den Ring herum gelaufen, jede Runde immer schneller und schneller, eine Runde um die andere, vor einem imaginären Kreis von Zuschauern, den Leuten von Neiße, die noch einmal stolz darauf sein werden, Zuschauer gewesen zu sein – fühlte ich.
Und: jedes Jahr die großen Überschwemmungen. In den Uferanlagen auf den unteren Promenadenwegen gelbbraune Fluten, allerlei Hausgerät und oft ganze Ställe im Strudel, die Brücken werden nicht halten, das städtische Schwimmbad kracht zusammen, treibt hinaus in die Breite der Neiße, es regnet und regnet. Am Morgen die Enttäuschung, dass es aufhören wird zu regnen, und die tief brennende Glut des Wunsches, dass es niemals aufhören soll – zu regnen.
Und: das große Feuer im städtischen Schlachthof.
Die Fackelzüge der Schützengilde. Das feierliche Einholen der Fahrer zum sonntäglichen Radrennen, das Rennen selbst mit den Fahrern tief über die Lenkstange gebeugt in den farbigen Trikots. Das jährliche Kinderfest der Schulen, der Ausmarsch mit den vielen Musikkapellen, und zwischen den marschierenden Kolonnen der älteren Klassen, die Kleinen in stolpernden Haufen und die Hosenmätze, die überhaupt noch nicht in die Schule gehen. Die Mütter marschieren nebenher. Wenn einer von den Kleinsten, eine Fahne in der Hand oder die Stange mit dem Lampion, der abends beim Abmarsch in die Stadt angezündet wurde, einer von diesen stehen blieb und aus der Reihe treten wollte und nicht mehr gewillt schien, weiterzugehen und mitzumarschieren, dann wurde er von der Mutter oder der älteren Schwester wieder in die Reihe geschubst; weiter ging’s.
Und der jährliche Fleischerball, wenn die jungen Fleischergesellen mit Musik vorneweg im Wagen zu viert durch die Stadt fuhren, mit Fahnen und Bannern.
Im Berliner Zimmer auf dem Fensterbrett die Bleisoldaten, ganze Armeen in Schlachtordnung, Blockadeflotten auf dem unteren Rahmen des Fensters, wie ich das in der Schule über Salamis gelernt habe und daneben – unentschieden wer siegen und wer besiegt werden wird, beide kommen zurück in die gleiche Schachtel – daneben die Schundromane, die Bettelgräfin und Jack der Bauchaufschlitzer in 101 Heften und die Geheimnisse der Freimaurerei, die mir ein Gehilfe des Vaters zusteckte, dessen Mutter die Kolporteurin war, und mit dem allen eng verbunden die Brote mit Gänsefett und die Schokoladenplätzchen, ohne die man weder Schlachten schlagen noch Bücher lesen kann.
Wenn ich Drachen steigen ließ, sah ich ganze Luftflotten in Linienordnung über die Dächer der Stadt ziehen, obwohl damals das Gebrauchsflugzeug noch nicht erfunden war. Die Phantasie im Leben des Kindes greift voraus als Teil einer kosmischen Energie, die mit der Zeitenfolge nichts gemeinsam hat und deren Erkenntnis und Bewusstwerdung nachhinkt, oft nur zufällig übereinstimmt, meist aber überhaupt nicht oder erst nach Generationen.
So habe ich in vielen technischen Abenteuern mich bewegt, ohne die entsprechenden Bücher gelesen zu haben, Wells und Verne und wie solche Leute alle heißen, hätten mich nur in eine langweilige Wirklichkeit zurückgeführt. Beschäftigt hat mich das Prinzip der automatischen Ansammlung von Energie, das heutige Akzelerationsgesetz, auf dem die Atomforschung beruht. Mich beschäftigten nicht so sehr die Folgen, die Zerstörung, sondern der ständige Zuwachs von Energie, die sich im Leben nicht mehr entladen kann und immer weiter und immer schneller sich umsetzen muss. Das gibt Spielraum der vorausahnenden Bildfolge im eigenen Erleben, mit großen Sensationen und einer tiefen inneren Befriedigung.
Auch die Todesstrahlen waren mir keineswegs unbekannt, die Möglichkeit, durch Konzentration über weite Entfernung das Leben in einem anderen Wesen zu fixieren, aus Umweltsreaktionen zu isolieren und zum Erlöschen zu bringen; den Daumen drauf. Viel hat sich daraus allerdings nicht entwickelt. Die Vorstellung war noch zu schwach, wer in dieser Wirklichkeit ein Fremder und ein Feind ist, und außerdem – gab es damals für mich noch nicht so viele Feinde. Sie sind auch noch nicht so gewaltig in der Überzahl gewesen.
Es ist kaum noch etwas hinzuzufügen, was sich über den normalen Ablauf der Pubertätsjahre hinausheben würde. Einzelheiten, die vielleicht von einer tieferen Nachwirkung gewesen sind, werden sich als Krisenpunkte im späteren Leben widerspiegeln.
Die drei Jahre, die ich nach dem Tode der Schwester noch in Neiße zu bleiben genötigt war, sind ein wüster Trümmerhaufen von Erinnerungen, die alle das Eine gemeinsam haben: Panik, allein zu sein, eine zunehmende Unfähigkeit, sich anzupassen und sich ordnungsgemäß zu bewegen, wie ich die anderen sich täglich bewegen sah. Die Verschlossenheit, sich jemandem zu offenbaren, zu jemandem zu sprechen oder selbst angesprochen zu werden. Zu den großen Irrtümern in der Beobachtung ähnlicher Entwicklungen gehört, darin die Wurzeln einer Revolte zu sehen. Ich würde sagen, es ist eher das angeschlagene Tier, das sich verkriecht und das wütend faucht, wenn jemand sich nähert. Um zu helfen? … unter diesem Begriff sind zu viele sich widersprechende Deutungen im Verhalten der Menschen zueinander enthalten.
Aber von dem abgesehen, ich – der Gekränkte, der Übersehene, hätte den Eltern helfen sollen. Ich weiß, aber ich weiß auch heute noch nicht wie. Die Eltern erwarteten das. Sie werden erst mit Verwunderung und wachsendem Erstaunen, später mit Schmerz und Erbitterung verfolgt haben, wie ich mich zurückzog, mich gegen außen abschirmte, wie ich jede wie immer geartete Verbindung, moralisch und gesellschaftlich, niederriss – unfähig, mich aus dieser inneren Erstarrung zu lösen und unfähig, mich zu erklären. Diese drei letzten Jahre in Neiße waren an der Grenze des Erträglichen. Einen Tag länger noch nach der Abschlussprüfung im Realgymnasium hätte zu einer Explosion geführt, deren Umstände und Folgen sich auszudenken überflüssig ist. Wie eben erwähnt – das Tier, das sich eingekreist fühlt, entdeckt verborgene Kräfte; es geht wild. Nicht mein Trieb zur Gewalt, sondern der Überschwang zum Amok ist hier geboren worden.
Ich bestand diese Abschlussprüfung mit Ach und Krach. Der Schulrat hatte in seiner Schlussansprache mich nicht für reif erklärt, er sei indessen von dem Lehrerkollegium überstimmt worden; der Vater war in diesen Jahren inzwischen in die Stadtverwaltung gewählt worden und leitete das Schuldezernat.
Man lernt in solchen Schulen sowieso viel zu viel. Es wäre mir auch schwergefallen, mich für die einzelnen Stunden vorzubereiten. Wenn ich überhaupt Interessen hatte, so waren sie wesentlich anders gelagert. Man versteht dies leider erst sehr viel später.
Sobald ich mich von Haus freimachen konnte, und das stand völlig in meinem Belieben, ging ich Karten spielen – nicht, dass ich ein besonders eifriger Spieler gewesen wäre, aber es tötet die Zeit. Es wurde jeweils um eine Runde Bier gespielt, sodass ich kräftig mittrinken musste; aber auch an dem Trinken war mir nicht viel gelegen, es gehörte nur dazu. Die Hauptsache wird für mich gewesen sein, dass ich ein Heim hatte, eine Unterkunft, eine Gesellschaft, in die hinein ich wie selbstverständlich gehörte, wo niemand etwas von mir wollte als gerade das, wozu auch die andern gekommen waren – zu spielen und zu trinken. Dabei zuzüglich noch die bittere und zugleich erregende Schwäche … ich sollte gehen … ich komme wieder zu spät … es ist schon lange über die Zeit … das Abendbrot wird schon abgeräumt sein … die Mutter wird verbissen schweigen und mit Blicken strafen … der Vater wird zu einer Versammlung gegangen sein, der häuslichen Atmosphäre zu entfliehen, die sich zusammenballt … ich muss … ich sollte …
Ähnlich die Sonntagnachmittage, wenn ich die Eltern hätte begleiten sollen, die gewohnten Spaziergänge über die Festungswälle. Am Rande der Stadt gab es ein Kaffeehaus von etwas zweifelhaftem Ruf, wohin die Soldaten ihre Mädchen ausführten, ehe sie zum Tanzen gingen. Ich setzte mich dort fest und beschäftigte mich mit einem Spielautomaten. Die Bälle rollen in verschieden bewertete Löcher. Ich spielte stundenlang, allein; die Kartenspieler waren ihrerseits auch sonntags ins Freie gegangen. Ich habe dort gelernt, dass zum Glücksspiel mehr gehört als nur die Leidenschaft der Chance. Die Angst, plötzlich allein gelassen zu werden, nagelt den Spieler an den Tisch.
Inzwischen bin ich dann auch eingeführt worden in den Literaturbetrieb durch Max Herrmann-Neiße, der, einige Jahre älter als ich, bereits in Breslau studierte und auch schon einen Band Gedichte veröffentlicht hatte. Mackes Vater hatte einen Bier-Vertrieb, Vertreter verschiedener Brauereien außerhalb Schlesiens. Für seine Kunden war ein kleiner Probeausschank eingerichtet, der zugleich als Kontor diente. Außer den Bierkutschern, die mit dem Vater Herrmann abzurechnen hatten, kam kaum jemals ein Fremder dorthin. Dort trafen sich Schüler der höheren Klassen zum Kartenspiel. Am zweiten Tisch saß Macke mit seinen Freunden, zu denen ich allmählich zugezogen wurde, und ich wechselte von den Kartenspielern zu den Literaturbeflissenen hin und her.
Wir wussten schon eine ganze Menge von Alfred Kerr, Siegfried Jakobsohn und Samuel Lublinski. Besonders der Letztere hatte es mir angetan durch sein Wort Gemütswucht, womit er naturalistische Dramen wie den „Meister Ölze“ von Johannes Schlaf charakterisierte. Wir stellten in Perspektive die Brüder Hauptmann und Hermann Stehr, Wedekind, Scheerbart und Mombert und selbstverständlich den engeren Stefan-George-Kreis … wir marschierten schon mit, etwas von Hamsun und Przybyszewski noch mit untergemischt. Allerdings habe ich den neuen Kumpanen, alles angehende Philologen, die eines Tages im Deutsch-Unterricht auch die Literaturgeschichte einpauken würden, verschwiegen, dass ich im Geheimen die Klassiker las – nicht gerade Schiller und Goethe, mit Ausnahme vielleicht der „Wahlverwandtschaften“, aber Heine, Jean Paul und Ludwig Tieck, und dass auf dieser Liste weit oben an der Spitze gestanden haben der Eichendorff-Roman „Ahnung und Gegenwart“ und die Novelle von Stifter, „Der Hochwald“. Seltsam genug, das ist auch heute noch so, obwohl ich die Bücher nicht mehr persönlich besitze (ich mag Bücher nicht). Und genauso wie damals in der Bierstube von Herrmann spreche ich auch heute ungern darüber.
Damit, scheint mir, ist alles gesagt, was zu sagen wäre.
Wenn ich trotzdem noch ein paar Einzelheiten als Reflexe nachtrage, so nicht, weil sie sich besonders eindringlich abgesetzt und niedergeschlagen haben, sondern weil sie allen gemeinsam sind; auch denen, die sonst nichts damit anzufangen wissen.
Da sind die Abende im Oktober, wenn in den Kirchen der Segen gebetet wird. Von dem Land draußen, von den Feldern kommt der regenschwere Geruch von Frucht und Dünger, die wenigen Straßenlaternen in den Außenbezirken der Stadt sind in Nebel gehüllt. Es ist Herbst, bald wird Weihnachten sein.
Aus dem Segen strömen die Mädchen der Höheren Töchterschule in größeren Gruppen, bald nur noch zu dreien und zweien und zuletzt, am Ende der Straße, ist nur noch eine, die noch einen langen Weg außerhalb der Stadt hat, die Eltern wohnen in einem Nachbarort. Meist war der Bruder an der Straßenecke, ein Mitschüler aus der Oberklasse, das Mädchen nach Hause zu begleiten. Manchmal ließ es sich einrichten, dass ich die beiden begleitete. Und manchmal war ich allein nur an der Straßenecke, und ich durfte das Mädchen allein begleiten. Ich habe den Vornamen vergessen, aber ich habe noch viele Jahre später jeweils zur Wiederkehr ihres Geburtstages an sie gedacht. Ich wünschte, ich hätte den Vornamen nicht vergessen.
Da war diese Nacht im Stadtpark; es muss im Vorfrühling gewesen sein. Ich hatte mich aus dem Hause geschlichen. Im Park herrschte eine ganz unwirkliche Stille, wie ich sie später oft auf der Bühne eines Theaters wiedergefunden habe, kein Laut, keine Frösche, keine Vögel, kein Fußgänger. Darauf hatte ich gerade gewartet, jemand sollte kommen und mich ansprechen und irgend etwas – ich weiß nicht, ich hätte es nicht ausdrücken können. Ich hatte wahrscheinlich gehört, dass abendlich die Soldaten mit ihren Mädchen in den Park gehen. Die Enttäuschung, diese schreckliche Leere muss es gewesen sein, was die nächtliche Stille so überlaut gemacht hat; sie dröhnte mir noch lange Zeit nachher in den Ohren. Ich saß die längste Zeit auf einer Bank, nichts ereignete sich, absolut nichts. Es wurde sehr kalt, ich ging wieder nach Hause; ich glaube, noch im Dunkeln.
Dabei wird auch der Junge in einer der Unterklassen wieder in Erinnerung gekommen sein. Ich habe diesen Jungen manchmal zwischen den Pausen auf dem Schulhof verstohlen beobachtet. Ich zweifle, ob der Junge das je bemerkt hat. Mir ist noch gegenwärtig die innere Beschwingtheit, mit der ich von der Existenz des Jungen wusste. Er war von schwächlicher Statur, schmächtiges Aussehen, aufgeschossener Körper.
Da war dieser Silvesterball, zu dem ich nachts aus der Wohnung ausgerissen war und wohin ein Bekannter, der die Schule bereits verlassen hatte, mich geschleppt hat. Es wurde die ganze Nacht getanzt, und obwohl ich nicht tanzen gelernt hatte, ging es mit der Polka ganz gut. Das ist so geblieben.
Ich kann auch heute noch nicht tanzen, aber ich tanze Polka, allerdings nur für mich allein, des Nachts manchmal im Zimmer und ein wenig geniert, dass mich jemand beobachten könnte.
Auf diesem Silvesterball hatte ich einige Mädchen kennengelernt, Lehrmädchen in einem Laden am Ring und bei einer Schneiderin. Ich bin auch späterhin noch einige Male mit diesen Mädchen zusammen gewesen und habe sie auf der Straße gegrüßt. Besonders mit der einen hätte sich vielleicht eine engere Freundschaft entwickelt. Sie sagte mir einmal, es würde ihr nichts ausmachen, mit mir in die Berge zu fahren und auf einer Baude zu übernachten – nur müsste sie erst gesund werden. Sie starb bald danach an Tuberkulose.
Ich schritt im Leichenzuge hinter dem Sarge her als Leidtragender. Ich war sehr in Schmerz, und ich glaube, ich habe damals darüber auch ein Gedicht verfasst, das erste dieser Art, dem allerdings kaum noch irgendwelche gefolgt sind: Ich eigne mich nicht zu diesen Sachen. Indessen – ich möchte hier sagen, allzu groß wird der Schmerz nicht gewesen sein. Es war schon vieles darin künstlich hochgetrieben, dramatisch und literarisiert. Mein Umgang mit den Literaturbeflissenen hatte bereits begonnen, Früchte zu tragen.
Da war noch dieser peinliche Nachmittag in der Gastwirtschaft in der Friedrichstadt; ein Ausschank, der ausschließlich von den polnisch sprechenden Soldaten besucht wurde. Ein Bekannter, der sich schon etwas auskannte, er war nach Verlassen der Schule inzwischen Lehrling bei einem Apotheker geworden, hatte mich mitgenommen. In den frühen Nachmittagsstunden war die Gaststube leer, die Kellnerin war frei und servierte im Hinterzimmer. Der Freund kannte sich aus. Als die Reihe an mich gekommen war, die Kellnerin war außerordentlich weithüftig, breite Schultern und ein Gebirge von Brustkorb … sie saß auf meinen Knien, aber ich konnte die ungeheuer schwere Person nicht halten, sie hatte schon die Röcke gehoben und saß mit dem nackten Hintern auf meinen Knien … die Knie konnten das enorme Gewicht nicht halten. Die Figur rutschte mit dem Hintern hinunter auf die Diele unter den Tisch und muss sich dort einen Splitter eingejagt haben. Sie wurde mächtig wütend. Sie konnte auch nicht schnell genug hochkommen und schmiss den ganzen Tisch um, mit den Gläsern Bier und den Zigarettenschalen. Und sie nahm uns am Kragen und schmiss uns raus, mich und den Bekannten, der sich bereits betätigt hatte; direkt hinaus ins Sonnenlicht, auf die Straße in der Friedrichstadt
Schließlich will ich nicht verschweigen jenen Abend – es war kurz vor dem Abitur, dass ich mit einigen Schauspieleleven aus dem Stadttheater gezecht hatte in einem Restaurant, das von den arrivierteren Bürgern frequentiert wurde. Die Kumpane waren in das Theater zurückgegangen, und ich hatte allein weitergetrunken. Später hat mich der Kellner in ein Nebenzimmer gebracht, der wachsenden Empörung der Honoratioren entzogen. Ich lag dort besoffen unter dem Tisch. Jemand wird den Vater herbeigerufen haben. Der Vater musste mich über die Schulter aufladen und nach Hause tragen. Durch die ganze Stadt, unglücklicherweise von einem Ende zum andern; viele Leute noch auf den Straßen. Alkohol war den Eltern besonders verhasst. Diese Nacht muss für den Vater furchtbar gewesen sein, die Scham in den folgenden Wochen … es hätte nicht sein sollen.
Man kann aus all dem leicht verstehen, dass es mir nicht zu schwergefallen ist, die Eltern zu überzeugen, ich müsse zur Vorbereitung meines Rechtsstudiums auf der Universität Leipzig einige Wochen vor dem offiziellen Beginn bereits eintreffen. Ich wurde in die Obhut meines Onkels in Bautzen gegeben, der dort Goldschmied war. Der sollte mir behilflich sein. Der Onkel seinerseits schob mich ohne weitere Förmlichkeiten sogleich nach Leipzig ab.
Es zog ein Bursch hinaus
Die Studentenjahre für jeden in die Gesellschaft Hineinwachsenden haben kaum irgendwie Bedeutsames aufzuweisen. Der Zuchtrute der Familie entlaufen, und in die Weide eines Berufes noch nicht eingepfercht, bedeutet das für die Studenten eine Fülle von Geschehnissen, die in ihrer Bedeutung überbetont sein werden. Sie vergilben mit dem Examen und sind schließlich völlig vergessen außer einer künstlich aufrechterhaltenen Tradition, an die sowieso niemand mehr recht glaubt.
Kocht man solche Erinnerungen alle zusammen zu einem Brei und gießt das Wasser der Illusionen ab, so bleibt überall der gleiche Bodensatz, bei allem und jedem: Schlagschatten der Jugend, Nachwehen von Idealen, die in einer früheren Zeit, unter weniger komplizierten gesellschaftlichen Bedingungen, in diesen Jahren geboren wurden – sowieso schon stark verdünnt und gerade noch angelernt, der Träger schon unfähig geworden, aufzustehen, zu kämpfen und Opfer zu bringen, ganz gleich für was und für wen – selbst das Wenige gibt es heute nicht mehr. Den Jüngling, der nach Stifter die Sonne sich an den Hut stecken wollte und die Abendröte umarmen, den gibt es nicht mehr.
Für mich hätte das schon von Grund aus keine Rolle gespielt. Ich merkte sehr bald, dass ich ausgezogen war, nicht in die Gesellschaft hineinzuwachsen, sondern aus der Gesellschaft entfernt zu werden. Das dauerte zwar noch eine Weile und vollzog sich mit Schwankungen nach oben und unten, aber es fügte sich zu dem Ende Punkt für Punkt; zusammengetragen nur von mir, nicht von draußen und nicht von anderen.
Mein erstes Auftreten in Leipzig wurde sogleich ein Fehlstart; nahe genug einer Katastrophe. Der Bautzener Onkel hatte mich in eine Pension eingemietet. Am ersten Abend hatte ich mich mit einem um einige Jahre älteren Mitschüler verabredet, der früher von der Schule abgegangen war als ich und in Leipzig in einem Buchhändlerkommissionshaus als Lehrling arbeitete. Name Gerstenberg; sehr literaturbeflissen. Er ist ein paar Jahre später mein erster Verleger geworden, brachte das „Trottelbuch“ heraus. Er hatte wenig Ahnung vom Verlagsgeschäft und verlor sehr bald die kleine Erbschaft, mit der er den Verlag aufmachen konnte, nachdem seine Mutter gestorben war. Er war spezialisiert auf Schulausgaben von Klassikern mit erklärenden Texten, für Lehrer wie für Schüler gesondert, und druckte sogenannte Kladden, Themenbehandlung für Schulaufsätze zu den Klassikern, das Einzige, wofür er Honorar bezahlte; auch ich habe solche Schemaaufsätze geschrieben zu Wilhelm Tell und Maria Stuart, fünfzig Mark pro Band. Gerstenberg ist früh gestorben.
Mit diesem Gerstenberg ging ich den ersten Abend aus. Ich hatte Geld und zwar das Geld, womit ich meine Einschreibegebühr und die Kollegs in den juristischen Pflichtfächern bezahlen sollte. Kurz – wir landeten in einer Kneipe mit Damenbedienung. Zuletzt spielten wir mit zwei Männern, die die Kellnerin an den Tisch gebracht hatte, Karten – Meine Tante Deine Tante. Sie werden es jetzt schon wissen, ich verlor in kürzester Frist alles bis auf den letzten Pfennig.
Am nächsten Tage hielt ich mit dem Gerstenberg Kriegsrat. Die Universität selbst war noch nicht offen, aber wir lasen die Anschläge, wonach man sich bei der Musik-Hochschule immatrikulieren konnte, ohne Geld und ohne weitere Gebühren. Allerdings war ein Aufnahmeexamen vorgeschrieben.
Ich zog noch den gleichen Tag aus der Pension aus, ließ das vorausbezahlte Zimmer im Stich, eine Art Strafe, die ich mir auferlegt hatte, mietete ein Zimmer mit Klavier – das Geld schaffte Gerstenberg herbei, indem er meine Bücher, eine ziemlich umfangreiche Sammlung neuester Literatur, an einen Buchhändler verschleuderte – und ich bereitete mich für das Examen vor. Ich startete von Neuem.
Es scheint, dass ich vergessen habe, früher zu erwähnen: ich soll sehr musikalisch gewesen sein. Meine Mutter gefiel sich lange Zeit in der Vorstellung, dass sie an der Kasse, am Eingang zu den großen Sälen sitzen würde, wenn das Wunderkind Franz vom Podium aus die Konzertstücke auf dem Klavier vortragen würde. Angefangen hat das bei einem Stiftungsfest des Sängervereins Liedertafel. Ich brachte als Einlage Präludium und Fuge in h-Moll von Johann Sebastian Bach zum Vortrag. Ich bin damals neun Jahre alt gewesen.
Ich habe das vergessen zu erwähnen, weil es zum gewöhnlichen Tagesablauf gehörte, die Wutanfälle des Vaters, der mich, glaube ich, vom vierten Lebensjahr an unterrichtete, die Übungen, die Finger für die Oktave zu spannen, das Gewicht auf dem Handrücken, um die Hand im Gleichgewicht und ruhig zu halten und ähnlichen Virtuosenkram mehr, von Clementi bis Mozart. Es hat mich nicht gerade interessiert, ich habe aber auch nicht besonders darunter gelitten. Ich kam schließlich, bevor ich noch auf das Realgymnasium ging, zu einem anscheinend erstklassigen Klavierlehrer; der sollte mir erst den richtigen Virtuosendreh beibringen. Vielleicht wäre das sogar gut gegangen; ich spielte alle Stücke nach einmaligem Durchgehen und nur noch gelegentlichem Aufholen sofort auswendig. Wahrscheinlich wird es mir genügt haben, dass ich wusste, die Noten waren da – ich hätte, wenn nötig, nur hinzusehen brauchen.
Ich sah nicht hin oder nur sehr selten. Der Mutter fiel das auf. Da stimmte etwas nicht, und sie ärgerte sich darüber, je öfter ihr das auffiel. Kopfschüttelnd: der Junge folgt doch nicht, der sieht wieder nicht auf die Noten – und zu dem Vater gewendet: siehst du denn nicht, der Junge hat die Augen ganz woanders? Er sieht nicht auf die Noten … dies konnte sich in einer Spirale, jeweils einen Ton zwingender immer wiederholen, bis der Vater etwas zögernd zwar eingriff und von sich aus etwas sagte …
Allmählich brachte dies die Krise zum Reifen. Ich hörte auf, Klavier zu spielen, jeden Tag weniger, die Schularbeiten – konnte angeführt werden – verlangen mehr Zeit, und ich fing an, die Violine zu lernen, in fest bestimmten Stunden und außerhalb des Hauses.
Wenn es interessiert – es gab sogar eine kurze Zeit, wo mir das Klavier Spaß gemacht hat. Das war – ich spielte zur Erholung Walzer –, als ich von dem Vater für einen durchkomponierten Walzer mit mindestens drei verschiedenen Themen fünfzig Pfennig bekam. Ich komponierte nach dem Vorbild der Dynastie Strauß sehr schnell und dann in solcher Menge, dass man sich schließlich nach einigen Wochen gezwungen sah, das Angebot zurückzuziehen.
Mit der Violine ging es etwas anders. Ich lernte bei einem alten gediegenen Militärmusiker, der jeden Ton feilte, während er Karl-May-Bücher las, die ich ihm mitzubringen hatte, und der auch nicht einen halben Ton abrutschen ließ. Ich lernte bei dem Mann sehr schnell, zu schnell, sodass ich bald alles Interesse verlor. Es gehörte zu einer festen Norm, wie Schularbeiten, Violinstunde und der Spaziergang mit den Eltern.
Das änderte sich, als der Vater, der mich für das Klavier verloren hatte, auf den Ausweg verfallen war, im Hause Quartett-Abende zu veranstalten. Irgendwelche musikbeflissenen Leute aus der Stadt spielten Bratsche und Cello. Der Vater oder mein früherer Klavierlehrer spielten Klavier, und die beiden Geigenstimmen hatten der Militärmusiker und ich. Damals war ich schon sehr selbstbewusst geworden. Mit dem Part der ersten Geige und den brillierenden Solopartien kümmerte ich mich wenig darum, dass die Mutter kritisierte und mäkelte, ich stünde zu nahe am Pult, ich halte die Schulter schief oder lasse sie hängen – wahrscheinlich sollte ich dadurch veranlasst werden, Augengläser zu tragen; was auch durchaus angebracht gewesen wäre.