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Joseph Groben Requiem für ein Kind
Requiem für ein Kind
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Joseph Groben Requiem für ein Kind

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Nach der Veröffentlichung des »Discours« im Sommer 1637 ließ Descartes sich in Sandport am Meer nieder und gab Francine als eine Nichte aus, die er um sich haben wollte. Der Vermieterin stellte er Helene als die Erzieherin des Kindes vor. So hatte diese nichts gegen die Anwesenheit der beiden einzuwenden. Ähnliche Verhältnisse waren im toleranten Holland damals keine Seltenheit. Auch Rembrandt lebte in Amsterdam mit seiner Dienstmagd Hendrikje Stoffels zusammen, die ihm die Tochter Cornelia gebar.

Dennoch gab es Menschen, die Anstoß an der freien Beziehung des Philosophen nahmen, die hässliche Verleumdungen und Gerüchte darüber ausstreuten. So unterstellten sie ihm z.B., er habe mehrere uneheliche Kinder. Darauf erwiderte Descartes mit entwaffnender Offenheit in einem Brief an Voetius: »Und wirklich, wenn ich solche hätte, würde ich sie nicht verleugnen: vor kurzem noch war ich ein junger Mann und auch jetzt noch bin ich ein Mensch und ich habe nie ein Keuschheitsgelübde abgelegt (›neque umquam castitatis votum feci‹).«

Die Trauer eines Philosophen

In einem 1996 erschienenen pseudo-autobiographischen Werk von Brigitte Hermann »Histoire de mon esprit« schildert Descartes seine Vaterfreuden mit Francine, seine Spiele, seine Spaziergänge mit dem Kind am Meeresstrand … Das Familienidyll dauerte jedenfalls nicht sehr lange. Als er 1640 in Leiden weilte, um einen Verleger für seine »Méditations« zu finden, erreichte ihn am 30. August ein ängstliches Schreiben von Helene, der Körper Francines sei ganz von Röte bedeckt. Descartes eilte nach Hause, aber er musste ohnmächtig zusehen, wie das Scharlachfieber sich verschlimmerte und das Kind dahinraffte. Francine starb in Amersfoort am 7. September 1640.

Der schon erwähnte Roman widmet dieser Agonie mehrere ergreifende Seiten, die sicher nicht weit an der Wirklichkeit vorbeitreffen. »Es war ein leises Absteigen in den Tod, und diese beiden Wesen, die ich liebte, Helene und Francine, die ich nur gewagt hatte, Dienstmagd und Nichte zu nennen, teilten meinen Schmerz und meine Verzweiflung. Sie lag im Sterben! Ich hoffte noch auf das Unmögliche, und dennoch sah ich sie vor meinen Augen ersticken, ohne dass ihre Lungen sich noch entfalten konnten. Mein Herz zersprang beim Gedanken, dass ich auf immer von diesem kindlichen und liebenden Geschöpf getrennt würde, dass ihm die Zukunft und das Leben verweigert würden … Ich empfahl meine geliebte Kleine der Muttergottes, ich rief Christus und alle Heiligen an, über sie zu wachen und sie zu retten … Ich warf mir heftig vor, meine Tochter vernachlässigt zu haben …«

Der erste Biograph, der Geistliche Baillet, erwähnt diese Vaterschaft des Philosophen nur sehr kurz, man spürt seine Verlegenheit bei dieser »fleischlich-sündigen Verirrung« des großen Gelehrten. Dennoch muss er bekennen: »Er beweinte sie mit einer Zärtlichkeit, die ihm zu fühlen gab, dass die Philosophie die natürlichen Gefühle nicht erstickt.« (»II la pleura avec une tendresse qui lui fit éprouver que la philosophic n’étouffe point le naturel.«) Dann folgt eine Aussage, die eindeutig belegt, dass hier der Philosoph des »Cogito ergo sum«, des gefühlsscheuen Rationalismus, zutiefst getroffen war, wie nie mehr sonst in seinem Leben: »Er beteuerte, dass sie ihm durch ihren Tod den größten Schmerz gegeben, den er je in seinem Leben empfunden habe.« (»Le plus grand regret qu’il eût jamais senti de sa vie.«) In einem vier Monate später geschriebenen Brief machte er auch das bezeichnende Eingeständnis, dass »er nicht zu jenen zähle, die der Meinung seien, dass Tränen und Trauer nur zu den Frauen gehören.«

Mitte Januar 1641 schrieb Descartes über seine Trauer: »Ich habe seit kurzem den Verlust von zwei Personen erfahren, die mir sehr nahe standen (der Vater Joachim war am 27. Oktober im 78. Jahr verstorben). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die mir die Trauer verbieten wollten, diese hervorriefen, wohingegen ich getröstet wurde durch das Mitgefühl jener, die ich von meinem Unglück betroffen sah.« (»J’ai senti depuis peu la perte de deux personnes qui m’étaient très proches et j’ai éprouvé que ceux qui me voulaient défendre la tristesse, l’irritaient, au lieu que j’étais soulagé par la complaisance de ceux que je voyais touchés par mon déplaisir.«)


Descartes am Sterbebett seiner Tochter

In seinem Briefwechsel mit der Prinzessin Elisabeth, der Tochter des abgesetzten Königs von Böhmen, vertiefte Descartes gewisse Punkte seiner Philosophie. Vor allem legte er dar, fast wie ein Beichtvater, wie die Seele aus eigener Kraft alle Widrigkeiten des Schicksals überwinden könne. Er bemühte sich, die souveräne Überlegenheit der Tugendübung über alle irdischen Güter, wie Ehre, Reichtum und Macht, zu beweisen. Als unmittelbare Folge dieser fast stoischen Tugendlehre trennte er sich von Helene. Baillet stellte erleichtert fest, dass sein Geistes- und Tugendheld sich schnell von seinem Fall erhoben habe (»relevé promptement de sa chute«) und dass er »sein Zölibat in seiner ersten Vollkommenheit wiederhergestellt habe.«

In seinem letzten Werk, dem Traktat der Leidenschaften (»Les Passions de l’âme«, 1649) kam er zwar zur Schlussfolgerung, dass alle Leidenschaften gut seien (»elles sont toutes bonnes«), d.h., dass sie eine nützliche Rolle bei der Erhaltung des Lebens spielten, aber man müsse auch die Mittel kennen, um sie geschickt zu beherrschen. So könnten sie den Menschen berühren, ohne ihn zu versklaven. Dann gesteht er den Leidenschaften zu, dass sie dem Menschen erlauben, »die größte Süßigkeit in diesem Leben zu kosten« (»de goûter le plus de douceur en cette vie«).

Descartes starb in Stockholm, wohin ihn die schwedische Königin Christine eingeladen hatte. Jeden Morgen früh um 5 Uhr ließ sie ihn zu sich kommen, um mit ihm zu philosophieren und die Pläne einer Akademie zu besprechen. Der Philosoph erkältete sich im »Lande der Bären«. Am 2. Februar verrichtete er noch alle Frömmigkeitsübungen, nahm das Abendmahl und wurde bettlägerig. Er starb an einer Lungenentzündung am 11. Februar 1650, im Alter von 53 Jahren. Ironie des Schicksals: Der Hauptbegründer der modernen Verstandesphilosophie wurde als Katholik auf dem »Friedhof für ungetaufte und verstandesunreife Kinder« beigesetzt. Seine sterblichen Überreste wurden später getrennt – der Körper 1667, der Schädel 1821 – nach Frankreich übergeführt.


Descartes unterrichtet die Königin von Schweden

Im Jahr 1798 (An VII) gab Nicolas Ponce (1746–1831) sein Werk »Les Illustres Français« heraus. Das Portrait des Philosophen ist von einigen Szenen umgeben. Die ergreifendste davon zeigt Descartes, wie er seine Arme nach seiner Tochter ausstreckt, die sich auf ihrem Sterbebett ihm entgegenhebt. Der Bildtext lautet: »Seine fünfjährige Tochter stirbt in seinen Armen. Er ist untröstlich darüber.« (»Sa fille âgée de cinq ans meurt dans ses bras. II en est inconsolable.«) Ein anderes Bild illustriert die Ursache seiner tödlichen Erkältung: »Er erteilt der Königin Christine von Schweden Unterricht um 5 Uhr morgens im Winter.«

Adrien Baillet: La vie de Monsieur DesCartes. Paris 1691.

Brigitte Hermann: Histoire de mon esprit ou le roman de la vie de René Descartes. Bartillat 1996.

Andre Glucksmann: Descartes, c’est la France. Flammarion. Paris 1987.

Germaine Lot: René Descartes. Esprit-Soleil. Seghers. Paris 1966.

Geneviève Rodis-Lewis: Descartes. Calmann-Lévy. Paris 1995.

Samuel de Sacy: Descartes. Seuil. Paris 1996.

LUDWIG XIV.

In den letzten Jahren seiner Regierungszeit war Ludwig XIV. nicht mehr der europaweit bewunderte und nachgeahmte Sonnenkönig. Das Kriegsglück war nicht mehr auf seiner Seite, die meisten seiner Eroberungen hatte er zurückgeben müssen und seinen Traum vom Rhein, als der natürlichen Grenze Frankreichs, endgültig begraben. Er musste sogar befürchten, dass die feindliche Armee des Prinzen Eugen nach Paris vorstoßen würde. Mit dem Marschall Villars erwog er die Möglichkeit, sich selbst an die Spitze seines letzten Heeres zu stellen, um den Feind an der Somme aufzuhalten: »Ich rechne damit … einen letzten Versuch mit Ihnen zusammen zu machen und mit Ihnen unterzugehen oder den Staat zu retten.«

Nach mehr als 50 Jahren Krieg war das Königreich ausgeblutet, die großen Feldherren der ersten ruhmreichen Jahrzehnte waren tot oder im Ruhestand. Die große Hungersnot, die nach dem schrecklichen Winter 1709 ausbrach, erzeugte eine gefährliche Aufruhrstimmung im Volk. Eine auf die Mauern der Hauptstadt geschriebene Parodie des »Vaterunser« zeugt von der angestauten Unzufriedenheit mit dem Herrscher von Gottes Gnaden: »Vater unser, der du bist in Marly, dein Name ist nicht mehr glorreich, dein Wille geschieht weder auf Erden noch auf dem Meere; unser Brot gib uns heute zurück, denn wir sterben vor Hunger; vergib deinen Feinden, die dich geschlagen haben, aber vergib deinen Generälen nicht und führe uns nicht in Versuchung, unsern Herrn zu ändern, sondern erlöse uns von der Maintenon. Amen.«

Die Dämmerung einer Glanzherrschaft

Längst waren die glänzenden Versailler Feste verrauscht, der Monarch hielt sich jetzt meist in der kleinen Residenz von Marly auf und hatte seinen Hofstaat stark reduziert. Seine letzte Maitresse, Madame de Maintenon, jetzt seine Gattin in morganatischer Ehe, war der Bigotterie verfallen, sie hatte allen Froh- und Leichtsinn vom Hof verbannt.

Die berühmten Bühnenklassiker Corneille, Molière und Racine waren längst gestorben. An die Stelle der prunkvollen Opernaufführungen Lullys mit ihren schmetternden Fanfaren waren die wehmütigen Violenklänge des François Couperin getreten, der dem alternden König in kleinem Kreis an den Sonntagnachmittagen seine »Concerts royaux« vorspielte.

Wenn Frankreich in diesen Jahren auch militärisch, politisch und kulturell viel an Glanz eingebüßt hatte, so war die königliche Familie als solche fast vollkommen intakt. Zwar waren von seinen sechs ehelichen Kindern nur ein Sohn am Leben geblieben und von den zehn unehelichen nur fünf, aber als wahrer Patriarch durfte Ludwig XIV. auf eine zahlreiche Nachkommenschaft herabblicken. Er war Urgroßvater und wusste, dass seine Thronfolge mehrfach, durch drei Generationen von männlichen Nachkommen, gesichert war. Da wurde auch dieses Vertrauen durch eine unerhört grausame Reihe von Schicksalsschlägen erschüttert, welche die uralte Dynastie der Capetinger, deren Herrschaft bis ins 10. Jahrhundert zurückreichte, auszulöschen drohten. In weniger als einem Jahr starben drei Thronfolger, in der natürlichen Reihenfolge ihres Anspruchs auf den Thron. Sie waren normalerweise dazu berufen, Ludwig XV., Ludwig XVI. und Ludwig XVII. zu werden. Das Schicksal entschied anders und übertrug anderen Personen diese Rollen. Gerade eine solch unheilvolle Zukunftsentwicklung war dem Sonnenkönig in seinen glücklichen Tagen als ein Gespenst erschienen, »eine Möglichkeit, die Gott immerdar abwenden möge.«

Der Tod des »Grand Dauphin«

Im April 1711 verlor Ludwig seinen einzigen legitimen Sohn, den »Grand Dauphin«, den Liebling der Pariser, der Armee und der einfachen Menschen. Er war der Einzige, der es wagte, vor dem König das Thema der verelendeten Bauern aufzuwerfen. Bis dahin war er fast nie krank gewesen, und jeder erblickte in ihm den zukünftigen König. Aber in seiner Residenz von Meudon wurde der Dauphin am Abend des 8. April plötzlich von heftigen Kopfschmerzen befallen. Am nächsten Tag zwang die Migräne den leidenschaftlichen Jäger, eine Jagdpartie abzubrechen und sich niederzulegen. Die herbeigeeilten Hofärzte befürchteten, dass er von den Pocken angesteckt sei, und ihre Diagnose erwies sich als zutreffend. Schon am nächsten Tag war das Schlimmste nicht mehr auszuschließen. Der Dauphin träumte mit offenen Augen. Die Ärzte ließen ihn mehrfach zur Ader. Der König verbot den Zugang zum Zimmer des Dauphins. Nach einer kurzen Besserung erfolgte dann das jähe Ende am 14. April. Monsieur de Sourches schreibt: »Gegen sieben Uhr abends begann er mit dem Tod zu ringen, er starb um elf Uhr.« Schon eine halbe Stunde später ließ der König seine Karosse vorfahren und kehrte zurück nach Marly. Erst drei Stunden nach seiner späten Ankunft konnte er sich niederlegen, da er fürchtete, vor übergroßem Schmerz zu ersticken (»appréhendant d’étouffer, tant sa douleur était grande«.)

Zwei Tage später schrieb Madame: »Ich habe den König gestern abend um elf Uhr gesehen, er ist so niedergeschlagen, daß es einen Felsen erweichen könnte; (»il est en proie à une telle affliction qu’elle attendrirait un rocher«) … er spricht mit jedermann mit einer gefaßten Traurigkeit und gibt seine Befehle mit großer Festigkeit, aber jeden Augenblick steigen die Tränen ihm in die Augen, und er erstickt sein Schluchzen. Ich habe einen tödlichen Schrecken, daß er selbst krank werde, denn er sieht sehr schlecht aus. Ich bedaure ihn mit ganzer Seele.« – Bei einer Sitzung des Staatsrates war das Gesicht des Monarchen tränenüberströmt, so dass auch die Minister alle zu weinen begannen.

Auch Personen, die sich früher über seine Frömmigkeit lustig gemacht hatten, waren tief beeindruckt von seiner Ergebenheit, seiner Unterwerfung unter den Willen Gottes. Ein großer Trost für den König war, dass der Beichtvater seines Sohnes ihm versicherte, dieser habe vor seinem christlichen Ende noch seine Ostern gehalten. Sobald der König sich über das Seelenheil seines Sohnes beruhigt hatte, führte er selbst so fromme Gespräche, dass sie vielen zu Herzen gingen.

Der Dauphin wurde schnell und fast heimlich in der königlichen Nekropole von Saint-Denis beigesetzt. Einerseits bestand große Ansteckungsgefahr. Andrerseits bemühte sich der König, seine Tränen in der Öffentlichkeit zu verbergen. Als Familienvater und sehr empfindlicher Mensch war er zutiefst von diesem Verlust betroffen. Er durfte seiner persönlichen Trauer indes keinen zu starken Ausdruck verleihen, sonst hätte man ihm vorgeworfen, die zahllosen Schwierigkeiten und Unglücksfälle seines Königreichs zu vergessen.

Manche Historiker glauben, dass Frankreich mit diesem sehr humanen und beliebten Dauphin seinen vielleicht besten König verloren habe, trotz der abfälligen Urteile, die Saint-Simon in seinen »Memoires« über ihn gefällt hat.

»Gott straft mich, ich habe es wohlverdient«

Zu Beginn des nächsten Jahres wurde der nächste Thronanwärter, der älteste Sohn des Grand Dauphin, der Duc de Bourgogne, zusammen mit seiner Gattin Marie-Adelaïde, der Dauphine, von einer geheimnisvollen und jähen Krankheit, – man vermutet, dass es die Masern waren –, dahingerafft. Die Dauphine starb als Erste, am 12. Februar. Ludwig XIV. schrieb über diesen Verlust an seinen Enkel, den spanischen König Philipp V, am 16. Februar 1712:

»Ich habe meine Tochter, die Dauphine, verloren, und obschon Sie wissen, wie sehr sie mir immer lieb gewesen ist, können Sie sich den Schmerz nicht richtig vorstellen, den ihr Verlust mir verursacht …« (»J’ai perdu ma fille, la Dauphine, et quoique vous saviez à quel point elle m’a toujours été chère, vous ne pouvez encore vous représenter assez la douleur que sa perte me cause.«) Die Dauphine, eine Prinzessin von Savoyen, war noch keine 26 Jahre alt. Ihr jugendfrischer Charakter hatte die allzu ernste Atmosphäre des Hofes stark gelockert, zur großen Freude des Königs. Sogar Madame de Maintenon musste zugeben, nicht ohne Neid, dass die junge Frau von jedermann geliebt wurde. (»Elle se fait aimer de tout le monde.«)


Ludwig XIV. umgeben von den drei Thronfolgern

Einige Tage später, am 18. Februar, folgte der Dauphin seiner Gattin in den Tod. Über diese neue Hiobsbotschaft schrieb der Monarch: »Sie werden die Mehrung meines Schmerzes verstehen, wenn Sie den Tod des Dauphins erfahren. Das sind in wenig Tagen zwei schreckliche Prüfungen, die Gott über mich verhängt hat, um mich seinen Befehlen zu unterwerfen.« (»Ce sont en peu de jours deux terribles épreuves que Dieu a voulu faire de ma soumission à ses ordres.«) Lieselotte von der Pfalz schrieb an ihre Tochter, dass die Ärzte die arme Prinzessin auf dem Gewissen hätten.

Der zweite Dauphin war von Fénelon erzogen worden, der danach getrachtet hatte, aus ihm einen modernen Telemachos zu machen. Auch er hatte hohe Hoffnungen geweckt, vor allem in der gebildeten Klasse. Ein Satz, den er im Salon von Marly ausgesprochen hatte, hatte für beträchtliches Aufsehen gesorgt: »Die Könige sind für die Völker da, nicht die Völker für die Könige.« Der Abstand zum berühmten Ausspruch des absolutistischen Sonnenkönigs »L’État, c’est moi!« war gewaltig. Der Akademiker Dangeau schrieb über diesen Verlust: »Mit ihm ist der weiseste und frömmste Fürst gestorben, den es vielleicht auf Erden gegeben hat.« Der Maréchal de Tessé schrieb, die Hand Gottes sei schwer über Frankreich niedergefallen, indem sie dem Land einen Fürsten von so hohen Tugenden geraubt habe.

Kurze Zeit später, am 8. März 1712, starb der älteste Sohn des zweiten Dauphins, der Urenkel des Königs und dritte Thronanwärter, der Duc de Bretagne, im Alter von 5 Jahren. Er war nur 19 Tage lang Dauphin gewesen.

Dem Marschall Villars gegenüber äußerte sich der König über seine Verluste: »Es gibt wenig Beispiele dessen, was mir zustößt, daß man in derselben Woche (sic) seinen Enkel, seine Schwiegertochter und deren Sohn verliert, in die alle ich hohe Hoffnungen gesetzt hatte und die ich zärtlich liebte. Gott straft mich, ich habe es wohlverdient; ich werde darum weniger im Jenseits leiden …« (»Il y a peu d’exemples de ce qui m’arrive, et que l’on perde dans la même semaine son petit-fils, sa belle-fille et leur fils, tous de très grande espérance et tendrement aimés. Dieu me punit, je l’ai bien mérité; j’en souffrirai moins dans l’autre monde …«).

Die Pfalzgräfin notierte: »Man spricht ›im Allerheyligsten‹ weder vom Krieg noch vom Frieden. Man spricht ebenfalls nicht von den drei Dauphins und der Dauphine aus Angst, den König ins Grübeln zu bringen … Sobald er dieses Kapitel berührt, spreche ich sofort von andern Dingen, und ich tue, als ob ich nichts vernommen hätte.« (24.3.1712)

Die wiederholten Todesfälle in der königlichen Familie riefen Angst und Bestürzung auch beim französischen Volk hervor. Die einen erblickten darin einen »Fluch«, den Zorn Gottes gegen den König und gegen die Zustände am Hofe, andere erwogen die Hypothese von Giftmorden. Vor allem Philippe von Orleans, der zukünftige Regent, den jeder Sterbefall näher an den Thron rückte, wurde von manchen verdächtigt, die Hand im Spiel zu haben. Aber der König nahm kaum Notiz von diesen bösen Gerüchten.

Die heutige Geschichtsschreibung glaubt, für die mysteriöse Serie von Todesfällen eine plausible Erklärung gefunden zu haben: Die Ignoranz der Leibärzte Fagon und Boudin. Die königlichen Patienten sind das Opfer ihrer Ärzte geworden, die bei hohem Fieber zu einem probaten Allheilmittel griffen: zum Aderlass. Dadurch verhinderten sie, dass die Krankheit ausbrach und normal bis zur Heilung verlief – aber sie sprachen damit ein Todesurteil über die Kranken aus. Dieser Verdacht wurde schon damals geäußert, aber die Leibärzte, in die Enge getrieben, behaupteten, die Autopsie habe den Beweis einer Vergiftung erbracht. Molières Farcen über die Scharlatanerie und Wichtigtuerei der Ärzte, vor allem in seinem »Malade imaginaire« (1672) mit den standardisierten Prüfungsantworten von »seignare und purgare«, haben durch die Ereignisse des Jahres 1712 eine tragische Aktualität gewonnen, fünfzig Jahre nach der Aufführung des »Eingebildeten Kranken«, die Molière selbst das Leben kostete.

Das geistige Vermächtnis

Ab März 1712 hing die ganze Zukunft der Dynastie von dem vierten Dauphin, Louis duc d’Anjou, ab, der am 15. Februar 1710 geboren worden war. Auch er wurde von den Röteln befallen, genas aber paradoxerweise, – oder ganz natürlich – weil seine Gouvernante, die Herzogin von Ventadour, das Krankenzimmer absperrte und die Ärzte nicht zu ihm ließ. (»S’est opposée catégoriquement aux médecins«.) Die Krankheit nahm einen normalen Verlauf, und das Kind blieb am Leben, zur großen Schande der Ärzte. (»Cet enfant a été sauvé à la honte des médecins«, wie Lieselotte schrieb.) Nach der Régence wurde dieser vierte Dauphin im Jahre 1725 in der Kathedrale von Reims als Ludwig XV. gesalbt und gekrönt.

Ludwig XIV. traute dem Schicksal nicht mehr. Im Jahre 1714 änderte er das Grundgesetz über die Thronnachfolge, indem er auch seine unehelichen Nachkommen als erbberechtigt anerkannte. Auch sie waren von »königlichem Blute«, und wenn es um das Überleben der Dynastie ging, glaubte der König sich zu diesem ungewöhnlichen Schritt berechtigt.

Als der Sonnenkönig sein Ende nahen spürte, erhielt er am 24. August 1715 die Sterbesakramente und nahm in seltsamer Gelassenheit Abschied von seinen Höflingen. Dann ließ er seinen fünfjährigen Urenkel an sein Sterbebett kommen, um ihm sein geistiges Vermächtnis mitzuteilen, das auch ein vernichtendes Urteil über seine Herrschaft beinhaltete: »Mein Kind, Sie werden ein großer König sein. Ahmen Sie mich nicht nach in der Freude, die ich an Gebäuden und an Kriegen hatte; bemühen Sie sich im Gegenteil, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Geben Sie Gott, was Sie ihm schuldig sind; erkennen Sie die Verpflichtungen an, die Sie ihm gegenüber haben; lassen Sie ihn durch Ihre Untertanen ehren. Folgen Sie immer den guten Ratschlägen; bemühen Sie sich, das Leben Ihrer Völker zu erleichtern, was ich nicht fertiggebracht habe und worüber ich sehr unglücklich bin.«

Als am 31. August die Sterbegebete für ihn gesprochen wurden, betete der König mit lauter Stimme das Ave Maria und das Credo. In seinen Memoiren überliefert Saint-Simon, dass die letzten Worte des Sonnenkönigs gewesen sind: »O mein Gott, komm mir doch schnell zu Hilfe!«

Ludwig XIV. starb in Versailles am 1. September 1715 im Alter von 77 Jahren. Er hinterließ ein durch seine Eroberungskriege und seine maßlose Prunksucht völlig ruiniertes Königreich. »Niemand weinte ihm eine Träne nach«, wird berichtet. Die Nachwelt vergaß schnell den ruhmvollen Titel »Louis le Grand«, den man ihm in den Glanztagen seiner Herrschaft verliehen hatte.

François Bluche: Louis XIV. Fayard. Paris 1986.

Michel de Grèce: L’envers du Soleil. Louis XIV. Paris 1979.

Nancy Mitford: Le Roi-Soleil. Gallimard. Paris 1968.

Dirk Van der Cruysse: Madame Palatine, princesse européenne. Fayard. Paris 1998.

Bernd-Rüdiger Schwesig: Ludwig XIV. Rowohlt. Reinbek 1986.

Ziegler: Les coulisses de Versailles. Paris 1963.

PETER DER GROSSE UND EUDOXIA

Der tragische Tod des russischen Thronerben ist ein untypischer Extremfall im Rahmen dieser Darstellungen. Wo sonst in der Regel ein unabwendbares und unerbittliches Schicksalsgesetz den Verlust des Kindes verursachte, stand in diesem Fall eine persönliche Entscheidung des Vaters. Vor das Dilemma gestellt, entweder sein gesamtes politisches Lebenswerk, die radikale Reformierung des russischen Imperiums, oder seinen Sohn zu opfern, glaubte sich der Zar gezwungen, der Staatsraison zu gehorchen. Er wurde damit, notgedrungen und widerwillig, selbst mitverantwortlich für den Untergang des Zarewitschs. Der ungewöhnlich komplexe Sachverhalt erfordert ein weiteres Ausgreifen der Vorgeschichte.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zaren Alexej (1645–1676), und seines Halbbruders, des Zaren Theodor (1676–1682), wurde Peter 1682, im Alter von zehn Jahren, zum Zaren gekrönt, gemeinsam mit seinem Halbbruder Iwan. Diese Doppelherrschaft war ein Kompromiss zwischen den Familien der beiden Gattinnen des Zaren Alexej, den Miloslawskis und den Naryschkins, die einen unerbittlichen Kampf um die Macht im Kreml führten. Da beide Jungzaren aber nicht imstande waren, die Herrschaft wirklich anzutreten, setzte ihre 25-jährige Schwester Sophie, eine sehr ehrgeizige und intelligente Frau, es durch, dass sie zur Regentin bestellt wurde und so die Macht jahrelang ausüben konnte.

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