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Joseph Groben Requiem für ein Kind
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Ihre Erziehung war schonend, frei und wenig anspruchsvoll: »Ich bat unsere liebe Antoinette, sich mit keinerlei Wissenschaft zu beschäftigen, die sie anstrengen könnte. Ich beschwor meine Frau, sie ganz frei nach ihren Wünschen handeln zu lassen.« Sie war »schön wie die Morgenröte«, als einzige Tochter eines wohlhabenden Vaters eine gute Partie, so dass es nicht an Bewerbern fehlte, aber Antoinette war durch das schreckliche Beispiel ihrer Schwester allzu ernüchtert worden und wies jeden »Kavalier« zurück. So liest man wenigstens in den »Memoiren«. Tatsächlich verlobte sie sich mit Nicolas Bouilly, dem nachmaligen Librettisten des »Fidelio«, der einzigen Oper Beethovens.
Als sie im Frühling den Wunsch äußerte, nach Lyon zu reisen, wo sie schon einmal in glücklicheren Tagen gewesen war, willigten die Eltern sofort ein und fuhren mit ihr zur Ablenkung nach Lyon. Grétry erwog sogar den Plan, solange auf Reisen zu bleiben, bis ihre Tochter das gefährliche Alter hinter sich hätte, in dem sie die beiden ältesten Töchter verloren hatten. Bereits im Herbst desselben Jahres kündigte sich die Katastrophe an: Antoinette verlor ihren Frohsinn und nahm fast keine Nahrung mehr zu sich. »Ohne zu wagen, uns unser Entsetzen mitzuteilen, beobachteten wir sie unablässig. Schliesslich nahm ich meine Frau beiseite und sagte: ›Du siehst, dass deine Tochter …‹ und allein bei diesen Worten wurde sie von eisiger Kälte erfasst, und ihre und meine Tränen ließen sich nicht länger zurückhalten. Ein Strom entfloss unseren Augen, während wir uns fest umarmt hielten, ohne uns das Schreckliche unseres Schicksals erklären zu können …« Man beschloss, bald nach Paris zurückzukehren. Antoinette machte sich keine Illusionen über ihre Lage, aber sie war so selbstlos, nur an das Wohlergehen ihrer Eltern zu denken: »Von diesem Zeitpunkt an bis zum letzten Augenblick ihres Lebens beschäftigte sich dieses liebe Kind nur noch damit, uns von der Vorstellung, sie zu verlieren, abzubringen. Es war offensichtlich, dass sie nicht danach trachtete, sich selbst zu beruhigen; erst von da an begann sie uns von ihrer Zukunft, ihrer Hochzeit, ihren Kindern zu reden, die uns, wie sie sagte, so liebhaben würden wie sie selbst. Und ich merkte wohl, dass sie nur dann so sprach, wenn sie unserer Traurigkeit gewahr wurde, die zu verbergen wir nicht täglich die Kraft hatten.«
In Paris kaufte sie sich ein elegantes Kleid und ging damit zu einem Ball. Rouget de l’Isle, der Autor der Marseillaise, machte dem »glücklichen« Vater Komplimente für seine schöne Tochter. Die Antwort Grétrys ließ ihn erschauern: »›Ja‹, sagte ich ihm ins Ohr, ›sie ist schön und noch liebenswerter. Sie geht zum Ball, und in wenigen Wochen wird sie im Grabe liegen.‹ – Was für ein schrecklicher Gedanke!, sagte er zu mir. – ›Ich habe ihre beiden Schwestern gesehen‹, sagte ich, ›und mein Unglück ist nur allzu gewiss‹.« Er sollte Recht behalten, denn schon bald begann Antoinette zu fiebern. Sie starb ohne eigentliche Agonie, fast »heiter«, wie es in Grétrys ergreifender Darstellung heißt: »Sie nahm meine Hand und die ihrer Mutter und sagte mit einem sanften Lächeln: ›Ich sehe wohl, dass ich Abschied nehmen muss. Ich fürchte den Tod nicht – aber Ihr beiden, was wird aus Euch werden!‹ Sie saß aufrecht im Bett, als sie zum letzten Mal zu uns sprach. Dann legte sie sich nieder, schloss ihre schönen Augen und ward mit ihren Schwestern vereint.«
Verwaiste Eltern
Der Euphemismus des letzten Satzes kann nicht darüber hinwegtäuschen, in »welch entsetzlichem Zustand« die Eltern zurückblieben. Sie richteten sich einer am andern auf: »Aus Mitleid mit mir hatte meine Frau die Kraft, das Leben zu ertragen, und zwang mich dadurch, es ihr nachzutun.« Beide durchlebten »eine lange und tiefe Trauer«. Die verwaiste Mutter übertrug alle ihre Liebe auf ihren Gatten, sie griff ihre Jugendbeschäftigung, das Malen, wieder auf und portraitierte zuerst ihre drei Töchter, später malte sie dann »öffentlich«, d.h. für den Lebensunterhalt der Familie, denn die Revolution hatte mittlerweile die Gehälter des einstigen »königlichen« Komponisten gestrichen.
Nach 1790 geriet Grétry in Schwierigkeiten wegen seiner früheren Beziehungen zum Königshaus. Eine seiner »royalistischen« Partituren wurde öffentlich verbrannt. Er hatte nur die Wahl, sich in den Dienst der neuen Ideen zu stellen oder sich Verfolgungen auszusetzen. Die Königin Marie-Antoinette, seine ehemalige Gönnerin, bestieg im Jahre 1793 das Schafott. Grétry glaubte, dass er einen genügend »hohen Tribut an das Schicksal gezahlt« habe und schrieb einige republikanische Opern, ohne große Begeisterung und ohne sonderlichen Erfolg, sowie eine Reihe von opportunistischen Gelegenheitswerken für die Französische Revolution, u.a. eine »Hymne zum Pflanzen des Freiheitsbaumes«. Sie trugen nichts zu seinem Ruhme bei und sind allesamt vergessen. Dem »aimablen« Grétry blieben die allzu lauten Revolutionsfanfaren eigentlich fremd.
Wesentlicher für Grétry war in diesen Jahren vermutlich das Redigieren seiner Memoiren. Das Kapitel 67 des zweiten Bandes, in dem er seine Tragödien schildert, kostete ihn am meisten Mühe. »Seit ich an diesem Kapitel schreibe, verdunkeln mir oft die Tränen den Blick. Drei Jahre ist es her, dass ich aufgehört habe, Vater zu sein … Zwanzigmal habe ich die Feder fortgeworfen, während ich dies schrieb.« In einer Fußnote präzisiert er, dass das Kapitel »im Verlauf dreier Jahre entstanden« sei. Kein Wunder, dass Romain Rolland gerade in diesen Bekenntnissen eines Erschütterten »das Lesenswerteste und Wertvollste« des riesigen Memoiren-Werkes erblickte, das in der Originalfassung 1376 Seiten umfasst.
Dass Grétry überhaupt darauf bestand, diese schmerzlichsten Episoden aus seinem Leben in seine musikästhetischen, moralischen und philosophischen Erörterungen zu integrieren, erklärt er aus zwei Gründen: einerseits aus der »väterlichen Schwäche«, seine Freunde dazu zu bewegen, »über dem teuren Grab meiner drei reizenden, für den Tod bestimmten Blumen eine Träne zu vergießen«, andrerseits aus der Furcht, ein anderer könnte sein Schicksal teilen.
Der Preis des flüchtigen Ruhms: »Dein Stamm aber sei ausgelöscht«
Grétry leitete sein ganzes Unglück von seinem Ehrgeiz ab. »Ich wollte den Ruhm, ich wollte arme Eltern unterstützen, eine Mutter, die mir teuer war.« Wenn er jetzt daran denkt, stößt er bittere Rufe aus: »O grausames Schicksal! Mitleidlose Natur … Unerbittliche Natur! Zwar gestandest du mir zu, worum ich dich inständig und unter Schmerzen bat, aber nur, um dich an meinen Kindern zu rächen.«
Der zweite Teil der »Memoiren« schließt mit einem pathetischen Appell an alle Väter, ihr wahres Glück zu erkennen und seinem Beispiel nicht zu folgen: »O ihr allzuglücklichen Väter, hört auf mich: Genießt das Glück, euch in euren Kindern wiederzufinden! Möget ihr niemals den Kummer, sie verloren zu haben, kennenlernen. Ohne sie ist das Leben ein Nichts. Es gibt keinen Trost, keine wahre Freude mehr, weil man keinerlei Halt mehr hat, der eine schöne Zukunft erhoffen ließe. Wir alle wissen: Die Hoffnung ist es, die uns aufrecht hält und den Reiz unseres gegenwärtigen Glückes ausmacht, und alle Hoffnung ist zerstört, wenn man nicht mehr den süßen Namen Waten hören kann. Wacht daher über eure Kinder, mehr, als ich es getan habe! Glaubt nicht, dass besondere Talente ihr Glück bedeuten müssten; sie geben ihnen, im Gegenteil, einen zerstörerischen Ehrgeiz …«
Die Einmaligkeit seines Unglücks zwingt ihn zur Einsicht in sein fehlerhaftes Verhalten und zum Anerkennen der »Strafe«. Das Verdikt der »Natur« ist unerbittlich und unwiderruflich. Als Freund und Anhänger der Philosophen der Aufklärung erwartet er keinen Trost von der Religion und den Jenseitsverheißungen: »Gibt es wohl viele Beispiele für eine Verkettung von Unglücken denen vergleichbar, die ich erlitten habe? … Ich rufe das Vaterherz, das mehr als ich die Wonnen der Vaterschaft gekostet hat und die Qualen, ihrer beraubt zu sein. O unerbittliche, grausame Natur! Ich höre deine Stimme: ›Du willst‹, sagst du zu mir, »ausgezeichnet sein vor deinesgleichen? Durch Anstrengungen, die ich verdamme, willst du die Grenzen einer heilsamen Unwissenheit überschreiten? Es sei denn: Laufe der Chimäre einer Unsterblichkeit nach, aber erleide meine unwiderruflichen Beschlüsse (›l’irréfragabilité de mes décrets‹), die verlangen, dass das künstliche Glück erkauft sei mit dem Verlust des wahren Glücks. Lebe für einige Zeit im Gedächtnis der Menschen fort, aber sei tot in deiner Nachkommenschaft« (›Sois mort dans ta postérité.‹) – oder »Dein Stamm sei ausgelöscht!«, wie Dorothea Gülke frei und pointiert übersetzt.
Der Stamm war endgültig ausgelöscht. Ob er durch ein ehrgeizfreies Dasein Grétrys sich erhalten hätte, ist eine offene Frage. Die moderne Wissenschaft würde wohl kaum die selbstquälerische Analyse des Komponisten bestätigen, sondern andere Gründe ins Feld führen.
Als Grétry seine Selbstverdammung aussprach, glaubte er wohl kaum, dass er so schnell in Vergessenheit geraten würde. Seine Opern werden kaum noch aufgeführt, sie sind praktisch vergessen, wenigstens vom großen Publikum. Jedoch seine Memoiren, ein musikästhetisches Dokument ersten Ranges, werden immer wieder aufgelegt. Im Jahre 1798, nachdem er dieses Werk veröffentlicht hatte, erwarb er die berühmte Ermitage von Jean-Jacques Rousseau in Montmorency und verbrachte dort einen großen Teil seines Lebensabends. Das monumentale Werk, an dem er bis zu seinem Ende arbeitete, die »Réflexions d’un solitaire«, blieb unvollendet. André-Ernest-Modeste Grétry starb am 24. September 1813 in Montmorency und wurde unter großer Teilnahme der Bevölkerung begraben. Seine Manuskripte wurden an seine sieben Erben verteilt. Der kleine Teil, der nicht verloren ging, wurde mehr als 100 Jahre später veröffentlicht. Sic transit …
André-Ernest-Modeste: Grétry: Mémoires ou Essais sur la musique. Paris 1797.
Memoiren oder Essays über die Musik. Deutsch von Dorothea Gülke.
Leipzig 1973.
Réflexions d’un solitaire. Bruxelles 1919/1922.
Martin Witteck: Documents Grétry dans les collections de la bibliotheque royale Albert Ier. Bruxelles 1989.
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