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Joseph Groben Requiem für ein Kind
Requiem für ein Kind
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Joseph Groben Requiem für ein Kind

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Kurze Zeit später ließ sie das Gerücht ausstreuen, ihr Bruder Theodor sei von der Naryschkin-Familie vergiftet worden und auch ihr Bruder Iwan sei bedroht. Daraufhin brach ein Aufstand der Strelitzen aus, der Garde des Kremls, die sich der meisten Mitglieder und Anhänger der Naryschkin-Familie bemächtigten und sie niedermetzelten. Seit der 10-jährige Thronfolger diese Schreckensszenen im Kreml erlebt und selbst um sein Leben gezittert hatte, hasste er die Hauptstadt Moskau, wo er sich nur noch ungerne aufhielt. Dieses Jugendtrauma gehörte mit zu den Gründen, die ihn später an der Ostsee eine neue Hauptstadt gründen ließen. (Ähnlich war der 10-jährige Ludwig XIV. durch den Aufstand der Fronde (1642) traumatisiert worden, was auch die Gründung der neuen Königsresidenz Versailles stark beeinflusste.)

Bis zu seinem 17. Lebensjahr hielt sich Peter fast ausschließlich auf dem Lande, in Kolomenskoje, auf und kam nur nach Moskau, um protokollarische und repräsentative Pflichten auszuüben. Er erhielt zwar keine geordnete geistige Ausbildung, aber er erlernte zahlreiche Handwerke und füllte seine Zeit mit Kriegsspielen aus. Er ließ immer neue Waffen, Kanonen und Pulver kommen und hielt wahre Manöver ab. Immer mehr junge Adlige scharten sich um ihn, unterwarfen sich einer eisernen militärischen Disziplin und bildeten schließlich zwei Regimenter von je 300 Soldaten, die den Kern der späteren Armee Peters darstellten. Auf einem See, 120 km nördlich von Moskau, baute er mit zwei holländischen Seeleuten mehrere kleine Schiffe und manövrierte mit ihnen wie mit einer Kriegsflotte. Die Regentin Sophie, die auf die Treue der 20.000 Strelitzen zählte, sah mit Nachsicht und Geringschätzung auf die »Spiele« des jungen Zaren herab.

Im August 1689, als Peter 17 Jahre alt war, kam es zur Kraftprobe zwischen den beiden »Gegnern«. Viele Strelitzen schlugen sich auf die Seite des Zaren, so dass Sophie schließlich abdanken und sich in das »Neujungfrauenkloster« bei Moskau zurückziehen musste, wo sie ihre letzten 15 Lebensjahre verbrachte.

Der Aufstieg Russlands zur Großmacht

In wenigen Jahren revolutionierte Peter den rückständigen russischen Staat. Zuerst unternahm er – »inkognito« mit einem großen Gefolge, aber schnell erkannt wegen seiner außergewöhnlichen Größe von 2 Metern – eine zweijährige Reise nach dem Westen, um alle technischen und kulturellen Errungenschaften gründlich kennenzulernen und um geschulte Spezialkräfte für seine Reformpläne anzuwerben. In Holland arbeitete er als einfacher Zimmermann auf einer Schiffswerft. Er besuchte England, Deutschland, Polen, Österreich. Um einen Zugang zum Meer zu finden, führte er jahrelang Kriege mit der Türkei, wobei ihm fast der Durchbruch zum Schwarzen Meer gelang. Der »große nordische Krieg« (1700–1721) gegen Schweden, die führende Seemacht in der Ostsee, begann mit der Niederlage von Narwa (1700). Aber in der Schlacht von Poltawa (1709) wurde der Schwedenkönig Karl XII. vernichtend geschlagen und musste in die Türkei fliehen. Beim Friedensschluss von 1721 gewann Russland große Teile der baltischen Staaten. An der sumpfigen Newa-Mündung hatte Peter schon 1703 Sankt Petersburg gegründet, die neue Hauptstadt, das »Fenster nach dem Westen«.

Russland wurde gewaltsam, gegen manche Widerstände im Adel, im Klerus und im Volk, und unter unermesslichen Opfern, zu einem modernen Imperium mit einer starken Armee, einer großen Flotte. Die übermenschliche Leistung, die größtenteils das persönliche Verdienst des Zaren war, brachte ihm 1721 offiziell den Beinamen »der Große« ein.

Eudoxia und Katharina

Die Bilanz im privaten Bereich ist weit weniger glänzend. Als Peter 17 Jahre alt war, suchte ihm seine Mutter eine Frau unter den adligen Mädchen Moskaus aus, Eudoxia Lopuchin, die drei Jahre älter war. Es wurde eine in jeder Hinsicht unglückliche Verbindung. Zwar gebar Eudoxia dem jungen Peter zwei Söhne, den Zarewitsch Alexej im Jahre 1690 und Alexander (1692), der schon nach einigen Monaten starb, aber der Zar nahm so wenig Anteil am Schicksal seiner ungeliebten Gattin, dass er nicht einmal zum Begräbnis seines jüngsten Sohnes erschien. Jahrelang mied er Eudoxia und suchte nur nach einer Gelegenheit sich ihrer zu entledigen. Als Alexej acht Jahre alt war, wurde er seiner Mutter gewaltsam entrissen, sie selbst wurde in ein Kloster nach Susdal gebracht. Zehn Monate später nahm Eudoxia den Schleier unter dem Namen Helene. So hatte Peter seine Freiheit wiedergewonnen.

1703 begegnete ihm ein junges litauisches Bauernmädchen, Martha Skawronski, das seine Geliebte wurde. Sie hatte sich zur Orthodoxie bekehrt und den russischen Namen Katharina angenommen. In ihr fand der Zar die »ebenbürtige« Frau: mutig, aufgeschlossen, tatenfreudig. In seinen epileptischen Anfällen war sie es, die ihn beruhigte, in kritischen Lagen war sie es, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. 1712 heirateten Peter und Katharina mit großem Pomp und sie wurde jetzt offiziell als Zarin anerkannt. Sie gebar zwölf Kinder, sechs Knaben und sechs Mädchen. Zehn davon starben sehr jung. Es überlebten Anna, die Mutter des späteren Zaren Peters III., und Elisabeth, die von 1740 bis 1762 als Zarin herrschte. Katharina selbst folgte ihrem Mann auf dem Thron als Katharina I. (1725–1727).

Die Erziehung des Zarewitschs

Das Verhältnis Peters zum Thronfolger war nie sehr herzlich, allmählich wurde es immer schwieriger. Zuerst vernachlässigte der Zar das Kind, da er zu sehr mit seinen Schiffen, seinen Kriegen und seinen Reformen beschäftigt war und die Mutter seines Sohnes verachtete. Später ließ er ihn durch deutsche Gelehrte erziehen, die ihm große sprachliche und wissenschaftliche Kenntnisse sowie moralische Grundsätze beibrachten. Einer seiner Erzieher berichtete an Leibniz über die Anlagen und Fortschritte des Prinzen: »Ich finde bei ihm einen großen Hang zur Frömmigkeit, zur Gerechtigkeit, zu geradem Sinn und zu sittlicher Reinheit. Er liebt die Mathematik und die Fremdsprachen und zeigt einen starken Wunsch, fremde Länder zu besuchen. Er möchte Deutsch und Französisch gründlich beherrschen. Er hat schon Tanzstunden zu nehmen begonnen und unternimmt militärische Übungen, die ihm viel Vergnügen bereiten. Der Zar hat ihm erlaubt, das Fasten nicht streng einzuhalten, aus Angst, seine Gesundheit und seine körperliche Entwicklung zu gefährden, aber aus Frömmigkeit weist der Prinz jede Vergünstigung in dieser Hinsicht zurück.«

Aber der Zarewitsch konnte sich nie für die kriegerischen Pläne seines Vaters begeistern. Nur ungern wohnte er dem Stapellauf eines neuen Schiffes bei. Er liebte die alten Traditionen, verkehrte viel mit orthodoxen Geistlichen und weilte lieber in Moskau mit seinen unzähligen Kathedralen, Kirchen und Klöstern als in Sankt Petersburg mit seiner westlichen Architektur und seinem Hafen. Infolgedessen beschloss der Zar, seinen Sohn noch stärker westlich erziehen zu lassen und ihm eine Frau aus dem Westen zu suchen.

Die Hochzeit in Torgau

Der Zarewitsch traf seine »Auserwählte«, Charlotte von Wolfenbüttel, im Winter 1710 und schrieb darüber an seinen Beichtvater: »Ich weiß also jetzt, dass er (Peter) mich nicht mit einer Russin verheiraten will, aber mit einer dieser Personen … Ich habe ihm geschrieben, dass, wenn es sein Wille ist, dass ich eine Fremde heiraten soll, ich diese Prinzessin heiraten werde, die ich gesehen habe und die mir gefällt und die eine gute Person ist und solcherart, dass ich keine bessere werde finden können. Ich flehe Sie an, für mich zu beten, wenn es der Wille Gottes ist, dass es so geschehe; wenn nicht, dass es verhindert werde, denn meine Hoffnung ist in ihm …«

Am 25. Februar 1711 erklärte Peter vor den im Kreml paradierenden Regimentern den »heiligen Krieg gegen die Feinde Christi« und brach mit einem Heer gegen den Sultan auf. Er rief alle Christen des Balkans auf, sich gegen ihre mohammedanischen Herrscher zu erheben, »damit die Nachkommen des Heiden Mohammed in ihr altes Gebiet, in den Sand und die Steppen Arabiens zurückgeworfen würden.« Bevor der eigentliche Feldzug begann, unterzeichnete er den Heiratsakt des Zarewitschs mit der Prinzessin Charlotte von Wolfenbüttel. Bei diesem Anlass erklärte er: »Ich will das Glück meines Sohnes nicht länger aufschieben … Er ist mein einziger Sohn und ich möchte das Vergnügen haben, bei seiner Hochzeit zugegen zu sein, am Ende des Feldzugs. Die Hochzeit wird in Braunschweig stattfinden.«

Am Prut, in Moldawien, wurde Peter von den Türken umzingelt und wäre beinahe in Gefangenschaft geraten. Er überließ dem Sultan alle seine früheren Eroberungen, um freien Abzug zu erhalten. Im Schloss von Torgau fand am 14. Oktober 1711 die Hochzeit seines Sohnes statt. Ein zeitgenössischer Chronist berichtet: »Ihre Große Majestät, der Zar, erteilte den Jungvermählten seinen väterlichen Segen auf eine überaus rührende Weise und geleitete sie selbst in ihr Schlafgemach.«

Diese politische Ehe mit einer deutschen Prinzessin, die nach Peters Plänen seinen Sohn für die westliche Lebensart gewinnen sollte, wurde ein völliger Fehlschlag. Der Zarewitsch vernachlässigte schon nach kurzer Zeit seine Gattin und begann ein öffentliches Verhältnis mit Euphrosine, einer finnischen Kriegsgefangenen, der er einen Flügel seines Hauses überließ. Zudem begann er zu trinken und seine Frau in betrunkenem Zustand vor dem Personal in derbster Weise zu beleidigen. Als er an Tuberkulose erkrankte, schickten ihn die Ärzte nach Karlsbad in die Kur. Mittlerweile brachte Charlotte eine Tochter zur Welt, aber Alexej reagierte mit keinem Wort auf die Nachricht, während der sechs Monate seiner Kur schickte er keinen einzigen Brief an seine junge Frau. Charlotte ertrug ihr Los still und resigniert. Peter machte seinem Sohn wütende Vorwürfe, aber ohne sichtbares Ergebnis. Nur widerwillig ging Alexej seinen ehelichen Pflichten nach, um den gewünschten Thronnachfolger zu bekommen. Im Oktober 1715 gebar die unglückliche Charlotte einen Sohn, den späteren Zaren Peter II., und starb wenige Tage später. Kurz darauf gebar auch Katharina dem Zaren einen Sohn.

»Lieber ein Rosenkranz als eine Pistole«

Die Spannungen zwischen Peter und seinem Sohn wuchsen. Alexej fühlte sich den Ansprüchen seines Vaters keineswegs gewachsen und suchte seine Zuflucht immer häufiger im Alkohol. Um sich der Verantwortung zu entziehen, die er nicht übernehmen konnte, stellte er sich häufig krank. Um offiziellen Aufträgen und Zeremonien aus dem Weg zu gehen, nahm er Medikamente, die ihn krank machten. Als Peter seine Fortschritte in Geometrie überprüfen wollte und eine Zeichnung einer Befestigung wünschte, geriet Alexej in solche Aufregung, dass er sich selbst verstümmeln wollte, indem er sich mit einer Pistole in die Hand schoss. Seine Schwiegermutter sagte von ihm: »Er hält lieber einen Rosenkranz als eine Pistole in der Hand.«

Alexej begann seinen Vater zu hassen, seinen Tod zu wünschen, wie er seinem Beichtvater gestand. Ohne es vielleicht wirklich zu wollen, stand der Zarewitsch allmählich im Zentrum einer Oppositionsbewegung. Alle Gegner Peters erhofften sich von ihm eine Wende: der Klerus eine Restauration seiner alten Macht, der Adel die Wiedererlangung der alten Privilegien, das Volk eine Erleichterung von Lasten wie Militärdienst, Zwangsarbeit, Steuern …

Das Ultimatum

Am Tage des Begräbnisses von Charlotte ließ Peter seinem Sohn einen ultimativen Brief überreichen, in dem er ihm bittere Vorwürfe über sein Betragen machte und über seinen mangelhaften Willen, sich die Fähigkeit zu erwerben, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Am Schluss des langen Schreibens gestand er ihm noch eine kurze Zeit zu, sich zu bessern, andernfalls drohte er, er werde ihm das Nachfolgerecht entziehen, »wie man ein unnützes Glied abschneidet«. Er solle nicht glauben, es sei nur eine leere Drohung, da er keinen andern Sohn habe. »Ich werde es vorziehen, sie (die Herrschaft) eher einem Fremden zu übergeben, der ihrer würdig ist, als meinem eigenen Sohn, der sich ihrer unwürdig macht.«

Die Reaktion war ganz anders, als Peter sie erhofft hatte. Statt Besserung zu geloben, flehte der Zarewitsch seinen Vater an, ihn auf die Thronnachfolge verzichten zu lassen, um den Rest seiner Tage ruhig auf einem Landgut zu verbringen: »Sehr milder Herr und Vater, ich habe gelesen, was Ihre Majestät mir am 27. Oktober, nach dem Begräbnis meiner verstorbenen Gattin geschrieben hat. Ich habe darauf nichts zu antworten, als dass Ihre Majestät mich der Nachfolge auf die Krone Russlands berauben will wegen meiner Unfähigkeit. Ihr Wille soll geschehen. Ich flehe Sie sogar sehr inständig darum an, weil ich mich selbst nicht fähig halte zu regieren.« Er schwur bei Gott und seiner Seele Seligkeit, dass er auch in Zukunft keinen Anspruch auf den Thron erheben werde.


Der Zarewitsch Alexej

Trotz des feierlichen Schwurs war Peter nicht beruhigt für die Zukunft. Er fürchtete vor allem den Einfluss der »langen Bärte«, der Geistlichen, die nach Peters Tod seinen Sohn umstimmen könnten. Eine »letzte Mahnung« sollte eine endgültige Klärung herbeiführen. Am 17. Januar 1717 stellte Peter seinen Sohn vor die Wahl, entweder sich zu ändern und ein würdiger Nachfolger zu werden, oder vollständig auf die Welt zu verzichten und ins Kloster einzutreten. Das Schreiben schloss mit der dringenden Aufforderung: »Sobald Sie meinen Brief erhalten haben, geben Sie mir eine Antwort darauf, schriftlich oder mündlich. Falls Sie es nicht tun, werde ich Sie wie einen Übeltäter behandeln.«

Alexej wurde von diesem Ultimatum überrumpelt, auf keinen Fall wollte er auf Euphrosine verzichten. Dennoch antwortete er unverzüglich, dass er sich ins Kloster zurückziehen werde. Diese sofortige und völlige Unterwerfung hatte Peter nicht erwartet und auch nicht gewünscht. Er besuchte seinen fiebernden Sohn an seinem Krankenbett und gewährte ihm noch einmal sechs Monate Bedenkzeit. Anschließend trat er eine große Reise in den Westen an.

Die Flucht zum Kaiser

Als die Frist verstrichen war, wich Alexej der Entscheidung aus, indem er heimlich mit Euphrosine und einigen Dienern nach Wien floh. Kaiser Karl VI. hatte seine Schwägerin geheiratet. Er stellte dem unbequemen Flüchtling das Schloss Ehrenberg in Tirol als Versteck zur Verfügung.

Als Peter in Amsterdam vom Verschwinden seines Sohnes erfuhr, geriet er in große Wut. Vor allen Höfen fühlte er sich bloßgestellt und beschämt. Seine Diplomaten und Häscher benötigten 5 Monate, um das Versteck ausfindig zu machen. Alexej floh weiter nach Neapel, wo er sich in der Festung SantElmo fünf Monate verborgen hielt. Peter forderte vom Kaiser die Auslieferung des Abtrünnigen, er schickte seinen besten und verschlagensten Diplomaten, Peter Tolstoi, nach Neapel, um Alexej zur Rückkehr zu bewegen. Durch große Geschenke und Versprechungen wurde Euphrosine gewonnen. Alexej wollte noch beim Papst Zuflucht suchen, kapitulierte aber schließlich unter der Bedingung, dass er auf dem Lande mit Euphrosine leben dürfte. Am 21. Januar 1718 erreichte er in Riga wieder russisches Territorium und erwartete die Befehle seines Vaters. Euphrosine, die hochschwanger war, folgte in kleineren Etappen.

Die Stunde des Gerichts

Am 3. Februar 1718 versammelten sich alle Großen des Reiches im Audienzsaal des Moskauer Kremls, um einem historischen Akt beizuwohnen: der Absetzung des Zarewitschs Alexej und der Ausrufung eines neuen Thronerben in der Person seines 3-jährigen Halbbruders Peter. Alexej wurde als Gefangener hereingeführt, fiel auf die Knie und bekannte seine Fehler. Peter selbst führte die Anklage, deren Hauptpunkte lauteten: Missachtung der väterlichen Befehle, Vernachlässigung seiner Gemahlin, unerlaubte Beziehungen zu Euphrosine, Desertion und Flucht in ein fremdes Land.

Alexej bat feierlich um Verzeihung und schwor in der Uspjenski-Kathedrale auf die heiligen Reliquien, dass er beim Tode seines Vaters seinem Halbbruder huldige und nie mehr nach der Krone strebe. Peter hatte ihm Verzeihung versprochen, jetzt aber knüpfte er daran die Bedingung, dass der Sohn ihm alle seine »Komplizen« nenne. Alexej nannte alle Personen, mit denen er Kontakt gepflegt hatte. Die meisten davon, Adlige, Geistliche, Offiziere, wurden sofort verhaftet, gefoltert und auf dem Roten Platz öffentlich, vor rund 250.000 Zuschauern, hingerichtet. Auch Peters erste Gattin, Eudoxia, die seit 19 Jahren in Susdal lebte, wurde bestraft und in ein einsames Kloster verbannt. Ihr Liebhaber, durch den sich Peter persönlich in seiner Ehre beleidigt fühlte, wurde mit glühenden Zangen gekniffen, auf ein Nagelbett geheftet und anschließend gepfählt. Seine Agonie dauerte mehrere Tage.

Daraufhin nahm Peter seinen Sohn und dessen Geliebte ins Verhör. Euphrosine verriet alle Einzelheiten der Flucht und belastete Alexej mit ihren Aussagen: Alexej habe nie auf den Thron verzichten wollen und sich über die Rebellion russischer Truppen gefreut. Als Zar wolle er auf alle Eroberungen Peters verzichten und Moskau wieder zur Hauptstadt machen. Er beabsichtige, die Flotte aufzugeben und die Schiffe verfaulen zu lassen. Die Armee solle auf wenige Regimenter reduziert werden, die Kirche ihre alten Rechte wiedererhalten … Das genügte Peter vollauf, um einen Hochverratsprozess einzuleiten. Ein doppeltes Hochgericht wurde eingesetzt, um diese Verbrechen, die Peters Lebenswerk zunichtemachen wollten, gebührend zu bestrafen. Peter fragte das geistliche Gericht, wie er mit diesem modernen Absalom umgehen solle. Die Referenzen des Alten Testamentes verlangten alle die Todesstrafe, im Neuen Testament verwiesen sie auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes.

Alexej wurde gefoltert, erhielt 40 Peitschenhiebe und gab zu, seinem Beichtvater bekannt zu haben, er wünsche den Tod seines Vaters. Am 24. Juni wurde einstimmig das Todesurteil über Alexej verhängt, wegen beispielloser Rebellion, wegen schrecklichen »doppelten Vatermordes«.

Bevor der Zar das Urteil bestätigen oder eine Begnadigung aussprechen konnte, überstürzten sich die Ereignisse. Alexej erlitt eine Art Schlaganfall, bat um Verzeihung und um den väterlichen Segen. Peter besuchte den Verurteilten in seiner Zelle in der Peter-und-Pauls-Festung und erfüllte die Wünsche des völlig zerrütteten Sohnes. Alexej starb einige Stunden später unter Umständen, die nie restlos geklärt wurden und die zu schrecklichen Gerüchten Anlass gaben.

Schon am folgenden Tag sandte Peter ein Schreiben an alle europäischen Höfe, um eine offizielle Version der Todeserklärung zu verbreiten und so den schlimmsten Spekulationen zuvorzukommen, die ihn persönlich als den Henker seines Sohnes darstellten. Alles geschah durch Gottes Willen und durch seine Gnade. In christlicher Demut musste alles ertragen werden.

Am 30. Juni fanden der Leichendienst und das Begräbnis statt. Gemäß Peters Anordnungen trug niemand Trauerkleidung, da der Zarensohn als Verbrecher gestorben war. Dennoch hatte der Prediger die Worte Davids »O Absalom, mein Sohn, mein Sohn« für die Trauerrede gewählt und rührte damit Peter bis zu bittern Tränen. Alexej wurde neben seiner Frau Charlotte in der Kaisergruft der Festung beigesetzt.

Die Geschichte ist voll von Gräueltaten, aber die Fälle, wo jemand seine eigenen Kinder umbringt, sind selten. Iwan der Schreckliche hatte seinen Sohn getötet, aber in einem Anfall von blinder Wut. Peter hat seinen Sohn angeklagt und foltern lassen, diese Episode wird als die hässlichste seines Lebens angesehen, eines Lebens, das sehr viele blutige Szenen gekannt hat …

Peter, der zweite Zarewitsch

Peter trauerte seinem Sohn wenig nach, er glaubte, die Staatsraison habe dieses Opfer gefordert. Aber weniger als ein Jahr später wurde er von einem Schlag getroffen, der ihn wirklich niederschmetterte. Peter, der dreieinhalbjährige Sohn des Zaren und Katharinas, starb plötzlich im April 1719. In diesen einzigen überlebenden Sohn hatte Peter alle Hoffnungen der Dynastie gesetzt. Er rannte mit dem Kopf so heftig gegen die Wände, dass er einen Krampfanfall erlitt. Während drei Tagen und drei Nächten sperrte er sich in seinem Zimmer ein, aß nichts, sprach kein Wort. Erst als der Senat sich vor seiner Tür versammelte und ihm vorwarf, der ganze Staatsapparat leide Schaden durch seine übermäßige Trauer, öffnete er, umarmte Katharina sanft und sagte: »Wir haben uns zu lange betrübt. Wir dürfen nicht gegen den Willen Gottes murren.«

Von den zwölf Kindern, die Katharina geboren hatte, blieben nur noch zwei Töchter am Leben, Anna und Elisabeth.

Peter der Große starb am 28. Januar 1725 an einem Blasenleiden. Nach der letzten Ölung und der Absolution sagte er: »Ich hoffe, dass Gott mir meine zahlreichen Sünden verzeihen wird wegen des Guten, das ich versucht habe meinem Volke zu tun.« Er stand im 53. Lebensjahr.

Robert K. Massie: Peter the Great. Knopf. New York 1980.

MICHAEL UND MARIA MAGDALENA HAYDN

Der Tod seines Kindes veränderte zutiefst Haydns Lebensweise … Schwermut überschattete seitdem sein sonst stets heiteres Gemüt. Charles Shermann, 1989

Michael Haydn hat immer im Schatten seines berühmten und erfolgreicheren Bruders Joseph gestanden; sein Talent, das nur in provinzieller Enge zur Geltung kam, ist dennoch fast ebenso hoch einzustufen. Auf einem Gebiet zumindest, dem der geistlichen Musik, ist Michael, nach dem Urteil namhafter Musikologen, seinem Bruder nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen. Joseph Haydn selbst hat an seinem Lebensende neidlos zugegeben, dass die religiösen Werke seines Bruders seine eigenen an Schönheit und Tiefe übertreffen. Mehr als ein Kenner geht so weit, Michaels Beitrag zur sakralen Musik über die kirchenmusikalischen Werke Mozarts zu stellen.

Der hohe Rang der über 40 Messen und etwa 200 geistlichen Chorkompositionen Haydns hängt sicher zusammen mit seiner ernst-grüblerischen Religiosität; sie führte ihn in Tiefen, die seinem Bruder, dem Gott einen unverwüstlichen Optimismus und ein so »fröhliches Herz« geschenkt, dass er ihm auch »fröhlich« dienen musste, verborgen blieben. Das klarste Beispiel, das diese Verschiedenheit illustriert, ist die Tatsache, dass Michael zwei oder drei Totenmessen komponierte, wohingegen Joseph sich nicht vom Requiem-Text inspirieren ließ. Die existenzielle Grundlage und Voraussetzung der ergreifenden Qualität des ersten Requiems (1771), eines »epochemachenden Meisterwerkes« (Carl de Nys), ist mit größter Wahrscheinlichkeit ein persönlicher Schicksalsschlag: der Tod seiner einzigen Tochter Aloisia Josefa, eine bittere Erfahrung, die seinem kinderlosen Bruder erspart blieb.

Kapellmeister in Salzburg

Der 1737 in Rohrau geborene Johann Michael war zunächst in die Fußstapfen seines fünf Jahre älteren Bruders getreten. Von 1745 bis zu seinem Stimmbruch im Jahre 1755 war er Sängerknabe am Wiener Stephansdom. 1757 wurde er bischöflicher Kapellmeister in Großwardein, dem heutigen rumänischen Oradea. 1763 wurde ihm die Stellung angeboten, die er dann über 40 Jahre lang innehatte und auch nicht gegen vorteilhaftere Positionen vertauschen wollte, er wurde als Konzertmeister an den Hof des Salzburger Fürsterzbischofs Sigismund von Schrattenbach berufen. Der bescheidene und umgängliche Konzertmeister pflegte gute Beziehungen zu all seinen Kollegen. Ein besonders herzliches Verhältnis unterhielt er zum jungen Wolfgang Amadeus Mozart, den er neidlos bewunderte und an dessen stilistischer Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Sein Einfluss war unvergleichlich stärker und fruchtbarer als der des Vaters Leopold. Der junge Mozart hat in Salzburg eine Reihe von Kompositionen regelrecht im Fahrwasser seines väterlichen Freundes und Kollegen Michael geschrieben, so z.B. eine Sinfonie in A-Dur, das Streichquintett KV 174, einige Divertimenti. Die Stilverwandtschaft war zeitweilig so groß, dass einige Werke Michael Haydns 200 Jahre lang Mozart zugeschrieben werden konnten, so die 37. Sinfonie KV 444. Flaydn hat insgesamt 43 Sinfonien geschrieben, von denen manche von Mozart aufgeführt wurden und Spuren in seinem Schaffen hinterlassen haben. So wurde die Finalfuge der 41. Sinfonie Haydns zum unmittelbaren Vorbild für die entsprechende Fuge in Mozarts 41. Sinfonie, der so genannten »Jupiter-Sinfonie«.

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