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Joseph Groben Requiem für ein Kind
Requiem für ein Kind
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Joseph Groben Requiem für ein Kind

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Der Landedelmann und Familienvater in Czarnolas

1575 heiratete Kochanowski dort die Tochter eines adligen Gutsbesitzers, Dorota Podlowska. Sie schenkte ihm drei Töchter sowie einen Sohn. Trotz Einladungen und verlockender königlicher Angebote, zog Kochanowski es vor, das beschauliche Leben eines Landbesitzers zu führen, wo er sich seiner Familie und seinem poetischen Schaffen widmen konnte. Er besang sein Landgut von Czarnolas als sein »Tusculum«:

Im Marmorschlosse mögen andre residieren

Und mit lautrem Gold ihre Wände zieren,

Mich dagegen, Herr, heiß hier zu Hause sein.

Mir gib Gesundheit, das Gewissen lass rein,

Die Menschen sein mir gut, stets reichlich Trank und Speise,

Erträglich sei das Alter und der Umwelt Weise.

Dennoch blieb er auch politisch tätig. Er setzte sich im Sejm in Warschau für die Kandidatur von Kaiser Maximilian II. als König von Polen sein. Er schrieb eine klassische Tragödie »Odprawa poslow greckich« (Die Abfertigung der griechischen Gesandten), die 1578 in Warschau in Gegenwart des Königs und der Königin aufgeführt wurde. In diesem »pazifistischen« Werk benutzte der Dichter ein historisches Gewand, um die Polen vor einem drohenden Krieg zu warnen. Er zeigte die Gefahren, die zum Untergang einer Gemeinschaft führen können. Zehn Jahre lang arbeitete er an einer polnischen Übertragung der 150 Psalmen Davids, an seinem umfangreichsten Werk. »Psalterz Dawodow« erschien 1579 in Krakau. Während Kochanowski die Gesamtausgabe seiner Werke vorbereitete, traf ihn ein Schicksalsschlag, der die vorgesehene Editionsreihenfolge unterbrach. Wahrscheinlich Ende 1579 starb unerwartet seine Tochter Ursula (Orszula) im Alter von 30 Monaten und stürzte den Dichter und seine Frau in tiefe Verzweiflung. Um seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, schrieb er einen Zyklus von 19 Klageliedern, »Treny«, sein letztes, und nach übereinstimmendem Zeugnis, sein ausdrucksstärkstes lyrisches Werk. Dieser Zyklus erschien 1580 in Krakau.

Die »Treny«

Mit den »Treny« brach Kochanowski ein doppeltes Tabu seiner Zeit. Indem er ein so großes Aufheben vom Tod seines kleinen Kindes machte, verstieß er gegen die gesellschaftliche Verhaltensregel, dass man den Verlust der Kinder als eine natürliche Erscheinung, als einen normalen Schicksalsschlag gelassen, d.h. wortlos, hinnehmen solle. Kochanowski scheute sich nicht, vom »unendlichen Schmerz der Eltern« zu schreiben, sich zu seiner Trauer, zu den »Tränen des unglücklichen Vaters« zu bekennen. Noch gravierender war die Tatsache, dass er es wagte, mit den Zeugnissen seines privaten Trauerschmerzes an die Öffentlichkeit zu treten. Die unmittelbare Drucklegung der »Treny« war eine Zumutung für die damalige Gesellschaft und zudem eine Verletzung der literarischen Konvention, die nur zuließ, dass man das Andenken einer bedeutenden Persönlichkeit, einer »persona gravis«, in einem Kunstwerk verewigte. Ursula, das junge, völlig unbekannte Kind, von dessen Existenz nur der engste Familienkreis wusste, war eine »persona levis«, ein unbedeutendes Wesen, kein Gegenstand also für einen Trauergesang, geschweige denn für einen gewaltigen Zyklus, der noch heute in seinem Umfang und in seiner Intensität einmalig in der polnischen Literatur dasteht. Mickiewics ging sogar soweit, in seinen Pariser Vorlesungen drei Jahrhunderte später zu urteilen: »Von seinen Werken ist unstreitig als originale Schöpfung am ergreifendsten der Zyklus der nach dem Tod eines seiner Kinder verfaßten ›Treny‹. Wir werden nichts Gleiches in der Literatur irgendeines anderen Landes finden.« Damals waren weder die »Kindertotenlieder« Rückerts noch die »Pauca meae« Victor Hugos veröffentlicht, sodass Kochanowskis persönliche Klagelieder noch viel stärker hervorragten.

Die Zeugnisse über die Aufnahme beim zeitgenössischen polnischen Publikum sind nicht übereinstimmend. Einerseits wird berichtet, die Öffentlichkeit habe kühl auf den Zyklus reagiert. Andrerseits gibt es die unumstößliche Tatsache, dass der Verleger in kurzen Abständen, 1583 und 1585, zwei Neuauflagen des Zyklus in Krakau folgen ließ. Hätte er das getan, wenn das Werk keine Käufer und Leser gefunden hätte? Der Krakauer Verleger Jan Januszowski war ein normaler, d.h. gewinnorientierter Unternehmer, der sicher nur druckte, weil eine rege Nachfrage nach dem Buch bestand, die ein gutes Absatz-Geschäft versprach. Die Neudrucke in kurzen Abständen lassen also eher auf eine ungewöhnlich starke Resonanz schließen.

Die pathetische Widmung in Kapitallettern, die der Dichter seinen Klageliedern voranstellte, lautet:

FÜR URSULA KOCHANOWSKA,

DAS ANMUTIGE, ENTZÜCKENDE, UNGEWÖHNLICHE KINDLEIN, WELCHES, NACHDEM ES DAS AUFBLÜHEN ALLER TUGENDEN UND FERTIGKEITEN EINES MÄDCHENS GEZEIGT, UNVERSEHENS UND WEIT VOR DER ZEIT, ZUM UNENDLICHEN SCHMERZ SEINER ELTERN, DAHINGING – HAT SIE JAN KOCHANOWSKI, IHR UNGLÜCKLICHER VATER, UNTER TRÄNEN GESCHRIEBEN.

DU BIST NICHT MEHR, O MEINE URSULA !

Die Gedichte sind vermutlich nicht in der Reihenfolge entstanden, die sie im Zyklus einnehmen. Die Forschung ist der Auffassung, dass die persönlichsten Klagen, die fast ganz frei von mythologischen Anspielungen sind, unmittelbar nach dem Verlust des Kindes niedergeschrieben wurden. Zu ihnen gehören die Treny VII und VIII, welche die Intimität der Familie und die Erschütterung des häuslichen Glücks ergreifend widerspiegeln:


Kochanowski beweint seine Tochter Ursula. Gemälde von Jan Matejko (1838–1893)

Tren VII

Unglückselige Kleider, traurig Band, geflochten,

Meiner allerliebsten Tochter !

Warum lenkt ihr auf euch meine Kummerblicke,

Spielet mit verlornem Glücke?

Ihre Glieder wird sie nicht mehr in euch hüllen,

Keine Hoffnung je erfüllen !

Dumpf und bleiern packte sie der Schlaf des Todes …

Schon ist dieses Kleid, das rote

Für den Sommer, sind die Kränze, goldnen Bänder –

Eitel alle die Gewänder.

Nicht in solches enge Brautgemach, du Holde,

Dich die arme Mutter sollte

Führen ! Jener Brautschatz ward dir nicht verheißen,

Ach, nun gab sie dir das weiße

Hemdchen nur und ein erbärmlich dünnes Linnen,

Und es legt mit düstrem Sinnen

Ihr zu Häupten Erdklümpchen der Vater. Ach, verdrossen

Sehn wir sie im Schrein verschlossen !

Das Motiv der zurückgelassenen, unnütz gewordenen Kleider, die den Schmerz der Eltern stets erneuern, wird noch des Öfteren anklingen, am pathetischsten wohl bei Dostojewski. Das nächste Klagelied wirkt teilweise wie eine Vorwegnahme gewisser romantischer Verse, von Rückert oder V. Hugo etwa.

TREN VIII

Große Leere ist im Hause eingezogen,

Seit du, Ursula, dich hast davongestohlen.

Zahlreich sind wir, und doch scheints, das Leben fehle:

Soviel ist verlorn mit einer kleinen Seele !

Hast geplaudert für uns alle, hast gesungen,

Bist mit flinkem Schritt durch Haus und Hof gesprungen.

Hast die Mutter keine Stund sich grämen lassen,

Noch den Vater grübelmüd beim Kopf sich fassen,

Da du diesen bald, bald jene sanft umarmtest.

Ihrer dich mit Lachen und mit Scherz erbarmtest.

Stumm ist alles nun im Haus und öde Leere :

Keiner, der mit Spiel und Lachen ihrer wehrte.

Leid starrt jetzt den Menschen an aus jedem Winkel.

Das Herz blickt sich vergebens um, wo Trost noch winke.

In andern »Treny« erweist sich Kochanowski auch als ein typischer Dichter seiner Zeit, d.h. als ein »poeta doctus« der Renaissance. So ruft er gleich zu Beginn die Tränen des griechischen Philosophen Heraklit und die Lamenti des griechischen Lyrikers Simonides dazu auf, ihm zu helfen, um sein »kleines Mädchen, seine teure Tochter zu beweinen, die der grausame Tod mit wilder Gewalt aus seinem Leben gerissen … «. Er vergleicht den Tod mit einer giftigen Schlange, die in das Nest einer Nachtigall einbricht; die Mutter wehrt sich verzweifelt, aber ihr Widerstand kann die Kleinen nicht vor dem tödlichen Biss retten.

Er wendet sich an Persephone (Proserpina), die Göttin der Unterwelt. Seine musikalisch begabte Tochter bezeichnet er als »slawische Sappho«. Wie Orpheus sucht er nach dem Tor des Hades, um mit seiner Laute Pluto zu rühren, dass er sein Kind vom Tode entbinde. Er beschwört die unglückliche Mutter Niobe, die zu Stein ward nach dem Tod ihrer vierzehn Kinder.

Dazwischen ersteht das unvergleichlich vollkommene Bild Ursulas, so verklärt, wie es nur ein verletztes Vaterherz entwerfen kann:

Reinlich, gehorsam, züchtig, immer sich bescheidend,

Gewandt, als hätte sie’s gelernt, im Singen, Reimen …

Verständig, wohlerzogen, gütig, ganz und ohne Grillen,

Höflich, bescheiden, schamhaft und stets von gutem Willen.

Des Weiteren preist er ihre Frömmigkeit, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Tugend, ihre Anmut …, aber alle Vorzüge haben nichts geholfen. Ursula ist unwiederbringlich tot, er muss die Hoffnung eines Wiedersehens mit ins Grab nehmen, »Weil du in alle Ewigkeit nie wieder aufgehn / Und aufblühen wirst nie mehr vor meinen Kummeraugen.« In seinem Schmerz erweisen sich auch Weisheit und Verstand als ohnmächtig. Cicero behauptete, dass ein Philosoph nur durch die Schmach unglücklich werden könnte. Und Kochanowski stellt dem Philosophen aus Arpinum jetzt die unbequeme Frage: »Warum beklagst du so bitter die Tochter?« (XVI). Hat Cicero nicht selbst seine philosophische Gelassenheit ad absurdum geführt, als er so unbändig um Tullia trauerte?

Immer wieder wendet er sich an Ursula selbst: »Ursula, mein süßes Kind, wohin bist du gegangen? Bist du im Paradies? Bei Charon? Im Fegefeuer? Wohin auch immer du gegangen bist, hab Mitleid mit mir, komm zurück, als Schatten, Traum oder Geist.« Er fühlt sich so stark von ihrem Tod getroffen, dass er eine schreckliche Alternative ausspricht, die von den meisten Eltern nicht geteilt wird: »Ich wünschte, du wärest nie geboren worden oder du wärest nicht gestorben!« Wie viele drücken gerade ihre Dankbarkeit dafür aus, dass sie das Glück hatten, wenigstens ein paar Jahre die Existenz ihres Kindes teilen zu können. Sie wären nie bereit, diese kurze Existenz selbst infrage zu stellen.

Am Schluss des XIII. Tren entwirft er den Grabspruch für seine Tochter, die eigentlich glücklicher ist als ihr Vater, der mit ihrem Tode leben muss, eine Idee, die später so prägnant von Mascha Kaléko ausgedrückt wurde: »Den eignen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der andern muss man leben.«

Steinmetzen, diesen Stein stellt auf, kunstvoll behauen,

Und meißelt ein den Denkspruch meiner schwarzen Trauer:

»Ursula Konanowska, ihres Vaters Liebe,

Ruht hier, ach: seine Tränen und der Wehmut Lieder.

Wie will, o unbedachter Tod, sich solches reimen:

Nicht sollt ich sie, sie sollte wohl eher mich beweinen.«

Nachdem der Dichter alle rein menschlichen Aspekte der Tragödie beleuchtet hat, sie mit mythologischen und klassischen Beispielen verglichen hat, betrachtet er gegen Ende seines Zyklus den Verlust von religiöser Warte aus, und er bewertet ihn neu, im großen Zusammenhang. In den letzten Treny geht es nicht mehr um die antiken Götter oder das Schicksalsgesetz, es geht um den einen christlichen Gott. Kochanowski stellt fest: »Gott gab mir diese harten Schläge.« Seine Seele ist tief verwundet, er sieht ein, dass von der Vernunft keine Linderung oder Rettung kommen kann, deshalb endet Tren XVII mit der Feststellung: »Gott ist meine einzige Hoffnung.«

Das zweitletzte Klagelied erinnert überdeutlich daran, dass Kochanowski vor kurzem die Bußpsalmen Davids übersetzt hat, u.a. das »De profundis … Aus tiefer Not schrei ich zu Dir.« Hier ist nur noch die Rede von der Schuld der Menschen, von ihrer Undankbarkeit für die Wohltaten Gottes. »Wir, deine widerspenstigen Kinder, Vater … gedenken deiner selten.« Und die Schlussstrophe fasst noch einmal das Versagen der Menschen und die Bitte um göttliche Barmherzigkeit zusammen:

Groß sind vor dir meine Missetaten.

Doch dein sanftes Walten

Schwebt ob allem Bösen.

Heute, Herr, mag mich dein Mitleid lösen!

Ohne dass es explizit gesagt wird, erscheint der Tod des Kindes jetzt als eine Prüfung, wenn nicht gar eine Strafe Gottes für seine Sünden, eventuell für seine Hybris, dass er sich so sicher wähnte, als er ein einfaches, bescheidenes Leben auf dem Lande führte. Aber der Schmerz um das Kind lässt nicht nach.


Denkmal für Kochanowski mit seiner Tochter Ursula in Radom

Tren XIX: Der Trost der Traumvision

In der letzten Tren, deren Volumen weit über jenes der übrigen hinausgeht und die daher ein besonderes Gewicht gewinnt, wird die natürliche Erlebnissphäre transzendiert. Es ist eine Vorwegnahme der »Apokatastasis« des Kirchenvaters Origines, des Wiederfindens aller Menschen in der Ewigkeit, wie sie später so deutlich von Stefan Andres verkündet wird. In einer Traumvision sieht der Dichter seine verstorbene Mutter, welche die verstorbene Tochter auf dem Arme trägt. Sie verkündet ihm (in sehr geraffter Fassung) folgendes: »Hier ist deine Tochter, sieh ihr lächelndes Gesicht und sei getröstet. Deine allerliebste Ursula ist am Leben. Sie schwebt unter Engeln und betet täglich für ihre Eltern. Gräme dich nicht länger über ihren frühen Tod. Was ist ihr denn entgangen? Kummer, Sorgen, die Qualen der Geburtswehen, das Weinen über Kindersterben, Einsamkeit, harte Arbeit, Sklaverei, Todesangst, die ›Leckerbissen‹ des Lebens. Hier im Himmel aber gibt es nur edle und ewige Freuden, keine Krankheit, kein Alter, keinen Tod, ewigen Sonnenschein. Ursula lebt jetzt im majestätischen Anblick des Schöpfers aller Dinge. Sie hat das bessere Los gewählt. Sie gelangte früh ins Paradies, da ihre Seele im Leben nicht zu Schaden kam. Im Übrigen hat es keinen Sinn, über die kurze Lebenszeit nachzugrübeln. Dunkel und unergründlich sind die Ratschlüsse des Herrn, was ihm zweckvoll scheint, soll auch uns gefallen. Du musst das universale Gesetz annehmen. Wozu hast du soviel Bücher studiert, wenn deine Bildung und Weisheit dir jetzt nicht hilft. Sei dein eigner Arzt. Die Zeit heilet alle Wunden.« Zum Schlusse verweist sie ihn noch einmal auf die »conditio humana« und fordert ihn auf, sein Los zu akzeptieren:

Das, Sohn beherzige; Des Menschen Missgeschicke

Trag menschlich. Einer befiehlt der Trauer und dem Glücke

Dank dieser Gegendarstellung »sub specie aeternitatis« erscheint der frühe Tod in einem andern Licht. Viele Argumente erinnern überraschend an jene des Trostbriefs Plutarchs, aber sie werden verstärkt durch die christliche Heilsbotschaft.

Epitaph für Hanna Kochanowska

Welch’ starken Trost der Dichter tatsächlich in seiner 19. Tren fand, ist durch kein Dokument oder Zeugnis belegt. Dass er noch nicht am Ende seines Leides war, geht aber daraus hervor, dass er der zweiten Auflage der Treny einen Vierzeiler hinzufügte über den Verlust seiner ältesten Tochter.

Du auch, o Hanna, bist der Schwester nachgegangen,

Siehst vor der Zeit dich schon in unterirdischen Landen,

Auf dass der Vater neuerlich in Schmerz versinke

Und endlich an die Freude, die immer währt, gedenke.

Im Jahr 1584 wurde Kochanowski von König Bathory in sein Hoflager nach Lublin eingeladen. Dort erlag er am 22. August einem Herzschlag. Der Chronist Joachim Bielski vermerkt in seiner »Polnischen Chronik«: »Auf eben dieser Konvokation in Lublin starb Jan Kochanowski aus dem Geschlecht Korwin, ein polnischer Poet, wie es ihn in Polen noch nicht gegeben hatte und wie wir einen anderen seinesgleichen nicht erwarten können.«

Er wurde in der Familiengruft in Zwolen beigesetzt. Seine Frau starb entweder 1599 oder 1600.

Nachwirken

Die Äußerungen des Nationaldichters Mickiewics haben bereits gezeigt, dass die polnische Literatur für sich in Anspruch nahm, mit dem Zyklus der »Treny« etwas Einmaliges zur Weltliteratur beigesteuert zu haben.

Kochanowskis Biograph Jastrun beschreibt folgenderweise die emotionale Wirkung der Treny: »Der Dichter … hat den Verlust seiner Orszula mit soviel Wahrheit und Kraft des Wortes beweint, dass von Stund an alle Eltern in Polen ihre eigene Kinderliebe in diesen wunderbaren Versen wiederfinden konnten, in Versen, die über Jahrhunderte hinweg echte Trauer vergießen und vom Glück der ersten Kinderspiele und des ersten Lächelns eines Kindes beseelt sind … Der ganze Zyklus ist von einer sehr leisen, den Text nicht nur umwebenden, sondern ihm auch entströmenden Musik durchdrungen.«


Jan Kochanowski: Thren Nr. 5

So darf es nicht verwundern, dass die Wortmusik auch eine entsprechende Vertonung hervorrief. Stanislaw Moniuszko (1819–1872), der Schöpfer der polnischen National-Oper »Halka«, vertonte die »Treny«, da er selbst einen ähnlichen Trauerfall zu beweinen hatte, den Tod seines ältesten Sohnes Casimir (1841–1842), Opfer der Ruhr-Seuche, die um 1840 in Vilnius wütete. Moniuszkos hochdramatische Vertonungen der klassischen Verse Kochanowskis nehmen im Liedschaffen Polens einen Ehrenplatz ein. Die vier Lieder für Bass und Klavier zum Tode der Tochter Orszola werden gerne mit dem Schwanengesang von Johannes Brahms »Vier ernste Lieder« verglichen, seiner ergreifenden biblischen Meditation über den Tod.

Das große Denkmal, das die Stadt Radom zu Ehren des Dichters errichtet hat, zeigt Kochanowski zusammen mit seiner Tochter Orszola.

Die 1969 gegründete Universität der Stadt Kielce trägt den Namen »Kochanowski«.

Jan Kochanowski: Ausgewählte Dichtungen. Übersetzung der Treny von Roland Erb. Reclam. Leipzig 1980.

Jan Kochanowski: Laments. Übersetzt von Seamus Heaney and Stanislaw Baranczak. Faber. London 1995. Janusz Pele: Jan Kochanowski. UNESCO. Paris 1986.

RENÉ DESCARTES UND HIJLENA JANS

Ich zähle nicht zu jenen, die der Meinung sind, dass Tränen und Trauer nur zu den Frauen gehören. Descartes, 1640

Als Philosoph und Mathematiker ist Descartes einer der genialsten Denker der Menschheitsgeschichte. Sein Werk stellt den Übergang von der mittelalterlichen Scholastik zur modernen Philosophie dar. Als Mathematiker begründete er die analytische Geometrie.

René Descartes wurde am 31. März 1596 in der Touraine, in La Haye – heute La Haye Descartes – als jüngster Sohn eines Juristen geboren. Der Vater nannte seinen geistig sehr frühreifen Sohn »mon philosophe« und schickte ihn bereits mit zehn Jahren an das Jesuitenkolleg von La Flèche, wo er acht Jahre lang studierte. 1618 reiste Descartes nach Holland, um eine militärische Ausbildung zu erhalten. Zu Beginn des 30-jährigen Krieges nahm er vorübergehend Kriegsdienste in der Armee des Herzogs von Bayern. Im November 1619 träumte er von einer »wunderbaren Wissenschaft« (»science admirable«) und erblickte darin ein Zeichen des Himmels, dass er den Rest seines Daseins der Wahrheitssuche widmen solle. Von 1628 bis 1649 lebte er in verschiedenen Städten in Holland, wo er, ungestört von allen Verwandten und Bekannten, die vollkommene Muße zum Forschen wie auch Sicherheit und Forschungsfreiheit fand. Als Galilei 1633 von der Inquisition verurteilt wurde, verzichtete Descartes aus Vorsicht auf die Veröffentlichung seines »Traité du Monde«.

Seine Devise lautete: »Hoc theatrum mundi conscensurus, larvatus prodeo.« (»Wenn ich diesen Schauplatz der Welt betrete, trage ich eine Maske.«) Gemäß diesem Wahlspruch versuchte Descartes, ein eher zurückgezogenes Leben zu führen und wenig Einblick in sein Privatleben zu gewähren. In einem Brief des Jahres 1647 befindet sich ein kurzer Satz über seine Kindheit: »Als ich noch ein Kind war, liebte ich ein Mädchen meines Alters, das ein wenig schielte …« (»Lorsque j’étais enfant, j’aimais une fille de mon âge qui était un peu louche …«). In den Taufregistern von La Haye des Jahres 1596 befinden sich zwei Mädchen, die beide Françoise hießen. Man vermutet, dass eine davon seine Kindheitsfreundin war, denn als ihm später eine Tochter geboren wurde, ließ er sie auf den Vornamen Francine taufen.

Helene und Francine

Nach einem Aufenthalt in Deventer wohnte Descartes in den Jahren 1633 bis 1635 am Westermarkt in Amsterdam, zwischen der Prinsengracht und der Kaisergracht. Den Haushalt führte eine holländische Dienstmagd aus Deventer, Helene, die der Gelehrte seit einigen Jahren kannte und mit der er ein Verhältnis hatte. Sein Biograph, der Geistliche Baillet, schrieb 1691, dass es eine »so geheime Eheverbindung« gewesen sei, dass auch die subtilsten Kanoniker sie beim besten Willen nicht vom Konkubinat unterscheiden könnten. Entschuldigend fügte er hinzu, dass es »für einen Mann, der sein ganzes Leben die seltsamsten Operationen der Anatomie durchführen musste, schwierig war, die Tugend des Zölibats streng zu praktizieren.«

Als »cartesianischer« Mensch notierte Descartes gewissenhaft die wichtigen Ereignisse seiner Existenz. So hielt er auf der ersten Seite eines Buches fest, dass er am Sonntag, dem 15. Oktober 1634, mit seiner Magd Helene ein Kind gezeugt hatte.

Das Kind kam am 19. Juli 1635 in Deventer zur Welt und wurde am 7. August in der dortigen reformierten Kirche auf den Namen »Fransintge« getauft. Im Taufregister finden sich folgende Eintragungen: »Vader: Reyner Jochems (René, Sohn des Joachim). – Moeder: Hijlena Jans (Helene, Tochter des Johannes). – Kint: Fransintge«. Es wird allgemein angenommen, dass die Jahre, die Descartes als Vater einer kleinen Tochter verbrachte, zu den glücklichsten seines Daseins zählten. Seine Korrespondenz in diesen Jahren ist von einer seltenen Heiterkeit geprägt. Auffallend ist ebenfalls, dass er in diesem kurzen Zeitraum von 5 Jahren seine bedeutendsten Werke schrieb: »Discours de la Methode«, die drei »Essais«: »La Dioptrique«, »Les Météores«, »La Géométrie« und »Les Méditations métaphysiques«. Als französischer Edelmann hatte er allerdings Bedenken, sich öffentlich zu dieser »unebenbürtigen« Beziehung zu bekennen und das uneheliche Kind zu legitimieren. Immerhin hatte er die Absicht, Francine später nach Paris zu schicken und einer Verwandten anzuvertrauen. Da Madame du Tronchet die Mutter eines Kanonikus der Sainte-Chapelle war, nimmt man an, dass Descartes seiner Tochter eine katholische Erziehung geben wollte, oder, wie der Biograph de Sacy schreibt, sie der »Religion seiner Amme und seines Königs« zurückzugeben. (»La rendre à la religion de sa nourrice et de son roi.«)

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