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Joseph Groben Requiem für ein Kind
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Am besten gefielen ihm die Gärten eines gewissen Scapula, weil dort immer viel Volk vorbeikam (»maxima celebritas«). Damit würde der Kult für Tullia eine echte Aussicht auf Popularität erhalten. Diesen Plan eines zentral gelegenen Standortes musste er aufgeben, als er hörte, dass die Gärten Scapulas im Perimeter der Urbanisierungspläne Cäsars lagen. Er konnte es sich nicht leisten, die Erweiterung des Marsfeldes zu behindern. Atticus gab zu bedenken, dass die Megalomanie des Tempelbaus Ciceros Vermögensverhältnisse überforderten. Vergeblich bemühte sich dieser um Anleihen (»video etiam a quibus adiuvari possim«). Angesichts der sich häufenden Schwierigkeiten bekräftigte er am 3. Mai 45 nochmals: »Ich will, dass dieser Tempel gebaut werde und nichts kann mich von diesem Vorhaben abbringen.« Deutlich betonte er, dass es ihm nicht um ein Grabmal gehe, sondern um eine »Apotheose«. Im lateinischen Text steht das griechische »αποθϵωσιν«.
Als Atticus die Befürchtung aussprach, dass Ciceros Trauer seinem Ansehen schaden könne, antwortete dieser mit der vorwurfsvollen Frage: »Ich sollte nicht trauern? Wie könnte man das?« Dennoch wurde es bald merklich still um das Anliegen. Im Spätsommer 45 verlor sich das Thema im Briefwechsel. War der Bau vollendet? Es ist eher wahrscheinlich, dass das Tempelchen nie gebaut wurde.
In Max Brods Roman wird das Projekt im Rückblick folgenderweise dargestellt: »Tullia war tot, vor einem Jahr gestorben, zum unbeschreiblichen Schmerz des Vaters, dem sie das Liebste auf Erden gewesen war … Hatte der Jammernde damals nicht einen Tempel zum Gedächtnis Tullias bauen wollen, – nicht etwa eine Grabstätte; denn für ihn sollte sie nicht tot sein, als Gottheit sollte sie weiterleben, verehrt von ihm und von allem Volk. Deshalb sollte ja auch der Tempel unbedingt an einer vielbefahrenen und begangenen Straße liegen. Monatelang hielt der Konsular Ausschau nach einem passenden Grundstück …« (S. 32) Im Roman sind es die »schrecklichen Zuckungen des Bürgerkriegs«, welche die Verwirklichung des Tempelbaus vereitelten.
Die philosophischen Werke
Der Tod seiner Tochter bedeutete auch eine Krise im Denken Ciceros. Er wurde zum Anlass, die großen Theorien kritisch zu überprüfen. Nie war Cicero philosophisch so produktiv wie in den Monaten nach Tullias Tod. Er betäubte seinen Kummer in einer ungeheuren Arbeitswut, die ihm fast keine Zeit zum persönlichen Grübeln übrigließ. Die lateinische Literatur verdankt dieser übermenschlichen »Trauerarbeit« einige ihrer besten Bücher, inhaltlich wie stilistisch. Es darf nicht vergessen werden, dass die Grammatik und Stilistik der lateinischen Sprache wesentlich auf den Werken Ciceros und Cäsars beruhen. Ciceros Reden und Abhandlungen bilden das Rückgrat der Latinität, er schuf die klassische lateinische Sprache, die für Jahrhunderte gültig blieb.
Schon am 16. Mai kehrte Cicero wieder nach Tusculum zurück, wo die Erinnerung an die letzten Tage Tullias keine unerträgliche Qual mehr darstellte. Er nahm eine ganze Reihe von philosophischen Abhandlungen in Angriff, die »Academica«, »De finibus bonorum et malorum«, und vor allem die »Tusculanae disputationes«, die er schon am 29. Mai begann. Das erste der fünf Bücher handelt vom Tod, das zweite vom Schmerz, das dritte vom seelischen Leiden, alles Themen, die Cicero jetzt, nach dem Verlust Tullias, mit besonderer Betroffenheit untersuchte und ergründete. Die im selben Jahre geschriebenen Bücher über die Natur der Götter (»De natura deorum«) und über die Weissagungen (»De divinatione«) offenbaren ebenfalls das Interesse Ciceros, sich mit metaphysischen Fragen auseinanderzusetzen und für sein Denken, für seine Weltanschauung neue Grundlagen zu finden. Er schuf eine Synthese der jüngeren griechischen Philosophen und wirkte so, besonders als Vermittler ihrer Ethik, auf die ersten christlichen Jahrhunderte.
Das Ende
Nach der Ermordung Cäsars an den Iden des März 44 v. Chr. versuchte Cicero wieder ins politische Geschehen einzugreifen, indem er den Tyrannenmörder Brutus als Befreier Roms hinstellte. Er setzte die staatspolitischen Ideen, die er in seinem »De re publica« vertreten hatte, der Praxis des machthungrigen Marcus Antonius entgegen. Mit großer Leidenschaft prangerte er die undemokratischen Methoden seines Gegners in 15 Reden, den berühmten »Philippica«, an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Octavian, der Adoptivsohn Cäsars, sich mit Antonius und Lepidus zum 2. Triumvirat zusammenschließen würde. Jetzt konnte Antonius Rache an Cicero nehmen.
Wahrscheinlich gegen den Widerstand Octavians, der ein gutes Verhältnis zum Redner unterhielt, wurde Cicero auf die Liste der Geächteten gesetzt. Die Häscher holten ihn ein, am 7. Dezember 43 v. Chr., nicht weit von Gaeta, als er in seiner Sänfte ans Meer flüchtete. Plutarch schildert ausführlich die barbarische Ermordung des großen Redners.
»Cicero befahl den Trägern, die Sänfte an Ort und Stelle niederzusetzen, und schaute selbst, indem er nach seiner Gewohnheit die linke Hand ans Kinn legte, mit starrem Blick auf die Mörder, von Staub bedeckt, mit ungeschorenem Haar und Bart und das Gesicht von Kummer verzehrt, so dass die meisten sich verhüllten, als Herennius ihn abschlachtete. Er erhielt den tödlichen Hieb in den Hals, den er aus der Sänfte vorstreckte, im vierundsechzigsten Lebensjahr. Dann schlugen sie ihm, gemäß Antonius’ Befehl, den Kopf und die Hände ab, mit denen er die Philippinischen Reden geschrieben hatte.«
Der Centurio Herennius schickte die »abgeschnittenen Teile« nach Rom zu Antonius, der sie auf dem Forum, auf der Rednertribüne, ausstellen ließ. Vor Jahren hatte Cicero seinen Mörder, der des Vatermordes angeklagt war, vor Gericht verteidigt und seinen Freispruch erwirkt.
Marcus Tullius Cicero: Ad Atticum/Ad Familiares/Tusculanae disputationes. Collection Budé. Paris.
Max Brod: Armer Cicero. Herbig. Berlin 1955.
Jérôme Carcopino: Les secrets de la correspondance de Cicéron. Paris 1947.
Marion Giebel (Hrsg, und Übers.): Cicero zum Vergnügen. Reclam. Stuttgart 1997.
Pierre Grimal: Cicéron. Fayard. Paris 1986.
Plutarch. Von großen Griechen und Römern. Doppelbiographien. DTV. München 1991.
Ich schicke Ihnen den Trostbrief des Plutarch … Ich überlasse Plutarch die Aufgabe, Sie zu trösten Michel de Montaigne an seine Frau nach dem Tod der Tochter. 1570
Ich wohne in einer kleinen Stadt, und ich lebe gerne dort, damit sie nicht noch kleiner werde.« Chäronea, die Geburtsstadt Plutarchs, liegt in Böotien, in Zentralgriechenland. Sie war berühmt in der Antike wegen des Sieges, den Philipp II. von Mazedonien im Jahre 338 v. Chr. dort über die Thebaner errungen hatte. Hier verbrachte der im Jahr 46 n. Chr. geborene Plutarch seine Kindheit, hierhin kehrte er im reifen Alter zurück, um sich seinem Werk zu widmen. Sein Bildungsgang hatte ihn nach Athen und nach Alexandrien geführt. In Athen hatte er viele Jahre als hochangesehener Philosoph gelehrt und war Bürger der Stadt geworden. Er reiste auch mehrfach nach Rom, wo er lehrte, die Freundschaft bedeutender Römer gewann und auch die Bürgerrechte erhielt. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt bekleidete Plutarch verschiedene politische Ämter. Noch wichtiger war, dass er zum Priester des Orakels von Delphi ernannt wurde und häufig zwischen Chäronea und Delphi unterwegs war.
Verheiratet war Plutarch mit Timoxena, der Tochter Alexions aus Chäronea. Sie brachte wenigstens fünf Kinder zur Welt, von denen drei sehr früh verstarben. Da sie selbst eine philosophische Abhandlung verfasste, muss sie eine gebildete Frau und ebenbürtige Partnerin ihres berühmten Mannes gewesen sein.
Als Historiker, Moralist und Philosoph hat Plutarch ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, das große Verbreitung fand und daher auch weitgehend erhalten geblieben ist. Man unterscheidet meist zwei Gruppen von Schriften: die historischen Biographien und die so genannten »moralischen« Schriften. In seinen »Lebensbeschreibungen berühmter Männer« stellt er oft einen Griechen und einen Römer gegenüber, z.B. Alexander und Cäsar, Demosthenes und Cicero. Diese Doppelviten oder »parallele Biographien« mit ihrem Hang zur Heroisierung und Idealisierung prägten für viele Generationen das Bild der großen Gestalten der Antike. Sie hatten eine starke Nachwirkung, z.B. auf Shakespeare und Corneille, die sie als Quellen für ihre Römerdramen benutzten, auf Friedrich den Großen, Napoleon und Beethoven, denen sie als Musterbeispiele antiker Größe dienten.
In seinen »Moralia« untersucht Plutarch religiöse, ethische, politische, literarische, naturwissenschaftliche und medizinische Fragen, wobei er sich in seinen Ansichten stark an den Platonismus anlehnt. Sie sind ein wahres Kompendium, eine Enzyklopädie philosophisch-wissenschaftlicher Themen, wie sie in hellenistischer Tradition, meist in Dialogform, im kaiserlichen Rom und in Athen diskutiert wurden.
Zu den »moralischen Schriften« zählt man auch einen Text, der streng autobiographischen Charakter hat, den oft zitierten Trostbrief, den Plutarch an seine Frau Timoxena nach dem Tod ihrer gleichnamigen Tochter schrieb. Er gilt als ein exemplarisches Zeugnis für eine antike »Consolatio«. Für den hochgebildeten und feinfühligen Michel de Montaigne hatte er noch 1500 Jahre später eine solch zeitlos gültige Bedeutung, dass er seiner Frau eine Übersetzung davon zuschickte, als ihr ältestes Kind im Jahre 1570 starb. »Ich überlasse Plutarch die Aufgabe, Sie zu trösten … er wird Ihnen meine Absichten entdecken und was man in einer solchen Lage anführen kann, viel besser als ich es selbst tun könnte …«
Ich bin nicht aus Eichen und Steinen gemacht
Als rücksichtsvoller Philosoph und Gatte geht Plutarch kaum ein auf den Schmerz, den dieser Verlust ihm persönlich zufügt. Die Versicherung, dass er nicht unempfindlich wie Stein und Eiche sei, muss als Hinweis genügen. Sein Hauptanliegen ist die Tröstung und Ermunterung seiner Frau, deren Lieblingskind plötzlich gestorben ist.
»Plutarchus wünscht seiner Frau Glück! Der Bote, den du mir mit der Nachricht vom Tode unseres Kindes geschickt hast, hat mich wahrscheinlich auf dem Wege nach Athen verfehlt; ich habe es jedoch, als ich nach Tanagra kam, von der Nichte erfahren. Vermutlich ist die Bestattung schon vor sich gegangen: möge alles so geschehen sein, wie es dir jetzt und für die Zukunft am wenigsten Kummer macht. Falls du aber etwas, was du tun wolltest, unterlassen hast, weil du meine Meinung darüber abwarten willst, und, wenn ich bei dir bin, leichter zu tun glaubst, so magst du auch dieses noch besorgen, ohne jede Übertreibung und ohne Ängstlichkeit, was ja auch gar nicht deine Sache ist.
Nur erhalte mich, liebe Frau, und dich selbst bei diesem Schlage in gehöriger Fassung. Denn ich kenne und begreife die Größe unseres Verlustes; wenn ich aber finden sollte, dass du dich zu sehr darüber grämst, so würde mir dieses noch mehr leid tun als die Sache selbst. Dennoch aber bin ich nicht aus Eichen und Steinen gemacht, wie du selbst weißt, die du in Gemeinschaft mit mir so viele Kinder aufgezogen hast, weil wir alle zu Hause persönlich erzogen. Ich weiß, dass diese Tochter, deren Geburt nach vier Söhnen deinen sehnlichsten Wunsch erfüllte und mich veranlasste, ihr deinen Namen zu geben, dir ganz besonders lieb war. Was deine zärtliche Liebe zu dem Kinde noch besonders steigerte, ist die reine, unschuldige, niemals durch Ärger und Tadel getrübte Freude, die es uns machte. Es besaß von Natur eine wunderbare Gelassenheit und Sanftmut, und seine Gegenliebe und Hingebung machte uns Vergnügen und ließ zugleich sein liebreiches Wesen ahnen; wie es denn seine Amme bat, nicht nur andern Kindern, sondern selbst Gerätschaften und Spielsachen, an denen es eine Freude hatte, die Brust zu reichen, ganz so, wie wenn es sie aus Menschenliebe an seinen eigenen Tisch zur Teilnahme an seinen Genüssen einladen und mit denen, welche ihr Freude machten, sein Süßestes teilen wollte …«
Da die Tochter eine reine Freudenquelle war – »die allersüßeste Liebkosung … Augenweide und Ohrenschmaus« – soll ihr Andenken auch mehr Freude als Trauer erregen. Das sind die Eltern ihrem Liebling schuldig.
»So machen es edle Frauen, die ihre Kinder lieben«
Plutarch lobt seine Frau, dass sie weder Trauerkleidung angezogen, noch sich und den Mägden »Selbstquälung« gestattet hat. Die Bestattung hat sich in aller Stille, ohne »kostbaren und festlichen Prunk« abgespielt. Auch diese »maßvolle Einfachheit« passt zum Wesen seiner Frau, die auch nie bei einer freudigen Gelegenheit durch übertriebenes Vergnügen oder unsinniges Gelächter ihre Würde verloren hat. Sie hat stets alles Auffällige in Putz und Kleidung verschmäht. »Verwerflich« findet er »die unersättliche Neigung zum Jammern«, das Klageschreien, das Brüsteschlagen, das Abschneiden der Haare, die Vernachlässigung der Körperpflege. Timoxena war in diesen Punkten immer in Übereinstimmung mit ihrem Mann.
»Denn durch deine einfache Kleidung und unverzärtelte Lebensweise hast du bei allen Philosophen, die mit uns in Umgang und Bekanntschaft lebten, Bewunderung erregt, und alle unsere Mitbürger haben schon bei Festen, Opfern und Schauspielen dein bescheidenes Wesen beobachtet. Auch in ähnlichen Fällen hast du schon große Standhaftigkeit gezeigt, zuerst bei dem Verluste deines ältesten Kindes und dann wieder, als der gute Chäro uns verließ. Ich erinnere mich, wie ich damals, als ich die Nachricht vom Tode des Kindes erhielt, mit einigen Freunden auf dem Rückwege von einer Seereise war, welche dann, nebst anderen, mit mir nach meiner Wohnung gingen; wie sie nun hier alles in schönster Ordnung und Ruhe fanden, glaubten sie, es sei hier kein Unglück geschehen, sondern nur ein falsches Gerücht davon verbreitet worden. So verständig hattest du alles im Hause angeordnet, unter Umständen, wo selbst Unordnung ganz verzeihlich gewesen wäre. Und doch hattest du jenes Kind an deiner Brust gesäugt … So machen es edle Frauen, die ihre Kinder lieben.«
Plutarch dankt seiner Frau, dass er das »Schlimmste und Gefährlichste« nicht zu befürchten hat: »ich meine den Besuch und das Geschrei und Mitgeheul schlechter Weiber, welche die Trauer bloßlegen und noch steigern.« Dadurch bringen sie nur »noch Feuer zum Feuer«. »Wenn man das Haus eines Freundes brennen sieht, löscht jeder so schnell und so gut er kann, wenn aber Seelen im Feuer stehen, so tragen sie ihnen noch Brennstoff zu.«
Im nächsten Teil fordert der Philosoph seine Frau auf, sich in Gedanken »in jene Zeit vor der Geburt dieses Kindes zu versetzen.« Nach seinem Tode sind beide »wieder in gleiche Verhältnisse gekommen« und so dürfen sie nicht undankbar sein für die Lebensjahre des Kindes, »da sie uns den schönsten Genuss verschafften«. Er warnt davor, immer und überall mit dem Schicksal unzufrieden zu sein. »Denn es trägt immer gute und süße Früchte, wenn man von den Göttern nur Gutes redet und das Schicksal mit Gleichmut und Zufriedenheit erträgt …«
Zudem soll sie bedenken, dass sie noch von vielen Menschen wegen ihrer Kinder, ihres Hauses und ihrer Lebensart von andern Menschen beneidet wird. Es wäre falsch, nur über das Verlorene zu jammern und darüber zu versäumen, die Annehmlichkeiten, die sie besitzt, zu genießen.
Ein Ort, wo es keinen Schmerz mehr gibt
Timoxena war erst zwei Jahre alt, als der Tod sie hinwegraffte. Aus elterlicher Sicht war sie um die schönsten Lebensgüter betrogen worden, um Liebe, Ehe und Mutterschaft. Als Philosoph und Psychologe jedoch relativiert Plutarch diesen Verlust, indem er den Standpunkt des Kindes selbst einnimmt, das jetzt in einem schmerzlosen Zustand weilt und das nicht entbehrt, was es weder gekannt noch besessen hat.
»Bedauerst du aber unsere Tochter vielleicht darum, weil sie ehelos und kinderlos aus dem Leben ging, so kannst du dich andrerseits wieder darüber freuen, dass du jener beiden Vorzüge nicht hast entbehren dürfen. Denn es ist nicht so, als ob diese Güter für die, welche dieselben verlieren, großen Wert hätten, und nur geringen für die, welche sie besitzen. Unsere Tochter aber, welche sich an einem Ort befindet, wo es keinen Schmerz mehr gibt, braucht uns keine Sorge zu machen; denn wie sollte uns von ihr aus etwas Schlimmes zukommen, wenn sie selbst keinen Kummer mehr hat; verliert ja auch der Verlust großer Güter seinen Stachel, wenn man dahin kommt, wo man sie nicht mehr braucht. Deine Timoxena aber hat nur einen unbedeutenden Verlust erlitten, denn sie hat nur Unbedeutendes gekannt und an Unbedeutendem Freude gehabt; was aber ihrer Empfindung, ihren Gedanken und ihrem Willen ferne lag, wie sollte man sagen können, sie habe dies verloren?«
Der Kindertod – eine Gnade für die unsterbliche Seele
Im letzten Teil seines Trostschreibens beruft sich Plutarch auf ihren gemeinsamen Glauben an die Unsterblichkeit. Dieser Glaube wird von vielen Zeitgenossen nicht geteilt, die überzeugt sind, dass mit der »Auflösung des Körpers« alles definitiv zu Ende ist. Timoxena und er werden von diesem Unglauben bewahrt »durch die von den Vätern überlieferte Lehre und die mystischen Sinnbilder der orgiastischen Dionysoszeremonien – die uns beiden als Eingeweihten bekannt sind.« Dank dieser religiösen Zuversicht kann Plutarch so weit gehen, zu behaupten, dass der frühe Tod für die unsterbliche Seele einen unzweifelhaften Vorteil darstelle. Wer lange lebt, verwickelt sich in »irdische Leidenschaften und Zufälle«, das Leben »entfremdet die Seele der Erinnerung an die jenseitigen Dinge und fesselt sie an die diesseitigen Dinge. … Diejenige Seele dagegen, welche zwar auch an den Körper gefesselt, aber nur kurze Zeit mit ihm verbunden war, wird von den höheren Geistern befreit und gelangt gleichsam durch eine sanfte und geschmeidige Umbiegung wieder in ihren natürlichen Zustand zurück.«
Plutarch belegt die Richtigkeit seiner Überzeugung durch die überlieferten Gewohnheiten und Gesetze. Wenn Kinder sterben, bringt man ihnen keine Totenopfer dar, man unterlässt die meisten Handlungen, die beim Begräbnis eines Erwachsenen üblich sind. Die Kinder nämlich hatten »noch keine Gemeinschaft mit der Erde und den irdischen Dingen«, infolge ihrer Unschuld kehren sie sofort zu ihrem göttlichen Ursprung zurück. Trauer ist also nicht angebracht, wenigstens nicht für den Gläubigen:
»Denn die Gesetze gestatten nicht, Tote von solchem Alter zu betrauern, weil dies bei solchen, welche in einen besseren und göttlicheren Zustand und Ort übergehen, nicht recht wäre. Ich weiß freilich wohl, dass diese Sache viele Schwierigkeiten bietet; weil aber der Unglaube noch mehr Schwierigkeiten macht als der Glaube daran, so wollen wir das Äußerliche dabei, wie es die Gesetze vorschreiben, beobachten, das Innerliche aber noch viel mehr unbefleckt und rein und leidenschaftslos erhalten.«
Der Brief scheint nicht vollständig erhalten zu sein, dennoch ist er reich genug, um wichtige Aufschlüsse über die Haltung der antiken Gebildeten dem Kindertod gegenüber zu vermitteln. Er verrät, neben seiner tiefen Menschlichkeit, eine Erhabenheit der Gedankenführung, die das Klischee einer dekadenten heidnischen Welt Lüge zu strafen scheint. Als Priester des Apollo in Delphi glaubt Plutarch zweifellos an die Wahrheit der Orakel. Sie wird ihm bescheinigt durch die geistige und materielle Wiedergeburt des Apolloheiligtums. In seinem Dialog »Über die Orakel der Pythia« beschreibt er den rezenten Aufschwung Delphis, der beispiellos seit tausend Jahren sei, und schlussfolgert: »Es ist nicht möglich, dass eine so vollständige Veränderung in so kurzer Zeit allein durch Menschenhand sich ereignet hat, ohne die Gegenwart eines Gottes, der dem Orakel seine göttliche Autorität verleiht.«
Bezeichnend für diesen hochgebildeten und toleranten Philosophen ist auch, dass er Dionysos mit der ägyptischen Gottheit Osiris und mit dem Gott der Juden identifiziert und den gemeinsamen Jenseitsglauben unterstreicht. Infolge dieses erstaunlichen Gedankengutes, das sich hauptsächlich aus dem Platonismus speist, glaubten manche Kirchenväter, in Plutarch einen Vorläufer des Christentums zu erkennen. So wurden seine Texte in großer Zahl überliefert und konnten eine starke Nachwirkung ausüben.
1929 schrieb Carl J. Burckhardt an Hugo von Hofmannsthal: »Plutarch: die ganze virtù von der Renaissance bis zum napoleonischen Epos ist durch ihn bestimmt, und er wirkt noch weit ins 19. Jahrhundert hinein, bei den Engländern, den Preußen. Er ist eine eminent europäische Kraft.«
Friedrich Dübner: Plutarchi Chaeronensis scripta moralia. Berlin 1841.
Robert Flaceliere/Jean Irigoin: Plutarque. Oeuvres morales. Paris 1987.
Richard Volksmann: Leben, Schriften und Philosophie des Plutarch von Chaeronea. Berlin 1869
Reprint: Hildesheim 1980.
Große Leere ist im Hause eingezogen, Seit du, Ursula, dich hast davongestohlen.
Obschon der polnische Dichter Kochanowski im Westen nicht besonders bekannt ist, besitzt er in Polen wie in anderen slawischen Ländern einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Literaturkenner sehen in ihm nicht nur den »Vater der polnischen Lyrik«, sondern den wichtigsten slawischen Dichter der Renaissance. Der Zyklus »Treny« (Klagelieder), der dem Andenken seiner Tochter Orszola (Ursula) gewidmet ist, ist sein lyrisches Meisterwerk und sein Schwanengesang. Es zählt zu den klassischen Werken der Weltliteratur. Als ergreifendes Zeugnis einer persönlichen Trauer stellt dieser Zyklus einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung der modernen elegischen Dichtkunst dar. Indem er sich an den klassischen Ideen orientiert, stellt er auch die Verbindung her mit der griechischlateinischen Tradition der Trauergesänge oder »Threnodien« sowie mit den antiken Autoren Cicero und Plutarch.
Ein Dichter der Renaissance
Jan Kochanowski wurde im Jahr 1530 in Sycyna, einem kleinen Dorf bei Radom in Südpolen als Sohn eines adligen Richters geboren. Dank der künstlerischen Ermutigungen ihrer Mutter zeichneten sich auch mehrere Brüder durch bemerkenswerte Leistungen aus: Mikolaj komponierte Lieder und übersetzte die »Moralia« Plutarchs, Andrzej übersetzte Vergils »Äneis« ins Polnische.
Jan Kochanowski begann seine Studien zunächst 1544 in Krakau und in Krolewiec. Auf einer langen »Bildungsreise«, die ihn nach Königsberg und Padua führte, studierte er die alten Sprachen, Griechisch, Latein und Hebräisch. Zahlreiche lateinische Gedichte, Elegien und Epigramme, die in dieser Zeit entstanden, weisen Kochanowski als bedeutenden klassischen Dichter aus. Als seine Mutter starb, kehrte er nach Polen zurück und erhielt als Erbteil das Gut von Czarnolas nahe bei Radom.
Auf einer Frankreichreise suchte er auch Pierre Ronsard, den Hauptvertreter der »Pléïades«, auf und notierte stolz: »Ronsardum vidi!« Indem er Ronsard mit dem antiken Sänger Orpheus verglich, träumte er davon, ein polnischer Orpheus zu werden und Werke hervorzubringen, die seines Vorbildes würdig wären. Tatsächlich wurde er schon sehr früh berühmt. 1560 wurde er Sekretär des Königs Sigismund August und er lebte am Königshof von Krakau, wo er sein literarisches Werk in den Dienst der nationalen Politik seines Herrschers stellte. Seine geistreichen »Fraszki« (Geschichtchen) zirkulierten in den gebildeten Kreisen des Hofs und des Adels.
Seit der Veröffentlichung seines Werkes »Satyr« (1564) galt Kochanowski allgemein als der größte Dichter Polens. Der König schenkte ihm einträgliche Pfründe, verlieh ihm mehrere Pfarreien, obwohl der Dichter nie eine Weihe empfangen hatte. Kurz nach dem Tod des Königs verzichtete Kochanowski auf alle politischen Ambitionen. Er verließ den Hof und zog sich auf sein Landgut von Czarnolas zurück, »um dort seine poetische Ernte einzubringen … unter der Linde, fern von den Geräuschen der Welt«.