Книга Die Schlafwandler читать онлайн бесплатно, автор Hermann Broch – Fictionbook, cтраница 7
Hermann Broch Die Schlafwandler
Die Schlafwandler
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Hermann Broch Die Schlafwandler

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Seitdem der Zug die Halle verlassen und sie mit flatterndem Spitzentüchlein Abschied genommen hatte, versuchte Elisabeth sich klarzumachen, ob sie Joachim liebe. Es war eine fast freudige Beruhigung, daß das Gefühl, welches sie als Liebe bezeichnen wollte, so sehr behutsam und zivilisiert auftrat; man mußte geradezu nachdenken, um es zu bemerken, denn es war ein so leichtes und dünnes Gebilde, daß es erst auf einem Hintergrund von silberiger Langeweile sichtbar wurde. Doch nun verbJaßten die sanften Konturen des Bildes, da die Langeweile sich zu steigender Ungeduld wandelte, je mehr sie sich der Heimat näherten, und als auf dem Bahnhof der Baron sie mit den neuen Pferden erwartete und gar als sie in Lestow einlangten, mit grünen Wipfeln des Parkes umfriedete Natur auftauchte, vorgelagert das Tor in ruhigerer Massigkeit, eine erste Überraschung, denn rechts und links vom Parkeingang waren zwei neue Pförtnerhäuser angebaut worden, so daß die Damen lebhafte Rufe des Erstaunens von sich gaben, und dies doch bloß der Auftakt war für das viele, das in den nächsten Tagen noch zu sehen und zu erleben sein würde, war es nur allzu verständlich, daß Elisabeth nicht mehr an die Liebe dachte. Hatte doch der Baron die Abwesenheit seiner beiden Damen oder, wie er sie zum Stolze Elisabeths manchmal nannte, seiner beiden Frauen wieder einmal dazu benützt, um im Hause mannigfache Verbesserungen und Verschönerungen vorzunehmen, die sie entzückten und dem Baron viele Worte des Lobes und des zärtlichen Dankes eintrugen. Sie hatten ja auch allen Grund, auf ihren kunstverständigen Papa stolz zu sein, der zwar keinen übermäßigen Respekt vor dem Bestehenden an den Tag legte und der dem alten Herrenhaus schon allerlei Verzierungen zugemutet hatte, der sich aber keineswegs auf das Architektonische beschränkte, sondern niemals vergaß, daß es immer Plätze an den Wänden gab, an denen sich ein neues Bild gut machte, eine Ecke, die man mit einer gewichtigen Vase schmücken konnte, ein Büffet, das mit einer goldgestickten Samtdecke zu versehen war, und er war der Mann, der danach handelte. Seit ihrer Verheiratung waren der Baron und die Baronin zu Sammlern geworden, und die stete Ausgestaltung ihres Heims wurde ihnen eine Verewigung des Brautstandes, auch dann noch, als die Tochter sich dazugesellt hatte. Elisabeth blieb es nicht verborgen, daß der Eltern Leidenschaft, die verschiedenen Geschenkfeste des Jahres zu begehen, die Geburtstage zu feiern und ständig auf neue Überraschungen bedacht zu sein, eine tiefere Bedeutung besaß und mit der Freude, ja, man konnte fast sagen Sucht, sich mit immer neuen Dingen zu umgeben, in einem tieferen, wenn auch schwer durchschaubaren Zusammenhang stand; zwar wußte Elisabeth nicht, daß jeder Sammler mit der nie erreichten, nie erreichbaren und doch unentwegt erstrebten lückenlosen Absolutheil seiner Sammlung hinauslangt über die gesammelten Dinge, in die Unendlichkeit hineinlangt, und daß er, aufgehend in seiner Sammlung, auch die Erreichung seiner eigenen Absolutheil erhofft und die Aufhebung seines Todes, Elisabeth wußte es nicht, aber umgeben vonallden vielen schönen toten Dingen, die um sie angesammelt und aufgehäuft waren, umgeben von den vielen schönen Bildern, ahnte sie dennoch, daß die Bilder an die Wände gehängt waren, als sollten sie die Mauern verstärken, und als sollten all die toten Dinge etwas sehr Lebendiges bergen, vielleicht auch verbergen und schützen, etwas, dem sie selber so sehr verbunden war, daß sie manchmal denken mußte, es sei ein kleines Geschwister, wenn ein neues Bild gebracht wurde, etwas, was gehegt sein wollte und das die Eltern hegten, als ob ihrer aller Beisammensein davon abhängen würde: sie ahnte die Angst, die dahinter stand und die den Alltag, der das Altern ist, im Festlichen zu übertönen suchte, Angst, die sich immer wieder vergewisserte - stets neu erlebte Überraschung-, daß sie lebendig und geboren und definitiv beisammen waren und ihr Kreis ewiglich geschlossen. Und so wie der Baron immer neue Strecken seines Bodens in den Park einbezog, dessen dichter dunkler Bestand nun schon fast von allen Seiten mit weiten Flächen freundlichen lichten Jungholzes umgeben war, so schien es Elisabeth, als wünschte er mit fast weiblicher Fürsorge ihrer aller Leben zu einem immer größeren eingefriedeten Park voll anmutiger Raststationen zu machen und als wäre er erst am Ziele und von jeglicher Angst befreit, wenn sich der Park über die ganze Erde ausgebreitet haben würde, Ziel seiner selbst, Park zu sein, auf daß Elisabeth sich für immer in ihm ergehen möge. Zwar widersetzte sich manchmal etwas in ihr solch sanfter unentrinnbarer Verpflichtung, aber da die Auflehnung fast niemals sehr deutlich wurde, verfloß sie mit den sonnigen Konturen der Hügel, die draußen hinter der Einfriedung des Parkes lagen.

»Ei«, sagte die Baronin, als sie die neue Pergola im Rosarium bewunderten, »ei, wie zierlich: als wäre es für ein Brautpaar geschaffen. « Sie lächelte Elisabeth zu und auch der Vater lächelte, aber in ihrer beider Augen war die Angst vor dem Drohenden, Unentrinnbaren deutlich zu lesen, Hilflosigkeit, Wissen von einer Untreue und einem Verrat, dennoch im vorhinein verzeihend, da sie selber gesündigt hatten. Wie war es traurig, daß die Eltern schon von dem bloßen Gedanken an solch künftige Eheschließung bedrückt schienen, und Elisabeth wies jeden Heiratsgedanken weit von sich, so weit, daß es fast wieder erlaubt wurde, gerne zuzuhören, wenn die Eltern gleichsam als Zugeständnis an die Liebesbestimmung der Tochter von einer möglichen Heirat sprachen, gleichsam in einer Anerkennung, die die Tochter in die Sphäre der Erwachsenen erhob, beinahe zu einer Schwester der Mutter machte, und deshalb wohl auch mußte Elisabeth an Tante Brigittens Hochzeitstag denken, als nun die Mutter ihr einen zärtlichen Kuß auf die Wange drückte, mußte ihn auch wie einen Abschiedskuß empfinden, denn so hatte die Mutter damals die Schwester geküßt, unter Tränen geküßt, unter Tränen, obzwar sie alle behauptet haben, sehr glücklich zu sein und über den neuen jungen Onkel sich zu freuen. Aber natürlich war dies schon lange her; es war kindisch, daran zu denken, und Elisabeth, zwischen den Eltern, legte die Arme um ihre Schultern und ging mit ihnen zur Mittellaube der Pergola, wo sie sich niederließen. Die Rosenbeete, durchzogen von den schmalen, symmetrisch gewundenen Wegen, prangten in allen Farben und waren voll Duft, doch die Schatten waren noch nicht verflogen und der Baron sagte traurig, auf eine Gruppe weisend: »Und dort versuchte ich, auch einige Manettirosen zu setzen, aber unser Klima dürfte zu rauh für sie sein«, und als beabsichtigte er die Tochter durch solches Versprechen zurückzuhalten, fuhr er fort: »Falls es aber gelingt und sie gedeihen, dann sollen sie Elisabeth gehören.« Elisabeth spürte den Druck seiner Hand und das war ihr beinahe wie eine Andeutung, daß es etwas gab, das sie nicht fest genug umschlossen halten konnte, etwas, von dem man vielleicht meinen mochte, daß es die Zeit war, zusammengeballt und zusammengepreßt wie eine Uhrspirale, und die nun aufzuspringen drohte, sich zwischen den Fingern herauswand, länger wurde, ein beängstigend langes dünnes weißes Band, das zu kriechen begann und von ihnen Besitz zu ergreifen suchte wie eine böse Schlange, so daß man dick, alt und häßlich wurde. Vielleicht spürte dies auch die Mutter, denn sie sagte: »Wenn das Kind einmal von uns weggehen wird, werden wir allein hier sitzen.« Und Elisabeth sagte schuldbewußt: »Ich werde ja immer bei euch bleiben«, sagte es schuldbewußt und beschämt, weil sie selber nicht daran glaubte und es doch wie die Erneuerung eines alten Gelöbnisses klang. »Übrigens sehe ich nicht ein, warum sie dann nicht mit ihrem Mann bei uns wohnen soll«, schlug die Baronin vor, indes der Vater wehrte ab: »Bis dahin ist noch lange Zeit«, und nun mußte Elisabeth wieder an Tante Brigitte denken, die auf Würbendorf saß und dick geworden war, mit ihren Kindern zankte und die mit der holden Gestalt von einst so wenig gemein hatte, daß man sich nicht vorstellen konnte, wie es gewesen war, und sich fast des Glückes schämte, das ihre Nähe einst ausgelöst hatte. Und dabei ist Würbendorf heller und freundlicher als Stolpin und alle hatten sich gefreut, in Onkel Albert einen neuen jungen Verwandten zu erhalten. Mag sein, daß es auch nicht einmal Tante Brigitte gewesen war, die sie so sehr geliebt, sondern es hatte sich die Angliederung eines neuen Verwandten zu solch erregendem und holden Geschehen entfaltet. Würde man mit allen Menschen verwandt sein, so wäre die Welt wie ein gepflegter Park und einen neuen Verwandten bringen, hieße eine neue Rosensorte in den Garten setzen. Untreue und Verrat würden dann zum leichteren Verbrechen: das hatte sie wohl auch schon damals gespürt, als sie sich über Onkel Albert so sehr freute, und in dem Meere des ihnen angetanen Unrechts war es vielleicht diese kleine Insel des Verzeihens, auf welche die Eltern sich jetzt retteten, da sie von der möglichen Heirat der Tochter wie von einem freundlichen Geschick sprachen. Auch die Baronin hatte den Gedanken nicht aufgegeben; und weil das Leben aus lauter Kompromissen besteht, sagte sie: »Überdies wird unser Häuschen im Westend immer für sie bereit sein.« Aber Elisabeths Hand lag noch in der des Vaters, spürte deren Druck, Elisabeth wollte von einem Kompromiß nichts wissen. »Nein, ich bleibe bei euch«, wiederholte sie fast trotzig und sie erinnerte sich, wie bitter sie es als Kind empfunden hatte, daß sie vom Schlafzimmer der Eltern ausgeschlossen war und nicht über ihre Atemzüge wachen durfte; sprach doch die Baronin gerne und oft vom Tode, der den Menschen im Schlafe zu überfallen pflegt, und wenn sie ihren Gatten und Elisabeth damit erschreckte, so wurde es des Morgens selige Überraschung, daß sie die Nacht nicht auf ewig getrennt hatte, wurde zum täglich erneuten stürmischen Wunsch, sich bei den Händen zu nehmen, sich zu halten, auf daß sie niemals voneinandergerissen würden. So saßen sie auch jetzt hier in der Pergola, die von Rosenduft erfüllt war; Elisabeths kleiner Hund kam herangesprungen und begrüßte sie, als hätte er sie für ewig wiedergefunden und legte die Pfoten auf ihr Knie. Die Stöcke der Rosen standen steif und hart vor der grünen Wand des Gartens und gegen den hellblauen Himmel. Niemals würde sie einen Fremden, und wäre er noch so nahe verwandt, des Morgens mit jener Freude begrüßen können, niemals würde sie an seinen Geburtstag mit solcher leidenschaftlicher und fast andächtiger Eindringlichkeit wie etwa an den Geburtstag des Vaters denken können, nie würde sie ihn mit jener unbegreiflichen und doch hohen Angst umhegen, die die Liebe ist. Und da sie dies erkannte, lächelte sie liebend den Eltern nun zu und streichelte den Kopf des Hündchens Bello, das mit angstvollliebenden Augen andächtig zu ihr hinaufsah.

Späterhin begann sie sich zu langweilen und auch das kleine Gefühl der Auflehnung stellte sich wieder ein. Dann war es nicht unangenehm, an Joachim zu denken und sie sah seine schlanke Gestalt und wie er in dem langen viereckigen Uniformrock mit leichter Verbeugung am Bahnsteig gestanden hatte. Aber sein Bild vermischte sich sonderbar unlöslich mit dem der jungen Tante Brigitte, und sie wußte nachgerade nicht mehr, ob Joachim die zarte Brigitte heiraten sollte oder sie selber den jungen Onkel ihrer Kinderzeit. Und wenn sie auch wußte, daß Liebe nicht das ist, was in der Oper und in den Romanen vorgeführt wird, so stand doch fest, daß sie an Joachim ohne Angst dachte; ja, selbst wenn sie die Vorstellung heraufbeschwor, der abrollende Zug hätte damals seinen Degen erfaßt und Joachim wäre unter die Räder geschleudert worden, so erfüllte dieses Bild sie wohl mit Entsetzen, nicht aber mit jener süßen Trauer und Bangigkeit und mit jenem Zittern, mit dem sie am Leben der Eltern hing. Als ihr dies klar wurde, war es wie ein Verzicht, aber auch wie eine kleine traurige Erleichterung. Nichtsdestoweniger nahm sie sich vor, Joachim gelegentlich nach seinem Geburtstag zu fragen.

Joachim war nach Stolpin heimgekehrt. Schon auf dem Wege vom Bahnhof, gleich nachdem sie das Dorf durchquert und die ersten Gutsfelder erreicht hatten, war ein neues Gefühl überraschend in ihm aufgekeimt; er suchte nach einem Wort dafür und fand es: mein Besitz. Als er beim Herrenhaus abstieg, war er mit einem neuen Heimatgefühl ausgestattet.

Nun saß er mit Vater und Mutter beisammen, und we·nn es sich auf das Frühstück beschränkt hätte, wäre es recht erträglich gewesen; da freute er sich, unter der großen Linde sitzen zu können, der Garten lag frisch und sonnig vor ihm; die gute gelbe Butter, der Honig und der Aufsatz mit den Früchten, alldiese Behaglichkeit hob sich wohltuend ab von dem eiligen Frühstück vor dem Dienst. Aber bereits die Mittags- oder Abendmahlzeiten und die Kaffeestunde waren eine Qual; je weiter der Tag fortschritt, desto stumpfer wurde das Beisammensein, und wenn des Morgens die Eltern sich über das Erscheinen des ungewohnten Sohnes gefreut hatten und vielleicht täglich auch erwarteten, es werde etwas Schönes und Lebenfüllendes von ihm ausgehen, so war der Verlauf des Tages- skandiert durch die Mahlzeiten - eine etappenweise Enttäuschung, und gegen Nachmittag war Joachims Gegenwart beinahe zur Verschärfung ihrer zweisamen Unerträglichkeil geworden; selbst die Hoffnung auf die Post, einziger Lichtblick des Alltags, war durch des Sohnes Anwesenheit herabgemindert, und wenn der Alte trotzdem auch jetzt noch täglich dem Postboten entgegenging, so war es fast ein Akt der Verzweiflung, war fast wie eine versteckte Aufforderung für Joachim, doch endlich wegzureisen und Briefe zu schicken. Dabei schien Herr v. Pasenow es selber zu wissen, daß er etwas anderes erwartete als Joachims Briefe und daß der Bote, dem' er entgegenspähte, nicht jener mit der Tasche war.

Joachim machte schwache Versuche, den Eltern näherzukommen. Er besuchte den Vater in dem mit Geweihen ausgeschmückten Zimmer und fragte nach der Ernte, nach der Jagd, hoffte wohl auch, es würde den Alten freuen, daß er der Aufforderung, »sich einzuarbeiten« wenigstens andeutungsweise nachkam. Aber entweder hatte der Vater die Aufforderung vergessen oder er wußte selbst nicht Bescheid über die Verhältnisse auf dem Gute; denn er gab bloß widerwillige, ausweichende Antwort, ja einmal sagte er geradezu: »Darum brauchst du dich vorderhand nicht zu kümmern«, und Joachim, zwar einer lästigen Verpflichtung entbunden, mußte an die Zeit denken, da man ihn auf die Kadettenschule gebracht und ihn zum ersten Male der Heimat beraubt hatte. Jetzt aber war er zurückgekehrt und erwartete seinen eigenen Gast. Das war ein angenehmes Gefühl und enthielt es auch allerlei Feindseliges gegen den Vater, so blieb dies Joachim selber verborgen, ja, er hoffte sogar, daß auch die Eltern mit dieser Unterbrechung der wachsenden Langeweile zufrieden sein und in gleicher Ungeduld wie er der Ankunft Bertrands entgegensehen würden. Er ließ es hingehen, daß der Vater seine Briefschaften durchstöberte und wenn sie ihm dann mit den Worten übergeben wurden: »Scheint leider noch immer keine Nachricht von deinem Freund dabei zu sein; ob er nur überhaupt kommt«, so wollte Joachim, trotzdem es ihm wie Schadenfreude klang, bloß das Bedauern heraushören. Seine Mißstimmung kam erst zum Durchbruch, wenn er überdies einen Brief Ruzenas in den Händen des Vaters sah. Aber der Alte sagte nichts, höchstens klemmte er das Einglas ins Auge und mahnte: »Jetzt solltest du aberwirklich schon mal zu den Baddensen hinüber, wäre schon an der Zeit«; das konnte nun eine Anzüglichkeit bedeuten oder nicht, jedenfalls genügte es, um Joachim das Wiedersehen mit Elisabeth so sehr zu verleiden, daß er den Besuch stets wieder hinausschob, mochten auch ihre Gestalt und ihr wehendes Spitzentüchlein ihn bisher treulich begleitet haben, allerdings immer eindringlicher mit dem Wunsche und mit der Vorstellung verquickt, er müsse Eduard v. Bertrand neben sich auf dem Bocke des Kutschierwagens haben, wenn er an der Freitreppe in Lestow vorfahren werde.

Aber es kam nicht dazu, wenigstens vorderhand nicht, denn eines Tages machten Elisabeth und ihre Mutter einen nachträglichen Kondolenzbesuch bei Herrn und Frau v. Pasenow. Elisabeth war enttäuscht und doch irgendwie befreit, weil Joachim zufällig nicht daheim war, und sie war auch ein wenig beleidigt. Nun saß man im kleinen Salon und die Damen erfuhren von Herrn v. Pasenow, daß Helmuth für die Ehre des Namens gefallen sei. Elisabeth mußte daran denken, daß in vielleicht nicht allzu langer Zeit auch sie den Namen tragen werde, für den einer gefallen war, und mit einem Anflug von Stolz und freundlichem Erstaunen stellte sie fest, daß dann auch Herr und Frau v. Pasenow neue Verwandte sein würden. Man sprach noch über den Trauerfall und Herr v. Pasenow sagte: »So geht es, wenn man Söhne hat; sie fallen für die Ehre oder für den König ... es ist lächerlich, Söhne zu haben«, setzte er scharf und angriffslustig hinzu. »Ach, die Töchter heiraten uns dafür unter der Hand weg«, entgegnete mit fast beziehungsreichem Lächeln die Baronin, »und wir Alten bleiben auf jeden Fall allein zurück.« Aber Herr v.Pasenow erwiderte darauf nicht, wie es sich doch gehört hätte, daß die Baronin beileibe nicht zu den Alten gezählt werden dürfe, sondern er erstarrte in Blick und Haltung und sagte nach einigem Stillschweigen: »Ja, allein zurückbleiben, allein zurückbleiben«, und nachdem er noch ein wenig und offenbar angestrengt nachgedacht hatte, »allein sterben.«- »Aber, Herr v.Pasenow, wir wollen doch nicht ans Sterben denken«, war die mit pflichtschuldig fröhlicher Stimme vorgebrachte Antwort der Baronin, »oh, wir wollen noch lange nicht dar an denken; auf Regen folgt Sonnenschein, mein lieber Herr v.Pasenow, und das soll man sich immer vor Augen halten. « Herr v.Pasenow fand in die Realität zurück und wurde wieder Kavalier: »Vorausgesetzt, daß der Sonnenschein in Ihrer Gestalt in unser Haus kommt, Baronin«, und ohne die geschmeichelte Entgegnung der Baronin abzuwarten, fuhr er fort: »doch wie selten ist das... das Haus ist leer, sogar die Post bringt nichts. Ich habe Joachim geschrieben, aber wenig Antwort; ist auf Manöver.« Erschrocken wandte sich Frau v.Pasenow an ihren Gatten: »Aber... aber, Joachim ist doch hier.« Ein giftiger Blick strafte sie für diese Richtigstellung. »Nun, hat er etwa geschrieben? Und wo ist er jetzt?«, und es wäre sicherlich zu einer kleinen Auseinandersetzung gekommen, wenn nicht der Harzer Kanarienvogel in seinem Käfig die dünne gelbe Garbe seiner Stimme hätte emporschießen lassen. Da aber saßen sie um ihn herum wie um einen Springbrunnen und vergaßen für ein paar Augenblicke alles andere: es war, als ob dieser schmale gelbe Stimmstreifen auf- und niedergleitend sich um sie schlänge und sie zu jener Gemeinsamkeit vereinte, in der die Behaglichkeit ihres Lebens und Sterbens begründet lag; es war, als ob dieser Streifen, der emporschnellte und sie erfüllte, und dennoch zum Ursprung sich wieder zurückbog und rundete, sie des Redens enthöbe, vielleicht weil er ein dünnes, gelbes Ornament im Raum war, vielleicht weil er ihnen für ein paar Augenblicke zum Bewußtsein brachte, daß sie zusammengehörten und sie heraushob aus der fürchterlichen Stille, deren Getöse und deren Stummheit undurchdringlicher Schall zwischen Mensch und Mensch steht, eine Wand, durch die des Menschen Stimme nicht hinüber, nicht herüber mehr dringt, so daß er erbeben muß. Doch jetzt, da der Kanarienvogel sang, hörte selbst Herr v. Pasenow nicht mehr die entsetzliche Stummheit und alle hatten sie ein herzliches Gefühl, als Frau v. Pasenow sagte: »Nun wollen wir uns aber zum Kaffee begeben. « Und auch als sie durch den großen Saal gingen, dessen Vorhänge der Nachmittagssonne wegen geschlossen waren, dachte keiner daran, daß Helmuth hier aufgebahrt gelegen hatte.

Dann kam Joachim und Elisabeth war wieder enttäuscht, denn sie hatte sein Bild in Uniform im Gedächtnis gehabt und er war jetzt mit dem ländlichen Jagdanzug bekleidet. Sie waren fremd und befangen, und selbst als sie mit den anderen in den Salon zurückgekehrt waren und Elisabeth vor dem Käfig des Kanarienvogels stand, dem sie einen Finger zwischen die Stäbe steckte, damit er zornig darauflospicke, selbst als sie da beschloß, daß sie in ihrem eigenen Salon - sollte sie je heiraten - solch einen kleinen gelben Vogel stets werde haben wollen, selbst da konnte sie Joachim mit einer Heirat nicht mehr in Verbindung bringen. Aber das war eigentlich bloß angenehm und beruhigend und erleichterte es ihr, beim Abschied zu verabreden, daß er sie bald zu einem Spazierritt abholen müsse. Vorher würde er natürlich Besuch bei ihnen machen.

Bertrand hatte es endlich ermöglicht, der Einladung Pasenows zu folgen und war mit einem Abendzug zu zweitägigem Zwischenaufenthalt in Berlin eingetroffen. Es verstand sich, daß er sich um Ruzena kümmern wollte: er ging geradenwegs ins Theater und schickte ihr mit ein paar Blumen Botschaft in die Garderobe. Ruzena freute sich über seine Karte, freute sich über die Blumen, und es schmeichelte ihr, daß Bertrand sie beim Bühneneingang erwartete. »Nun, kleine Ruzena, wie geht's?« Und Ruzena erzählte sofort sprudelnd, daß es sehr gut, sehr gut, oh, eigentlich gar nicht gut gehe, weil sie so große Sehnsucht nach Joachim habe, aber jetzt gehe es ihr natürlich gut, weil sie sich schrecklich freue, daß Bertrand, der doch ein so guter Freund von Joachim sei, sie abhole. Als sie dann beim Essen einander gegenübersaßen und vielerlei über Joachim gesprochen hatten, wurde Ruzena, wie dies oft bei ihr geschah, plötzlich traurig: »Jetzt fahrens Sie zum Joachim und ich hab' dableiben; ist Ungerechtigkeit auf die Welt.«- »Natürlich ist Ungerechtigkeit auf die Welt und eine viel ärgere noch als du denkst, kleine Ruzena«- es erschien ihnen beiden angemessen, daß er Du zu ihr sagte-, »und ein wenig hat mich auch die Sorge um dich hergeführt.«- »Wie meinen das?«- »Ja, es paßt mir nicht, daß du in dieser Theaterwirtschaft steckst.« »Warum? Ist doch schön.« - »Es war voreilig von mir, euch nachzugeben ... bloß weil ihr Romantiker seid und euch unter dem Theater weiß Gott was vorgestellt habt.« »Versteh' ich nicht, was meinen.« -»Macht nichts, kleine Ruzena, aber es ist ausgeschlossen, daß du dabei bleibst. Schließlich, wohin soll das führen? Was soll aus dir, Kind, schließlich werden? Man muß doch für dich sorgen und mit Romantik kann man für niemanden sorgen.« Ruzena sagte steif und stolz, daß sie schon allein für sich sorgen werde; sie brauche niemanden und er soll nur gehen, der Joachim, wenn er sie verlassen will, soll er nur gehen, »und Sie sinds schlechter Mensch, nur hergekommen, um Freund schlecht machen«; sie weinte und sah Bertrand unter Tränen feindselig an. Es war nicht leicht, sie zu beruhigen, denn sie blieb dabei, daß er schlechter Mensch und schlechter Freund sei, der ihr so schönen Abend verderben will. Und mit einem Male wurde sie ganz blaß und heftete entsetzte Augen auf ihn: »Hat Ihnen hergeschickt, sagen, daß aus ist?!« - »Aber Ruzena!« - »Nein, können zehnmal sagen nein, ich weiß, daß es so ist, oh, sinds schlecht alle beide. Habens mich hergebracht zu Schande.« Bertrand begriff, daß mit Vernunftgründen da nichts auszurichten war; aber vielleicht war in ihrem ungeschickten Verdacht sogar eine Ahnung von dem wahren Sachverhalt und seiner Hoffnungslosigkeit. Sie sah ratlos aus wie ein kleines Tier, das nicht mehr aus noch ein weiß. Und doch war es vielleicht gut, wenn sie nüchterner in die Zukunft blickte. So schüttelte er bloß verneinend den Kopf: »Sagen Sie, Kind, könnten Sie nicht, solange Joachim fort ist, in Ihre Heimat zurück?« Sie hörte nur heraus, daß sie weggeschickt werden sollte. »Aber Ruzena, wer will Sie denn wegschicken! Aber anstaU daß Sie hier allein in Berlin und bei diesem sinnlosen Theater sind, wäre es doch besser, Sie wären bei Ihren Leuten... « Sie ließ ihn nicht ausreden: »Hab' niemand, alle sind schlecht auf mich... hab' niemand und Sie wollens mich wegschicken.«- »Ruzena, nimm doch Vernunft an; wenn Pasenow wieder in Berlin ist, kommst du auch wieder zurück.« Ruzena hörte ihn nicht mehr, wollte fortgehen, wollte nichts mehr wissen. Aber er mochte sie so nicht fortlassen und dachte, wie er sie auf andere Gedanken bringen könnte; schließlich hatte er den Einfall, daß sie einen gemeinsamen Brief an Joachim schreiben sollten. Ruzena war sofort einverstanden; also ließ er Papier bringen und schrieb darauf: »An einem fröhlichen Abend Ihrer herzliehst gedenkend, senden schöne Grüße Bertrand«, und sie fügte hinzu »und viele Pussi von Ruzena.« Sie drückte einen Kuß auf das Papier, aber die Tränen wollten nicht versiegen. »Ist aus«, wiederholte sie und verlangte, heimgebracht zu werden. Bertrand gab nach. Doch damit er sie in ihrer hilflosen Stimmung nicht zu bald verlassen müsse, schlug er vor, zu Fuß zu gehen. Sie zu beruhigen- Worte versagten ohnehin-, hatte er wie ein guter braver Arzt ihre Hand gefaßt; sie schmiegte sich ein wenig dankbar und Halt suchend an ihn und überließ ihm die Hand mit leisem Druck. Ein kleines Tierchen ist sie, dachte Bertrand, und zur Richtigstellung der Situation sagte er: »Ruzena, ich bin doch schlechter Mensch und dein Feind«, aber sie antwortete nichts. Eine leichte und doch zärtliche Erbitterung über die Verwirrtheit ihres Denkens stieg in ihm auf und erstreckte sich auch auf Joachim, den er für Ruzena und ihr Schicksal verantwortlich machte und der doch nicht minder verwirrt schien als das Mädchen. Mag sein, daß es die Wärme ihres Körpers war, die er spürte, er hatte einen Augenblick lang den bösartigen Gedanken, Joachim würde es verdienen, daß man ihn mit Ruzena betröge, aber das war nicht ernsthaft und er fand bald zu dem liebenswürdigen Wohlwollen zurück, das er sonst stets für Joachim empfunden hatte. Joachim und Ruzena schienen im Wesen, die nur mit einem kleinen Stück ihres Seins in die Zeit, die sie lebten, in das Alter, das sie besaßen, hineinreichten und das größere Stück war irgendwo anders, vielleicht auf einem andern Stern oder in einer andern Zeit oder auch nur bloß in der Kindheit. Bertrand fiel es auf, daß überhaupt so viele Menschen verschiedener Zeitalter zugleich miteinander lebten, und sogar gleichaltrig waren: deshalb wohl ihrer aller Haltlosigkeit und die Schwierigkeit, sich miteinander rational zu verständigen; merkwürdig nur, daß es trotzdem so etwas wie eine menschliche Gemeinschaft und überzeitliche Verständigung gibt. Wahrscheinlich müßte man auch Joachim bloß die Hände streicheln. Was sollte und konnte er mit ihm sprechen? Welchen Zweck hatte überhaupt dieser Besuch in Stolpin? Bertrand war verärgert, aber dann erinnerte er sich, daß er mit Joachim über das Schicksal Ruzenas sprechen werde; dies gab der Reise und der verschwendeten Zeit einen ordentlichen Sinn und, wieder guter Laune, drückte er Ruzenas Hand.

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