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Hermann Broch Die Schlafwandler
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An diesem Nachmittage, an dem Joachim den Besuch in Lestow abstattete, gleich nachdem er weggefahren war, erklomm Herr v. Pasenow die Stiege zum zweiten Stockwerk und klopfte an Bertrands Türe: »Ich muß doch auch einmal Visite bei Ihnen machen... « und mit listigem Einverständnis »ich habe ihn weggeschickt ... es war nicht leicht!« Bertrand sagte einige liebenswürdige Worte; er wäre ja gerne hinuntergekommen. »Nein«, sagte Herr v.Pasenow, »die Form muß gewahrt werden. Aber nach dem Tee wollen wir ein wenig ausgehen. Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen.« Er setzte sich für eine kurze Weile, um die Form seines Besuches zu manifestieren, doch mit der ihm eigenen Unruhe verließ er bald wieder das Zimmer, um wieder zurückzukommen, noch ehe er die Türe hinter sich geschlossen hatte: »Ich will bloß sehen, ob Sie alles haben, was Sie brauchen. In diesem Hause kann man sich auf niemanden verlassen.« Er ging im Zimmer umher, betrachtete La mere des Gracches, besah auch den Fußboden und sagte dann freundlich: »Na, also beim Tee.«
Sie hatten die Zigarren angezündet und gingen durch den Park, durchquerten den Küchengarten, an dessen Obstbäumen bereits die Früchte reiften, und gelangten in die Felder. Herr v. Pasenow war offenkundig guter Laune. Eine Gruppe Erntearbeiterinnen kam ihnen entgegen. Um den Herren auszuweichen, ordneten sie sich im Gänsemarsch am Feldrand und eine nach der anderen grüßte im Vorbeigehen. Herr v. Pasenow sah einer jeden unters Kopftuch und als ihr Gänsemarsch vorübergezogen war, sagte er »stramme Mädchen«. - »Polinnen?« fragte Bertrand.- »Natürlich, das heißt, wohl die meisten,... ja, sind ein unzuverlässiges Pack.« Schön sei es hier, meinte Bertrand, und eigentlich beneide er jeden Landwirt. Herr v. Pasenow klopfte ihn auf den Arm: »Könnten Sie auch haben.« Bertrand schüttelte den Kopf; nun, das sei doch nicht so einfach und man müsse auch dazu erzogen sein. »Würde ich schon besorgen «, war die von vertraulichem Lachen begleitete Antwort. Dann schwieg er und Bertrand wartete. Aber Herr v. Pasenow schien vergessen zu haben, was er ihm eigentlich hatte sagen wollen, denn als Frucht seiner Gedanken äußerte er nach längerer Zeit: »Natürlich müßten Sie mir schreiben,... oft, ja.« Dann: »Wenn Sie einmal hier leben werden, werden wir keine Angst mehr haben; beide werden wir keine Angst mehr haben ... nicht?« Er hatte seine Hand auf Bertrands Arm gelegt und blickte ihn angstvoll an. »Ja, Herr v. Pasenow, warum sollen wir denn Angst haben?« Herr v.Pasenow war erstaunt: »Aber Sie sagten doch... «, er starrte vor sich hin. »Na, ist ja egal... « Er blieb stehen, drehte sich um und es hatte den Anschein, als wollte er heimkehren. Dann besann er sich und führte Bertrand weiter. Nach einer Weile fragte er:» Waren Sie schon bei ihm?«-»?«- »Nun, bei der Gruft.« Bertrand war ein wenig beschämt; aber innerhalb der Atmosphäre dieses Hauses hatte sich wahrlich kein Anlaß ergeben, einen Wunsch nach dem Besuch des Grabes zu äußern. Als er sich anschickte, die Frage entsprechend zu verneinen, lachte Herr v. Pasenow beglückt auf: »Nun, da haben wir ja noch etwas nachzuholen«, und, gleichsam eine frohe Überraschung für den Gast, zeigte er mit dem Stock auf die Friedhofsmauer, die vor ihnen lag. »Gehen Sie hinein, ich will hier auf Sie warten«, befahl er, und da Bertrand ein wenig zögerte, sträubte er sich unwillig: »nein, ich komme nicht mit hinein«, und führte Bertrand bis zu dem Tor, über dem die Aufschrift »Ruhe sanft« in Goldbuchstaben blinkte. Bertrand trat ein und nachdem er eine geziemende Zeit bei der Gruft verweilt hatte, kehrte er zurück. Herr v. Pasenow patrouillierte längs der Mauer, sichtlich ungeduldig: »Waren Sie bei ihm?... und-?« Bertrand drückte seine Hand, aber Herr v. Pasenow wollte anscheinend kein Beileid, sondern wollte etwas hören; er machte eine Bewegung, wie um nachzuhelfen, und als trotzdem nichts erfolgte, seufzte er: »Er ist für die Ehre des Namens gefallen... ja, und Joachim macht indessen Visiten.« Wieder zeigte er mit dem Stock, diesmal in die Richtung von Lestow. Später ergänzte er den Gedanken und kicherte: »Ich habe ihn auf Brautschau geschickt«, und als ob ihn dies erinnerte, daß er doch mit Bertrand etwas besprechen wollte: »Richtig, man sagt mir, daß Sie in Geschäften bewandert seien.« Ja, das schon, allerdings bloß in seinem Spezialgeschäft, antwortete Bertrand. »Na, für unsere Sache wird es wohl noch reichen. Wissen Sie, lieber Freund, ich muß mich jetzt natürlich beraten, da er gefallen ist«, er machte eine Pause und sagte dann wichtig: »Erbschaftsangelegenheiten.« Bertrand meinte, daß Herr v. Pasenow ja sicherlich einen vertrauten Notar haben werde, der ihm hierbei zur Seite stehen müßte, doch Herr v. Pasenow hörte nicht zu: »Joachim wird sich schon durch die Heirat sicherstellen; man könnte ihn enterben«; er lachte wieder. Bertrand versuchte, das Gespräch abzubiegen und wies auf einen Hasen: »Also bald beginnt es wieder mit Weidmannsheil, Herr v.Pasenow.«- »Ja, ja, zur Jagd mag er wohl kommen, dazu ist er immerhin zu brauchen... da wollen wir ihn einladen, ja? natürlich muß er uns schreiben; das wird man ihm schon beibringen, nicht?« Da Herr v.Pasenow lachte, lächelte Bertrand gleichfalls, so unbehaglich er sich auch fühlte. Er war etwas verärgert, weil Joachim ihn diesem Manne ausgeliefert hatte; aber wie ungeschickt schien dieser Joachim sich auch hier zu benehmen, daß er den kindischen Alten in solcher Stimmung belassen konnte. Hatte der Unglücksmensch ihn hergerufen, damit er auch hier Ordnung in seine Angelegenheiten bringe? Er sagte also: »Ja, ja, Herr v.Pasenow, wir werden ihn uns schon erziehen«, und damit hatte er den Ton getroffen, den der Alte hören wollte. Er hängte sich in Bertrand ein, achtete sorgfältig darauf, daß ihre Schritte in Gleichklang blieben, und ließ Bertrands Arm auch nicht los, nachdem sie heimgekehrt waren. Trotz der eingebrochenen Dunkelheit spazierten sie im Hofe auf und ab, bis Joachim vorfuhr. Als Joachim vom Wagen sprang, sagte Herr v. Pasenow: »Ich stelle dir meinen Freund, Herrn v.Bertrand vor«, und mit einer etwas nebensächlichen Handbewegung »und dies ist mein Sohn... kommt von der Brautschau«, setzte er vergnügt hinzu. Der Geruch des Kuhstalls strich herüber und Herr v. Pasenow fühlte sich wohl.
Sie ist eigentlich nicht schön, sagte sich Bertrand, da er Elisabeth am Klavier betrachtete, der Mund ist zu groß und diese Lippen sind von einer merkwürdig weichen und fast bösen Sinnlichkeit. Aber wenn sie lächelt, ist sie reizend.
Es war ein musikalischer Tee, zu dem Joachim und Bertrand eingeladen waren. Ein alter Gutsnachbar und der dürftige Lehrer waren die Begleiter Elisabeths in dem Trio von Spohr, und es schien Joachim, als sei es Elisabeths Verdienst, wenn die silbernen glashellen Tropfen des Klaviers in den braunen Fluß der beiden Streichinstrumente fielen. Er liebte die Musik, obwohl er nicht viel davon verstand, aber nun glaubte er, ihren Sinn zu erkennen: sie war etwas, das rein und klar über allem andern schwebte wie auf einer Silberwolke und kalte, reine Tropfen aus der göttlichen Höhe ins Irdische fallen ließ. Und vielleicht ist sie bloß für Elisabeth vorhanden, wenn auch Bertrand, wie er von der Anstalt her wußte, ein wenig auf der Geige spielen konnte. Nein, es sah nicht danach aus, daß Bertrand im Wege der Musik Elisabeth erobern wollte. Er hatte auf die Frage nach seinem Geigenspiel bloß ausweichend und mit einer wegwerfenden Handbewegung geantWQrtet, und pure Heuchelei mochte es gewesen sein- zynisch genug hatte es ja geklungen -,als er auf dem Heimweg nichts Besseres zu sagen wußte als: »Wenn sie nur nicht diesen grausam langweiligen Spohr spielen wollte!«
Man hatte einen Ausritt vereinbart; Joachim und Bertrand hatten Elisabeth abgeholt. Joachim ritt das Pferd Helmuths, das nun ja wieder zu seinem Besitz geworden war. Über die Stoppelfelder, auf denen noch die Garben standen, waren sie galoppiert und dann mit kurzem Trab in den engen Waldweg eingebogen. Joachim ließ den Gast mit Elisabeth vorausreiten und während er folgte, schien sie ihm in ihrem langen schwarzen Reitkleid noch größer und schmäler als sonst. Er hätte gerne anderswohin geschaut, aber sie saß nicht ganz tadellos zu Pferde und das störte ihn; sie hielt sich ein wenig zu weit vorgebeugt, und wenn sie sich mit dem Trab hob und senkte, den Sattel sitzend berührte und wieder aufschnellte, auf und ab, mußte er an ihren Abschied am Bahnhof denken, und der verächtliche Wunsch, sie als Frau begehren zu können, drängte sich wieder auf, doppelt verächtlich, seitdem der Vater, und dazu noch vor Bertrand, von Brautschau gesprochen hatte. Aber fast noch fürchterlicher war es, daß auch die Eltern Elisabeths, ja sogar ihre eigene Mutter, ihn als Objekt für der Tochter Liebesbegehren ansehen mochten, ihn ihr anboten, sie allesamt überzeugt, daß sie über dieses Liebesbegehren verfügen dürften, daß es sich einstellen und keinesfalls versagen werde. Zwar verbarg sich noch etwas Eigentlicheres, Tieferes dahinter, eine undeutliche Vorstellung, von der Joachim nichts wissen wollte, obwohl er seinen Mund trocken werden fühlte und Hitze im Gesicht; es war undeutlich, dennoch empörend, daß man Elisabeth solche Dinge zuzumuten wagte, er schämte sich vor Elisabeth und schämte sich für sie. Mag sie Bertrand überlassen bleiben, dachte er und vergaß, daß er damit die gleiche Sünde beging, die er eben noch mit solcher Entrüstung von sich gewiesen hatte. Aber plötzlich war es ohne Belang, plötzlich war es, als käme Bertrand nicht in Betracht: er war so weiblich mit seinen gewellten Haaren, irgendwie schwesterlich, eine schwesterliche Fürsorge, der man Elisabeth vielleicht doch überlassen durfte. Es war wohl unwahr, aber für einen Augenblick beruhigend. Warum übrigens ist sie eigentlich schön? und er betrachtete ihren auf- und abwippenden Körper, dessen Schwerpunkt sich immer wieder auf den Sattel setzte. Dabei machte er die Entdeckung, daß es nicht Schönheit, sondern viel eher Unschönheit ist, die Begehren hervorruft; allein er schob den Gedanken beiseite, und während er noch die Szene des Einsteigens am Bahnhof vor Augen hatte, flüchtete er zu Ruzena, deren viele Unvollkommenheiten sie so reizvoll machten. Er ließ sein Pferd in Schritt fallen, damit der Abstand zwischen ihm und den beiden da vorne sich vergrößerte, und nahm aus der Brusttasche den letzten Brief Ruzenas. Das Papier roch nach dem Parfüm, das er ihr geschenkt hatte, und Joachim atmete den Duft der ungeordneten Intimität ihres Beisammenseins. Ja, dort gehörte er hin, dort wolite er sein, fühlte sich freiwillig verbannt aus der Gesellschaft und doch verstoßen, fühlte sich Elisabeths unwürdig. Bertrand war zwar sein Komplice, hatte aber reinere Hände, und da Joachim dies klar wurde, begriff er auch, warum Bertrand ihn und Ruzena eigentlich stets etwas von oben herab, irgendwie onkelhaft oder wie ein Arzt behandelt hatte und ihm die eigenen Geheimnisse verschloß. Niemand deckt die Geheimnisse des Vaters auf; es war richtig, daß es so war und deshalb durfte und mochte jener nun dort vorne an der Seite Elisabeths reiten, unwürdig auch jener, doch besser als er selbst. Helmuth fiel ihm ein. Und als wollte er wenigstens Helmuths Pferd in ihre Nähe bringen, setzte er es in Trab. Die Hufe trappelten weich auf dem Waldboden und wenn ein Ästchen von ihnen getroffen wurde, hörte man das scharfe Knicken des Holzes. Das Leder des Sattels knirschte angenehm, und kühl wehte die Luft aus der dunklen Tiefe des Laubes.
Er erreichte sie am Rande einer langgestreckten Lichtung, die sanft anstieg. Die Kühle des Waldes war hier wie abgeschnitten und man roch die Sonne über dem Grase. Elisabeth schlug mit der Lasche des Reitstockes nach den Pferdefliegen, die sich an der Haut ihres Tieres festgesetzt hatten, und das Pferd, das den Weg kannte, war unruhig, weil es den Galopp über die Lichtung erwartete. Joachim fühlte sich Bertrand überlegen; mochten dessen Geschäfte eine noch so große Ausdehnung haben, im Comptoir bekommt man nicht die Übung, Hindernisse zu springen. Elisabeth zeigte die Hürden, eine Hecke, die sie zu nehmen pflegte, einen gefallenen Baumstamm, einen Graben. Schwierig waren sie nicht. Man ließ den Reitknecht am Rande der Lichtung; Elisabeth übernahm die Führung und Joachim folgte wieder als letzter, nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch, weil er Bertrand springen sehen wollte. Die Wiese war noch nicht gemäht und das Gras zischte leise und scharf an den Beinen der Pferde. Elisabeth führte erst zum Graben; das war eine Kleinigkeit, nicht weiter erstaunlich, daß Bertrand darüber hinwegkam. Aber als auch die Hecke von Bertrand in guter Form genommen worden war, ärgerte sich Joachim aufrichtig; der Baumstamm war allzu leicht, da war keine Hoffnung mehr darauf zu setzen. Joachims Gaul, der die anderen Pferde einholen wollte, ging scharf in die Zügel, und Joachim mußte ihn halten, um die Distanz zu wahren. Nun kam der Baumstamm; Elisabeth und Bertrand hatten ihn leicht und fast elegant erledigt und Joachim gab zum Anlauf dem Pferde die Zügel frei. Jedoch wie es zum Sprunge ansetzte, verhielt er es plötzlich, warum, blieb ihm ewig unerklärlich, das Pferd stolperte über den Stamm, überschlug sich seitwärts und rollte über ihm im Grase. Das ging natürlich sehr schnell und als die beiden andern sich umwandten, standen er, der den Zügel nicht losgelassen hatte, und der Gaul friedlich nebeneinander vor dem Baumstamm. »Was ist geschehen?« Ja, das wußte er selber nicht; er untersuchte die Beine des Tieres, es lahmte am Vorderfuß, man mußte es nach Hause bringen. Ein Fingerzeig Gottes, dachte Joachim: nicht Bertrand, sondern er war gestürzt und es war jetzt recht und billig, daß er sich zu entfernen und Elisabeth jenem zu überlassen hatte. Als Elisabeth vorschlug, er möge das Pferd ihres Reitburschen nehmen und diesen mit dem lahmen Gaul nach Hause schicken, lehnte er es unter dem Eindruck des Gottesurteils verstimmt ab. Schließlich war es auch Helmuths Pferd und man durfte es nicht jedem anvertrauen. Im Schritt trat er den Heimweg an und beschloß, ehestens nach Berlin zurückzukehren.
Sie ritten nebeneinander den Waldweg entlang. Obwohl der Reitbursche in kurzem Abstand folgte, hatte Elisabeth das Gefühl, als seien sie von Joachim allein gelassen worden, und das Gefühl war voller Beklommenheit. Vielleicht spürte sie den Blick Bertrands, der ihr Gesicht streifte. Ihr Mund ist sonderbar, sagte sich Bertrand, und ihre Augen sind von einer Helligkeit, die ich liebe. Sie müßte eine zerbrechliche und aufreizende und eigentlich beschwerliche Geliebte sein. Ihre Hände sind zu groß für eine Frau, mager und schmal. Ein sinnlicher Knabe ist sie. Aber sie ist reizend. Aus Beklommenheit begann Elisabeth ein Gespräch, trotzdem sie das nämliche schon kurze Zeit vorher gesagt hatte: »Herr v. Pasenow hat uns viel von Ihnen und Ihren großen Reisen erzählt.«
»Ja? mir erzählte er viel von Ihrer großen Schönheit.«
Elisabeth antwortete nicht.
»Freut Sie das nicht?«
»Ich mag nicht, daß man von dieser sogenannten Schönheit spricht.«
»Sie sind sehr schön.«
Elisabeth sagte etwas unsicher: »Ich habe Sie nicht zu jenen gerechnet, die die Cour schneiden.«
Sie ist klüger, als ich meinte, dachte Bertrand und er erwiderte: »Ich brächte dieses fürchterliche Wort nicht über die Lippen, nicht einmal, wenn ich verletzen wollte. Aber ich schneide Ihnen nicht die Cour; Sie wissen recht gut, wie schön Sie sind.«
»Warum sagen Sie es mir dann?«
»Weil ich Sie nicht mehr wiedersehen werde.«
Elisabeth schaute ihn betroffen an.
»Natürlich mögen Sie es nicht, daß man von Ihrer Schönheit spricht, denn Sie spüren hinter dieser Courschneiderei eben die Werbung. Wenn ich aber abreise und Sie nicht mehr sehe, kann ich logischerweise nicht um Sie werben und bin legitimiert, Ihnen die nettesten Dinge zu sagen.«
Elisabeth mußte lachen: »Schrecklich, daß man nette Dinge bloß von einem ganz Fremden hören darf.«
»Zumindest kann man sie bloß einem ganz Fremden glauben. In der Vertrautheit liegt von vorneherein der Keim des Unaufrichtigen und Verlogenen.«
»Wenn das wahr wäre, wäre es eigentlich erschreckend.«
»Natürlich ist es wahr, aber deswegen noch lange nicht erschreckend. Vertrautheit ist die hinterlistigste und eigentlich gemeinste Art der Werbung. Statt Ihnen einfach zu sagen, daß man Sie begehrt, weil Sie schön sind, schleicht man sich erst hinterrücks in Ihr Vertrauen ein, um sich gewissermaßen unbemerkt Ihrer zu bemächtigen.«
Elisabeth dachte eine Weile nach, dann sagte sie: »Steckt nicht irgend etwas Gewalttätiges hinter Ihren Worten?«
»Nein, denn ich reise ja ab... der Fremde darf die Wahrheit sprechen.«
»Ich fürchte alle Fremdheit.«
»Weil Sie ihr verfallen sind. Sie sind schön, Elisabeth. Darf ich Sie für diese Stunde so nennen?«
Sie ritten stumm nebeneinander. Dann sagte sie und traf damit das Richtige: »Was wollen Sie eigentlich?«
»Nichts.«
»Dann ist es doch sinnlos.«
»Ich will dasselbe wie jeder, der um Sie wirbt und darum sagt, daß Sie schön sind, aber ich bin aufrichtiger.«
»Ich mag nicht, daß man um mich wirbt.«
»Vielleicht hassen Sie eben bloß die unaufrichtige Form.«
»Sind Sie nicht noch unaufrichtiger als die anderen?«
»Ich werde abreisen.«
»Was beweist das?«
»Unter anderem bloß meine Schamhaftigkeit.«
»?«
»Um eine Frau werben, heißt sich ihr antragen als der atmende Zweibein, der man ist, und das ist schamlos. Und es ist immerhin möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß Sie darum jede Werbung hassen.«
»Ich weiß es nicht.«
»Liebe ist etwas Absolutes, Elisabeth, und wenn das Absolute im Irdischen ausgedrückt werden soll, dann gerät es immer ins Pathos, weil es eben unbeweisbar ist. Und weil es dann so schrecklich irdisch wird, wird das Pathos immer so komisch, der Herr, welcher sich auf das Knie niederläßt, damit Sie auf seine verschiedenen Wünsche· eingehen; und wenn man Sie liebt, muß man dies vermeiden.«
Wollte er damit sagen, daß er sie liebte? Als er schwieg, sah sie ihn fragend an; er schien es verstanden zu haben:
»Es gibt bloß ein wirkliches Pathos und das heißt Ewigkeit. Und weil es keine positive Ewigkeit gibt, muß es negativ werden und heißt Nie-wieder-sehen. Wenn ich jetzt abreise, ist die Ewigkeit da; dann sind Sie ewigkeitsfern und ich darf sagen, daß ich Sie liebe.«
»Sagen Sie nicht solch gewichtige Dinge.«
»Vielleicht ist es eine große Klarheit des Gefühls, die mich zwingt, so mit Ihnen zu reden. Vielleicht ist aber auch ein wenig Haß und Ressentiment dabei, daß ich Sie nötige, solche Monologe anzuhören, Eifersucht vielleicht, weil Sie hier bleiben und weiterleben... «
»Wirklich Eifersucht?«
»Ja, Eifersucht und auch ein wenig Hochmut. Denn es ist auch der Wunsch, einen Stein in den Brunnen Ihrer Seele fallen zu lassen, damit er unverlierbar dort ruhe.«
»So wollen auch Sie sich in meine Vertrautheit dtiingen.«
»Mag sein. Aber noch größer ist der Wunsch, daß Ihnen der Stein noch ein Talisman werden möge.«
»Wann?«
»Wenn der vor Ihnen knien wird, auf den ich jetzt schon eifersüchtig bin und der mit dieser antiquierten Geste Ihnen seine körperliche Nähe anbieten wird: dann könnte die Erinnerung an eine, sagen wir, aseptische Form der Liebe Sie auch daran erinnern, daß hinter jeder ästhetisierenden Geste in der Liebe eine noch größere Roheit steckt.«
»Sagen Sie das allen Frauen, von denen Sie wegreisen?«
»Man sollte es allen sagen, aber ich reise meistens ab, ehe es dazu kommt.«
Elisabeth sah nachdenklich auf die Mähne ihres Pferdes. Dann sagte sie: »Ich weiß nicht, aber mir kommt dies alles sonderbar unnatürlich und abseitig vor.«
»Wenn Sie an die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes denken, dann ist es allerdings unnatürlich. Aber finden Sie es natürlicher, daß Sie einmal mit irgendeinem Herrn, der jetzt irgendwo lebt, irgendwo ißt und trinkt und seinen Geschäften nachgeht und den Sie einmal durch einen dummen Zufall kennenlernen werden und der Ihnen dann bei passender Gelegenheit sagen wird, wie schön Sie sind, und der sich hiezu auf ein Knie niederlassen wird, daß Sie sodann mit diesem Herrn nach Erledigung einiger Formalitäten Kinder bekommen werden: finden Sie dies etwa natürlich?«
»Schweigen Sie doch, es ist ja furchtbar... es ist entsetzlich.«
»Ja, es ist furchtbar, aber nicht weil ich es ausspreche, denn noch viel furchtbarer ist es, daß Sie wohl imstande und fast bereit sind, es zu erleben, nicht aber es zu hören.«
Elisabeth kämpfte mit dem Weinen; sie preßte hervor:
»Warum aber, um Gottes willen, soll ich es denn hören... ich bitte Sie doch, schweigen Sie.«
»Was fürchten Sie, Elisabeth? «
Sie sagte leise: »Ich habe ohnehin schon solche AngsL«
»Wovor?«
»Vor dem Fremden, vor dem anderen, vor dem, was kommen wird... ich kann es nicht ausdrücken. Ich habe eine dunkle Hoffnung, daß das, was einmal kommen soll, mir ebenso vertraut sein wird wie alles, was mir jetzt vertraut ist. Meine Eltern gehören doch auch zusammen. Sie aber wollen mir diese Hoffnung nehmen.«
»Und aus Angst vor der Gefahr wollen Sie sie nicht sehen. Muß man Sie da nicht aufrütteln, damit Sie nicht aus Müdigkeit, aus Konvention, aus Dunkelheit Ihr Schicksal verrinnen lassen oder verstauben oder vertropfen oder so ähnlich... Elisabeth, ich meine es sehr gut mit Ihnen.«
Wieder traf Elisabeth das Richtige, als sie sagte, leise, zaghaft, mit Widerstreben: »Warum bleiben Sie dann nicht?«
»Ich bin Ihnen doch auch bloß vom Zufall hergeweht Und bliebe ich, so wäre es ebenso eine Überrumpelung Ihres Gefühls wie jene, vor der ich Sie warnen wollte; eine etwas aseptischere Überrumpelung, aber doch eine.«
»Was soll ich tun?«
»Das läßt sich bloß negativ beantworten: nichts, was nicht bis in die letzte Faser Ihres Erlebens von Ihnen bejaht werden kann. Nur wer sich frei und gelöst dem Befehl seines Gefühls und seines Wesens unterwirft, kann zur Erfüllung kommen - verzeihen Sie das Pathos.«
»Niemand hilft mir.«
»Nein, Sie sind allein, so allein wie in Ihrem alleinigen Sterben. «
»Es ist nicht wahr. Es ist nicht wahr, was Sie reden. Ich war nie allein, meine Eltern sind es nicht. Sie reden so, weil Sie allein sein wollen... oder weil es Ihnen Freude macht, mich zu quälen ... ?«
» Elisabeth, Sie sind so schön, für Sie ist Erfüllung und Vollendung vielleicht schon in Ihrer Schönheit. Wie sollte ich Sie quälen! Aber alles ist wahr und viel ärger ist es noch.«
»Quälen Sie mich nicht.«
»Irgendwo ist in jedem die wahnsinnige Hoffnung, daß das bißeben Erotik, das uns geschenkt ist, diese Brücke schlagen könnte. Hüten Sie sich vor dem Pathos der Erotik.«
»Vor wem warnen Sie wieder?«
»Alles Pathos zielt daraufhin, Mysterien zu versprechen und mit Mechanik das Versprechen einzulösen. Ich möchte Sie vor dieser Art Liebe bewahrt wissen.«
»Sie sind sehr arm.«
»Weil ich meine leeren Taschen zeige? Hüten Sie sich vor allen, die sie nicht zeigen.«
»Nicht so, nein, ich fühle, daß Sie bemitleidenswerter sind als die anderen, sogar als die anderen, die Sie meinen... «
»Wieder muß ich Sie warnen. Haben Sie in diesen Angelegenheiten niemals Mitleid. Eine Liebe aus Mitleid ist nicht besser als eine käufliche Liebe.«
»Oh!«
»Ja, Sie wollen das nicht hören, Elisabeth. Nun, anders gesprochen: wer aus Mitleid sündigt, präsentiert hinterher die mitleidsloseste Rechnung.«
Elisabeth blickte ihn beinahe feindselig an.
»Ich habe mit Ihnen kein Mitleid.«
»Aber Sie sollen mich auch nicht so böse ansehen, obwohl es fast richtiger wäre, Sie täten es.«
»Wofür richtiger?«
Bertrand schwieg. Nach einer Weile: »Hören Sie, Elisabeth, man muß auch die Aufrichtigkeit zu Ende führen. Ich sage solche Dinge nicht gerne. Aber ich liebe Sie. Das ist mit allem Ernst und mit aller Aufrichtigkeit konstatiert, deren man in diesen Gefühlsdingen fähig ist. Und ich weiß auch, daß Sie mich lieben könnten... «
»Um Gottes willen, schweigen Sie doch... «
»Warum? ich überwerte diese vagen Gefühlslagen keineswegs, werde auch nicht pathetisch werden. Doch kein Mensch kann jene wahnsinnige Hoffnung auslöschen, daß er die mystische Brücke der Liebe nicht noch finde. Aber auch deshalb muß ich abreisen. Es gibt eben bloß ein einziges wahrhaftes Pathos, das der Entfernung, des Schmerzes... wenn man die Brücke tragfähig machen will, dann muß man sie überspannen, da man ja keine Gewichte darauflegen kann. Wenn dann... «