Книга Die Schlafwandler читать онлайн бесплатно, автор Hermann Broch – Fictionbook, cтраница 10
Hermann Broch Die Schlafwandler
Die Schlafwandler
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Hermann Broch Die Schlafwandler

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»Oh, schweigen Sie.«

»Wenn dann doch die Notwendigkeit stärker wird als alles, was man ihr freiwillig entgegensetzt, wenn die Spannung einer unbeschreiblichen Sehnsucht so scharf wird, daß sie die Welt zu zerschneiden droht, dann besteht die Hoffnung, daß die armen Einzelschicksale der Menschen sich herausheben aus dem Wust des Zufalls, aus einer platten und sentimentalen Melancholie, aus der mechanischen und zufälligen Vertrautheit.« Und als spräche er für sich und nicht mehr zu Elisabeth, setzte er fort: »Ich glaube, und das ist tiefster Glaube, daß nur in einer fürchterlichen Übersteigerung der Fremdheit, erst wenn sie sozusagen ins Unendliche geführt ist, sie in ihr Gegenteil, in die absolute Erkenntnis umschlagen und das erblühen kann, was als unerreichbares Ziel der Liebe vor ihr herschwebt und doch sie ausmacht: das Mysterium der Einheit. Durch langsames Aneinandergewöhnen und Vertrautwerden entsteht kein Mysterium. «

Elisabeth weinte.

Er sagte leise: »Ich möchte, daß du die Liebe nie anders erlebtest und erlittest als in dieser letzten und unerreichbaren Form. Und wäre es auch nicht mit mir, ich werde dann nicht eifersüchtig sein. Doch ich leide und bin eifersüchtig und ohnmächtig, wenn ich daran denke, daß du Billigerem verfallen wirst. Weinst du, weil das Vollkommene unerreichbar ist? dann hast du recht zu weinen. Oh, ich liebe dich, sehne mich, in deiner Fremdheit zu versinken, sehne mich, daß du das Endgültige und das Vorbestimmte wärest... «

Nun ritten sie wieder stumm nebeneinander; die Pferde traten aus dem Wald heraus und ein Feldweg führte hinunter zur Landstraße, die sie einschlagen mußten, um nach Hause zu gelangen. Angesichts der staubigen Straße, die weiß unter der Sonne und dem weißlichen Himmel lag, hielt er sein Pferd an und sagte, damit im Schatten der Bäume er es noch aussprechen könne, wieder sehr leise und wie zum Abschied: »Ich liebe dich, ... liebe dich, es ist phantastisch.« Daß sie nun aber noch auf der trockenen, sonnigen Straße beisammen bleiben sollten, dünkte ihnen beiden unmöglich, und sie war ihm dankbar, als er anhielt und sagte: »Ich werde jetzt unseren verunglückten Reiter einzuholen trachten... «, und leiser: »Lebwohl.« Sie gab ihm die Hand, er beugte sich darüber und sie hörte nochmals »Lebwohl «. Sie hatte geschwiegen, doch wie er gewendet hatte, rief sie: »Herr v. Bertrand.« Er kam zurück; sie zögerte ein wenig, dann sagte sie: »Auf Wiedersehen.« Sie hätte gerne Lebwohl gesagt, aber da war es ihr unangebracht und theatralisch erschienen. Als er nach einiger Zeit sich umblickte, konnte er kaum mehr unterscheiden, welche der beiden Gestalten Elisabeth und welche der Reitknecht war; sie waren schon zu weit und die Sonne blendete.

Der DienerPeterstand auf der Terrasse des Lestowschen Herrenhauses und schlug den Gong. Die Mahlzeiten mittels dieser Töne anzukündigen, hatte die Baronin eingeführt und zur Gepflogenheit gemacht, seit sie mit ihrem Gatten in England gewesen war. Und obwohl der Diener Peter nun doch schon etlicheJahredas Instrument bediente, schämte er sich immer noch ein wenig, den kindischen Lärm zu verursachen, besonders da die Töne bis in die Dorfstraße drangen und ihm einst den Spitznamen Trommler eingetragen hatten. Daher schlug er den Gong diskret, entlockte ihm nur wenige dunkle Töne, die rund in die Stille des Parks rollten, und der Rest war ein flaches unmusikalisches blechernes Etwas, das dünngewalzt verhallte.

Im langsamen Schritt durch die mittägliche Dorfstraße reitend, hörte Elisabeth, wie der Diener Peter auf der Terrasse leise den Gong schlug und zum Umkleiden mahnte. Trotzdem beschleunigte sie nicht den Schritt des Pferdes, und wäre sie nicht so sehr in Gedanken gewesen, es wäre ihr aufgefallen, daß sie heute vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben eine Art Widerstreben gegen die Gemeisamkeit des Mittagstisches empfand, ja, daß die Heimkehr in den schönen friedlichen Park, der Eingang zwischen den beiden Pförtnerhäusern, ihr eine große Beklemmung auferlegte. Eine beunruhigende Sehnsucht nach Ferne war in ihr aufgekeimt und zugleich mit der Sehnsucht ein absurder Gedanke, doppelt absurd in solcher Mittagshitze: daß Bertrands Leben in diesem allzu rauben Klima nicht gedeihe und daß er deshalb fliehend stets aufs neue Abschied nehmen müsse. Die Gongschläge waren verhallt. Sie saß im Hofe ab, der Reitbursche hielt ihr den Bügel und eilig ging sie ins Haus: die Schleppe über den Arm geworfen, ging sie die Stufen hinauf, ging gewohnten Weg, dennoch ein wenig im Traume. Ein zarter Mut war über sie gekommen, eine etwas traurige Freude hinzugehen, wohin sie wollte, selber ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und es zu bestimmen; aberalldies gelangte nicht sehr weit, blieb stecken in der Überlegung, was die Eltern sagen würden, wenn sie im Reitkleid bei Tische erschiene. Auch Joachim v. Pasenow wäre jemand, der sich ob solchen Verstoßes schokkieren könnte. Das Hündchen Bello kam kläffend die Stiege heruntergerast, mechanisch gab sie ihm den Reitstock, aber sie lächelte nicht über den Stolz, mit dem er den Stock ins Boudoir voran trug, und so artig Bello ihn ihr vor die Füße legte, andächtig zu ihr aufschauend, als würde er in ihrer Schönheit Erfüllung und Vollendung finden, Elisabeth streichelte ihn nicht, sondern trat vor den Spiegel, blickte lange hinein, ohne sich zu erkennen, sah bloß die schwarze schmale Silhouette, und es war, als würde das Spiegelbild, als würde sie selbst sich enteilen in einer Unbewegtheit, die erst langsam sich löste, da die Zofe eintrat, um täglichem Brauche gemäß beim Aufhaken des Reitkleides behilflich zu sein. Aber als das Mädchen vor sie hinkniete, ihr die Reitstiefel abzustreifen, als der gestreckte Fuß mit einem leichten, kühlen Gefühl aus der Lackröhre schlüpfte und schmal im schwarzen Seidenstrumpf auf des Mädchens Knie lag, suchte sie aufs neue im Spiegel das enteilende Bild, das gleichsam ein Wegeilen war zu irgend jemand, der irgendwo lebte, und der irgendwann vielleicht vor ihr niederknien wird. Die Reitpeitsche lag noch immer dort auf dem Teppich. Elisabeth versuchte, sich Bertrand am Bahnhof vorzustellen in eckiglangem Uniformrock, einen Degen an der Seite, und daß der enteilende Zug ihn erfassen könnte. Irgendeine böse Freude war in dieser Vorstellung und doch eine würgende und noch nie empfundene Angst. Sie saß mit zurückgebeugtem Kopf, die Hände an den Schläfen, als könnte sie durch solche Stellung sich aus dem Befehl eines ungewohnten Zwanges befreien und lösen. »Es ist doch nichts geschehen«, sagte etwas in ihr und sie begriff nicht die vage Spannung, die trotzdem so seltsam deutlich schien, daß man sie beinahe in Worte fassen konnte: die Welt zerschneiden. Sicherlich war es nicht ganz deutlich, aber es war eine Grenzscheide gezogen, und was einstens einheitlich gewesen, diese Welt des Geschlossenen, zerfiel, und die Eltern standen jenseits der Grenze. Dahinter war die Angst, jene Angst, vor der die Eltern sie schützen wollten, als würde ihrer aller Beisammensein davon abhängen: das Gefürchtete, es war jetzt hereingebrochen, sonderbar erschütternd und spannend und doch keineswegs fürchterlich. Man konnte einem Fremden du sagen; das war alles. Und das war so wenig, daß Elisabeth beinahe traurig wurde. Resolut erhob sie sich; nein, sie will sich nicht einer platten und sentimentalen Melancholie hingeben. Sie geht zum Spiegel und streicht sich die Haare zurecht.

Am Fuße der großen Treppe hängt in seinem Ebenholzgestell der Gong aus mattgelber Messingbronze, geziert mit flachen chinesischen Ornamenten. Ein echtes Stück, das der Baron in London erstanden hat. Den Schlegel mit der weichen grauen Lederkugel hält der Diener Peter in der Hand, sieht auf die Uhr und wartet. Es sind vierzehn Minuten seit dem ersten Zeichen vergangen, und wenn der Uhrzeiger die fünfzehnte Minute erreicht haben wird, wird der Diener Peter der Bronzeplatte drei diskrete Schläge verabfolgen.

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