Книга Die Schlafwandler читать онлайн бесплатно, автор Hermann Broch – Fictionbook, cтраница 8
Hermann Broch Die Schlafwandler
Die Schlafwandler
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Hermann Broch Die Schlafwandler

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Vor ihrem Hause nahmen sie Abschied, standen ein paar Augenblicke stumm einander gegenüber und es schien, als ob Ruzena noch etwas erwartete. Bertrand lächelte und noch ehe sie ihm ihren Mund geben konnte, hatte er sie ein wenig onkelhaft auf die Wange geküßt. Sie streichelte rasch seine Hand und wollte ins Haus schlüpfen; er hielt sie bei der Türe zurück: »Ja, kleine Ruzena, morgen früh reise ich; was soll ich Joachim bestellen? « - »Gar nix«, sagte sie rasch und böse; doch dann überlegte sie: »Sinds schlecht, aber werd' auf Bahnhof kommen. « - »Gute Nacht, Ruzena«, sagte Bertrand und wieder stieg die kleine Erbitterung auf, aber da er die Haut ihrer Wange noch immer wie eine Flaumfeder auf seinen Lippen fühlte, ging er in der dunklen Straße auf und ab und schaute zum Hause Ruzenas hinüber, wartend, daß hinter einem Fenster Licht gemacht werde. Aber entweder hatte bei ihr das Licht schon gebrannt oder das Zimmer ging auf den Hof hinaus - Joachim hätte wohl auch für eine bessere Unterkunft sorgen können!- kurz, Bertrand wartete vergebens und nachdem er eine Weile das Haus betrachtet hatte, fand er, daß damit für die Romantik genug geleistet worden sei, zündete eine Zigarre an und ging heim.

Während die Gesellschaftsräume mit Parketten belegt waren, hatten die Gastzimmer im zweiten Stockwerk bloß gebohnte Böden, große Tafeln aus weichem, weißem Holze, die durch etwas dunklere Leisten voneinander getrennt waren. Es mußten mächtige Stämme gewesen sein, aus denen man diese Tafeln einst geschnitten hatte, und wenn es auch nur weiches Holz war, so zeugte die Regelmäßigkeit und die Größe von dem Wohlstand des einstigen Bauherrn. Die Fugen zwischen den Leisten und Tafeln waren scharf gestoßen und wo sie sich später infolge der Eintrocknung des Holzes erweitert hatten, waren sie durch Klemmspäne so sauber aufgefüllt, daß man es kaum merkte. Die Möbel waren wohl vom Dorftischler angefertigt worden und mochten aus jener Zeit stammen, da die napoleonischen Truppen durch die Gegend gezogen waren; zumindest mußte man dar an denken, da sie entfernt an jenen Stil erinnerten, den man Empire nennt, aber es konnte trotzdem sein, daß sie etwas älter oder etwas jünger waren, denn sie wichen mit mancherlei gebauchten Formen von der Geradlinigkeit jener Epoche ab. Hier war ein Spiegelkasten, dessen Glasscheibe höchst unvermittelt durch einen senkrechten Holzstab geteilt war, es gab Kommoden, die mit zu viel oder zu wenig Laden gegen eine reine Architektonik verstießen. Aber wenn auch diese Möbel fast planlos an den Wänden aufgereiht waren, wenn auch das Bett in möglichst unzweckmäßiger Weise zwischen zwei Türen gestellt und der große weiße Kachelofen schräg in seiner Ecke eingezwängt war zwischen zwei Schränken, so machte das geräumige Zimmer dennoch den Eindruck des Behäbigen und Gelassenen, freundlich, wenn die Sonne durch die weißen Vorhänge schien und die Fenster mit ihren Kreuzen sich in der glänzenden Politur der Möbel spiegelten. Dann mochte es sogar auch jetzt vorkommen, daß man das große Kruzifix, welches oberhalb des Bettes den Raum schmückte, nicht mehr als Zier oder als gewöhnlichen Einrichtungsbestandteil wertete, sondern daß es wieder zu dem wurde, als das man es einstens hier angebracht hatte: als Wächter und Erinnerung für den Gast, mahnend, daß er in einem Hause christlicher Gemeinschaft wohne, in einem Hause, das wohl mit mancherlei für sein leibliches Gedeihen sorgte, und aus dem er in fröhlicher Gesellschaft zur Jagd ausziehen durfte, zurückzukehren, um dem Jagddiner und seinen vielen schweren Weinen zuzusprechen, einem Hause, in dem die Jäger sich auch manchen kräftigen Witz erlaubten und wo man in jenen Zeiten, da die Möbel des Zimmers angefertigt worden waren, auch noch ein Auge zudrückte, wenn einem eine Magd gefallen wollte, wo man es aber trotzdem als selbstverständlich erachtete, daß der Gast, und war er vom Weine noch so müde, des Abends das Verlangen haben werde, seiner Seele zu gedenken und seine Sünden zu bereuen. Und es entsprach einer solchen, im Grunde strengen Denkungsart, daß über dem mit grünem Rips bespannten Kanapee ein strenger und nüchterner Stahlstich hing, der bei vielen Besuchern die Erinnerung an die Königin Luise erweckte, denn es war eine hohe Frau in antiker Kleidung darauf abgebildet- »La mere des Gracches« war das Bild betitelt- und nicht nur dieses Kostüm gemahnte an das der Königin, sondern es ließ auch der Altar, zu dem sie emporwallte, an den Altar des Vaterlandes denken. Gewiß, die meisten der Jäger, die in diesem Zimmer schon übernachtet hatten, haben ein weltliches Leben geführt, zupakkend, wo Vorteil und Genuß sich eben bot, haben sich auch nicht gescheut, die Ernte oder die Schweine mit großem Nutzen an den Händler zu verkaufen, waren einer barbarischen Jagd hingegeben, bei welcher Gottes Kreatur in Massen über den Haufen geschossen wurde, und viele von ihnen waren auch nach Weiberfleisch gierig: aber so sehr sie auch das herrisch-sündhafte Leben, das sie führten, als ein von Gott verliehenes gutes Recht und Vorrecht hinnahmen, so waren sie doch bereit, es jederzeit für die Ehre des Vaterlandes oder zum Ruhme Gottes zu opfern, und kamen sie auch nicht in die Lage es zu tun, so war die Bereitschaft, das Leben als etwas Nebensächliches und kaum Erwähnenswertes zu betrachten, so stark, daß dessen Sündhaftigkeit kaum in der Waagschale lastete. Und sie fühlten sich frei von jeder Schuld, wenn sie im morgendlichen Nebel durch das leise knackende Unterholz schritten oder wenn sie abends den Hochsitz auf schmaler steiler Leiter erklommen und über Gebüsch und Lichtung, in der die Mückenschwärme noch tanzten, zum Saume des Waldes hinüberschauten: wenn dann der feuchte Geruch des Grases und des Holzes zu ihnen aufstieg und über das dürre Geländer des Hochsitzes eine Ameise lief, um in der Rinde sich zu verlieren, dann konnte es geschehen, daß in ihrer Seele, obwohl sie doch Kerle waren, die fest und konsequent auf ihren Beinen standen, etwas erwachte, das wie Musik klang und das Leben, das sie gelebt und noch zu leben hatten, so sehr auf einen einzigen Augenblick zusammendrängte, daß sie die Hand der Mutter noch auf dem kindlichen Haar liegen fühlten wie für alle Ewigkeit, und doch der vor ihnen schon stand, durch keine Spanne Zeit, keine Spanne Raum mehr von ihnen getrennt, der, den sie nicht fürchteten: der Tod. Dann konnte alles Holz ringsum zum Holz des Kruzifixes werden, weil nirgends Magisches und Irdisches so eng beisammen wohnt wie im Herzen des Jägers, und wenn der Bock am Rande der Lichtung auftaucht, dann ist die Erleuchtung noch gewärtig und das Leben scheint noch immer zeitlos, augenblicklich und ewig, zusammengeballt in der eigenen Hand, so daß der Schuß, der das fremde Leben tötet, wie ein Sinnbild ist und Notwendigkeit, das eigene in die Gnade zu retten. Immer zieht der Jäger aus, um das Kreuz im Geweih des Hirsches zu sehen, und um der Erleuchtung willen scheint ihm der Preis des Tötens nicht zu hoch. So auch vermag er es, kehrt er von reichlichem Jagddiner in sein Zimmer zurück, nochmals den Blick zum Kruzifix zu erheben und, wenn auch schon aus weiterer Ferne der Ewigkeit zu gedenken, in die sein Leben eingebettet ist. Und vielleicht fällt angesichts dieser Ewigkeit auch die Reinlichkeit des Leibes nicht schwerer ins Gewicht als die Sündigkeit ihres irdischen Lebens: auf dem Waschtisch steht ein Bekken, dessen Kleinheit zu den Formen des Jägers und zu den sonstigen Dimensionen seines Lebens in seltsamem Widerspruch steht, und auch der Krug vermag viel weniger Wasser zu fassen, als der Jäger an Wein zu trinken imstande ist. Auch das schmale Nachtkästchen neben dem Bette, das in Gestalt einer kaschierten Lade dem Geschirre Raum bietet, schreibt diesem bloß geringfügige Abmessungen zu. Der Jäger benützt es und wirft sich krachend ins Bett.

In diesem für die Bedürfnisse des Jägers seit Generationen wohlvorbereiteten Zimmer wurde Bertrand bei seiner Ankunft in Stolpin untergebracht.

Zu den merkwürdigen Erinnerungen, die Bertrand von seinem Stolpiner Aufenthalt zurückbrachte, gehörte nicht zuletzt das Bild des alten Herrn v. Pasenow. Schon am ersten Tage und sofort nach dem Frühstück war er von dem alten Herrn aufgefordert worden, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten und das Gut zu besichtigen. Es war ein trüber, gewitteriger Morgen, reglos lag die Luft, doch dumpf war die Stille vom Takte der Dreschflegel unterbrochen, die von den beiden Tennen herüberdröhnten. Herrn v.Pasenow schien der Rhythmus Freude zu bereiten: mehrmals blieb er stehen und klopfte mit seinem Stocke den Takt mit. Dann fragte er: »Wollen Sie den Kuhstall sehen?« und steuerte auf das langgestreckte niedrige Gebäude zu; in der Mitte des Hofes aber machte er halt und schüttelte den Kopf: »Geht nicht, das Vieh ist auf der Weide.« Bertrand erkundigte sich höflich, welche Rasse er halte; Herr v. Pasenow schaute ihn erst an, als ob er die Frage nicht verstünde, dann sagte er achselzuckend: »ist ja egal«, und führte den Gast zum Hofe hinaus; rings um die leichte Mulde, in der der Hof lag, breiteten sich die Hügel, Feld an Feld, und überall war die Erntearbeit im Gange. »Gehört alles zum Gute«, sagte Herr v. Pasenow, stolz mit dem Stocke im Kreise zeigend; dann blieb sein erhobener Arm mit dem Stock in einer Richtung unbeweglich haften; Bertrand folgte mit den Augen und sah den Kirchturm des Dorfes hinter den Hügeln emporragen: »Dort liegt die Post«, wurde ihm eröffnet und Herr v. Pasenow schlug den Weg zum Dorfe ein. Drückend lag die Schwüle; das Klopfen der Dreschflegel verstummte langsam hinter ihnen und nur der zischende Ton der Mäher, das Dengeln der Sensen, das Rauschen der geworfenen Garben hing noch in der ruhenden Luft. Herr v.Pasenow blieb stehen. »Haben Sie auch manchmal Angst?« Bertrand war betroffen, aber er fühlte sich von dieser menschlichen Frage sympathisch berührt: »Ich? Oh, oft.« Herr v. Pasenow näherte sich interessiert: »Wann haben Sie Angst? Wenn es still ist?« Bertrand merkte, daß hier etwas nicht stimmte: »Nun, Stille ist doch manchmal herrlich; ich bin von dieser Stille über den Feldern geradezu beglückt.« Herr v. Pasenow war unzufrieden und ärgerlich: »Sie verstehen nichts... « Nach einer Pause: »Haben Sie Kinder gehabt?«- »Meines Wissens nicht, Herr v.Pasenow.«- »Nun eben«, Herr v.Pasenow blickte auf die Uhr und lugte den Weg entlang; er schüttelte den Kopf; »unverständlich«, dann wieder zu Bertrand: »Wann haben Sie denn eigentlich Angst?« - doch er wartete die Antwort nicht ab, sondern blickte wieder auf die Uhr: »Er müßte doch schon hier sein... « Dann sah er Bertrand voll an: »Werden Sie mir manchmal schreiben, wenn Sie auf Reisen sein werden?« Bertrand bejahte; er würde es gerne tun und Herr v.Pasenow schien sehr befriedigt. »Ja, schreiben Sie mir nur, es interessiert mich, es interessiert mich vieles... schreiben Sie mir auch, wann Sie Angst haben... aber er ist noch immer nicht hier; Sie sehen, niemand schreibt mir, nicht einmal die Söhne... « Da wird von weitem ein Mann mit einer schwarzen Tasche sichtbar. »Da ist er!« Herr v. Pasenow setzte sich mit Stock und Beinen in geradlinige, eilige Bewegung und als der Mann in Hörweite war, schrie er ihn an: »Wo bleibt Er wieder so lange? Heute ist es das letzte Mal, daß Er zur Post gegangen ist... Er ist entlassen, hört Er, Er ist entlassen!« Er hatte einen roten Kopf bekommen und fuchtelte mit seinem Stock vor des Mannes Gesicht herum; während dieser, offenbar an solche Begegnung schon gewöhnt, ruhig die Tasche von der Schulter nahm und sie seinem Herrn reichte, der beinahe folgsam den Schlüssel aus der Weste zog und mit zittriger Hand öffnete. Zitternd griff er in die Posttasche, doch als er bloß ein paar Zeitungen hervorholte, schien es, als ·sollte sich der Wutanfall wiederholen, da er dem Boten die Ausbeute wortlos unter die Nase hielt. Offenbar besann er sich aber darauf, daß er einen Gast neben sich hatte, denn nun streckte er die Zeitungen Bertrand hin: »Da, sehen Sie selbst... « klagte er und gab sie in die Tasche zurück, sperrte ab und erklärte im Weitergehen: »Ich werde in diesem Jahr wohl in die Stadt ziehen müssen; hier ist es mir zu still.«

Als die ersten Gewittertropfen fielen, waren sie. eben beim Dorfe angelangt und Herr v. Pasenow schlug vor, das Wetter im Hause des Pastors abzuwarten. »Sie müssen ihn ja ohnehin kennenlernen«, fügte er hinzu. Er wurde wütend, weil sie den Pastor nicht daheim antrafen, und als die Pastorin gar noch sagte, daß ihr Gatte in der Schule sei, fuhr er auf: »Sie scheinen auch zu glauben, daß man einem alten Mann alles einreden darf, was einem beliebt, aber so alt bin ich noch lange nicht, um nicht zu wissen, daß jetzt Schulferien sind.« Nun, es habe doch niemand behauptet, daß der Pastor zum Unterricht in der Schule sei, und überdies werde er sofort zurückkommen. »Ausreden «, brummte Herr v.Pasenow, aber die Pastorin ließ sich nicht beirren, sondern bat die Herren, Platz zu nehmen und sie wolle indessen für ein Glas Wein sorgen. Als sie das Zimmer verlassen hatte, beugte Herr v.Pasenow sich zu Bertrand: »Er versteckt sich gerne vor mir, denn er weiß, daß ich ihm dahintergekommen bin.«- »Hinter was, Herr v. Pasenow?«- »Nun, daß er ein völlig unwissender und unfähiger Pastor ist, natürlich. Aber leider bin ich trotzdem gezwungen, die guten Beziehungen mit ihm aufrechtzuhalten. Hier auf dem Lande ist man ja aufeinander angewiesen und... « er zögerte und setzte leiser hinzu: »auch das Grab steht unter seiner Obhut.« Der Pastor trat ein und Bertrand wurde als Freund Joachims vorgestellt. »Ja, der eine kommt, der andere geht«, meinte Herr v. Pasenow sinnend, und die Anwesenden wußten nicht, ob diese Anspielung auf den armen Helmuth eine Freundlichkeit oder eine Grobheit für Bertrand bedeuten sollte. »Ja, und das ist unser Theologe«, stellte er weiter vor, während der Theologe kümmerlich dazu lächelte. Die Frau Pastorin hatte ein wenig Schinken und den Wein serviert, und Herr v. Pasenow hatte rasch ein Glas getrunken. Während die andern am Tische saßen, stand er beim Fenster, klopfte den Takt der Dreschflegel an die Scheiben und sah nach den Wolken, als könne er es nicht erwarten, wieder wegzukommen. In die träge fließende Unterhaltung rief er vom Fenster her: »Sagen Sie, Herr v.Bertrand, haben Sie schon je einen gelernten Theologen gesehen, der nichts vom Jenseits weiß?«- »Herr v. Pasenow belieben wieder zu scherzen«, sagte der eingeschüchterte Pastor. »Bitte sagen Sie selbst: wodurch soll sich der Priester Gottes von uns übrigen Menschen unterscheiden, wenn er keine Verbindung mit dem Jenseits hat?« Herr v. Pasenow hatte sich umgedreht und schaute böse und scharf durch sein Einglas auf den Pastor, »und wenn er es gelernt hat, was ich mir ja zu bezweifeln gestatte, welches Recht hat er, es uns zu verheimlichen?... mir, mir zu verheimlichen!« Er wurde etwas milder, »mir, mir... er gibt es selber zu, einem schwergeprüften Vater.« Der Pastor sagte leise: »Gott allein kann Ihnen Botschaft senden, Herr v. Pasenow, bitte glauben Sie doch endlich daran.« Herr v.Pasenow zuckte die Achseln: »Ich glaube ja daran... ja, ich glaube, nehmen Sie dies zur Kenntnis... « Nach einer Pause, zum Fenster gewandt, wieder achselzuckend: »Ist ja egal«, und blickte, weiter an die Scheiben trommelnd, auf die Straße hinaus. Der Regen fiellangsamer und Herr v. Pasenow kommandierte: »Jetzt können wir gehen«; beim Abschied schüttelte er dem Pastor die Hand: »Und lassen Sie sich mal wieder blicken... zum Abendessen, nicht? Unser junger Freund wird auch mit uns sein.« Dann gingen sie. In der Dorfstraße standen Pfützen, aber auf dem Felde draußen war es beinahe wieder trocken; der Regen hatte kaum genügt, die Risse im Erdboden zu verwaschen. Der Himmel war noch von leichtem weißem Dunst überzogen, man fühlte schon die stechende Sonne, die bald durchbrechen würde. Herr v.Pasenow schwieg, ging auf die Gespräche Bertrands nicht mehr ein. Nur einmal machte er halt und sagte mit erhobenem Stock dozierend: »Man muß mit diesen Gottesgelehrten sehr vorsichtig sein. Merken Sie sich das.«

In der Folge wiederholten sich die Morgenspaziergänge und manchmal schloß sich Joachim ihnen an. Dann war der Alte mürrisch und schweigsam und gab sogar die Versuche auf, etwas über die Angst Bertrands zu erfahren. So versteckt und tastend er sonst seine Fragen anzubringen pflegte, er verstummte nun völlig. Aber auch Joachim war schweigsam. Denn auch er durfte nicht nach dem fragen, was er von Bertrand erfahren wollte und Bertrand blieb beharrlich die Aufklärung schuldig. Solcherart wanderten sie seihdritt über die Felder und sowohl Vater als Sohn nahmen es Bertrand übel, daß er ihre wißbegierige Erwartung enttäuschte. Bertrand aber hatte alle Mühe, ein Gespräch in Gang zu erhalten.

Hatte Joachim seinen Besuch in Lestow erst hinausgeschoben, weil er der Vorstellung verhaftet gewesen war, mit Bertrand dort vorzufahren, so war jetzt der leise Unmut, den er gegen Bertrand hegte, vielleicht daran schuld, daß er die Fahrt neuerdings hinauszögerte: es war eine verschwommene Hoffnung in ihm, es werde, wenn Bertrand nur sprechen wollte, alles so gut und einfach sich gestalten, daß er ihn dann auch ohne weiters nach Lestow werde mitnehmen können. Da aber Bertrand trotz dieser Verlockung, von der er allerdings nichts erfuhr, enttäuschend in seinem Schweigen verharrte, mußte sich Joachim endlich entschließen und fuhr allein. Er kutschierte an einem Nachmittag nach Lestow hinüber, auf dem hochrädrigen Wagen, die Beine in die Decke glatt und vorschriftsmäßig eingeschlagen, die Peitsche schräg vor sich gehalten und die Zügel liefen glatt über den braunen Handschuh. Der Vater hatte bei seiner Abfahrt »na endlich« gesagt, und Joachim war nun von Widerwillen gegen das phantastische Heiratsprojekt erfüllt. Drüben tauchte die Kirchturmspitze des Nachbardorfes auf; eine katholische Kirche und sie erinnert ihn an Ruzenas römisch- katholisches Glaubensbekenntnis; Bertrand hatte von Ruzena erzählt. Wäre es nicht am richtigsten, diesen unsinnigen Aufenthalt einfach abzubrechen, einfach zu ihr zu fahren? Hier begann alles ihn anzuekeln; widerlich war der Staub auf der Straße, widerlich der Straßenbäume staubige müde Blätter, die den Herbst ankündigten. Seit Bertrands Ankunft sehnte er sich wieder nach der Uniform: zwei Menschen in gleicher Uniform, das war unpersönlich, das war des Königs Rock; zwei Menschen in ähnlichen Zivilanzügen, das war schamlos, das war wie zwei Brüder; und als schamlos empfand er den kurzen Zivilrock, der die Beine und den Hosenschluß sehen ließ. Elisabeth war zu bedauern, daß sie Männer in kurzen Sakkos und sichtbaren Hosen betrachten mußte -merkwürdig, daß ihm solches noch niemals bei Ruzena eingefallen war - aber wenigstens zu diesem Besuche hätte er die Uniform anlegen sollen. Die breite weiße Krawatte mit der Hufeisennadel deckte den ganzen Westenausschnitt; das war gut. Er griff danach und vergewisserte sich, daß sie ordentlich saß. Nicht umsonst legt man den Toten im Sarge ein Tuch über den Unterleib. Hier auf dieser Straße nach Lestow war auch Helmuth gefahren, hatte Elisabeth und ihre Mutter besucht und solcher Straßenstaub ist ihm ins Grab nachgegossen worden. Hatte der Bruder ihm eigentlich Elisabeth als Erbe hinterlassen? Oder Ruzena? Oder gar Bertrand? Man hätte Bertrand das Zimmer Helmuths anweisen sollen, anstatt ihn in dem einsamen Gastzimmer unterzubringen; aber das wäre nicht recht angegangen. Dies alles war wie ein unentrinnbares Räderwerk, das doch irgendwie von seinem eigenen Willen abhing und eben deshalb unentrinnbar und selbstverständlich erschien, sicherlich unentrinnbarer als das Räderwerk des Dienstes. Indes er konnte den Gedanken, hinter dem sich vielleicht Entsetzliches auftat, nicht weiter verfolgen, weil er jetzt in das Dorf einbog und auf die spielenden Kinder achthabenmußte; knapp hinter dem Dorf fuhr er zwischen den beiden Gärtnerhäusern links und rechts vom Tore in den Park ein.

»Ich freue mich, Sie endlich wieder bei uns zu sehen. Herr v. Pasenow«, sagte der Baron, der ihn in der Halle empfing, und als Joachim von dem Gaste erzählte, durch den sein Besuch verzögert worden war, machte er es ihm zum Vorwurf, daß er Bertrand nicht gleich mitgebracht hatte. Joachim verstand das nun selber nicht; es wäre sicherlich kein Verstoß gewesen; aber als Elisabeth eintrat, fand er es doch richtiger, daß er allein gekommen war. Er fand sie sehr schön, oh, gewiß könnte auch Bertrand sich dem Bann solcher Schönheit nicht entziehen, und gewiß würde er in ihrer Gegenwart es nicht wagen, jenen allzu zwanglosen Ton beizubehalten, der ihm sonst zu eigen war. Dennoch hätte Joachim gewünscht, dies zu erleben, etwa wie man es sich wünscht, ein häßliches Wort in der Kirche zu hören oder gar einer Hinrichtung beizuwohnen.

Der Tee wurde auf der Terrasse eingenommen und Joachim, der neben Elisabeth saß, hatte die Empfindung, diese Situation vor nicht allzu langer Zeit schon erlebt zu haben. Aber wann war es nur gewesen? Seit seinem letzten Besuch in Lestow waren nahezu drei Jahre vergangen und damals war es Spätherbst und es wäre nicht möglich gewesen, auf der Terrasse zu sitzen. Doch während er noch darüber nachdachte und es doch so war, als hätte man damals die Lichter im Schlosse angesteckt, da führte ihn eine etwas seltsame Verknüpfung ins Absurde, und beinahe wurde es unentwirrbar, weil sein Komplice Bertrandes ekelte ihn ein wenig, da ihm das Wort Komplice einfiel-, weil der Komplice und Zeuge seiner Intimität mit Ruzena auch hier vor Elisabeth mit ihm beisammen sein sollte! Wie hatte er ihn überhaupt bei den Eltern einführen dürfen? Das fatale Gefühl, durch Bertrand ins Gleiten geraten zu sein, stellte sich wieder ein, und plötzlich war es ihm peinlich, daß er sich in seinem Zivilgewande nach dem Tee werde erheben müssen; er hätte gerne seine Serviette auf den Knien belassen, aber schon ging man in den Park. Als die Wirtschaftsgebäude sichtbar wurden, meinte der Baron, daß Pasenow nun wohl auch bald zur Landwirtschaft zurückkehren werde; wenigstens habe der alte Herr es angedeutet. Joachim, mit neuerwachtem Widerwillen gegen des Vaters Versuch, sein Leben zu bestimmen, hätte gerne erwidert, er denke nicht daran, ins Vaterhaus heimzukehren; natürlich konnte man so etwas nicht äußern; es hätte den Tatsachen nicht ganz entsprochen, auch nicht seiner wiedergefundenen Anhänglichkeit an Heimat und Besitz, und so sagte er bloß, daß es nicht leicht sei, den Dienst zu verlassen, um so weniger, als er nun doch knapp vor dem Rittmeister stehe. Und man gäbe eine liebgewordene Karriere, und sei es auch nur aus Gefühlskonvention, nicht so leicht und ohne weiteres auf; er sähe dies am besten bei seinem Freunde, Herrn v. Bertrand, der sichtrotz manch bedeutenden Erfolges wahrscheinlich immer noch insgeheim zum Regiment zurücksehne. Und wie ohne sein Zutun begann er, von den weltumspannenden Geschäften Bertrands zu erzählen, von seinen großen Fahrten und er umgab ihn, fast knabenhaft, derart mit dem Nimbus eines Forschungsreisenden, daß die Damen nicht umhin konnten, ihre Freude über die baldige Bekanntschaft eines so interessanten Mannes kundzutun. Nichtsdestoweniger hatte Pasenow den Eindruck, als fürchteten sie sich allesamt, nicht eben vor Bertrand, so doch vor dem Leben, das jener führte, denn Elisabeth war fast kleinlaut und meinte, es sei schlechterdings unvorstellbar, etwa einen Bruder oder sonst einen nahen Verwandten so weit draußen in der Welt zu wissen, daß man nie mit Sicherheit angeben könne, wo er sich befinde. Und der Baron sagte zustimmend, daß bloß ein Mensch ohne Familie ein solches Leben führen dürfe. Ein Seemannsleben, fügte er hinzu. Doch Joachim, der hinter dem Freunde nicht allzusehr zurückstehen wollte, ja hier sich geradezu als sein Vertreter fühlte, erzählte nun noch, daß Bertrand ihn angeregt habe, sich zum Kolonialdienst zu melden, und die Baronin erwiderte strenge: »Das dürfen Sie Ihren armen Eltern nicht antun.«- »Nein«, sagte der Baron, »Siegehören auf die heimatliche Scholle«, und Joachim hörteesnicht ungern. Dann kehrten sie um und gelangten, von Elisabeths Hunden begleitet, wieder zu der großen Lichtung vor dem Hause. Das Gras roch schon feucht und tauig und die Lichter im Hause wurden bereits angesteckt; denn die Abende begannen kurz zu werden.

Als Joachim zurückfuhr, dunkelte es vollends. Das letzte, was er von Elisabeth gesehen hatte, war ihr Schatten auf der Terrasse; sie hatte den Gartenhut abgenommen und im Zwielicht des verlöschenden Tages stand sie gegen den hellen Himmel, der von rötlichen Streifen durchzogen war. Deutlich sah man ihren schweren Haarknoten im Nacken und Joachim fragte sich, warum er dieses Mädchen so schön fand, so schön, daß die Süße Ruzenas dagegen aus seinem Gedächtnis schwinden wollte. Und doch sehnte er sich nach Ruzena und nicht nach der Reinheit Elisabeths. Warum war Elisabeth schön? Die Bäume an der Straße ragten nun dunkel und der Staub roch kühl, vielleicht wie in einer Höhle oder einem Keller. Doch im Westen lag noch ein rötlicher Streifen in dem dunkelnden Himmel über der welligen Landschaft.

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