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Hermann Broch Die Schlafwandler
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Er hatte den zwar nicht sehr deutlichen, doch dringenden Wunsch, den Mann nun einzuholen, und ihm mitzuteilen, daß er Ruzena aus dem Kasino nehmen und fortab nicht mehr verheimlichen werde; aber kaum war er einige Schritte gegangen, als jener eilig in die Börse hineingewatschelt war. Joachim sah einen Augenblick lang auf das Tor; war dies der Ort der Verwandlung? Würde nun Bertrand selbst herauskommen? Er überlegte, ob er ihn sofort mit Ruzena werde zusammenführen müssen und verneinte die Frage: Bertrand gehörte doch zur Welt der Nachtlokale, und eben diese Welt war es, der er Ruzena jetzt entreißen mußte. Aber das wird sich finden; schön wäre es, von all dem nichts zu wissen und mit Ruzena durch einen stillen Park und an einem stillen Teich zu wandeln. Er stand vorder Börse. Ersehnte sich nach dem Lande. Der Verkehr toste um ihn herum; oben donnerte die Stadtbahn. Er blickte die Passanten nicht mehr an, wußte er auch, daß sie fremdartig und unheimlich aussahen. Er wird diese Gegend fortab vermeiden. Gerade und steif hielt sich Joachim v.Pasenow mitten im Gewoge vor der Börse. Er wird Ruzena sehr lieben.
Bertrand stattete ihm einen Kondolenzbesuch ab und Joachim war sich wieder einmal nicht klar, ob dies als nett oder als zudringlich zu werten sei; man konnte es so oder so auffassen. Bertrand entsann sich Helmuths, der manchmal, aber selten genug, nach Culm gekommen war, und das war immerhin ein erstaunliches Gedächtnis: »Ja, er war ein blonder, stiller Junge, sehr verschlossen... ich glaube, daß er uns beneidet hat... er dürfte sich auch später nicht viel verändert haben... übrigens war er Ihnen ähnlich.« Das war nun wieder etwas zu vertraulich, fast schien es, als wollte Bertrand den Tod Helmuths für sich ausnützen; übrigens war es kein Wunder, daß Bertrand sich aller Begebenheiten seiner einstigen militärischen Karriere so erstaunlich genau entsann: man erinnert sich gerne glänzenderer Zeiten, deren man verlustig geworden ist. Aber Bertrand sprach trotzdem durchaus nicht sentimental, sondern sachlich und ruhig, so daß der Tod des Bruders einen menschlicheren und leichteren Aspekt bekam, irgendwie unter den Händen Bertrands objektiv, zeitlos und versöhnlich wurde. Joachim hatte sich über das Duell seines Bruders eigentlich wenig Gedanken gemacht; alles, was er seit dieser Begebenheit darüber gehört hatte und was in allen Kondolenzen unzählige Male wiederholt wurde, ging in der gleichen Richtung: daß Helmuth von einem unabänderlichen Fatum der Ehrenhaftigkeit, aus dem es kein Entrinnen gab, tragisch erfaßt worden sei. Bertrand dagegen sagte: »Das Merkwürdigste ist es doch, daß man in einer Welt von Maschinen und Eisenbahnen lebt und daß zur nämlichen Zeit, in der die Eisenbahnen fahren und die Fabriken arbeiten, zwei Leute einander gegenüberstehen und schießen.«
Er hat kein Ehrgefühl mehr, sagte sich Joachim, und trotzdem schien Bertrands Meinung natürlich und einleuchtend. Doch Bertrand fuhr fort: »Das mag wohl davon herrühren, daß es sich um Gefühle handelt... «
»Ehrgefühl«, sagte Joachim.
»Ja, Ehrgefühl und ähnliches.«
Joachim schaute auf - machte Bertrand sich doch wieder lustig? Er hätte gerne gesagt, daß man nicht bloß vom Standpunkt des Großstädters sprechen dürfe; auf dem Lande draußen seien die Gefühle unverfälschter und sie bedeuten mehr. Bertrand verstand also eigentlich nichts davon; dies durfte man natürlich einem Gaste nicht sagen, und Joachim bot schweigend Zigarren an. Aber Bertrand zog seine englische Pfeife und den ledernen Tabaksbeutel aus der Tasche: »Es ist so merkwürdig, daß gerade das Leichteste, Vergänglichste, das eigentlich Beharrliche ist. Körperlich kann sich der Mensch unglaublich geschwind neuen Lebensbedingungen anpassen. Aber selbst die Haut und die Haarfarbe sind beharrlicher als das Knochengerüst.«
Joachim betrachtete die helle Haut und die allzu gewellten Haare Bertrands und wartete, worauf jener hinaus wollte. Bertrand merkte sogleich, daß er sich nicht genügend verständlich gemacht hatte: »Nun, das Beharrlichste in uns sind wohl die sogenannten Gefühle. Wir tragen einen unzerstörbaren Fundus von Konservativismus mit uns herum. Das sind die Gefühle oder richtiger Gefühlskonventionen, denn sie sind eigentlich unlebendig und Atavismen.«
»Sie halten also konservative Prinzipien für Atavismen?«
»Oh, manchmal schon, nicht immer. Obgleich es sich hier eigentlich nicht darum handelt. Ich meine, daß das Lebensgefühl, das man hat, immer etwa ein halbes oder auch ein ganzes Jahrhundert dem wirklichen Leben nachhinkt. Das Gefühl ist eigentlich immer weniger human als das Leben, in dem man steht. Denken Sie doch nur, daß ein Lessing oder ein Voltaire es ohne Revolte hingenommen haben, daß man zu ihrer Zeit noch gerädert hat, schön von unten herauf, für unser Gefühl unvorstellbar- und glauben Sie, daß es bei uns anders ist?«
Nein, darüber hatte sich Joachim noch nie Gedanken gemacht. Bertrand mochte recht haben. Aber warum sagte er ihm dies alles?
Er spricht ja wie ein ZeitungsschreibeL Bertrand sagte: »Wir nehmen es ruhig hin, daß zwei Menschen, beide sicherlich anständig, denn mit einem anderen hätte ihr Bruder sich nicht duelliert, an einem Morgen einander gegenüberstehen und schießen. In welcher Konvention des Gefühls müssen die beiden befangen sein und wie sehr sind wir es selber, daß wir es ertragen können! Das Gefühl ist träge und daher so unverständlich grausam. Die Welt ist von der Trägheit des Gefühls beherrscht.« Trägheit des Gefühls! Joachim war davon getroffen; war er nicht selber voller Trägheit des Gefühls, war es nicht strafbare Trägheit, daß er nicht genügend Phantasie aufbrachte, Ruzena trotz ihres Sträubens mit Geld zu versorgen und aus dem Kasino herauszunehmen? Er sagte bestürzt: »Wollen Sie wirklich Ehre als Trägheit des Gefühls bezeichnen?«
»Ach, Pasenow, Sie stellen zu eindeutige Fragen«, Bertrand hatte wieder das gewinnende Lächeln, mit dem er Differenzen zu überbrücken pflegte, »ich meine schon, daß Ehre ein sehr lebendiges Gefühl ist, bin indes auch überzeugt, daß überlebte Formen stets voller Trägheit sind und daß viel Müdigkeit dazu gehört, sich einer toten und romantischen Gefühlskonvention hinzugeben. Viel verzweifelte Ausweglosigkeit gehört dazu... «
Ja, Helmuth war müde gewesen. Doch was verlangte Bertrand? Wie mochte man sich dieser Konvention entledigen? Joachim fühlte mit Schaudern die Gefahr, daß man wie Bertrand ins Gleiten geraten könnte, wenn man der Konvention entrinnen wollte. Gewiß war er in seiner Beziehung zu Ruzena der strengsten Konvention schon entglitten, jetzt aber durfte es nicht weitergehen und die lebendige Ehre verlangte, daß er bei Ruzena bliebe! Vielleicht hatte Helmuth dies vorausgeahnt, als er ihn warnte, aufs Gut zurückzukommen. Denn dann war Ruzena verloren. So fragte er unvermittelt: »Was halten Sie von der deutschen Landwirtschaft?«, fast hoffend, daß Bertrand, der stets auch praktische Gründe bei der Hand hatte, ihn ebenfalls warnen werde, Stolpin zu übernehmen. »Schwer zu beantworten, Pasenow, besonders wenn jemand von der Landwirtschaft so wenig versteht wie ich,... wir haben ja alle noch das feudale Vorurteil, daß auf Gottes Erdboden die Beschäftigung mit diesem Boden auch die solideste Existenz darstellt.« Bertrand machte eine leicht wegwerfende Handbewegung, Joachim v. Pasenow war davon enttäuscht, freilich auch befriedigt, der Kaste dieser Bevorzugten anzugehören, während Bertrands unsichere Handelsexistenz sozusagen bloß als Vorstufe zu einer solideren Lebensform anzusehen war. Offenbar bereute er doch, das Regiment verlassen zu haben; wie leicht hätte er als Gardeoffizierein Guterheiraten können! Dies jedoch war eine Überlegung, die seines Vaters würdig gewesen wäre und Joachim schob sie beiseite, fragte bloß, ob Bertrand daran dächte, sich späterhin ansässig zu machen. Nein, meinte Bertrand, das würde er wohl kaum mehr tun, er sei wohl nicht der Mensch, den es lange an einem Platze leide. Und sie sprachen noch allerlei über Stolpin, über die dortigen Wildverhältnisse, und Joachim lud Bertrand ein, ihn zur Herbstjagd draußen zu besuchen. Und plötzlich läutete die Türklingel: Ruzena! durchfuhr es Joachim und fast feindlich sah er Bertrand an: nun sitzt er seit zwei Stunden hier, trinkt Tee und raucht; das ist ja kein Kondolenzbesuch mehr. Aber Joachim mußte sich gleichzeitig eingestehen, daß er selbst es gewesen war, der Bertrand in den Lehnstuhl und zum Bleiben genötigt und ihm Zigarren angeboten hatte, trotzdem er doch eigentlich hätte wissen müssen, daß Ruzena kommen werde. Jetzt natürlich, da es geschehen war, konnte man nicht mehr zurück; natürlich wäre es passender gewesen, wenn er Ruzena vorher gefragt hätte. Sie wird sich vielleicht doch gestört fühlen, wollte vielleicht selber die Heimlichkeit, die zu durchbrechen er sich jetzt anschickte, wollte in ihrer Güte vielleicht sogar vermeiden, daß er sich ihrer schämen müßte- vielleicht war sie wirklich nicht ganz gesellschaftsfähig; er konnte es nicht mehr beurteilen, denn wenn er sie sich vorstellte, sah er bloß ihren Kopf und ihre aufgelösten Haare in den Kissen neben sich, atmete den Duft ihres Körpers, wußte aber kaum mehr, wie sie in Kleidern aussah. Nun schließlich, Bertrand ist Zivilist, hat selber zu lange Haare, und da hatte dies alles weniger auf sich. Er sagte also: »Hören Sie, Bertrand, ich erhalte jetzt Besuch einer netten jungen Dame; darf ich Sie bitten, mit uns zu Abend zu speisen?« - »Oh, wie romantisch«, antwortete Bertrand, natürlich wolle er es gerne tun, wenn er nicht störe.
Joachim ging hinaus, um Ruzena zu begrüßen und sie auf den Gast vorzubereiten. Sie war sichtlich betroffen, einen Fremden vorzufinden. Aber sie war nett zu Bertrand und Bertrand war nett zu ihr. Joachim empfand die Routine der Freundlichkeit, mit der die beiden einander behandelten, als unangenehm. Man beschloß, daheim zu essen; der Bursche wurde um Schinken und Wein gesandt und Ruzena lief ihm nach: auch Apfelkuchen mit Schlagsahne möge er bringen. Sie war glücklich, daß sie in der Küche wirtschaften und Kartoffelpuffer fabrizieren durfte. Später rief sie Joachim in die Küche hinaus; er meinte erst, daß sie sich bloß in ihrer großen weißen Schürze, den Kochlöffel in der Hand, zeigen wollte, und war sehr bereit, dieses Bild hausfraulicher Lieblichkeit mit großer Rührung aufzunehmen, sie aber lehnte draußen an der Tür und weinte; fast war es ein wenig wie damals: er war, ein kleiner Junge, zu der Mutter in die große Küche gekommen und dort hatte eine der Mägde- vielleicht war ihr von der Mutter eben gekündigt worden -so bitterlich geschluchzt, daß er, hätte er sich nicht geschämt, am liebsten mitgeweint hätte. »Jetzt hast mich nicht mehr lieb«, schluchzte Ruzena an seinem Halse und obwohl sie sich inniger denn je küßten, ließ sie sich nicht beruhigen, »... is aus, weiß es, is aus... «, wiederholte sie, »aber geh hinein jetzt, muß kochen. « Sie trocknete die Tränen, lächelte. Doch ungern ging er zurück und ungern wußte er Bertrand im Zimmer; natürlich war es kindisch von ihr, war es kindisch, zu meinen, daß es Bertrands halber aus wäre, und trotzdem war es richtiger weiblicher Instinkt, ja, richtiger weiblicher Instinkt, man konnte es nicht anders nennen, und Joachim fühlte sich bedrückt. Denn mochte auch Bertrand, zynisch genug, ihn mit den Worten »Sie ist reizend« empfangen und den dankbaren Stolz des Königs Kandaules in ihm erwecken, unerschüttert blieb das Drohende: wenn er nach Stolpin zurückkehren würde, dann war Ruzena verloren und dann müßte es wohl aus sein. Hätte ihm Bertrand wenigstens von der Beschäftigung mit der Landwirtschaft abgeraten! Oder wollte er- und vielleicht gar gegen die eigene Oberzeugung- ihn zu diesem Erwerbszweig drängen, bloß um ihn aus Berlin zu entfernen und um Ruzena, die er vielleicht trotzallem als sein rechtmäßiges Eigentum betrachtete, für sich zu gewinnen? Das war doch nicht anzunehmen!
Ruzena, von dem Burschen gefolgt, kam mit dem großen Tablett herein. Sie hatte die Küchenschürze abgelegt und zwischen den beiden Männern an dem kleinen runden Tische sitzend, spielte sie grande dame, machte singend-stakkatierlen Tonfalles Konversation mit Bertrand, den sie von seinen Reisen erzählen ließ. Die beiden Fenster des Zimmers standen offen und ungeachtet der dunklen Sommernacht dort draußen erinnerte die milde Petroleumlampe über dem Tische an weihnachtlichen Winter und an die Geborgenheit der kleinen Wohnstubenhinterden Geschäftsläden. Wie sonderbar, daß er die Spitzentüchlein hatte vergessen können, die er für Ruzena an jenem Abend in unbestimmter Sehnsucht gekauft hatte. Nun lagen sie noch immer im Schranke und gerne würde er sie Ruzena geben, wenn Bertrand nicht hier wäre und wenn sie nicht so gespannt auf diese Erzählungen horchen würde, von den Baumwollplantagen und den armen Negern, deren Väter noch Sklaven waren, freilich, richtige Sklaven, die man verkaufen konnte. Wie, auch die Mädchen hat man verkauft? Ruzena schauderte und Bertrand lachte, lachte leicht und angenehm: »Üh, Sie müssen keine Angst haben, kleine Sklavin, es geschieht Ihnen nichts!« Warum sagte Bertrand dies? Zielte er darauf hin, Ruzena zu kaufen oder sie geschenkt zu bekommen? Joachim muß an den Gleichklang von Sklaven und Slaven denken und daran, daß alle Neger einander gleichen, so daß man sie kaum auseinanderhalten kann, und es war wieder, als wollte ihn Bertrand in Hirngespinste treiben, ihn erinnern, daß Ruzena von ihrem italienisch-slavischen Bruder nicht zu unterscheiden war! Hatte jener die schwarzen Heerscharen deshalb heraufbeschworen? Aber Bertrand lächelte ihn bloß freundlich an und war blond, so blond fast wie Helmuth, wenn auch ohne Vollbart, und sein Haar war gewellt, allzu gewellt, anstatt straff aufgebürstet; und für einen Augenblick war wieder alles verworren und man wußte nicht, wem Ruzena rechtmäßig zugehörte. Hätte die Kugel ihn getroffen, so wäre Helmuthanseiner Stelle hier und der hätte auch die Kraft gehabt, Elisabeth zu schützen. Ruzena wäre vielleicht für Helmuth zu gering gewesen; dennoch war er selber nichts als der Stellvertreter des Bruders. Joachim graute es, als ihm dies klar wurde, es graute ihm, weil einer durch den andern zu vertreten war, weil Bertrand einen kleinen weichen bärtigen Vertreter hatte, und weil von hier aus sogar des Vaters Ansichten verzeihlich wurden: warum gerade Ruzena, warum gerade er? warum also nicht wirklich Elisabeth? es war alles irgendwie gleichgültig und er begriff die Müdigkeit, die Helmuthin den Tod getrieben hatte. Mochte Ruzena recht haben und ihrer Liebe Ende nahe sein, es war plötzlich alles in eine große Ferne gerückt, in der die Gesichter Ruzenas und Bertrands kaum auseinander zu kennen waren. Gefühlskonvention, hatte Bertrand gesagt.
Ruzena dagegen schien ihre düstere Prophezeiung vergessen zu haben. Sie hatte nach Joachims Hand unter dem Tische gehascht und als er, in panischer Wohlerzogenheit und mit einem Seitenblick auf Bertrand, die Hand in die Öffentlichkeit des hellbeleuchteten Tischtuchs rettete, griff Ruzena nach ihr und streichelte sie; und Joachim, in der Berührung des Besitzes wieder froh geworden, überwand mit kleinem Anlauf seine Scham und behielt ihre Hand in der seinen, so daß es mithin in aller Öffentlichkeit sichtbar wurde, wie sie rechtmäßig zusammengehörten. Und sie taten doch nichts Unrechtes; in der Bibel hieß es doch: wenn ein Bruder stirbt vor dem andern ohne Kinder, so soll sein Weib keinen Fremden nehmen, sondern sein Bruder soll es nehmen. Ja, so ähnlich mußte es heißen und es war absurd, daß er Helmuth mit einer Frau betrügen könnte. Dann aber klopfte Bertrand ans Glas und hielt einen kleinen Toast, und man wußte wieder nicht, ob er es ernst meinte oder ob er spaßte oder ob die wenigen Glas Sekt für ihn schon zuviel gewesen waren, so außerordentlich schwer verständlich war seine Rede, da er von der deutschen Hausfrau sprach, die am reizendsten als Imitation sei, weil ja das Spiel doch die einzige Realität dieses Lebens bleibe, weshalb auch die Kunst stets schöner sei als die Landschaft, ein Kostümfest netter als echte Trachten und das Heim eines deutschen Kriegers erst dann vollkommen werde, wenn es, gewöhnlicher Eindeutigkeit entrückt, durch einen traditionslosen Kaufmann zwar entweiht, durch das lieblichste Böhmermädchen hingegen geweiht worden ist, und darum bitte er die Anwesenden, mit ihm auf das Wohl der schönsten Hausfrau anzustoßen. Ja, das war alles etwas dunkel und hinterhältig und man wußte eben nicht recht, ob mitallden Anspielungen auf die Imitation und die Nachahmung nicht irgendwie die eigenen Gedanken über den Vertreter gemeint waren, aber da Bertrand trotzeines gewissen ironischen Zuges um den Mund nicht aufgehört hatte, Ruzena sehr freundlich anzuschauen, wußte man auch, daß es eine Huldigung für sie gewesen war und daß man sich über all die dunklen Unverständlichkeiten hinwegsetzen durfte, und das Essen endete für sie alle in einer angenehmen Fröhlichkeit und Unbeschwertheit.
Später ließen sie es sich nicht nehmen, Bertrand in sein Absteigequartier zu begleiten, wohl auch, weil sie nicht offen zeigen wollten, daß Ruzena noch bei Joachim bleiben werde. Ruzena in der Mitte, gingen sie durch die stillen Straßen, jeder allein, da Joachim nicht wagte, Ruzena den Arm zu reichen. Als Bertrand im Hauseingang verschwunden war, sahen sie einander an und Ruzena fragte sehr ernst und ergeben: »Bringst mich in Kasino?« Er fühlte, wie schwer und ernst es ihr von den Lippen kam, aber er empfand nur müde Gleichgültigkeit, so daß er beinahe die Frage ebenso ernst bejaht und es sogar ertragen hätte, jetzt Abschied für immer zu nehmen, und wenn Bertrand zurückgekommen wäre, um Ruzena wegzuführen, Joachim hätte es ertragen. Unerträglich jedoch war der Gedanke an das Kasino. Und beschämt, daß es solchen Anstoßes bedurfte, trotzdem fast glücklich, nahm er schweigend ihren Arm. Sie liebten sich in dieser Nacht mehr denn je. Nichtsdestoweniger vergaß Joachim auch diesmal, Ruzena ihre Spitzentüchlein zu geben.
Täglich, wenn der kleine einspännige Postwagen vom Morgenzuge zurückkehrte und beim Amt im Dorfe vorfuhr,Iehnte der Bote vom Gut bereits am Schalter, zwar nur ein Privatbote, dennoch zum Inventar des Postamtes gehörig, gewissermaßen selber zur Amtsperson geworden, vielleicht sogar über die beiden dort befindlichen Amtspersonen gesetzt, nicht etwa seiner persönlichen Leistung wegen, mag er auch schon selber im Dienste ergraut sein, wohl aber, weil er vom Gute kam und seine Würde eine Einrichtung war, die schon viele Jahrzehnte bestand, sicherlich in jene Zeit zurückreichte, in der es noch keinerlei Reichspost gab, sondern, selten genug, die Postkutsche durchs Dorf fuhr und ihre Briefschaften beim Kruge abgab. Die große schwarze Posttasche, deren Riemen seinem Anzug ein diagonales Abzeichen über den Schultern eingebrannt hatte, hatte so manchen Boten überlebt und sicherlich mochte sie aus dieser längst vergangenen und wohl auch besseren Zeit stammen; denn da ist keiner so alt im Dorfe, daß in seinen fernsten Jugendtagen nicht die Tasche schon an ihrem Haken gehangen und nicht der Bote schon am Postschalter gelehnt hätte, und jeder der Alten entsinnt sich und weiß auch alle die Gutsboten aufzuzählen, die mit dem diagonalen Streifen über der Jacke brav ihren Weg gegangen waren und die nun allesamt draußen auf dem Gottesacker ausruhten. So war die Tasche älter und ehrwürdiger als das neumodische Postamt, das nach dem Sturmjahr 1848 eingerichtet worden war, älter als der Haken, den man der Tasche zu Ehren oder gewissermaßen als letzte amtliche Huldigung für die Gutsherrschaft bei der Einrichtung des Postamtes dort eingeschlagen hatte, vielleicht auch als Mahnung, daß man der alten Sitten trotz des stürmenden Forschrittes nicht vergessen soll. Denn auch im neuen Postamt bestand die alte Gepflogenheit weiter, die Post der Gutsherrschaft bevorzugt zu behandeln und wahrscheinlich wird es auch heute noch so gehalten: war der Kutscher mit dem graubraunen Postbeutel hereingekommen und hatte er ihn mit jener verächtlichen Bewegung, die einem Postbeutel in den Augen eines gewöhnlichen Kutschers zukommt, auf den abgenützten Posttisch geworfen, hatte der Postmeister, der über die Würde menschlicher und amtlicher Einrichtungen besser Bescheid weiß, mit kaum verhehlter Feierlichkeit das Siegel und die Schnüre gelöst und die durcheinanderfallenden Postsachen der Größe nach in kleine Pakete geschichtet, um sie bequemer durchsehen und einteilen zu können, hatte sich solches der schönen Ordnung gemäß abgespielt, dann war es stets das erste, daß der Postmeister die Briefschaften des Gutes herauslegte und, ehe er etwas anderes tat, der Tischlade einen Schlüssel entnahm und zu der aufgehängten Tasche schritt, die mit ihrem gelben Messingbügel schweigend dieser Prozedur harrte; in der Mitte des Bügels sperrt sie der Postmeister auf, so daß sie aufklafft und ihm schamlos ihr graues Segeltuchfutter entgegenzeigt, und rasch, als könnte er den Anblick des klaffenden Leinenmaules nicht länger ertragen, läßt er die Briefe und Zeitungen und auch die kleineren Pakete hineingleiten, gibt dem Maule einen schwachen Schlag in den Unterkiefer, damit es zuklappe und sperrt die Messinglippen ab, versorgt den Schlüssel in der Lade. Der Bote aber, der bisher bloßer Zuschauer geblieben war, nimmt die schwere Posttasche, hängt sie sich mit dem harten brüchigen Riemen über die Schulter, nimmt die größeren Pakete in die Hand und bringt die Sendung solcherart ein oder zwei Stunden früher zum Gute, als dies dem amtlichen Briefträger, der erst das ganze Dorf abzulaufen hat, gelungen wäre; eine außerordentlich beschleunigte Zustellung, welche dartut, daß die Einrichtung des Gutsboten und seiner Tasche nicht nur die Fortführung einer schönen alten Tradition ist, sondern auch praktische Bedürfnisse der Herrschaft und der Leute auf dem Gute noch immer zu befriedigen vermag.
Joachim bekam jetzt öfter als früher Nachricht vom Hause; zumeist schrieb der Vater bloß kurze Mitteilungen in jener halbschrägen Kurrentschrift, die so sehr an seinen Gang gemahnte, daß man geradezu von einer Dreibeinigkeit dieser Schrift hätte sprechen können. Joachim erfuhr von den Besuchen, die die Eltern empfangen hatten, von den Jagdverhältnissen und den Aussichten für den Herbst, auch einiges über die Ernte, und zumeist schloß sich an die landwirtschaftliche Mitteilung: »Es wäre gut, wenn Du bald Vorbereitungen zu Deiner Übersiedlung ins Auge fassen würdest, da es ja angebracht wäre, daß Du Dich je eher einarbeitest und alles seine Zeit braucht. Dein getreuer Vater.« Wie stets spürte Joachim starke Abneigung gegen die Schrift und er las die Briefe mit vielleicht noch ärgerer Unaufmerksamkeit als sonst, denn jede Mahnung zur Quittierung des Dienstes und zur Übersiedlung in die Heimat war wie ein Hinabzerren ins Zivilistische und Haltlose, nicht viel anders, als wollte man ihn eines Schutzes berauben und ihn nackt hinausstoßen in die Gegend des Alexanderplatzes, damit jeder der fremdartigen und geschäftigen Herren sich an ihm reiben könne. Mochte man es Trägheit des Gefühls nennen: nein, er war nicht feig und er würde sich ruhig vor die Pistole des Gegners stellen oder gegen den französischen Erbfeind ins Feld ziehen, aber die Gefahren des Zivilistischen Lebens waren von fremder und dunkler, unfaßbarer Art. Da war alles in Unordnung, ohne Hierarchie, ohne Disziplin und wohl auch ohne Pünktlichkeit. Wenn er auf seinem Weg zwischen Wohnung und Kaserne an Borsigs Maschinenfabrik zu Arbeitsbeginn oder -schluß vorüberkam und die Arbeiter vor dem Fabriktor standen wie ein exotisches rostiges Volk, nicht viel anders als das Volk der Böhmen, so fühlte er ihre unheimlichen Blicke, und wenn der eine oder der andere grüßend an die schwarze Lederkappe griff, wagte er nicht zu danken, weil er sich scheute, den Freundlichen zum Überläufer zu stempeln, zu einem, der mit ihm Partei macht. Denn er empfand den Haß der anderen als etwas Berechtigtes, wohl auch weil er ahnte, daß sie Bertrand trotzseines Zivilanzuges nicht minder hassen würden als ihn. Etwas davon steckte wohl auch in Ruzenas Abneigung gegen Bertrand. All dies war beklemmend und ungeordnet, und es war Joachim, als habe sein Schiff ein Leck bekommen, das zu erweitern man ihn zwingen wolle. Völlig ungereimt aber schien es, daß der Vater von ihm verlangte, er möge Elisabeths halber den Dienst quittieren; gab es überhaupt etwas, was einen Freier ihrer würdig machen könnte, so war es, daß er sich wenigstens dem Kleide nach von all der Unreinheit und der Unordnung abhob; ihn der Uniform berauben, hieße Elisabeth entwürdigen. So schob er wohl den Gedanken an das zivilistische Leben und an die Rückkehr ins Vaterhaus als eine zudringliche und gefährliche Zumutung beiseite, doch um dem Vater nicht völlig ungehorsam zu werden, fand er sich mit Blumen am Bahnhof ein, als Elisabeth und ihre Mutter sich zum Sommeraufentllalt nach Lestow begaben.