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Hermann Broch Die Schlafwandler
Die Schlafwandler
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Hermann Broch Die Schlafwandler

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Unvermutet traf die Nachricht vom Tode seines Bruders ein. Er war im Duell mit einem polnischen Gutsbesitzer in Posen gefallen. Wäre es einige Wochen früher geschehen, Joachim wäre vielleicht nicht erschüttert gewesen. In den zwanzig Jahren, die er fern vom Hause verbracht hatte, war ihm die Gestalt des Bruders immer mehr verblaßt und wenn er an ihn dachte, so sah er bloß den blonden Jungen im Knabenanzug vor sich- sie waren stets gleich gekleidet gewesen, bis man ihn in die Anstalt gesteckt hatte-, und auch jetzt mußte er zuerst an einen Kindersarg denken. Doch unvermittelt erhob sich daneben Helmuths Bild, blondbärtig und männlich, das gleiche Bild, wie es ihm an jenem Abend in der Jägerstraße aufgetaucht war, als er fürchtete, das Antlitz eines Mädchens nicht mehr als das, was es ist, zu erkennen: ach, damals retteten die klareren Augen des Weidmanns ihn aus den Hirngespinsten, in die ein anderer ihn hatte ziehen und verstricken wollen, und diese Augen, die er ihm damals geliehen, die hatte Helmuth nun für immer geschlossen, vielleicht um sie ihm für immer zu schenken! Hatte er solches von Helmuth verlangt? Er fühlte sich frei von jeder Schuld und doch war es, als wäre dieser Tod für ihn geschehen, ja als hätte er ihn veranlaßt. Merkwürdig, daß Helmuth den Bart wie Onkel Bernhard getragen hatte, den gleichen kurzen Vollbart, der den Mund freiließ, und nun schien es Joachim, als hätte er stets Helmuthund nicht Onkel Bernhard, der doch der eigentlich Schuldige war, für die Kadettenanstalt und die militärische Karriere verantwQrtlich gemacht. Nun ja, Helmuth hatte zu Hause bleiben dürfen, hatte dazu noch geheuchelt - das mochte vielleicht der Grund sein, aber all dies ging so sonderbar durcheinander, um so sonderbarer, da er längst wußte, daß das Leben des Bruders nicht beneidenswert gewesen war. Er sah wieder den Kindersarg vor sich und Erbitterung gegen den Vater stieg auf. So war es also dem alten Manne gelungen, auch diesen Sohn aus dem Hause zu vertreiben. Es war ein erbittertes Gefühl der Befreiung, daß er den Vater für den Tod verantwortlich machen durfte.

Er fuhr zum Begräbnis. Als er in Stolpin anlangte, fand er einen Brief Helmuths vor: »Ich weiß nicht, ob ich aus dieser etwas überflüssigen Angelegenheit lebend herauskomme. Natürlich hoffe ich es, aber mir ist es trotzdem fast gleichgültig. Ich begrüße das Faktum, daß es so etwas wie einen Ehrenkodex gibt, der in diesem so gleichgültigen Leben eine Spur höherer Idee darstellt, der man sich unterordnen darf. Ich hoffe, daß Du in Deinem Leben mehr Werte gefunden hast als ich in dem meinen; manchmal habe ich Dich um die militärische Laufbahn beneidet; sie ist wenigstens ein Dienst an etwas Größerem, als man selber ist. Ich weiß ja nicht, wie Du darüber denkst, aber ich schreibe es Dir, um Dich zu warnen, die militärische Laufbahn (sollte ich fallen) aufzugeben, um das Gut zu übernehmen. Früher oder später wird es ja nötig sein, aber solange Vater lebt, ist es wohl besser, Du bleibst vom Hause ferne, es sei denn, daß die Mutter Dich brauchen sollte. Ich habe viel gute Wünsche für Dich.« Es folgte eine Reihe verschiedener Bestimmungen, über deren Ausführung Joachim zu wachen hätte, und zum Schluß etwas unvermittelt der Wunsch, Joachim möge weniger einsam sein als er.

Die Eltern waren sonderbar gefaßt, auch die Mutter. Der Vater begrüßte ihn mit einem Händedruck und sagte: »Er fiel für die Ehre, für die Ehre seines Namens«, und ging dann schweigend mit harten geradlinigen Schritten im Zimmer hin und her. Bald darauf wiederholte er: »Er fiel für die Ehre« und ging zur Türe hinaus.

Man hatte Helmuth im großen Salon aufgebahrt. Im Vorhaus spürte Joachim den schweren Duft der Blumen und Kränze: zu schwer für einen Kindersarg, ein obstinater und sinnloser Gedanke, und dennoch blieb Joachim zögernd in der schwerdrapierten Türe stehen, wagte nicht hinzuschauen, sah zu Boden. Die Parketten hier, die kannte er, kannte auch die Dreieckstafeln, die an die Türschwelle anstießen, kannte das Ornament, das sich fortsetzte, und da er es mit seinen Blicken verfolgt, so wie er sich als Kind bemüht hat, kunstvolle Muster darauf zu gehen, gelangt er zum Rande des schwarzen Teppichs, der unter den Katafalk gebreitet ist. Einige Blätter, von Kränzen abgefallen, liegen dort. Er hätte Lust, es wieder mit dem Ornamentweg zu versuchen, macht einige Schritte und sieht den Sarg. Es war kein Kindersarg, das war gut; aber noch schreckte er zurück, mit seinen sehenden Augen in die toten des Mannes zu schauen, in Augen, die sich so sehr erlöscht haben mußten, daß das Gesicht des Knaben darin ertrunken ist, vielleicht den Bruder nach sich ziehend, dem die Augen dennoch sich geschenkt, und die Vorstellung, er selber liege dort, wurde so stark, daß er es wie eine Erlösung und wie ein freundliches Geschick empfand, als er nähertretend erkannte, daß der Sarg geschlossen war. Irgend jemand sagte, daß das Gesicht des Toten durch die Schußwunde entstellt sei. Erhörte es kaum, blieb beim Sarg stehen, hatte die Hand auf den Deckel gelegt. Und in der Unbeholfenheit, die den Menschen vor einer Leiche und dem Schweigen des Todes überkommt, und in der alles Gegebene sich weitet und zerfällt, das Altgewohnte zerbricht und zerfallend erstarrt, die Luft dünn wird und untragfähig, war es, als würde er den Platz am Katafalk nie mehr verlassen können, und nur mit großer Anstrengung vermochte er sich zu erinnern, daß dies der große Salon war und daß der Sarg auf der Stelle stand, die sonst das Klavier einnahm, und daß am rückwärtigen Rande des Teppichs ein Stück Parkett sein mußte, das man noch nie betreten hatte; langsam ging er hin, berührte die schwarzverhängte Wand, spürte unter dem finsteren Tuche die Bilderrahmen und den Rahmen des Eisernen Kreuzes, und das wiedererlangte Stück Wirklichkeit verwandelte den Tod auf eine neuartige und fast spannende Weise in eine Art Tapeziererangelegenheit, fügte es fast mit Heiterkeit, daß man Helmuth mit seinem Sarg, dekoriert mit all seinen Blumen, wie ein neues Möbelstück in dieses Zimmer geschoben hatte, verengte das Unbegreifliche wieder so sehr ins Begreifliche und in die Kraft der Gewißheit, so sehr, daß das Erlebnis dieser Minuten- oder waren es bloß Sekunden gewesen?- in einem guten Gefühl ruhiger Zuversicht mündete. Der Vater erschien in Begleitung einiger Herren und Joachim hörte ihn wieder mehrmals sagen: »Er starb für die Ehre«. Doch als die Herren gegangen waren und Joachim wieder aUein zu sein glaubte, hörteer plötzlich neuerdings: »Er starb für die Ehre«, und sah den Vater klein und einsam neben dem Katafalk stehen. Er fühlte sich verpflichtet, auf ihn zuzugehen. »Komm, Vater«, sagte er und geleitete ihn hinaus. In der Tür sah ihn der Vater voll an und sagte: »Er starb für die Ehre«, als wollte er es auswendig lernen und als wünschte er, daß auch Joachim es täte.

Nun kamen viele Leute. Auf dem Hofe stand die Feuerwehr des Ortes. Auch die Kriegervereine der Umgebung hatten sich eingefunden und bildeten eine ausgerichtete Kompanie von Zylindern und schwarzen Gehröcken, auf denen nicht selten das Abzeichen des Eisernen Kreuzes zu sehen war. Die Wagen der Nachbarn fuhren vor und während die Kutschen an einen geeigneten schattigen Platz gewiesen wurden, hatte Joachim mit der Begrüßung der Herrschaften zu tun und vor des Bruders Sarg die Honneurs zu machen. Der Freiherr v. Baddensen war allein eingetroffen, da seine Damen sich noch in Berlin befanden, und als er ihn begrüßte, wurde Joachim von dem zornig abgelehnten Gedanken ergriffen, es könnte dieser Herr den nunmehrigen Alleinerben Stolpins als erwünschten Schwiegersohn betrachten und er schämte sich für Elisabeth. Vom Giebel hing still eine schwarze Fahne und reichte beinahe bis zur Terrasse.

Die Mutter schritt am Arm des Vaters die Treppe herab. Man wunderte sich über ihre Standhaftigkeit, ja bewunderte sie. Aber vielleicht lag das bloß an der Trägheit des Gefühls, die ihr eigentümlich war. Der Trauerzug formierte sich und als die Wagen in die Dorfstraße einbogen und das Gotteshaus vor ihnen lag, freuten sich alle herzlich, daß sie aus der heißen Nachmittagssonne, die sich in das schwere Tuch der Trauergewänder und der Uniformen scharf und staubig eingebrannt hatte, in die kühle weiße Kirche eintreten durften. Der Pastor hatte eine Rede gehalten, in der viel von Ehre vorgekommen war, geschickt verbunden mit Wendungen, die auf die Ehre des Höchsten abzielten; zur Orgel erklang es, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden... ja meiden, und Joachim wartete stets auf den Reim, ob er auch eintreffen werde. Zu Fuß ging es sodann auf den Friedhof, überdessen Pforte ein »Ruhe sanft« aus goldenen Blechlettern blinkte, und die Equipagen folgten langsam in einer langgestreckten Staubwolke. Mit purpurnem Blau wölbte sich der durchsonnte Himmel über der trockenen, brüchigen Erde, die darauf wartete, daß man Helmuths Leichnam ihr übergebe, wenn es auch nicht eigentlich Erde war, sondern die Familiengruft, die, ein kleiner geöffneter Keller, gelangweilt dem Ankömmling entgegengähnte. Als Joachim die kleine Schaufel dreimal entleerte, schaute er hinab, sah die Enden der großelterlichen und der Onkelsärge und dachte, daß man einen Platz für den Vater freigehalten und wohl auch deshalb Onkel Bernhard nicht hier beigesetzt hatte. Dann aber, als die hinabgeschüttete Erde auf Helmuths Deckel und auf den Steinfliesen der Gruft verstaubte, mußte er mit seiner Spielzeugschaufel in der Hand an Kindertage im weichen Flußsand denken, sah den Bruder wieder als Knaben vor sich, sah sich selber auf dem Katafalk liegen und es schien, als hätte die Trokkenheit dieses Sommertages Helmuth nicht nur um das Altern, sondern auch um den Tod betrogen. Da wünschte sich Joachim für sein eigenes Sterben einen weichen Regentag, an dem der Himmel selbst sich herabsenkt, um die Seele aufzunehmen, damit sie in ihm verfließe wie in den Armen Ruzenas. Das waren unzüchtige Gedanken, unpassend an diesem Orte, doch nicht er allein hatte die Verantwortung dafür zu tragen, sondern auch alle anderen, denen er jetzt den Platz an der Gruftöffnung freigab, und auch der Vater hatte teil an dieser Verantwortung: denn ihrer aller Glaube war heuchlerisch, war brüchig und staubig und war abhängig vom Sonnenschein und Regen. Sollte man nicht die Armeen der Neger herbeiwünschen, damit dies alles weggefegt werde und der Heiland zu neuer Gloria aufsteige und die Menschen in sein Reich zurückführe? Der Christ hing an seinem marmornen Kreuz über der Gruft, angetan bloß mit dem Tuche, das ihm die Scham verhüllte, und mit der Dornenkrone, von der bronzene Tropfen herabbluteten, und auch Joachim fühlte Tropfen auf seiner Wange: vielleicht waren es Tränen, die er nicht gemerkt hatte, vielleicht aber kam es bloß von der lastenden Hitze; er wußte es nicht und drückte die Hände, die sich ihm entgegenstreckten.

Die Kriegervereine und die Feuerwehren hatten dem Toten mit militärischem Parademarsch und scharf links gewandten Köpfen die letzte Ehre erwiesen, scharf klappten die Stiefel auf dem Friedhofkies, stramm marschierten ihre Viererreihen zur Friedhofspforte hinaus, begleitet von den kurzen abgehackten Befehlen der Führer. Auf der Stufe der Gruftkapelle stehend, hatten Herr v.Pasenow, den Hut in der Hand, Joachim die Hand am Helm, zwischen ihnen Frau v.Pasenow, die Parade abgenommen. Auch die anderen anwesenden Militärs standen stramm und die Hand am Helmesrand. Hierauf fuhren die Equipagen vor und Joachim bestieg mit den Eltern das Gefährt, dessen Klinken und sonstige Metallteile ebenso wie das Metall der Pferdegeschirre vom Kutscher sorglich in Flor verpackt worden waren; Joachim stellte fest, daß an der Peitsche gleichfalls eine Florrosette sich befand. Nun weinte die Mutter, und Joachim, der nichts zu ihrem Troste zu sagen wußte, konnte wieder nicht einsehen, warum Helmuth und nicht er von der tödlichen Kugel getroffen worden war. Der Vater aber saß steif auf dem schwarzen Leder des Kissens, das nicht hart und brüchig war wie bei den Berliner Droschken, sondern schmiegsam und mit Lederknöpfen genau abgesteppt. Einige Male schien es, als wollte der Vater etwas sagen, irgend etwas Abschließendes zu einer Gedankenreihe, die ihn offenbar beschäftigte und völlig gefangenhielt, denn er setzte zum Reden an, fiel aber gleich wieder in Starrheit und bewegte bloß stumm die Lippen; endlich sagte er scharf: »Sie haben ihm die letzte Ehre erwiesen «, hob einen Finger, als ob er noch auf etwas wartete oder etwas hinzufügen wollte und legte dann schließlich die Hand wieder flach auf den Schenkel. Zwischen dem Rand des schwarzen Handschuhs und der Manschette mit dem großen schwarzen Knopf war ein Stück Haut mit rötlichen Haaren sichtbar.

Die nächsten Tage verliefen in Schweigen. Die Mutter ging ihren Beschäftigungen nach; sie war beim Melken im Stall, beim Eierausheben im Hühnerhof, in der Wäschekarnrner. Joachirn ritt einige Male auf die Felder hinaus; es war das Pferd, das er Helrnuth geschenkt hatte, und das war wie ein Liebesdienst für den Toten. Am Abend war der Hof gekehrt und auf den Bänken vor dem Gesindehaus saßen die Leute und freuten sich des kühlen, milden Windes. Einmal gab es in der Nacht ein Gewitter und Joachirn merkte erschrocken, daß er Ruzena fast vergessen hatte. Den Vater hatte er wenig zu Gesicht bekommen; der saß zumeist an seinem Schreibtisch und las die Kondolenzen oder registrierte sie auf einem Bogen. Lediglich der Pastor, der nun täglich zu Besuch kam und oftmals zum Abendessen blieb, sprach von dem Toten, aber da es eine Art Fachsimpelei war, wurde es wenig bemerkt und sein einziger Zuhörer schien Herr v. Pasenow zu sein, denn der nickte manchmal mit dem Kopfe, und es hatte den Anschein, als ob er etwas sagen wollte, das ihm recht arn Herzen lag; aber er wiederholte dann meistens bloß eines der letzten Worte des Pastors mit einem bekräftigenden Nicken, etwa: »Ja, ja, Herr Pastor, schwergeprüfte Eltern.«

Dann reiste Joachirn ab. Als er sich vorn Vater verabschiedete, war der alte Mann wieder auf dem Spaziergang durchs Zimmer begriffen. Joachirn erinnerte sich unzähliger gleicher Abschiede in diesem Raume, den er nicht mochte, so sehr er ihm auch vertraut war mit seinen Jagdtrophäen an den Wänden, mit dem Spucknapf in der Ecke neben dem Ofen, mit den Schreibutensilien, die wohl schon beim Großvater so gestanden hatten, mit den vielen Jagdzeitungen auf dem Tische, die zumeist nicht aufgeschnitten waren. Er erwartete, daß der Vater wie immer das Einglas ins Auge klemmen und ihn mit einem kurzen »Na, denn gute Reise, Joachirn«, entlassen würde. Aber diesmal sagte der Vater nichts, sondern setzte seinen Spaziergang fort, die Hände auf dem Rücken, so daß Joachirn zum zweiten Male anhob. »Ja, Vater, ich muß also jetzt fahren, es ist Zeit zur Bahn.« »Na, denn gute Reise, Joachirn «,war endlich die gewohnte Antwort. »aber was ich noch sagen wollte, ich meine, du wirst nun doch bald zu uns heimkehren. Es ist leer geworden, ja leer geworden... «, er sah sich um,»... aber das begreift nicht jeder... natürlich muß man die Ehre hochhalten... «,er hatte seinen Weg wieder aufgenommen, dann vertraulich: »Und wie steht es mit Elisabeth? Wir sprachen doch davon... ?«-» Vater, es ist höchste Zeit«, sagte Joachim, »ich versäume sonst den Zug.«- Der Alte hielt ihm die Hand hin und Joachim nahm sie widerwillig.

Als er durchs Dorf fuhr, sah er auf der Kirchenuhr, daß noch reichlich Zeit zum Zuge war; er hatte es ohnehin gewußt. Die Kirchentüre war zufällig offen und Joachim ließ den Wagen halten. Es galt, eine Schuld abzutragen, eine Schuld gegen die Kirche, die ihm bloß angenehme Kühle gewesen war, gegen den Pastor, dessen gute Rede er nicht gehört, gegen Helmuth, dessen Begräbnis er durch profane Gedanken verunehrt hatte, mit einem Wort eine Schuld gegen Gott. Er trat ein und suchte nach der Stimmung seiner Kindheit und ihrer Kirchen besuche, da er, Joachim v. Pasenow, stets aufs neue überwältigt, jeden Sonntag vor Gottes eigenem Antlitz hier gestanden hatte. Er hatte damals viele Kirchenlieder gekonnt und sie mit Inbrunst gesungen. Aber es ging doch nicht an, daß er jetzt allein in der Kirche zu singen anhöbe. Er mußte sich bescheiden, seine Gedanken zu sammeln und sie auf Gott und auf seine Sündigkeit vor Gott zu lenken, auf seine Kleinheit und Erbärmlichkeit vor Gott; aber seine Gedanken wollten Gott nicht finden. Nur das Wort Jesajas, das er an dieser Stelle einst gehört hatte, fiel ihm ein: »Ein Ochse kennt seinen Herrn, und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk vernimmt's nicht.« Ja, Bertrand hatte recht, sie hatten die Christlichkeit verloren; und nun versuchte er das Vaterunser zu beten, mit geschlossenen Augen und achthabend, keine leeren Worte aufzusagen, sondern in jedem Wort den Sinn zu erfassen; und als er zu der Stelle kam, »wie auch wir vergeben unseren Schuldigem «, da stellte sich das weiche, ängstliche und doch vertrauende Gefühl der Kindheit wieder ein: er erinnerte sich, daß er diese Stelle stets auf den Vater bezogen und aus ihr die Zuversicht geschöpft hatte, dem Vater verzeihen zu können, ja ihm alldas Gute noch zu tun, zu dem ein Kind verpflichtet ist; und nun kam ihm ins Ohr, daß der alte Mann von einer Vereinsamung gesprochen hatte, von der er offenbar geängstigt war und die man ihm erleichtern mußte. Joachim verließ die Kirche und es fiel ihm das Wort »erhoben und gestärkt« ein, aber das Wort war ihm nicht leer, sondern hatte einen guten jugendlichen Sinn. Er nahm sich vor, Elisabeth aufzusuchen.

Im Coupe tauchte es wieder auf, wieder sagte es »erhoben und gestärkt«, aber es verband sich nun mit dem Bilde einer gestärkten Hemdbrust und mit einer beglückenden Sehnsucht nach Ruzena.

II

Inhaltsverzeichnis

Von der Königsstraße her kam ein Passant. Er war beleibt und untersetzt, ja eigentlich klein, und alles an ihm war recht weich, so daß man meinen konnte, er wäre des Morgens in seine Kleider eingefüllt worden. Er war ein ernster Passant, der zu seinen schwarzen Tuchhosen einen grauen Lüsterrock trug, und seine Brust war von einem braunen Bart bedeckt. Er hatte sichtlich Eile, aber es war kein geradliniges rasches Gehen, sondern eine Art ernsthaften Watschelns, wie es einem so weichen ernsthaften Manne ansteht, wenn er Eile hat. Doch das Gesicht war nicht nur hinter dem Barte, sondern auch hinter einem Kneifer versteckt, durch den der Mann strenge Blicke auf die übrigen Passanten warf, und es war eigentlich unvorstellbar, daß ein solcher Mann, der mit solcher Eile seinen sehr dringenden Geschäften nachwatschelte und der seiner Weichheit zum Trotz so strenge harte Blicke schießen ließ, an anderen Stellen seines Lebens sicherlich freundlich war, daß es immerhin Frauen gab, denen er in Liebe sich zuneigte, Frauen und Kinder, vor denen der Bart ein freundliches Lächeln entblößte: Frauen, welche das rosa Fleisch und die dunkle Höhle im Barte zum Kusse suchen mochten.

Als Joachim dieses Mannes ansichtig geworden war, war er ihm automatisch gefolgt. Es blieb sich ja gleich, wohin er ging. Seitdem er erfahren hatte, daß es einen Berliner Vertreter von Bertrands Firma gab und daß dessen Büro in einer der Straßen zwichen dem Alexanderplatz und der Börse etabliert war, trieb es ihn manchmal in diese Gegend, so wie es ihn vordem in die Proletariervorstadt getrieben hatte - und daß er Ruzena nicht mehr dort draußen suchen mußte, war beinahe wie ein Avancement für sie. Aber er kam nicht etwa her, um Bertrand zu treffen; im Gegenteil, er mied die Gegend, wenn er Bertrand in Berlin wußte, und auch an dem Vertreter Bertrands hatte er eigentlich kein Interesse. Es war bloß so seltsam, daß dies hier der Raum sein sollte, in dem man sich das eigentliche Leben Bertrands vorzustellen hatte, und wenn Joachim durch diese Straßen ging, so geschah es nicht nur, daß er die Fronten der Häuser musterte, als wollte er erforschen, welche Büros sich dahinter versteckten, sondern es geschah auch, daß er diesen Zivilisten unter den Hut schaute, al_s wären es Frauen. Darüber wunderte er sich manchmal selbst, denn er wußte ja kaum, daß er in ihren Gesichtern danach forschte, ob dies Lebewesen völlig anderer Art wären und ob sie Eigenschaften aufwiesen, die Bertrand schon von ihnen übernommen hatte, aber noch verborgen hielt. Ja, die Verborgenheit dieser Lebewesen war so groß, daß sie nicht einmal Bärte benötigten, um sich dahinter zu verstecken. Sie zeigten sich ihm sogar ein wenig vertrauter und weniger heuchlerisch, wenn sie Bärte trugen, und dies mochte vielleicht ein Grund sein, warum er dem eiligen dicken Mann nachschlenderte. Plötzlich schien es ihm, als würde der Mann dort vorne sehr sonderbar dem Bilde gleichen, das er sich stets von Bertrands Vertreter gernacht hatte. Vielleicht war es sinnlos, aber als einige Leute den Mann grüßten, freute er sich, daß Bertrands Vertreter solches Ansehen genoß. Er hätte sich schließlich nicht gewundert, wenn ihm Bertrand selber, schauspielerhaft verwandelt, klein und beleibt und vollbärtig entgegengewatschelt wäre: denn wie hätte er sein Äußeres beibehalten sollen, da er in eine andere Welt geglitten war. Und wußte Joachirn auch, daß es ohne Sinn und Ordnung war, was er dachte, so war es dennoch, als hätte das scheinbar verwirrte Netz eine versteckte gute Ordnung: man mußte bloß den Faden erhaschen, den Ruzena an diese Leute band, diese tiefere und sehr geheime Verknüpfung, und vielleicht war ein Ende jenes Fadens in seiner Hand gelegen, damals, als er in Bertrand den richtigen Liebhaber Ruzenas vermutete; aber jetzt war seine Hand leer und es fiel ihm bloß ein, daß Bertrand sich einmal bei ihm entschuldigt hatte, weil er den Abend mit Geschäftsfreunden verbringen mußte, und Joachirn konnte den Gedanken nicht mehr loswerden, daß dieser Mann jener Geschäftsfreund gewesen sei. Wahrscheinlich sind die beiden miteinander im Jägerkasino gesessen, und der Mann hat Ruzena fünfzig Mark zugesteckt.

Wenn einer einem andern auf der Straße folgt, und sei es auch bloß automatisch und in scheinbarer Gleichgültigkeit, so wird es sich bald fügen, daß er allerhand Wünsche, wohlwollende und unwohlwollende, an jenes Wesen hängt, dem er folgt. Vielleicht will er wenigstens dessen Gesicht sehen und wünscht, daß es sich umdrehe, obgleich er selbst seit des Bruders Tod dagegen gefeit zu sein glaubt, in jenem gefürchteten Antlitz das Antlitz Ruzenas suchen zu müssen. Allerdings steht es mit nichts in Zusammenhang, daß Joachim der Gedanke angeflogen kam, die aufrechte Haltungall der Menschen hier auf dieser Straße sei eine völlig unberechtigte, sei unvereinbar mit ihrem besseren Wissen oder ergäbe sich aus einer traurigen Unwissenheit, da sich doch alle diese Körper zum Sterben werden hinlegen müssen. Dabei ging der Mann dort vorne durchaus nicht mit harten, abgehackten, geraden Schritten, und auch die Gefahr, daß er sich fallend ein Bein brechen könnte, war nicht vorhanden, war er doch dafür viel zu weich.

Nun blieb der Mann an der Ecke der Rochstraße stehen, als warte er auf etwas; es mochte schon sein, daß er darauf wartete, Joachim werde ihm jetzt die fünfzig Mark zurückgeben. Hierzu war Joachim eigentlich verpflichtet und jäh und heiß stieg die Scham in ihm auf, weil er aus lauter Angst, man könnte meinen, er habe sich eine Frau gekauft, oder er selber könnte aus solchem Grunde an Ruzenas Liebe zu zweifeln beginnen, sie in der verhaßten Animiertätigkeit belassen hatte; und wie Schuppen fiel es von seinen Augen: er, ein preußischer Offizier, war der heimliche Liebhaber einer Frau, die von anderen Männern bezahlt wurde. Eine Unehrenhaftigkeit kann man bloß durch eine Pistolenkugel auslöschen, doch ehe er es mit allen furchtbaren Konsequenzen durchdenken konnte, verflimmerte der Gedanke, verflimmerte wie das Bild Bertrands, da der Mann die Rochstraße überquerte und Joachim ihn nicht aus den Augen verlieren durfte, bevor er nicht... , ja, bevor er nicht, das ließ sich eben nicht erhaschen. Bertrand, der hatte es leicht, der stand in jener Welt und zugleich in dieser, aber auch Ruzena steht zwischen zwei Welten. War dies der Grund, warum die beiden doch rechtmäßig zusammengehörten? Nun aber schoben sich seine Gedanken durcheinander wie die Menschen in dem Gewühl, das ihn umgab und wenn er auch ein Ziel vor sich sah, zu dem er hindenken wollte, so war es dennoch schwankend und verfließend und immer wieder verdeckt wie der Rükken des weichen Mannes vor ihm. Wenn er Ruzena ihrem rechtmäßigen Besitzer geraubt hatte, so mochte es wohl stimmen, daß er sie jetzt verborgen hielt wie einen Raub. Er versuchte Haltung zu bewahren, steif und gerade, versuchte die Zivilisten nicht mehr anzuschauen. Das Gewühl der Menschen um ihn herum, der Trubel, wie die Baronin sagte, all das geschäftliche Getriebe voller Gesichter und Rücken schien eine verschwimmende, gleitende, weiche Masse zu sein, deren man nicht habhaft werden konnte. Wohin sollte das noch führen! Und mit der vorschriftsmäßigen Haltung, in die er sich mit einem Ruck begab, fiel ihm befreiend ein, daß man bloß ein Wesen aus einer fremden Welt zu lieben vermag. Deshalb durfte er Elisabeth niemals lieben und deshalb mußte Ruzena wohl auch eine Böhmin sein. Liebe heißt, von seiner Welt in die des anderen flüchten, und so hatte er, trotzaller beschämenden Eifersucht, Ruzena in ihrer Welt belassen, damit sie stets aufs neue süß zu ihm sich flüchte. Die Garnisonskapelle lag vor ihm, und er hielt sich noch steifer, so steif wie beim sonntäglichen Gottesdienst der Mannschaft. An der Ecke der Spandauer Straße verlangsamte der Mann seinen Schritt, zögerte am Rande des Fahrdamms; wahrscheinlich fürchtet sich so ein Geschäftsmann vor den Pferden auf der Straße. Daß er diesem Menschen Geld zurückzustellen hatte, das war natürlich sinnlos; aber Ruzena mußte aus dem Kasino herausgenommen werden, das stand fest. Eine Böhmin blieb sie ja trotzdem, ein Wesen aus einer fremden Welt. Wohin aber gehörte er selber? Wohin war er schon geglitten? Und Bertrand? Wieder sah er Bertrand vor sich, verwunderlich weich und klein und strenge durch den Kneifer blickend, fremd ihm, fremd Ruzena, die eine Böhmin ist, fremd Elisabeth, die durch einen stillen Park geht, fremd ihnen allen und dennoch vertraut, wenn er sich umwendet und den Bart zu einem freundlichen Lächeln öffnet, heischend, daß die Frauen die dunkle Höhle im Barte zum Kusse suchen. Die Hand am Degengriff blieb Joachim stehen, als könnte ihm die Nähe der Garnisonskapelle Kraft und Schutz vor dem Bösen gewähren. Schillernd, unheimlich war Bertrands Bild. Es tauchte auf und verschwand wieder; »im Dunkel der Großstadt verschwunden«, fiel Joachim ein und die Dunkelheit hatte den Klang eines höllischen Sterbens. Bertrand steckte in allen Gestalten und alle verriet er; ihn, die Kameraden, die Frauen, alle. Doch nun bemerkte er, daß Bertrands Vertreter mit kurzem Trab wohlbehalten die Spandauer Straße überquert hatte. Joachim war glücklich, daß er Ruzena fürderhin den beiden entziehen würde. Nein, da konnte man nicht von Raub sprechen; im Gegenteil, er hatte die Pflicht, sich schützend auch zwischen jenen und Elisabeth zu stellen. Oh, er wußte, der Böse ist gleißnerisch. Aber ein Militär durfte nicht fliehen. Würde er fliehen, er würde Elisabeth schutzlos jenem ausliefern, er selber wäre einer von denen, die sich im Dunkel der Großstadt verstecken und vor den Pferden sich fürchten, und es wäre nicht nur das Schuldbekenntnis eines Raubes, sondern es hieße auch für ewig darauf verzichten, jenem das Geheimnis des Verrates zu entreißen. Er mußte ihm weiter folgen, doch nicht versteckt wie ein Spion, sondern aufrecht, wie es sich geziemt, und auch Ruzena wird er nicht verborgen halten. So wurde es inmitten des Börsenviertels, wenn auch in der Nähe der Garnisonskapelle, mit einem Male ruhig um Joachim v. Pasenow, so ruhig und durchsichtig wie der hellblaue Himmel, der durch den Straßenspalt hereinschaute.

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