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Clemens Ruthner Habsburgs 'Dark Continent'
Habsburgs 'Dark Continent'
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Clemens Ruthner Habsburgs 'Dark Continent'

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So gesehen gäbe es keinen Ausweg aus dem Stereotyp, denn eine noch so kritische (oder ironische) Lektüre aktualisiert es. Allerdings erwies sich in der Forschungsdiskussion auch das einsinnige Konzept eines verzerrten und gesellschaftlich oktroyierten Bilds des Anderen, wodurch das Stereotyp zu einem Paradefall für „falsches Bewusstsein“ (Marx) bzw. „Hegemonie“ (Gramsci) wird, als wenig zielführend. Dennoch steht auch außer Zweifel, dass stereotype Fremd- und Feindbilder Mittel „symbolischer Macht-“ (Bourdieu) bzw. „epistemischer Gewalt“ausübung (Spivak) innerhalb einer kulturellen Hegemonie sind,26 in der herrschende Gruppen die von ihnen Marginalisierten auch durch eine Ökonomie der Bilder kontrollieren, in einer bestimmten Position halten, ja ausgrenzen; und zweifelsohne sind Stereotypen auch wesentliche Waffen, wenn „Hass spricht“, um es in Anlehnung an den Titel von Judith Butlers Analyse der hate speech27 zu formulieren. Im kolonialen Kontext konstituieren sie mit den Worten Abdul JanMohameds eine „manichäische Allegorie“,28 die Ungleichheit legitimieren soll – deren Pole aber freilich nicht so stabil sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

7. Homi Bhabhas Intervention

Einen der wichtigsten rezenten Beiträge zur epistemologischen Komplexität der Dyadenstruktur des Eigenen und des Fremden hat Homi Bhabha mit seinem Aufsatz The Other Question (1983) vorgelegt.1 Der postkoloniale Theoretiker sieht das Stereotyp als „a form of knowledge and identification that vacillates between what is always ‚in place‘, already known, and something that must be anxiously repeated […]“, und er möchte jenen „process of ambivalence, central to the stereotype“, untersuchen.2 Mit dieser Ambivalenz3 hintertreibt das Stereotyp nämlich die epistemische Fixierung4 seines Objekts, die z.B. der koloniale Diskurs leisten möchte, wenn er eine Hierarchie zwischen Kolonialherrn und beherrschten Übersee-‚Völkern‘ etabliert:

The objective of colonial discourse is to construe the colonized as a population of degenerate types on the basis of racial origin, in order to justify conquest and to establish systems of administration and instruction […], a form of governmentality that in marking out a ‚subject nation‘ appropriates, directs and dominates its various spheres of activity.5

Die aporetische Struktur dieses strategischen Wissenssystems besteht laut Bha­bha darin, „that the colonial discourse produces the colonized as a social reality which is at once an ‚other‘ and yet entirely knowable and visible“;6 das Andere soll also anders sein (und es tunlichst bleiben7), aber gleichzeitig durch den Kolonialdiskurs erfassbar, fixiert und reformiert werden. Diese letztlich unmögliche Bewegung einer diskursiven Ruhigstellung des Anderen – und damit einhergehend der „Wiederholungszwang“ der an ihn geknüpften phantasmatischen Bilderwelten – hat Bhabha in weiterer Folge dazu gebracht, die rassistischen Stereotypen des Kolonialismus auch psychoanalytisch als „arrested, fetishistic mode of representaton“8 zu fassen – ein Modus, der in sich gebrochen und gleichsam in Form einer „Naht“ ‚zusammengeflickt‘ ist: „My concept of stereotype-as-a-suture is a recognition of the ambivalence“.9 „Stereotyping“ sei nicht

the setting up of a false image which becomes the scapegoat of discriminatory practices. It is a much more ambivalent text of projection and introjection, metaphoric and metonymic strategies, displacement, overdetermination, guilt, aggressivity; the masking and splitting of ‚official‘ and phantasmagoric knowledges to construct the positionalities and oppositionalities of racist discourse.10

Das Stereotyp wird damit nicht (nur) zu einer einsinnigen (und „manichäischen“) Brandmarkung, die – tiefenpsychologisch wie medial – auf den Anderen projiziert wird, sondern es ist gleichfalls durch eine in sich aporetische Bewegung charakterisiert, die den kolonialen Diskurs in seinen angestrengten Re­iterationen und Ambivalenzen letztlich intern destabilisiert.11

In einer ebenso psychoanalytisch inspirierten Intervention zur kulturellen Repräsentation des Holocaust hat die nordamerikanische Literaturwissenschaftlerin Karyn Ball darauf hingewiesen, dass die Bilder einer kulturellen Gedächtnisarbeit12 – und als solche sind Stereotypen und andere kulturelle imag(in)es ja durchaus zu klassifizieren – auch mit dem narzisstischen Ich-Ideal eines Kollektivs zusammenhängen, dessen Supplement sie darstellen:

In his Introduction: On Narcissism (1914), Freud describes the emergence of an ideal ego as a puerile and idealized self-image that orients self-love (primary narcissism). He also refers to the subsequent emergence of a secondary-narcissistic ego-ideal as the disciplinary self-standard precipitated by the subject’s encounter with and absorption of the critical gaze of others. The concept of the ego-ideal may help us to under­stand individual and collective investments in particular memories or images […] as subject formations that are responsive to social standards. Extrapolating from Freud’s theorization of the ego-ideal, I would therefore like to suggest the companion term memory-ideal […].13

Dies passt nicht nur zum Konzept des Fetischismus bei Bhabha, sondern auch zur weiter oben referierten Idee, dass stereotype imag(in)es eher Mittel der Selbstverständigung14 einer Kultur denn deren Fremderfahrung darstellen. Das bedeutet freilich auch, dass diese Bilder phantasmatisch15 sind und nicht durch ‚Überprüfung‘ an einer wie auch immer gearteten historischen ‚Wirklichkeit‘ ‚korrigiert‘ werden können, zumal sie auch – von einem Wiederholungszwang getrieben – äußerst repetitiv sind. Wie bereits vorher festgestellt wurde, zeichnen sie sich weniger durch einen kognitiven als vielmehr einen affektiven Wert aus und sind als Diskurselemente mehr ein Glaubenssystem als überprüfbares Wissen – und, folgt man Bhabha, in ihrer internen epistemologisch-psychologischen Struktur ambivalent und widersprüchlich.16

In dieser postkolonial-dekonstruktivistischen Neuformulierung erweist sich das Stereotyp als anschlussfähig an weitere Kernthesen Bhabhas, die in den viel strapazierten Termen Hybridität und Mimikry kristallisierten. Letztere fasst der Theoretiker in seinem Aufsatz Of Mimicry and Man: The Ambivalence of Colonial Discourse17 als Bewegung, mit der die Kolonialisierten die Verhaltensvorgaben ihrer Kolonialherrn erfüllen und gleichzeitig hintertreiben:

[…] then colonial mimicry is the desired of the reformed, recognizable Other, as a subject of a difference that is almost the same, but not quite. Which is to say, that the discourse of mimicry is constructed around an ambivalence; in order to be effective, mimicry must continually produce its slippage, its excess, its difference.18

Diese subversive (und letztlich vergebliche?) Bewegung der Mimikry, die nie an ihrem Ziel ankommt, aber letztlich auch die scheinbar so feste Identität der Kolonialherrn unterminiert, hat Ute Weber in ihrer Monografie zu Genderkon­struktionen im indo-englischen Kolonialroman wie folgt kommentiert:

Die Ambivalenz dieses Konzepts besteht darin, dass es sowohl Ähnlichkeit (der Kolonialisierte wird wie der Kolonialherr – nämlich ‚anglisiert‘) als auch Nicht-Ähnlichkeit (aber nicht ganz – nämlich nicht ‚englisch‘) umfasst. Das Imitat muss hinsichtlich seines Status, seiner Rechte und Freiheiten von dem Original unterscheidbar bleiben und wirft damit auch die beunruhigende Frage nach der Definition und Identität des Originals auf – ‚was macht das typisch Englische aus?‘. Aus der Ähnlichkeit wird immer auch eine Bedrohung abgeleitet und so wird der Imitator häufig zum Gegenstand von Parodie und Spott erklärt.19

Im Folgenden arbeitet Weber Unterschiede zu herkömmlichen Konzeptionen des Eigenen und des Anderen heraus. Bei Bhabha könne die Fremdzuschreibung nie so wirkungsträchtig (und als ‚Einbahnstraße‘) wie etwa in der (Foucault orthodoxer folgenden) Konzeption des Orientalismus bei Said ihre Definitionsmacht ausspielen, sondern sie zeigt sich in der Definition des Eigenen und seiner Übertragung auf den Anderen wie bereits angedeutet als instabil und latent bedroht:

Bhabha unterscheidet nicht zwischen einem Selbst und einem Anderen, sondern zwischen einem Selbst und seinen Doppelgängern; nicht zwischen einer heimischen und einer fremden Kultur, sondern zwischen einer Mutterkultur und ihren Bastarden […]. Entgegen den Thesen Saids geht Bhabhas Konzept der Hybridität davon aus, dass der Kolonialherr nie die vollkommene Kontrolle über den kolonialen Diskurs besitzt. Jede Vorstellung, die er dem Kolonialisierten vermittelt, wird im Lichte der Kultur des Anderen wiedergeboren, erneuert und uminterpretiert, und ist so aus der Sicht des Kolonialherrn immer bis zu einem gewissen Maße gefährdet.20

Dieses Beharren auf die im System der Stereotypisierung angelegte Instabilität der oktroyierten Bilder und die Absage an deren totale Kontrollmacht als Diskurs ist vielfach als optimistische Wendung im Denken Bhabhas (gegen Said21) interpretiert, aber auch für ihre philosophische Naivität kritisiert22 worden – steht doch den Kolonisierten mit der industriellen Moderne des ‚Westens‘ ein umfassenderes Unterdrückungssystem gegenüber, das nicht nur auf der soft power kultureller Bilderwelten, sondern vor allem auf Administration und ökonomischer Ausbeutung, Disziplinarsystemen, Polizei- und Militärapparaten beruht. Ohne hier auf diese gewiss berechtigte Kritik umfassend eingehen zu können, soll doch noch im Folgenden gezeigt werden, in welchen scheinbar ‚unkolonialen‘ Texten wir Verfahren der Mimikry und Identitätsdestabilisierung überraschend begegnen, womit sich das ursprüngliche Unterfangen – die Fixierung des Eigenen und des Anderen im Stereotyp – nachhaltig und mit unleugbarer Didaxe unterminiert zeigt. So gesehen wird damit auch die Opposition von ‚wahrer‘, ‚authentischer‘ Identität und ‚falschen‘ Stereotypen dekonstruiert: vielmehr zeigen sich beide als – ambivalente und widersprüchliche – Effekte von Sprache bzw. Repräsentation.

8. Fallbeispiel: Mimikry & Ambivalenz in Ferdinand Kürnbergers Der Amerikamüde (1855)

Vieles, was hier in Zusammenhang mit Homi Bhabha formuliert wurde, kann als fundamentale Hinterfragung des Aachener Projekts einer „komparatistischen“ Imagologie verstanden werden. Zur Verteidigung jenes Unternehmens muss allerdings hinzugefügt werden, dass es insbesondere im Bereich der Reiseliteratur durchaus eine große Menge an affirmativen Texten gibt, die versuchen, die Ambivalenzen der Selbst- und Fremdbildkonstruktionen, des Eigenen und des Fremden, des sprechenden Subjekts und des besprochenen Objekts zusammen mit den Widersprüchen und Aporien, die von der ihnen zugrunde liegenden Spannung von Angst und Begehren herrühren, ruhig zu stellen. Ihnen gegenüber situiert sich freilich auch eine Klasse literarischer Texte, die jenen problematischen Repräsentationsapparat produktiv machen, indem sie ihn zu hintertreiben versuchen, was sie in eine überraschende Nähe zu Bhabhas Theoriegut rückt.

Das im Folgenden skizzierte Fallbeispiel präsentiert ein interessantes und unerwartetes Fundstück: Ferdinand Kürnbergers Roman Der Amerikamüde1 von 1855 fokussiert in satirischer Form auf die politischen Frustrationen der Restaurationszeit in Österreich und Deutschland, indem er seinen Protagonisten, den Schriftsteller Moorfeld,2 als Auswanderer und Möchtegern-Farmer nach New York und Ohio schickt – ein durchaus zeitgemäßes Schicksal. Es wird dies freilich ein Erlebnisparcours fast im Stil Karl Mays, hatte doch der Autor selbst die Vereinigten Staaten nie betreten: eine zunehmend anti-utopische Rundreise, die Moorfeld letztlich wieder zum Ausgangspunkt zurückführt und ihn zum enttäuschten Heimkehrer macht, wie schon der Titel des Romans suggeriert.

Durch den Text zieht sich eine dichte Auseinandersetzung mit ethnisch/national kodierten Bildern der kulturellen Differenz zwischen ‚den Amerikanern‘ und ‚den Deutschen‘,3 die sich bereits im initialen Kontakt des Protagonisten mit seinem New Yorker Quartiergeber Staunton und dessen Familie anbahnt (AM, Kap. I.2ff.) Gleichsam am Rande dieses Mikrokosmos kommt es aber auch zu einer weiteren bedeutungsträchtigen Begegnung mit dem Hausdiener, einem afrikanischstämmigen Sklaven: Moorsfelds „Bedienung“, so heißt es, „lag in Jack, des Negers, Händen. Diese Person hätte ihm freilich nichts mehr als eine Maschine sein dürfen, wenn er amerikanisch korrekt dachte. Aber so dachte er nicht. Zwischen ihm und dem Wollkopf spann sich manch zarter Faden“ (AM 88). Es ist ein „Charakterzug von satirischer Laune“ (ebd.), der dieses seltsame Band knüpft:

Der Neger liebte es nämlich, auf eine eigentümliche Art mit seinem Identitätsbewußtsein von Ich und Nicht-Ich zu spielen: Er setzte sein schwarzes Ich als Objekt und schimpfte im Charakter eines weißen Subjekts drauflos. Durch Haus und Flur konnte man ihn beständig mit, d.h. gegen sich hin brummen hören: ‚Achtung, Schwarzer Esel!‘ (ebd.)

Anfangs lacht der Protagonist noch

über diese Sorte von Humor, aber eines Tages fiel es ihm plötzlich auf, was für ein Sinn darin lag. War’s nicht der nämliche Sinn, in welchem er selbst Herrn Staunton gegenüber sich der Ironie bediente? Tat das der Neger nicht auch, indem er die weiße Rasse verspottete durch die Selbstverspottung seiner schwarzen? Welch gleichartiger Instinkt waltete hier? (AM 89)

Moorfeld wird im Roman zum guten Deutschen jener Epoche stilisiert und ist somit auch ein erklärter Gegner der Sklaverei (vgl. etwa AM 232ff.) – wiewohl nicht ganz gefeit vor „Neger“-Stereotypen, die sich immer wieder, wie etwa auch in den zitierten Passagen deutlich wird, in seine Figurenperspektive stehlen.4 Der Bruch mit diesem Stereotyp erfolgt indes durch das Verhalten des Afroamerikaners, der sich der Trope der Ironie fähig zeigt, indem er sich in die Sprecher­rolle seines Herrn versetzt, sich selbst als „Esel“ beschimpft und damit die sozial fixierten Rollen von sprechendem Subjekt und besprochenem Objekt aufbricht. Es ist dies einerseits ein Modellfall der Internalisierung diskriminierender Fremdbilder durch die Betroffenen, die andererseits im spielerischen Umgang damit aufgehoben wird – ein Prozess, der ziemlich genau dem entspricht, was Bhabha „Mimikry“ nennt. Dies destabilisiert aber nicht nur die Autorität von Mr. Staunton, Jacks weißem Herrn, sondern in weiterer Folge auch die Identität des deutschen Beobachters Moorfeld, der zu folgender Reflexion anhebt:

Ist die Ironie die Muttersprache unterdrückter Nationalitäten? Und wie ward unserem Freund, als er an Europa zurückdachte und bemerken mußte, daß eben jetzt die Ironie die herrschende Form der europäischen Literatur, aber auch ein Weltschmerz, Polenschmerz, Judenschmerz der herrschende Inhalt war? War er den Übeln, die man für Übel nur der Alten Welt hielt, nicht entronnen, und fand er in der Neuen Welt etwa einen Deutschen- und Negerschmerz? Verhängnisvolle Fragen. (AM 89)

Moorfeld, der Deutsche aus der Revolutionszeit um 1848, der sich im Allgemeinen unterschwellig als Angehöriger eines ‚Kulturvolks‘ überlegen weiß (wenngleich in der alten Heimat von seinesgleichen politisch anachronistisch unterdrückt), nimmt in der sozial-ethnischen Hierarchie der fiktional konstruierten Neuen Welt eine merkwürdige Mittelstellung zwischen dem gebürtigen Amerikaner und dessen schwarzem Sklaven ein. Immer wieder thematisiert der Roman die betrügerische, großmäulige und unkultivierte Haltung5 seiner „Yankee“-Figuren gegenüber den deutschen Einwanderern (vgl. z.B. AM 157), die jenen in der narrativen Logik des Textes zwar moralisch und kulturell etwas voraushaben, sich aber trotzdem sozial den realen Macht-Verhältnissen fügen müssen.6 (Nicht umsonst erzählt der Roman in einer bitteren finalen Wendung von gewalttätigen Ausschreitungen eines amerikanischen mob gegen die deutschen underdogs in New York; vgl. Kap. III.5, AM 554–562.)

In dieser Bedrängnis durch die widrigen Umstände lernt der Deutsche – der später durch juristische Spitzfindigkeiten um seinen neuen Landbesitz in den USA gebracht wird – schon bald vom afrikanischen Sklaven. Mehr noch, er identifiziert diesen mit Gruppen, auf die er in der Heimat selbst herabgeblickt haben mag, nämlich Polen und Juden (vgl. AM 442), um schließlich im „Negerschmerz“7 seinen eigenen – und sich selbst – wiederzufinden. Dies betont im Rekurs auf die Opfer der Sklaverei trotzig die eigene moralische Überlegenheit als Selbst-Behauptung entgegen einer als diskriminierend empfundenen sozialen Unterlegenheit.8 Dabei suggeriert die Rhetorik des Wortes „(wie­der)finden“ etwas nur halb Richtiges, denn eigentlich verliert sich der Deutsche in diesem Moment, in dem alle ethnisch kodierten und von realen Machtzuständen getragenen identitären Verhältnisse in der Form uneigentlichen Sprechens kollabieren – in der Ironie, in dem von ihr antizipierten „Weltschmerz“ und im Bewusstsein: „Amerika ist ein Vorurteil“ (AM 337).

Wohl kommt es immer wieder zu einer kurzfristigen Restabilisierung und Re-Ethnisierung der Positionen in Passagen, wo Identifizierbarkeit entgegen allen ‚unzivilisierten‘ Umständen des amerikanischen Pionier-Daseins trotzig behauptet wird – und mit ihr die stereotypen Epitheta:

Die Gesichter blickten verwittert, verwildert, vertiert [!] mitunter und ließen mich häufig, unterstützt zumal durch die zigeunerhafte [!] Unbestimmtheit der Kleidungsstücke, zwischen männlichen und weiblichen irren. Desto merkwürdiger scharf zeichneten sich die Nationalitäten. Der spintisierende Amerikaner, der phlegmatische Deutsche, der heißköpfige Irländer wurden auf den ersten Blick herausgefunden. (AM 407f., Hervorh. C.R.)

Die ebenso thematisierte Unterminierung und Destabilisierung ist jedoch bei al­ler Apologie des ‚Nationalcharakters‘ und insbesondere eines ‚besseren‘ Deutsch-Seins nicht aufzuhalten. Die letzte Pointe dieses Prozesses aufzufinden obliegt freilich nur einem historisch bewussten Leser: Denn eigentlich ist der Protagonist des Romans, der auf 560 Seiten strategisch amerikanische und deutsche Art und Unart narrativ gegeneinander aufrechnet (bis ihn der Text von der utopischen Hoffnung auf eine bessere Neue Welt kuriert in die fragwürdige Heimat zurückschickt), gar kein Deutscher im engeren Sinn! Er entstammt vielmehr einer deutschsprachigen Minderheit von den Rändern des Habsburger Reiches und weiß sich dem Ungarn fast ebenso nahe (vgl. AM 67f.) wie den Deutschen, die er in New Yorks Little Germany trifft (vgl. Kap. I.6 u. III.1), vielleicht in seiner Liebe für ein gutes „Golasch“ sogar näher.9 Damit erweist sich die ‚deutsche‘ Nabelschau des Romans aber als Spiegelfechterei gegenüber den Realitäten des österreichischen Vielvölkerstaats; die Mimikry beherrscht der ungarndeutsche Protagonist und mit ihm der Erzähler ebenso wie der Hausdiener Jack, wenn dieser schwarzes Objekt und weißes Subjekt strategisch ironisch vertauscht. Moorfeld wird sich selbst in Amerika ein Anderer, und seine Identität ist ein noch prekäreres Unterfangen geworden, als sie dies ohnehin schon war – und diese Hinterfragung kann wohl als das didaktische Ziel ‚guter‘ Literatur generell gelten.

9. Abschluss & Ausblick

Egal, wie hoch man nun – mit Bhabha – den subversiven Faktor oder – mit Foucault bzw. Said – die repressive Wirkungsmacht ethnischer, sozialer oder geschlechtlicher Stereotypen für die Formierung von Identitäten ansetzt, bleibt doch für eine narratologisch inspirierte kulturwissenschaftliche Forschung von Belang, dass solche Bildformungen prinzipiell auch in literarischen Texten niemals ‚unschuldig‘ (wenn auch mitunter ‚unbewusst‘) und schon gar nicht ‚interesselos‘ sind. In der Reiseliteratur stammen sie meist weniger aus einer erfahrenen Realität, sondern vielmehr aus der Intertexualität, und sind von dort in die ‚Wirklichkeit‘ projiziert, d.h. hineingelegt worden; sie helfen mit, diese zu konstruieren. Dies wird etwa bei einer prominenten Orientreise der Jahrhundertwende explizit, jener von Walter Rathenau, wenn sich der „Großschriftsteller“ beklagt:

Nun der Orient! Nach drei Tagen läßt sich nicht viel urteilen, aber soviel scheint mir: Leben und Menschen sind interessant. Landschaft, Kunst, Publikum nicht überwältigend. Was ich erwartete, finde ich vollständig; ein semitisches Volk in Freiheit dressiert, polnische Juden im unverkümmerten Zustand. Die Straßen und Basare genauso, wie du sie dir vorstellst, Esel, Kamele, Menschen, Verkäufer, Kinder, vermummte Frau[en], Geschrei, Gestank, Sonne, Hitze – kurz es stimmt alles.1

Der Reisende findet und schreibt, was er aus anderen Texten kannte, ja er projiziert sogar die kulturellen Differenzen ‚seines‘ Zentraleuropas in den Orient – und „es stimmt alles“.2 Aber was ist dann die Aufgabe der Forschung angesichts dieser Zirkularität von Erwartungshorizont und Realitätskonstruktion im Narrativ? Konkret aufgezeigt werden kann die Verortung der Stereotypen in einer konkreten historischen Situation und ihre prinzipiell ambivalente Anlage, analog der ihnen zugrunde liegenden Dialektik von Angst/Begehren und epistemischer Kontrolle, die wohl charakteristisch ist für jede Annäherung an das/die Fremde in der westlichen Moderne:3 So oszilliert denn das Bild des Anderen meist zwischen dem des schrecklichen Barbaren und jenem des ‚edlen Wilden‘, von dem man ein ‚besseres Leben‘ lernen kann, oder der ‚schönen Fremden‘, der(en) sich der westliche Mensch – oder vielmehr meist: Mann – (sexuell) bemächtigen möchte.4

Weiters ist auffällig, wie willkürlich die Stereotypen im offensiven Fremdbild des „othering“5 (Spivak) sind, aber dennoch – wie schon Tajfel aufgefallen ist – der stigmatisierten6 Gruppe hartnäckig anzuhaften scheinen, auch wenn sie prinzipiell rekodierbar7 sind (Ob man deshalb mit Judith Butler und Jacques Derrida allzu viel Hoffnung in eine redigierende „Wiedereinschreibung“ setzen darf,8 muss dahingestellt bleiben.).

Auffällig ist vor allem aber, dass die Willkürlichkeit der Stereotypen doch einigen fest gefügten Redefiguren folgt.9 So erscheinen beherrschte Ethnien aus der Sicht einer hegemonialen Kultur nachgerade uniform als ‚faul‘, wenig(er) intelligent, rückständig, moralisch fragwürdig, kurzum: der Erziehung durch den Hegemon bedürftig – egal, ob von Finnen im zaristischen Russland, Afrikanern oder Indern im British Empire oder Bosniern in Österreich-Ungarn oder Jugoslawien die Rede ist.10 Jene Topoi wirken wie virtuelle Eröffnungszüge auf dem Schachbrett kultureller Narrative und politischer Rhetorik, die in einer bestimmten historischen Situation aufgerufen werden – aber auch deaktiviert werden können, wenn sich die ideologische Motivation ändert.11 Diese schein­bar willkürliche De- und Rekodierung des Anderen erfolgt in Form eines „Blickregimes“12 bzw. im Rahmen einer „Bildpolitik“ (Mahasweta Sengupta spricht von einer „tyranny of representation“),13 die kulturwissenschaftlich als diskursive Formation beschreibbar ist. Dies könnte nun in einer Form geschehen, die weitgehend dem von Joep Leerssen vorgeschlagenen Arbeitsprogramm14 für eine künftige Imagologie folgt:

 „literature (as well as more recent poetically-ruled and fictional-narrative media such as cinema or the compic strip) is a privileged15 genre for the dissemination of stereotypes“ – Literatur wird damit zu einem geeigneten Medium zur Erforschung von „long-durée topics“ wie etwa nationaler Stereotypen;

 „images work […] primarily because of their intertextual tropicality. They […] obtain familiarity by dint of repetition and mutual resemblance.“

 „Imagology is concerned with the representamen, representations as textual strategies and as discourse“;

 „its aim is to understand a discourse of representation rather than a society“.16

 Weiters gelte die Unterscheidung zwischen „the spected“ and „the spectant“, die immer zusammen zu sehen seien: „The nationally represented (the spected) is silhouetted in the perspectival context of the representing text or discourse (the spectant).“

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