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Clemens Ruthner Habsburgs 'Dark Continent'
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„Imagology addresses a specific set of characterizations and attributes“, die in ihrer Allgemeinheit nicht überprüfbar sind und sich als ‚Fakten‘ gerieren: „These are here called imaginated.“ (Z.B. der Satz: „The French are freedom-loving individualists.“)
„The first task is to establish the intertext of a given national representation as trope.“
„The trope must also be contextualized within the text of its occurrence.“
„Historical contextualization is also necessary.“
Die hier vorgeschlagene „pragmatisch-funktionalistische Perspektive“17 für eine literatur- und kulturwissenschaftliche Imagologie zeichnet sich also durch folgende zentrale features aus:
1 Sie vermeidet die Mentalismus-Problematik, indem sie sich auf kulturelle Repräsentationen bezieht, und sich damit für eine undogmatische (und doch potenziell auch für Sozialpsycholog/inn/en und Anthropolog/inn/en anschlussfähige) Version des Konstruktivismus entscheidet.
2 Dies hat auch zur Konsequenz, dass die imag(in)es eher als eine kulturelle Rhetorik bzw. Grammatik gefasst werden denn als mentale Repräsentationen; sie sind daher im Rahmen einer Topik beschreibbar.18
3 Die psychische und kognitive Wirkungsweise der Stereotypen bleibt den damit befassten Fachdisziplinen überlassen, wobei mit der Dynamik von Angst und Begehren und dem freudianischen Moment des Narzissmus auch für die Kulturwissenschaften eine wichtige Arbeitshypothese gewonnen scheint, die sich damit trotz ihrer narratologisch-konstruktivistischen Ausrichtung nicht prinzipiell einer plausiblen psychologischen Konzeptualisierung der Repräsentationen widersetzt.
4 Welleks Vorwurf der Eliminierung der ästhetischen Besonderheit des einzelnen Texts zugunsten des Kontexts wird damit entkräftet, dass jeweils beide mitgedacht werden in einer Auffassung von Literatur, die diese als Möglichkeit der Affirmation wie der Subversion sieht und Ambivalenzen nicht begradigt, sondern zur Sprache bringt.19
5 Hier gilt es auch, eine weitere Anregung Leerssens in Bezug auf einen „pragmatic turn“ aufzugreifen und im Rahmen künftiger sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung auf den Umgang der Rezipien/inn/ten mit den Stereotypen zu achten und damit gewissermaßen auch auf deren Rezeptionsästhetik.20
Wenn man auf die systemischen Zusammenhänge der Dissemination der Bilder fokussiert, könnte man hier wohl auch mit Pierre Bourdieu von einer Bildökonomie sprechen – in Anbetracht der Tatsache, dass die stereotypen imag(in)es als Bestandteil von publizierten Texten auf einem kulturellen Markt um Leser/innen-Zuspruch werben und in einem eigentümlichen Verhältnis zu einer ‚Volkswirtschaft‘ kursieren, die Menschen als Produzent/inn/en und Konsument/inn/en nicht nur kultureller Differenz, sondern auch den Hierarchisierungen von wirtschaftlichem Erfolg und Marktzyklen – kurzum: einer Sozio- und Kulturökonomie21 – unterwirft. Exemplarisch hat dies der deutsche Afroromanist János Riesz formuliert: „Der Kampf um das erwünschte Bild (image) findet in allen Lebensbereichen statt: politisch ist er ein Teil eines globalen Machtkampfes, ökonomisch […] ein wichtiger Teil unserer ‚freien Marktwirtschaft‘, Teil des Kampfes um Marktanteile […]“.22 Hier mag ein kurzer und fast schon abgeschmackter Blick in die Medienlandschaft genügen, um zu zeigen, dass Stereotypen nicht nur (wenn auch ambivalente) rhetorische Mittel der politischen Legitimation, sondern ebenso Waren sind; sie appellieren konsumistisch an die narzisstische Spannung von Angst und Begehren, die sie letztlich auch hervorgebracht hat.
Hier ist nun der Punkt, um den Kolonialismus-Faden des letzten Kapitels (A.1) wieder aufzugreifen. Auf dem verbliebenen Raum wäre zu fragen, wie die in der Diskussion gewonnenen Erkenntnisse und Resultate – so provisorisch sie mitunter auch sein mögen – auf die anschließenden Fallstudien umzulegen wären. In diesem Sinne soll ein vorläufiges Arbeitsprogramm formuliert werden.
10. Coda: Mögliche Analyse-Kategorien für den (k.u.k.) Kolonialdiskurs
We must take stock of the nostalgia for empire, as well as the anger and resentment it provokes in those who were ruled, and we must try to look carefully and integrally at the culture that nurtured the sentiment, rationale, and above all the imagination of empire. And we must also try to grasp the hegemony of the imperial ideology, which by the end of the 19th century had become completely embedded in the affairs of cultures whose less regrettable features we still celebrate.1
Trotz der Tatsache, dass der sog. „habsburgische Mythos“ in der Literatur häufig erst a posteriori formuliert worden ist,2 ist er – wie aus dem bisher Gesagten abgeleitet werden kann – als imperial(istisch)e Selbstrechtfertigungsstrategie für innere und äußere Kolonisation beschreibbar. Und, wie das obige Zitat von Edward Said im Rahmen der britischen und französischen Imperien des 19. Jahrhunderts ausdrückt: Eine ausgewogene Lektüre der habsburgischen Kultur/en des selben Zeitraums sollte nicht nur den hegemonialen Diskurs lesen, sondern auch das, was ihn ermöglichte, und ebenso das, was ihm im Inneren und Äußeren Widerstand leistete3 – im Sinne einer Bestimmung postkolonialer Kritik als Lektürepraxis:
[…] postcolonial criticism can still be seen as a more or less distinct set of reading practices, if it is understood preoccupied principally with analysis of cultural forms which mediate, challenge or reflect upon the relations of domination and subordination – economic, cultural and political – between (and often within[!]) nations, races or cultures, which characteristically have their roots in the history of modern European colonialism and imperialism […].4
Dies entspricht in etwa dem, was schon Edward Said in einer musikologischen Metapher „kontrapunktisches Lesen“ nannte, dessen mehrschichtige Bedeutung eine Zusammenschau der einschlägigen Stellen in Culture and Imperialism5 erschließen kann:
1 „Contrapuntal reading“ verdankt sich letztlich der kontrapunktischen Struktur von Identitätskonstruktionen: „Greeks always require barbarians, and Europeans Africans, Orientals etc.“6 Deshalb sind auch bei einer Analyse beide Pole der Dyade als Einheit zu betrachten.
2 „Contrapuntal reading“ thematisiert den verdrängten historischen Kontext7 imperialen Schreibens: etwa die Zuckerplantage im Hintergrund von Jane Austens Mansfield Park, die die englischen Protagonist/inn/en benötigen, um ihren life style aufrecht zu erhalten.8
3 Im komparatistischen Sinne gilt es, – in einem Modell, das Bachtins „Dialogizität“ einiges verdankt – nicht nur die dominanten Stimmen der Literaturen und Kulturen zu hören, sondern jene teilweise zum Schweigen gebrachten, die diesen widersprechen und opponieren:As we look back at the cultural archive, we begin to reread it not univocally, but contrapuntally, with the simultaneous awareness both of the metropolitan history that is narrated and of those other histories against which (and together with which) the dominating discourse acts.9
4 Und, last but not least, müsste man hinzufügen, dass eine kontrapunktische Lektüre auch die systemimanenten Widersprüche und Aporien imperialen Schreibens zum Vorschein bringt. Insgesamt, so Said (der ja neben seiner literaturwissenschaftlichen Publikationstätigkeit auch ein renommierter Opern- und Musikkritiker war), führt dies gleichsam zu einer orchestralen Lektüre, die den kulturellen Text sozusagen als Partitur verschiedener Instrumente liest, in der eine Stimme nur provisorisch privilegiert ist:In the counterpoint of Western classical music, various themes play off one another, with only a provisional privilege being given to any particular one; yet in the resulting polyphony there is concert and order, an organized interplay that derives from the themes, not from a rigorous melodic formal principle outside the work.10
Was die vorliegende Arbeit im Folgenden leisten wird können, ist – aufgrund fehlender slawistischer und hungarologischer Expertise ihres Verfassers – vor allem mit den Punkten 1, 2 und 4 charakterisiert. Die volle Kontrapunktik im Sinne Saids wird sich also erst dann einstellen können, wenn man dieses Buch in dem Netzwerk-Rahmen, in dem es entstanden ist, liest: im Dialog v.a. mit den Arbeiten von Stijn Vervaet, Vahidin Preljević und anderen, die das Writing back und damit auch die Frage kulturellen Widerstands nicht-hegemonialer Literaturen und Kulturen in der späten Habsburger Monarchie stärker thematisieren, als ich dies aus den genannten Gründen hier vermag. Was meine Studie indes vorderhand leisten wird können, ist im Sinne des frühen Edward Said also eine colonial discourse analysis, die sich dem hegemonialen Leitgenre der habsburgischen Kultur/en, der deutschsprachigen Literatur, ebenso widmet wie paraliterarischen Formationen.
Eine solche Analyse des k.u.k. ‚Kolonial‘diskurses als „kulturelle[m] Resonanzraum kolonialer Bestrebungen“11 kann sich nicht nur auf die umfänglichen Kritiken und Revisionen des Said’schen Frühwerks Orientalism von 1978 stützen,12 sondern auch auf die Beobachtungen und Analysen diverser anderer Forscher/innen. So umreißt etwa Elleke Boehmer die zentrale Thematik der Kolonialliteratur; in ihr gehe es um „the introversion of the colonial mission, or colonial drama; the masculine aspect of that drama; the representation of other peoples; the resistant incomprehensibility or unreadability of the colonized beyond“.13 In einer weiteren Elaboration, die in ihrer manichäischen Dichotomik nachgerade spätstrukturalistisch anmutet, hat J.M. Blaut in The Colonizer’s Model of the World (1993) auf die prinzipielle Zweiteilung der symbolischen Welten von Zentrum (core) und Periperie in deren Repräsentation hingewiesen und dafür folgendes Schema entwickelt:14
Characteristic of Core: Characteristic of Periphery: inventiveness imitativeness rationality, intellect irrationality, emotion, instinct abstract thought concrete thought theoretical reasoning empirical, practical reasoning mind body, matter discipline spontaneity adulthood childhood sanity insanity science sorcery progress stagnationIn David Spurrs Buch Colonial Discourse in Journalism, Travel Writing and Imperial Administration (1993) wiederum werden relativ systematisch elf Verfahrensmodi der kolonialen Repräsentation des Anderen ausgewiesen, die im Folgenden zusammengefasst werden sollen;15 der/die/das Andere/Fremde wird dabei quasi als „historical palimpsest“16 aufgefasst:
1) „Surveillance“ (13ff.): Hier geht es um Sichtweisen und Erzählperspektiven im Kolonialdiskurs: Wer hat das „privilege of the gaze“ (13) bzw. das Blick- und Beschreibungsmonopol, und wer wird angesehen, ohne zurückblicken zu dürfen? Auch Vogelperspektive, Landschaftspanoramen17 und auktoriale Erzählhaltung werden genannt (15) bzw. der Blick auf den fremden Körper, der diesen ästhetisch, ethisch und nach seinem Arbeitswert einstuft (22).18
2) „Appropriation“ (28ff.): Die Aneignung der fremden Länder und Menschen durch den Kolonisator wird gleichsam als dessen Naturrecht behauptet (29), wobei die Kolonialherrschaft als „restoration of a harmonious order“, als Rettung vor Krieg und Chaos erscheint (34). Dabei gilt es die Rolle von westlicher Namensgebung (z.B. „New-Amsterdam“) als Nostalgie für das verpflanzte Eigene wie auch die semantische Inbesitznahme des Fremden in einem kolonialen Kontext zu berücksichtigen (30).19
3) „Aestheticization“ (43ff.): Der koloniale Blick ästhetisiert z.B. soziales Elend zu pittoresker Armut (39f.) und definiert, was „authentisch“ und was „nicht-authenisch“ ist (49).
4) „Classification“ (61ff.): Der Kolonisator nimmt für sich das Privileg in Anspruch, alle fremden Phänomene gemäß von ihm (willkürlich?) aufgestellter eigener Kategorien zu klassifizieren.20
5) „Debasement“ (77ff.): Diese Projektionen von Angst, Schmutz und Ekel erzeugen strategisch „the horror of the Other“ (79) und lassen den „struggle aginst the lotuslike powers of an unknown land“ (80) als heroische Herausforderung für den colon erscheinen. Nacktheit und Schmutz erscheinen als „markers of distinction“ (81), gleichzeitig als „warning against the seductive danger of the savage“ (83). Es gilt gleichwohl das Paradox, dass die Kolonisierten durch die mission civilatrice auf die hohe Zivilisationsstufe des colon gehoben werden sollen, sie aber für ihre „attempts to imitate the forms of the West“ ridikulisiert werden (84).
6) „Negation“ (92ff.): Dieser Beschreibungsmodus vermag das Fremde/Andere nur als Verneinung bzw. Gegenteil des Eigenen („state of nothingness“- 97; „Heart of Darkness“- 95) erfassen, als „incapacity to enter into the basic systems of thought that make civilized life possible“ (104).21
7) „Affirmation“ (109ff.): Strategien der (Selbst-)Bestätigung der kolonialen Präsenz und der mission civilizatrice.
8) „Idealization“ (126ff.): die Idealisierung des/der Fremden/Anderen/Eingeborenen z.B. zum ‚edlen Wilden‘, zur Gegenwelt zur Moderne, die nicht nach utilitaristischen Prinzipien organisiert ist (129), d.h. das scheinbare Glück des ‚Rückständigen‘.
9) „Insubstancialization“ (141ff.): Hiermit ist z.B. die Auflösung der Leitdifferenz von ‚innen‘ und ‚außen‘ unter dem Eindruck des fremden Lands und seiner Menschen gemeint, z.B. „the spell of the Orient“ (145), der die westlichen Betrachter/innen wie in einem Drogenrausch desorientiert und sie im Ungewissen über den Traum- und Wirklichkeitsstatus des Erfahrenen lässt.
10) „Naturalization“ (156ff.): Andere Länder und ‚Völker‘ werden mit dem Register der Biologie beschrieben, anstatt sie wie das Eigene als Kulturphänomene darzustellen („identification of Third World peoples with the forces of nature“, 167).
11) Gendering bzw. „Eroticization“ (170ff.): der/die/das Fremde wird sexuell aufgeladen bzw. verweiblicht („the cliché of colonial history“, 171). Die Darstellung folgt „Principles of unveiling and repetition“ (175) und ist einer Dialektik von Angst und Begehren unterworfen.22
Mit diesen kritischen Kategorisierungsversuchen des Kolonialdiskurses (die paradoxerweise innerhalb der westlichen Academia formuliert worden sind, gleichsam als tool set einer institutionalisierten Selbstkritik) stehen zumindest Anregungen für die folgenden Fallstudien und Detailanalysen zur Verfügung. Sie werden freilich nicht systematisch appliziert werden, um einerseits einen ermüdenden Schematismus, andererseits den Eindruck unreflektierten Transfers bzw. kritikloser ‚Anwendung‘ zu vermeiden und außerdem die Texte zunächst mittels eines close reading für sich selbst ‚sprechen‘ zu lassen.
Teil B: FallStudien (I)
Kolonialismus als Vorstellung:
Stichproben aus der österreichischen Literatur,
1815–1914

Abb. 1
B.0. FrageStellungen:
„Koloniales Begehren“ in literarischen „Kontaktzonen“
[…] literature […] creates what Williams calls ‚structures of feeling‘ that support, elaborate, and con solidate the practice of
empire.1
Die früh verstorbene amerikanische Germanistin Susanne Zantop spricht in ihrer 1997 erschienenen, inspirierenden Arbeit zu „Conquest, Family and Nation in Precolonial Germany, 1770–1880“ von „Colonial Fantasies“, die sie als wirkungsmächtige, aber gleichsam subkutane Kategorie der deutschen Kultur vor deren Übersee-Landnahme in den Jahren nach 1884 ausweist. Jene „Kolonialphantasien“ hätten als Bindeglied zwischen dem Individuum und dem „politischen Unbewussten“ (Frederick Jameson) seiner Zeit gewirkt und seien dabei Vehikel wie auch Triebfeder kolonialer Ideologien:2 „stories of sexual conquest and surrender, love and blissful domestic relations between colonizer and colonized, set in colonial territory, stories that made the strange familiar, and the familiar ‚familial‘.“3
Zantop sieht also diese Narrative inner- und außerhalb der deutschen Literatur häufig als Liebesgeschichten und Familienromane imaginiert, in denen es Paare, Eltern, Kinder und Geschwister gebe; auf diese Weise hätten sie mitgeholfen, eine nationale Identität zu schmieden („producing not just a ‚family‘“).4 Zusammenfassend heißt es: „Colonial fantasies provided an arena for creating an imaginary community and constructing a national identity in opposition to the perceived racial, sexual, ethnic, and national characteristics of others, Europeans and non-Europeans alike.“5 Auch die Gender-Hierarchien des modernen Europas bräuchten das koloniale Andere als Hintergrund, von dem sie ihre ‚Kultur-Leistung‘ abzuheben trachteten.6
Zantops Arbeit fokussiert zwar auf die deutsche Kultur vor und nach der wilhelminischen Reichsgründung von 1871. Es scheint aber, dass es dergleichen Kolonialphantasien und Familienaufstellungen – wie erste Stichproben in Teil A. der vorliegenden Arbeit nahelegten – durchaus auch in jenem deutschsprachigen Territorium gibt, das von der staatlichen Vereinigung unter Preußen ausgenommen blieb: das Kaisertum Österreich bzw. (nach 1867) die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.7
Dies hat jüngst auch der deutsch-amerikanische Germanist Ulrich Bach in einer Studie zu Colonial Utopias8 in Anschluss an das alte Credo der Habsburg-Forschung gezeigt, wonach es keine k.u.k. Kolonien gegeben habe.9 Mutatis mutandis ließe sich aber mit Zantop behaupten, dass „precisely the lack of actual colonialism […] created a pervasive desire for colonial possessions and a sense of entitlement to such possessions“.10 Bach spricht von einem imaginärem Imperialismus, der sich begehrlich auf den „paracolonial space“11 Osteuropas richte; dementsprechend würde etwa im Falle Sacher-Masochs eine „parakoloniale“ Literatur Österreichs mehr reflektieren als „the empire’s ethnic diversity“.12 Ob das so stimmt, soll vorläufig dahingestellt bleiben; fest steht, dass mit jenen kulturellen Kolonialphantasien sehr wohl auch ein Reflexionsmedium der ‚eigenen‘ ethnischen Diversität zur Verfügung steht – und in manchen Fällen sogar ein Kritikforum für den real-existierenden Kolonialismus der Nachbarstaaten „Kakaniens“.
In diesem Sinne handelt auch der folgende erste Fallstudien-Teil der vorliegenden Arbeit – die in Abschnitt A. entwickelten Frageperspektiven aufgreifend – vom heimlichen kolonialen Begehren in der österreichischen Literatur und Kultur im langen 19. Jahrhundert, aber auch von deren Auseinandersetzung damit. Zu diesem Zweck werden abseits der von der bisherigen Forschung begangenen Bahnen (Kafka,13 Sacher-Masoch,14 Robert Müller15 u.a.) ohne Anspruch auf Vollständigkeit16 drei Stichproben präsentiert, die Positionen und Dimensionen österreichischer Kolonialphantasien (und -kritik) sichtbar machen sollen (während deren Realisierung zumindest ersatzweise in der Landnahme und Administration Bosniens-Herzegowinas 1878–191817 stattfinden wird):
Franz Grillparzer (1791–1872), so unsere These, widerspiegelt im traumatischen – und proto-kolonialen – Kontakt zwischen ‚zivilisierten‘ Griechen und ‚barbarischen‘ Kolchern die kulturellen Differenzen des Habsburger Reiches und hinterfragt dessen ethnische Hierarchien im 19. Jahrhundert. Peter Altenberg (1859–1919), der sich anlässlich einer sogenannten „Völkerschau“ im Wiener Prater-Zoo 1896 als Advokat der zur Schau gestellten „Aschanti-Neger“ auf der Folie seiner rousseauistisch libert(in)ären Zivilisationskritik geriert, erweist sich zugleich als Gefangener seines eigenen bedenklichen Begehrens für das afrikanische Andere. Alfred Kubin (1877–1959) schließlich, genialer Jahrhundertwendezeichner dunkler Mächte, imaginiert in seinem einzigen Roman Die andere Seite (1908/09) eine Staatssatire des Habsburger Reiches nicht zufällig als koloniales Untergangsszenario in Zentralasien.18
In Imperial Eyes (1992), einem Standardwerk der Reiseliteraturforschung, hat Marie Louise Pratt von „contact zones“ gesprochen: „spaces where disparate cultures meet, clash, and grapple with each other, often in highly asymmetrical relations of domination and subordination“,19 „usually involving conditions of coercion, radical inequality, and intractable conflict“.20 Dieses Prinzip liminaler Kontaktzonen herrscht aber auch im imaginären Raum – ebenso wie im realen Kontext – der untersuchten Texte vor, ob es sich nun um Argonauten und Touristen bei Grillparzer handelt, um die Völkerschauen um 1900 bei Peter Altenberg oder das mitteleuropäische Kolonisationsprojekt bei Kubin. Dabei liegt es wohl auf der Hand, diese Berührungs(t)räume mit dem multiethnischen Alltag der Habsburger Monarchie bzw. ihrem Binnenkolonialismus in Verbindung zu setzen, wie noch zu zeigen sein wird.
Literatur – so eine erste Arbeitshypothese – fungiert hier als symbolisches Bewältigungsmedium eines immer schwierigeren k.u.k. Differenzmanagements, zugleich aber auch als Erweiterungsphantasie, das dieses in die Weite des geografischen Raums oder der historischen Vergangenheit projiziert – als potenziell unionistischer Diskurs eines anachronistisch werdenden Imperiums in Bedrängnis. Es sind dies koloniale Vorstellungen in zweifacher Hinsicht: als Ideen wie auch als deren virtuelle Performanz in der Versuchsanordnung eines literarischen Als-Ob.
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