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Dr. medic Roland Pfeiffer Der Migräne-Detektiv
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Dr. medic Roland Pfeiffer
Der Migräne-Detektiv

Die Informationen und Empfehlungen in diesem Buch sind nach bestem Wissen und Gewissen geprüft. Sie stellen keine Bewerbung der beschriebenen oder erwähnten diagnostischen Methoden, Behandlungen oder Arzneimittel dar und sie bieten keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat. Der Autor übernimmt keinerlei Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich direkt oder indirekt aus einer Selbstbehandlung ohne medizinische Begleitung ergeben könnten. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ebenfalls ausgeschlossen.
2. Auflage
© 2017 by Dr. medic Roland Pfeiffer
Dr. medic Roland Pfeiffer, Alexanderstr. 46, 70182 Stuttgart
www.osteopathie-arzt-stuttgart.de
praxis@osteopathie-arzt-stuttgart.de
Redaktion und Lektorat: Gabi Haas
Covergestaltung, Satz und Layout: Laura Newman
- design.lauranewman.de -
Covermotive: Kues, Balintseby / Freepik
Icons: by Freepik from www.flaticon.com / licensed by CC 3.0 BY
Autorenfoto: Christian Hass
Vorwort und Tatbestand
Es gibt viele Bücher über Migräne. Bücher, die Entspannungs- und Ernährungstipps geben. Bücher, die Schmerzmittel und Therapiemöglichkeiten vergleichen. Bücher, die so gut wie alle Migränefälle auf eine einzige Ursache reduzieren. Bücher, die nahezu jeden Migränepatienten über einen Kamm scheren. Und, leider auch immer wieder Bücher, die die historisch überholte Meinung der Schulmedizin vertreten, Migräne sei nun mal nicht heilbar.
Doch jeder Patient ist individuell und jede Migräneursache ist individuell. So individuell wie der Fingerabdruck eines jeden von uns. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Die Migräne ist ein Rätsel, das zur Lösung herausfordert. Ich richte mich mit meinem Buch an alle Menschen mit Migräne, um dieses Rätsel für jeden einzelnen greifbarer zu machen. Ich richte mich gleichwohl an meine Kollegen – Ärzte, Heilpraktiker und Osteopathen – um das Rätsel auch zum Wohle ihrer Patienten zu lösen.
Der „Migräne-Detektiv“ entschlüsselt in 44 spannenden Fällen die individuellen Auslöser bei der Entstehung einer Migräne. Ich zeige, wie es mir mit systematischer Suche und dem richtigen Riecher gelingt, die Ursachen aufzuspüren, diese zu beseitigen und den Patienten dauerhaft zu heilen. Dass Migräne grundsätzlich heilbar ist, zeigt alleine die Tatsache, dass es auf diesem Gebiet Spontanheilungen gibt. Fast jeder Arzt kennt Patienten, die einst unter Migräne litten, nun aber schon jahrelang davon befreit sind. Die einen hatten nach einer Schwangerschaft keine Migräne mehr, die anderen nach einem Ortswechsel, einem Arbeitsplatzwechsel, nach Einsetzen der Menopause oder ohne eindeutig nachvollziehbaren Anlass. Irgendein Faktor hat ihr Nervensystem entlastet, das Fass der Ursachen ein wenig entleert und damit die Migräne geheilt. Diese Heilung kann zufällig geschehen. Doch darauf können und wollen Sie als Patient nicht warten. Sie wollen nicht länger Opfer der Migräne sein! Mit der systematischen Decodierung der Migräne zeige ich, wie sich das Fass der Ursachen gezielt entleeren lässt und der Körper in die Lage versetzt wird, verbleibendes Ursachenpotential alleine zu kompensieren.
Sie möchten den „Migräne-Detektiv“ nicht von vorne bis hinten komplett lesen? Kein Problem! Wie finden Sie nun als Leser – Patient oder Kollege – die für Sie wichtigen und interessanten Informationen im Buch? Folgen Sie einfach dem Kapitel-Leitfaden.
In Kapitel 1 erfahren Sie, was genau Migräne ist, wie sie entsteht und wie ich als Arzt zur Migränetherapie kam.
In Kapitel 2 schildere ich detailliert anhand von 44 Patientenbeispielen, wie vielfältig die Ursachen für Migräne sein können und wie man diese Ursachen mit detektivischem Spürsinn aufdecken und beseitigen kann. Ich beschreibe Menschen mit Migräne und wie es mir gelungen ist, die Migräne dieser Menschen zu heilen. Als Patient werden Sie dabei auch auf Parallelen zu Ihrer eigenen Krankengeschichte stoßen. Meine fachlichen Erkenntnisse in diesem Kapitel sehe ich als Impuls und Inspiration für all diejenigen, die sich professionell mit der Heilung von Migräne beschäftigen.
In Kapitel 3 stelle ich die komplette Systematik der Ursachenanalyse vor. Durch die Brille des Mediziners betrachten wir die ausführliche Migräneanamnese, eine spezielle Labordiagnostik, die ausführliche osteopathische Untersuchung sowie die Neuraltherapeutische Störfeldsuche und Testbehandlung. Für den Laien möglicherweise etwas „medizinlastig“. Für den Eingeweihten ein großer Fundus rund um die Migränediagnose.
In Kapitel 4 erkläre ich genauer, wie ausgewählte „Übeltäter“ als Ursache für Migräne & Co wirken können.
In Kapitel 2 angekommen, weist Ihnen die folgende Legende den Weg durch die 44 Fallbeschreibungen meiner geheilten Migränepatienten.

Patientenprofil
Lesen Sie an dieser Stelle über einen Menschen mit Migräne. Alter, Geschlecht, Beruf, Krankheitsgeschichte, Lebensumstände, Lebensgewohnheiten, Lebensereignisse, Medikation, Therapieversuche ... alles, was diesen Patienten beschreibt.

Spurensuche und Entschlüsselung
Lesen Sie an dieser Stelle, wie ich bei jedem Patienten systematisch die Ursachen der Migräne ermittle und die Ergebnisse dieser Analyse in einem zielführenden Behandlungskonzept kombiniere.

Experten-Zoom
An dieser Stelle geht es fachlich in die Tiefe. Ärzte, Heilpraktiker, Osteopathen und alle Menschen, die sich professionell mit der Heilung von Migräne beschäftigen, kommen hier auf ihre Kosten.
Kapitel 1
Migräne
Was ist Migräne und wie häufig kommt sie vor?
Migräne ist in aller Munde. Doch was genau ist Migräne? Das wollen wir wissen, bevor wir uns auf die Spurensuche begeben. Migräne ist ein meist einseitiger Kopfschmerz. Er tritt oft anfallsartig auf und kann stunden- oder tagelang anhalten. Nicht selten wird der Schmerz von einer Aura mit Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. Manchmal treten auch Sprachstörungen, Sehstörungen, Gedächtnisausfälle und andere neurologische Symptome auf. In Deutschland leiden zirka acht Millionen Menschen an Migräne. Davon sind etwa zwei Drittel Frauen.
Bei Migräne liegt eine energetische Unterversorgung, eine Fehlsteuerung oder eine Überreizung verschiedener Nervenzentren vor, die durch unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden. Ziel jeder Behandlung ist es daher, das Nervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen und das Missverhältnis zwischen Energiebedarf und Energieversorgung auszugleichen.

Das Fass der Ursachen – ein Modell zur Erklärung der Migräne
Die Entstehung einer Migräne kann man sich vereinfacht mit dem „Fassmodell“ vorstellen.
Wir vergleichen den menschlichen Körper mit einem Fass. Dieses Fass füllt sich langsam, wenn mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auftreten und Volumen einbringen. Welche Faktoren das sein können, beschreibe ich im nächsten Kapitel und in den 44 Fallbeispielen.
Unser Körper besitzt eine sehr hohe Kompensationsfähigkeit. Füllt sich das Fass bis zum oberen Rand, zeigt der Körper noch keine Reaktion. Fließt nun aber ein Tropfen zu viel in das Fass, läuft dieses über und der Körper reagiert. Diese Reaktion entspricht dem Migräneanfall. Es geht also in der Migränebehandlung darum, soviel Volumen wie möglich aus dem Fass herauszunehmen, so dass kleinere Ereignisse, wie Wetterwechsel oder Stresssituationen, es nicht zum Überlaufen bringen. Es ist aus meiner Sicht müßig darüber zu diskutieren, ob man den genetischen Anteil, meist eine durch die Mutter vererbte Mitochondrienschädigung, den wir nicht beeinflussen können und der nach meinen Schätzungen meist zwischen 10% und 30% des Fassvolumens ausmacht, als Ursache bezeichnet und alle anderen Faktoren als Auslöser. Oder aber, ob man alle Faktoren als Ursachen bezeichnet. Im Fassmodell spielt dies ohnehin keine Rolle. Alle Faktoren zusammen füllen das Fass und wir müssen dieses, nach meiner Schätzung, etwa zur Hälfte leeren. Dann tritt keine Migräne mehr auf. Je höher also der genetische Anteil ist, desto mehr andere Faktoren gilt es herauszunehmen. Wir müssen systematisch herausfinden, womit das Fass gefüllt ist und wie wir es zumindest bis zur Hälfte entleeren können. Das ist die Herausforderung!
Wie ein Migräneanfall entsteht
Um zu verstehen, was bei einer Migräneattacke im Körper passiert, tauchen wir medizinisch etwas tiefer in die Materie ein. Das Migräneursachen-Schema auf Seite 17 zeigt uns das Zusammenspiel der Faktoren, die an einem Migräneanfall beteiligt sind.
Verschiedenste Faktoren können zu Störungen in der Mitochondrienversorgung und zur Überaktivität des Migränegenerators im Hirnstamm führen. Dort haben auch Kerne des schmerzempfindlichen Trigeminusnervs ihren Ursprung. Mögliche Belastungsfaktoren sind z. B. mechanischer, chemischer, hormoneller, ernährungsbedingter, verdauungsabhängiger, sinnesorganabhängiger, elektromagnetischer, klimatischer, infektiöser, psychischer, toxischer, immunologischer und genetischer Natur. Aber auch Störfelder im neuraltherapeutischen Sinne können sich belastend auswirken. Der Hirnstamm, unser entwicklungsgeschichtlich ältester Hirnteil, ist für die Steuerung lebensnotwendiger Funktionen im Körper zuständig. Er regelt vegetative Funktionen wie Atmung, Durchblutung, Kreislauf, Körpertemperatur und Verdauung. Der Hirnstamm ist aber auch eine Messinstanz, die äußerst sensibel mit messbarer Nerven-Hyperaktivität und verstärkter Durchblutung auf starke Schwankungen von Sauerstoff, Blutzucker, Flüssigkeit, Salzgehalt und Säure-Basen-Gleichgewicht sowie auf Giftstoffe reagiert. Gefährdet nun eine Situation die Energieversorgung des Gehirns, reagiert ein Bereich des Hirnstamms massiv darauf. Dieser Bereich wird auch Migränegenerator genannt. Der Migränegenerator wird aktiviert, bevor es zu einer Aktivierung des Trigeminusnervs, der von ihm versorgten Blutgefäße und dem damit verbundenen Schmerzempfinden kommt. Neuere PET-Untersuchungen haben dies nachgewiesen. Die Positronen-Emissionstomographie (PET) ist ein Verfahren, bei dem besonders aktive Hirnbereiche in Farbe sichtbar gemacht werden. Der Bereich des Migränegenerators ist vor und während einer Migräneattacke stärker durchblutet und weist eine erhöhte Aktivität auf. Er bleibt aktiv, auch wenn Schmerzmittel, wie z. B. Triptane, den Migräneanfall schon längst unterdrückt haben. Er ist deshalb in der Lage, nach Ablauf der Schmerzmittelwirkung, den Anfall wieder aufflammen zu lassen. Der Trigeminusnerv, der für die sensible Versorgung von Hirnhäuten, Hirnarterien, Hirnrinde, Nebenhöhlen und Gesicht zuständig ist und so Schmerzempfindungen möglich macht, wird aktiviert. Trigeminusfasern bringen Informationen z. B. aus Kopfgefäßen und Gesicht zu ihren Nervenkernen, die vom Mittelhirn bis ins Rückenmark der Halswirbelsäule verteilt sind. Auf Höhe der oberen Halswirbel überlappen sich im Rückenmark Endgebiete von Trigeminusfasern und Halsnervenfasern. Dadurch können störende Reize aus der oberen Halswirbelsäule, wie sie z. B. nach einem Schleudertrauma auftreten, zum spinalen Kern des Trigeminusnervs gelangen und diesen irritieren. Zusätzlich kann dieser aber auch aus Fasern aus dem siebten und dem zehnten Hirnnerv irritiert werden. Dauerreize, die von Narbenstörfeldern, chronischen Entzündungen und anatomischen oder physiologischen Problembereichen, wie z. B. den Kopfgelenken, herrühren, lassen Erregungszonen im Hirnstamm mit erhöhtem Energieverbrauch entstehen. Das passiert u. a. in den Kernen des Trigeminusnervs und in der Hirnrinde. Diese Erregungszonen stehen in Beziehung zueinander und können zur Entwicklung von Migräne führen. Durch die Überaktivität des Trigeminusnervs werden Botenstoffe freigesetzt. Diese beeinflussen in den Blutgefäßen des Gehirns die Gefäßmuskulatur und den Gefäßdurchmesser. Das geschieht auch, wenn zu viel Stickstoffmonoxid in den Gefäßen anflutet. Dies bezeichnet man als Nitrostress. Man geht heute davon aus, dass sich die Arterienwände kurzzeitig entzünden. Dabei kommt es zunächst zu einer Erweiterung der Kopfarterien sowie zu einer erhöhten Durchlässigkeit und Schwellung der Arterienwände (Ödem). Dieses Ödem führt zu einer Verengung der Arterien und somit zu einer verringerten Durchblutung bestimmter Hirnbereiche. Dadurch entsteht die Migräneaura. Die durch die Nervenreizung bedingte Entzündung breitet sich über die ganze Gefäßwand aus und stört die Verbindungen zwischen den Zellen. Diese werden in Folge wieder elastischer. Der Blutdruck erweitert die verengten Gefäße und die Aura verabschiedet sich (Literaturempfehlung 5). Durch die nervenbedingte Entzündung entsteht eine starke Schmerzempfindlichkeit der Gefäßwände.
Die Details der Migräneentstehung sind allerdings wissenschaftlich noch nicht komplett erforscht. Welche Faktoren dazu in der Lage sind, eine Überaktivität des Migränegenerators im Hirnstamm und im Ganglion Trigeminale auszulösen, beschreibe ich ausführlich in den Kapiteln Anamnese, Laboranalysen, osteopathische Untersuchung und neuraltherapeutische Testung.

Abbildung: Migräneursachen-Schema
Wie ich zur Migränetherapie kam
Nach meiner Akupunkturausbildung war ich begeisterter Akupunkteur. Ich traute meinen chinesischen Nadeln fast alles zu und verinnerlichte die Philosophie der traditionellen chinesischen Medizin. Ich lernte viel über die Akupunktur-Meridiane und die auf ihnen liegenden Akupunkturpunkte sowie deren Bedeutung für die verschiedenen Organe und Erkrankungen. Das Schicksal wollte es wohl so, dass ich kurz nacheinander drei Migränepatienten mit Akupunktur von ihrer Migräne befreien konnte. Voller Euphorie dachte ich nun zu wissen, wie Migräneheilung funktioniere. Wie naiv das war, musste ich bald feststellen. Ich warb mit meinen ersten Erfolgen und es kamen viele Migränepatienten zu mir in Behandlung. Doch leider bescherte sich mir ein Misserfolg nach dem anderen. Ich erkannte, dass es höchstens 20% der Patienten waren, denen ich mit Akupunktur helfen konnte. Es musste also auch noch andere Ursachen geben, die durch meine Nadeln nicht zu beeinflussen waren.
Ich entschloss mich im nächsten Schritt zu einer Neuraltherapieausbildung. Dadurch konnte ich meine Erfolgsquote immerhin auf 45% steigern. Damit gab ich mich aber noch nicht zufrieden. Denn wenn jeder zweite Patient die Praxis unzufrieden verlässt, ist das nicht gerade die beste Werbebotschaft für einen Mediziner. Ich absolvierte also die fünfjährige Osteopathie-Ausbildung an der Osteopathie Schule Deutschland (OSD). Gleichzeitig befasste ich mich intensiv mit Ernährungsmedizin, Orthomolekularmedizin, Endokrinologie und bioidentischer Hormontherapie, sowie Mitochondrientherapie nach Dr. Kuklinski. Heute kann ich nach Auswertung meiner aktuellen Statistiken sagen, dass ich 75% meiner Patienten innerhalb von 10 bis 20 Sitzungen von ihrer Migräne befreien konnte. Weitere 10% verspüren zumindest eine deutliche Verbesserung ihrer Symptomatik, das heißt sie erleiden wesentlich seltener Anfälle und die Migräne ist weniger heftig.
Kapitel 2
44 Migränepatienten –
44 gelöste Fälle
Fall 1: Nitrostress und osteopathische Dysfunktion

Eine 44-jährige Physiotherapeutin hatte vor 15 Jahren ein Schleudertrauma erlitten, als an einer roten Ampel ein Auto von hinten ungebremst auf ihr Fahrzeug aufgeprallt war. Sie trug danach einige Tage eine Halskrause. Vier Wochen später bekam sie ihre erste Migräneattacke. Die Anfälle traten lange Zeit nur alle ein bis zwei Monate auf, oft pünktlich zur Menstruation. Sie wurden jedoch innerhalb der letzten zwei Jahre immer häufiger. In den letzten drei Monaten hatte sich die Häufigkeit der Attacken auf bis zu dreimal pro Woche erhöht. Früher war sie gerne gejoggt, jetzt musste sie jeden Dauerlauf mit einer Migräneattacke bezahlen. Triptane waren lange Zeit die einzigen Medikamente, die ihr im Anfall geholfen hatten. Sie brachten ihr jedoch seit einigen Monaten keine Besserung mehr. Hinzu kamen Schwindelattacken, Sehstörungen, Ohrgeräusche, Übelkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Eine Serie von 15 Sitzungen Akupunktur bei ihrem Hausarzt hatte ihr ebenfalls keine Besserung gebracht. Sie erschien ziemlich verzweifelt in meiner Praxis.

Nach der Anamnese nahm ich ihr einige Blutproben für Laboranalysen ab. Ich wollte herausfinden, ob aufgrund des Schleudertraumas eine instabile Halswirbelsäule mit einer daraus resultierenden erhöhten Stickstoffmonoxid-Produktion (Nitrostress) vorlag. Das würde auf einen erhöhten Verbrauch von Vitamin B12 sowie anderer Mikronährstoffe schließen lassen. Da mich die Patientin bat, ihr aufgrund ihres extremen Leidensdrucks möglichst schnell zu helfen, spritzte ich ihr, ohne die Laborergebnisse abzuwarten, 1mg Vitamin B12. Ich empfahl ihr, bis zum nächsten Termin in zwei Wochen, sich täglich die gleiche Dosis des Vitamins selbst in den Bauch zu spritzen.
Bei der osteopathischen Untersuchung stellte ich bei der Patientin zahlreiche Einschränkungen fest. Erhöhte Membranspannungen, bewegungseingeschränkte Schädelplatten, insbesondere ein zwischen den beiden Schläfenbeinen eingekeiltes Hinterhauptbein, ein zwischen den Beckenknochen verkeiltes Kreuzbein, dadurch einen asynchronen Craniosakralen Rhythmus, Wirbelblockaden im Bereich der oberen Halswirbelsäule sowie der unteren Brustwirbelsäule und einen verringerten Ausdehnungsspielraum des Brustkorbs. Ich behandelte sie in einer bestimmten Reihenfolge. Ich löste die Spannungen der Duralmembranen, die die Wirbelsäule und den Kopf auskleiden, befreite das eingekeilte Kreuzbein ebenso wie das eingekeilte Hinterhauptbein, löste die Blockaden der Brust- und Halswirbelsäule und synchronisierte ihren Craniosakralen Rhythmus.
Als sie nach zwei Wochen wiederkam, bekräftigte die Patientin, dass es ihr gut ginge und sie die ganze Zeit über keine Migräne gehabt habe. Die mittlerweile vorliegenden Laborergebnisse bestätigten starken Nitrostress und dadurch bedingt einen ausgeprägten Vitamin-B12-Mangel mit all seinen Konsequenzen für Zellatmung und Zellstoffwechsel. Hinzu kam ein Mangel an Vitamin B2, B6, Folsäure, Biotin und Magnesium. Ich schlug vor, noch einige Male die druckschmerzhaften Punkte an der oberen Hals- und Brustwirbelsäule und ein Nervengeflecht im Gynäkologischen Raum (Plexus Utero-Vesicalis) neuraltherapeutisch mit Lokalanästhetika anzuspritzen und die genannten Mikronährstoffmängel zu ersetzen. Nach fünf weiteren Behandlungen innerhalb von fünf Wochen, kam die Patientin lächelnd in die Praxis und sagte, dass sie migränefrei war. Das Verrückte an ihrer Heilungsgeschichte war, dass sie in dieser Zeit schwanger wurde. Und das mit 44 Jahren, nachdem sie die letzten zehn Jahre vergeblich versucht hatte, schwanger zu werden. Da die Patientin seit sieben Wochen keine Migräne mehr hatte und Bedenken hegte, durch die Spritzen ihre Schwangerschaft zu gefährden, beschlossen wir die Behandlung bis auf weiteres abzuschließen. Normalerweise betrachte ich eine Behandlung erst nach vier Monaten ohne Migräne als abgeschlossen.

Ein Jahr später rief ich die Patientin zur Erfolgskontrolle an und erfuhr, dass sie nicht mehr unter Migräne litt und dass sie zwischenzeitlich Mutter geworden war.
Was war passiert? Warum war die Patientin ihre Migräne so schnell losgeworden? Warum war sie nach zehn Jahren vergeblicher Bemühung, quasi als Nebenwirkung der Migränetherapie, plötzlich schwanger geworden? Um das zu verstehen, schauen wir uns an, was bei einem Schleudertrauma passiert. Der Rostocker Facharzt für Innere Medizin und Umweltmedizin, Dr. Bodo Kuklinski, hat dies jahrzehntelang erforscht und in seinen Büchern „Schwachstelle Genick“ und „Das HWS-Trauma“ ausführlich beschrieben.
Die Halswirbelsäule ist das beweglichste Teil der gesamten Wirbelsäule. Hier sind Nerven, Blutgefäße, Lymphknoten, Bänder, Muskeln, Faszien, Knochen und Drüsen auf engstem Raum komprimiert. Bei einem Schleudertrauma werden Bänder, die der Halswirbelsäule Stabilität geben, überdehnt, woraus eine instabile Halswirbelsäule resultiert. Die dadurch entstehende, vorübergehende Unterversorgung von Zellen mit Sauerstoff und die anschließende Wiederdurchblutung setzt eine chemische Reaktion in Gang. Die Aminosäure Arginin wird in Citrullin und Stickstoffmonoxid aufgespalten. Stickstoffmonoxid ist ein Gas, das sich im Körper verteilt, in sämtliche Körperzellen und Mitochondrien eindringt und dort Zerstörungsprozesse verursacht. Der Körper kann Stickstoffmonoxid neutralisieren, aber nur unter sehr hohem Verbrauch von Vitamin B12 und anderen Mikronährstoffen. Ein mit einem Atemgasmessgerät gemessener erhöhter Stickstoffmonoxidgehalt der Atemluft geht nach Injektion von Vitamin B12 deutlich zurück. Insbesondere bei Erschütterungen, z. B. beim Joggen oder Reiten, werden große Mengen von Stickstoffmonoxid freigesetzt. Was dies für die Migräneentstehung bedeutet, erläutere ich ausführlich im Kapitel „Nitrostress“.
Durch ein Schleudertrauma können außerdem Fasziendistorsionen entstehen. Die Faszien, die hauptsächlich aus elastischen Collagen- und Elastinfasern bestehen, hüllen die Muskeln ein. Sie können verdreht und verzwirbelt werden und später, begünstigt durch die Ruhigstellung durch eine Halskrause, verkleben. Der in einer verdrehten Faszie eingewickelte Muskelstrang fühlt sich an wie ein Drahtseil. Der Patient hat das Gefühl, in einem zu engen Taucheranzug eingezwängt zu sein. Dieser Zusammenhang wurde von dem amerikanischen Osteopathen und Entdecker des Faszialen Dystorsionsmodells, Steven Typaldos, beschrieben (Literaturempfehlung 25). Wirbelblockaden werden durch die ruckartigen Bewegungen während des Schleudertraumas, durch die lockeren Bänder, die verdrehten Faszien und die angespannten Muskeln zusätzlich begünstigt. Bei Migräne nach Schleudertrauma sind oftmals die ersten beiden Halswirbel Atlas und Axis gegeneinander verdreht und unbeweglich. Der Körper gleicht dies in der Regel durch einen Beckenschiefstand aus. Die möglichen Folgen von Halswirbelblockaden sind vielfältig. Es können Hirnnervenreizungen, Reizung der Spinalnerven und der Nerven des Vegetativen Nervensystems, Druck und Zug an der Arteria vertebralis mit einseitig veränderter Blutversorgung, chronisch entzündliche Prozesse im Bereich der Muskelsehnenansätze, Nitrostress, chronische Müdigkeit und insbesondere Migräne und chronische Kopfschmerzen auftreten.