Книга Drachengabe - Diesig читать онлайн бесплатно, автор Torsten W. Burisch – Fictionbook, cтраница 4
Torsten W. Burisch Drachengabe - Diesig
Drachengabe - Diesig
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Torsten W. Burisch Drachengabe - Diesig

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Sie schrumpften weiter, sodass sie etwa auf Augenhöhe eines Kindes gewesen wären, und begannen, im nassen Blau zu verschwinden.

„Jetzt reicht es mir aber!“ Mit seinem Wutausbruch lenkte Dantra zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Elfen auf sich. Mit den Armen fuchtelnd stapfte er aufs Ufer zu. „Ich meine, was soll der Mist? Wir haben keine Zeit für solch ein Geplänkel. Der Welt, in der wir leben, geht es äußerst schlecht. Und um das zu ändern, sind wir hierhergekommen. Aber anstatt uns zu helfen, faselt ihr von den Jahreszeiten und wollte euch dabei klammheimlich und feige verdrücken.“ Mit dem Wort feige bekam er zwar die Reaktion, die er wollte, allerdings etwas intensiver als eigentlich angestrebt.

Die Elfen kehrten schlagartig zu ihrer anfänglichen übermenschlichen Größe zurück. Dantra stand nun nahe bei Akinna, nur nicht wie sie im Wasser, sondern auf dem trockenen Gras der flach abfallenden Böschung. Er sah an den unwahrscheinlich kolossal wirkenden Wassersäulen empor. Obwohl er den Anblick faszinierend fand, ließ er sich von ihm keineswegs einschüchtern. Da die drei Elfen nun schweigend ‒ teils erzürnt, teils verwundert ‒ auf ihn herabsahen, führte er seinen Tadel ob ihres unangebrachten Verhaltens fort.

„Ihr könntet uns wenigstens so viel Respekt erweisen, dass ihr uns mitteilt, ob ihr überhaupt etwas wisst. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass ihr überhaupt keine Ahnung habt, wovon Akinna da spricht. Und um eure Nutzlosigkeit zu überspielen, faselt ihr dieses unsinnige Zeug!“

Alle drei Elfen rauschten blitzschnell zu ihm hinab, allerdings ohne dabei etwas von ihrer bedrohlichen Größe einzubüßen. Wie Schlangen beugten sie sich zu ihm und ihre enormen Gesichter waren nun nicht mehr weiter von seinem entfernt als die Distanz zwischen ihm und der nun unruhig wogenden Ufergrenze.

„Sagtest du gerade nutzlos?“ Nun sprach nur noch die mittlere der drei Elfen, wobei ihre Augen gefährlich durch den unaufhörlichen Wasserschwall, der sie umgab, flimmerten.

„Wie würdest du es denn nennen, wenn wir, um dem Bösen die Stirn zu bieten, den Dolch des Vertrauens brauchen, ihr uns bei dessen Auffindung aber nicht helfen könnt?“ Dantras energisch fuchtelnde Arme landeten bei der nachfolgenden Frage schließlich provozierend verschränkt vor seiner Brust. „Oder seid ihr so ignorant, dass ihr die Dringlichkeit des Ganzen nicht erkennen könnt?“

„Ignorant?“ Zu Dantras Verwunderung hielt sich die Empörung der Elfe über seine Unverschämtheit in Grenzen. „Ignorant?“, wiederholte sie nochmals ruhig, als wollte sie sichergehen, sich nicht verhört zu haben. Schweigend schaute sie erst ihre Begleiterin zur Linken an, die bestätigend nickte, danach die zu ihrer Rechten, die ebenfalls ihren wuchtigen Kopf zustimmend bewegte. „Nun“, wandte sie sich wieder Dantra zu, „dann sag mir, wenn du so schlau bist, wie kann man es verhindern zu ertrinken, wenn man sich bereits auf dem rettenden Ufer befindet, aber immer noch nach Luft ringt?“

Dantra sah sie irritiert an, musste aber ziemlich rasch feststellen, was sie meinte. Schnell wie eine Ratte auf der Flucht zog sich ein kleines Rinnsal vom See die Böschung hinauf bis zu seinen Füßen, teilte sich dort, um anschließend an seinen beiden Beinen hinaufzusteigen. Ehe er sich versah, war er in eine Wasserhülle getaucht, wie sie auch die Elfen umgab. Für einen kurzen Moment hielt das leicht moderig riechende Nass inne, so als wollten die Elfen Dantra die Gelegenheit geben, ein letztes Mal Luft zu holen. Geistesgegenwärtig hielt er sich die Nase zu, was ihm aber nur eine kurze Bedenkzeit verschaffte. Gerade so lang, wie sein Luftvorrat ausreichte, und der war eher von magerer Statur. Aber es bedurfte keiner großen Situationseinschätzungen. Er tat, was er am besten konnte, und setzte seine magische Kraft ein. Dabei lenkte er sie nicht nur in eine Richtung, sondern ließ sie aus jeder Pore seines Körpers entweichen. Die Wassermassen spritzten umher.

Nass, als hätte ihn ein Platzregen überrascht, streckte er seine Arme fordernd von sich und rief: „Vielen Dank! Ich hatte ein Bad dringend nötig. Aber um mich umzubringen, müsst ihr euch schon etwas mehr einfallen lassen.“

Die überraschten Mienen der Elfen veränderten sich jedoch schnell. Sie erhoben sich erneut zu drei aufrecht stehenden Wassersäulen und wechselten nochmals einige stumme Blicke. Kurz darauf schrumpften sie langsam auf menschliche Größe, in der sie schon mit Akinna geredet hatten.

„Hast du Nomos wegen Tami gefragt?“ Sie waren gerade erst wieder zu ihrer Unterkunft der letzten Nacht aufgebrochen, als Dantra die in ihm brennende Frage stellte.

„Hab ich“, antwortete ihm Akinna. „Er hat vielleicht eine Spur von ihr entdeckt, meint aber, es wäre noch zu früh, um mehr darüber zu sagen.“

„Wie, zu früh?“ Dantra war stehen geblieben. „Wenn er etwas weiß, soll er es mir sagen“, schimpfte er los.

„Beruhige dich. Ich habe dir gesagt, dass ich ihn noch mal darauf hinweisen wollte, wie wichtig dir diese Angelegenheit ist und ...“

„Du wolltest? Warum hast du es dann nicht getan?“, fiel er ihr ins Wort.

„Ich sagte, du sollst dich beruhigen“, forderte sie ihn erneut auf, nun ebenfalls etwas ungehalten. Sie sah ihn einen Moment lang nur an, um ihm die Gelegenheit zu geben, seine Ungeduld in den Griff zu bekommen, damit er sie nicht gleich wieder unterbrach. Dann fuhr sie mit ruhiger Stimme fort. „Ich sagte, ich wollte ihn darauf hinweisen, weil er mich schon im Ansatz, genauso wie du gerade, unterbrochen hat. Und ich gebe zu bedenken, dass er mich noch nie unterbrochen hat. Ich hielt es ja eigentlich sowieso für überflüssig, ihn daran zu erinnern, für dich wollte ich es aber dennoch tun. Er sagte nur, das Ziel der Mission stehe nicht über dem Auffinden Tamis. Nicht nur, dass ihm selbst daran gelegen ist, deine Schwester aus den Fängen skrupelloser Sklavenhändler zu befreien, er weiß auch, dass du deine Mission niemals erfüllen kannst, wenn deine Gedanken ‒ verständlicherweise ‒ nicht im vollen Umfang bei den an dich gestellten Aufgaben sind.“

Dantra sah sie fragend an. „Und warum erzählt er dir dann nichts Konkretes von seiner Spur?“

„Weil er dir keine falschen Hoffnungen machen will. Vielleicht ist sie auch eine Nacht ohne Morgen. Eine Spur, die kein Licht ins Ungewisse bringt. Gib ihm etwas Zeit. Ich versichere dir, er tut, was er kann.“

Dantra sah betreten zu Boden. Akinna rechnete schon mit einer weiteren Frage, als er aufschaute und sagte: „Vielen Dank, dass du dich bei ihm für mich starkgemacht hast. Und vielen Dank“, er musste schlucken, „dass du mir hilfst, sie zu finden.“

Akinna, eine Halbelbin, die jeder Gefahr kühn ins Auge sah, war von so viel ungewohnter Dankbarkeit leicht überfordert. Verlegen schüttelte sie deshalb den Kopf. „Ach was, ist doch wohl selbstverständlich. Komm, lass uns weitergehen.“

Schweigend, in Gedanken vertieft und nur begleitet vom Rascheln des hohen Grases, das sie mit jedem Schritt, den sie taten, durchpflügten, setzten sie ihren Weg fort. Dantra hing noch immer an Akinnas Worten. An ihrer unbeirrbaren Zuversicht. Es war das erste Mal, dass er, seitdem er erfahren hatte, dass Tami mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lebte, sich nicht hilflos, nicht allein, nicht verloren fühlte. Es schien, als hätte er in Akinna und Nomos zwei Verbündete gefunden, denen, obwohl sie Tami gar nicht kannten, ebenfalls am Wohlergehen seiner Schwester gelegen war. Aber was für ihn noch viel wichtiger war, sie standen ihm nicht nur mit aufmunternden Worten zur Seite, sondern besaßen die Möglichkeit, ihm mit Taten zu helfen. Das große schwarze Loch in seinem Herzen, das sich dort nach dem Drachenangriff auf der Lichtung schmerzlich eingebrannt hatte, schien zu schrumpfen. Auch wenn es eigentlich noch viel zu früh war, so schaffte es die Hoffnung, die ewig eiternde Wunde etwas heilen zu lassen.

Akinna hingegen ließ sich noch einmal die Worte der hohen Elfen aus der Tiefe über den Dolch des Vertrauens durch den Kopf gehen. Als diese erkannt hatten, dass Dantra über magische Kräfte verfügte und Akinna etwas war, das es eigentlich gar nicht gab, nämlich eine Halbelbin, waren sie bereit und sogar erleichtert, ihr Geheimnis endlich preisgeben zu können. Der Argwohn, der sie bis dahin davon abgehalten hatte, ihr Wissen irgendjemandem anzuvertrauen, gründete sich nicht auf der Befürchtung, der Dolch würde den Drachen in die Hände fallen, sondern vielmehr auf den Bedenken, die Drachen würden von ihrem Geheimnis erfahren und sie dafür bestrafen. Nun aber, da sie ihrer Deutung nach die richtigen Auserwählten vor sich hatten, erkannten sie die Gelegenheit, sich ihrer Bürde zu entledigen. Denn in dem Moment, in dem Akinna und Dantra den Dolch an sich nähmen, hätte ihr geheimes Wissen keinen Wert mehr.

So trugen sie also all ihre Erkenntnisse über den Dolch vor, wobei sie damit begannen, die Gerüchte, wie sie zu den Geheimnisträgerinnen wurden, zu korrigieren. Der Knappe, der seinerzeit um ihr Gehör gebeten haben sollte, hatte in Wirklichkeit keine Ahnung von ihrer Existenz. Vielmehr hatte er versucht, den Dolch im Wasser unter der Last eines schweren Ufersteins zu verstecken, um ihn einige Tage, Monate oder gar Jahre in Sicherheit zu wissen, bis die Lage sich wieder beruhigt hatte. Sie, die Elfen, wussten natürlich sofort, als der Dolch die Wasseroberfläche durchbrach, um welch gefährliche Waffe es sich handelte. Und als das Blut des Königs, welches immer noch an ihm klebte, sich wie ein rot gefärbtes Spinnennetz rings um die Eintauchstelle wabernd ausbreitete, konnten sie ihre natürliche Tarnung nicht länger aufrechterhalten. Denn nichts lag ihnen ferner, als dieses Relikt aus besseren Tagen in ihrer Nähe zu wissen.

So tauchten sie also auf und ermahnten den Erschrockenen, sein Handeln noch einmal zu überdenken. Sie boten ihm an, wenn er sich ein anderes Versteck suchen würde, möglichst weit entfernt von ihrem See, so würden sie das Geheimnis, wenn er es ihnen kundtun wolle, falls nötig über Jahrhunderte bewahren und es erst preisgeben, wenn sie glaubten, dass es auch in seinem Sinne wäre.

Er stimmte ihrem Vorschlag zu und nahm den Dolch wieder an sich. Trotz seiner Verletzung, die er im Kampf mit den Drachenschergen erlitten hatte, schaffte er es bis Astivo. Eine Stadt, die von ihrer Nähe zum Sommersitz des Königs lebte. Hier waren die Familien der Hofangestellten zu Hause. Was wohl auch der Grund war, warum die Drachen dort wüteten und dabei Hunderte Menschen töteten. Als der Knappe den Ort erreichte, waren die Straßen bereits mit Leichen übersät. Die meisten der Häuser standen in Flammen und bis auf einige Hausschweine, Hühner und Ziegen, die aufgeschreckt in den toten Gassen umherirrten, war niemand zu sehen.

Er ging in eines der nicht ganz zerstörten Gebäude. Es war das massiv errichtete Bruchsteinhaus des Hofbaumeisters, das an der Lavaseite durch einen kleinen Turm mit Zinndach auffiel. Auch dieser Mann hatte mitsamt seiner Familie dem Tod nicht entrinnen können. Verstreut lagen sie in dem lang gezogenen Raum, teils im Kampf gefallen, teils feige von hinten abgeschlachtet. Der Knappe ging zum offenen Kamin und suchte in der von schwarzem Ruß bedeckten Rückwand nach einem losen Stein. Es war seinerzeit nicht ungewöhnlich, dass gut verdienende Leute ihr Erspartes hinter solch einem losen Stein, der normalerweise vom Tag und Nacht brennenden Feuer verdeckt wurde, versteckten. Und auch hier, in diesem Haus, war es nicht anders. Der Knappe zog den Stein nach vorn heraus und legte den Dolch in den dahinter befindlichen Hohlraum.

Mit letzten Kräften erreichte er abermals den See der hohen Elfen der Tiefe. Er hatte das restliche Blut des Königs vom Dolch an seinem Ärmel abgewischt, um sicherzugehen, dass sie erneut auftauchten. Als die rote Kruste sich mit dem Wasser vermischte und ein kleiner, runder Teppich die Wasseroberfläche zierte, erschienen sie umgehend. Er berichtete ihnen von dem Versteck und beschwor sie, noch während sie wieder im moosgrünen Wasser verschwanden, sich an ihr Versprechen zu halten.

Wie es dem Knappen weiter erging, entzog sich der Kenntnis der Elfen. Aber wenn seine Verletzungen ihm nicht den Tod gebracht hatten, dann sicher der Wundbrand und das Fieber. In jedem Fall musste er noch so lange gelebt haben, dass er die Möglichkeit nutzte, irgendjemandem vom Bund mit den Elfen zu berichten. Denn seit jeher hielt sich das Gerücht, dass die Elfen um das Versteck des Dolches wüssten.

Und sie, das war ihnen wichtig zu erwähnen, hätten nie darüber mit jemandem geredet. Nicht einmal untereinander. Und das, obwohl nicht wenige in den letzten 200 Jahren an ihren See herangetreten waren, um sich Gehör zu erbitten. Aber keinem von ihnen war es gelungen, sie heraufzubeschwören. Denn niemand hatte das Wissen, das Akinna besaß und das sie richtig eingesetzt hatte. Keiner von ihnen wusste, dass nur ein magisches weibliches Geschöpf, das akkurat das Auftauchritual der Elfen imitierte, die Fähigkeit besaß, die Wesen wirksam herbeizurufen.

Als sie ihre Erklärung abgeschlossen hatten, baten sie Akinna und Dantra, wenn sie den Dolch fänden und an sich nähmen, sie dieses wissen zu lassen. Ohne Umschweife ließen sie sich jedoch deutlich anmerken, dass die beiden nicht mit dem Dolch zu ihnen zurückkehren müssten. Vielmehr reiche es, wenn jemand anderes am See erschiene und die Nachricht überbrächte. Zu diesem Zweck gaben die Elfen den beiden einen runden, unscheinbaren Stein mit auf den Weg. Der Bote müsste diesen nur zurück in den See werfen, was weitere Worte überflüssig machte.

Danach verabschiedeten sie sich höflich und wünschten ihnen alles Einhornglück Umbrarus’, bevor sie sich mit einer Miene der inneren Zufriedenheit zurückzogen.

„Nicht gut.“ Dantra hatte, von Akinna unbemerkt, seine Karte aus der Innentasche gefischt und war nun mit dem Blick darauf stehen geblieben.

„Was ist?“, fragte sie ihn.

„Die Elfen redeten von einem Ort namens Astivo, oder?“

„Das ist richtig“, bestätigte Akinna.

„Als sie davon berichteten, dass dort die Drachen und ihre Gefolgsleute vielen Menschen den Tod brächten, habe ich mir nichts dabei gedacht. Jetzt gerade, als ich es mir nochmals durch den Kopf gehen ließ, beschlich mich eine Befürchtung, die meine Karte bestätigt hat.“

„Ich weiß immer noch nicht, wovon du redest.“ Akinna sah ihn auf dieselbe Art und Weise an, wie es normalerweise nur umgekehrt der Fall war. Nach Antworten suchend.

„Na, Leid und Tod im großen Maße ziehen unweigerlich den schwarzen Baumwald nach sich“, erklärte er seine Bedenken. „Sieh hier“, er hielt ihr die Karte hin, „dort steht: Ruinenstadt Astivo. Und fast der gesamte Ort ist von einem schwarzen Fleck bedeckt.“

Missmutig starrte Akinna auf den Punkt der Karte, auf den Dantra zeigte. „Verdammt.“ Ihre Miene verfinsterte sich. „Und ich dachte, das Schwierigste hätten wir hinter uns.“

„Schwer?“ Dantra sah sie skeptisch an. „Wenn das, was nach so langer Zeit noch von dem ehemaligen Haus des Hofbaumeisters übrig ist, im Dunkel des schwarzen Baumwaldes liegt, wird es nicht nur schwer, sondern unmöglich sein, den Dolch des Vertrauens zu ergattern.“

„Ach was.“ Akinna ließ eine Handbewegung folgen, als wollte sie seine Bedenken damit zerstreuen. „Sicherlich wird es eine etwas knifflige Aufgabe, aber unmöglich? Du hast die Elfen gehört. In den letzten 200 Jahren haben etliche Leute versucht, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Niemandem ist es gelungen. Uns aber schon. Also, wieso sollte es uns dann nicht auch gelingen, den Dolch im schwarzen Baumwald zu finden und ihn herauszuholen?“

Dantra dachte nach. Er durfte jetzt auf keinen Fall überreagieren, denn das würde bei Akinna nur den Verdacht erwecken, als wären seine Befürchtungen falsche Panikmache. „Nun, ich weiß ja nicht, wie es einem Elben dort drin ergehen würde, aber ein Mensch, und das weiß ich leider aus eigener Erfahrung, kann dort drin nichts weiter finden als einen qualvollen Tod.“

„Mag sein“, entgegnete ihm Akinna, „aber ein Elb kann nur von einem anderen Elben oder einer von Elbenhand gefertigten Waffe getötet werden. Und ich denke, dass dieses unumstößliche Gesetz auch im schwarzen Baumwald Geltung findet.“

„Dazu musst du wissen, die körperlichen Verletzungen waren nur ein Teil meines Todeskampfes. Der andere fand in mir drin statt. Es schien, als würde alles Gute sich in Schlechtes wandeln. Als würde der schwarze Schleier, der diesen Wald umhüllt, von allem Besitz ergreifen, was in einem selbst drin ist. Die Gedanken, das Herz, die Seele. Was bringt dir also deine elbische Unverwundbarkeit, wenn du von innen heraus stirbst?“

Akinnas Miene verfinsterte sich. Hatte ihr Begleiter etwa recht mit dem, was er sagte? Eines war sicher, er besaß in dieser Sache mehr Erfahrung als sie. Wahrscheinlich sogar mehr Erfahrung als sonst irgendein Mensch. Und das bekräftigte seine Bedenken.

„Vielleicht hast du recht“, gestand sie ihm schließlich zu. „Aber vielleicht haben wir auch Glück und das Haus liegt außerhalb des Waldes. Wir sollten uns morgen erst einmal einen Überblick verschaffen, bevor wir uns den Kopf über mögliche Gefahren zerbrechen, denen wir dann doch nicht ausgesetzt sind.“

Sie setzten ihren Marsch, tief grübelnd über das, was sie am nächsten Tag wohl erwarten würde, fort.

Kurz bevor sie den hohlen Baum erreicht hatten, löste bei Dantra ein neuer, ganz anderer Gedanke den alten ab. „Hast du mit Nomos eigentlich über Inius geredet?“

Akinna blieb stehen, ließ ihren Kopf hängen und ein resignierendes Seufzen hören. „Das ist heute nicht mein Tag“, bedauerte sie sich selbst.

„Ich wusste gar nicht, dass es so was auch bei Elben gibt“, erwiderte Dantra mehr amüsiert als verwundert. Ein erneuter mitleiderregender Seufzer ließ Dantras gute Laune sofort zur angebrachten Ernsthaftigkeit übergehen. „Warum?“, fragte er vorsichtig.

Sie sah zu ihm auf und sagte mit matter Stimme: „Ich habe vergessen, ihn danach zu fragen.“ Dantra sah sie so verdattert an, dass sie umgehend anfing, sich zu rechtfertigen. „Tja, ein Teil von mir ist halt auch nur ein Mensch. Und Menschen versagen nun mal von Zeit zu Zeit.“

„Und was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Dantra, ohne weiter auf das ungewöhnliche Eingeständnis ihrer menschlichen Seite einzugehen.

„Ich weiß es nicht“, offenbarte sie ihm und auch sich selbst. „Ich kann erst in zwei Tagen wieder mit Nomos reden. Dann hat er sein neues Versteck erreicht. Er meinte, bis dahin wäre es zu gefährlich, nochmals Kontakt aufzunehmen.“

„Inius muss also noch zwei Tage in dem Baum gefesselt bleiben?“ Dantra konnte sich kaum vorstellen, wie groß schon jetzt seine Schmerzen sein mussten. Die Fesseln und seine Körperhaltung, in der sie ihn heute früh zurückgelassen hatten, boten ihm kaum Möglichkeiten, sich zu bewegen. Und das sollte er noch zweimal über sich ergehen lassen?

„Das können wir nicht machen“, stellte er entrüstet fest. „Seine Hand- und Fußgelenke sind sicher schon von dem einen Tag wund gescheuert. Noch zwei weitere kämen einer Folter gleich.“

„Mag sein“, entgegnete sie ihm nüchtern. Und während sie ihren Weg fortsetzte, fügte sie hinzu: „Entweder das oder ich muss ihn töten.“

Sie hatten den Baum nun fast erreicht. Dantra hatte unaufhörlich auf sie eingeredet und sie beschworen, eine dritte Möglichkeit zu finden. Sie aber war nicht weniger ratlos als er. Und es ärgerte sie, dass er nicht selbst nach einer Lösung suchte, die sein Gewissen nicht belastete, sondern ununterbrochen von ihr die humanitäre Antwort auf diese Frage erwartete.

„Hör zu“, schimpfte sie nun ungehalten los, „ich weiß jetzt, dass dir die zwei einzigen Problemlösungen nicht gefallen. Aber dein Genörgel bringt uns nicht einen Flusenläuferschritt weiter. Also schweig endlich und sieh der Tatsache ins Auge.“ Sie wollte sich gerade bücken, um unter dem Dornenbusch zur Öffnung des Baumes zu kriechen, als Dantra ihr den Weg versperrte.

„Folter und Mord sind nicht die Bedingungen, denen ich zugestimmt habe, als ich sagte, dass ich bei dieser Mission dabei bin“, erläuterte er mit entschlossener Stimme. „Wir werden uns also hinsetzen und über das Problem und eine vernünftige Lösung nachdenken, bevor wir alles Mitleid ausblenden und Inius etwas ...“ Er stockte.

Akinna, die sich kurz entnervt von ihm weggedreht hatte, schaute ihn nun auf eine Weise an, die seine Befürchtungen ob dessen, was er fühlte und ahnte, bestätigte. Eine kalte, rasiermesserscharfe Klinge wurde ihm von hinten an die Kehle gehalten. Und das Ärmelende der haltenden Hand gehörte ohne Zweifel zu einer Zerrockuniform.

*

Kapitel 3

„Wo ist er?“

Dantra schauderte. Das Messer an seiner Kehle war Angst einflößend, ja, schon fast Panik heraufbeschwörend. Diese Stimme aber, so bedrängend und unmittelbar, war weitaus schlimmer als die scharfe, todbringende Klinge. So dicht hinter ihm nahm sie ihm jede Hoffnung auf Flucht oder Rettung durch Akinna. Was sollte sie tun? Durch ihn hindurch schießen? Selbst eine Elbin war zu so etwas nicht fähig. Und er selbst? Den Angreifer mit seiner magischen Kraft nach hinten zu schleudern, käme einem Selbstmord gleich. Unweigerlich würde das Messer den angesetzten Schnitt vollziehen. Er konnte vielleicht zeitgleich etwas Kraft auf die Klinge wirken lassen. Aber wie viel?

„Nun sag schon, Miststück“, fuhr die raue Stimme fort und erst jetzt bemerkte Dantra, dass er diese gar nicht kannte. „Wo ist Inius?“, brüllte sie Akinna an.

Während seine Gefährtin versuchte, die Situation richtig einzuschätzen, hatte Dantra Schwierigkeiten, das Geschehen in seinem Kopf zu ordnen. Der Mann musste aus dem hohlen Baum gekommen sein. Anders hätte er sich nicht, von Akinna unbemerkt, an ihn heranschleichen können. Aber im Baum selbst lag Inius gefesselt und selbst bei dem dürftigen Licht dort drin gut sichtbar. Also, was sollte das alles hier?

„Verflucht“, brüllte der Zerrock Dantra ins Ohr, dass es ihn schmerzte. „Rede endlich oder sein Blut wird dich für dein Schweigen strafen. Wo ist der Verräter? Wo ist ...“ Die letzten Worte versanken in einem Röcheln und dem verzweifelten Versuch, die Lunge mit Luft anstatt mit Blut zu füllen.

Danach ging alles zu schnell für Dantra. Er hörte ein Rascheln aus dem Baum schräg über ihm und erhaschte noch einen kurzen Blick auf einen weiteren Zerrock, ausgerüstet mit Pfeil und Bogen. Auch hinter Akinna raschelte etwas. Zeitgleich löste sich der feste Griff an Dantras Kragen und die Messer haltende Hand fiel schlaff von ihm ab. In diesem Moment wurde er nach vorn gestoßen und fiel unsanft zu Boden. Noch im Fallen hörte er das ihm so unangenehm vertraute Geräusch, wenn Bogensehnen sich entspannten und Pfeilspitzen summend die Luft auf ihrem Weg zu töten teilten.

Flach auf dem Boden liegend, drehte er sich um. Akinna stand direkt über ihm. Kampfbereit und die Lage beherrschend. Der dumpfe Aufprall keine drei Schritt neben ihm ließ den Bogenschützen, den er kurz zuvor oben im Baum gesehen hatte, wieder auftauchen. Wie eine vom Himmel geschossene Wachtel lag er da. Seltsam gekrümmt, blutend, tot. Fast derselbe Anblick bot sich Dantra, als er an Akinna vorbeischaute. Sie hatte einen weiteren Zerrock, wohl töricht genug, Akinna mit dem Schwert anzugreifen, niedergestreckt, bevor er sie auch nur annähernd hätte attackieren können.

Dantra sah über seine Füße hinweg zu dem Zerrock, der ihn zuvor mit einem wahrscheinlich bis zur Perfektion gelernten Schnitt entlang der Kehle bedroht hatte. Er stand noch. Seine Uniform war jedoch durchtränkt mit seinem eigenen Blut, das ihm schwallweise aus dem Hals suppte, und ein Pfeil, der den Federn nach aus seinen eigenen Reihen abgeschossen worden war, steckte in seiner Brust. Wie ein bis zur Naht gefüllter Getreidesack fiel er zu Boden, als der Griff, der ihm gerade noch Halt gegeben hatte, sich löste.

Hinter ihm stand Inius. In seiner rechten Hand hielt er ein blutverschmiertes Messer. Sein Blick haftete auf Akinna. Sie hatte bereits einen neuen Pfeil aufgelegt, gespannt und zielte auf ihn. Ganz langsam legte er den linken Zeigefinger auf den Mund, um ihr zu verdeutlichen, dass sie die aufgekommene Stille wahren möge. Danach zeigte er auf sein Ohr und tat so, als würde er angestrengt lauschen.

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