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Torsten W. Burisch Drachengabe - Diesig
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Sein fester Blick, seine aufrechte Körperhaltung, alles verschwand. Ihnen gegenüber saß nun nur noch die menschliche Abbildung eines morschen, blätterlosen Gehölzes, welchem auf nicht einmal halbem Wege, sich die Bezeichnung als Baum zu verdienen, die brütende Sonne und das fehlende Wasser jegliche Kraft genommen hatten. Seine Stimme wurde noch eine Stufe tonloser und nicht selten musste er über eine erdrückende Selbsterkenntnis schlucken.
„Meine Einheit war oben in Lingstir, als ich mit meinem Trupp zur Verstärkung in ein Haus gerufen wurde. Das Kind, das es zu holen galt, war das Erstgeborene aus einer langen Ehe, die bis dahin kinderlos geblieben war. Für die Eltern war daher die Schwangerschaft ein regelrechtes Wunder, ein Zeichen Gottes. Doch der Liberi-Epulo hatte das Kind als würdig zu dienen erklärt. Die Gegenwehr des Vaters war außergewöhnlich stark. Als ich das Haus betrat, hielten zwei meiner Kameraden die Mutter fest, während ein dritter versuchte, ihr das Kind aus den Armen zu reißen. Der Vater wurde von drei weiteren Mitgliedern meiner Einheit festgehalten. Anfangs konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Ich bemerkte aber etwas Funkelndes inmitten der vier miteinander ringenden Männer und hielt es für eine Klinge. Eine, die der Vater in den Händen hielt. Ich zog also mein Messer, drückte einen meiner Kameraden beiseite und stach zu.“
Dantra bemerkte, wie sich das schwache Licht des Kristalls in den Augen des Zerrocks funkelnd widerspiegelte.
„Erst da bemerkte ich sein Gesicht“, fuhr Inius fort. „Mein Gesicht. Ich schaute in das Gesicht meines Zwillingsbruders, von dessen Existenz ich vorher nichts gewusst hatte. Ich sah ihn zum ersten Mal. Meine Augen betrachteten einen Sterbenden und mein Messer hatte ihm den Tod gebracht.“
Es war, als wäre ein Sturm über das ohnehin schon karge Gehölz hinweggefegt. Ein Sturm der Verzweiflung und des schlechten Gewissens, der ihn gebrochen und in einer nicht lebenswerten Einöde zurückgelassen hätte. Inius vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Dantra wusste, dass es ihm schwerfallen musste, dem Aufbegehren seiner Gefühle, dem Schluchzen nicht nachzugeben.
Nach einer kurzen, drückenden Pause fuhr er fort, ihnen seine zerreißenden Seelenqualen darzulegen. „Aber das Schlimmste, das, was mir das Herz aus der Brust riss, stand mir noch bevor. Als der gellende Panikschrei der Mutter, mit dem sie seinen Namen genannt hatte, verhallte, sah ich von ihr zu einem älteren Ehepaar, das ängstlich und eingeschüchtert in eine Ecke kauerte. Ihre Augen, ihre Gesichtszüge, ihre ganze Statur, sie waren es zweifellos. Sie waren meine Eltern. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meine Eltern. Und sie? Sie sahen mich. Ihren Sohn. Und gleichzeitig den Mörder ihres anderen Sohnes. Während unsere Blicke sich trafen, tropfte das rote Blut von der Klinge, deren Griff ich noch immer fest in der Hand hielt, zu Boden. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Ich hatte das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Begraben unter den Menschen, denen ich im Laufe der Jahre so viel Leid zugefügt hatte.“ Ein tiefes, zittriges Seufzen unterbrach die Selbsterkenntnis seiner Grausamkeit nur kurz. „Ich ließ das Messer los und rannte. Rannte aus dem Haus, aus der Gasse und aus dem Ort. Ich sah mich weder um, noch hörte ich auf das, was mir meine Kameraden nachriefen. Ich rannte und rannte. Immer weiter. Erst hier stoppte ich. Und mir ist bewusst geworden, egal, wie weit oder wohin ich noch renne, was geschehen ist, ist geschehen. Das kann ich nicht mehr ändern. Diese Schuld werde ich lebenslang in mir tragen. Und dafür werde ich mich lebenslang hassen.“
Unter den misstrauischen Blicken Akinnas kroch er zurück an die Rindenwand des Baumes und kauerte sich dort, von ihnen abgewandt, zusammen.
„Dantra, leg dich zum Schlafen hin“, forderte Akinna. „Wir haben für heute genug gehört. Ich bleibe wach und passe auf, dass er seine Meinung nicht doch noch ändert und über uns herfällt.“
„Also, ich glaube nicht, dass er seine Meinung ändern wird“, entgegnete ihr Dantra. „Ganz im Gegenteil. Du solltest lieber aufpassen, dass er sich nicht selbst was antut.“
„Wenn er das für das Richtige hält, werde ich ihn nicht abhalten. Er hat so vielen Menschen Leid zugefügt, dass das vielleicht der einzige Weg ist, um Reue zu zeigen.“
Dantra ließ ein überlegendes „Mhh“ hören, bevor er seinen Schlafplatz herrichtete und diesen kurz darauf als solchen benutzte.
Ein Specht, der sich irgendwo hoch oben in ihrer naturbelassenen Nachtunterkunft mithilfe seines Schnabels Zutritt verschaffen wollte, weckte Dantra auf. Nur wenig Tageslicht schaffte es, durch den Blättervorhang der Dornenhecke und durch den schmalen Eingang in das Innere des Baumes zu dringen. Es war wie schon am Vorabend dem Kristall zu verdanken, dass man etwas sehen konnte.
Als Dantra sich aufsetzte, blickte er Akinna fragend an. „Hast du dich seit gestern Abend eigentlich bewegt?“ Sie saß exakt an dem Platz, an dem sie sich am Vorabend niedergelassen hatte.
„Guten Morgen“, antwortete sie nur und sah dann wieder zu dem noch schlafenden Inius.
„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Dantra.
„Ich weiß es nicht genau“, antwortete Akinna unentschlossen. „Wenn wir sichergehen wollen, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht, muss ich ihn töten.“
„So wie ich die Sache sehe, kommt es nicht oft vor, dass ein Zerrock sich selbst von seinen Pflichten entbindet, oder?“
„Meines Wissens kam so etwas noch nie vor“, bestätigte Akinna seine Annahme.
„Nun, dann sollten wir erst mit Nomos reden, bevor du ihn tötest. Kann doch sein, dass er mit seinen Kenntnissen für unsere Sache noch von großem Nutzen sein kann.“
Akinna dachte kurz über Dantras Vorschlag nach, dann stand sie auf und weckte Inius mit einem leichten Tritt gegen seinen Rücken auf. „He, werd wach“, forderte sie ihn auf. „Es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen.“
Inius drehte sich langsam um und sah die beiden aus verquollenen Augen an. Kein Zweifel, es war noch nicht lange her, dass sein schlechtes Gewissen ihn endlich hatte einschlafen lassen. Er versuchte, sie durch Reiben zur Aktivierung ihrer Fähigkeit zu bewegen.
Akinnas folgende Frage half dabei ausgesprochen gut. „Willst du jetzt sterben? Dann bringe ich die Sache zu Ende.“
Sein Blick huschte von ihr Hilfe suchend zu Dantra. Da dieser aber auch einen Antwort heischenden Gesichtsausdruck zeigte, meinte er unsicher: „Wenn ich diese Entscheidung treffen darf, so würde ich unbedingt weiterleben wollen.“
„Unbedingt?“ Akinna neigte ihren Kopf ungläubig zur Seite. „Gestern Abend hatte ich eher den Eindruck, dass deine Taten dich selbst ins Grab treiben würden. Und nun willst du unbedingt weiterleben?“
„Nicht für mich“, begründete er sein Bestreben. „Ich weiß genau, dass meine Kameraden das Kind ... meinen Neffen“, korrigierte er sich nachdenklich, „mitgenommen haben. Und ich weiß auch, wo sie ihn hinbringen. Ich will ihn holen und zu seiner Mutter zurückbringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei sterbe, ist zwar sehr groß, jedoch geschieht dies lieber bei dem Versuch, etwas von meiner Schuld zu begleichen, als hier und jetzt sinnlos in diesem kargen Loch.“
Nicht nur Dantra stand die Verwunderung über das Gehörte ins Gesicht geschrieben. Selbst Akinna war überrascht. Nicht, dass sie seinen selbstlosen Zukunftsplänen wirklich Glauben schenkte, aber auch wenn es eine Lüge war, um seine Haut zu retten, kam diese Aussage dennoch unerwartet. Ein Zerrock, der damit drohte, gegen andere Zerrocks, seine Kameraden ‒ nach ihren Herren, den Drachen, das Wichtigste in ihrem Leben ‒ zu kämpfen, war eigentlich unvorstellbar.
Solch eine Aussage, selbst ohne einen Funken Wahrheit darin, würde sicher seine Vierteilung bedeuten. Allerdings nicht von vier Pferden vollstreckt, denn das wäre einem derartigen Verrat nicht angemessen, sondern von vier Männern an je einem Strick, denen selbst daran gelegen war, dass der Verräter sich so lange wie möglich quälte, bis der Tod ihm die Schmerzen nähme.
Akinna suchte kurz den Augenkontakt mit Dantra, der ihr seine unveränderte Meinung zum weiteren Vorgehen in Bezug auf Inius bestätigte. Dann befahl sie dem Zerrock, sich mit dem Gesicht zur Wand auf den Boden zu knien. Sie platzierte Dantra direkt hinter ihm und legte die Spitze seines Schwertes, das er in der Hand hielt, direkt in den Nacken seines Vordermannes.
„Wenn er auch nur verdächtig hustet, stichst du zu, verstanden?“ Dantra nickte. „Ich gehe raus und suche etwas, womit wir ihn fesseln können“, erklärte sie. „Und damit du dir keine falschen Hoffnungen machst“, drohte sie Inius, „du wärst nicht der Erste, den Dantra tötet. Glaub also nicht, du könntest dir irgendwelche Hemmungen seinerseits zunutze machen. Denn die hat er nicht.“
Für Dantra klang die Beschreibung seines Gewissens etwas zu hart. Sie ließ ihn in einem für ihn unangenehmen Licht dastehen, da es einen Schatten der Unbarmherzigkeit warf. Aber er wusste natürlich, dass er hier und jetzt im Falle des Falles in der Tat keine Skrupel haben durfte. Also waren Akinnas harte Worte die beste Möglichkeit, um das zu Vermeidende tatsächlich zu vermeiden, um ihn nicht töten zu müssen.
Akinna war nur kurz fort. Als sie zurückkehrte, hielt sie einige dünne, weiche Äste in der Hand. Geschickt flocht und knotete sie diese zu einem fünf Fuß langen Strick zusammen. Anschließend musste Inius sich auf den Bauch legen. Akinna fesselte seine Hände auf dem Rücken und schnürte dann, nachdem er seine Beine angewinkelt hatte, auch noch seine Füße zusammen.
„Ich weiß“, kommentierte Akinna ihr Handwerk, „bequem ist das nicht. Aber wenn deine Gelenke zu schmerzen anfangen oder die Stellen an deinem Körper, die du nicht erreichen kannst, jucken, freu dich darüber. Das sind alles Anzeichen dafür, dass ich dich nicht getötet habe. Noch nicht. Denn ich werde deine Geschichte prüfen. Sollte auch nur ein kleiner Teil davon nicht der Wahrheit entsprechen, kannst du dir sicher sein, dass dich schon heute Abend nichts mehr zwickt.“
Kurz darauf waren Dantra und sie auf dem Weg zum blauen See. Das Wetter hielt etwas Nebel für sie parat, durch den die Sonne nur suppend hindurchwaberte.
„Und?“, fragte Dantra. „Hast du schon eine Idee, wie wir uns bei den hohen Elfen der Tiefe Gehör verschaffen wollen?“
„Ich werde sie rufen, sie bitten, sie heraufbeschwören, und wenn es nicht anders geht, führe ich sogar einen Tibohtanz auf. Irgendwie wird es schon funktionieren. Irgendwie muss es funktionieren. Sonst stecken wir mit unserer Mission in einer Sackgasse.“
Nach einigen schweigenden Schritten durchs nasse Gras fügte sie noch eine weitere Möglichkeit an. „Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, werde ich mit Nomos Kontakt aufnehmen. Wenn wir es bis dahin noch nicht geschafft haben, wird er sicher die eine oder andere Idee haben, wie wir die hohen Elfen erreichen können.“
Ihr Fußmarsch endete bereits, bevor Dantra die morgendliche Kälte abzuschütteln vermocht hatte. In einer kleinen Senke, von denen es hier Dutzende gab, lag der See ruhig, fast schon langweilig da. Mehr als die Hälfte davon war von Wald umgeben. Seine Größe wurde seinem Ruf als Heimat der hohen Elfen der Tiefe nicht gerecht. Ganz im Gegenteil. Er war eher klein. Enttäuschend klein. Dantra vergewisserte sich bei Akinna, ob es überhaupt das richtige Gewässer sei oder ob sie sich vielleicht irrte und sie beide noch weitergehen müssten, um den Prachtsee der Elfen zu erreichen. Akinna aber wiederholte nur genervt ihre Zurechtweisung vom Vortag, in der sie ihn bereits darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie sich in solchen Dingen nie irrte.
Während Dantra weiterspottete, dass das Wasser nicht einmal, wie es der Name vermuten ließ, blau sei, sondern moosgrün, hockte Akinna sich ans Ufer und dachte über ihr weiteres Vorgehen nach.
Gedankenversunken sah sie in ihr Gesicht, das sich in dem ruhigen Gewässer spiegelte, als Dantra unvermittelt losschrie: „Hallooo!“
Mit völlig entgeisterter Miene sah sie ihn an. „Was ist denn heute Morgen mit dir?“
Dantra blickte sie nicht weniger fragend an. „Wieso?“
„Na, erst moserst du rum, dass der See nicht deine hohen Ansprüche erfüllen würde, und jetzt brüllst du los, als würden die Elfen plaudernd am anderen Ufer sitzen und wir müssten nur kurz auf uns aufmerksam machen.“
„Würden sie tatsächlich dort sitzen, müsste ich nicht so brüllen“, gab Dantra gekränkt zurück. „Das ist kein See, das ist ein Tümpel. Jeder Baum, den ich von hier aus sehen kann, wäre als Pinkelstelle attraktiver als dieses schmuddelige Wasserloch.“
„Halt deinen Mund!“, zischte sie ihn an. „Vielleicht können sie uns hören.“
„Meinst du wirklich?“ Akinna merkte natürlich sofort, dass Dantra sie nicht ernst nahm. „Glaubst du, sie tauchen gleich auf und spritzen mich nass?“
Akinna hielt es für unnötig, seine Albernheiten mit einer Antwort zu belohnen, und schickte ihn stattdessen einige Schritte zurück, um von dort aus die Gegend zu beobachten und sie gegebenenfalls zu warnen, falls sich irgendjemand näherte. Sie selbst setzte sich mit verschränkten Beinen ans Wasser und versuchte, auf mentaler Ebene eine Verbindung zu den Elfen herzustellen. Als das jedoch wirkungslos blieb, startete sie einen erneuten, dieses Mal verbalen Versuch. Sie war äußerst froh, dass Dantra sie zwar sehen konnte, aber nicht mehr in Hörweite war. Er hätte sich wahrscheinlich gekugelt vor Lachen.
Mit hoher, melancholischer Stimme rief sie leise: „Ihr edlen hohen Elfen der Tiefe. Ich erbitte euer Gehör. Ich erbitte eure Geduld. Ich erbitte euer Wissen. Helft mir mit eurer unendlichen Weisheit, mit eurer Güte und unendlichen Magie.“ Aber nichts rührte sich. Nicht der kleinste Wasserring entstand.
Sie wiederholte diese Prozedur noch einige Male, wobei sie ihre Wortwahl hin und wieder etwas veränderte. Dennoch sprach kein Anzeichen dafür, dass ihr Bitten Gehör finden würde.
„Demut“, dachte sie. „Ich zeige wohl zu wenig Demut.“ Sie sah sich prüfend zu Dantra um. Er saß, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, da und sah in die Ferne. Sie hockte sich auf ihre Knie und beugte sich mit nach vorn ausgestreckten Armen immer wieder vor und zurück. Es schien, als würde sie den See anbeten, da sie nun erneut im melancholischen Flüstergesang vor sich hin murmelte. Doch das Einzige, was sie für ihre Mühe erntete, war Dantras breites Grinsen, als sie den Versuch abbrach und sich von Neuem nach ihm umsah.
Gereizt winkte sie ihn zu sich heran. „Dann versuch du es eben“, schimpfte sie resigniert, als er vor ihr stand. „Aber keine Beleidigungen, verstanden?“
„Alles klar“, erwiderte Dantra und bestätigte die an ihn gestellte Aufgabe: „Die Elfen heraufbeschwören, ohne dass sie sauer werden.“
Kopfschüttelnd trottete Akinna zu der Stelle, wo gerade eben noch Dantra gestanden hatte, um nun statt seiner die Gegend zu beobachten.
Dantra baute sich unterdessen mit geschwellter Brust vor dem See auf und begann, dem nicht vorhandenen Publikum zu erklären, wie sich aus seiner Sicht die Sachlage verhielt. „Ich finde, ihr hattet jetzt euren Spaß“, begann er streng. „Ihr habt es sogar geschafft, dass eine Elbin sich vor euch zum Narren macht. Na gut, eine Halbelbin“, verbesserte er sich. „Aber immerhin. Also, herzlichen Glückwunsch dazu. Aber jetzt ist es Zeit, uns bei unserem Problem zu helfen. Also, taucht auf!“ Er verdeutlichte seine Bitte, indem er bei den Worten „Taucht auf“ seine Hände wie ein Fischer, der sein reichlich gefülltes Netz aus dem Wasser hievte, von unten nach oben schwang.
Als sich aber nichts tat, kehrte er ansatzlos zu seiner ersten Taktik zurück. „Hallo! Hallo! Es ist nicht mehr witzig!“ Er kniete sich ans Ufer, klopfte mit der Faust auf die Wasseroberfläche und rief dabei erneut nach den Elfen. Aber mehr als einen nassen Ärmel brachte ihm das nicht ein.
Enttäuscht und verärgert ging er zu Akinna, die ihn schon mit forderndem Blick erwartete. Dantra ignorierte es und blaffte stattdessen sofort los: „Das ist doch Zeitverschwendung. Entweder sie können oder sie wollen uns nicht hören. Oder aber da ist überhaupt niemand, der uns irgendwelche Informationen geben könnte. Ich werde auf keinen Fall noch länger mit diesem Wasserloch reden, während Tami irgendwo da draußen als Sklavin gehalten wird. Also, mach, was du willst, ich gehe!“ Er drehte sich um und marschierte in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.
„Und wo willst du hin? Ohne Hilfe findest du sie nie. Und der Einzige, der dir helfen kann, ist Nomos“.
Dantra machte auf dem Absatz kehrt und kam schimpfend zu ihr zurück. „Nomos? Den interessiert doch nichts, außer seine Wegsagung in die Tat umzusetzen. Dabei bleibt ihm gar keine Zeit, nach meiner Schwester zu suchen. Und während er mich durch Umbrarus hetzt, erleidet sie wahrscheinlich Höllenqualen. Und nur die Hoffnung, dass ich komme und sie rette, erhält ihren Willen aufrecht, all dies zu ertragen und nicht den selbst gewählten Tod vorzuziehen.“ Bei dem letzten Gedanken drohte seine Stimme, vor Kummer zu brechen.
Akinna legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit einfühlsamer Stimme: „Gleich werde ich mit Nomos reden können. Ich verspreche dir, dass ich ihn nicht nur auf unser Problem mit den hohen Elfen anspreche, sondern ihn nochmals bitten werde, nach Tami zu suchen. Und wenn er eine Spur findet, dann werden wir beide uns die Zeit nehmen, ihr nachzugehen. Einverstanden?“
Der Kloß in Dantras Hals ließ eine Antwort nicht zu. Also nickte er nur und rang sich ein erzwungenes Lächeln ab.
Akinna ging zurück zum See und unternahm noch einige vergebliche Versuche, um wenigstens eine Bestätigung zu bekommen, dass es dort unten etwas gab, was zu rufen sich lohnte. Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, machte sie sich auf den Weg zu einem nahe gelegenen Wald, in dem eine kleine Gruppe von Salakt-Tren-Blumen wuchs. Dantra sollte inzwischen beim See warten, falls doch noch eine verspätete Reaktion auf ihre Rufe eintreten sollte.
Auch wenn es Dantra wesentlich länger erschien, so hatte sich die Sonne kaum am Horizont bewegt, als er Akinna über die freie Fläche zurückkommen sah. Sie war kaum in Hörweite, da schimpfte sie schon ungehalten los. „Wag es nicht zu lachen!“
Dantra schaute sie an, als wäre sie eine Kuh, die Eier legte. „Was meinst du?“
„Unwichtig! Du musst nur wissen, dass du sämtliche dumme Sprüche oder ein etwaiges dämliches Grinsen unterdrücken solltest. Das, was ich laut Nomos versuchen soll, um die Elfen heraufzubeschwören, ist mehr als nur ein Opfer. Es ist demütigend!“
Ohne seinen Beobachtungsposten zu verlassen, sah Dantra verblüfft zu Akinna hinüber. Sie stand nun wieder direkt am See und hatte angefangen, ihre Stiefel auszuziehen und ihre Hose hochzukrempeln. Sie legte ihren Umhang ab und zog das kleine schwarze Band aus ihren Haaren, welches diese Tag und Nacht zum Zopf zusammenhielt. Bisher hatte Dantra sie nur einmal und auch nur kurz im magischen Wald mit offenen Haaren gesehen. Schon damals hatte ihn der Anblick fasziniert. Es war, als würde dies die menschlichen Spuren in ihr verwischen. Als würde sie sich zur vollkommenen Elbin verwandeln. Vor allem jetzt, mit dem See im Hintergrund, auf dem die Sonnenstrahlen zu tanzen schienen, und dem leichten Wind, der ihre kastanienroten Haare sacht verwirbelte, wirkte es, als könne sie schweben. Über all dem Menschlichen, dem menschlich Schlechten auf dieser Welt schweben. Als könne nichts von all dem an sie heranreichen und sie mit Wut, Trauer und Verzweiflung überziehen. Es war ein seinesgleichen suchender, magischer Augenblick.
„Denk daran, wehe, du lachst!“
Akinnas Drohung brachte Dantra zurück auf den harten Boden der Realität. Ihrer erhabenen elbischen Erscheinung zum Trotz war ihr Charakter doch mehr der eines Menschen denn eines Elbs. Und Dantra wusste, was nun auch immer folgen würde, er tat gut daran, sich lieber die Innenseiten seiner Wangen zu zerbeißen, als diese zu einem Grinsen zu verziehen.
Es sollte sich jedoch herausstellen, dass es gar nicht schwierig war, ein Lachen zu unterdrücken. Ganz im Gegenteil. Seine Faszination kehrte bei der folgenden Szene ungebrochen zurück und verdoppelte sich sogar.
Akinna war bis zu den Knien ins Wasser gewatet und verharrte kurz. Es schien, als hätte sie Zweifel, ob Nomos sie nicht vielleicht unvorstellbarerweise einfach nur zum Narren halten wollte. Dann besann sie sich allerdings seiner Worte und beugte sich tief vornüber. Ihre langen, herabhängenden Haare tauchten als Erstes ins kalte Nass, dann folgte ihr ganzer Kopf. Nur eine Bienen-Blüten-Landung lang hielt sie still, bevor sie sich wieder erhob. Allerdings nicht, wie man es vermuten würde, langsam und mit Bedacht darauf, sich die Kleidung nicht nass zu machen, sondern mit Schwung. Dabei schleuderte sie ihren Kopf so in die Höhe, dass ihre Haare umherflogen und das Wasser daraus regenbogenförmig über sie hinwegspritzte. Noch bevor der letzte Tropfen zu seinem Ursprung zurückkehren konnte, tat sich nicht weit von Akinna entfernt eine Wasserwand auf, die das Dreifache ihrer Körpergröße überschritt. Es hatte den Anschein, als wäre ein Wasserfall aus dem Nichts emporgestiegen und würde sich, ohne eine vorhandene Felskante, unaufhörlich in die Tiefe ergießen. Aus den Wassermassen formten sich drei menschenähnliche Gestalten, die genau wie Akinna vor ihnen ihren Oberkörper und ihren Kopf so schwungvoll nach oben rissen, dass auch bei ihnen die Wassertropfen in Regenbogenform in den Mittagshimmel spritzten. Jedoch viel gewaltiger.
Nun aufrecht stehend überragten die Wesen sogar die angrenzenden Bäume. Auch wenn ihre Gewänder, ihre Haare und selbst ihre Gesichter ständig von Wasser überzogen waren, waren sie dennoch als Elfen deutlich zu erkennen. Ihr schmales Gesicht, ihre glatten, langen Haare und auch ihre graziösen Bewegungen ließen keinen Zweifel an dem, was sie waren.
Aus neugierigen Augen schauten sie auf Akinna herab. Als sie begriffen, dass sie es war, die sie mit ihrem anmutigen Verhalten gerufen hatte, schrumpften sie so schnell auf ihre Größe wie ein Schneehaufen, dem man mit heißem Wasser zu Leibe rückte.
„Ist sie eine Elbin?“
„Magisch?“
„Eine magische Elbin.“
Die drei Wasserwesen sprachen miteinander, als hätte Akinna ihr Erscheinen gar nicht mitbekommen.
„Ich grüße euch, hohe Elfen der Tiefe“, begrüßte sie die Gestalten ehrfürchtig. „Mein Name ist Akinna. Und ich erbitte eure Hilfe. Wir sind auf der Suche ...“ Doch sie wurde unterbrochen.
„Hilfe?“
„Von uns?“
„Wie könnten wir schon helfen?“
„Wir sind auf einer Mission. Und wir brauchen euer Wissen für deren Erfüll...“
„Wissen?“
„Was können wir schon wissen?“
„Ich weiß es nicht.“
Jedes Mal, wenn die Elfen etwas sagten, taten sie das auf die immer gleiche Weise. Sie sprachen stets alle. Erst die Elfe in der Mitte, dann jene zu ihrer linken, zum Schluss die auf der rechten Seite.
Akinna startete einen erneuten Versuch, ihr Anliegen vorzubringen. „Wir haben aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass ihr das Wissen über den Verbleib des ...“
„Zuverlässige Quelle?“
„Was soll das für eine zuverlässige Quelle sein?“
„Ich vertraue nur unserer eigenen Quelle.“
„Nun“, setzte Akinna nach, „meine Quelle verfügt über einen schier endlosen Wissensschatz. Und aus diesem geht klar hervor, dass ihr um den Verbleib des Dolches des Vertrauens ...“
„Ist es eigentlich schon wieder Herbst?“
„Färben sich die Blätter bunt?“
„Ja, es ist schon wieder Herbst.“
Die Elfen taten nun wieder, als wäre Akinna gar nicht da, und schauten sich stattdessen die Umgebung an.
„Es gilt, eine Wegsagung zu erfüllen. Aber das schaffen wir nur mit dem Dolch des Vertrauens.“ Akinnas Stimme ließ ein leichtes Flehen erahnen. Doch es war, als würden ihre Worte nicht mehr durch das Wasser bis an die Ohren der Elfen gelangen. „Wir sind chancenlos, wenn ihr uns nicht an eurem Wissen teilhaben lasst. Ich bitte euch inständig.“
„Ist es nicht kalt hier oben?“
„Unangenehm kalt.“
„Es ist Zeit, wieder ins Warme zu gehen.“