Книга Drachengabe - Diesig читать онлайн бесплатно, автор Torsten W. Burisch – Fictionbook, cтраница 2
Torsten W. Burisch Drachengabe - Diesig
Drachengabe - Diesig
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Torsten W. Burisch Drachengabe - Diesig

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In jedem Fall würde ein Drachenangriff folgen. Und was das bedeutet, brauche ich dir ja nicht zu erklären, oder? Also glaube mir, es ist für uns alle besser, dass wir die nächste Nacht in einem unbequemen, kalten Loch verbringen. Und das allem Verlangen nach innerer Zufriedenheit zum Trotze.“

An Dantras Schweigen und seinem resignierten Blick erkannte Akinna, dass er ihren Worten, wenn auch nur ungern, zustimmte. So gingen sie schweigend nebeneinander und mit der untergehenden Sonne im Rücken weiter.

Anfangs fiel es Dantra gar nicht auf, waren seine Gedanken doch weniger bei den Schritten, die er tat, als vielmehr bei den vergangenen zwei Tagen. Doch nachdem Akinna zum wiederholten Male die Richtung abrupt geändert hatte, weckte das seine Aufmerksamkeit. Vor allem weil sie mit jedem Blick auf die nun schon glutrote und zur Hälfte hinter dem Horizont verschwundenen Sonne nervöser wirkte. Und Nervosität, so dachte Dantra bisher, sei für sie eine lästige menschliche Last, mit der sie nichts zu tun haben wolle.

„Was ist? Haben wir uns verlaufen?“, fragte er seine Begleiterin schließlich.

„Ich verlaufe mich nie“, erwiderte Akinna gereizt.

„Ich mein ja nur ... Wenn wir sonst marschieren, geht das meistens geradeaus. Im Moment wechselst du aber so oft die Richtung, dass wir nicht wirklich vorankommen.“

Sie blieb stehen und fauchte ihn an: „Und wer ist daran schuld?“ Sie stemmte ihre Hände fordernd in ihre Hüften.

„Ich etwa?“, wunderte sich Dantra.

„Nein, ausnahmsweise mal nicht. Oder nicht direkt. Aber der Mensch allgemein! Ich schätze, hier wurde wieder einmal im Überfluss gerodet. Und nun sieht es nicht mehr so aus wie von Nomos beschrieben.“ Wieder ein Blick zur Sonne und eine weitere Sorgenfalte mehr auf ihrem sonst so feinen Elbengesicht.

„Was suchen wir denn?“, fragte Dantra, gewillt zu helfen.

„Na, unser Versteck für die Nacht. Was denn sonst?“

Auch wenn ihr Ton Dantra nicht gefiel, so wusste er doch, dass wenigstens einer von ihnen beiden die Nerven behalten sollte. „Ja, das habe ich mir gedacht“, sagte er ruhig. „Ich meine, wie sieht es aus?“

„Es ist ein Baum.“

„Ein Baum?“

„Ja, ein Baum.“

„Hier gibt es viele Bäume“, stellte Dantra fest und sah sich dabei um.

Auch wenn sie sich auf einer weiten Ebene befanden, die sich vom Fluss aus nach Lava und Dron ausdehnte, so war diese dennoch immer wieder von einzelnen kleineren Wäldchen durchzogen. Richtung Culter erstreckte sich, soweit es einsehbar war, ein schwarzer Baumwald. Auch hier, genau wie im Kampen, wie an einer Schnur ausgerichtet.

„Ich weiß, dass es hier viele Bäume gibt“, fuhr Akinna ihn erneut an. „Und ich kann nur hoffen, dass der richtige nicht auch schon einer Axt zum Opfer fiel. Nomos sagte mir, er stehe eine halbe Elbenspanne von ...“

„Was ist eine Elbenspanne?“, fiel Dantra ihr ins Wort.

„Eine elbische Maßeinheit. Aber das ist doch jetzt völlig unwichtig.“

„Wenn ich nicht weiß, wie weit eine halbe Elbenspanne ist, kann ich auch nicht beurteilen, ob wir hier richtig sind.“

Akinna funkelte ihn ungeduldig an. „Ich sagte bereits, ich verlaufe mich nie! Aber wenn du es genau wissen willst: Von der Stelle, an der wir von Bord gegangen sind, bis zu der kleinen Pappel dort vorn auf der leichten Anhöhe“, sie deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren, „ist es genau eine halbe Elbenspanne. Und hier sollte eigentlich ein kleiner Wald sein, an dessen Seite der besagte Baum steht.“

„Aber da ist doch ein kleiner Wald“, stellte Dantra fest und deutete auf eine Baumgruppe, deren dunkle Nadeln sich im Dämmerlicht kaum von dem dahinterliegenden schwarzen Baumwald abhoben.

„Es sollen etwas mehr als 200 Schritt Grasfläche zwischen ihm und dem schwarzen Baumwald liegen. Zu dem kleinen Wald da vorn sind es aber höchstens 30 Schritt. Dort kann es also nicht sein. Ich bin davon überzeugt, dass hier auch mal ein kleiner Wald war, bis ein paar Hornochsen auffiel, dass ihr Brennholzstapel etwas kleiner ist als der des Bauern drei Felder weiter. Und genau wegen solcher menschlicher Dummheiten haben wir heute Nacht keinen Schutz gegen die Späher der Drachen.“

Während Akinnas Stimme ungewohnt verzweifelt klang, zweifelte Dantra an ihrer Einschätzung der Lage. „Ich denke nicht, dass hier etwas abgeholzt wurde.“

„Ach, nein?“ Akinna wiederum schien seine Einschätzung der Lage schon zu bezweifeln, bevor er sie überhaupt kundtun konnte.

„Nein“, bestätigte er. „Siehst du hier irgendeinen Baumstumpf? Selbst wenn sie die Bäume so tief wie möglich abgeschlagen haben, ist das Gras dennoch nicht so hoch, dass die Stümpfe darin verschwinden würden. Ich denke eher, Nomos hat sich geirrt.“

„Ein Zlif irrt sich nie!“ Da war sie wieder, Akinnas eiskalte Stimme, die keinen Zweifel an ihren Worten duldete.

„Ja, ich weiß“, erwiderte Dantra nun eine Spur zu trotzig. „Aber wenn du dich nie verläufst, ein Zlif sich nie irrt und hier weit und breit kein Baumstumpf zu sehen ist ...“ Dantra machte ganz bewusst eine kleine dramaturgische Pause.

Aber noch bevor er zum Ende seiner Ausführungen über ihre momentane Situation kommen konnte, sagte Akinna: „Da vorn ist Laub“, und ging an ihm vorbei auf das kleine Wäldchen zu, das Dantra kurz zuvor als mögliches Ziel betitelt hatte.

Er murmelte einige Beschimpfungen vor sich hin, weil sie ihn einfach hatte stehen lassen, und folgte ihr dann missmutig.

Sie mussten noch ein ganzes Stück näher herangehen, bevor auch Dantra die wenigen Äste mit ihren Jahreszeit angepassten rotbraun gefärbten Blättern hinter dem kleinen Wald hervorstechen sah.

„Ist er das?“, fragte er, als sie vor einem unnatürlich groß wirkenden Baum standen, dessen wuchtiger Stamm so breit war, wie der Wagen eines Ochsengespanns lang ist. Selbst die Äste, die auf Kopfhöhe anfingen, die Baumpracht nach oben zu hieven, waren anfangs so dick wie Weinfässer.

„Ich denke schon“, erwiderte Akinna nachdenklich und sah dabei skeptisch auf einen Dornenbusch, der eine Seite des Baumes bis auf Augenhöhe für sich in Anspruch nahm.

„Kaum zu glauben.“ Dantra wollte eigentlich schweigen, doch sosehr er sich auch bemühte, es ging einfach nicht. „Aber wie 200 Schritt Grasfläche sieht das hier nicht aus“. Er zeigte kurz vom Baum zum schwarzen Baumwald. „Wenn es hochkommt, sind es vielleicht 30 Schritt. Aber das hast du ja selbst schon von dahinten festgestellt, nicht wahr?“ Er sah sie provozierend an.

„Nomos irrt sich dennoch nicht“, sagte sie zischend. „Es wird eine andere Erklärung dafür geben müssen.“

„Was für eine andere Erklärung?“ Dantra war empört, dass sie das Offensichtliche immer noch vehement abstritt. „Willst du mir jetzt wieder erzählen, dass irgendwelche Menschen schuld sind? Dass sie sich überlegt haben, einfach mal das kleine Wäldchen mitsamt diesem Baumkoloss umzupflanzen? Es ist, wie es ist! Und da gibt es auch nichts schönzureden! Nomos hat ...“ Dantra stockte. Während seiner Ausführungen hatte er Akinna nicht richtig angesehen. Erst jetzt bemerkte er ihre Augen. Darin tobte bereits ein Flächenbrand des Zorns. Ein Seelenspiegel, in den er schon einmal geschaut hatte. Oben in den Bergen. In der Höhle. In der Nacht, bevor Mac ermordet worden war. Sein eher kläglicher Wille zur Selbstbeherrschung bekam bei diesem Anblick einen unerwarteten Schub. Seinen Mund zu halten und seine Meinung nicht einfach herauszuargumentieren, war plötzlich gar kein Problem mehr für ihn. Er schluckte die letzten Wörter einfach herunter und stammelte stattdessen: „Na ja, ist eine seltsame Welt, in der wir leben. Es wird wohl eine andere Erklärung geben. Wollen wir den Eingang suchen?“ Er deutete auf die Dornenhecke und sah sie dabei so unschuldig an, wie er nur konnte.

Der Flächenbrand erlosch, sodass nur noch ein kleiner, flackernder Aufruhr blieb. Akinna wandte sich wieder der Suche zu, die kurz darauf erfolgreich war. Sie nahm ihren Bogen und ihren Köcher ab und kroch an einer unscheinbaren Stelle unter den Busch, wo das Schmerz bringende Dornengeflecht den Weg freigab.

Dantra nahm das Schwert von Comal vom Rücken und schob es zusammen mit seinem Deckenbündel und dem Vorratssack vor sich her, während er ihr folgte. Hier, vom Immergrün vor unwissenden Blicken geschützt, befand sich ein Loch im Baum, durch das sie beide in das Innere gelangten. Die Dunkelheit darin ließ ihren Augen keine Chance. Selbst Akinna konnte nur noch schemenhaft sehen. Sie zog einen kleinen, glatten Stein aus ihrem Umhang und rieb ihn zwischen ihren Händen, als wollte sie ihn wärmen, und legte ihn dann in die vermutete Mitte des Hohlraums. Kurz darauf fing er an zu leuchten.

Das Innere des Raumes wurde nun durch ein mattes weißes Licht erhellt. Es schien, als würde der Baum nur aus Rinde bestehen. Die innere Größe unterschied sich wenig von der äußeren. Selbst die dicken Äste waren hohl. In ihnen verlor sich das Licht allerdings schnell, sodass sie nur wenig einsehbar waren.

Dantra staunte nicht schlecht. Allerdings mehr über den leuchtenden Stein als über das Naturbauwerk, in dem sie sich befanden. „Was ist das?“, fragte er, während sein Zeigefinger sich langsam auf den Stein zubewegte.

„Finger weg!“ Dantra zuckte zurück. „Das ist ein Lumenkristall. Wenn du ihn berührst, verliert er seine Leuchtkraft.“ Ihr Ton entsprach ihrer noch immer schlechten Laune. Aber Dantra merkte, wie sie ihm beim Versuch, die Selbstbeherrschung nicht zu verlieren, folgte. „Es ist ein Kristall, der lediglich in einem kleinen Berg im Fallgebirge vorkommt. Und nur, wenn diese Kristalle von Elben abgebaut werden, erlangen sie ihre Magie. Ich habe ihn von meinen Eltern bekommen und sie hatten ihn wie auch meine Pfeile, meinen Bogen sowie meinen Umhang von ...“ Akinna stockte. Und horchte.

„Was ist los?“, flüsterte Dantra.

Sie jedoch legte als Antwort einen Finger auf den Mund, sodass er schwieg und stattdessen vergebens versuchte zu hören, was sie hörte. Akinna beugte sich vornüber und flüsterte Dantra ins Ohr: „Halt mal bitte die Luft an.“

Er sah sie verwirrt an. Mit ihrer Mimik verdeutlichte sie noch einmal ihre Aufforderung. Also holte er tief Luft und verharrte absolut geräuschlos. Noch bevor er sich weitere Gedanken über ihr Verhalten machen konnte, war sie schon aufgesprungen und hatte einen Pfeil abschussbereit auf die Sehne gelegt. Dantra wusste zwar nicht, was los war, sprang aber dennoch auf und zog sein Schwert.

„Komm raus oder dein Tod ist dir sicher!“, rief Akinna in einen der dunklen, breiten Äste hinein.

Nichts tat sich.

Verstört sah Dantra seine Begleiterin an. „Was ist denn ...“

Akinna fiel ihm laut rufend ins Wort, als sie ihre Drohung wiederholte. „Es ist deine letzte Chance. So tief kannst du gar nicht in diesen verfluchten Ast reinkriechen, dass ich dich mit meinem Pfeil nicht erwische.“

Es dauerte noch einen kleinen Moment, dann hörte auch Dantra etwas. Ein Schaben, ein Kratzen und das Rasseln von Metall.

Ein Mann, den Dantra auf 40 Jahre schätzte, erschien im Lichtschein und sprang aus dem Ast heraus zu Boden. Unter dem abschussbereiten Pfeil von Akinna erhob er sich. Er war vielleicht einen halben Kopf größer als Dantra, hatte kurzes, helles Haar und blaue Augen, aus denen er abwechselnd unsichere Blicke auf die beiden warf. Sein Gesichtsausdruck, seine Körperhaltung, nichts deutete darauf hin, dass er auf einen Kampf aus war. Seine Kleidung jedoch entkräftete diese Annahme bis zur Bedeutungslosigkeit. Er trug die Uniform der Zerrocks!

„Mein Name ist Inius.“ Seine Stimme klang brüchig. „Ich nehme jetzt mein Schwert von meinem Gürtel und gebe es euch als Zeichen, dass ich euch nichts tun will.“

„Du meinst, als Zeichen, dass du nicht sterben willst“, verbesserte ihn Akinna. Ihre Stimme war wie gewohnt fest und zu allem entschlossen.

„Ja, natürlich. Das habe ich gemeint.“ Der Mann löste ganz langsam seine Waffe von ihrer Halterung und legte sie vor sich auf den Boden.

„Die Messer“, forderte Akinna ihn auf. „Du bist ein Pes-Zerrock einer Civitas-Einheit. Das erkenne ich an deiner Uniform. Zu eurer Ausrüstung gehört ein Messer am Hosenbund hinterm Rücken und eines im Stiefel.“

Der Mann sah sie etwas verwundert an. Dass jemand solche Kenntnisse über die Bewaffnung der Zerrocks hatte, fand er sicherlich seltsam, jedoch machte er keine Anstalten, sie eines Besseren zu belehren und den Besitz der Messer abzustreiten. Stattdessen holte er diese ebenfalls ganz langsam hervor und legte sie neben sein Schwert.

„Nimm die Waffen“, forderte Akinna Dantra auf.

Dieser steckte sein Schwert weg, nahm die Waffen und legte sie hinter Akinna.

„Ich bin kein Zerrock. Nicht mehr.“ Der Blick des Mannes schweifte von ihnen weg. „Also, zumindest ... glaube ich das.“ Seine Gedanken folgten seinem Blick. Es schien, als hätte er kurz vergessen, wo und in welcher Situation er sich gerade befand.

Nach einem Moment der Stille holte Akinnas barscher Ton ihn zurück in seine bedrohliche Lage. „Du trägst die Uniform eines Zerrocks, also bist du ein Zerrock. Die einzigen zwei Fragen, die es zu klären gilt, sind: Woher kennst du dieses Versteck und sind noch mehr von deiner Einheit in der Gegend?“

„Nein, ich bin allein.“ Erst jetzt schien er Akinnas Pfeil, der unverändert auf sein Herz gerichtet war, richtig wahrzunehmen. „Ich weiß nicht, ob noch mehr Zerrocks hier in der Nähe sind. Aber wenn, dann weil sie nach mir suchen. Daher habe ich mich hier versteckt. Ich bin seit gestern auf der Flucht vor ihnen. Als ich am schwarzen Baumwald entlanglief, fiel mir das dichte Dornengebüsch auf. Eigentlich wollte ich mich nur unter ihm, vor suchenden Blicken geschützt, ausruhen. Dann aber habe ich das Loch im Baum gesehen und bin hier hereingekrochen. Ich bin wohl kurz eingeschlafen. Eure Stimmen haben mich geweckt. Da ich nicht wusste, wer ihr seid und ob ihr hier hereinkommt, bin ich vorsichtshalber in den Ast gekrochen. Wie hast du mich eigentlich gehört? Ich habe doch gar kein Geräusch von mir gegeben.“

„Ich habe dich atmen hören, so wie ich dich gleich sterben höre.“

Das Gesicht des Mannes, das ohnehin schon blass aussah im fahlen Licht des Kristalls, verlor nun auch noch seine letzten Farbschattierungen. Auf der Suche nach den richtigen Worten, die Akinna vielleicht gnädig stimmen könnten, öffnete er seinen Mund, als Dantra nun seinerseits das Wort ergriff.

„Meinst du, dass das wirklich nötig ist?“, fragte er Akinna, ohne dabei sein Gegenüber aus den Augen zu verlieren.

Ihre Antwort war unmissverständlich. „Entweder er oder wir!“

„Aber glaub mir doch“, Inius sprach jetzt nur noch zu Akinna, „ich werde euch nichts tun. Das schwöre ich.“

„Du vielleicht nicht, aber der Rest deiner Einheit oder irgendwelche anderen Zerrocks, an die du uns verrätst.“

„Sollte ich je wieder einem Zerrock begegnen, so werde ich tot sein, bevor ich auch nur ein Wort sagen kann.“

„Warum? Was hast du denn getan?“ Dantras Neugierde war geweckt.

„Ich werde es euch erzählen, aber kannst du bitte vorher ...“ Er deutete auf Akinnas Pfeil. Sie wusste natürlich, was er von ihr wollte, zögerte aber, seiner Bitte nachzukommen.

Dantra beugte sich etwas zu ihr hinüber und flüsterte: „Wir wissen doch beide, dass du ihm schneller einen Pfeil zwischen die Augen schießt, selbst wenn dein Bogen neben dir liegt, als er für den Gedanken bräuchte, uns anzugreifen.“ Dantras Argument entsprach nicht nur der Wahrheit, es schmeichelte ihr auch.

„Setzen!“, befahl sie Inius, und erst als er ihre Anweisung befolgt hatte, ließ sie Pfeil und Bogen sinken, jedoch ohne sie aus der Hand zu legen, und setzte sich ebenfalls.

Dantra, der es ihnen natürlich sofort gleichtat, nutzte die aufgekommene Stille für eine weitere Frage, noch bevor der Zerrock die erste beantworten konnte. „Was ist das eigentlich für ein seltsamer Name, Inius?“

„Anhand meines Namens könnte man herausfinden, wo und wann ich geboren wurde“, erklärte er. „Wenn man als Säugling auserwählt wird, ein Zerrock zu werden, so erlischt für einen das Leben seiner Vorfahren. Aber um die Spur nicht ganz zu verlieren, haben sich die Drachen ein Verfahren ausgedacht, das dieses verhindern soll. Das erste I steht für den Zuständigkeitsbereich, in dem man auf die Welt kam. N für den genauen Geburtsort, das nächste I für das Geburtsjahr, U für den Tag und S ist der Anfangsbuchstabe des Namens meines Vaters.“

„Du weißt ziemlich viel über dieses System“, merkte Akinna argwöhnisch an. „Meines Wissens sollen Zerrocks diese Kenntnisse gar nicht haben. Denn nichts soll sie auf den Gedanken bringen, ihre leiblichen Eltern zu suchen. Wieso weißt du also so viel?“

„Du hast recht.“ Seine Augen verengten sich. „Ich weiß weitaus mehr, als man als gewöhnlicher Zerrock wissen sollte. Du aber“, seine Stimme wurde nun bedrohlicher, herrischer, „verfügst ebenfalls über eine Menge Kenntnisse, die man als Schutzverweigerer“, er sprach das letzte Wort bewusst langsam und betont aus, „gar nicht haben sollte.“

Dantra war fast gewillt, die Flucht zu ergreifen. Inius’ Art, zu reden und sie beide anzusehen, erweckte in ihm das Gefühl der Unterwürfigkeit. Als wäre er ein Hund, dem Prügel drohten. Unsicher sah er zu Akinna. Sie war ruhig. Sehr ruhig. Gefährlich ruhig.

Was Dantra erst nur als Zucken wahrnahm, war in Wirklichkeit ein Hochschnellen, Vorpreschen und Kampfbereitmachen. „Wenn du noch einmal versuchst, deine hinterhältigen Verhörmethoden bei mir anzuwenden, noch einmal in solch einem herablassenden Ton mit mir sprichst oder auch nur diesen arroganten Blick aufsetzt, bist du ebenso Geschichte, wie es deine Vorfahren für dich sind!“

Dantra wusste nun, was Comal vor einigen Tagen in der Höhle oben im Eggegebirge gesehen hatte. Eine magische elbische Geschwindigkeit auf der einen Seite und die pure Panik vor dem, was gerade geschah, auf der anderen. Denn Akinna war vorgeprescht, hatte ihren Bogen erneut gespannt und dabei die Pfeilspitze so dicht an das rechte Auge des Mannes herangeführt, dass er sie beim Zwinkern berührt hätte. Jedoch ließ der Schock nicht einmal das zu. Er hatte vielleicht schon mal von der elbischen Schnelligkeit gehört, aber hatte er es auch geglaubt? Und er konnte nicht ahnen, dass der Mensch vor ihm zur Hälfte eines dieser magischen Geschöpfe war, da Akinna sich bewusst, noch bevor sie ihn aufforderte, aus dem Ast zu kommen, die Kapuze wieder übergestreift und so ihre Elbenohren unsichtbar gemacht hatte.

Nach einer kurzen Stille, die Akinna in ihrer todbringenden Position verharrte, setzte sie sich wieder. „Du bist nicht nur ein Pes-Zerrock einer Civitas-Einheit, nein, du gehörst zu den Niederträchtigsten der Drachenzunft. Du bist ein Infans Raptor.“

Der noch immer panische Blick von Inius senkte sich gen Boden. „Ich wusste nicht, dass das, was ich tue, als so abartig angesehen wird.“ Seine Stimme wurde nun wieder dünner und brüchiger. „Erst heute ist mir bewusst geworden, welche Abscheulichkeiten ich nun schon mein ganzes Leben tue.“

„Hä?“ Dantra hatte das Gefühl, den Anschluss verloren zu haben. „Was macht denn ein Infans Raptor?“

„Erklär du es ihm“, forderte Akinna Inius auf. „Aber halt dich an die Wahrheit.“

Inius überlegte kurz. Er schien den richtigen Anfang zu suchen. „Nun gut“, begann er schließlich, „du weißt ja sicher um die Plichten und Rechte derer, die unter dem Schutz der Drachen leben.“

„Unter dem Schutz der Drachen, pah, dass ich nicht lache“, spottete Akinna.

Ein kurzes Zucken in Inius’ Gesicht hätte man als Missbilligung von Akinnas Bemerkung deuten können. Er ließ sich aber nichts weiter anmerken und fuhr mit seiner Erklärung fort. „Eine der größten Pflichten, die zugleich auch eine der größten Ehrungen ist, bezieht sich darauf, sein Neugeborenes in die Dienste der Drachen zu stellen und es zu einem Zerrock ausbilden zu lassen. Wir, das heißt, meine Einheit und ich, sind dafür zuständig, wenn ein Liberi-Epulo eine Woche vor der Geburt die Hand auf den Mutterleib gelegt hat und das Ungeborene als geeignet für diesen ehrenvollen Dienst befunden hat, es eine Woche nach der Geburt zu holen.“

„Du meinst“, hinterfragte Dantra nachdenklich, „deine Einheit ist dafür zuständig, dass den Menschen ihre Kinder weggenommen werden?“

„Wir nehmen sie ihnen nicht weg“, versuchte Inius sich zu rechtfertigen. „Für die meisten Menschen ist es eine große Ehre, wenn ihr Kind für tauglich befunden wird, als Zerrock zu dienen. Wir haben schon Kinder geholt, da wurden wir empfangen wie Könige. Es wurden Feste für die Eltern und für das Kind gefeiert, weil sie das große Glück hatten, auserwählt worden zu sein. Viele von ihnen haben das rote Kreuz, womit der Liberi-Epulo eine Woche vor der Geburt die Tür markiert, damit jeder weiß, dass hier ein zukünftiger Drachendiener auf die Welt kommt, noch lange Zeit dort gelassen, weil sie stolz auf diese Ehre waren.“

„Man kann alles irgendwie schönreden“, kommentierte Akinna das bisher Gehörte bissig. „Nun erzähle ihm endlich von der Kehrseite der Medaille. Denn die ist es, auf die es ankommt. Die paar Verwirrten, die glauben, sie würden etwas Großes tun, wenn sie ihre Neugeborenen in eure von Blut beschmutzten Hände legen, gibt es natürlich auch, aber das sind wohl die wenigsten.“

„Du hast recht“, pflichtete Inius ihr bei. „Es gibt sicherlich auch einige, die ihr Kind nicht hergeben wollen. Obwohl es ihre Pflicht ist, da sie jahrelang unter dem Schutz der Drachen gelebt haben, können sie in dem Moment, in dem sie ihr Neugeborenes in den Armen halten, es nicht mehr hergeben. Doch eine Wahl hat man nicht. Es gibt keine Möglichkeit, diese Pflicht in eine andere umzuwandeln. Auch ist es nicht möglich, sie mit Geld einzulösen. Wenn der Liberi-Epulo die Beurteilung mit dem roten Kreuz abschließt, ist das Schicksal des Kindes besiegelt.“

Akinna ergriff wieder das Wort und in diesem waren Abneigung und Hass deutlich zu vernehmen. „Während eure Pferde vor ihren Türen ihren stinkenden Kot fallen ließen, seid ihr hineingegangen und habt ihnen ihre Kinder geraubt. Sie ihnen entrissen und sie mit Schlägen und Tritten bestraft, selbst wenn sie sich nur mit Worten gewehrt haben. Und nicht selten habt ihr sie sogar getötet. Den Vater, die Mutter, vielleicht auch beide. Getötet und liegen gelassen wie verendetes Vieh am Wegesrand. Nur um euren dämonischen Drachen hörig zu dienen.“

Stille. Dantra konnte nichts sagen. Er wusste natürlich um die beschriebene Pflicht, doch da in einem Kloster keine Kinder geboren und nur solche geraubt wurden, deren Fähigkeit, als Zerrock zu dienen, schon im Mutterleib erkannt wurde, blieb dieser traurige Aspekt der Drachenherrschaft immer draußen vor den Toren des Eberbachklosters.

Akinna schwieg, um sich zu beherrschen. Um den Mann nicht doch noch bei dem Gedanken, was er mit seinen mörderischen Händen in seinem Leben schon alles angerichtet hatte, zu töten.

Und Inius? Vermutlich schwieg er nicht nur aus Scham, sondern auch, um nicht das Falsche zu sagen. Um Akinna nicht doch noch einen Grund zu geben, ihren Pfeil in seinem Auge zu versenken.

Als Dantra seine Gedanken wieder auf das vorher Gehörte lenkte, fragte er: „Und was hast du nun getan, dass die Zerrocks deinen Tod wollen?“

Inius schaute auf. Schaute ihm direkt in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Ich bin gelaufen. Ich bin einfach nur gelaufen. Ich bin geflohen vor mir selbst.“

***

Ich fühle mich erschöpft. Erschöpft und vollkommen kraftlos.

Ich brauche Essen. Mehr Essen. Viel Essen.

Sie reichen nicht. Nicht mehr. Zu wenig dran.

Groß und mit viel Fleisch. Das brauche ich. Das will ich.

*

Kapitel 2

„Wenn du glaubst, dass du uns verwirren kannst, nur weil du in Rätseln sprichst, dann täuschst du dich aber gewaltig“, fauchte Akinna ihn an.

„Also, bei mir funktioniert es“, stellte Dantra nüchtern fest. „Wie meinst du das, du bist vor dir selbst weggelaufen?“

„Es ist nicht meine Absicht, euch zu verwirren“, ging Inius zuerst auf Akinnas Behauptung ein. „Aber was gestern geschah, lässt mich nur schwer einen klaren Gedanken fassen.“ Wieder verstrich eine geistesabwesende Pause, bevor er Dantras Frage beantwortete. „Ich habe dir ja gerade erklärt, aus welchen Bestandteilen sich mein Name zusammensetzt. Ich denke, dass das Wissen darum nicht völlig verschwinden soll, dient dem Zweck, dass ein Zerrock nicht zufällig auf sein Elternhaus stößt. Das bedeutet, man wird dort eingesetzt, wo aufgrund der hohen Entfernung das Risiko verschwindend gering ist, beabsichtigt oder unbeabsichtigt irgendeinen Hinweis auf seine Herkunft zu erlangen. Jedoch befürchte ich, dass dieses ansonsten tadellos funktionierende System bei mir gestern vollkommen versagt hat.“

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