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Gabriela Proksch Bernabé NALA - Der Hexenberg
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schiedenen Welten kinderleicht hin- und herzuspringen. Wie alle roten Tiere ist Ratatöskr dem Donnergott Thor geweiht.
„Ratatöskr? Wie spricht man DAS denn aus?“, staunte Rosalie.
„Ich bin bloß froh, dass mein Eichhörnchen Fini heißt. Ratatöskr bringe ich, wenn‘s schnell gehen muss, sicher nicht fließend über die
Lippen.“ Das Mädchen war überglücklich. Die Beschreibung ihres Medizintieres gefiel ihr. Besonders die Zugehörigkeit zum Donner- gott Thor fand sie aufregend.
Nala sagte begeistert: „Stell dir das einmal vor! Das Eichhörn- chen lebt im Weltenbaum Yggdrasil. Das ist ein Zauberbaum, wie die alte Eiche! Vielleicht kann Fini durch die Kronen, Blätter oder Wurzeln der mystischen Bäume von einer Welt in die andere hüpfen. Es würde mich nicht wundern, dass so etwas möglich ist.“
Rosalie sprach weiter: „Wieder hat sich ein rotbraunes Tier mit mir verbunden. Denk an Tanzendes Feuer, mein Pferd in der magi- schen Dimension! Sie ist eine Fuchsstute. Auch Gandalf schimmert rötlich. Wenn ich noch Zweifel hätte, ob Fini wirklich zu mir gehört, verschwinden sie bei jedem Wort aus diesem Buch mehr und mehr.“ Interessiert lasen die Hexenschwestern weiter:
Die gewandten Wald- bewohner sind wage- mutige Kletterer und fliegen regelrecht von Baum zu Baum. Vorausschauend sam- meln sie Nahrung für die entbehrungsrei- che Winterzeit und vergraben ihren Vor- rat. Das kleine Tier knackt die härtesten Nüsse. Das bedeutet,
dass die Menschen, die mit ihm verbun- den sind, selbst diese Fähigkeit haben und sie auch brauchen werden. Rätsel be- gleiten sie auf ihrem Weg. Das Krafttier Eichhörnchen ist ein liebenswerter Seelen- partner und spiegelt den sanften inneren Anteil des Wesens.
„Tok, tok, tok“. Es klopfte ans Fenster. Die Mädchen sprangen gleichzeitig auf und flogen beinahe durchs Zimmer.
„Das ist Tendo!... und Fini!“, riefen sie. Die beiden Tierverbün- deten saßen einträchtig am Fensterbrett. Als die Freundinnen die Fensterflügel aufrissen, flüchtete das scheue Eichhörnchen und klet- terte flink die Hausmauer entlang nach oben.
„Psst, langsam!“, zischte Rosalie. „Fini ist nicht an uns ge- wöhnt. Sie ist schüchterner als der freche Rabe.“
Der saß schon auf einer hohen Stange des Himmelbettes. Wie in Frankreich suchte sich der Vogel einen Platz, wo er den Überblick behielt. Nala hatte das verschlissene Buch gefunden, als Tendo in ihr Leben gekommen war. Im Kapitel über Raben erfuhr sie, dass diese schwarzen Gesellen Magie und Zauberei mit sich brachten, Götterboten waren und zuständig für das Hüten der magischen Gesetze. Als Gestaltwandler und Stimmkünstler verwandelten sie sich mit Leichtigkeit. Das berichteten jedenfalls die alten Märchen und Mythen. Außerdem schlossen sich Raben oft Wolfsrudeln an. Und ein Wolf war das Krafttier von Rosalie. Man konnte mehrere Tierverbündete um sich versammeln. Manche davon begleiten die Menschen, die sie beschützen als energetische Unterstützer. Ande- re Medizintiere werden auch in der Alltagswelt sichtbar. Feuerwolf wünschte sich innigst, dass sie, wie ihre Freundin, ein solches Kraft- tier begleitete. Jetzt war es so weit. Na ja, fast! Denn noch tanzte Fini die Hausmauer hinauf und hinunter.
„Komm her, meine Süße“, lockte Rosalie mit weicher, ein- schmeichelnder Stimme.
Und tatsächlich, nach sanftem Bitten näherte sich das rot- braune Tier dem Fensterbrett und sprang behände vom Regal zum Schreibtisch, verharrte kurz auf der Gardinenstange und landete im
Himmelbett. Dort warteten die Mädchen. Nala hielt das Buch in der Hand, aber Rosalies Arme boten Platz für Fini. Das Eichhörnchen schnupperte mit seinem winzigen Näschen, der Schweif peitschte unschlüssig von rechts nach links, bevor es sich neben ihr zusam- menrollte. Vorsichtig streichelte Feuerwolf das unglaublich weiche Fell. Mit den Fingern konnte sie jeden Atemzug von Fini, ihrer neuen Freundin, fühlen. Welche Abenteuer würden sie wohl miteinander bestehen?

8

Wie im Flug vergingen die Tage, die Nala und Rosalie im Stall, im Wald und mit den Pferden verbrachten. Am Montag begann der Unterricht in ihrer neuen Schule. Natürlich waren die Freundinnen ein wenig aufgeregt, als sie im Klassenzimmer ankamen. Kurz ent- schlossen schnappten sie sich eine gemeinsame Bank, in der Fen- sterreihe. Hier konnten sie nach draußen sehen und gleichzeitig das Wetter beobachten. Das war wichtig für die Entscheidung, ob oder wo sie am Nachmittag ausreiten würden, und eine willkommene Ablenkung zum Unterricht. Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen und ein älterer Lehrer mit Brille und Strickjacke stellte sich vor das Pult.
„Mein Name ist Oskar Krämer. Ich bin euer Schulleiter und zuständig für den Unterricht in den praktischen Fächern. Mir ist klar, dass die meisten von euch sich eine Art Kunst-Hippie-Schule wünschen, in der ihr eure Kreativität auslebt. Das Entwerfen und Zeichnen ist zwar eine Seite des zukünftigen Berufes, zuerst lernt ihr jedoch das Handwerk. Ihr müsst rechnen, planen und sorgfältig sein, sonst wird es gefährlich in der Werkstatt und am Brennofen. Wir sind stolz darauf, dass sich Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt bei uns bewerben. Ihr habt es durch das Aufnahmever- fahren bis hierher geschafft. Gratulation. Im ersten Jahr hier tren- nen wir aber vor allem die Spreu vom Weizen. Verstanden?“
Ein stummes Nicken ging durch die Klasse.
„Nur weil ihr aufgenommen wurdet, könnt ihr es euch hier nicht bequem machen. Künstler oder Künstlerinnen seid ihr erst,
wenn die letzte Prüfung absolviert ist. Davor heißt es üben, üben und nochmals üben. Ihr lernt, bis eure Köpfe mehr rauchen als die Brennöfen für das Glas.“
„Das klingt überhaupt nicht lustig“, bemerkte Nala. Die beiden Freundinnen sahen sich bedrückt an.
Herr Krämers Vortrag ging sofort weiter: „Keine Angst, ich bei- ße nicht. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass phantasievolle Men- schen wie ihr vor allem Disziplin brauchen, um Ideen umzusetzen. Wir wollen nämlich, dass die schönen Entwürfe nicht bloß in euren Köpfen herumgeistern, sondern konkret werden. So, und jetzt die Klassenliste! Ich rufe euch einzeln auf.“
Nach ein paar Aufrufen von Mitschülern trompetete er in einem militärischen, forschen Tonfall: „Krahbichler Nathalie?“
„Hier!“, erwiderte Nala, deren offizieller Name eigentlich Na- thalie war. Ihr kleiner Bruder konnte das komplizierte Wort nicht aussprechen und kürzte es einfach ab. Nala gefiel allen gut und so blieb dieser Spitzname erhalten. „Das geht ja gut los“, dachte sie.
„Allzu freundlich scheint der Klassenlehrer nicht zu sein.“
„Ledermaier Vinzenz?“ „Ist da“, ein mit Sommersprossen über- sätes Gesicht grinste dem Lehrer keck entgegen.
„Lundström Ilvy!“, eine Schülerin mit weißblonden, raspelkur- zen Haaren hob die Hand. „Bin hier“, sagte sie mit einem süßen, nordischen Akzent.
„Puri Malini?“, las der Lehrer etwas stockend vor. „Here“, ant- wortete das hübsche, asiatisch aussehendes Mädchen unsicher.
„Die beiden sind sicher durch das internationale Programm in
die Schule gekommen“, vermutete Nala. „Ich finde es toll, dass so viele verschiedene Menschen hier sind.“
„Sonnhofer Rosalie?“ „Hier!“
Insgesamt wurden 21 Schülerinnen und Schüler aufgerufen. Anschließend folgte eine Führung durch das gesamte Gebäude. Au- ßer den Klassenräumen gab es verschiedene Werkstätten. Die Wän- de waren gepflastert mit den fantastischsten Entwürfen für Lam- pen, Gläser oder Kunstwerke in leuchtenden Farben. Beeindruckt zogen die Neuen durch die Gänge.
„Wow, die Skizzen sind super!“, fand Rosalie.
„Ich freu mich darauf, loszulegen“, sagte Nala. „Selbst wenn der Direktor uns zuerst nur Disziplin beibringen will. Ätzend.“
Feuerwolf ergänzte: „Hoffentlich ist er nicht total humorlos. Im Dorf hat er den Ruf zwar sehr streng, aber gerecht zu sein.“
„Diese Schule ist mein absoluter Traum. Das lass ich mir doch nicht gleich von einem unfreundlichen Lehrer vermiesen. Die an- deren scheinen recht nett zu sein.“ Nala blickte sich um. Sie hatte schlechte Erfahrungen mit ihren früheren Mitschülern gemacht. Aber seit dem letzten Sommer hatte sich einiges geändert und dieser bunte, internationale Haufen wirkte spannend und freundlich. Au- ßerdem gab es hier Rosalie. Gemeinsam mit ihrer Freundin fühlte Nala sich viel stärker. Als Herr Krämer die Tür zur Werkstatt der modernen Glasbläserei aufstieß, staunten die beiden Mädchen. Hit- ze schlug ihnen aus den Brennöfen entgegen. Schleifgeräte wurden von älteren Schülern bedient und lärmten. Auf den Regalen standen Glaskunstwerke. Die Atmosphäre war so lange locker und freund- schaftlich, bis Oskar Krämer den Raum betrat. Die rundliche Leh- rerin im weißen Arbeitsmantel grüßte ihn förmlich. Man hatte das
Gefühl, dass sogar sie die Luft anhielt, bei der Begegnung mit dem Direktor. Die Bewegungen der vor sich hin werkelnden Jugendlichen, wirkten nun angespannt und linkisch. Dieser Lehrer lähmte alles.
„Hast du es auch bemerkt?“, fragte Nala und zog die Schultern hoch. Es war, als würde die Wärme aus ihrem Körper gezogen.
„Klar, das ist irgendwie unheimlich.“ Rosalie schaute besorgt.
„Was ist mit dir?“
„Ich weiß nicht. Bisher habe ich mich nie vor einem Lehrer ge- fürchtet.“ Nala war selbst erstaunt, dass sie sich von der Stimmung derart mitreißen ließ. Zurück im Klassenzimmer durften sie ihre Skizzenblöcke und Graphitstifte herausholen. Die Aufgabe war, das verkündete Herr Krämer, ein Fabeltier zu zeichnen. Es sollte später die Vorlage für eine Arbeit in Glas sein. Man nannte die Technik
„fusing“. Dabei wurden Formen aus Glasplatten geschnitten, ver- schiedenfarbige Teile übereinandergelegt, gebrannt und somit ver- schmolzen. Hängte man das fertige Glasbild zum Beispiel vor ein Fenster, leuchtete es durch die Sonnenstrahlen, die es durchdrangen. Aufregend, es sollte die Rohskizze für ihr erstes Kunstwerk werden!
„Dann lasst mich einmal eure Idee sehen...“, in fast drohendem Tonfall forderte Herr Krämer sie auf, ein paar Entwürfe zu Papier zu bringen. Nalas Hand war jedoch wie versteinert. Ihr Gehirn fühlte sich schwammig und leer an. Rosalie beugte sich über ihr Zeichen- papier und legte los. Wie durch einen Schleier sah Sternenträumerin zu, wie ihre Freundin die Stifte benutzte. Sie zog kräftige Striche, schraffierte Licht und Schatten, während Nala Löcher in die Luft starrte.
„Was ist los mit dir?“, wisperte Rosalie ihr zu. „Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“
„Ich versuch zu zeichnen, aber mir fällt absolut nichts ein. Nun bin ich endlich hier, am Ziel meiner Träume, und versage kläglich.“
Verzweifelt blickte Nala auf das weiße Blatt Papier, das vor ihr lag. Bevor sie ganz aufhörte zu atmen, musste sie etwas unterneh- men. Was könnte ihr nur die Kraft, den Mut und die Lebensfreude zurückbringen, die sie in der letzten Stunde verloren hatte? Nala schloss die Augen, atmete tief ein. In einer Vision erschien ihr die weiße Araberstute Lilou. Sternenträumerin erinnerte sich daran, wie sie endlich auf dem scheuen Pferd gesessen und mit ihr über die Weide galoppiert war. In Nalas Körper breitete sich ein Gefühl von Heimat aus. Iyuptala, Einssein sein mit Allem. Das gab ihr Mut. Zö- gernd begann sie mit ein paar unsicheren Bleistiftstrichen. Es half, einfach loszulegen. Das Zeichnen, das Nala so liebte, entspannte das Mädchen. Wie sie es schon oft erlebt hatte, flossen Formen und Schraffierungen aus ihren Fingern. Ein Pegasus entstand. Ein Pferd, das sich mit den Vorderbeinen erhob, um in die Luft zu steigen. Flügel breiteten sich aus. Er war frei. Langsam kehrte wieder ein Lächeln in Nalas Gesicht zurück. Ja, so fühlte sie sich, wenn sie mit einem Blatt Papier und einem Stift in ihre Phantasiewelt eintauchte. Sie vergaß die Welt um sich herum. Sogar den furchteinflößenden Direktor konnte Nala ausblenden. Mit einem zufriedenen Seufzer lehnte sie sich zurück. Sie blinzelte auf das Blatt, das vor Rosalie lag und entdeckte darauf einen Drachen. Die Zeichnung wirkte leben- dig und ausdrucksstark. Dieses feurige Fabelwesen war typisch für ihre ungestüme Freundin.
„Hmhmmm!“, räusperte sich Herr Krämer und blickte den bei- den Mädchen über die Schulter. „Da habt ihr ziemlich wilde Tiere aufs Papier gebracht. Ich hoffe, ihr könnt euer Temperament beim Arbeiten in der Werkstatt besser zügeln.“ Sein Tonfall war ernst aber auch amüsiert. „Fürs Erste sind das gute Entwürfe. Jetzt müsst ihr sie so vereinfachen, dass man durch den Umriss den Charakter eures Fabeltieres erkennt. Und weiter...! Nächster Arbeitsschritt.“
„Hoffentlich geht’s Lilou gut...“ Nala war mit den Gedanken bei ihrem Liebling.
„Am Nachmittag reiten wir los, sonst wirst du noch verrückt“, sehnsüchtig schaute Rosalie aus dem Fenster. Flog da nicht Tendo vorbei?
9 Inzwischen in Südfrankreich
Es war eine besondere Gesellschaft, die voller Sorge auf die große, alte Eiche zuging. Greta, die Reitlehrerin und Besitzerin des Gestüts, Emanuel der junge, angehende Pferdewirt, in den Nala sich verliebt hatte, Paul, ein erfahrener Pferdepfleger und Claire. Sie war die Kö- chin und Hüterin des uralten Steinkreises rund um den Baum. Wie immer trug sie bunte, verrückte Klamotten und das Haar war zu einem wirren Knoten zusammengesteckt. Ihre Frisur ging locker als Vogelnest durch. Nala hatte diesen Kraftplatz unter dem magischen Baum im Sommer in höchster Not entdeckt. So wurde die Flucht vor den anderen Jugendlichen, die ihr einen üblen Streich gespielt hat- ten, zu ihrem größten Glück. Als Sternenträumerin den Steinkreis betreten hatte und sich in ihrer Verzweiflung unter die Eiche setzte, gelangte sie in eine Zauberwelt. Das Tor in diesen Traumraum wur- de jedoch nur für besondere Menschen geöffnet. Für Menschen, die sich ganz auf die andere Wirklichkeit einlassen wollten, die phanta- sievoll und mutig waren.
„Es ist Zeit, Blaue Feder zu treffen“, sagte Claire. Gemeinsam schritten die vier Bewohner des Gestüts „Zur Großen Eiche“, auf Französisch „Aux Grande Chêne“ über die Lichtung. „Lilou darf nicht zu ihren Besitzern zurück! Sie haben die schöne, weiße Ara- berstute echt mies behandelt. Nala hat das Pferd mit all ihrer Liebe ins Leben zurückgeholt. Endlich hat es wieder Vertrauen gefasst und jetzt sollen wir es einfach in den Hänger laden und seinem Schicksal überlassen? Diese gefühllosen Menschen fordern, dass Lilou bei Di- stanzrennen mitläuft und Preisgelder gewinnt. Nicht mit mir!“
Gretas zornige Schritte wurden immer länger. Die groß gewach- senen Reitlehrerin ging eilig auf den Steinkreis zu. Dabei wippte ihr dunkler, dicker Zopf, der bis fast zur Hüfte baumelte, wild hin und her. „Nein! So geht das wirklich nicht! Zuerst schicken sie uns ein verstörtes, verschrecktes Pferd, und sobald seine seelischen Wunden anfangen zu heilen, wollen die Besitzer es als Sportpferd verheizen. Lilou ist einfach nicht dafür gemacht! Und selbst wenn, bräuchte die Stute viel mehr Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen und sich zu erholen. Blauer Feder fällt hoffentlich eine Möglichkeit ein, wie wir dieses wundervolle Tier hierbehalten können.“
Kopfschüttelnd schritt Paul, der alte Pferdepfleger, neben Gre- ta her. Seinen Strohhut schob er nachdenklich in den Nacken und runzelte die Stirn. Er machte nie viele Worte um ein Problem. Umso entschlossener setzte er sich für die Lösung ein.
Am Rand des Steinkreises blieb die Reitlehrerin stehen. Sie war- tete, bis die ganze Gruppe sich vor den beiden größeren Felsbrocken versammelten, die wie ein Tor wirkten.
Emanuel war aufgeregt. Zum ersten Mal reiste er mit den er- wachsenen Mitgliedern der Zopfmenschen in die Zauberwelt. Alle kannten die Regeln, um dorthin zu gelangen.
Bewusst und achtsam in den Steinkreis treten.
Mit der Natur vollkommen verschmelzen und sich mit allen Sinnen mit der Umgebung verbinden.
Sich auf den Wunsch konzentrieren, Blaue Feder zu treffen. Den Rücken an den starken Stamm gelehnt, ließen sich die er-
fahrenen Träumer nieder. Sie waren darin geübt, sich zu entspannen
und in eine tiefe Trance zu versinken. Das Gezwitscher der Vögel,
die vorbeiziehenden Wolken, all das wirkte auf magische Weise. Mit ruhigen, langsamen Atemzügen ließen sich die Träumer in die An- derswelt sinken, um eine Antwort auf ihre Frage zu finden. Die Fra- ge: Wie können wir Lilou, die weiße Araberstute, retten?
Blaue Feder erschien am Horizont. Die Schamanin ritt auf der Fuchsstute Tanzendes Feuer über die Lichtung. Die Mustangher- de mit Mondlicht, dem gescheckten Mustang, den beiden Fohlen und Wave, der grau-schwarz gepunkteten Stute, folgte. Am Schluss trabte Wolfsherz auf dem Hengst Wakanda. Dieses außergewöhnli- che Pferd war schokoladenbraun. Mit seinen unterschiedlichen Au- gen, eines hellblau und eines dunkelbraun, besaß es die Fähigkeit, gleichzeitig in verschiedene Welten zu schauen.
Greta, Emanuel, Paul und Claire sprangen auf und begrüßten die Medizinfrau und deren Lehrling überschwänglich. Besonders die zwei Jungen strahlten und umarmten sich brüderlich. Doch die Freude auf ihren Gesichtern wich bald besorgten Mienen. Sie spra- chen über das Problem mit Lilous Besitzern.
„Wie wir es gelernt haben, beantworten wir Fragen auf unsere eigene Art. Wir erträumen ein Ritual im Medizinrad und lösen Pro- bleme nicht durch bloßes Nachdenken“, erinnerte Blaue Feder ihre Freunde.
Emanuel mischte sich in die Unterhaltung der erfahrenen Zopf- menschen ein, indem er sein Wissen heraussprudelte: „Das Medi- zinrad, das wir benutzen, besteht aus den vier Himmelsrichtungen. Ihnen ist jeweils ein Element zugeordnet. Im Süden des Rades ist das Wasser, wie zum Beispiel Bäche, Quellen und Meere. Es steht für die Gefühle und das Herz. Man nennt diese Richtung den Fluss des Le- bens. Zum Westen hingegen gehört die Erde und alles, was Körper oder Materie ist. Hier geht es um Heilung, unser Zuhause und das, was wir berühren, also angreifen können.“

Gleich fügte Greta hinzu: „Im Norden finden wir das Element Luft. Das steht für unseren Geist, die Gedanken, die Philosophie und den Humor. Hier öffnen wir uns für die verrücktesten und des- halb stärksten Ideen. Nichts ist so unaufhaltsam wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
Paul, der bis jetzt abgewartet hatte, sagte in seiner besonnenen Art: „Das Element Feuer im Osten des Medizinrades unterstützt die spirituelle Seite von uns Menschen, die Vision. Wir fragen hier nach dem Weg unseres Herzens. Dann gehen wir auf das Licht, das am hellsten leuchtet, zu. Was bringt langfristig das größte Glück ins Le- ben? Starke, klare, wichtige Themen werden im Osten beleuchtet.“
„Aber eigentlich gibt es fünf Elemente, denn im Zentrum des Rades befindet sich die geheimnisvolle Leere. In manchen Kulturen wird sie auch Liebe oder Äther genannt. Hier ist der Platz, wo alle Elemente sich begegnen und vermischen können. So werden sie zur Weisheit. Wenn wir das ganze Medizinrad befragt haben, setzen wir hier, in der Mitte, die Antworten zusammen. Das Besondere an der Philosophie des Rades ist, dass die Elemente und somit auch alle Teile des Menschseins gleichwertig auf einem Kreis angeordnet sind. Der Geist des Menschen ist nicht wichtiger als seine Emotionen, sein Körper oder sein Spirit.“ Es war die Schamanin Blaue Feder, die gesprochen hatte. „Setzt euch in die Himmelsrichtung, die ihr be- schrieben habt und lasst uns den Weg der Freiheit für Lilou erträu- men.

10 Ritual
Die Träumer saßen in den vier Himmelsrichtungen des Steinkrei- ses. Blaue Feder hatte sich direkt unter der alten Eiche auf ihre wundervoll gemusterte Satteldecke gesetzt. Wolfsherz blieb bei der Mustangherde und spielte mit den Pferden. Auch das war wichtig. Die Tiere sollten in der Nähe bleiben und dadurch die Zeremonie unterstützen. Ruhig atmend versenkten sich die Träumer in eine meditative Stille. Alle suchten nach der Antwort auf die Frage, wie sie Lilou helfen konnten. Es dauerte eine Weile, bis die ersten Worte ausgesprochen wurden.
Emanuel, der im Süden, am Platz des Wassers, saß, hatte die Vision, wie er mit seinem Medizintier, dem Delfin durch die Wellen schoss. Spielerisch sprang das elegante Tier durch die Luft. Dann tummelte es sich wieder im klaren Blau des Meeres. Emanuel fühlte sich leicht, frei und beweglich.
Er sprach: “Lilou braucht jemand, der mit ihr spielt. Ihr Herz schließt sich, wenn man eine Leistung von ihr verlangt, die sie über- fordert. Sie sehnt sich nach Nala. Die hat mit ihr gespielt! Sternen- träumerin hat dem Pferd Zeit gelassen. Es konnte wieder vertrauen. Wir müssen einen Weg finden, wie sie zu dem Mädchen, das ihr endlich zugehört hat, kommt. Selbst hier bei uns wird Lilou niemals glücklich.“ Seine Stimme klang, als käme sie von weit her, aus einem fernen Land, jenseits des Ozeans.
Claire, die im Westen des Medizinrades träumte, murmelte kryptisch: „Eine Botschaft aus der Zukunft taucht auf. Ich sehe die weiße Araberstute. Sie ist verletzt. Ich fühle ihren Schmerz und ihre
Angst. Nicht nur Lilou sehnt sich nach Nala. Es ist auch umgekehrt so. Um zu verstehen, wie Heilung geschieht, braucht das Mädchen ihr Herzenspferd in ihrer Nähe. Sternenträumerin hat eine starke, natürliche Kraft. Sie wird ihren Weg zur Heilerin gehen, wenn wir sie weiter unterrichten und das Pferd zu ihr zu bringen.“
Aus dem Norden meldete sich Greta. Sie saß am Platz des Win- des und des Geistes. „Das Schwert meines Verstandes kündigt eine Reise an. Ich sehe Nala auf Lilous Rücken über hohe Berge reiten. Die Araberstute braucht ein spezielles Training, um ihre volle Leistung im Distanzreiten zu erbringen. Das wird den Besitzern einleuchten. Das Höhentraining in den Alpen ist die beste Voraussetzung für den Erfolg des Pferdes, vor allem jedoch für seine Erholung und Hei- lung. Wie die schnellsten Läufer oft aus den Hochländern Afrikas stammen, könnte die sauerstoffreiche Luft in den Bergen das zu- künftige Rennpferd zum Sieg führen. Was später passiert, sehe ich nicht mehr klar. Die Bilder verschwimmen...“
Jetzt fehlte noch die Vision aus dem Osten. Dort saß Paul. Sei- ne Art zu träumen war sehr speziell und oft schwer zu verstehen. Wie ein Orakel klang seine Stimme. Sie war tief und rau, fast flü- sternd. „Feuer, ich sehe Feuer. Es verletzt und reinigt. Aber es führt auch zum Weg des Herzens. Die beiden müssen durch die Flammen springen und ihre eigene Vision finden.“ Bisher waren Pauls Bot- schaften äußerst rätselhaft gewesen und hatten sich stets als wichti- ger Schlüssel zur Lösung entpuppt.
Blaue Feder meldete sich aus der Mitte, dem Platz der Leere. Sie hatte alle Bilder auf sich einwirken lassen. Dabei beobachtete die Medizinfrau die Bewegungen eines zierlichen Tieres in der Krone der Eiche. „In den Blättern des Baumes springt ein rotbraunes Eich- hörnchen von Ast zu Ast. Es verbindet und vernetzt durch seinen emsigen Tanz die Träume, von denen ihr berichtet habt. Aber vor allem ist es verspielt und flink. Durch das Eichhörnchen als Ver-