Книга NALA - Der Hexenberg читать онлайн бесплатно, автор Gabriela Proksch Bernabé – Fictionbook, cтраница 2
Gabriela Proksch Bernabé NALA - Der Hexenberg
NALA - Der Hexenberg
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Gabriela Proksch Bernabé NALA - Der Hexenberg

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„Nein! Schluss damit! Wir bleiben brav auf dem Rückweg. So ein Hin und Her gibt es jetzt nicht mehr! Ich fürchte mich halb zu Tode auf dem verwachsenen, alten Pfad“.

Wenn nur Nala hier wäre! Ihre Freundin, die Sternenträume- rin, spürte wahrscheinlich, ob dieser Weg der Durchgang zu einer anderen Welt war oder nur ein unheimlicher Ort, den es besser zu vermeiden galt. Und wo blieb Tendo?

Er schwebte über der Mitte des Tales und genoss den Wind un- ter seinen Flügeln.

4 Nalas Ankunft

Am Bahnhof fielen sich Nala und Rosalie in die Arme.

„Endlich bist du da!“, freute sich die Tirolerin und umarmte ihre Freundin.

„Und zu neuen Abenteuern bereit“, antwortete diese verwegen.

„Stell dir vor, ich habe Tendo gestern bei meinem Ausritt getrof- fen! Er hat sich den Dohlen am Joch oben angeschlossen und bringt sie ganz schön durcheinander. Schnappt ihnen die besten Brocken weg, die sie von den Wanderern abgestaubt haben.“ Rosalie berich- tete von ihrem seltsamen und furchterregenden Erlebnis im Wald.

„Das klingt echt gruselig! Aber wir wollten doch hier einen Steinkreis, einen Eingang in die magische Welt, finden. Vielleicht war Tendo da, um uns zu so einem Platz zu führen. Könnte das der Weg in die Anderswelt sein?“, vermutete Nala.

Rosalie antwortete: „Warum flimmerte dann das Licht so ko- misch? Gandalf und ich, wir haben ziemlich gebibbert und sind blitzartig umgekehrt, als die unheimliche Gestalt auftauchte. So- bald wir beim Hexenbrunnen waren, wollte das Pferd aber wieder umkehren und in den Wald hineinlaufen. Wir spürten beides gleich- zeitig, Angst und Verlockung.“

Nala, die ihren Koffer hinterherzog und sich mit einem Ruck- sack abmühte, blieb japsend stehen.

„Jetzt hilf mir endlich beim Schleppen, sonst kommen wir hier nie weg,“ beschwerte sie sich.

Rosalie hielt abrupt an und schlug sich auf die Stirn: „Sorry, vor lauter Erzählen, hab ich nicht gemerkt, dass du bepackt bist wie ein Esel!“ Sie schnappte sich den Koffer und die beiden zogen los.

Nachdenklich murmelte Nala: „Ist ja wirklich merkwürdig, dei- ne Geschichte. Ich habe einmal gehört, dass es so etwas wie Wächter von Kraftplätzen gibt. Claire, die Köchin in Frankreich, hat uns erzählt, dass sie die Hüterin vom dortigen Steinkreis ist. Überprü- fen die, ob wir dazugehören und diesen Platz finden sollen? Könnte sein, oder?“

Wie ein Pfeil zischte ein schwarzer Vogel den Bahnsteig entlang und flog so knapp über Nala, dass er ihr die Mütze vom Kopf zupfte. Das Mädchen jubelte auf.

„Tendo!!!! Du bist wirklich hier! Ich freu mich wie verrückt, du frecher Dieb. Bring sofort meine Beanie zurück!“

Rosalie hopste vor Freude in die Luft. „Wir kommen wieder zu- sammen! Wie sehr habe ich mir das gewünscht!“

Das Gepäck fühlte sich auf einmal halb so schwer an. Die bei- den Freundinnen machten sich überglücklich auf den Weg. Tendo saß, wie im Sommer in Frankreich, auf Nalas Schulter. Unter den staunenden Blicken der Dorfbewohner entfernten sich die drei vom Bahnhof.

Rosalies Mutter Bernadette, öffnete die Tür. „Hallo Nala! Ich freue mich, dass du da bist. Ich habe viel von dir und eurem außerge- wöhnlichen Reiturlaub gehört. Ihr seid so gute Freundinnen gewor- den! Wie mit deinen Eltern abgesprochen, kannst du gerne bei uns

wohnen. Du musst nicht ins Internat, hier habt ihr wahrscheinlich mehr Spaß und ich freue mich immer über Leben in der Bude“.

„Wir wollen gleich in den Stall, ich muss Nala unbedingt Gan- dalf und die anderen Pferde zeigen“, Rosalie ließ keinen Zweifel dar- an, dass daheim bleiben nicht auf ihrem Programm stand.

„Ist schon klar, was für euch das Wichtigste ist“, antwortete Bernadette, deren rote Locken ebenso wild vom Kopf abstanden, wie die ihrer Tochter.

Bald strampelten Rosalie und Nala auf Fahrrädern den Feldweg, der zum Stall führte, entlang. Übermütig ließen die Freundinnen die Lenker ihrer Bikes los, streckten ihre Arme zur Seite aus und genos- sen den Fahrtwind.

5 Erster Ausritt

Mit Gepolter krachten die Fahrräder an die Wand der Scheune. Die Mädchen hatten es eilig. Das war nicht zu überhören. Sofort trottete Gandalf auf den Zaun der Weide zu.

„Das ist er!“ Rosalie strahlte vor Stolz und zeigte auf den stäm- migen Noriker. Der hob seinen Kopf, als wüsste er genau, dass von ihm die Rede war. Nala hielt ihm die Hand unter die Nüstern, um sich beschnuppern zu lassen. Wie lange hatte sie nicht mehr den warmen Atem eines Pferdes gespürt! Es kam ihr ewig vor, obwohl seit den Ferien in Frankreich erst ein paar Wochen vergangen waren. Schlagartig überkam sie die Sehnsucht nach Lilou, der zarten, wei- ßen Araberstute. Wie es ihr wohl ging? Nala nahm sich fest vor, am Abend Greta anzurufen.

Etwas Merkwürdiges geschah. Ein Bild zuckte vor Nalas in- nerem Auge auf. Ihr Herzenspferd wirkte verängstigt und traurig. Sternenträumerin wurde unruhig. Wie eine eiserne Faust umklam- merte sie auf einmal eine unbestimmte Angst. Schnaubend drehte Gandalf seine Nase zur Seite und wieherte gereizt.

„Was ist los?“, fragte Rosalie erstaunt. „Er reagiert komisch auf dich. Zuerst war er neugierig und offen. Und jetzt?“

„Ich fühle mich total seltsam und bin durcheinander, denn mir ist gerade Lilou erschienen. Es war wie eine Vision. Irgendetwas be- droht sie. Ich muss sofort im Gestüt anrufen“, antwortete Nala.

„Dort gibt es keinen Handy-Empfang. Erinnerst du dich nicht?

Beruhige dich, wenn etwas Schlimmes passiert, ruft Emanuel sicher bei dir an. Können wir endlich ausreiten? Ich versteh ja, dass Lilou dir fehlt. Aber hier müssen wir mit dem wunderbaren, supergeni- alen, herzallerliebsten Gandalf vorliebnehmen.“ Rosalies ironische Art schlug in Krisen immer durch. Wortgewandt versuchte sie, jede schwierige Situation aufzulockern.

„Und wie sollen wir mit nur einem einzigen Pferd ausreiten?“ Nala ließ sich nur widerwillig ablenken. Zögernd stieg sie auf den Vorschlag Rosalies ein.

„Na, wir setzen uns eben zu zweit drauf! Schau dir den Riesen einmal genau an! Gandalf kann Baumstämme aus dem Wald holen und Kutschen ziehen. Was glaubst du, wie mühelos mein Großer uns beide trägt?“

„Stimmt!“ Lächelnd streichelte Nala dem mächtigen Noriker über den Hals. Seine Nähe tröstete sie. Der robuste, warme Körper gab ihr gerade so viel Halt, dass sie die Sorgen und das bedrohliche Bild von Lilou verdrängen konnte. „Hat denn die Besitzerin Gan- dalfs nichts dagegen?“

„Ach was, die kennt mich lange genug und wir verstehen uns sehr gut. Sie besteht nur darauf, dass ich stets mit Helm reite, das ist das Einzige, das ihr wichtig ist. Im Moment ist sie aus Zeitmangel kaum im Stall. Der Große und ich, wir haben so einige Schwierig- keiten miteinander gemeistert. Erst durch das Training mit mir ist er ein so spitzenmäßiges Reitpferd geworden“, prahlte Rosalie. Nach einer kurzen Nachdenkpause ergänzte sie etwas kleinlauter: „Na ja, wahrscheinlich ist ER eher MEIN Trainer, wenn ich ehrlich bin.“

Am Brunnen hielten sie an. Die beiden Mädchen rutschten vom Pferderücken. Nala strahlte übers ganze Gesicht. War das schön! Ohne Sattel zu zweit auf diesem gelassenen Kaltblut durch den Wald

zu bummeln, hatte sich großartig angefühlt.

Sie schüttelte ihre Beine aus: „Oh je, Gandalf, dein Rücken ist sooo breit. Ich muss fast einen Spagat machen, um auf dir zu sitzen.“ Steif stakste sie herum. „Du bist das gewohnt, oder?“, fragte sie Ro- salie.

„Keine Ahnung was du hast. Mir geht’s prima“, grinste die ihr entgegen. Schließlich war sie topfit und beweglich.

„Dort am Brunnen ist die Stelle, wo Gandalf ins Unterholz ab- gebogen ist.“

„Hier zweigt ein Pfad ab? Wo denn?“, wollte Nala wissen. Rosalie bog die Büsche ein wenig zur Seite. Ein schmaler Tram-

pelpfad wurde sichtbar. „Stell dir vor, wie eng das für uns ist? Gan-

dalf zwängte und quetschte sich hier den Berg hinauf. Komisch, oder?“

„Sollen wir?“, fragte Nala.

„Was?“, entgegnete ihre Freundin.

„Na den Weg erforschen! Hier ist ein Hexenbrunnen. Wir sind die Hexenschwestern. Klingelt’s?“ Sternenträumerin strotzte vor Abenteuerlaune. Ihre Neugier hatte über die Angst gesiegt. Hexen- schwester, das Wort erinnerte Nala an ihre gemeinsamen Ferien, als die beiden Mädchen im Gewitterregen getanzt und damit ihre Freundschaft besiegelt hatten. Im strömenden Regen waren sie in Pfützen gesprungen, dass es nur so spritzte. Auf diese Weise trotzten sie der Witterung und den gemeinen Angriffen, denen Nala ausge- setzt gewesen war. Damals nannten sie sich zum ersten Mal He- xenschwestern und hofften, dass sie alle Schwierigkeiten gemeinsam

überwinden könnten. Und genau diese Hoffnung, dieser Kampf- geist, wurde nun wieder geweckt, als ob „Hexenschwester“ ein Zau- berwort wäre, um in die Vergangenheit zu reisen und zur damaligen Kraft zurückzufinden.

„Du warst nicht dabei, als Gandalf Schiss gekriegt hat. Er ist wie ein Wahnsinniger zurückgeprescht. Keine Ahnung, ob wir beide oben sitzen bleiben, wenn er umdreht und wieder nach Hause rennt. Ich hab noch immer Schrammen an Armen und Beinen.“

„Ausprobieren! Sonst wissen wir es nie“, wagte Nala sich vor.

„Wieso hast du es so eilig?“, fragte Rosalie.

„Auch wenn ich mich inzwischen eingekriegt habe, mache ich mir Sorgen um Lilou. Falls das der Weg zu einem Steinkreis ist, muss ich es herausfinden. Der Pfad ist ziemlich zugewachsen. Niemand geht da entlang. Die Chancen sind groß, dass in diesem unwegsamen Gelände ein vergessener, magischer Ort versteckt ist. Meinst du nicht?“ Unsicher sah Nala ihre rothaarige Freundin an.

Rosalie zuckte mit den Schultern: „Okay! Gandalf darf aber mitbestimmen! Auf keinen Fall werde ich ihn auf diesen Weg zwin- gen. Wir sitzen wieder auf und lassen ihn entscheiden, in welche Richtung er will. Er könnte einfach auf dem breiten Weg weiterlau- fen, sich umdrehen und nach Hause trotten oder uns ins Abenteuer führen.“

„Gute Idee! Das machen wir. Ich bin auch dafür, dass Gandalf die Route wählt“, fand Nala.

Rosalie, die als Kind in der Voltigiergruppe Karwendel gelernt hatte, ohne Steigbügel aufs Pferd zu springen, war mit einem ge- schmeidigen Satz auf dem Rücken ihres Gefährten gelandet. Ster-

nenträumerin benutzte den Brunnen als Aufstiegshilfe.

„Kraaah, kraaaah!“ Laut krächzend meldete Tendo sich zu Wort. Er flatterte hoch am Himmel, direkt über ihnen und warte- te ab. Suchend drehte das Pferd seine Ohren. Der durchdringende Klang der Rabenstimme ertönte abermals.

Gespannt hielten die beiden Reiterinnen den Atem an. Für wel- che Richtung würde sich Gandalf entscheiden?

6 Hagazussa

Die Blätter am Boden raschelten, als die riesigen Hufe des Norikers auf den schmalen Pfad traten. Rosalie ließ die Zügel lang, dass Gan- dalf selbst seinen Weg wählen konnte.

„Erinnere dich, was Blaue Feder gesagt hat. Der Wunsch in un- seren Herzen muss klar und stark sein. Unsere innere Absicht ver- bindet sich dann mit der Absicht des Pferdes und verschmilzt damit. Nur so wird Gandalf zum Ziel finden“, hauchte Nala ihrer Hexen- schwester zu. Vor Aufregung wagte sie es kaum, laut zu sprechen.

Rosalie antwortete ebenfalls im Flüsterton: „Sprich den Wunsch deutlich aus. Es ist gut, das Gleiche zu wollen. Schließlich sitzen wir gemeinsam auf nur einem Pferderücken!“ Langsam wurde ihre Stimme kräftiger und glucksend: „Das wäre ein Spektakel, wenn Gandalfs Vorderteil mit mir nach links ginge, und das Hinterteil mit dir nach rechts!“ Inzwischen prustete Rosalie vor Vergnügen.

„Du kannst niemals ernst bleiben!“ Halb mahnend, halb belu- stigt regte Sternenträumerin sich auf.

„Das ist unmöglich. Sorry, aber das geht einfach nicht!“, quietschte Rosalie vor Vergnügen auf. Nala ließ sich von dem La- chen schließlich doch anstecken und kicherte mit. Danach löste sich ihr Atem und wurde ruhig. Der Scherz von der Freundin kam genau zur rechten Zeit. Ihr sonst so gelassenes Reitpferd hatte sich nämlich etwas verkrampft. Nun, nachdem die beiden Reiterinnen locker auf Gandalfs Rücken saßen, schritt auch er tiefenentspannt durch die Büsche.

Nala nahm den Faden ihres Gespräches wieder auf, um sicher- zustellen, dass sie einen Ort des Träumens fanden: „Wir möchten ei- nen heiligen Steinkreis entdecken und uns mit Blauer Feder treffen.“

Leise ergänzte Rosalie: „... und Wolfsherz will ich auch unbe- dingt wiedersehen...“ Nala, die dicht hinter ihrer Freundin auf dem Pferderücken saß, blies deren roten Locken aus ihrem Gesicht, denn sie kitzelten auf der Wange. „Du wirst mit ihm zusammen sein. Das spüre ich.“

Inzwischen waren sie zu fünft unterwegs. Sternenträumerin und Feuerwolf ritten auf Gandalf. Tendo flatterte von Ast zu Ast, verfolgt von einem rotbraunen, flinken Tier.

„Schau, das süße Eichhörnchen!“, rief Nala und zeigte in Rich- tung der Tannen, an denen sie sich vorbeidrückten. „Tendo hat ei- nen Freund gefunden!“, freute sie sich. „Sieh nur, wie federnd es springt! Es fliegt beinahe!“


Rosalie wünschte sich: „Das ist dann wohl hoffentlich MEIN lebendiger, echter Tierverbündeter. Du hast seit dem Sommer deinen schlauen Rabenfreund und ich bin noch immer allein.“

„Wie heißt du denn, du kleiner Springteufel?“, fragte sie das zarte Tier, das federnd zwischen den Bäumen umherhüpfte.

„Das Eichhörnchen kann doch nicht sprechen, wie Tendo!“, schüttelte Nala den Kopf.

„Ich werde deinen Namen schon irgendwie rauskriegen...“, Ro- salie lächelte dem possierlichen Tier zu. „Bleib bei uns, ja?“

„Ist es bloßer Zufall, dass das hübsche Wollknäuel ihnen folgte, oder könnte es wirklich mein Medizintier sein?“, dachte Feuerwolf.

Während sie weiterritten, flog das Eichhörnchen von Baum zu Baum und ließ Rosalie dabei nicht aus den Augen.

„Stopp! Schau, hier liegt der Ast, der beim letzten Mal hinter uns zu Boden gekracht ist“, warnte das rothaarige Mädchen.

„Nicht stehen bleiben! Wir haben uns entschieden, dass Gan- dalf den Weg bestimmt. Wenn er weitergeht, tun wir das auch.“ Nala wünschte sich unbändig, dass das Pferd einfach über das Hindernis steigen würde.

„Er müsste einen kleinen Sprung machen! Bist du sicher, dass du oben sitzen bleibst?“, wollte Feuerwolf wissen. Die Frage erübrig- te sich in diesem Moment bereits. Mit einem eleganten Hopser, den man dem schweren Kaltblut kaum zutraute, sprang Gandalf über das Hindernis. Die beiden Reiterinnen saßen noch immer erstaunt auf seinem Rücken.

„Boah, du springst wie eine Elfe! Wahnsinn!“ Rosalie kraulte das Pferd zärtlich am Widerrist.

Eines war den Mädchen jedoch nicht klar. Der Sprung hatte sie

in eine andere Wirklichkeit katapultiert. Unbedarft ritten sie den Pfad entlang. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich Schatten und flimmernde Gestalten auf. Unheimliche Klänge ertönten. Gandalf erstarrte, und selbst die Vögel hörten auf zu singen. Überwältigt von den furchteinflößenden Vorgängen zog sich Nalas Herz zusammen. Rosalie, die normalerweise stets einen Scherz auf den Lippen hatte, blieb stumm. Sogar Tendo legte den Kopf schief und hielt seinen Schnabel. Alle warteten ab. Nur ihr Atem und das gespenstische Wispern und Zischen waren zu vernehmen. Eine gefühlte Ewigkeit lang wagte es niemand, sich zu bewegen. Irrlichter tanzten durch die Luft und verformten die Baumrinden zu seltsamen Wesen. Atemlos sahen sie zu und ließen sich von ihrer Angst lähmen.

„Plumps! Raschel!“ Das rotbraune Eichhörnchen sprang los und fegte mit erhobenem Schwanz durch die Blätter. Es hüpfte di- rekt auf eine Gestalt zu, die niemand von ihnen zuvor bemerkt hat- te. Da stand wie angewurzelt eine ältere Frau mit weißem, gezopf- tem Haarkranz. Sie trug Bergschuhe und eine blaue Schürze, die mit Edelweißblüten bestickt war. Auf ihrem gebeugten Arm hing ein Korb, gefüllt mit Kräutern und Pilzen. In der anderen Hand hielt sie einen Holzstock, mit allerlei Federn und seltsamen Amuletten geschmückt. Ihr freundliches, faltiges Gesicht und die leuchtenden, blauen Augen blickten den Mädchen erwartungsvoll entgegen.

„Habt ihr euch also doch getraut!“ Mit diesem Satz begrüßte sie die jungen Medizinlehrlinge. „Ich warte schon eine ganze Weile. Die meisten Wanderer sind umgekehrt. Sie fürchten sich zu sehr, um durch das Tor zu treten. Das tapfere Pferd hat euch hierher geführt, nicht?“ Dem Eichhörnchen, das sich flugs in den Korb gesetzt hatte, strich sie sanft übers Fell. „Fini, lass die Schwammerl in Ruhe! Du kannst dir deine Nüsse selber sammeln“, sagte sie streng, aber lie- bevoll. Die Kräuterfrau setzte sich auf einen abgeschnittenen Baum- stumpf und seufzte ein wenig. „Nun, was sucht ihr denn hier?“

Nala nahm all ihren Mut zusammen. „Wir suchen einen magi- schen Ort. Wahrscheinlich ist es ein Steinkreis. Wissen Sie, wo es so etwas gibt?“

„Ich bin die Griseldis und kenn‘ mich aus in der Gegend, sagt man jedenfalls.“

Rosalie konnte sich nicht mehr zurückhalten und platzte mit ihrem Anliegen heraus: „Wir müssen unbedingt unsere Lehrerin Blaue Feder finden und Wolfsherz und die Mustangs und vielleicht ist ja auch Emanuel im Steinkreis und...“, irgendwann ging ihr bei dem langen Satz die Luft aus.

Tendo schwebte auf Nalas Schulter und setze sich. Griseldis hob ihren Blick und ließ ihn über Nala und ihr Schutztier gleiten. Fini, das Eichhörnchen hüpfte aus seinem Korb. Mit anmutigen Bewe- gungen sprang es zwischen den Ohren des erstaunten Gandalf hin- durch und kletterte durch die Mähne nach hinten zu Rosalie. Sie sahen fast aus wie die Bremer Stadtmusikanten: ein Pferd, darauf zwei Mädchen, eins mit einem Rabenvogel auf der Schulter, eins mit einem Eichhörnchen.

Bei diesem Anblick schmunzelte die Frau und stellte fest: „Ster- nenträumerin und Feuerwolf, dann seid ihr es also wirklich. Die Prophezeiung ist wahr!“

„Gehörst du zur geheimen Medizingesellschaft der Zopfmen- schen?“, fragte Nala wissbegierig.

„Ja, deshalb weiß ich von euch. Ich bin eine Hagazussa, eine Zaunreiterin. Hier in den Alpen nennt man uns meist Hexen. Ich sitze also am HAAG, das ist ein ursprüngliches, fast vergessenes Wort für Zaun. Hier sieht man nicht nur eine Seite der Welt. Sich vorzustellen, es gibt eine einzige Wahrheit, ist eine Falle. Wie ihr

wisst, gehören nicht nur Schamanen zur Gruppe. Hexen sind Heil- kundige, die sich mit Pflanzenmedizin und allerlei anderem Zauber auskennen. Wir Zopfmenschen sind Bewahrer von altem Wissen aus verschiedenen Traditionen auf dem ganzen Planeten und haben seit langer Zeit erkannt, dass es keine bessere oder schlechtere Kultur gibt. Es geht uns um die Heilung von Menschen, Tieren und Pflan- zen auf dieser Erde. Blaue Feder ist mit Tiermedizin vertraut und versteht deren Sprache. Sie liest Gedanken und kennt unsere Fragen, bevor uns selbst klar ist, was wir wissen wollen. Meine Medizin ist die Kräuterkunde. Ich kenne die Heilkraft der Pflanzen. Heute habe ich, außer den Pilzen, zum Beispiel Arnika, Beinwell und Johan- niskraut bei mir. Jeder und jede Einzelne der Zopfmenschen trägt mit speziellen Fähigkeiten dazu bei, dass wir glücklicher und weiser werden. Wir lehren Respekt vor allem, was lebendig ist. Ein tiefes Verständnis vom Träumen und Heilen erreichen wir nur, wenn wir voneinander lernen. Die Jungen von den Alten und umgekehrt, die Alten von den Jungen. Deshalb, seid willkommen!“

Rosalie und Nala waren still geworden. Die Worte der Hagazus- sa Griseldis erinnerten sie an die tiefe Verbundenheit und die innere Ruhe, wie sie im Steinkreis zu spüren war. Auch in innigen Momen- ten der Verbindung mit den Pferden gab es diese Art von Einssein. Iyuptala (ee-yoo-P’TAH-lah), so nannte es das Volk der Lakota. Das hatte sie Blaue Feder gelehrt. Es gehörte zum größten Glück, dass man diese intensiven Augenblicke der Stille empfinden konnte. Nichts anderes war mehr wichtig, wenn das Gefühl von Einssein entstand.

„Dann gehen wir doch gleich zum Steinkreis, los?“ Nala dräng- te zum Aufbruch.

Griseldis blickte sie ruhig an, lächelte und fragte: „Die wispern- den und zischenden Schatten und Irrlichter hast du aber schon be- merkt, oder?“

Das Mädchen nickte.

Die alte Zauberin fuhr fort: „Wie jeder magische Ort ist dieser Steinkreis in Tirol einzigartig. Rosalie hat im Sommer den richti- gen Zeitpunkt abwarten müssen, um einzutreten. Damals war der Vollmond notwendig dafür, dass sich für Feuerwolf das Portal in die Anderswelt geöffnet hat. Es gibt verschiedene Tore und ihre Hüter, um einen heiligen Ort zu bewachen. Hier existieren Hüterinnen des Raumes und der Zeit. Zu mir, in diesen Raum, seid ihr durch das Tor des Sprunges gekommen. Die Spiegelungen der Ängste, das sind die Schatten und Irrlichter, verschwinden, sobald die Zeit reif ist.“

7 Eichhörnchen

An diesem Abend lümmelten die beiden Hexenschwestern bequem auf dem breiten Himmelbett in ihrem gemeinsamen Zimmer.

„Außer deinen Stiften und Zeichenblöcken hast du doch wohl auch das Buch mitgebracht?“, fragte Rosalie.

„Ich hab jede Menge Bücher dabei.“ Nala wusste genau, welches geheimnisvolle Nachschlagewerk ihre Freundin meinte und zwin- kerte ihr zu.

„Was frag ich auch so blöd?“ Feuerwolf knuffte ihrer Medizin- schwester in den Arm.

„Ich ahnte gar nicht, dass du derart romantisch bist“, feixte Nala und zeigte auf den weichen Stoff des Baldachins, der sich über das Bett spannte.

„Als kleines Mädchen habe ich mir gewünscht, dass ein Ster- nendach meinen Schlaf bewacht, und ich finde das immer noch ge- nial. Damals hat mir Papa dieses tolle Himmelbett gebaut. Ich war so glücklich. Heute bin ich natürlich viiiiel cooler“, erklärte Rosalie.

„Jetzt sehe ich sie auch, die winzigen, silbernen Sterne auf dem Himmelszelt, zu denen du vor dem Einschlafen hinaufschaust“, be- merkte Sternenträumerin.

„Normalerweise ist das eher dein Ding, oder?“, zog die tempe- ramentvolle Rosalie ihre Freundin auf. „Aber genauso wie du, habe

auch ich eine träumerische Seite. Deine wilde und entschlossene Kraft hat sich erst vor Kurzem in Südfrankreich entwickelt. Sonst würden wir uns vielleicht gar nicht so gut verstehen. Und jetzt her mit dem roten Buch!“, forderte die rothaarige Hexenschwester.

Nala zog endlich das alte Werk aus ihrem Rucksack. In den Sommerferien hatten sie darin gelesen und wie von Zauberhand wa- ren ihre Medizinnamen, als Widmung auf der ersten, leeren Seite erschienen. Seither gehörte ihnen das mysteriöse Buch gemeinsam. Das hatten sie jedenfalls beschlossen. Sternenträumerin und Feuer- wolf lehnten sich zurück und widmeten sich genüsslich der Lektüre.

Krafttiere

und ihre Bedeutung in der Mythologie

Das Eichhörnchen

In der nordischen Mythologie lebt das rote Eichhörnchen Ratatöskr in den Zweigen des Welten- baums Yggdrasil. Es hat die Fähigkeit, zwischen den ver-

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